Es ist: 22-11-2019, 07:03
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Die Federn des Windes - 8
Beitrag #1 |

Die Federn des Windes - 8
Die Federn des Windes
Teil 0/25-Teil 1/25-Teil 2/25-Teil 3/25-Teil 4/25-Teil 5/25-Teil 6/25-Teil 7/25-Teil 8/25-Teil 9/25-Teil 10/25-Teil 11/25

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8
1993

Die Hufe seines Pferdes klapperten hohl auf dem Beton des Bahnübergangs. Er ritt langsam, um die Beine des Rappwallachs zu schonen und riskierte einen kurzen Blick auf die in der Ferne entschwindenden Gleise und die Schatten, die sie umgaben. Hinter den Bahnschienen gibt es eine Abzweigung in den Wald hinein. Da beginnt der Forstweg, da können wir ein bisschen traben. Und kühler ist es dort auch.

Mit einem Seufzen rückte er seine Reitkappe zurecht und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Pferd warf den Kopf hoch, als seine Schritte auf Asphalt trafen, schnaubend versprühte es Schaum auf die Straße.
„Ruuhig, Morning“, murmelte der Reiter, drehte die Hände in halben Paraden leicht ein und lenkte das Tier schließlich nach links, in den Wald hinein. Die Wirkung der sie umgebenen Bäume war beinahe sofort zu spüren und Pferd und Reiter entspannten sich. Der Weg vor ihnen war voller Steine und Wurzeln, die aus dem Sand lugten. Der Wallach streckte den Hals, als sein Reiter ihm die Zügel hingab, kaute genüsslich auf dem Gebiss und schlenderte durch das Halbdunkel. Ein paar Mal verließ er den Weg, reckte den Hals, um einen halb vertrockneten Grashalm vom Rand abzuzupfen, auch wenn das Unterfangen beinahe aussichtslos war. Doch das Pferd spürte, dass sein Reiter nicht so aufmerksam war wie sonst, spürte, dass seine ungewöhnlich lockere Hand nicht gewollt war, sondern von seiner Gedankenverlorenheit herrührte; warum sollte dann ein Versuch von vorneherein sinnlos sein? Der Rappe berührte mit den Lippen die Spitzen eines Strauches am Wegesrand. Verwundert schnaubte er, als er einen sanften blauen Schimmer auf dem Dunkelgrün wahrnahm, schnaubte und schüttelte dann den Kopf, sodass seine Mähne nur so flog. Die unerwartete Bewegung rief seinen Reiter auf den Plan, der die Zügel wieder aufnahm und mit tiefer Stimme auf ihn einredete.
„Ruhig, Morning, oder hat dich der Strauch gebissen?“ Tim setzte sich im Sattel zurecht und musterte dann seine Umgebung, suchte sie mit den Augen auf Giftpflanzen in der Nähe ab, einfach aus purer Gewohnheit. Er fand nichts, nichts bis auf etwas, das er als reine Täuschung abtat. Über den Sträuchern am Wegesrand schien ein feines blaues Netz zu liegen wie Spinnweben, doch wenn er sich nach vorne beugte, konnte er sehen, dass dort nichts war. Nur die Blätter raschelten unschuldig im sanften Wind. Blaue Netze … So wie damals. Er schob die Gedanken beiseite, als er erkannte, in welche Richtung sie ausbrechen wollten, ließ seinen Blick über den Waldweg schweifen, streifte die gespitzten Ohren des Pferdes und blieb dann über sich an dem hellen Streifen des Himmels hängen. Über ihm kreiste ein Falke. Er erkannte ihn als ein Weibchen, oft genug hatte er sich in Büchern über diese Vögel informiert und in der freien Natur bei Gelegenheit ihr Verhalten beobachtet. Nie hatte er das mit mehr Ehrgeiz betrieben, als er seinen anderen Hobbys nachging – er war ihnen nur gefolgt, wenn das Wetter gut war, wenn er sowieso schon unterwegs war und wenn eine Beobachtung ihn nicht dazu zwang, bequeme Wege zu verlassen. In Momenten wie diesem also, wenn gerade nichts anderes seine Aufmerksamkeit beanspruchte.
Aber was macht er da? Zunächst erstaunt, dann verwirrt und schließlich mit wachsendem Entsetzen verfolgte Tim, wie der Falke über ihm zum Sturzflug ansetzte, sah ihn für Bruchteile einer Sekunde fallen, duckte sich unter einem federstiebenden Etwas hinweg und hörte den Aufprall. Morning scheute und brach seitlich aus, riss ihm die Zügel aus der Hand, während er in halsbrecherischem Tempo über kaum erkennbare Wildpfade preschte. Tim hatte keine Zeit, viele Gedanken an den Falken und sein todbringendes Verhalten zu verschwenden, da er wusste, wie gefährlich ein Spurt durch unbekanntes Gelände werden konnte. Verbissen hing er in den Zügeln und suchte nach einer Stelle, an der er sein Pferd einfangen konnte. Doch rings um sie herum flog nur dichter Wald vorbei, eine Mauer aus Baumstämmen.
Abrupt blieb Morning stehen und Tim rutschte über den Hals seines Wallachs aus dem Sattel.

Ein Asphaltplatz in der prallen Mittagssonne.
Sie steht vor ihm, eine Strähne ihres rotblonden Haars hat sich aus ihrem Zopf gelöst und tanzt nun in ihrem Gesicht herum. Doch sie hat keinen Blick dafür, ihre Augen funkeln ihn zornig an, die Lippen sind weiß vor Wut. Sie stößt ihn zurück, er taumelt, fühlt die Blicke der Anderen auf sich, spürt den Schulhof im Rücken vor Neugierde brennen.
„Ich habe es dir schon einmal gesagt, Tim. Aber offenbar bist du ein solcher Hohlkopf, dass du es beim ersten Mal nicht verstehst. Was ist denn an ‚Hau ab‘ so unklar?“ Ihre Stimme ist kalt und fest, angehaucht mit einem spöttischen Unterton.
Er grinst, sein Gesicht überzieht ein hochmütiger Ausdruck.
„Die Wortkombination?“, schlägt er frech vor. Er findet Gefallen an dem Spiel, je länger es dauert. Irgendwann würde sie sich nicht mehr sträuben, da ist er sich sicher. Zu sicher.
Ihr Blick wird eisig, lässt ihn für einen Moment erstarren, dann zuckt er zurück, als hätte er sich verbrannt. Blaue Linien spritzen auf, erstrecken sich von dort, wo ihn ihre Hand getroffen hat, zu ihren Fingern, winden sich um ihren erhobenen Arm und bohren sich tief in ihre Augen. Für einen Moment ist seine Welt voller Stille, voller Staunen und erfüllt von einer Erkenntnis, die er nicht in Worte fassen kann. Sie, er und die blauen Linien. Etwas, das sie verbindet. Im nächsten Augenblick bricht das Inferno über ihn hinein, braust als Lachen über ihn hinweg und mit zusammengebissenen Zähnen stolpert er davon. Nie hätte er gedacht, dass sich sein Selbstwertgefühl durch eine simple Ohrfeige zerschmettern ließe.

Eine Lichtung in einer Gewitternacht.
Ein Mann, eine Frau und ein Mädchen, vereint durch blaue Linien und die Spannung, die in der Luft knistert. Irgendwoher weiß er, was geschehen wird, aus irgendeinem Grund will er die Frau und das Mädchen beschützen, will schreien, doch er ist stumm.
‚Du kannst ihnen nicht helfen.‘ Die Stimme ist voller Trauer, neu, aber doch bekannt.
‚Wer bist du?‘ Er hat seine Stimme wieder, doch sie geht unter im Donnern und im Brausen der Linien.
‚Du. Ich. Eins.‘
Ein Krachen und eine Explosion, dann verschwindet die Lichtung im Nichts.


Wie? Etwas zögerlich setzte sich Tim auf und sah sich um. Er war von seinem Pferd gefallen, daran erinnerte er sich noch, und dann … Ich muss bewusstlos gewesen sein. Das, was ich gesehen habe … Das ist lange vorbei. Oder kompletter Blödsinn. Nichts Wichtiges jedenfalls. Und wo ist eigentlich Morning?
Morning hatte sich nicht weit entfernt und rupfte am Fuße eines Felsen Gras, was Tim den Kopf schütteln ließ. Ganz toll, dann würde er wieder angesabberte grüne Stängel aus der Trense sammeln können, wenn er nicht ihre volle Wirkungskraft einbüßen wollte. Ich hasse es, wenn er das macht. Würde mich aber nicht wundern, wenn er es genau deswegen immer wieder tut. Nun ja. Wir sollten zurückreiten, mal sehen, ob wir den Weg noch finden. Verdammt!
Tim fluchte. Warum musste sein Pferd ihn immer in Gegenden bringen, in denen er noch nie zuvor war? Wäre er bloß nicht so unaufmerksam gewesen …
Gegen diesen Falken konnte ich nichts machen, rechtfertigte er sich vor sich selbst, in einem Anflug, seine aufkommende Wut auf sich selbst zu dämpfen. Er stürzte einfach hinab, als ob – als ob er Selbstmord begehen wollte. Aber kann das sein? Immerhin war das ein Tier. Und Tiere sind doch nicht fähig, Selbstmord zu begehen. Er war wohl einfach krank, oder er hatte sich überschätzt.
„Morning!“, rief er nach seinem Pferd, das den Kopf hob und die Ohren spitzte, nur um dann noch eifriger Gras auszurupfen. Er seufzte.
„Komm schon, du verfressenes Biest. Du hast mich doch auch nur abgeworfen, damit du dich hier in Ruhe an dem Gras gütlich tun kannst, oder?“, murmelte er und griff dann nach den Zügeln – gerade noch rechtzeitig, um Morning am Verspeisen eines glitzernden Gegenstandes zu hindern, der ihm sonst niemals aufgefallen wäre. Tim bückte sich und hob stirnrunzelnd eine Armbanduhr auf, betrachtete das zersplitterte Glas über dem Ziffernblatt und sah unwillkürlich an dem Felsen hinauf, unter dem er stand. Woher war diese Uhr gekommen? Und warum sah er schon wieder ein seltsames blaues Funkeln in den Splittern des Deckglases?
Morning hatte inzwischen eine weitere lohnende Futterstelle entdeckt und wanderte unbekümmert den Wildpfad entlang, bis er schnaubend stehenblieb. Durch das Zupfen am Zügel wieder aufmerksam geworden, folgte Tim seinem Pferd um das raue Gestein herum und erstarrte.
Am Fuß des Felsen lag zusammengekrümmt die Gestalt eines rotblonden Mädchens.


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Beitrag #2 |

RE: Die Federn des Windes - 8
Hallo Eselfine,

da du bisher so schnell mit den Antworten herkommst, geht es heute mal weiter Mrgreen

Kapitel 8, 1993, Tim rückt in den Vordergrund. In den ersten Kapiteln wirkte er wie eine Nebenfigur, Ehemann und Vater, Ende Aus. Was wissen wir mittlerweile über ihn? Er nimmt doch eine tragendere Rolle ein, begegnet der Magie - den blauen Linien - schon sehr lange ... und avanciert langsam zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung. In diesem Kapitel stellst du ihn nachdenklich und in sich gekehrt vor, er reitet aus, schweift ab, sieht einen Falken im Sturzflug. Das Pferd dreht durch und er landet schließlich auf dem Boden. Zwei Erinnerungen oder Tagträume folgen, nein wahrscheinlich eher: Visionen. Wir sind im Jahr 1993, da wird er wohl in die Zukunft blicken, denn die Geschichte fängt ein Jahr zuvor erst an.
Was mir nicht klar ist, ist sein Alter: Anna ist 1993 15. Viel älter wird er wahrscheinlich nicht sein. So jugendlich wirkt er auf mich aber nicht, ohne dass ich jetzt einen konkreten Grund dafür benennen könnte.

Ab Tims Sturz und den beiden kursiven Passagen gefällt mir die Geschichte richtig gut. Davor erzählst du für meinen Geschmack etwas zu langsam. Das mag zT auch an mir liegen (in Büchern überlese ich Passagen, in denen jemand rumläuft und sonst nichts passiert, auch immer), vllt kannst du das Erzähltempo hier aber auch ein bisschen anziehen, schneller zu der Stelle kommen, als etwas passiert. Zum Teil kannst du Informationen auch einfach ein bisschen zusammenfassen oder präziser schreiben, ohne dass es dadurch kurzatmig wird.
Ich mache das eigentlich nie, aber ich gehe die erste Hälfte jetzt mal Stück für Stück durch und mache Vorschläge, wo du etwas Platz sparen könntest:
Zitat:Mit einem Seufzen rückte er seine Reitkappe zurecht und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Pferd warf den Kopf hoch, als seine Schritte auf Asphalt trafen, schnaubend versprühte es Schaum auf die Straße.
Einzig relevant ist der unterstrichene Teil: Das Pferd ist unruhig auf dem Asphalt. Vorschlag: Streiche die Passage hier und beginne den Absatz mit:
"Ruuhig, Morning", murmelte der Reiter, als das Pferd schnaubend Schaum auf die Straße versprühte. Dann drehte er die Hände in halben Paraden leicht ein ...
Zitat:Die Wirkung der sie umgebenen Bäume war beinahe sofort zu spüren und Pferd und Reiter entspannten sich.
Wäre "Beinahe sofort entspannten sich Pferd und Reiter" zu knapp?
Zitat:Der Wallach streckte den Hals, als sein Reiter ihm die Zügel hingab, kaute genüsslich auf dem Gebiss und schlenderte durch das Halbdunkel. Ein paar Mal verließ er den Weg, reckte den Hals, um einen halb vertrockneten Grashalm vom Rand abzuzupfen, auch wenn das Unterfangen beinahe aussichtslos war. Doch das Pferd spürte, dass sein Reiter nicht so aufmerksam war wie sonst, spürte, dass seine ungewöhnlich lockere Hand nicht gewollt war, sondern von seiner Gedankenverlorenheit herrührte; warum sollte dann ein Versuch von vorneherein sinnlos sein?
Was hier passiert: Das Pferd folgt seinem Freiheitstrieb und merkt, dass Tim nicht ganz bei der Sache ist.
Ich kenne mich mit Pferden nicht aus, aber meinst du wirklich, er verlässt den Weg? Nicht eher, dass er an den Wegrand geht und kurz stehen bleibt?
Und warum ist es beinahe aussichtlos, einen Grashalm vom Rand abzuzupfen?
Hm, als nächstes berührt der Rappe die Spitzen eines Strauches am Wegesrand. Vllt könntest du weglassen, dass das Pferd den Weg verlässt, also in etwa so:

Der Wallach streckte den Hals, als sein Reiter ihm die Zügel hingab, kaute genüsslich auf dem Gebiss und schlenderte durch das Halbdunkel. Das Pferd spürte, dass sein Reiter nicht so aufmerksam war wie sonst, spürte, dass seine ungewöhnlich lockere Hand nicht gewollt war, sondern von seiner Gedankenverlorenheit herrührte; warum sollte dann ein Versuch von vorneherein sinnlos sein? Der Rappe berührte mit den Lippen die Spitzen eines Strauches am Wegesrand.

Zitat:Stimme auf ihn einredete. [HIER]
„Ruhig, Morning , oder hat dich der Strauch gebissen?“
Da würde ich einen Absatz einfügen, denn du wechselst von der Pferdeperspektive zu Tim.
Zitat:Tim setzte sich im Sattel zurecht und musterte dann seine Umgebung, suchte sie mit den Augen aufnach Giftpflanzen in der Nähe ab, einfach aus purer Gewohnheit.
Dass Tim sich wieder konzentriert, wieder aufpasst, zeigst du schon vorher, als er die Zügel wieder in die Hand nimmt. "in der Nähe" kannst du streichen, denn es ist gleichbedeutend mit "in seiner Umgebung", auf das Füllwort "einfach" kannst du hier ebenfalls verzichten
Zitat:Er fand nichts, nichts bis auf etwas, das er als reine Täuschung abtat. Über den Sträuchern am Wegesrand schien ein feines blaues Netz zu liegen wie Spinnweben, doch wenn er sich nach vorne beugte, konnte er sehen, dass dort nichts war. Nur die Blätter raschelten unschuldig im sanften Wind.
Show, don't tell Icon_smile
Den ersten Satz kannst du streichen, denn im Anschluss zeigst du mir genau das: Er sieht etwas, aber hält es für eine Täuschung.
Zitat:Er schob die Gedanken beiseite, als er erkannte, in welche Richtung sie ausbrechen wollten, ließ seinen Blick über den Waldweg schweifen, streifte die gespitzten Ohren des Pferdes und blieb dann über sich an dem hellen Streifen des Himmels hängen.
Diesen Satz würde ich trennen - in zwei, wenn nicht sogar drei.
1.) Er schob die Gedanken beiseite, als er erkannte, in welche Richtung sie ausbrechen wollten.
2.) Sein Blick schweifte über den Waldweg nach oben und blieb dann über sich ...
Ist es wichtig, dass der Blick über die gespitzten Ohren geht? Wenn ja, würde ich den Wechsel der Blickrichtung noch kurz einbringen, denn ein Schweifen über den Waldweg klingt für mich, als würde er (vom Pferd) nach unten schauen. So ein Blick endet dann ja auch nicht direkt vor sich bei den Pferdeohren. Du willst sicher zeigen, dass das Pferd auch auf der Hut ist. Dennoch würde ich den Fokus hier bei Tim lassen.
Zitat:Er erkannte ihn als ein Weibchen, oft genug hatte er sich in Büchern über diese Vögel informiert und in der freien Natur bei Gelegenheit ihr Verhalten beobachtet. Nie hatte er das mit mehr Ehrgeiz betrieben, als er seinen anderen Hobbys nachging – er war ihnen nur gefolgt, wenn das Wetter gut war, wenn er sowieso schon unterwegs war und wenn eine Beobachtung ihn nicht dazu zwang, bequeme Wege zu verlassen. In Momenten wie diesem also, wenn gerade nichts anderes seine Aufmerksamkeit beanspruchte.
Diese Information wirkt für mich so dahin geklatscht. Warum interessiert er sich für Falken? Denkt er dann nicht irgendetwas Konkretes? Und seien es nur die Anzeichen, woran er den Vogel als Weibchen erkennt.
Du erklärst Tim hier zu viel, lass ihn lieber aktiv werden, etwas tun. Hier zum Beispiel: Den Falken beobachten, das Pferd drehen, ihm konzentriert ein Stück folgen ... Oder hat er vllt schon andere Falken im Wald beobachtet bei früheren Ausritten? Vllt weiß er, wo sie ihre Nester bauen, vllt ist gerade die Zeit, in der sie Junge haben. Füttere diese Stelle mit Informationen, die uns Tim wirklich näher bringen. Mehr: Was genau hat er erlebt, weniger: das und das sind seine Hobbys. Icon_smile
Zitat:Aber was macht er da?
"sie" Icon_smile
Zitat:Morning scheute und brach seitlich aus, riss ihm die Zügel aus der Hand, während er in halsbrecherischem Tempo über kaum erkennbare Wildpfade preschte.
Ich wundere mich, dass er nicht vom Pferd fällt.
Zitat:Verbissen hing er in den Zügeln und suchte nach einer Stelle, an der er sein Pferd einfangen konnte.
Ich dachte, Morning hat ihm Zügel aus der Hand gerissen?
Zitat:Abrupt blieb Morning stehen und Tim rutschte über den Hals seines Wallachs aus dem Sattel.
rutschte? Nicht eher: flog?

Ab hier gutes Tempo, ich höre also mal mit dem Sezieren auf Icon_wink

Erinnerung 1: Mädchen mit rotblondem Haar. Das Mädchen vom Ende? Alles in mir ruft: Anna. Anna, die ihn ablehnt. Oder doch noch eine ganz andere Figur. Die Verbindung über die blauen Linien lenkt zumindest jeden Verdacht zu Anna.
Erinnerung 2: Drei Menschen auf einer Lichtung, eine Stimme, vllt kennen wir die Stimme schon - neu, aber doch bekannt. Die Linien brausen, Höhepunkt? Warten auf den Untergang.

Dann wacht er auf, kommt zu sich, Gedanken wieder mehr beim Pferd als bei seinen Erinnerungen. Da hätte ich mir etwas mehr Reflexion, etwas mehr Erklärung gewünscht - und sei es die Erklärung, die er selbst gibt. Und etwas weniger Sorge um angesabberte grüne Stängel in der Trense. Ist das hier wirklich so wichtig?
Tim schwankt für mich insgesamt zu sehr zwischen einem Jungen, der zufällig in ein Abenteuer gerät - und jemandem, der versteht, was um ihn herum geschieht. Denn wenn er es nicht verstehen würde, müsste er sich nicht viel mehr fragen, viel mehr nach Erklärungen suchen. Für die blauen Linien, für den Sturz des Falken, ... Müsste er nicht kurz erleichtert sein, dass ihm nichts passiert ist? immerhin ist er in vollem Galopp vom Pferd geflogen ...

Zitat:Warum musste sein Pferd ihn immer in Gegenden bringen, in denen er noch nie zuvor war?
"nie zuvor gewesen war"
Zitat:Am Fuß des Felsen lag zusammengekrümmt die Gestalt eines rotblonden Mädchens.
"des Felsens"
Und dann - wenn es spannend wird - endet das Kapitel.

Vllt werde ich auch nur deswegen nicht ganz warm mit diesem Abschnitt, weil er ohne Geschehnisse auskommt. Der Falke stürzt zu Boden und am Ende taucht ein Mädchen auf. Was ist mit diesem Mädchen, was passiert als nächstes? Deine Geschichte lebt von ihren Andeutungen, davon, dass sich erst allmählich alles zusammenfügt wie ein Puzzle. Aber hier habe ich den Eindruck, du meidest die - für mich - interessanten Stellen, die neuen Begegnungen, die Konfrontationen - und deutest stattdessen ganze Handlungsstränge nur an. Von dieser Mischung aus Andeutungen und Ahnungen kann eine Geschichte auch leben. Ich bin da wahrscheinlich einfach eine ungeduldige Leserin.

Liebe Grüße
Libertine

... und von den wundersamsten Wegen bleibt uns der Staub nur an den Schuhen. (Dota Kehr)
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Beitrag #3 |

RE: Die Federn des Windes - 8
Hallo Libbi,

eines Tages kommen die Antworten doch Icon_wink

(09-09-2015, 14:44)Libertine schrieb:
Zitat:Kapitel 8, 1993, Tim rückt in den Vordergrund. In den ersten Kapiteln wirkte er wie eine Nebenfigur, Ehemann und Vater, Ende Aus. Was wissen wir mittlerweile über ihn? Er nimmt doch eine tragendere Rolle ein, begegnet der Magie - den blauen Linien - schon sehr lange ... und avanciert langsam zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung.
Fun Fact: Eigentlich war auch nichts anderes für ihn geplant, aber irgendwie hat er beschlossen, wichtig zu sein.

Zitat:Was mir nicht klar ist, ist sein Alter: Anna ist 1993 15. Viel älter wird er wahrscheinlich nicht sein. So jugendlich wirkt er auf mich aber nicht, ohne dass ich jetzt einen konkreten Grund dafür benennen könnte.
Er ist 16. Ich weiß auch immer nicht so recht, wie sich das mit jugendlichen Gedankengängen verhält, ich gehe da immer stark von mir aus. Ist vielleicht nicht die beste Methode, aber ich wage zu behaupten, dass die erste Fassung dieses Kapitels (und damit der ersten Hälfte, an der ich kaum noch etwas geändert habe) entstanden ist, als ich selbst so 16/17 war (das klingt grad so, als wäre das ewig her. Ist es aber nicht ...), sicher ist das aber nicht.

Die Anmerkungen zur Verkürzung lasse ich mir durch den Kopf gehen, ich gehe hier nicht auf jede einzeln ein.

Zitat:
Zitat:Der Wallach streckte den Hals, als sein Reiter ihm die Zügel hingab, kaute genüsslich auf dem Gebiss und schlenderte durch das Halbdunkel. Ein paar Mal verließ er den Weg, reckte den Hals, um einen halb vertrockneten Grashalm vom Rand abzuzupfen, auch wenn das Unterfangen beinahe aussichtslos war. Doch das Pferd spürte, dass sein Reiter nicht so aufmerksam war wie sonst, spürte, dass seine ungewöhnlich lockere Hand nicht gewollt war, sondern von seiner Gedankenverlorenheit herrührte; warum sollte dann ein Versuch von vorneherein sinnlos sein?
Was hier passiert: Das Pferd folgt seinem Freiheitstrieb und merkt, dass Tim nicht ganz bei der Sache ist.
Ich kenne mich mit Pferden nicht aus, aber meinst du wirklich, er verlässt den Weg? Nicht eher, dass er an den Wegrand geht und kurz stehen bleibt?
Und warum ist es beinahe aussichtlos, einen Grashalm vom Rand abzuzupfen?
wallbash
Das ist so ziemlich genau das, was ich beschreiben wollte.
Normalerweise passt Tim ja auf. Waldwege sind bei Ausritten insofern kritisch, das ein Pferd schon mal an dem einen oder anderen Busch nagt oder das eine odere andere Kraut mitgehen lässt, darunter aber Giftpflanzen sein könnten. Lässt man das Pferd am langen Zügel laufen, ist immer Vorsicht geboten, deshalb sollte der Reiter aufmerksam bei der Sache sein. (Sowieso, es könnten ja Kaninchen aufspringen oder Falken vom Himmel fallen oder so ...)

Zitat:[quote]Er schob die Gedanken beiseite, als er erkannte, in welche Richtung sie ausbrechen wollten, ließ seinen Blick über den Waldweg schweifen, streifte die gespitzten Ohren des Pferdes und blieb dann über sich an dem hellen Streifen des Himmels hängen.
Diesen Satz würde ich trennen - in zwei, wenn nicht sogar drei.
1.) Er schob die Gedanken beiseite, als er erkannte, in welche Richtung sie ausbrechen wollten.
2.) Sein Blick schweifte über den Waldweg nach oben und blieb dann über sich ...
Ist es wichtig, dass der Blick über die gespitzten Ohren geht? Wenn ja, würde ich den Wechsel der Blickrichtung noch kurz einbringen, denn ein Schweifen über den Waldweg klingt für mich, als würde er (vom Pferd) nach unten schauen. So ein Blick endet dann ja auch nicht direkt vor sich bei den Pferdeohren. Du willst sicher zeigen, dass das Pferd auch auf der Hut ist. Dennoch würde ich den Fokus hier bei Tim lassen.
Hm. Eigentlich ging es mir darum, dass die Ohren in seinem Blickfeld sind, wenn er den Waldweg absucht, aber wirklich wichtig ist es tatsächlich nicht Icon_wink

Zitat:
Zitat:Er erkannte ihn als ein Weibchen, oft genug hatte er sich in Büchern über diese Vögel informiert und in der freien Natur bei Gelegenheit ihr Verhalten beobachtet. Nie hatte er das mit mehr Ehrgeiz betrieben, als er seinen anderen Hobbys nachging – er war ihnen nur gefolgt, wenn das Wetter gut war, wenn er sowieso schon unterwegs war und wenn eine Beobachtung ihn nicht dazu zwang, bequeme Wege zu verlassen. In Momenten wie diesem also, wenn gerade nichts anderes seine Aufmerksamkeit beanspruchte.
Diese Information wirkt für mich so dahin geklatscht. Warum interessiert er sich für Falken? Denkt er dann nicht irgendetwas Konkretes? Und seien es nur die Anzeichen, woran er den Vogel als Weibchen erkennt.
Du erklärst Tim hier zu viel, lass ihn lieber aktiv werden, etwas tun. Hier zum Beispiel: Den Falken beobachten, das Pferd drehen, ihm konzentriert ein Stück folgen ... Oder hat er vllt schon andere Falken im Wald beobachtet bei früheren Ausritten? Vllt weiß er, wo sie ihre Nester bauen, vllt ist gerade die Zeit, in der sie Junge haben. Füttere diese Stelle mit Informationen, die uns Tim wirklich näher bringen. Mehr: Was genau hat er erlebt, weniger: das und das sind seine Hobbys.
Da wollte ich ihm wahrscheinlich nicht den Raum geben, den er verlangt Icon_wink Ich denke, ich werde ihm da noch ein bisschen Aktion zugestehen.

Zitat:
Zitat:Morning scheute und brach seitlich aus, riss ihm die Zügel aus der Hand, während er in halsbrecherischem Tempo über kaum erkennbare Wildpfade preschte.
Ich wundere mich, dass er nicht vom Pferd fällt.
Guter Reiter Icon_wink

Zitat:
Zitat:Verbissen hing er in den Zügeln und suchte nach einer Stelle, an der er sein Pferd einfangen konnte.
Ich dachte, Morning hat ihm Zügel aus der Hand gerissen?
Ja, irgendwie ... es kann sein, dass meine Pferdetage einfach zu weit zurückliegen, aber ich dachte, es fällt schon unter "Zügel aus der Hand gerissen", wenn er die Dinger im Prinzip nur noch in der Hand hält, grad so an einem Finger, aber keine Kontrolle mehr über das Pferd hat. Aber wahrscheinlich täusche ich mich da Icon_wink

Zitat:
Zitat:Abrupt blieb Morning stehen und Tim rutschte über den Hals seines Wallachs aus dem Sattel.
rutschte? Nicht eher: flog?
Ich mag diese Verb "fliegen" einfach nicht so, obwohl es schon eher zutrifft.

Zitat:Dann wacht er auf, kommt zu sich, Gedanken wieder mehr beim Pferd als bei seinen Erinnerungen. Da hätte ich mir etwas mehr Reflexion, etwas mehr Erklärung gewünscht - und sei es die Erklärung, die er selbst gibt. Und etwas weniger Sorge um angesabberte grüne Stängel in der Trense. Ist das hier wirklich so wichtig?
So als Ablenkung?

Zitat:Tim schwankt für mich insgesamt zu sehr zwischen einem Jungen, der zufällig in ein Abenteuer gerät - und jemandem, der versteht, was um ihn herum geschieht. Denn wenn er es nicht verstehen würde, müsste er sich nicht viel mehr fragen, viel mehr nach Erklärungen suchen. Für die blauen Linien, für den Sturz des Falken, ... Müsste er nicht kurz erleichtert sein, dass ihm nichts passiert ist? immerhin ist er in vollem Galopp vom Pferd geflogen ...
Seine Erklärung ist im Prinzip: "Das passiert alles gar nicht. Einfach nicht beachten." Kommt hier vielleicht nicht so rüber ...
Die Erleichterung werde ich noch mit einbringen.

Zitat:
Zitat:Am Fuß des Felsen lag zusammengekrümmt die Gestalt eines rotblonden Mädchens.
"des Felsens"
Und dann - wenn es spannend wird - endet das Kapitel.
Icon_ugly

Zitat:Vllt werde ich auch nur deswegen nicht ganz warm mit diesem Abschnitt, weil er ohne Geschehnisse auskommt. Der Falke stürzt zu Boden und am Ende taucht ein Mädchen auf. Was ist mit diesem Mädchen, was passiert als nächstes? Deine Geschichte lebt von ihren Andeutungen, davon, dass sich erst allmählich alles zusammenfügt wie ein Puzzle. Aber hier habe ich den Eindruck, du meidest die - für mich - interessanten Stellen, die neuen Begegnungen, die Konfrontationen - und deutest stattdessen ganze Handlungsstränge nur an. Von dieser Mischung aus Andeutungen und Ahnungen kann eine Geschichte auch leben. Ich bin da wahrscheinlich einfach eine ungeduldige Leserin.
Tatsächlich besteht das ganze Ding hauptsächlich aus Andeutungen und Ahnungen (wobei, am Ende wird es noch mal ein bisschen konkreter). Andere Sachen werden später noch mal aufgegriffen und dann hoffentlich etwas klarer.

Noch einmal ein riesiges Dankeschön für den Kommentar! Icon_bussi

Viele Grüße,
Eselfine


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