Es ist: 05-12-2020, 08:55
Es ist: 05-12-2020, 08:55 Hallo, Gast! (Registrieren)


Ein anstrengendes Wochenende
Beitrag #1 |

Ein anstrengendes Wochenende
Ein anstrengendes Wochenende.


Als sie zu rennen begann, wusste sie, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hatte. Genau genommen waren es sogar mehrere gewesen. Und jetzt blieb ihr lediglich das Prinzip Hoffnung, von dem sie nur zu gut wusste, dass es mehr als trügerisch war.
Wieso war sie eben in der S-Bahn so nachlässig gewesen? Ausgerechnet sie, die doch sonst immer über vorsichtig war. Er war in der Innenstadt eingestiegen, an derselben Station wie sie. Und bereits dort auf dem Bahnsteig hatte er sie angestarrt. In der Bahn hatte sie sich sehr weit nach vorne gesetzt, so dass sie den Fahrer in seiner verglasten Kabine sehen konnte. Das hatte ihr ein Gefühl von Sicherheit gegeben. Kein einziges Mal hatte sie sich umgedreht, aber sie spürte auch so, dass er noch da war. Sie konnte seine Blicke spüren und seine Gier riechen.
Aber was genau hätte sie tun können in jenen Minuten der Fahrt? Mit dem Handy eine Freundin anrufen oder irgendwen, der sie abholen könnte? Sie wohnte recht weit draußen und solch ein Ansinnen nur aufgrund einer gefühlten Bedrohung erschien ihr mehr als unverschämt. Den Fahrer verständigen? Aber was hätte sie ihm sagen sollen? Hallo, da sitzt ein Typ und starrt mich permanent an? Wie hysterisch klang das denn?
Als sie zur Tür ging und den Halteknopf drückte, blieb er sitzen. Aus dem Starren war jetzt ein Lächeln geworden. Ein sehr kaltes, und es lag ein Wissen darin, dass sie frösteln ließ. Der Blick durch die Bahn offenbarte, dass niemand sonst mit ihr ausstieg. Wie so oft in diesem Stadtteil, den man als reine Schlafstadt bezeichnen konnte. An der Stelle hätte sie tatsächlich inne halten können. Warum nicht eine Station weiter fahren, an der bestimmt einige andere Leute mit ihr aussteigen würden. Aber was dann? Sie musste ja sowieso zurück. Und sie war müde und abgekämpft nach der Arbeitswoche.
Keine Hysterie, Mädchen. Und dann war sie ausgestiegen. An der Treppe nach oben hörte sie Schritte hinter sich und musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass er ihr folgte. Ein Teil von ihr hatte das sowieso gewusst. Sie beschleunigte und nahm immer zwei Stufen auf einmal, was in ihren Stiefeln mit den hohen Absätzen gar nicht so einfach war. Hinter ihr seine Schritte. Er blieb auf Abstand, freilich ohne sie aus den Augen zu verlieren.
Oben ging sie über die Brücke der Gleise. Der Weg war hell erleuchtet. Licht war gut. Licht bedeutete Sicherheit. Und hinter ihr das Tapsen seiner Schuhe. Für einen Moment nur hatte sie überlegt, nach rechts abzubiegen. Hin zu dem großen Supermarkt, der doch bis vierundzwanzig Uhr geöffnet hatte. Aber was hätte es geändert? Er konnte ja draußen geduldig auf sie warten.
Also war sie nach links gegangen, dort wo die Dunkelheit wartete. Das war übertrieben, aber in dieser Straße, an dessen Ende sie wohnte, sparte die Stadt anscheinend mit Hingabe Strom. Die Straßenlaternen spendeten nur ein mattes Licht. Links die Häuser, rechts das Gebüsch und eine Brachfläche, die eigentlich schon seit Jahren bebaut werden sollte. Aber immer wieder hatte es dabei Verzögerungen gegeben – man sprach von einem verseuchten Boden und den enormen Kosten, die es erfordern würde, ihn abzutragen.
Für einen Moment hatte sie geglaubt, ihn nicht mehr zu hören. Sie blieb stehen, um sicher zu sein, aber genau in jener Sekunde erklangen seine Schritte erneut. Und sie begann, zu rennen.

Während sie das tat, tauchten Gedankenfetzen in ihrem Kopf auf. Sie sah ihren Vater vor sich. „Der Blitz schlägt nie zwei Mal in denselben Baum ein! Das ist ein Naturgesetz!“ Dann hatte er feierlich genickt, und sie hatte ihm geglaubt und diesen großen Mann geliebt, wie es nur kleine Mädchen tun können bis sie entdecken, dass der eigene Vater nur selten zum Vorbild und Idol taugt. Die Bäume waren ihr gerade herzlich egal. Der Typ rannte jetzt auch, und sie hatte das grauenhafte Gefühl, dass er aufholte. Warum nur hatte sie sich nicht in den Eingang des ersten Hauses geflüchtet und dort alle Klingelknöpfe gedrückt? Die meisten Menschen waren auf sich selbst konzentriert, aber irgendwer hätte doch sicher den Türöffner betätigt. Aber wäre das schnell genug gegangen, um ihm zu entkommen?
Egal. Diese Chance war vorbei, denn jetzt war sie bereits in dem Bereich der Straße, die sie für sich immer die gefährliche Zone nannte. Jetzt waren nämlich auch links keine Häuser mehr. Man hatte sie abgerissen, nachdem es vor zwei Jahren gebrannt hatte. Erst ganz da vorne stand noch eines. Dort wohnte sie. Aber dieser Rettungsanker schien sehr weit entfernt. Und er war wieder näher gekommen. Sie rannte schneller und verfluchte die hohen Absätze. Sie durfte nicht stolpern oder gar fallen. Noch gut hundert Meter bis zu ihrem Hauseingang.
Der Blitz bevorzugt unversehrte Bäume, aber wie war das mit Vergewaltigern? Sie hatte keine Erinnerungen mehr an jene Nacht vor über sechs Jahren, als sie ihm begegnet war. Eben war sie noch Tanzen gewesen, und alles war Spaß. Die blöde Tusse aus ihrer Klasse, die ausgerechnet dasselbe Top tragen musste wie sie war das Hauptproblem des Abends gewesen. Dann war er aus dem Gebüsch gekommen und hatte sie in dasselbe gezogen. Ein Messer glitzerte an ihrem Hals. Der Typ damals hatte kein Wort gesagt, und dann ein Seil hervorgezogen. Mit Schlinge. Bis heute hatte sie keine Erinnerung daran, was dann passiert war.
Hektisch kramte sie nach dem Schlüssel in ihrer Jackentasche. Fast wäre sie eben ausgerutscht auf dem nassen Boden mit dem Laub vom letzten Herbst. Ihr Körper protestierte gegen die ungewohnte Anstrengung und sie hörte ihr eigenes Keuchen. Und noch ein anderes. Er war hinter ihr. Nicht umdrehen, einfach weiter rennen und nicht den Schlüssel verlieren.
Nach fast zwei Wochen im Koma war sie danach in der Klinik aufgewacht. Sie erfuhr, dass er sie stranguliert und nur von ihr abgelassen hatte, weil er sie für tot hielt. Ihr Kehlkopf war fast zerstört worden, ebenso mehrere Rippen gebrochen, als er sie missbraucht hatte. Es hatte Monate gedauert bis sie wieder sprechen konnte und bis zum heutigen Tag war ihre Stimme nie mehr dieselbe geworden. Seltsam heiser. Und selbst im Sommer trug sie ein leichtes Seidentuch um den Hals, als wäre dort eine nach außen sichtbare Narbe. Nach einem halben Jahr verheilten die körperlichen Verletzungen. Die anderen waren schlimmer und ungleich tiefer.
Sie hatte das Haus schon fast erreicht, als es doch noch passierte. In der Hektik rutschte ihr der Schlüssel aus den Fingern und landete klirrend auf dem Asphalt, von wo er auf die Straße rollte. Dieser Anblick schockierte sie so, dass sie einfach stehen blieb. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf das Metall am Boden, gänzlich unfähig, sich endlich wieder in Bewegung zu setzen. Wie das Kaninchen vor der Schlange, dachte sie noch, und dann war er bei ihr.
Ihre Seele dachte damals gar nicht daran, zu heilen. Mit sechzehn Jahren schlief sie wieder im Zimmer ihrer Eltern, weil es ihr völlig undenkbar erschien, eine ganze lange Nacht alleine zu verbringen. Dinge wie Diskos, Jungs wirkten plötzlich nicht mehr spannend, sondern bedrohlich. Und sehr genau hatte sie registriert, wie das Umfeld langsam die Geduld mit ihr verloren hatte. Das Leben musste ja weitergehen! Und so schlimm das auch war, was da passiert ist, jetzt ist es doch mal wieder gut mit der Angst. Speziell ihr Vater dachte ähnlich, auch wenn er es nie direkt ausgesprochen hatte. Mit der Psychologin, die man ihr verordnet hatte, kam sie ebenfalls nicht klar. Und dann starben, kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag, ihre Eltern. Völlig überraschend bei einem Autounfall, nachdem ein suizidaler Geisterfahrer auf der Suche nach Frieden frontal in sie hinein geknallt war. Ein weiterer Schock, aber seltsamerweise einer, der ihr half, einen Weg zu finden, mit all dem Erlebten umzugehen und weiter zu leben.
Leben! Leben! Das wollte sie jetzt auch, als der Typ sie packte und ins Gebüsch zog. Sie versuchte, zu schreien, aber das ließ ihre ramponierte Stimme nicht zu. Heraus kam nur ein Krächzen, welches den Kerl eher zu amüsieren schien. Er warf sie zu Boden und setzte sich sogleich auf sie. Schwer und bedrohlich. Sie strampelte und wollte sich wehren, als sie das lange Messer in seiner Hand sah. Keine Schlinge, dachte sie noch und versuchte erneut, ihre Stimmbänder ein einziges Mal dazu zu bringen, zu schreien.

Mit dröhnenden Kopfschmerzen erwachte sie und presste die Augen sofort wieder zusammen. Sie war klitschnass. Wie nach jedem Albtraum. The same procedure as every time. Und der Alkohol schien die Dämonen in ihrem Kopf keineswegs zu betäuben, sondern eher noch anzuregen. Es war ein Fluch mit dem Unterbewusstsein. Einmal Opfer – immer Opfer. Und dabei war es ungefähr so berechenbar wie die Bildzeitung, wenn es um soziale Gerechtigkeit ging.
Jetzt brauchte sie einen starken Kaffee. Das Einzige, was dem Schmerz in der Schläfe jetzt noch Einhalt gebieten konnte. Ächzend schälte sie sich aus dem Bett und ging in die Küche. Die Kaffeepads waren auch bald alle. Als sie das schwarze Gebräu vorsichtig ihre Lippen passieren ließ, spürte sie wie die Lebensgeister in sie zurück kehrten. Das war auch gut so, denn ein arbeitsreiches Wochenende lag vor ihr. Mit der Tasse in der Hand ging sie ins Wohnzimmer des kleinen, abgelegenen Hauses, das sie von ihren Eltern geerbt hatte. Da lag er noch immer auf dem Teppich. Groß, kräftig und wunderschön tot. Gerd? Bert? Wie hatte er noch gleich geheißen? Gestern Abend hatte er sich vorgestellt, und sie erinnerte sich noch an ihr breites Grinsen aufgrund seines Vornamens, der für sie zwischen alt und spießig pendelte. Egal.
Hübsch sah er aus. Ganz am Anfang, als sie diese etwas eigene Therapie für sich und ihr Leben entdeckt hatte, war das noch anders gewesen. Da hatte sie die Männer nach der Betäubung noch mit einem Seil erdrosselt. Das war anstrengend gewesen, und sie mochte es nicht, wenn die Herren entstellt waren. Dann aber hatte sie gelesen, dass man mit der guten alten Tante Chloroform nicht nur betäuben, sondern auch töten konnte. Und ihr Vater hatte als gelernter Chemiker einen großen Vorrat zuhause in seinem Hobbyraum gehabt. Gut gelagert war das Zeug sehr lange haltbar, und wie gut es noch immer wirkte, hatte man letzte Nacht wieder gesehen.
Niemals sprach sie einen Mann an, wenn sie mit knappem Rock und dem Blick einer Femme fatale einmal im Monat auf die Jagd ging. Sich selbst ein Opfer suchen – das machten nur Monster. Nein, sie ließ den Herren die freie Entscheidung, sie anzusprechen, genauso wie es deren freier Wille war, sich noch auf einen Absacker zu ihr zu begeben.
Es war falsch von ihr gewesen, damals alleine von der Disko nach Hause zu gehen. Aber wir alle treffen oft falsche Entscheidungen. Sie gehören zum Leben und zum Sterben.
Süß sah er aus. Sie lächelte und seufzte kurz auf, als sie in die Abstellkammer ging, um die Knochensäge und das andere Werkzeug zu holen. Es würde wieder eines dieser anstrengenden Wochenenden werden.


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Beitrag #2 |

RE: Ein anstrengendes Wochenende
Hallo AngelsDust.

Ich möchte heute mal anders anfangen.

Eingestellt wurde Deine Geschichte am 23.01.2015. Zwei Tag vorher habe ich eine Bewerbung losgeschickt, die zu eben diesem Datum vorliegen musste und zum Glück bald zu einem Vorstellungsgespräch führt. Was nicht oft vorkommt.

Ich habe die Geschichte damals in den Neuesten Beiträgen gesehen und im Kopf abgespeichert. Aber erst jetzt komme ich dazu? Wunder, wo die Zeit geblieben ist.

Technische Anmerkungen:
Zitat:Als sie zu rennen begann, wusste sie, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hatte. Genau genommen waren es sogar mehrere gewesen. Und jetzt blieb ihr lediglich das Prinzip Hoffnung, von dem sie nur zu gut wusste, dass es mehr als trügerisch war.
Wieso war sie eben in der S-Bahn so nachlässig gewesen?
Der erste Satz ist - wie ich finde - eine Königsdisziplin. Und ich finde ihn sehr gut. Allerdings ist es im ersten Moment verwirrend, wenn (in der gleichen Zeitform) zuerst die Flucht nach der Bahnfahrt angesprochen wird und man einige Sätze später die Fahrt selbst gezeigt bekommt.
Hier würde ich empfehlen, etwas abzugrenzen. Entweder kursiv oder einen Zwischensatz, der beide Szenen miteinander verbindet. Beispielsweise so:
Als sie zu rennen begann, wusste sie, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hatte. Genau genommen waren es sogar mehrere gewesen. Und jetzt blieb ihr lediglich das Prinzip Hoffnung, von dem sie nur zu gut wusste, dass es mehr als trügerisch war.
Fast so, wie gerade eben in der S-Bahn.
Wieso war sie da so nachlässig gewesen?


Kleinigkeit:
Zitat:Kein einziges Mal hatte sie sich umgedreht, aber sie spürte auch so, dass er noch da war. Sie konnte seine Blicke spüren und seine Gier riechen.
Icon_wink

Zitat:Warum nicht eine Station weiter fahren, an der bestimmt einige andere Leute mit ihr aussteigen würden. Aber was dann? Sie musste ja sowieso zurück. Und sie war müde und abgekämpft nach der Arbeitswoche.
Keine Hysterie, Mädchen. Und dann war sie ausgestiegen. An der Treppe nach oben hörte sie Schritte hinter sich und musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass er ihr folgte.
Den unterstrichenen Teil werte ich als eigene Gedanken der Hauptperson, mehr noch als die Fragesätze davor, die für mich zum Erzähler gehören.
Hier jedoch geht er unter. Entweder kursiv mit einem 'dachte sie' ausgeführt. Oder alleine positioniert. (Vielleicht mit einem Ausrufezeichen?)

Zitat:Während sie das tat, tauchten Gedankenfetzen in ihrem Kopf auf. Sie sah ihren Vater vor sich. „Der Blitz schlägt nie zwei Mal in denselben Baum ein! Das ist ein Naturgesetz!“ Dann hatte er feierlich genickt, und sie hatte ihm geglaubt und diesen großen Mann geliebt, wie es nur kleine Mädchen tun können bis sie entdecken, dass der eigene Vater nur selten zum Vorbild und Idol taugt.
Ich vertrete die Meinung, dass wörtliche Rede einen Text immer auflockern kann. Auch wenn diese reflektiert wird. Daher tendiere ich hier zu folgendem Vorschlag:
Während sie das tat, tauchten Gedankenfetzen in ihrem Kopf auf. Sie sah ihren Vater vor sich.
„Der Blitz schlägt nie zwei Mal in denselben Baum ein! Das ist ein Naturgesetz!“
Dann hatte er feierlich genickt, und sie hatte ihm geglaubt und diesen großen Mann geliebt, wie es nur kleine Mädchen tun können bis sie entdecken, dass der eigene Vater nur selten zum Vorbild und Idol taugt.


Zitat:Als sie das schwarze Gebräu vorsichtig ihre Lippen passieren ließ, spürte sie wie die Lebensgeister in sie zurück kehrten. Das war auch gut so, denn ein arbeitsreiches Wochenende lag vor ihr. Mit der Tasse in der Hand ging sie ins Wohnzimmer des kleinen, abgelegenen Hauses, das sie von ihren Eltern geerbt hatte. Da lag er noch immer auf dem Teppich. Groß, kräftig und wunderschön tot. Gerd? Bert? Wie hatte er noch gleich geheißen? Gestern Abend hatte er sich vorgestellt, und sie erinnerte sich noch an ihr breites Grinsen aufgrund seines Vornamens, der für sie zwischen alt und spießig pendelte. Egal.
Das klingt jetzt vielleicht unfreundlich, soll es aber nicht sein: das liest sich so, als wäre es lieblos hintereinander weggeschrieben worden. Aus diesem Stück kann man noch eine ganze Menge machen, alleine durch die Positionierung der Worte.
Zuerst aber finde ich, dass der erste Hinweis auf den Titel das Ende vorwegnimmt. Da finde ich den letzten Satz besser. Kitzel es doch langsam raus, warum das ein anstrengendes Wochenende wird. Jeffrey-Deaver-Leser werden jetzt schon beruhigend seufzen und sagen: Yes, ich weiß was passiert.
Desweiteren finde ich, dass die Nennung der Namen untergeht. Ja, sie sind nur Schall und Rauch und haben vielleicht keinen Anspruch auf eine besondere Platzierung. Aber für die Geschichte selbst wäre es besser.
Vorschlag:
Als sie das schwarze Gebräu vorsichtig ihre Lippen passieren ließ, spürte sie wie die Lebensgeister in sie zurück kehrten. Mit der Tasse in der Hand ging sie ins Wohnzimmer des kleinen, abgelegenen Hauses, das sie von ihren Eltern geerbt hatte. Da lag er noch immer auf dem Teppich. Groß, kräftig und wunderschön tot.
Gerd? Bert? Wie hatte er noch gleich geheißen?
Gestern Abend hatte er sich vorgestellt, und sie erinnerte sich noch an ihr breites Grinsen aufgrund seines Vornamens, der für sie zwischen alt und spießig pendelte. Egal.


Zitat:Da hatte sie die Männer nach der Betäubung noch mit einem Seil erdrosselt. Das war anstrengend gewesen, und sie mochte es nicht, wenn die Herren entstellt waren.
Erschließt sich mir gerade nicht. Todeszuckungen im Gesicht? Verkrampfungen? Und wieso ist das wichtig, wenn die Körper sowieso zersägt werden?
Ein Zwischenschritt zum Erdrosseln oder um dem Charakter mehr Tiefe zu geben: Bei einem, ich möchte es mal Selbstverteidigungskurs nennen, wurde gezeigt, wie man mit dem Abdrücken der Hauptschlagader am Kinn den Gegner innerhalb von Millisekunden kampfunfähig machen kann. Aber man muss wissen, wann man loslassen muss. Denn sonst gibt es irreparable Schäden im Gehirn.

Zitat:Und ihr Vater hatte als gelernter Chemiker einen großen Vorrat zuhause in seinem Hobbyraum gehabt. Gut gelagert war das Zeug sehr lange haltbar, und wie gut es noch immer wirkte, hatte man letzte Nacht wieder gesehen.
Der Vater und seine Eigenschaft als Chemiker kommt im Gesamtaufbau zu spät und wirkt wie eine Begründung, die während des Schreibens eingeflossen ist. Dass er Chemiker ist - okay. Dass er tot ist - 'okay'. Aber das würde ich vielleicht eher einbauen, vielleicht sogar im gesprochenen Satz seinerseits. (A la "..., sagte er und widmete sich wieder seinen Reagenzgläsern.")

Sonstige Anmerkungen:
Ich würde noch ein bisschen mehr mit der Formatierung arbeiten. Den Titel zentrieren. Gedanken vielleicht kursivieren. Alles andere habe ich oben bereits angesprochen.

Fazit:
Ich lese Dich und Deine Schreibe gerne und manchmal wünschte ich mir, dass Du etwas mehr von Dir selbst im Foren-Café einbringst. (Wie stehst Du zu Charakteren? Welche Geschlechter bevorzugst Du? Etc.) Denn Du kannst schreiben. Fehler habe ich keine gefunden und es liest sich insgesamt flüssig.
Den Hahndlungsbogen vom (ausufernden) Traum mit der Vermischung der Vergangenheit zur Realität ist vielleicht mit 2:1 nicht ganz ausgeglichen, aber soweit okay. Soweit - damit ist gemeint, dass der Titel mögliche Rückschlüsse auf das Ende gibt, die einem Jeffrey-Deaver-Leser nicht verborgen bleiben. (Und ich nehme hier diese Leser, weil Du mit Deiner Schreibe ziemlich weit oben bist.)

Der erste Versuch eines Krimi/Thrillers? Mach weiter, denk komplexer und bau - wenn Du die Geschichte fertig hast - die Erklärungen, die zum Ende hin kommen bei der Überarbeitung eher ein. Versteckt und heimlich, so dass sie dem Leser erst spät auffallen.

LGD.


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Beitrag #3 |

RE: Ein anstrengendes Wochenende
Hallo Dreadnoughts Icon_smile!

Zunächst vielen Dank für deine ausführliche Kritik an meiner Geschichte, aber auch für das Lob, das darin enthalten ist.

Sehr hilfreich dein Rat in Sachen kursive Schrift. Das hätte ich beim Wechsel zwischen der Erzählperspektive und den Gedanken der Frau durchaus selbst bedenken können, zumal ich bei anderen Geschichten schon häufiger die innere Stimme einer Figur kursiv dargestellt habe.
Mein Versäumnis ist wohl damit zu erklären, dass diese Geschichte für mich sehr ungewöhnlich ist. Viel zu kurz zum Beispiel Icon_wink - ich mag eher längere Kurzgeschichten.
Und eventuell war ich deswegen an der einen oder anderen Stelle unaufmerksam. Deine Vorschläge, was das Umformulieren angeht, finde ich teilweise sehr gut, vor allem in Richtung Ende.
Dass es "lieblos herunter geschrieben" rüber kommt, mag auch daran liegen, dass ich schildern wollte, dass alles, was jetzt kommt, für die Dame harte und stupide Arbeit ist. Die will nur töten Icon_lol, aber mit der Leiche eigentlich nichts mehr zu tun haben. Der Tag nach einer Tat ist für sie also wie ein Kater. Ein liebloser Tag, der auch so geschildert werden soll.

Nach meiner Information, sieht eine strangulierte Leiche oftmals erschreckend aus mit geschwollener Zunge, die zuweilen aus dem Mund hängt. Das mag die Dame nicht. Denn auch wenn der tote Körper am nächsten Tag für sie vor allem Arbeit ist, so ist ihr ein Blick darauf dennoch wichtig. Bei Chloroform hat die Leiche offenbar keine Erstickungsmerkmale und auch keine Verkrampfungen an sich wie beispielsweise bei anderen Vergiftungen.

Mein erster Versuch als Thriller? Gute Frage. Irgendwie tue ich mich sehr schwer, jede meiner Stories hier einordnen zu müssen. Irgendwie sind sie in meinen Augen oftmals weder Fleisch noch Fisch oder beides zusammen.

Vielen Dank für dein Lob und deine Kritik. Und was das Foren-Cafe angeht, werde ich nächste Woche mal vorbeischauen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass es Teile in diesem Forum gibt, die ich kaum bis nie anschaue. Ich hole es nach.

Dir ein schönes WE und ganz viel Glück beim Vorstellungsgespräch Pro!!

Alles Gute

AngelsDust

Du fragst, warum mein Leben Schreiben ist
Ob es mich unterhält?
Die Mühe lohnt?
Vor allem aber, macht es sich bezahlt?
Was wäre sonst der Grund??
Ich schreib allein
Weil eine Stimme in mir ist,
Die will nicht schweigen?" (Sylvia Plath)

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Beitrag #4 |

RE: Ein anstrengendes Wochenende
Hallo AngelsDust, 

Ich schleiche ja schon länger um deine Geschichte herum  Icon_smile und habe sie bestimmt schon hundertmal gelesen. Für Thriller scheinst du wirklich ein Händchen zu haben, was ich bisher von dir gelesen habe.  Pro

Allerdings muss ich auch anmerken, dass ich wirklich ein paar Mal lesen musste, um wirklich durchzusteigen. Denn manchmal ist es wirklich verwirrend, bis  der Leser erkennt, dass es sich im ersten Abschnitt um einen Traum handelt und sie nicht wirklich vergewaltigt wird, sondern dieses Erlebnis wieder durchlebt.

Zitat:Während sie das tat, tauchten Gedankenfetzen in ihrem Kopf auf.
Bei diesem Satz stellen sich meine Nacken-und auch alle sonstigen Haare auf. Kling nach blutigen Anfänger und das kannst du sprachlich besser ausdrücken.

Zitat: Ihr Kehlkopf war fast zerstört worden, ebenso mehrere Rippen gebrochen, als er sie missbraucht hatte.
Missbrauch kann nur an Kindern, Schutzbefohlenen und Wehrlosen stattfinden, juristisch gesehen. Korrekt kannst du hier getrost das Wort vergewaltigt verwenden. 

Zitat:The same procedure as every time.
Würde ich kursiv setzen

Ich finde auch, dass du mehr Absätze einbauen solltest. Wie gesagt, das war schon etwas schwierig zu verstehen und ich brauchte mehrere Anläufe. Auch, um mir das alles bildlich vorstellen zu können. 

Ansonsten schließe ich mich den anderen an. ich lese sehr gerne, Sachen von dir.

Gruß Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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