Es ist: 24-05-2022, 23:10
Es ist: 24-05-2022, 23:10 Hallo, Gast! (Registrieren)


5 Wörter - Teil 40 (es rauscht) (abgeschlossen)
Beitrag #1 |

5 Wörter - Teil 40 (es rauscht) (abgeschlossen)
So, 10 Tage sind seit den letzten 5 Wörter vergangen. Eine Pause die sicher allen gut getan hat. Nun könnt ihr euch voller Motivation auf die neuen Worte stürzen.


Für dieses Mal gelten folgende Regeln:
  • maximal 3000 Wörter
  • Die unten stehenden 5 Worte müssen verwendet werden.
  • Einsendeschluss ist Sonntag der 15.3.2015 um 23.59 Uhr.
  • Der Einsendeschluss verlängert sich um jeweils eine Woche, bis mindestens 5 Teilnehmer Geschichten gepostet haben.

Und hier die unten stehenenden Worte:
  1. Vollrausch
  2. Blutrausch
  3. Freudenrausch
  4. Goldrausch
  5. Kaufrausch


Ich denke die Worte geben vielfältige Möglichkeiten, also allen viel Spaß Pro


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Beitrag #2 |

RE: 5 Wörter - Teil 40 (es rauscht)
Wenn Stille zu laut wird

Unsere Füße tragen uns. Wieder einmal nebeneinander, nicht im selben Rhythmus, aber mit dem selben Ziel. Wir suchen die Stille. Das Taumeln im ersten Freudenrausch ist vorüber. Fröhliche Musik und ebenso fröhliche Stimmen dringen zu uns heran, doch die Atmosphäre erreicht uns nicht. Nicht mehr. Schweigend stehen wir in der kühlen Nachtluft während hinter uns die Feier fortgesetzt wird. Durch Glas getrennt. Manche Gäste sind von einem Vollrausch nicht mehr weit entfernt, doch wir sind nüchterner als je zuvor. Wir drehen unsere vollen Gläser in den Händen. Ebenso wie unsere Gedanken, in dem Wissen, das einer etwas sagen sollte. Doch es kommen keine Worte über unsere Lippen. Nur Seufzen. Was ist aus uns geworden?, frage ich mich. Früher waren wir wie berauscht, trunken voneinander, konnten nie genug bekommen. Wie im Kaufrausch – kein Ende sehend. Kann man das Ende erreichen ohne es zu wissen? Wieder rauschen diese Gedanken in meinem Ohren. Still hat sich das graue Trist des Alltags zwischen uns eingeschlichen. Unmerklich, aber unwiderruflich.
Ich schaue hinauf zu den Sternen, doch die stillen, silbernen Punkte haben keine Antwort. Ändern sich nicht. Sie bleiben das was sie sind. Still. Doch einen Blick zu dir wage ich nicht. Waren wir uns zu nah? Wie im Blutrausch haben wir uns aneinander festgehalten, doch nun ist es diese Nähe, die zwischen uns steht. Fühlt sich so das Ende an? Nicht still, sondern taub. Mehr als still. Ich kann die Unendlichkeit über mir und vorallem die Stille neben mir nicht mehr ertragen. Ich wende mich wieder den Feiernden zu, deren Geräusche gedämpft zu uns dringen. Sie lassen sich von unserem Fehlen nicht stören, bewegen sich lautlos. Goldenes Licht fällt auf zu uns heraus und in diesem Goldrausch bewegen wir uns. Ich stelle mein unberührtes Glas auf dem Balkongeländer ab. „Das ist das Ende.“ Mehr kann ich nicht sagen. Ich wende mich von dir ab und gehe zurück. Zurück in die Freiheit.

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
Wörterwelten

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Beitrag #3 |

RE: 5 Wörter - Teil 40 (es rauscht)
Oh, es hat sich doch ein Teilnehmer hierher verirrt Icon_smile

Danke für deine Geschichte Lady,
eine schöne Impression davon, wie jede Beziehung unweigerlich endet *nickt*


An alle anderen:
Noch 15 Tage Zeit, jedoch mindestens noch so lange bis wir bei 5 Geschichten Teilnehmern sind. Wait


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Beitrag #4 |

RE: 5 Wörter - Teil 40 (es rauscht)
Countdown: Zeitzeichen

E R E B O S

(I. Akt: Abyss)

Die Nacht war dunkel.
Straßenlaternen ausgeschaltet.
Und die Bürgersteige verwaist.
Nur die beiden Scheinwerfer des Wagens stahlen sich durch die Nacht, wie Blinde, die das Sehen suchten. Für kurze Augenblicke rissen sie Teile der Welt hinter den Scheiben aus dem Nichts, bevor sie wieder im schwarzen Meer versanken. Ruinen waren zu sehen, inmitten von unbefleckten Häusern. Oder umgekehrt. Manchmal lagen ganze Straßenzüge unter Schuttbergen, die man in den letzten Monaten erstmal zur Seite geräumt hatte.
Der Mann, der auf der Rückbank saß, seufzte nicht. Auch in seinem Gesicht zeigte sich keine Regung, die den inneren Gemütszustand verraten würde. Nein, nach außen blieb er starr. Ausdruckslos. Vielleicht sogar ein wenig stoisch, auch wenn er mit diesen Bildern nie gerechnet hatte. Ein kleiner, aber schwerer Wehmutstropfen, hing wie Blei in seinem Magen.
Er schob seine Brille mit den kreisrunden Gläsern ein Stück die Nase herauf und schaute nach draußen, erinnerte sich daran, wie es damals hier ausgesehen hatte. Menschen, die die Welt fast fluteten. Begeistert standen sie unter den aufgehängten Fahnen, die von jedem Giebel und aus jedem Fenster flatterten. Jubel, beinahe trunken wie im Vollrausch, hatte durch die Straßenzüge gehallt. Eine Stimmung, die derart anschwoll, wie er es nie für möglich gehalten hatte. Glück und Zuversicht war in den Mienen der Bevölkerung zu sehen gewesen.
Damals. Lange her.
Und der Freudenrausch, der danach einsetzte und Jahre anhielt, hatte auch ihn zufrieden werden lassen. Zufrieden, aber nicht glücklich. Seine Aufgabe hatte damals erst begonnen, die er natürlich ohne Widerspruch angegangen war. Es war kein Problem, sondern eine Herausforderung, die durchgeführt werden musste.
Genau wie die Welt, so wie sie jetzt aussah: Zwar ein Trümmerhaufen, der auf das Ende wartete. Aber eine Herausforderung, die sie alle meistern würden.
Es begann langsam zu regnen. Die Scheibenwischer sprangen an, als der Fahrer einen Hebel betätigte. Schwermut gesellte sich ins stille Innere des Wagens, der sich seinen Weg weiter durch die Nacht suchte. Bald war nicht mehr viel zu sehen von der Welt dort draußen, weder die begleitenden Ruinen, noch der Fluss, der irgendwo links oder rechts neben der Straße sein musste. Es prasselte aufs Dach und er wandte sich der ledernen Aktentasche zu, die auf seinem Schoß lag. Auf seiner schwarzen Hose, deren Enden sich in schwarzen Stiefeln verloren. Dicht an dicht. Blank poliert.
Der Gedanke, dass die Uniform vielleicht nicht die richtige Wahl gewesen war, flog durch seinen Kopf, hinterließ aber kein Echo. Zivile Kleidung hätte seine Stellung eher geschwächt, wie er sich selbst eingestehen musste. Daher lag auch die schwarze Schirmmütze links neben ihm auf der Rückbank. Deswegen auch die Koppel und das ganze Geraffel, auf das er sich bis dahin immer etwas eingebildet hatte. Umsonst hatte er es jedenfalls nicht bekommen, auch wenn der Weg zu seiner jetzigen Stellung nicht immer einfach gewesen war - wobei ein Teil von ihm bei dem Wort 'einfach' lachte. Hämisch und rücksichtslos.
"Wir sind, was wir sind", murmelte er und tätschelte auf den leeren linken Platz der Rückbank neben ihm, während er seine Buchhalterbrille abnahm und mit einem weißen Tuch sauber machte. "Nicht wahr?"
Die Rückbank antwortete nicht, stattdessen räusperte sich der Fahrer, der bis dato nur ein stummer Statist gewesen war.
"Wir sind gleich da", sagte er und erwartete eine Antwort, doch der hintere Mann nickte nur und beließ es dabei.

Irgendwann bog der Wagen durch den immer dichter werdenden Regen nach rechts ab und hielt vor der Tordurchfahrt eines alten, großen Gebäudes. Wie die anderen, die hinter ihnen lagen, war es hier ebenfalls dunkel, wenn man von dem gedämpften Lichtern der Taschenlampen mit ihrem Rotlicht absah. Zwei Gestalten bewegten sich auf den Wagen zu, als dieser vor der Schranke hielt. Eine stellte sich vor die Motorhaube und zielte mit einer Pistole auf den Fahrer, der langsam seine Hände vom Lenkrad nahm und zur Decke hob.
Der andere hatte seine Pistole ebenfalls im Anschlag und sagte leise, aber deutlich: "Ausweiskontrolle!"
Der Mann auf der Rücksitzbank nickte seinem Fahrer zu, als er die Gestalten in ihren grauen Uniformen erkannte.
"Ist schon gut", sagte er. "Bleiben Sie ruhig, Klein."
"Jawohl."

Der Fahrer hielt die beiden Ausweise von innen an die Scheibe. Der kontrollierende Mann auf der anderen Seite schaute verdutzt, dann sagte er etwas zu seinem Partner, der für einen Moment verschwand. Minutenlang, dann kam er wieder und hob die Schranke.
"Fahren Sie in den Hof", sagte der Mann an der Scheibe. "Dann Motor und Licht aus."
Klein wollte 'Jawohl' sagen, konnte es sich aber im letzten Moment verkneifen.
Der Wagen fuhr durch die Durchfahrt, landete in Innenhof des Gebäudes und hielt an. Im Gegensatz zur Straßenseite konnte man hier zaghafte Lichter hinter den verhangenen Fenstern erkennen.
"Was auch passiert", sagte der Mann von der Rücksitzbank, als Klein sowohl den Motor als auch das Licht ausschaltete. "Lassen Sie es geschehen, verstanden?"
"Jawohl!"
Der Mann seufzte, stieg aus und setzte sich seine Schirmmütze auf, bevor der Regen mit den schwermütigen Tropfen seinen Kopf begrüßen konnte. Er schaute zu den Fenstern, fragte sich insgeheim, ob sie ihn erwartet hatten oder sich darüber wunderten, dass er jetzt hier stand.
"Mitkommen", sagte einer der beiden Wachmänner, der plötzlich neben ihm auftauchte. Ein großer Mann, breit gebaut. Die Pistole lag noch immer in dessen rechter Pranke.
Der Mann in der schwarzen Uniform wunderte sich nicht darüber, genausowenig wie über die Verwunderung in dem doch noch recht jugendlichen Gesicht, das wohl schon eine Menge gesehen hatte. Die Abzeichen an der feldgrauen Uniform wiesen ihn als Leutnant aus, aber die Augen waren so matt, wie die eines Generals. Und dazwischen, irgendwo hinter den Iriden, sah er nicht nur Unglauben, sondern auch Angst. Nackte Angst - und das bei seinem Anblick.
Er. In der schwarzen Uniform.
Nein, dachte er. Es war richtig, keine zivile Kleidung anzuziehen.

Sie hatten ihm die Augen verbunden und trieben ihn durch das Gebäude. Treppen rauf. Endlos lange Gänge. Wieder Treppen. Manchmal sogar wieder herunter. Er kannte das riesige Haus, war schon einige Male hier gewesen, doch er sparte sich die Frage. Seine Begleiter erschienen ihm nicht gesprächig genug zu sein. Wenigstens schienen sie tatsächlich Respekt vor ihm zu haben, oder vor dem, was sie in ihm sahen, den sie schuppsten ihn nicht, sondern tippten bei Richtungswechseln lediglich an den linken oder rechten Arm.
Irgendwann hörte er, wie eine Klinke herunter gedrückt wurde. Leicht quietschende Scharniere, dem ein knarrender Holzboden folgte. Der Klang der Schritte hallte etwas. Und bevor er sich fragen konnte, wie groß der Raum war oder was sich darin befinden konnte, befreiten sie seine Augen von der Binde.
"Hinsetzen", sagte der breite Leutnant und zeigte auf einen der beiden Stühle an einem Tisch. "Bitte."
Der Mann in der schwarzen Uniform legte seine Schirmmütze nebst Aktentasche auf den Tisch und setzte sich langsam hin. Die Beine nah beieinander, die Füße in den Stiefeln ruhig, die Hände auf die Oberschenkel gelegt und den Rücken leicht nach hinten gelehnt. Es war keine angenehme Sitzhaltung, eher stocksteif. Aber sie drückte für den Mann Disziplin und Ordnung aus, während er den zweiten Stuhl auf der anderen Seite des Tisches musterte. Noch war er leer, aber umsonst schien er hier nicht zu stehen.
Der breite Leutnant wartete einen Moment, dann wandte er sich ab, steckte die Pistole wieder in den Holster an seiner Koppel und verließ den Raum. Die Tür ließ er allerdings einen Spalt breit offen. Halb verdeckt konnte man einen weiteren feldgrauen Mann erkennen, der links neben der Tür stand.
Mit Gewalt würde er hier nicht herauskommen. Aber das hatte er ja auch nicht vorgehabt.
Er konzentrierte sich, ging in Gedanken noch einmal alles durch. Der Flug in die Nacht hinein. Das monotone Röhren der Propeller. Die Landung in einer Welt, die mit derjenigen beim Start nichts mehr gemein hatte.
Es war still um ihn herum, wenn man von vereinzelten Gewehrschüssen außerhalb des Gebäudes einmal absah. Draußen auf dem Gang näherten sich irgendwann Schritte. Flüsternde Worte zwischen dem Feldgrauen und einer zweiten Person. Einsilbig und kurz. Dann schwang die Tür langsam auf.
Der Mann in Schwarz schaute auf. Tatsächlich musste er sich zwingen, nicht überrascht zu sein. In den letzten Stunden war zwar eine Menge geschehen, aber meistens nur das, was auch hätte geschehen sollen.
Aber das ...


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Beitrag #5 |

RE: 5 Wörter - Teil 40 (es rauscht)
Ich darf mal wieder ein Trennzeichen spielen. Icon_rolleyes


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Beitrag #6 |

RE: 5 Wörter - Teil 40 (es rauscht)
(II. Akt: Atratus)

Der Mann, der an der Tür stand, war um die 1,60 m. Sein Haar war zwar noch überall auf dem Kopf verteilt und sehr dick, aber schneeweiß. Das Helle stand dabei im Gegensatz zur schwarzen Uniform, die er trug. Goldene Knöpfe, drei dicke und ein schmaler goldener Ring an den Ärmeln der Admiralsjacke. Viel zu wenig, um gegen das Dunkle einen Hauch von Chance zu haben. Es wirkte wie ein Goldrausch, der viel zu früh zuende gegangen war.
Die Hand, die auf der Klinke ruhte, blieb ruhig.
Stille sickerte vom Flur herein und schlich durch die Szene, in der sich die beiden Männer in ihren dunklen Uniformen musterten. Schwarz, und doch nicht schwarz.
Im Gegensatz zum Admiral war die Uniform des sitzenden Mannes, die eher an Heeresjacken erinnerte, mit silbernen Knöpfen durchsetzt. Am auffälligsten allerdings war jedoch der Totenkopf an der Schirmmütze, die mit ihrem dunklen Stoff auf dem Tisch neben der Aktentasche lag.
Zuerst sahen sich die beiden Männer schweigend an, dann löste sich der Neuankömmling und trat ins Zimmer. Leicht schlurfender Gang. Langsam ging er auf den Tisch zu und verharrte vor dem leeren Stuhl.
"Sie?", fragte der Mann in Schwarz und schaute seinem Gegenüber in dessen schläfrige Augen, von denen er wusste, dass sie ganz und gar nicht müde waren. Im Gegenteil: Hellwach. Genau wie alles andere von ihm, dass sich neugierigen Blicken durch diese Außenwirkung entzog. Ohne seine Uniform wäre er im KdW bei einer Menge im Kaufrausch sicherlich nicht weiter aufgefallen, während er hinter dieser Maskerade alle Anwesenden akribisch erfasst hätte. Unerkannt und unerbittlich.
"Ich freue mich auch, Sie hier zu sehen, alter Freund", sagte der Admiral und seine Lippen versuchten sich an einem halbherzigen Lächeln, als er die obersten Knöpfe seiner Jacke öffnete.
Der Mann in Schwarz starrte sein Gegenüber an, der nicht so wirkte, wie die meisten anderen Männer der Marine: Immer darauf bedacht, ein gutes Bild abzugeben, was Form, Haltung und selbst die Bewegungen betraf. Stets korrekt, stets vorbildlich.
Nein, dieser Admiral war anders, und das war er schon immer gewesen. Zwar charmant, unverbindlich, und besonders kein Verfechter der Etikette. Die Admiralsuniform mochte über manche Sachen hinwegtäuschen, doch er wusste, dass dies einer der gefährlichsten Männer war.
"Wo haben Sie denn Ihre Hunde gelassen?", fragte er und schaute sich um.
"Den beiden Dackeln geht es gut, Danke der Nachfrage", antwortete der Admiral, schaute nachdenklich auf die Tischkante und schmunzelte. "Ich denke, in der Zeit, die auf uns zukommt, brauche ich mich nicht mehr so intensiv um sie zu kümmern."
"Ich habe es nie verstanden, warum Ihnen die beiden Tiere derart ans Herz gewachsen sind", meinte der Mann in Schwarz. "Ständig haben Sie sich über Ihren Zustand informiert, mehr als über Ihre eigene Familie."
Der Admiral nickte, mehr zu sich selbst, als zu seinem Gegenüber.
"Ich bin gerührt, dass Sie meine Sorgen um die Dackel auf Band aufgenommen haben", sagte er und hob den Blick. "All die Jahre."
Schweigen entsprang aus einem unsichtbaren Brunnen unter dem Tisch und sickerte nach oben. Der Mann in Schwarz fühlte sich nicht ertappt, als der Begriff 'Abhöraktion' unausgesprochen zwischen ihnen hing. Warum auch? Er war für die Sicherheit zuständig, der Wächter, der auch über die anderen Wächter zu wachen hatte.
"Haben Sie es im Sonderstab HWK nicht mehr ausgehalten?"
"Ach, ich war gerade in der Gegend und dachte, ich schaue mal herein."
Der Mann in Schwarz konnte seine Verwunderung nur mühsam verbergen, auch wenn er wusste, dass sein Buchhalter-Gesicht für solche motorischen Bewegungen nicht gerade förderlich war.
"Sie haben noch nie einfach mal so herein geschaut", sagte der Mann in schwarz. "Also, was machen Sie hier?"
Der Admiral spitzte die Lippen.
"Man ist der Auffassung, dass ein für den Reichsführer-SS vertrautes Gesicht der Angelegenheit nicht abträglich ist, wenn Sie verstehen, was ich meine." Er deutete auf den leeren Stuhl. "Ich darf doch, Herr Himmler?"
Innerlich zuckte er zusammen, was nicht am Namen selbst lag, sondern eher daran, wie der Admiral das Herr ausgesprochen hatte.
"Ich werde Sie nicht davon abhalten, Canaris", antwortete er und beobachtete, wie sein Gegenüber sich hinsetzte, die Jacke ganz aufknöpfte und dabei versuchte einen Eindruck von privater Lässigkeit zu vermitteln. Fast hätte man meinen können, man säße beim Admiral Zuhause und warte darauf, dass er als perfekter Gastgeber und begeisterter Koch den ersten Gang auftrug.
Das Gefühl einer heimischen Idylle, die alsbald verschwand, als der Admiral die Hände faltete, auf den Tisch legte und sich dabei ein Stück vorbeugte.
"Sie wissen, wo Sie sind?", fragte Canaris und schaute ihn mit seinen müden Hundeaugen an.
"In der Gegenwart von Landesverrätern. Wieso fragen Sie?"
"Ich wollte nur wissen, ob Sie bei klarem Verstande sind."
"Ich bin es."
"Und was machen Sie dann hier?", fragte Canaris. "Wollen Sie uns etwa alle verhaften?"
Der Reichsführer lehnte sich zurück.
"Dieser Gedanke ist mir gekommen, ja."
"Und wie? Sie sind ganz alleine."
"Das Viertel ist umstellt", antwortete der Mann in Schwarz und ein kleines Gefühl von Genugtuung machte sich unter der Uniform breit.
"Von wem? Diesem Remer?"
"Dem Verantwortlichen für den Großraum Berlin, ja."
Für einen Moment hörten sie wieder Gewehrschüsse, diesmal gefolgt vom Einschlag schwerer Granaten - nicht mehr weit weg.
Der Admiral schmunzelte.
"Und Berlin wird in diesen Minuten von der Wehrmacht umstellt. Mit Remer darin."
"Der Kamerad weiß sich zu behaupten."
Canaris legte den Kopf schief.
"Der Kamerad kämpft auf verlorenem Posten", sagte er und lehnte sich zurück. "Wien, Paris, Prag, Kopenhagen, Amsterdam, Brüssel und Mailand stehen bereits auf unserer Seite."
"Das ist mir bekannt."
"Wenn Ihnen das bekannt ist: Was wollen Sie dann hier?"
"Schlimmeres verhindern."
Der Admiral hob eine Augenbraue.
"Schlimmeres?", fragte er. "War das alles denn noch nicht schlimm genug?"
Der Reichsführer schwieg erst, überlegte scheinbar, bevor er antwortete.
"Wollen Sie, dass sich 1918 wiederholt?", fragte er. "Kapitulation. Dolchstoß. Bürgerkrieg. Inflation. Ruhr-Besetzung?" Er machte eine Pause, bevor er hinzufügte: "Diesmal sogar eine reichsweite Besetzung."
"Wer will das schon. Wegen dieser Angst vor einem zweiten Mal ist soviel passiert." Canaris hatte es geflüstert, aber sein Gegenüber hatte es genau verstanden und schaute ihn auffordernd an.
"Hindenburg hatte Angst. Brüning hatte Angst, genau wie Von Papen."
"Alle hatten Angst davor", unterbrach ihn der Admiral. "Die Republik am Ende. Die Restauration der Monarchie nicht durchführbar. Kommunisten und Nationalsozialisten, die das Land fast entzweiten. Was sollten sie denn tun?" Er schüttelte den Kopf und Zorn schwang mit, als er fortfuhr. "Nur deswegen ist ER überhaupt so weit gekommen. ER, die letzte Hoffnung."
Das Buchhaltergesicht des Reichsführers schmunzelte.
"Canaris, der große Verteidiger der Demokratie", höhnte er, bevor er mit einem zischenden Unterton fortfuhr. "Und dann einer derjenigen Männer, die mit der Abwehr ein IHM untertäniges - und mächtiges - Instrument schufen." Er schaute den Admiral verächtlich an. "Widersprüchlich. Sehr widersprüchliches Verhalten als Landesverräter, alter Freund."
"Klingt, als müsste ich mich rechtfertigen."
"Nur zu, ich werde Sie nicht aufhalten", sagte der Mann in Schwarz. "Schließlich sind wir ja unter uns."
Der Admiral schwieg, setzte sich dann schließlich gerade hin und rückte mit dem Stuhl näher zum Tisch.
"Ich bin kein Demokrat", sagte er. "Und ich bin kein Nationalsozialist." Er presste die Lippen zusammen. "Ich habe nicht der Republik gedient, habe auch nicht IHM gedient, sondern immer nur dem Reich."
Der Reichsführer grinste.
"Das eine schließt aber das andere nicht aus, oder?" Das Grinsen verschwand so plötzlich, wie es aufgetaucht war. "Leider glaube ich Ihnen kein Wort. Sie hatten einfach nur Angst. Vor IHM."
Canaris starrte ihn mit einem durchdringenden Blick an.
"Angst vor IHM hatte jeder", sagte er. "Fast so viel, wie vor Ihnen."
"Ich bin nur ein treuer Gefolgsmann."
Ein tadelnder Blick vom Admiral.
"Wir wissen doch beide, dass Sie mehr als das waren."
Auf dem Gesicht des Reichsführers huschte ein kurzlebiges Lächeln.
"Genau wie sie."
Die beiden Männer in ihren schwarzen, und doch gegensätzlichen Uniformen schauten sich lange an. Schweigend. Taxierend. Wie zwei Duellanten auf einer Wiese, kurz vor dem finalen Schuss. Es war schließlich Canaris, der die Stille durchbrach.
"Ich habe nicht versucht, die Welt auszurotten."
"Sie haben aber dabei geholfen."
Auf dem Gesicht des Admirals zeigten sich die ersten Gewittersturmwolken und in seiner Stimme bebte es.
"Ich", sagte er und zeigte dabei auf seine oberen Goldknöpfe, "bin ein anständiger Deutscher."
"Und ein Verräter."
Es sah so aus, als würde Canaris nicht antworten wollen. Sein Gesicht schien jetzt mehr aus Eis oder Beton zu bestehen, die Grimassen unveränderlich. Falten auf der Stirn kündeten von Überlegungen an, bis sich die Haut wieder glättete. Scheinbar entspannt lehnte er sich wieder zurück und verschränkte die Arme.
"Das eine schließt das andere nicht mehr aus."
Der Reichsführer schaute ihn teilnahmslos an und nickte.
"Das dachte ich mir bereits."
Schweigen, wieder einmal. Dann wanderte ein warmes Lächeln über das Gesicht des Admirals, bevor es erfror.
"Wissen Sie", meinte er zum Mann in Schwarz ohne ihn anzuschauen, "anfangs habe ich gedacht: Ja."
"Ja? Wozu?"
"Die Polen. Nehmen unser Land, obwohl die Abstimmungen eindeutig waren. Besetzen beinahe den Danziger Freistaat. Deklarieren es als ureigenes polnisches Heimatgebiet, was es nie gewesen ist. Ja, sie sollten zurückgeben, was Sie sich widerrechtlich angeeignet hatten!"
Der Reichsführer nickte.
"Sehr richtig."
Canaris nickte auch erst, dann schüttelte er den Kopf.
"Und dann kamen sie", sagte er und zeigte auf den Mann in Schwarz. "Sie, Ihr SD, Ihre Gestapo, Ihre SS." Die Stimme des Admirals wurde leiser. "Und sie starben. Zu hunderten. Zu tausenden. Unzählige Leichenberge pflastern den Weg des Reichs. Bis heute. Nicht durch eine Kriegsfolge, sondern durch gezielte Tötungen. Massenerschießungen in Polen. Massentötungen im besetzten Europa! Massenvernichtung im Osten!"
Das Schweigen der Zeit kauerte unter dem Tisch und warf einen stummen Blick hinauf, bevor sich die Stimme des Admirals in einem Gemisch aus Traurigkeit, Verzweiflung, Enttäuschung und Wut erneut erhob.
"Und Sie, Herr Himmler, wollen ein anständiger Deutscher sein?"
Der Reichsführer schien unbeeindruckt zu sein.
"Ich bin es", antwortete er und unterstrich den Satz mit einem Nicken.
"Das sehen die Anderen ganz anders." Canaris sammelte die verräterischen Spuren seiner Gefühle, die sich auf dem Gesicht verloren hatten, wieder ein und zauberte eine nichtssagende Neutralität hervor. "Sie werden Sie einsperren, aburteilen, hängen oder erschießen. Und wenn es nach denen geht, würden sie sie nochmal wiederbeleben nach dem ersten Tod und das ganze Prozedere hundertfach wiederholen."
Der Admiral ahnte, dass das den Mann in Schwarz nicht sonderlich beeindrucken würde. Irgendwo im Hinterkopf geisterte noch immer die Frage herum, was der Reichsführer hier wollte - denn wirklich beantwortet hatte er die Frage nicht.
"Ich habe nicht vor zu sterben."
"Wer hatte das in den Konzentrationslagern schon?"
Schweigen.
"Sie hätten die Wolfsschanze frühzeitig aus dem Verteiler nehmen müssen", meinte der Mann in Schwarz stattdessen. "Das war ein unverzeihlicher Fehler."
Das eisige Lächeln des Admirals kehrte wieder zurück.
"Der einzige unverzeihliche Fehler", sagte er, "ist der, dass wir den Anschlag viel früher hätten durchführen sollen."
Der Reichsführer ignorierte die letzte Bemerkung.
"Sie haben von inneren Unruhen berichtet und sind doch dabei ausgegangen, dass ER tot ist." Der Mann in Schwarz gönnte sich selbst ein zufriedenes Grinsen. "Aber der Führer lebt. Schwer verletzt zwar, aber lebendig."
Der Admiral schaute ihn ungläubig an.
"Bitte was?"
"Er ist nicht in der Lage, sich mitzuteilen", fuhr der Reichsführer fort. "Zurzeit wird er bewacht vom Führerbegleitkommando, das niemanden außer mich zu ihm lassen wird."
"Das glaube ich nicht."
"Das dachte ich mir schon."
Canaris schien ein Stück in sich zusammengefallen zu sein. Der zwanzigste Juli war schon lange geplant worden. Alles hing daran, dass ER den Anschlag nicht überleben würde. Eine Bedingung, ohne die es nicht ging. Und jetzt das.
"General Stieff", sagte er schließlich mit trockener Stimme, "hat doch gemeldet, dass er tot auf einer Bahre herausgetragen wurde."
Der Mann in Schwarz griff nach seiner Aktentasche und holte eine Mappe hervor.
"Deswegen", sagte er, legte mehrere Bilder auf den Tisch, drehte sie um und schob sie zum Admiral hinüber, "habe ich zum einen das hier."
Canaris schaute auf die Bilder. Ja, da war ein Mann in einem Krankenbett. Schwer zu sagen, wo sich das Zimmer befand, da durch die Scheiben kein Blick hinaus möglich war. Aber das war ER, unverkennbar. Die Bettdecke bis zum Oberkörper hochgezogen, die Arme lagen außerhalb. Das Gesicht war ausdruckslos. Offene Augen, halb geöffneter Mund. Er starrte einen Punkt an, den nur er sehen konnte.
Die Stimme des Admirals war brüchig und trocken, als er eines der Bilder in die Hand nahm.
"Und was noch?", fragte er.
"Mein Fahrer weiß Bescheid."
"Ihr ...?"
Der Reichsführer lächelte und lehnte sich sichtlich entspannt zurück.
"Na los doch."


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Beitrag #7 |

RE: 5 Wörter - Teil 40 (es rauscht)
Trönnzaichen! Icon_jump


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Beitrag #8 |

RE: 5 Wörter - Teil 40 (es rauscht)
(III. Akt: Trinitas)

Einige Minuten später rannte der breite Leutnant durch die engen verdunkelten Gänge des Bendlerblocks, hastete die schmalen Treppen hinunter und griff sich die ersten beiden Soldaten, die ihm entgegen kamen.
"Mitkommen!", befahl er und bemerkte zufrieden, dass die Kameraden ihm widerspruchslos nach draußen folgten. Mitten im Regen, der übermächtig geworden war, stand der schwarze Wanderer des Reichsführers noch immer auf dem weiten Hof. Der Fahrer hatte sich nicht einen Zentimeter vom Heck entfernt, wo er in eine Zigarette in der hohlen Hand rauchte. Erschrocken schaute er auf, als der Leutnant vor ihm auftauchte und ihn am Kragen packte. Die Zigarette verglühte, noch bevor sie auf dem Boden landete.
"Ich frage nur einmal", zischte der Offizier. "Wo ist es?"
Der Fahrer in der SS-Uniform eines Scharführers versuchte gar nicht erst, sich zu wehren.
"Da", keuchte er und nickte zum Wagen. "Unter der Rückbank!"
Der Leutnant legte den Kopf schief und hob den Mann mühelos einige Zentimeter hoch.
"Verarsch mich nicht!", sagte er, dann wandte er sich an die beiden Kameraden, die unschlüssig (aber zu allem bereit) neben ihm standen. "Los doch!"
Sie rissen die hinteren Türen auf, versuchten mit ihren Essbesteck die Schrauben zu lösen, was ihnen nur mühsam gelang. Schließlich hoben sie die Rückbank an und warfen sie auf den verregneten Hof. Direkt darunter war ein versteckter Raum, eng, aber groß genug für die Person, die in einer weißen Patientenkleidung wie ein Fötus darin lag.
Regungslos.
*

Der Admiral hatte die Photographien wieder zum Mann in Schwarz zurück geschoben.
"Was soll das?", fragte er, als die Tür plötzlich aufgestoßen wurde.
Zuerst trat der Leutnant ein, doch noch bevor er etwas sagen oder melden konnte, griff ein zweiter Mann hinter ihm in einer schnellen Bewegung nach der Pistole im Holster und stieß den breiten Offizier weiter ins Zimmer hinein.
"Ganz ruhig!", rief der Mann, der mit einer weißen Hose und Jacke bekleidet war.
Der Admiral schaute erstaunt auf, als er auf dem Weiß und ihm Gesicht teilweise verkrustete Blutspuren bemerkte. Dann erkannte er den schwankenden Fremden.
"Stieff?", fragte er und hob beschwichtigend die Hände, als der Angesprochene die Pistole kompromisslos auf den Kopf des Reichsführers richtete. "Nein. Nicht!"
"Sie verfluchter Mistkerl!", zischte der Mann in Weiß und spannte den Hahn.
"Lassen Sie das!", rief der Leutnant. "Nehmen Sie die Waffe runter, General!"
"Raus mit Ihnen!", sagte Stieff und zielte plötzlich auf den Kopf des Leutnants. "Zwingen Sie mich nicht zu schießen!"
Schweigend verharrten die vier Männer in ihren jeweiligen Positionen, hörten wieder Maschinengewehrfeuer aus der Ferne, bis der Admiral dem breiten Offizier schließlich zunickte.
"Gehen Sie", sagte er und verfolgte, wie der Leutnant langsam an Stief vorbeiging. Die Mündung der Waffe verfolgte ihn, bis er auf den Flur trat und die Tür verschloss.
Dann richtete der Mann in Weiß die Pistole wieder auf den Reichsführer.
"Tausend Tode sind selbst für ihn zu wenig."
"Stieff", sagte der Mann in Schwarz ruhig und in seiner Stimme lag weder Verzweiflung, noch Angst. Er nickte ihm aufmunternd zu. "Na los, sagen Sie es ihm."
Der Mann in Weiß runzelte erst die blutverkrustete Stirn, dachte nach, bevor er - ohne den Reichsführer aus den Augen zu lassen - zum Admiral sagte:
"Sie haben ihn. Er lebt. Wo, weiß ich nicht."
"Ist er bei Bewusstsein?", fragte Canaris.
"Nein."
Der Mann in Schwarz lächelte.
"Wir haben einen Spezialisten zu ihm gebracht, Herrn Professor Kretschmer", sagte er. "Von der Universität Marburg. Seiner Diagnose nach leidet der Führer an einem apallischen Syndrom."
Canaris schaute ihn fragend an.
"Was für ein Syndrom?"
"Salopp formuliert: Wachkoma", antwortete der Reichsführer. "Wie lange der Zustand anhalten wird, weiß der Professor nicht. Vielleicht folgt auch das Koma nahtlos, vielleicht geht es ihm auch in ein paar Tagen wieder besser."
Stieff schüttelte den Kopf.
"Dann wird es zu spät sein!"
Der Reichsführer spitzte die Lippen und Verärgerung huschte über sein Buchhaltergesicht.
"Wollen Sie, dass sich 1918 wiederholt?", fragte er. "Deutsche schießen dann wieder auf Deutsche?"
Stieff wurde rot vor Zorn.
"Sie und ihre Mordbanden haben bereits auf Deutsche geschossen, sie im Blutrausch ermordet, zu Hunderttausenden!", rief er und bei jedem Wort ruckte die Waffe bedrohlich vor und zurück. "Und nicht nur die, sondern auch alle anderen!"
Der Mann in Schwarz seufzte theatralisch, während hinter den Fenstern die Nacht plötzlich verschwand und am Himmel eine Leuchtgranate explodierte. Sekundenlang, dann flutete die Dunkelheit zurück.
"Das kann ich nicht abstreiten."
Der Admiral betrachtete die Bilder und überlegte, bevor er sich an sein Gegenüber wandte.
"Warum sind Sie hier?", fragte er. "Und diesmal würde ich gerne die wirkliche Antwort hören."
Der Reichsführer lächelte.
"Einen Vorschlag unterbreiten."
Stieff schüttelte den Kopf.
"Vorschlag?", wiederholte er. "Ich habe auch einen: Wir sollten ihn erschießen."
Canaris schüttelte den Kopf und hoffte insgeheim, dass der Mann in Weiß das akzeptieren würde. "Sie haben fünf Minuten", sagte er zum Reichsführer. "Also?"
Der Mann in Schwarz atmete erleichtert auf.
"Der Führer verbleibt in meinem Gewahrsam. Major Remer wird die Handlungen gegen sie einstellen, genau wie alle anderen Polizei-, SS-, SD- und Gestapo-Stellen."
"Und im Gegenzug?"
"Sie nehmen sowohl mich als auch die SS in die Regierung beziehungsweise Staatsorganisation auf."
Erneutes Schweigen. Sekundenlange Ewigkeit, bis Stief schließlich die Stille durchbrach.
"Sie haben den Verstand verloren", meinte er zum Mann in Schwarz, zielte aber weiterhin mit der Pistole auf einen Punkt zwischen dessen Augen. "Völlig verloren."
"Gewiss nicht", sagte der Reichsführer und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich weiß genau, was ich tue."
"Wenn es einen übergreifenden Grund gegeben hat", knurrte Stief, "einen gemeinsamen Nenner aller Gruppen, dann war das Ihre Ausrottungspolitik!"
"Es waren Befehle. Und der Befehlsgeber ist derzeit ... nicht handlungsfähig."
"Wieso sollten wir das tun?", fragte Canaris.
"Es gibt zwei Möglichkeiten", antwortete der Mann in Schwarz. "Der Führer wacht wieder auf. Sowohl die Bevölkerung als auch alle Einheiten der Wehrmacht werden sich von ihnen lossagen." Er grinste abwechselnd Canaris und den Mann in Weiß an. "Dann sind sie alle tot. Oder der Führer bleibt in diesem Zustand. Dann sind sie Helden."
"Helden?", fragte Stieff. "Nur ohne Sie."
Der Reichsführer wandte sich an den Admiral.
"Ich habe immer über den Widerstand gewacht, und auch über Sie, Canaris. Selbst nach der Devisenaffäre um das Unternehmen Sieben sind Sie nur aus dem Amt entfernt worden, mehr nicht." Und nachdem erneut Gewehrschüsse zu hören waren, die scheinbar näher kamen, fügte er mit einem süffisanten Grinsen hinzu: "Die Wehwehchen Ihrer Dackel für eine Geheimsprache zu nutzen, fand ich übrigens ganz nett, aber einfallslos."
Der Admiral versuchte sich auch an einem Lächeln, was nicht ganz gelang.
"Und Sie sollten froh sein, dass der Führer nichts von Ihren jüdischen Elementen erfahren hat."
"Das bin ich."
"Moment!", rief Stieff und runzelte die Stirn. "Was?"
Der Reichsführer schaute zu dem Mann in Weiß.
"Ich bin nicht stolz darauf, jüdische Gene in mir zu haben", sagte er und bevor Stieff etwas erwidern konnte, wandte er sich an Canaris. "Genausowenig, wie meine Bemühungen, Ihre Attentate zu vereiteln."
Der Admiral kniff die Augen zusammen.
"Was?"
"Die Weinflasche im Flugzeug letztes Jahre konnte nie detonieren. Dank meiner Männer. Und auch die Kleiderschau der Beuteuniformen wurde immer wieder verschoben, durch mich."
"Sie haben ...? Canaris stand auf und blieb versteinert stehen. "Wieso?"
"Der Führer wäre sofort tot gewesen."
Schweigen, dann lächelte der Mann in Schwarz, als er die Ratlosigkeit in den Augen der anderen beiden Männern sah. Und sie sah für seine Empfindungen sehr gut aus.
"Als mir der Plan für den 20. Juli klar war, habe ich Dachau, Stutthof und Ausschwitz-Birkenau angewiesen, die bestmögliche Position für den Führer herauszufinden."
Canaris atmete hörbar aus.
"Seine ... Position?"
"Besser gesagt: Die genaue Position sowohl der Bombe als auch seiner Person", antwortete der Reichsführer. "Sie waren wichtig, damit das Ergebnis stimmen würde."
Stieff schüttelte verwirrt den Kopf.
"Kann mich jemand aufklären?", fragte er und es war der Admiral, der ihm antwortete.
"Er wollte, dass der Führer überlebt, aber handlungsunfähig wird."
"Der einzige Ausweg. Unser Mann im Besprechungsraum hat dafür unter Einsatz seines Lebens gesorgt." Der Mann in Schwarz schwieg für einen Moment. "Natürlich wurden für diese sehr eiligen Durchführungen Unmengen von Sprengstoff und Häftlingen in den KL verschlissen."
Eiseskälte im Raum.
Der Satz war zwar schon lange ausgesprochen, aber die dazugehörenden Bilder tauchten erst langsam vor den inneren Augen der anderen beiden Männer auf.
"Sie haben ...", begann der Mann in Weiß und konnte den Satz kaum zuende bringen.
"... die möglichen Szenen im Besprechungsraum nachgestellt, ja", antwortete der Reichsführer und schien stolz auf sich zu sein. "Dadurch konnten wir genau bestimmen, wer wann wo zu stehen hat. Wer dabei stirbt - und wer im Wachkoma überlebt."
Es wurde wieder still. Weder der Admiral noch der Mann in Weiß konnten den Stein im Magen, geschweige denn die nachfolgende Übelkeit verhehlen.
"Ich sorge dafür", fuhr der Mann in Schwarz ungerührt fort, "dass der Führer nicht mehr aufwachen wird." Er lächelte. "Und sie können Helden werden, die das Reich in dieser furchtbaren Stunde gerettet haben."
"Sie wollen doch nur Ihren Arsch retten!", rief Stieff fassungslos und die Pistole wanderte ein Stück Richtung Boden. "Nur deswegen!"
Canaris hob die Hand und bedeutete dem Mann in Weiß, sich zu beruhigen.
"Selbst wenn", sagte er zum Mann in Schwarz. "Sie haben in ihrer Rechnung den Krieg vergessen."
"Den wir verlieren werden!", fügte Stief hinzu und zielte wieder mit der Pistole auf den Kopf des Reichsführers. "Und am Liebsten ohne Sie!"
Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Finger - zufällig oder nicht - den Abzugsbügel berühren würde. Im gespannten Zustand wäre das bereits ausreichend für das nachfolgende Loch im Kopf, daher legte der Mann in Schwarz hastig weitere Papiere auf den Tisch.
"Unter dem Namen Röhrenbeimischung arbeiten SS-Wissenschaftler seit einigen Monaten an einer Uranbombe", sagte er und tippte nacheinander auf die einzelnen Blätter. "Seit gestern sind die Heereswissenschaftler hinzugezogen worden. Der errechnete Termin für die Einsatzfähigkeit der Waffe ist im Dezember diesen Jahres, allerspätestens Januar '45. Weit vor der Fertigstellung der alliierten Atombombe."
Noch bevor eine Antwort oder eine schlimmere Reaktion kommen konnte, schob er den Stuhl zurück, erhob sich und blieb dann doch zwischen Sitzgelegenheit und Tisch stehen.
"Ich lasse die Bombe bauen, die den Krieg mit einem Schlag beenden wird. Und Sie halten mir so lange wie möglich die Alliierten vom Hals. Verhandeln Sie, versprechen Sie, ordnen Sie einen geregelten Rückzug an. Bieten Sie von mir aus auch eine geregelte Freilassung von KL-Häftlingen an."
"Die Formel der bedingungslosen Kapitulation werden sie nicht zurücknehmen", meinte der Admiral.
"Doch, jetzt schon." Der Reichsführer lächelte. "Denn sie hier sind jetzt die Reichsregierung."
"Warum sollten wir das tun?", fragte Stieff und schaute dann den Admiral an. "Wäre es nicht besser, das Monster hier zu erschießen?"
Aber es war der Reichsführer, der ihm antwortete.
"Weil sie mit mir nicht sprechen werden" sagte der Mann in Schwarz und zeigte auf den ratlosen Canaris. "Mit ihnen dagegen schon." Er streckte dem Admiral über den Tisch triumphierend die Hand entgegen. "Also?"
Schweigende Minuten, in denen der Mann in Weiß hilflos zu Canaris schaute, der die Hand des Reichsführers nachdenklich anstarrte.
"Admiral!", rief Stieff. "Das können Sie nicht machen!"

Sekunden später schlugen zwei Hände ein.
Die eine von einem Massenmörder, die andere von jemanden, der das Reich vor Schlimmerem bewahren wollte. Die Pistole senkte sich fassungslos, bevor sie sich wieder erhob - soweit, bis die Mündung in Stieffs Mund verschwand.
Ein Schuss. Blut und Teile des Gehirns schossen an die Wand, während der Mann in Weiß zusammenbrach.
*Ende*


@alle: Ich hatte in einer (zugegeben sehr kurzen) Korrespondenz mit Herrn von Ditfurth (der das Buch 'Der 21. Juli' geschrieben hatte und auf das ich hier sehr gerne aufmerksam machen möchte) die Frage in den Raum geworfen, wie Heinrich Himmler sich in einem solchen Fall verhalten würde. Leider konnte er mir in dem Punkt nicht weiterhelfen, machte mich aber darauf aufmerksam, dass das Koma näher recherchiert werden müsste.
Tatsächlich hat Prof. Kretschmer 1940 das Apallische Syndrom (sogenanntes Wachkoma) als erster beschrieben. In seinem Beitrag vom 14.03.1940 taucht auch explizit der Begriff ‘Koma’ als Abgrenzung zum AS auf. Desweiteren gab es auch eine Art der künstlichen Ernährung (Ernährungskanal) mit der Witzel-Fistel, die sogar noch bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts im Gebrauch war.

Wer sich mit der scheinbar widersprüchlichen Person des Admirals Canaris auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich das Buch 'Canaris' von Michael Mueller aus dem Propyläen-Verlag.

Edit: Auch wenn es mir nicht passt, dass der Admiral die Hand eines Massenmörders annimmt, bleibt mir der tröstliche Gedanke, dass er sich in einer Parallelwelt dieser fiktiven Zeit tatsächlich anders entschieden hätte.

Soweit von mir.

LGD.


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Beitrag #9 |

RE: 5 Wörter - Teil 40 (es rauscht)
D U E L L

I. Akt: Niederlage


Ich war blind wie Dein Schatten
der das Sehen suchte
und Dir folgte.
Quer durch Ikeas Badematten
während ich fluchte
und heulte.

„Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm”,
sagte sie. Lächelnd. (Hm. Sehr sinnig!)
Aber mit dem Argument am Ziel.
Ja, nicht sehr angenehm:
Zum Leben zu wenig,
Im Sterben zuviel.

Ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden,
dachte ich und beweinte bitterlich
meine verdiente Asche.
Es fühlte sich an, wie frisch gestorben.
Leer, dunkel - also innerlich:
Die schöne Brieftasche!

„Etwas Besseres als den Tod findest du überall“,
murrte ich und schaute bitter drein.
Hoffte, sie würde es merken.
Doch es war wie ein Fall
in die Nacht hinein:
Ihr Verlangen würde siegen.

„Das Licht fällt nicht umsonst senkrecht“
meinte sie und bezahlte
die horrende Summe.
Blöder Satz, und so schlecht.
Luxus Badematten, schön bemalte!
Und wer war hier der Dumme?

II. Akt: Sieg


Ja, was soll ich sagen?
Es war sein Schotter -
ich kann nicht klagen.

Aber ich bin wie meine Mutter:
„Der Freudenrausch nach dem Kaufrausch im Blutrausch“
pflegte sie zu sagen,
„ist wie ein Vollrausch im Goldrausch.“

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Beitrag #10 |

RE: 5 Wörter - Teil 40 (es rauscht)
@Dread
Danke für deine Beiträge,
sie befinden sich zur Zeit in der Prüfung Read

@all
Sollten bis morgen 23:59 Uhr nicht 3 weitere Teilnehmer eine Geschichte posten, wird der Einsendeschluss sich auf den 22.3.15, 23:59 Uhr verlängern. Wait


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