Es ist: 26-02-2020, 11:37
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Melancholie Fremder
Beitrag #1 |

Melancholie Fremder
Melancholie Fremder

Die Musik in den Ohren ließ mich Träumen. Gegenstandsloses Sinnieren erfüllte mich, während ich von der untergehenden Sonne geblendet das Ufer entlang ging. Ihr Licht war schon von gedämpfter Schärfe. So spazierte ich, offen für die Bilder der Welt, richtung Norden, wo die Halbinsel mit der Altstadt lag. Da sah ich einen schwarzen Umriss, ausgeschnitten aus dem Sonnenlicht. Er gehörte einem alten Mann, 60 oder älter. Wie ein gekrümmter Käfer saß er nach vorne gebeugt auf einer Bank, einige Meter über dem Plätschern der Wellen auf einer Uferanhöhe. Sein Blick war auf die Sonne gerichtet, die ihm beide Augen zu Schlitzen verengte. Ich stand nun hinter ihm. Im Gegenlicht schien es, als bestünde er aus Dunkelheit, überstrahlt von einem grellem Licht. Mit einem Male spürte ich die Geschichte dieses Mannes, tragisch und schön, gezeichnet vom Wechselspiel der Erfüllung und Entbehrung. Die eigentliche Schwere seines Ausdrucks lag jedoch nicht in den vergangenen Erlebnissen, sondern darin, dass sie vergangen waren.
Seine Körperhaltung sprach zu mir, und hätte er mir stundenlang erzählt, ich hätte weniger erfahren. Sie zeugte von jener süßen Einsamkeit, die nie Bitternis über Erlebtes zulässt, da es immer ein Band zwischen der Welt und einem selbst knüpft.

Sie erzählte mir von seiner Kindheit, die er im Landesinneren verbrachte, von der Welt seiner Großeltern, längst untergegangen und vergessen und nur noch in seiner Erinnerung lebendig, die lange für ihn und seinen jüngeren Bruder gesorgt hatten, bis seine Eltern sich in dieser Küstenstadt eine Existenz aufbauten. Damals wachte er frühmorgens auf, verbrachte die erste Tageshälfte mit dem Großvater und den Schafen, die dem kargen Land ihr Futter abgewannen. Nach dem Essen half er der Großmutter beim Käsemachen oder, je nach Jahreszeit, beim Pflücken von Oliven oder Zitrusfrüchten. Gab es nichts zu tun, spielte er mit seinem Bruder und den wenigen Nachbarskindern.

In seinem Namen wurde ich schmerzhaft nostalgisch. "Wie ist das auszuhalten?", fragte ich mich. Diese ganze Welt, sie vergeht mit ihm, und beim Gedanken daran vergeht er.

Mit sieben wurde er in eine Welt des Wassers geholt. Niemand hatte ihn gefragt. Die kargen steindurchsetzten Böden des Hinterlandes waren Vergangenheit, und mit ihr die uhrlose Zeit. Noch lange konnte er sich an alles aus diesen Jahren erinnern, außer an die Entbehrungen. Schon bald gefiel ihm das Leben an der Küste, aber niemals vergaß er die verlorene Unbeschwertheit. Er hatte Glück, er wurde von seinen Eltern in eine liebende Familie geholt, wo das Vermitteln von Geborgenheit und Wertschätzung wichtiger war als narzistische Zwänge. Später, in der Schule, wollten sie ihm ähnliche Werte vermitteln, Brüderlichkeit und Einheit.
Hier an der Küste waren die Mädchen schöner und mutiger als im Karstland. Darum war ihm der Sommer die liebste Jahreszeit. Von Mai bis Oktober lagen die Jugendlichen in den vielen Buchten, geschützt vor den Blicken der sie in Wahrheit um ihre Freiheit beneidenden Erwachsenen. "Jeder Topf findet seinen Deckel", sagten ihm die genügsamen Eltern oft. Aber er fühlte, dass den meisten einer nicht genügte. Und in jenen gesegneten Jahren probierte er viele Deckel.Eines Tages eröffneten ihm seine Eltern, der Vater müsse weg. "Er geht in ein Land, wo er in der halben Zeit das Doppelte verdient und in wenigen Jahren können wir uns ein schönes Haus außerhalb der Stadt bauen", sagten sie ihm. Er traute ihrer Feierlichkeit nicht. Und das nächtelange Weinen seiner Mutter gab ihm recht. Nie hatte er ihr gesagt, sie gehört zu haben.
Noch im gleichen Jahr wurde sein Bruder krank. Die Ärzte konnten ihm nicht helfen, und so starb er kurz nach dem weihnachtlichen Besuch des Vaters. Wollte dieser seine Arbeit nicht verlieren, musste er schon nach wenigen Tagen wieder in die Ferne. Seine Frau blieb mit dem Sohn zurück, doch schon bald zog es auch ihn fort. Zunächst wurde er Fischer. Später zog er in eine Großstadt, wo ihm oft sogar die schweren Stunden, allein mit seiner armen Mutter, fehlten. Er arbeitete in einem Staatsbetrieb, ohne einen anderes Ziel als das materielle Überleben zu verfolgen. Ein Jahr ums andere verging und irgendwann fand auch er seinen Deckel, zusammen hatten sie drei Kinder.

Ich machte einen Schritt zur Seite und wunderte mich, keinen Ring an seinen Fingern zu sehen. Vielleicht hatte er ihn kürzlich verloren oder wegen einer schmutzigen Arbeit abgenommen. Für einen Moment richtete er sich auf, streckte sich, und fiel wieder in sich zusammen, den Blick immer noch starr in die Sonne gerichtet. Und es sprach weiter aus ihm.

Nach der Geburt des dritten Kindes zog die Kleinfamilie wieder in die Küstenstadt, ein Ort, nach dem er sich stets gesehnt hatte, wie er sich immer nach allem Vergangengen sehnte. Aber die Dinge hatten sich geändert. Sein Vater war nie zurückgekehrt, hatte im neuen Land eine neue Liebe gefunden, die Mutter war vor der Zeit gealtert und lebte vom Verkauf von Selbstgebackenem. Auch sie blieb nicht lange allein und fand bald einen neuen Mann. Leider trank er gerne und neigte dazu, ihr die Schuld für sein Versagen zu geben. Irgendwann schmerzten die Schläge mehr als die drohende Einsamkeit, sodass ihr Sohn sie gerne bei sich aufnahm.

Wie die schönen Lebensweisheiten der einst genügsamen Eltern, entpuppten sich die früh in der Schule vermittelten Werte als zerbrechlich. Mit diesen Werten zerbrach auch das Land, in dem er lebte. Niemand wollte daran denken, was nun geschehen könnte. Aber die Geschichte nimmt ihren Lauf, ohne Rücksicht darauf, was man sich auszumalen vermag. Einige Monate später wurde er selbst zum Vater, der Frau und Kinder verlassen musste, um vermeintlich für ihr Überleben zu sorgen. Am Gürtel zwei Handgranaten und ein Messer, um die Schulter ein altes Gewehr, am Körper eine Uniform. Er zählte nicht und sprach gewiss auch nie darüber, wie vielen Kindern er die Heimkehr ihrer Väter verwehrt hatte. Er kehrte heim. In die gleiche Stadt, nun halb zerstört, in ein neues Land. Mord und Totschlag vergingen, aber ihm fehlte das Gefühl der Kammeradschaft, die Innigkeit zwischen Schicksalsgefährten.
Weil die Wirtschaft des Landes brach lag, wurde er wieder Fischer. Fische gab es immer, und wenn er sie nicht verkaufen konnte, gab es zu Hause eben ein Festessen. Und das gab es oft. Seinen Kindern bekam es gut. Alle drei wurden schöne und intelligente Menschen und gingen zum Studium in eine ferne Großstadt.
Oft fuhr er mit dem kleinen Fischerboot dicht ans Ufer der versteckten Buchten, wo immer noch die Jugendlichen lagen. Sein eifersüchtiger Blick wechselte zwischen seiner sonnengegerbten Hand, die auf dem Lenkstab ruhte, überzogen von verfrühten Altersflecken, von der inzwischen verstorbenen Mutter geerbt, und den jungen Männern und Frauen, die sich am Strand wie nasses Geschirr zum trocknen aufreihten. "Jeder findet seinen Deckel", dachte er.
"Fisch aus Nordafrika ist billiger." Das sagten ihm kürzlich seine bisherigen Abnehmer. Seitdem dreht er nachmittags seine Runden in Ufernähe.

Ich machte noch einen Schritt zur Seite, sah seine charakteristische Kartoffelnase. "Ja, so sehen die Leute von hier aus", hörte ich mich denken. Ich kam wieder zu mir. Nun wollte ich unbedingt den Namen dieses melancholischen Herren wissen. Vielleicht würde er mir noch einige verschwiegene Details aus seinem Leben oder Wissenswertes über die Gegend erzählen. Meine Kenntnisse der Landessprache sollten ausreichen.

"Entschuldigen Sie, dürfte ich Sie etwas fragen?"

"I am sorry, I don't speak any croatian!"

Unser Gespräch schreckte die Vögel auf; des gleichnamigen Buches Autor ja der Meinung war, diese Stadt hätte den schönsten Sonnenuntergang der Welt. Ich sah wieder zur Sonne. Ein Leben verging in mir, draußen nur eine Minute.


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Beitrag #2 |

RE: Melancholie Fremder
Lieber Kristijan,

ich habe deine Geschichte gern gelesen. Du machst es einem aber auch einfach: Nicht nur sitzen Rechtschreibung und Zeichensetzung (bis auf einige Flüchtigkeitsfehler), was das Lesen immer erleichtert; du bist auch eloquent und fühlst dich im epischen Schreiben sichtlich wohl, zeigst keine Scheu vor Nebensätzen und weniger gebräuchlichen Wörtern. Es liest sich so, als wüsstest du sehr gut, wie du Sprache einsetzen kannst.
Die Geschichte selbst ist interessant. Man erfährt viel über das Leben des Alten, doch lernt man ihn nicht wirklich kennen. Seine Biographie bietet Stoff für große Emotionen: Der Vater, der die Familie verlassen muss und später freiwillig ganz zurücklässt; dein Protagonist muss die Familie auch verlassen, nicht um für sie zu sorgen, sondern für das Land (wenn ich an dieser Stelle von der vermeintlichen Romantik des Militärs zehren darf); er war zunächst vom Land in die Stadt gegangen, kehrte dann mit seiner Frau zurück; seine Kinder verlassen den Ort der Eltern wegen des Studiums. Mir gefällt dieser Wechsel zwischen Weggehen und Wiederkommen, vor allem, dass beides hier aus unterschiedlichen Gründen geschieht. Dazu der Tod des Bruders, die unter männlicher Gewalt leidende Mutter, die Auswirkungen eines Kriegs auf einen Soldaten, die wirtschaftsbedingte Armut - wow, ein toller Plot voll der Tragödien und selbst herbeigeführten Linderungen des menschlichen Lebens (oder wie du wunderbar schreibst: Wechselspiel der Erfüllung und Entbehrung) Nur leider kommt diese Fülle von Schicksalen nicht recht bei mir an, weil du zu wenig Erzählzeit aufwendest: Der Text ist mir für die Geschichte, die er erzählt, zu kurz. Darum habe ich ihn interessiert gelesen, aber nicht berührt, nicht eingenommen. Ich würde mir daher bei deinem Sprachstil wünschen, du würdest diese Short Story ausarbeiten - Kurzgeschichten können ja durchaus auch zwanzig Seiten lang sein, egal, was Deutschlehrer uns erzählen und genügend Stoff hast du allemal.

Ein Problem gibt es für mich noch: Ich verstehe die Geschichte wohl nicht ganz. Warum gibt es den Erzähler? Vom Leben des Alten könnte genauso gut ohne ihn berichtet werden. Es befremdet mich eher, dass dem Erzähler so viel zum Alten einfällt. Wie jedem, der schreibt, sind mir schon Lebensgeschichten zu Fremden eingefallen, aber so detailreich, während der symbolischen Minute auf der Straße? Nein. Vielleicht geht es hier auch metamäßiger zu, als ich vermute: Liest der Erzähler ein Buch, dessen Protagonist der Alte ist? Der letzte Absatz, den ich überhaupt nicht verstehe, könnte darauf hindeuten. Oder ist der Erzähler eine fiktive Figur, durch die der Alte sich betrachtet? Warum ist er plötzlich kein Kroate? Ich bin auf deine Antwort gespannt.

Gruß
M


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Beitrag #3 |

RE: Melancholie Fremder
Lieber Mr Moonlight,

ich finde, du hast ganz recht dabei, dass durch dir Kürze des Textes eine gewisse Überladung entsteht. Keine durch Rasantheit entsehende, sondern eine, die verhindert, empathische Nähe zum alten Mann zu entwickeln. Wohl zu viel Information, unterfüttert mit zu wenig Fleisch.

Der Titel "Melancholie Fremder" soll uns zwei mal in die Irre führen; und darum auf den richtigen Pfad.

Das Ich behauptet, Zeuge der Melancholie eines Fremden zu sein, ohne davor auch nur ein Wort mit ihm gesprochen zu haben. Tatsächlich fühlt aber das Ich diese Melancholie, vermeintlich jedoch nicht die eigene, sondern jene des Fremden. Durch die Wende am Schluss wird aber klar, dass die Melancholie des Fremden nur der Phantasie des Ich entsprang. Es war die eigene schmerzhafte Weltverbundenheit, die das Ich in diesem Mann etwas sehen ließ, eine exotische Figur. Ein Denkart, die vielen Reisenden zu eigen ist, eine Art innerer, romantischer Kolonialismus.

Die Tatsache, dass der Mann kein Kroate ist, ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. Dass heißt: Alles ein Hirngespinnst, hier der Melancholie verfallen ist einzig das Ich, sonst niemand.

Und dafür, dachte ich, braucht es dieses Ich. Um zu verdeutlichen, dass wir in anderen das sehen, was wir selbst sind.
Das Ich ist unfähig, aus dem eigenen Denkmuster auszubrechen. Kein Hinweis (z.B. fehlender Ehering) lässt an der vermeintlichen körpersprachlichen Erzählung zweifeln. Ja sogar die Physiognomie wird im eigenen Sinne umgedeutet (z.B. Nase).

Der letzte Absatz sollte dazu dienen, dem Leser die Chance zu geben, den Ort des Geschehens punktgenau lokalisieren zu können. Mit dem allerletzten Satz, der ja irgendwie zweitdeutig ist, sollte offen gelassen werden, ob das Ich durch die Antwort des Mannes tatsächlich belehrt wurde oder nicht. Gleichzeitig unterstreicht er noch einmal, wer denn hier eigentlich der vom Weltschmerz geplagte ist.


Den eigenen Text zu erörtern, ist etwas seltsam. Müsste ich es noch einmal tun, würde sicher etwas geringfügig Anderes herauskommen. Icon_smile Icon_irre


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Beitrag #4 |

RE: Melancholie Fremder
Lieber Kristijan,

der "innere Kolonialismus" hat mir geholfen, deine Geschichte besser zu durchblicken. Es geht gar nicht so sehr um die Biographie des Alten, sondern um die Vorstellungskraft des Erzählers und die Gründe, die seine Fantasie beflügeln - er projiziert eine starke Emotion auf jemand anderes und dichtet diesem jemand eine Lebensgeschichte an, die das Gefühl darstellt. Im Folgenden ändere ich meine Meinung leicht: Die Geschichte muss nicht unbedingt länger werden. Stattdessen könnte die Melancholie des Alten stärker herausgestellt werden. Wenn der Erzähler ein Gefühl auf den Alten projiziert, sollte es beim Alten auch deutlich werden: Dafür muss der Junge weinen, wenn sein Vater für gute Arbeit das Land verlassen muss und diese Tränen sollen auch vom Enkel vergossen werden, wenn sein Vater in den Krieg zieht. Ich schrieb zuvor, dass die Geschichte mich nicht berührt; nach deiner Erklärung denke ich, dass die das aber tun sollte, wenn das Leitmotiv der Geschichte die Melancholie ist. Würde sich der Erzähler einen Lebenslauf vorstellen, wenn er seine negativen Gefühle in einem anderen sucht - oder würden Jahreszahlen, Ortsangaben, die genaue Anzahl der Kinder hinter Bildern von Müttern mit blau geschlagenen Augen und Vätern mit geschulterten Gewehren, die nicht wissen, ob sie wiederkommen, anstehen? Wenn man den Lebenslauf weniger detailreich erklärte und die wichtigsten Punkte (Vater weg, er weg, er wieder da, Vater ganz weg, er Krieg, usw.) vor allem so darstellte, dass die Emotionen, die sie auslösen, deutlicher würden, würde auf mich der Erzähler nicht so fremd wirken, wie er es bisher getan hat.
Dein Ansatz gefällt mir gut; so hätte ich die Geschichte nicht aufgenommen. Die Erklärung, die du gibst, führt mich halt nur zu den weiteren Gedanken, die du oben lesen kannst. Es macht Spaß, eine Geschichte zu lesen, die einen zum Nachdenken bringt.


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