Es ist: 05-12-2020, 09:40
Es ist: 05-12-2020, 09:40 Hallo, Gast! (Registrieren)


Roter Punkt
Beitrag #1 |

Roter Punkt
Mein Text ist der Beginn einer auf zwanzig bis dreißig Seiten ausgelegten Geschichte. In ihr geht es um einen jungen Mann, der in eine fremde Stadt flüchtet, um sich zu verstecken, wobei wir zunächst nicht erfahren, wovor er sich fürchtet.
Ich habe hier einen für mich neuen Erzählstil ausprobiert.
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Im Bett eines Hotelzimmers lag, von der Sonne erhellt, der verstorbene Monsieur Miró, wobei anzumerken ist, dass man ihm sein kürzliches Ableben kaum ansah. Seine Augen waren geschlossen und sein Kopf auf seinen ausgestreckten Arm gelegt. Ein Bein war angewinkelt, das andere hing über die Bettkante hinaus in der Luft. Auf dem Nachttisch stand ein Glas Wasser, unangerührt, und trotz des grellen Tageslichtes sah man durch die geöffnete Badezimmertür die dortige Lampe brennen. Auffällig war nur, dass Miró vollständig bekleidet war. Es liegt manchem Erfahrungsschatz sicher nicht fern, morgens aufzuwachen und zu bemerken, dass man sich der Straßenkleidung nicht entledigt und irgendwo im Haus das Licht brennen lassen hatte, doch schien in Mirós Fall kein zu lange gefeiertes Fest Schuld an dem Versäumnis zu sein, sondern der rote Punkt oberhalb seines linken Auges, unter dem ein Fleck getrockneten Blutes Anlass gab, den Mann für tot zu erklären. Das Zimmermädchen, das gerade eintrat, um seiner getakteten Arbeit nachzugehen, hielt den Anblick von Monsieur Miró jedenfalls für eindeutig genug, um den Rest des Hauses davon zu unterrichten: Mit ihrem Schrei verabschiedet man sich von unserer Einführung und lässt den Blick aus dem Zimmerfenster schweifen über die an menschlichen Spuren arme Umgebung des Landhauses und die Berge dahinter.

***

Man blickt von oben herab auf einen Plattenspieler. Auf ihm dreht sich schwarzes Vinyl mit rotem Etikett, von dem aus die Musik ihren Weg aus dem Lautsprecher findet und sich Ohren sucht, die ihr zuhören. Diese Gelegenheit wird ihr genommen, da sie das Zimmer, in dem ihre Mission beginnt, zunächst nicht verlässt. Viel zu laut ist die kleine Kapelle, die im Garten vor dem Fenster einer stattlichen Villa die Gäste unterhält. Wie schade, denn müsste man so auf die Melodie verzichten, die einen bald zum Auslöser der hier erzählten Geschichte führen soll und einem darüber hinaus häufiger begegnen würde, wenn man, so die Hoffnung, der gerade vorliegenden Geschichte bis zur letzten Seite treu bliebe.
Sieht man einmal von der zehnköpfigen Musiktruppe ab, die der Hausherr anlässlich des Geburtstages seiner Frau zusammen mit zahlreichen Gästen in seinem Garten versammelt hat, spielt im ersten Geschoss, im Zimmer der jüngsten Tochter, eben jene Melodie, die für Sie und mich kurz das einzig Wahrnehmbare sein soll, so dass die Gespräche, das Gläserklirren, Gelächter und sonstige Geräuschkulisse nur seh-, aber nicht hörbar sind.
Man folgt der nun erstarkten Plattenspielermelodie aus dem Raum, hinaus über das polierte Holz des Treppenhauses ebendieses hinunter, hin zu den Flügeltüren, die in den Garten führen. Dort durch kleine Gruppen hindurch, die sich in stummen Lippenbewegungen unterhalten, vorbei an einer üppig parfümierten Dame, einem Cocktailkellner ausweichend. In einer Gruppe geben sich zwei Männer nach einem kurzen, abgehackten Wortwechsel gewichtige und geschäftige Hände. Weiter links sitzt jemand auf einem großen Korbstuhl und amüsiert die Leute, die sich zu ebendiesem Zweck um ihn versammeln, mit einer Anekdote. Die Melodie führt einen weiter, schneidet dabei ihren Feind, die zehnköpfige Combo, manövriert um drei spielende Kinder herum und bewegt sich dann langsam, nun nicht mehr schweifend, sondern geradewegs auf den Hausherren zu. Dieser, die Hand auf der Schulter seines Gegenübers, unterhält sich mit jemandem, der zwar seine Frau nicht sehr gut kennt, aber ein für ihn wichtiger Kontakt ist. Bei ihnen steht ein junger Mann, der Sohn des Hauses und lauscht mal andächtig, was den Alten schmeichelt, mal spielt er ihnen Stichwörter zu, was sie freut, da sie dank dieser weiter Loblieder auf sich singen können.
Auf diesen jungen Mann wird gebeten sein Augenmerk zu richten. Er trägt, wie alle Herren vor Ort, einen Anzug und hält ein leeres Glas fest, in dem Eiswürfel schmelzen und bei Gelegenheit klackern, was die Melodie natürlich verhüllt. Sie macht sich gar nicht die Mühe, nach weiteren Ohren zu suchen. Der junge Mann ist ihr genug. Ein Bein leicht gebeugt steht er da und blickt sich nach einem neuen Getränk um, doch die Kellner in weißen Hemden bedienen gerade den Mann, der Anekdoten erzählt und dessen Zuhörer. Davon genervt, der heißen Nachmittagssonne, die das Tragen eines Anzugs bereits schwierig gestaltet, keinen Drink entgegensetzen zu können, entschuldigt sich der Sohn und verlässt die kleine Runde, um sich selbst zu versorgen. Das Glas in der Hand, geht er auf die Gartentür zu, von der ihn einige zehn Meter und ebenso viele Personen trennen. Er denkt nicht über die Gesichter nach, die er seines schnellen Schrittes wegen nur kurz passiert, bis ein unbehaarter Kopf, der, in Ermangelung eines Halses, seinen Kragen und Krawattenknoten nach unten drückt, seinen ganzen Blick einnimmt.
Der junge Mann heißt Gianni und die Melodie stoppt.


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Beitrag #2 |

RE: Roter Punkt
Mmm, das ist nicht ganz so einfach. Du schreibst aus der Position des allwissenden Erzählers, wendest dich an den Leser in der "man" oder "leide"-Perspektive. Der Text ist als Zeichner einer Stimmung gut gelungen. Es ist so die typische Cocktailparty-Athmosphäre der 70er und 80er, wie man sie aus einschlägigen Filmen über Erdöldynastien kennt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.


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Beitrag #3 |

RE: Roter Punkt
Lieber Schreibfisch,

eben so eine manierliche Stimmung wollte ich erzeugen. Schön, dass sie angekommen ist. Danke für deinen Kommentar!

Gruß!


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Beitrag #4 |

RE: Roter Punkt
Hallo Mr. Moonlight,
ich wollt mal nur schnell schauen, welche neue Geschichte es gibt, und dann hat mich dein Text schnell hineingezogen, auch wegen des ungewöhnlichen Stils, und jetzt liest du hier meinen Kommi. So kanns gehen Icon_smile

Zitat:Ein Bein winkelte er an, das andere hing über die Bettkante hinaus in der Luft
Ein bein winkelte er an, das ist für mich der aktive Vorgang, sein Bein von der ausgestreckten Haltung am Knie zu beugen und abzusetzen. Da Mr Miro aber tot ist und deshalb kaum noch in der Lage, Handlungen aktiv auszuführen, würde sich für mich: Ein Bein hatte er angewinkelt, also die Vorvergangenheit, besser anhören.


Zitat:Mit ihrem Schrei verabschiedet man sich von unserer Einführung und lässt den Blick aus dem Zimmerfenster schweifen über die an menschlichen Spuren arme Umgebung des Landhauses und die Berge dahinter.
Ich mag den Erzähler, aber bin mir mit den Pronomen noch nicht so ganz sicher. Verabschiedet man sich von unserer Einleitung, da hätte ich: Verabschieden wir uns von unserer Einleitung, (wobei du das wir soweit ich gelesen habe, nicht mehr aufgreifst), oder: verabschiedet man sich von der Einführung//lässt man die Einführung hinter sich" konsequenter gefunden7

Zitat:Diese Gelegenheit wird ihr genommen, da sie das Zimmer, in dem ihre Mission beginnt, nicht verlässt. V
Huch, kompliziert. Aber ich komm noch mit Icon_smile einzig - also, warum sollte der Schall das Zimmer nicht verlassen, weil ein anderer schall lauter tönt? Schwallwellen kommen doch aus dem zimmer raus, außer es ist super abgedichtet, sie gelangen nur nicht ans ohr, weil das schon mit den anderen, lauteren schallwellen beschäftigt ist...

Zitat:Das ist schade, da man nun gleich zu Beginn der Geschichte auf das Lied verzichten muss, das einem in Kürze den Auslöser dafür zeigen wird, warum diese Geschichte überhaupt erzählt wird, und einem darüber hinaus häufiger begegnen würde, wenn man, so die Hoffnung, der gerade vorliegenden Geschichte bis zur letzten Seite treu bliebe.
Puh, also das ist ein Satz, das ist ein Schachtelsatz, der mich kurz innehalten lässt, ob ich der Geschichte bis zur letzten Seite hin treu bleibe Icon_smile vllt. kannst du diese sätze ein bisschen entschachteln?

Zitat:uss aufpassen, dass drei spielende Kinder sich nicht vor, hinter, neben ihr und überall beim Tanzen die Beine aufschlugen
Gegenwart? (aufschlagen)? Warum muss die Musik da aufpassen?

Zitat:it jemandem unterhielt, der zwar seine Frau nicht sehr gut kannte, aber ein für ihn wichtiger Kontakt war.
Vorher warst du die ganze Zeit in der Gegenwart, jetzt auf einmal vergangenheit.
Aber ein für ihn wichtiger Kontakt war, dass würd ich konkretisieren, passt schön in deine Geschichte find ich und charakterisiert den Hausherrn ein bisschen. Ein für ihn wichtiger Kontakt, das klingt ausweichend.
Ist es sein schwuler Lover? Oder sein Chef, oder ein Typ aus einem Konkurrenzunternehmen, bei dem er anheuern will?

Zitat:nicht über die Gesichter nach, die er seines schnellen Schrittes wegen nur kurz passierte, bis ein unbehaarter Kopf, der, in Ermangelung eines Halses, den weißen Kragen und den Krawattenknoten, auf denen er saß, nach unten drückte, seinen ganzen Blick einnahm.
Auch diesen Satz würd ich entschachteln...

Ich bin gespannt. Deine Geschichte ist wie ein Film geschrieben, nur in einem Film hätte man Probleme, einer Musik durch eine Gartenparty zu folgen, weil sich Musik in einem Film schwer darstellen lässt. Dieser Teil war, fand ich, die stärkste Szene in deiner Geschichte. Aber es gab auch andere, echt vergnügliche Momente: als der Schrei des Zimmermädchens ertönt, als sich die alten amüsieren, auch dank der einwürfe des jungen Mannes. Der Erzähler kommt humorvoll rüber, zuweilen etwas süffisant, er ist dir, finde ich, schön gelungen. In der Einführung ist er, so scheint es mir, noch stärker präsent, als ab Beginn des Hauptteils deiner Geschichte. Das muss kein Nachteil sein, weil du ja, neben allen erzählerischen Einwürfen, ja auch mit der Geschichte vorankommen willst.
Hat mir gefallen und ist definitiv mal etwas erfrischend anderes.
LG
Senf


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Beitrag #5 |

RE: Roter Punkt
Lieber Senfglas,

es tut mir wirklich Leid, dir erst jetzt zu antworten. Bei mir hat es einige Veränderungen gegeben, weshalb ich, seit ich diesen Text eingestellt habe, nicht im Forum aktiv war. Zunächst einmal vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich, dass er positiv ausfällt und ich möchte dir auf die Teile, die du hervorgehoben hast, antworten.

>>> "man" und "wir"
Meiner Meinung nach ist es eine Gepflogenheit, "man" und "wir" gleichzusetzen. Die Briten tun es, wenn sie mit "one" von sich selbst allein oder mit anderen sprechen; dort gehört es zur sozialen Hochsprache. Im Französischen wiederum ist es, so weit ich weiß, umgangssprachlich, "on" ("man") anstelle von "nous" ("wir") zu benutzen. Und auch im Deutschen kommt es mir vertraut vor, denke ich z.B. an Formulierungen wie "Man spricht Deutsch" oder "Wir sind ja hier sehr ruhig/auf Ordnung bedacht/etc." (wenn man dabei von seinem Mietshaus oder seinem Dorf spricht, einschließlich der Menschen, die man nicht kennt), weshalb es mir natürlich vorkommt, "man" und "unsere" miteinander zu benutzen. Ob das Ganze völlig grammatisch ist, weiß ich an dieser Stelle allerdings nicht.

>>> Die Musik
Ich kann verstehen, dass die Bewegungen der Musik physikalisch nicht sinnvoll sind und vielleicht auch nicht ganz nachvollziehbar, doch sollte man sie sich als Figur vorstellen: Wie ein Platzanweiser bringt uns die Musik zum Hauptcharakter.
Die Tatasache, dass sie zu Anfang das Zimmer nicht verlassen kann, weil es draußen zu laut ist, ist schalltechnisch natürlich Humbug, aber darum ging es mir hier gar nicht. Stattdessen sollte die folgende Stille, die uns nur die Melodie hören lässt, dadurch stärker werden, dass es vorher andere Geräusche gab. Mir gefällt dabei sehr gut, dass du die Szene wie einen Film beschreibst. Wenn du erwähnst, dass es beim Lesen schwer ist, der Musik zu folgen, so wie ich es beschreibe, dann folge halt der Kamera. Wie eine unsichtbare Person, die von niemandem wahrgenommen wird, schlängelt sich dein Blick durch die Partygäste, ohne jegliche Hintergrundgeräusche, bis auf diese Melodie. Und als Gianni den dicken Mann erblickt, stoppt die Musik - Stille - die Hintergrundgeräusche werden wieder lauter, die Realität beginnt - bald geht's weiter.

>>> Lange Sätze
Ja, ja, ja, ich weiß, dass sie fürs Lesen zu lang sind, aber das Schreiben solcher Sätze macht mir einfach Spaß. Mal sehen, wie es in der Überarbeitung weitergeht. EDIT: Na gut, der vorletzte Satz ist jetzt aufgeteilt.


Noch einmal vielen Dank für deine Kritik! Ich habe mich besonders über den Filmvergleich gefreut, da ich den Text auf seine Optik angelegt habe, d.h. ich irgendwie kontrollieren möchte (ach, du meine Güte), was der Leser vor Augen hat. Ich werde gleich die Tempus-Schnitzer ausbessern, da ich tatsächlich manchmal ins Präsens gerutscht bin, und dann mithilfe des kommenden Motivationsprojekts weiterschreiben.

Viele Grüße,

MM


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Beitrag #6 |

RE: Roter Punkt
Hallo Mr.Moonlight,
Ich habe die vorigen Kommentare nicht gelesen und es kann sein, dass ich wiederhole, was andere schon vor mir bemerkten.

Auf dem Nachttisch stand ein Glas Wasser, unangerührt, und trotz des grellen Tageslichtes sah man durch die geöffnete Badezimmertür die dortige Lampe brennen.

...unangerührt... ist das wichtig zu wissen? unangerührt klingt so, als wäre das Wasserglas nicht beleidigt. unberührt ist vielleicht besser? ... die (dortige) Lampe brennen


Mit ihrem Schrei verabschiedet man sich von unserer Einführung und lässt den Blick aus dem Zimmerfenster schweifen über die an menschlichen Spuren arme Umgebung des Landhauses und die Berge dahinter.

Dieser Satz klingt gestelzt. unnatürlich

Danach bin ich ausgestiegen, weil es sehr mühsam weitergeht...

Dass du einen neuen Stil ausprobierst, finde ich toll, weil man ja doch sonst nur immer in einem Fahrwasser plätschert. Danke für den Sprung ins kalte Wasser
lg Pendlbäuerin


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Beitrag #7 |

RE: Roter Punkt
Liebe Pendlbäuerin,

danke für deinen Kommentar. Es tut mir leid, dass die Geschichte dich nicht fesseln konnte. Umso schöner ist es, dass du trotzdem Veränderungen vorschlägst.

>>> "anrühren" und berühren"
Essen und Getränke rührt man an. Mann kann sie auch berühren, doch würde man sich dabei entweder die Finger verbrennen oder sie nass machen. Meistens wird ersterer Ausdruck negativ verwendet, wenn man also ein Gericht oder ein Getränk nicht anrührt, d.h. nicht zu sich nimmt. Im Text ist gemeint, dass das Glas Wasser noch voll ist, wobei ich an dieser Stelle einfach mal nicht diskutiere, ob die Informationen notwendig ist; die Frage danach ist aber berechtigt. Das Glas Wasser bleibt daher auch in zukünftigen Textfassungen "unangerührt", da nicht aus ihm getrunken wurde.
Ich widerspreche dir darüberhinaus sogar, wenn du sagst, "unangerührt" klinge wie "nicht beleidigt": "Angerührt" bedeutet nicht, dass jemand (hier: etwas) beleidigt ist, denn nur wenn jemand berührt von etwas ist, wird er emotional davon beeinflusst; die gleiche Bedeutung gibt es, meiner Ansicht nach, für das Wort "angerührt" nicht. Mitunter benutzen Zeitungen in solchen Fällen das Wort "angefasst" (etwa "die Menschenmenge war sichtlich angefasst"), was mir nicht gefällt. Wie gesagt, geht es hier darum, dass nicht aus dem Glas getrunken wurde: Das Glas Wasser ist also unangerührt bzw. wurde nicht angerührt. Dennoch könnte es sein, dass es berührt wurde, z.B. wenn jemand das Glas (also das Gefäß) mit dem Finger angestupst hätte.

Danke nochmal für dein Feedback und den Ansporn, mal etwas Neues auszuprobieren!

Gruß,

MM


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Beitrag #8 |

RE: Roter Punkt
Hallo Mr Moonlight,

wir hatten noch nicht das Vergnügen, aber ich bin gerade über Deinen interessanten Text gestolpert und möchte Dir einen Kommi dazu dalassen. Ich bin von der pingeligen Sorte Icon_ugly, aber Kritik ist niemals persönlich gemeint. Nimm davon, was Du gebrauchen kannst und vergiss den Rest Icon_wink

Zitat:Ein Bein winkelte er an, das andere hing über die Bettkante hinaus in der Luft.
Da er tot ist, kann er sein Bein schlecht anwinkeln - hier muss ein Passiv her.

Zitat:Das Zimmermädchen, das gerade eintrat, um seiner getakteten Arbeit nachzugehen, hielt den Anblick von Monsieur Miró für eindeutig genug, um den Rest des Hauses davon zu unterrichten:
Zweimal das und in dieser Konstellation liest sich nicht gut. Ich weiß, dass Du lange Sätze magst, aber hier ist es vielleicht besser, zwei Sätze zu verwenden, um dem doppelten unschönen Das aus dem Weg zu gehen:
Ein Zimmermädchen trat ein, um seiner getakteten Arbeit nachzugehen. Es hielt den Anblick von Monsieur Miró für eindeutig genug, um den Rest des Hauses davon zu unterrichten:

Zitat:Mit ihrem Schrei verabschiedet man sich von unserer Einführung und lässt den Blick aus dem Zimmerfenster schweifen über die an menschlichen Spuren arme Umgebung des Landhauses und die Berge dahinter.
Man und unser ist hier sehr seltsam. Das klingt für mich wie ein offizielles Firmenschreiben, passt für mich stilistisch nicht in diese Geschichte. Muss es unbedingt "Einführung" heißen? Außerdem schaut man ja noch aus dem Fenster, bevor man sich aus dieser Einführung verabschiedet, wäre es nicht schlüssiger, wenn es in der umgekehrten Reihenfolge stehen würde? Sonst geht vielleicht auch:
Begleitet von ihrem Schrei verabschiedet man sich von dem Toten und lässt den Blick aus dem Zimmerfenster schweifen über die an menschlichen Spuren arme Umgebung des Landhauses und die Berge dahinter. Ich hab' nicht immer die besten Beispiele parat Smiley_emoticons_blush, aber Du weißt sicher, wie ich es meine.
So, das also war die Einführung, ich mag diesen Erzählstil und verschachtelte Sätze, er erinnert mich an alte Krimis. Dann mal weiter.

Zitat:Man blickt von oben herab auf einen Plattenspieler. Auf ihm dreht sich schwarzes Vinyl mit rotem Etikett, von dem aus die Musik ihren Weg aus dem Lautsprecher findet und sich Ohren sucht, die ihr zuhören. Diese Gelegenheit wird ihr genommen, da sie das Zimmer, in dem ihre Mission beginnt, nicht verlässt. Viel zu laut ist die kleine Kapelle, die im Garten vor dem Fenster der stattlichen Villa die Gäste unterhält. Das ist schade, da man nun gleich zu Beginn der Geschichte auf das Lied verzichten muss, das einem in Kürze den Auslöser dafür zeigen wird, warum diese Geschichte überhaupt erzählt wird, und einem darüber hinaus häufiger begegnen würde, wenn man, so die Hoffnung, der gerade vorliegenden Geschichte bis zur letzten Seite treu bliebe.
Die Idee und die Andeutung der Rolle, die die Musik spielen wird, finde ich sehr gut. Mit den Formulierungen komme ich nicht so gut klar. Es ist durchaus alles verständlich und auch grammatikalisch richtig, aber erzählerisch ist mir das noch nicht rund genug. Am meisten stört mich der Satz: Diese Gelegenheit wird ihr genommen ..., ohne dass ich es jetzt besser machen könnte. Zweimal hinternander "da man" und dann noch ein "wenn man" finde ich schwierig.

Zitat:Sieht man einmal von der zehnköpfigen Musiktruppe ab, die der Hausherr anlässlich eines Geburtstages seiner Frau zusammen mit zig Gästen in seinem Garten versammelt hat, spielt im ersten Geschoss, im Zimmer der jüngsten Tochter, eben eine Melodie, die für jemandes Ohren kurz das einzig Wahrnehmbare sein soll, so dass die Gespräche, das Gläserklirren, Gelächter und sonstige Geräuschkulisse nur seh-, aber nicht hörbar sind.
"zig" bricht hier den Stil.
In diesem Satz irritiert mich das "sieht man einmal von der .... ab, "
Es passt für mich nicht mit dem Rest des Satzes zusammen. Du willst ja ausdrücken, dass es außer der Kapelle noch mehr Geräusche wie Gläserklirren, usw. gibt. Dann müsste es eher:
"Sieht man einmal vom Lärm der zehnköpfigen Musiktruppe ab, " heißen.
Das "kurz" würde ich mit "für kurze Zeit" ersetzen, das erscheint mir eindeutiger. Icon_smile Es ist auch nicht klar, wen Du mit "jemandes Ohren" meinst: Den Leser, der einen Eindruck von der Atmosphäre in dem Zimmer bekommen soll, oder einen tatsächlich anwesenden Besucher? Warum ist dieser Raum überhaupt wichtig?

Zitat:Man folgt der nun erstarkten Plattenspielermelodie aus dem Raum, hinaus über das polierte Holz des Treppenhauses ebendieses hinunter, hin zu den Flügeltüren, die in den Garten führen.
Jetzt wird es verwirrend: Wieso erstarkt die PLattenspielermelodie? Hat das Zimmermädchen die Tür offen gelassen, und deshalb hört man sie? Was ist mit ihrem Schrei? Hat den niemand gehört? Oder ist der Raum der Tochter derselbe, in dem der Tote liegt?Icon_panik

Zitat:Dort durch kleine Gruppen hindurch, die sich in stummen Lippenbewegungen unterhalten, vorbei an einer üppig parfümierten Dame, einem Cocktailkellner ausweichend.
Niemand unterhält sich auf einer Cocktailparty mit stummen Lippenbewegungen. So jedenfalls meine Erfahrung. Icon_slash

Zitat:Die Melodie führt einen weiter, schneidet dabei ihren Feind, die zehnköpfige Combo, muss aufpassen, dass drei spielende Kinder sich nicht vor, hinter, neben ihr und überall beim Tanzen die Beine aufschlagen und bewegt sich dann langsam, nun nicht mehr schweifend, sondern geradewegs auf den Hausherren zu, der, die Hand auf der Schulter des Gegenübers, sich mit jemandem unterhielt, der zwar seine Frau nicht sehr gut kannte, aber ein für ihn wichtiger Kontakt war.
Plötzlich führt einen die Musik des Plattenspielers? Wie soll die gegen eine zehnköpfige Kombo ankommen? Was ist mit dem Zimmermädchen und dem Schrei?
Zitat:dass drei spielende Kinder sich nicht vor, hinter, neben ihr und überall beim Tanzen die Beine aufschlagen
Das ergibt für mich keinen Sinn. Da Du hier einen sehr langen Schachtelsatz verwendest, würde ich es ersatzlos streichen.

Zitat:Bei ihnen steht ein junger Mann, der Sohn des Hauses und lauscht mal andächtig, was den Alten schmeichelt, mal spielt er ihnen Stichwörter zu, was sie freut, da sie dank diesen weiter Loblieder auf sich singen können.
Das "spielt" passt für mich hier nicht. Und wieder ein Nebensatz mit "da sie". Du verwendest dieses Konstrukt sehr oft und das wird beim Lesen schnell langweilig.

Zitat:Er trägt, wie alle Herren vor Ort, einen Anzug und hält ein leeres Glas fest, in dem Eiswürfel schmelzen und bei Gelegenheit klackern, was die Melodie natürlich verhüllt, die sich gar nicht die Mühe macht, nach weiteren Ohren zu suchen.
Hier stört mich die Formulierung "was die Musik natürlich verhüllt". Warum natürlich?

Zitat:Doch ein unbehaarter Kopf, der, in Ermangelung eines Halses, den weißen Kragen und den Krawattenknoten, auf denen er saß, nach unten drückt, nimmt seinen ganzen Blick ein.
"auf denen er saß" ist überflüssig.

Zitat:Der junge Mann heißt Gianni und die Melodie stoppt.
Der Schlusssatz gefällt mir sehr gut, aber leider funktioniert für mich in der Geschichte das mit der Melodie nicht. Das hängt vor Allem mit diesem Satz zusammen, den Du oben benutzt:
Zitat:Das ist schade, da man nun gleich zu Beginn der Geschichte auf das Lied verzichten muss,...

Ich finde, Du hast da einen Anfang, der großes Potenzial hat und einen altklassischen Erzählstil, der interessant ist, an dem Du aber sicher noch feilen musst. Ich bin sehr gespannt darauf, wie es weitergeht. Pro

Liebe Grüße von slainte music


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Beitrag #9 |

RE: Roter Punkt
Lieber Slainte,

vielen Dank für deinen Kommentar. Genau solche Rückmeldungen wünscht man sich: konstruktive Kritik. Es freut mich, dass dir der Stil gefällt und kann nachvollziehen, dass er an mancher Stelle noch nicht rund wirkt. Ich bin nicht sicher, ob ich während des nächsten Schreibimpulses an diesem Text arbeite, doch er könnte ein metaphorisches Bügeleisen sicher gebrauchen.

Ich möchte im Detail auf deine Anmerkungen antworten, dich zuerst aber auf etwas hinweisen, das du wohl überlesen hast. Im Text heißt es:
"... eben eine Melodie, die für jemandes Ohren kurz das einzig Wahrnehmbare sein soll, so dass die Gespräche, das Gläserklirren, Gelächter und sonstige Geräuschkulisse nur seh-, aber nicht hörbar sind."
Das bedeutet also, dass, abgesehen von der Melodie des Plattenspielers, alle Geräusche verstummen. Die Stimmung, die ich hier erzeuge, ist natürlich künstlich und vielleicht würde es helfen, die Melodie zu beschreiben, wenn sie doch eine so wichtige Rolle spielt: Wie klingt sie, wie schnell ist sie, etc. Dem weiteren Verständnis hilft mitunter meine Antwort an Senfglas, oben:
"Wenn du erwähnst, dass es beim Lesen schwer ist, der Musik zu folgen, so wie ich es beschreibe, dann folge halt der Kamera. Wie eine unsichtbare Person, die von niemandem wahrgenommen wird, schlängelt sich dein Blick durch die Partygäste, ohne jegliche Hintergrundgeräusche, bis auf diese Melodie. Und als Gianni den dicken Mann erblickt, stoppt die Musik - Stille - die Hintergrundgeräusche werden wieder lauter, die Realität beginnt - bald geht's weiter."

>>>"Einführung"
Schön, dass du an alte Krimis denkst. Die Geschichte ist zwar nicht unbedingt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesiedelt, aber ich mag Agatha Christie sehr gern und dazu Erzählstile, die auschweifend sind und den Leser selbst ansprechen, so als hätte man einen Conferencier im Frack, der einen durch die Geschichte führt. Ich bin nicht sicher, was dich am letzten Satz der Einführung stört, aber die Tatsache, dass dir etwas aufgefallen ist, wird mich diesen Teil nochmal aufmerksam lesen lassen.

>>>Wiederholungen und "Stilbrecher"
Du hast recht, dass ich einige Formulierungen benutze, die nicht zur restlichen Erzählweise passen und an einigen Stellen in einem Satz identische oder ähnliche Formulierungen benutze.

>>>Slaine: "Warum ist dieser Raum überhaupt wichtig?"
Haha! Gute Frage. Der Raum spielt eigentlich keine Rolle, außer das die Musik, die uns durch die Menschenmege zu Gianni führt, dort ihren Weg beginnt. Ich werde hierüber nachdenken müssen.

>>>Hotel vs. Privathaus
Die Einführung und der zweite Teil spielen an unterschiedlichen Orten. Die Tatsache, dass die Musik erstarkt und das Zimmer verlässt, liegt an ihrem Auftrag, uns zu Gianni zu führen, doch vor der schockierenden Entdeckung, die er macht, eine alltägliche, freundliche Stimmung zu erzeugen. Dass dir nicht aufgefallen ist, dass es zwei verschiedene Orte sind, beunruhigt mich. Ich muss gleich nochmal drüberschauen. Eigentlich sollte der letzte Satz klar machen, dass wir uns vom Hotel entfernen: "Mit ihrem Schrei verabschiedet man sich von unserer Einführung und lässt den Blick aus dem Zimmerfenster schweifen über die an menschlichen Spuren arme Umgebung des Landhauses und die Berge dahinter. " Man schaut ja in die Ferne und damit meinte ich, man bewegt sich fort vom Ort der Einführung.

>>>"Das ist schade, da man nun gleich zu Beginn der Geschichte auf das Lied verzichten muss,..."
Stimmt, der Satz verwirrt: Man muss auf die Musik verzichten und ein paar Zeilen später spielt sie eine so große Rolle. Hier muss ich nochmal ran.


Ich denke, dass ich eine Filmszene im Kopf habe, die ich aufs Papier bringen will, was mir einfach nicht so gelungen ist, wie ich es mir wünsche. Ich sollte also weniger an einen Film denken, als an eine mit Worten erzählte Szene.
Vielen Dank nochmal für deine Kritik; sie hat mich zum Nachdenken gebracht.


Gruß!

MM


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Beitrag #10 |

RE: Roter Punkt
Hi Mr. Moonlight,

es freut mich, dass Du ein paar Anregungen für Deine Geschichte gefunden hast. Wie gesagt, die Idee dahinter finde ich sehr ansprechend
Zitat:Ich möchte im Detail auf deine Anmerkungen antworten, dich zuerst aber auf etwas hinweisen, das du wohl überlesen hast. Im Text heißt es:
"... eben eine Melodie, die für jemandes Ohren kurz das einzig Wahrnehmbare sein soll, so dass die Gespräche, das Gläserklirren, Gelächter und sonstige Geräuschkulisse nur seh-, aber nicht hörbar sind."
Das bedeutet also, dass, abgesehen von der Melodie des Plattenspielers, alle Geräusche verstummen.
Deine Erklärung hilft mir weiter. Ich hatte das völlig anders interpretiert. Ich würde da nicht jemandes Ohren schreiben, sondern vielleicht schon eine Andeutung machen, auf wen es hinausläuft. Ich hatte ja Probleme damit, "jemand" einzuordnen - entweder ein Gast oder der Leser?
Auch der Ortswechsel ist mir in der Tat entgangen, ich nahm an, dass der Garten mit der Kapelle unmittelbar vor dem Hotel liegt.
Am letzten Satz der Einführung stört mich einfach nur das zweimalige "das". Mrgreen Wenn es Dich nicht stört, dann lass es so. Ich bin aber auch zu empfindlich Icon_lol

Ich freu mich, wenn Du Spaß hast, daran zu arbeiten und lese auch gern weiter. Pro
Ich bin übrigens weiblich Icon_ugly

Liebe Grüße von slainte music


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