Es ist: 05-12-2020, 10:30
Es ist: 05-12-2020, 10:30 Hallo, Gast! (Registrieren)


Roter Punkt (2)
Beitrag #1 |

Roter Punkt (2)
Die Abschnitte der Geschichte, die ich hier poste, sind kürzer als viele andere im Forum. Da sie aber auch im Fließtext nun mal nicht länger sind, hoffe ich, dass sie einen Eindruck der Stimmung der Geschichte wiedergeben, die ich im Großen plane.
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Eine Flasche Wein stand, mit einem Korken wiederverschlossen, auf dem tiefen Fensterbrett, zwischen den Rahmen und das hüfthohe französische Gitter geklemmt. Valerie versuchte zunächst, den Korken mit den Händen herauszuziehen, doch bediente sich, als sie nicht genügend Kraft aufbrachte, ihrer Zähne. Den Wein kippte sie in das Glas, das sie am Vorabend benutzt hatte und das noch immer fleckig rot auf dem altmodischen Fernseher stand, da sie beim Verlassen des Zimmers das ebenso rote Schild an die Türklinke gehängt hatte, um die Zimmermädchen draußen zu halten.
Ihr Bett hatte sie beim Verlassen eilig selbst gemacht und setzte sich nun auf die Tagesdecke, ihren feinen Körper mit einer Hand stützend, und nahm einen Schluck, ohne das Glas dabei anzusehen, dann noch einen und einen dritten, tiefen bis sie das Glas geleert hatte. Erst jetzt legte sie ihren leichten Mantel ab, schleuderte mit einer Trittbewegung die Schuhe von ihren Füßen und musste einige Versuche unternehmen, bis ihre hinter dem Rücken verschränkten Arme den Reißverschluss des Kleides öffneten. Sie zog das Kleid nicht aus, setzte sich wieder aufs Bett, goss Wein nach, diesmal bis über die weiteste Stelle des Glases hinaus. Das Zimmer bot nur einem Bett und der hölzernen Kommode Platz. Die Tapete mit einem Muster, das den Augen auf Pfauenfedern glich, war weit oben an der Decke von Feuchtigkeit verdunkelt und eingerissen.
Valerie öffnete das Fenster nun ganz, vergewisserte sich, dass man sie im mitternächtlichen Mondschein nicht sehen konnte und ließ ihr Kleid auf den Boden fallen. An den Fensterrahmen gelehnt, setzte sie das Weinglas an die Lippen und entzündete eine Zigarette.
Über den Dächern der Stadt, vielleicht auch genau vor sich, zog der vergangene Abend an ihr vorbei, an dem sie mit aufgesetztem Vergnügen die Damen und Herren des Kuratoriums unterhalten hatte. Mit ausladenden Gesten hatte sie Personen einander vorgestellt, um sie gleich danach mit einer einführenden Bemerkung miteinander ins Gespräch zu beginnen und war dann zur nächsten kleinen Gruppe gewechselt, um Präsenz zu zeigen und sicherzustellen, dass niemand sich langweilte. Dabei hatte sie das Buffet stets nur passiert, aber keine Zeit gefunden, sich an ihm zu bedienen. Sie bemerkte ihren Hunger, legte die Hand, die die Zigarette hielt, auf den Bauch und nahm einen großen Schluck Wein, um ihn zu beruhigen.
Diese Menschen kannten sie unter dem Namen Mylène. Manche der älteren Herren nannten sie Fräulein Mylène und glaubten, kokett zu wirken, doch wusste sie, dass diese Herren unter ihrer Gediegenheit versteckt glaubten, das Fräulein würde sie nach einem gelungenen Abend der Wohltätigkeit in ihre Stadthäuser begleiten. Valerie nahm sich stets vor, die Blicke der Herren nicht zu bedienen. Das, was diese für finanzielle Großzügigkeit hielten – unsinnig, wenn man bedachte, dass sie verschwindend geringe Teile ihrer Vermögen für den guten Zweck aufbrachten – wurde jedoch gesteigert, wenn Valerie jeden einzelnen von ihnen glauben ließ, das sie an ihm nicht nur wegen seines Geldes interessiert wäre. Deshalb schlug sie ihre Augen jedem Mann gegenüber auf die besondere Weise auf, bei der sie ihren Kopf aus einer leicht hängenden Haltung heraufwandern ließ, als gäbe sie damit ein zaghaftes Versprechen. Wenn der entsprechende Herr, beflügelt vom Schampus, dann lächelte und dachte, diesen Augenaufschlag selbst herbeigeführt zu haben, bewahrte Valerie den Ausdruck im Gesicht, doch dahinter wünschte sie dem Herren die Pest.
Neben dem Bett stand ein Metallkoffer, den sie auf dem Weg vom barocken Festsaal in ihr Hotelzimmer nicht losgelassen hatte. Er war gefüllt mit Umschlägen, diese wiederum mit Banknoten, deren genauen Wert sie noch würde bestimmen müssen. Der Fahrer hatte sie vor einem der Grand Hotels abgesetzt, das sie betreten und, als die Limousine davongefahren war, wieder verlassen hatte, um sich von einem Taxi in die Pension bringen zu lassen, aus der sie nun schaute und hoffte, dass der Koffer genug enthielt, damit sie die Stadt würde verlassen können.


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Beitrag #2 |

RE: Roter Punkt (2)
Hallo Mr. Moonlight,

die Geschichte gefällt mir. Kannst Du sie zum Ende hin noch ein wenig ausbauen? Ist die Dame in der kurzen Geschichte vielleicht eine Rocker-Lady, die ältere, unbedarfte Herren der Schöpfung ausgenommen und sich an ihnen bereichert hat? Befindet sie sich vielleicht auf der Flucht, weil sie von einem der betrogenen Herren gesucht wird, weil der sein Geld zurückhaben möchte?

Ansonsten gefällt mir die Geschichte. Vielleicht noch Blocksatz und Zeilenschaltung zwischen den Absätzen - aber bitte, das ist Geschmackssache.

Viele Grüße

Andreas


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Beitrag #3 |

RE: Roter Punkt (2)
Hallo Mr Moonlight,

Normalerweise bin ich ja nicht dafür, dass die einzelnen Kapitel so lang sind, denn da verliert man schnell den Überblick und auch die Lust zu lesen.
Jetzt änderst du die komplette Perspektive. Hat das einen bestimmten Grund. 
Ich denke auch, das Valerie Dreck am Stecken hat. Ansonsten kann ich nicht viel dazu sagen. Wäre toll, auch den Rest erfahren zu dürfen.

Liebe Grüße Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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