Es ist: 05-12-2020, 09:32
Es ist: 05-12-2020, 09:32 Hallo, Gast! (Registrieren)


Wenn alle Wege offen sind
Beitrag #11 |

RE: Wenn alle Wege offen sind
Hallo Addi,

das ist mal ein Text, bei dem ich als erste Reaktion weniger den Text in Form und Gestaltung besprechen möchte, sondern den Inhalt an sich. Du beschreibst eine Situation, in der sich sicher viele wiederfinden und die gleichermaßen zermürbend, aussichtlos und langweilig ist: Bewerbungen zu schreiben. Hoffen, die richtigen Worte zu finden. Zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Aus der Masse herauszustechen. Wo ist der viel beschworene Fachkräftemangel, wenn man ihn mal braucht? (Berufsbedingte Einsicht: natürlich nicht bei den Akademikern.) Klagt nicht alle Welt über den demografischen Wandel? Wo sind denn die freien Jobs?
Und dann eine zweite Ebene, die du hier nicht besprichst (weil du örtlich kaum gebunden bist?): Wie schaffen es Leute, zwei Jobs in einem Ort, in einer Region zu finden? Zweimal das Glücksrad zu drehen und es an derselben Stelle zum Halten zu bringen? Ist unsere Generation, unsere Zeit so neu, so anders? Die Möglichkeiten sind so vielfältig, aber nie dort, wo man sie gerade bräuchte. Wie war das mit Generation Y, auf die sich Unternehmen einstellen müssen. Wenn sich Bewerber dann doch durch monatelange Verfahren zwängen müssen: Internettest, Assessment Center, Auswahlgespräch - und dann entscheidet doch die Nase im persönlichen Gespräch. So viel gesiebt und die anderen sind ja doch irgendwann genauso gut oder schlecht qualifiziert.

Aber: Dein Text behandelt nicht (nur) diese negativen Aspekte. Er schaut auch nach vorn, und das gefällt mir sehr gut: Was möchte ich eigentlich? Wer will ich werden? Plötzlich entscheiden Glück und Zufall doch ein ganz großes Stück darüber, was man anderen Leuten bald erzählen wird, wer man ist und was man tut for a living. Eine spannende Zeit mit so vielen Wegen, die möglich wären. Unsere Erwerbsbiographien sind ja auch nicht mehr klassisch, sondern es ist durchaus üblich, mal hier, mal dort drei, vier, fünf Jahre zu arbeiten. Und dann woanders. Das Spiel des Lebens, das Rad drehen, abwägen: Was bin ich, was könnte ich sein. Die Ungewissheit hat ja auch etwas Positives, etwas Kreatives. Und auch wenn dein abschließender Satz ganz anders klingt, nicht positiv, nicht kreativ, sondern eher deterministisch: Ich lese in deinen Text nicht nur Sorgen hinein.

So, das war jetzt wenig textlich und viel nur sachlich. Dein Text ist gut geschrieben, mir gefallen die Bildlichkeit, die knackigen Formulierungen, der leicht resignierende Unterton in Aussagen wie "Einmal Ich zum Sonderangebot."
Ein paar kleine Anmerkungen aber doch:
Zitat:Meine Augen wandern noch einmal über den Text, suchen nach mir in den Zeilen – das Herz ist unentschlossen wie so oft.
"mir" würde ich hervorheben, zB kursiv
Ach, und nach dem Bindestrich habe ich sofort gelesen "das Herz verschließt sich und bleibt unentschlossen" Icon_wink
Zitat:Aber die Agentur für Arbeit sitzt auf der Schulter, flüstert einem in Dauerschleife Eile ein.
Hier würde ich perspektivisch beim "mir" bleiben
Zitat:Wo einst phantastische Welten aus dem Nichts erwuchsen, Drachen ihre Schatten über blühende Felder warfen und Trolle mit mächtigen Keulen Elfen niederwalzten, versuche ich nun, mich in drei Absätze zu quetschen.
Zitat:Acht bis zehn Stunden pro Tag an Spinnen, Spinnendrüsen und den Bestandteilen von Spinnenfäden forschen, um dann zu versuchen, die Ergebnisse in eine Form zu bringen, die veröffentlichungswürdig und damit in meinen Kreisen erst wirklich wertvoll ist.
An beiden Stellen fände ich eine direkte Formulierung schöner, also kein "versuche, das und das zu tun", sondern "tue das und das" - es liest sich entschlossener, auch wenn die Unentschlossenheit zu deinem Text gehört. In der ersten Textstelle beschreibt es eine Tatsache "quetsche ich mich nun in drei Absätze", in der zweiten eine Qualifikation, die auf jeden Fall vorhanden ist: "um dann die Ergebnisse in eine Form zu bringen, die ..."
Zitat:Jeden Tag drehe ich das Rad, wäge das, was ich bin, gegen das, was ich sein könnte, und zerdenke mögliche Zukunftsversionen. Unendliche Ausführungen des Ichs – zumindest bis die Realität ihr Urteil fällt.
Finde ich super, dieses Ende!
Würde "zerdenke mögliche Zukunftsversionen" aber streichen, das brauchst du nicht.
Gleiches gilt für das "zumindest"

Liebe Grüße & bis morgen!
Libertine

ps. Vllt kommen wir mal dazu, ich selbst hatte großes Glück nach meinem Studium, aber das dann mal persönlich Icon_wink

... und von den wundersamsten Wegen bleibt uns der Staub nur an den Schuhen. (Dota Kehr)
Avatar von Eddie Haspelmann

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #12 |

RE: Wenn alle Wege offen sind
Hallo Libbi,

nach Wochen nun endlich die Antwort zu deinem Kommentar. Mea culpa.

Zitat:Du beschreibst eine Situation, in der sich sicher viele wiederfinden und die gleichermaßen zermürbend, aussichtlos und langweilig ist:
-- Besser kann man diese Tätigkeit kaum zusammenfassen. Icon_smile

Zitat:Bewerbungen zu schreiben. Hoffen, die richtigen Worte zu finden. Zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Aus der Masse herauszustechen. Wo ist der viel beschworene Fachkräftemangel, wenn man ihn mal braucht? (Berufsbedingte Einsicht: natürlich nicht bei den Akademikern.)
-- Und ganz sicher nicht bei den Biologen. -_-

Zitat:Und dann eine zweite Ebene, die du hier nicht besprichst (weil du örtlich kaum gebunden bist?): Wie schaffen es Leute, zwei Jobs in einem Ort, in einer Region zu finden? Zweimal das Glücksrad zu drehen und es an derselben Stelle zum Halten zu bringen?
-- Stimmt, diese Ebene habe ich nicht besprochen. Ich bin nicht gebunden, aber natürlich ist es mir wichtig, bei meinen Freunden und meiner Familie zu sein. In dem Drama der Jobsuche waren dies aber leider Opfer, die gebracht werden mussten.

Zitat:Aber: Dein Text behandelt nicht (nur) diese negativen Aspekte. Er schaut auch nach vorn, und das gefällt mir sehr gut: Was möchte ich eigentlich? Wer will ich werden? Plötzlich entscheiden Glück und Zufall doch ein ganz großes Stück darüber, was man anderen Leuten bald erzählen wird, wer man ist und was man tut for a living.
-- Diese Fragen findest du nicht negativ? Ich bin wohl zu sehr Pessimist.

Zitat:Eine spannende Zeit mit so vielen Wegen, die möglich wären. Unsere Erwerbsbiographien sind ja auch nicht mehr klassisch, sondern es ist durchaus üblich, mal hier, mal dort drei, vier, fünf Jahre zu arbeiten. Und dann woanders. Das Spiel des Lebens, das Rad drehen, abwägen: Was bin ich, was könnte ich sein. Die Ungewissheit hat ja auch etwas Positives, etwas Kreatives. Und auch wenn dein abschließender Satz ganz anders klingt, nicht positiv, nicht kreativ, sondern eher deterministisch: Ich lese in deinen Text nicht nur Sorgen hinein.
-- Der Nachbearbeitung sei es gedankt.
Hier war der Leser ausschlaggebend.

Zitat:So, das war jetzt wenig textlich und viel nur sachlich. Dein Text ist gut geschrieben, mir gefallen die Bildlichkeit, die knackigen Formulierungen, der leicht resignierende Unterton in Aussagen wie "Einmal Ich zum Sonderangebot."
-- Danke!

Zitat:Ein paar kleine Anmerkungen aber doch:
Zitat:Meine Augen wandern noch einmal über den Text, suchen nach mir in den Zeilen – das Herz ist unentschlossen wie so oft.
"mir" würde ich hervorheben, zB kursiv
-- mache ich.


Zitat:Aber die Agentur für Arbeit sitzt auf der Schulter, flüstert einem in Dauerschleife Eile ein.
Hier würde ich perspektivisch beim "mir" bleiben[/quote]
-- Angenommen.

Zitat:
Zitat:Wo einst phantastische Welten aus dem Nichts erwuchsen, Drachen ihre Schatten über blühende Felder warfen und Trolle mit mächtigen Keulen Elfen niederwalzten, versuche ich nun, mich in drei Absätze zu quetschen.
Zitat:Acht bis zehn Stunden pro Tag an Spinnen, Spinnendrüsen und den Bestandteilen von Spinnenfäden forschen, um dann zu versuchen, die Ergebnisse in eine Form zu bringen, die veröffentlichungswürdig und damit in meinen Kreisen erst wirklich wertvoll ist.
An beiden Stellen fände ich eine direkte Formulierung schöner, also kein "versuche, das und das zu tun", sondern "tue das und das" - es liest sich entschlossener, auch wenn die Unentschlossenheit zu deinem Text gehört. In der ersten Textstelle beschreibt es eine Tatsache "quetsche ich mich nun in drei Absätze", in der zweiten eine Qualifikation, die auf jeden Fall vorhanden ist: "um dann die Ergebnisse in eine Form zu bringen, die ..."
-- Na gut.

Zitat:
Zitat:Jeden Tag drehe ich das Rad, wäge das, was ich bin, gegen das, was ich sein könnte, und zerdenke mögliche Zukunftsversionen. Unendliche Ausführungen des Ichs – zumindest bis die Realität ihr Urteil fällt.
Finde ich super, dieses Ende!
Würde "zerdenke mögliche Zukunftsversionen" aber streichen, das brauchst du nicht.
Gleiches gilt für das "zumindest"
-- Du hast Recht, das liest sich so besser und knackiger.

So, war ja nicht so zum Ausbessern. Eher eine Schlankheitskur. Icon_smile Wie immer bin ich dir zutiefst verbunden für deine Kritik und verbleibe mit besten Grüßen, Globetrotterin.

Addi

"I wish a car would just come and fucking hit me!"
"Want me to hail a cab?"
"No, I'm talking bus!"  (The four faced liar)

Da baumelt die kleine Doktorspinne in ihrem Seidenreich und träumt von ihren Silberfäden.
[Bild: riverdance.gif]

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #13 |

RE: Wenn alle Wege offen sind
Hallo Addi, 

Ich kann nur sagen: Wow! Donnerwetter. Ich konnte mir dich (leider gesichtslos) so richtig vorstellen, wie du an deinem Schreibtisch sitzt. Eigentlich lieber etwas für Literatopia verfassen würdest, nur um dich mit der trockenen Materie einer ollen Bewerbung rumzuschlagen.
Ich werde jetzt nicht wie üblich bei einem Kommi einzelne Sätze rausfriemeln, um dir zu sagen was du besser oder schlechter hättest machen können, denn ich denke, dieser Text ist wirklich sehr intim und dass du den veröffentlicht hast. Allein dafür gebührt dir schon mein Respekt. 

Ich schreibe dir einfach, was ich dabei empfunden habe.
 Ich habe mir die arme, kleine Addi vorgestellt. Vergraben hinter Papier und Büchern, an einen Schreibtisch gefesselt, in einem dunklen Raum und draußen scheint die Sonne.
Aber Addi darf nicht rausgehen und die Sonne genießen, sondern muss brav in ihrem Büro bleiben und Bewerbung schreiben, weil sonst dunkle Mächte kommen und sehr böse zu Addi sind.

Klingt alles etwas infantil, aber das waren sie Gedanken, die mir dabei durch den Kopf gegangen sind und es hat mich echt geschaudert, denn das hier ist keine Alltagskost.

Dann frage ich mich natürlich, wie stark muss die Konkurrenz gewesen sein, wenn du nicht erste warst  Icon_smile und hoffe, es hat sich alles zum Guten für dich gewendet.

Liebe Grüße Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



Werkeverzeichnis

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2020 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme