Es ist: 11-11-2019, 20:32
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Blutklinge (9/10)
Beitrag #1 |

Blutklinge (9/10)



Wieder sank Makku auf die Knie, den Blick auf das stärker werdende Glühen zwischen den braunen Halmen gerichtet, und legte eine Hand auf den Boden. Er spürte die Macht, die zwischen den Wurzeln verankert war. Schon vor Wochen hatte er die Glyphen mit Nihel und den anderen Hexern angelegt – seitdem nahmen sie die Magie aus dem Boden auf wie der Salzbeutel in einem Kadaver das Blut.
Schwach prickelte die fremde Macht über Makkus Finger, trieb die Kühle für wenige Momente zurück und sickerte schließlich in sie hinein. Sein Herz schmatzte wie Schritte im Morast, als das Leuchten im Totenschilf explodierte.
Er riss den Schutzzauber aus dem Boden, zog eine Barriere, zu langsam, zu dünn, die unter dem Sturm aus Lichtsplittern erbebte. Tosend schlug die Helligkeit über seiner Wahrnehmung zusammen, zerrte an seinem Verstand und an dem magischen Schild. Er war zu schwach, um die geballte Wucht der Feenmagie abzufangen. Wie Scherben schnitten die Splitter sich hindurch, trafen auf Körper, auf Rüstungen und Fleisch. Schreie und Flüche folgten ihnen, Keuchen, Wimmern – Sterben und Aufbäumen in einem Atemzug.
Heißer Schmerz ließ die Zeit weiterlaufen.
Das Knistern der Magie noch auf seiner Haut, richtete Makku sich wieder auf. Die Wärme von Blut klebte an seinem Gesicht, sickerte aus winzigen Schnittwunden, die auch seine Arme übersäten. Darum würde er sich später kümmern. Jetzt suchte sein Blick Xephos, der bereits die nächste Fee niederstreckte, ebenfalls blutverschmiert und mit Rasd an seiner Seite.
Es wirkte beinahe so, als zöge sich der Feind langsam zurück. Trotz des Chaos, das der Lichtzauber angerichtet hatte, bildete sich eine klare Kampflinie heraus, hinter der Verwundete ihre noch übler zugerichteten Kameraden in Sicherheit brachten.
Makku selbst kam nicht weit, einige Schritte nur, als etwas ihn innehalten ließ. Ein Gefühl wie Ameisen auf gehäutetem Fleisch und die Stille der Nacht auf der anderen Seite des Totenschilfs. Als hielte der Sumpf den Atem an. Im gleichen Moment wurde ein Befehl gebrüllt.
Er entfesselte ein Sirren – Feenlichter, die den Himmel in gleißendes Licht tauchen würden, heller als die Sonne, so viele mussten es sein. Doch die Zeit schien stehengeblieben. Hartnäckig hielt sich Dunkelheit, die zwischen den Sternen flimmerte.
Zu spät begriff Makku.
»Pfeile!«
Jemand schrie es, dieses eine Wort, Wimpernschläge bevor der todbringende Schwarm sich sirrend aus der Schwärze löste. Zu spät wurden Schilde hochgerissen – Deckung gesucht, Formation eingenommen. Viel zu spät für einen Schutzzauber.
Makku hechtete ins Totenschilf. Hinter ihm schwoll ein weiterer Reigen aus Schmerzensschreien an, als die Pfeile zischend auf die Söldner hinabregneten. Sich durch Rüstung und Haut bohrten, in Fleisch und Muskeln, über Knochen schabten. Die Geräusche klangen dumpf hinter der Wand aus Schilf, die sich jetzt zwischen ihm und dem Schlachtfeld befand.
Trotzdem lauschte er über seine eigenen Atemzüge hinweg, als könne er Xephos’ Stimme aus dem Chaos herausfiltern. Ein Befehl schallte durch die Dunkelheit, den er nicht zuordnen konnte. Pfeile kannten keinen Respekt, keine Ehrfurcht. Auch nicht vor dem Träger einer Blutklinge.
Ein Rascheln in Makkus Nähe zwang seine Gedanken in eine andere Richtung.
Langsam sank er auf die Knie, eine Hand auf dem feuchtmodrigen Boden und um ihn herum die braune Dunkelheit des Sumpfes. Im behäbigen Wiegen der Gräser hingen wispernde Stimmen und Reste von Magie wie ausgedünsteter Schweiß.
Sie hatten die Feen unterschätzt. Fühlten sich noch immer zu sehr in der Rolle der Jäger und waren wie Kinder in diese Falle gelaufen. Der erste Angriff eine Ablenkung, der Lichtzauber ebenfalls. Wahrscheinlich waren die Bögen bereits wieder gespannt, bereit die nächste todbringende Salve in den Himmel zu schicken.
Makku fühlte in den Boden hinein und ließ seine Sinne in die zähflüssige Umarmung sinken. Ein totes Geäst aus dumpf pulsierender Macht – das war sein Urteil gewesen, ebenso das von Nihel. Und doch hatte Rasd etwas anderes behauptet.
Ihre Magie ist stark an diesem Ort.
Was wusste ein dreckiger Wilder schon davon?
Trotzdem ließ Makku sich tiefer sinken. Es fühlte sich an, als stünde die Zeit still, jeder Atemzug ein regloses Verharren. Aufmerksam nahm er die Trägheit mit jeder Faser seines Körpers wahr, roch sie und schmeckte sie. Näher durfte er sie nicht an sich heranlassen – dahinter lauerte die Leere, die unablässig in die Welt hineintropfte und tote Orte wie diesen in Besitz nahm, ebenso wie sie einen toten Verstand in Besitz nehmen konnte. Doch gerade als Makku sich zurückziehen wollte, streifte Kühle seinen Geist. Bevor das Echo im Morast ersterben konnte, griff er danach und ließ sich noch ein Stück tiefer sinken.
Erst spürte er die Magie nur wie seichtes Wasser, das sein Unterbewusstsein umspülte, mehr Gischt als Welle. Einen Atemzug später schlug sie mit aller Macht über ihm zusammen.
Instinktiv schnappte Makku nach Luft, auch wenn es in den Eingeweiden des Sumpfes keinen Unterschied machen würde. Das Tosen der Brandung, die plötzlich an ihm zerrte, zerriss jeden klaren Gedanken und schärfte gleichzeitig seine Sinne. Sie ließ ihn das Flüstern der Feen hören, das Summen der Bogensehnen, das den nächsten Pfeilhagel verriet. Der Gestank ihrer abscheulichen Magie kroch in seine Nase und der Geruch von Blut.
Um ihn tobte eine schier unerschöpfliche Macht.
Makku schloss die Augen und konzentrierte sich. Ließ sich von seiner eigenen Magie durchströmen, hielt die Kühle von seinem Herzen fern und passte sie dem Meer um ihn herum an. Gefügig wie selten folgte sie seinem Willen, begehrte nicht auf und verlangte keinen Zoll. Eine sonderbare Leichtigkeit bemächtigte sich seiner Gedanken, die Übermut mitbrachte. Immer tiefer wuchsen die Verästelungen seiner eigenen Macht und formten das tosende Meer nach seinem Befehl. Er hielt erst inne, als er das Gefühl hatte, den gesamten Sumpf schmecken zu können. Jeder Grashalm, jedes Schlammloch und jeder verkrüppelte Baum waren mit ihm verbunden. Aber sein Interesse galt nicht der Vegetation.
Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Herzschläge in seiner Nähe, auf nackte Füße im Morast und die Spannung der Bogensehnen. Stellte sich vor, das Meer aus Magie sei schwarzglänzendes Öl, das in schimmernden Schlieren jede Ader dieses Sumpfes durchfloss. Aus dem Echo der Hitze, das noch in der Nachtluft hing, schuf er die Illusion einer Sonne, die heißer brannte als weißes Feuer.
Flammen züngelten über den Ölteppich, leckten an seinen Fingern und trieben die Kühle zurück. Sie hatte ihren Dienst getan.
Zufrieden gab Makku seinen Zauber frei.
Nichts geschah.
Sein Herz pochte laut und stark, bis in die Fingerspitzen, und seine Haut prickelte, als würde jemand sie genüsslich vom Fleisch ziehen. Der Schmerz lauerte am Rande, wartete auf den richtigen Moment. Er ließ sich von Schwertern ablenken, die durch Schilf schnitten, von Schritten, die ungeachtet des Zaubers in der Luft in den Morast vordrangen.
Makku sprang auf und hinter ihm explodierte die Magie.
Gleißende Hitze verwandelte die Luft in flüssiges Feuer, das ihn umschloss. In ihn hineinsickerte. Ihn überrollte. Wie ein Schlag riss ihn die Druckwelle von den Beinen. Schmerz bohrte scharfe Zähne in seinen Rücken, noch bevor sein Körper auf dem Boden aufkam, einsank, untertauchte. Zarte Hände zogen ihn tiefer, hinein in den Sumpf und in die Kühle, von der Makku nicht wusste, ob sie aus ihm hinaussickerte oder niemals Teil seiner Selbst gewesen war. Sie liebkoste ihn und streichelte das Feuer aus seinen Gedanken, den Schmerz aus seinem Körper.
Geborgenheit und Vertrauen – unwissend betrachtete der kleine Junge eine Welt, die ihm niemals begreiflich sein würde. Immer schon hatte die Magie ihn beschützt, vor den Feen, vor der Leere, der Welt. An diesem Ort, der kein Ort war. Heimat. Mit hellen Augen sah er Makku an und streckte eine schmale Hand aus.
Bleib. Hier gibt es keinen Schmerz. Kein Misstrauen. Kein Blut.
Ihre Finger berührten sich. Zwei Welten, die aufeinander stießen, die eine unschuldig weiß, die andere rottriefend und zerfetzt.
Müde schüttelte Makku den Kopf.
Ich kann nicht.
Der kleine Junge nickte, als habe er es immer schon gewusst, und löste sich von der Berührung. Flammen schossen in die Höhe, verdampften die Kühle und fraßen sich in Makkus Fleisch. Der Schmerz ließ ihn aufschreien, doch er hörte sich selbst kaum. Ohrenbetäubender Lärm brandete über ihm zusammen, Stimmen, Geschrei, Todesqual, Flüche und das irrsinnige Kreischen der Feenlichter.
Die Luft stank nach brennenden Körpern und Feenmagie, als Makku sich auf den Rücken drehte und einatmete. Hitze strömte in seine Lungen, löschte nicht das Gefühl, in Flammen zu stehen.
Er stand nicht in Flammen. Er lag im kurzen, harten Gras der Ebene – die Druckwelle musste ihn zurückgeschleudert haben – und sah auf den glühenden Fleck verbrannter Erde, der eben noch ein Sumpf gewesen war. Innerhalb eines Herzschlags war das Totenschilf zu Asche zerfallen, das Schlammwasser verkocht und alles Leben verglüht. Kohlschwarze Kadaver warfen Schatten zwischen die Glutherde, die der Nacht einen roten Schein verliehen. Doch das Feuer hatte nicht an der Grenze Halt gemacht.
Widerstrebend wanderte Makkus Blick über die Ausläufer der Zerstörung, über reglose Körper, nicht bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, dafür mit Pfeilen gespickt, die Rüstungen angeschwärzt. Über Männer, die sich mühsam und hustend aufrichteten, die ihren Kameraden auf die Beine halfen, sich umsahen, nicht begriffen, was ihnen widerfahren war. Die meisten von ihnen Söldner genug, um jeder Fee, die das gleiche versuchte, ein Schwert in die Eingeweide zu rammen. Je weiter er sich vom Sumpf entfernte, desto vertrauter wurde das Bild. Den äußeren Rand des Schlachtfeldes hatte nicht einmal die Druckwelle erreicht, dort waren die Männer unversehrt auf den Beinen, sofern sie der Pfeilregen oder die Lichtsplitter nicht niedergestreckt hatten. Einige Feen nutzen das Chaos und flohen – hinter dem donnernden Schweigen der Nacht konnte Makku ihr Sirren am Himmel hören. Aber die meisten waren tot.
Wie gut die Hälfte der Söldner.
Der Gedanke trieb ihn auf die Beine. Rußgeschwärzte Gesichter starrte ihm entgegen, als er loshumpelte, in seinem Herzen mehr als nur die Ahnung des Hungers, so wenig seiner eigenen Magie war ihm noch geblieben. Es würde vorübergehen, das wusste er. Genauso wie der Schmerz, der über seine Haut flackerte. Unverbrannte Haut, wie er beiläufig bemerkte. Nur die Schnitte der Lichtsplitter, über denen zähes Blut klebte.
»Xephos!«
Seine Stimme ätzte sich durch seine Kehle, klang mehr nach einem Krächzen und brachte ihn zum Husten. Er spuckte Hitze und Gestank aus. Hielt kurz inne.
»Xephos!«
Ein Söldner, der in seiner Nähe auf die Beine kam, deutete nach vorn, zu etlichen Leichen und zwei abgerissenen Gestalten, die dazwischen hockten. Nicht weit genug vom Sumpf entfernt, um den gierigen Flammen entgangen zu sein.
Makku humpelte auf sie zu, den Blick auf den Boden gerichtet, um nicht über Kadaver zu stolpern. Neben ihm rappelte sich ein Söldner auf wie ein Toter, während sich die fassungslose Stille allmählich mit Stimmen füllte. Sie übertönten das Knacken und Knistern der Feuer, die vereinzelt im Sumpf brannten, ließen das Stöhnen und Röcheln der Sterbenden Nebensache werden.
Dies war sein Werk. Das Echo seiner Macht, die sich zurückgezogen und eine dumpfe Taubheit hinterlassen hatte.
Ein Schatten huschte an Makku vorbei, streifte ihn und hätte ihn beinahe zu Fall gebracht. Gleichzeitig verankerte die Berührung ihn wieder in der Wirklichkeit. Ohne stehen zu bleiben beobachtete er die Waldelbe, wie sie zu den beiden hockenden Gestalten stürzte und mit einem Aufschrei in die Knie sank. Schmerz und Wut sickerten in die Nacht und gaben Makku die Gewissheit, dass es nicht Xephos’ war, der tot im versengten Gras lag.
Als habe er diesen Gedanken gehört, drehte sich einer der Männer zu ihm um – ein vertrautes Gesicht, auch wenn es blutverschmiert war. Oder gerade deshalb.
Schwerfällig wie ein alter Mann kam Xephos auf die Beine, eine Hand auf einer Wunde an seiner Seite, aus der Blut sickerte. Ein abgebrochener Pfeilschaft ragte aus seiner Schulter und er schwankte wie ein Besoffener, als er den ersten Schritt auf Makku zumachte.
Erleichterung schwemmte alles aus ihm heraus, das ihn aufrecht gehalten hatte. Er sah den Boden auf sich zu kommen, spürten den Sturz.
Noch vor dem Aufprall färbte sich seine Welt schwarz.

~*~




»Couldnʼt you crawl into a bush somewhere and die? That would be great, thanks.« (Alistair, Dragon Age)

»You can be anything you want on the internet.
What's funny is how many people choose to be stupid.«
(Zack Finfrock)

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Beitrag #2 |

RE: Blutklinge (9/10)
Hallo Lanna,
 
und weiter mit Nr. 9. Bald ist es geschafft. Icon_wink
 
Zitat:Er entfesselte ein Sirren – Feenlichter, die den Himmel in gleißendes Licht tauchen würden, heller als die Sonne, so viele mussten es sein.
 
Irgendwie habe ich hier ein Problem mit der Anzahl. Spontan hätte ich geschrieben “Es mussten viele sein, denn sie tauchen den Himmel in gleißendes Licht …“ weil bei deiner Formulierung fehlt mir der Bezug zwischen dem hellen Licht und der Anzahl.
Was auch ginge wäre das „so viele mussten es sein“ wegzulassen. Ich denke mal, man kann sich auch so denken, dass es viele sein müssen, wenn es so hell wird.
 
Zitat:Er sah den Boden auf sich zu kommen, spürten den Sturz.
 
spürte

Hey, Makku in Action! Icon_jump 
Dieser Teil war etwas länger als die anderen, aber das kam mir gar nicht so vor. Dadurch, dass hier die Handlung ziemlich schnell voranschreitet, war es einfach spannend zu lesen. Gut gefallen hat mir auch hier, wie du seine Zauber beschrieben hast. Lichtsplitter, die Kühle, der Vergleich mit dem Meer und Wogen und zwischendurch immer mal wieder der kleine Junge aus der Vergangenheit, der noch immer in ihm steckt. Sehr schön! Pro   So habe ich diesen Kampf ehrlich gesagt nicht erwartet, es war mal eine ganz andere Schlacht, als das übliche Schwertgeklapper und Bogengeschieße.
Ich habe mir wirklich Sorgen darum gemacht, ob Makku das ganze überlebt und da lässt du mich schon wieder mit einem Cliffhanger zurück. Icon_panik
Was ich ja echt interessant an ihm finde ist ja, dass ich ihn (mehr oder weniger) für einen Heiler gehalten habe. Aber andererseits versteht er sich hier auch auf das Töten, was auf den ersten Blick ein Widerspruch ist. Aber er ist nunmal ein Nekromant und kein „Ich-geh-mit-den-Bäumen-reden-Heiler.“ Mrgreen
 
Also frisch und munter auf zum nächsten Teil.

Liebe Grüße,
Lady

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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