Es ist: 05-04-2020, 03:43
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UnEarth (III/IV)
Beitrag #1 |

UnEarth (III/IV)
U n E a r t h - III

Ich bin nicht allein, dachte er, und ahnte es, bevor er es tatsächlich sah.
Zuerst war es stockfinster, als er eintrat. Kleine Schneebrocken schoben sich mit ihm in die warme Umgebung hinein. Nach zwei kleinen Schritten stieß er gegen etwas Hartes und hielt erschrocken inne. Blinde Hände fuhren wie müde Fliegen umher und suchten sich die Eigenschaften zusammen, doch er konnte es nicht identifizieren. Erst als sich ein zaghaftes Rotlicht von oben bemerkbar machte und langsam nach unten sickerte, konnten sich seine Augen langsam an die Halbdunkelheit gewöhnen.
Er sah drei Behälter, die für ihn wie Särge aussahen. Allerdings mit gläsernen Deckel, die neugierige Blicke hinein anhand der dunklen Oberflächen verwehrten. Oder das Innere selbst war so in Finsternis gefangen, dass er nichts erkennen konnte.
Abgesehen davon, dass ihnen die üblichen Verzierungen an den Seiten fehlten, wusste er selbst nicht genau, warum er sie instinktiv als Behältnisse für die letzte Ruhestätte bezeichnete.
Sie waren wie ein Y aufgebaut und standen in einem Winkel von 45° schräg nach oben, wobei sich die Kopfenden an der gewölbten Decke trafen. In den Dritteln zwischen den Behältern sah er drei Stühle, obwohl es schien, dass es keine reinen Sitze, sondern eher Liegen darstellten. Die Rückenlehne und die Gesäßfläche gingen dabei fast nahtlos in einer leichten Wellenform ineinander über. Die Armlehnen waren nicht kantig, sondern geschwungen. Es gab auch keine vier Beine, sondern immer nur eines. Sehr dick, genau mittig unter der Sitzfläche. Und es war mit dem Boden verbunden. Wie fest genietet.
Lawrence wandte sich dem Sarg zu, den er mit dem Fuß getroffen hatte. Er nahm die Fellmütze ab und näherte sich mit dem Gesicht dem dunklen Deckel, bis seine Nasenspitze beinahe das Glas berührte. Er versuchte etwas zu erkennen. Bis auf schemenhafte Umrisse, die tatsächlich an einen menschlichen Körper erinnerten, verhinderten die Dunkelheit im Inneren und das spärliche Rotlicht von oben erfolgreich genauere Einblicke.
Drei Särge, drei Menschen, dachte er und unwillkürlich tauchten die Gesichter seiner Kameraden auf, die im Zelt irgendwo da draußen bereits schliefen. Zufall?
Was die unbekannten Personen da drin machten, was die Särge für einen Zweck hatten, wusste er genauso wenig, wie die Antwort auf die Frage, ob es gut wäre, die Behältnisse zu öffnen um nachzuschauen.
Griffe oder andere Mechanismen an den Seiten waren jedenfalls nicht vorhanden, oder derart gut versteckt, dass er sie nicht fand. Nur eine glatte Oberfläche. Keine Verzierungen, wie er sie noch von den Särgen aus seiner Heimatstadt kannte. Nichts.
Lawrence hob den Kopf, bemerkte, dass sich die Luke hinter ihm in der Zwischenzeit wieder geschlossen hatte, ohne dass es ihm bewusst geworden war.
Die Schneebrocken hatten sich aufgrund der Wärme bereits zu kleinen See auf dem Boden verwandelt. Und es war ruhig hier drin. Der Wind heulte irgendwo da draußen und rief nach ihm, doch es war so leise, dass er es beinahe ignorieren konnte.
Merkwürdigerweise fühlte er sich nicht tot, weder geistig noch körperlich - ganz im Gegenteil. Sein Körper lebte. In seinem Kopf versuchte sein Geist die Bilder, die er sah, zu ordnen, sie zu bewerten, in Schubladen zu stecken und nach einem roten Faden zu suchen, der all dies miteinander verband. Und der ihm sagen konnte, wieso er sich hier im Inneren wie ein Angehöriger von Urzeitmenschen fühlte, die gerade erst begonnen hatten zu sprechen.
Fehl am Platz.
Das war genau der richtige Ausdruck, sowohl für ihn hier drin, als auch für dieses Ding in dieser Unwelt. Aber warum war es hier? Und er darin?
Lawrence schälte die Hände aus den Handschuhen, musterte sie erstaunt, denn dort waren die erwarteten Zeichen des Todes nicht mehr sichtbar. Stattdessen eine ganz normale, lebendige Hautfarbe. Er ballte beide Hände zu Fäusten, hörte kein Knacken, spürte auch keine Schmerzen, wohl aber die noch vorhandenen Muskeln.
Ein leiser Piepton riss ihn von seinen Händen los.
Er hatte es bis jetzt nur am Rande bemerkt und den runden, nach oben gewölbten Wänden, keine Aufmerksamkeit geschenkt, weil die Särge seine neugierigen Blicke zuerst gefangen genommen hatten. Doch jetzt sah er genauer hin.
In den Wänden, oder der insgesamt kreisrunden Wand, waren noch zwei weitere Luken zu erkennen, die - genau wie die, durch die er eingetreten war - sich bei den Fußenden der Behältnisse befanden. Zwischen den Luken befanden sich - er fand keinen besseren Ausdruck dafür - dunkle Leinwände wie aus Lichtspielhäusern. Doch anstelle des erwarteten Stoffes stellten sich diese als gläsern heraus, als er die Oberfläche derjenigen Leinwand berührte, die ihm am Nächsten war.
Nein, nicht ganz so hart, dachte er. Weicher als Glas.
Wieder ein Piepton, dem aber diesmal etwas folgte, was er nicht erwartet hätte.
Ein Wort erschien auf der Leinwand.
Druckbuchstaben, keine geschwungene Handschrift wie in Roberts Tagebuch. Es pulsierte schwach, so als würde ein Mann gerade erst mit seinem Morgenrock am Frühstückstisch sitzen. Die Finger noch müde, die Augen noch in den Bettlaken liegend und der Geist noch ohne den notwendigen Teegenuss.

TRANSFERUNTERBRECHUNG

Er konnte das Wort selbst lesen und, zumindest den ersten Teil davon, auch verstehen. Aber das war nicht die Sprache, die an der Hülle auf die manuelle Entriegelung im Notfall hinwies, sondern eine, die dem Afrikaans der Buren nicht unähnlich war, nur eigenständiger.
Lawrence ging instinktiv mit dem Kopf ein Stück zurück und schaute zu den Särgen hin.
Im Inneren waren keine tippenden Bewegungen zu erkennen, und außerhalb gab es keine Hinweise, die auf eine Beteiligung des Deutschen Reichs hätten schließen können.
"Transfer ...", murmelte er. "Also irgendwas mit Transfer, aber was?"
Das Wort verschwand plötzlich und wurde ersetzt durch einen Satz, den er allerdings auch nicht richtig entziffern konnte:

ÄNDERUNG SPRACHE IN STANDARD-ENGLISCH

Gefolgt von:

TRANSFER INTERRUPTED

Verdutzt schaute er auf die beiden Wörter.
Transferunterbrechung, dachte er, während er es seltsam fand, dass die Sprachumstellung genau dann erfolgte, als er seine Frage geflüstert hatte. Ob wer oder was mich wirklich hören kann?
Lawrence stand bewegungslos vor der Leinwand. Die schmerzenden Stellen an und in seinem Körper, inklusive der tauben, waren praktisch ausgeblendet. Dass es einige Partien gab, die sogar wieder Lebenszeichen von sich gaben, nahm er nur unterschwellig wahr. Die Finger, selbst im rechten Fuß kribbelte es, wobei es mehr ein Jucken war, während er überlegte, wie diese Verständigung funktionieren könnte. Er dachte an die Ponys und entschloss sich schließlich dazu, es einfach auszuprobieren.
"Sie ...", begann er, hielt inne und fragte sich für einen Moment, ob es ein Er oder eine Sie war, bevor er fortfuhr. "... können mich verstehen?"

AUDIOVISUELLE KOMMUNIKATION:
KEINE STÖRUNGEN ERKENNBAR

Das heißt dann wohl Ja.
Langsam schlich sich der Gedanke in seinen Kopf, dass das völlig irreal war. Er sprach mit einem Ding, das offensichtlich nicht hierhin gehörte. Genauso wenig wie er selbst. Aber entweder er war wirklich hier, oder da draußen bereits gestorben. Falls letzteres zutraf, hatte er zumindest nichts davon mitbekommen.
"Wer oder was sind Sie?", fragte er.

TMA - 01

"Und das bedeutet?"

TEMPORALE MASCHINEN-ANLAGE 01

Er verstand jedes Wort davon. Nur für die Bedeutung brauchte er etwas länger, auch wenn es eigentlich nicht überraschend war. Denn dieses Ding lag exakt auf dem Weg, den sie zum Südpol genommen hatten. Und es war zu dem Zeitpunkt definitiv nicht hier gewesen.
Eine Maschine, mit der Menschen durch die Zeit reisen können?, dachte Lawrence und es erinnerte ihn an H.G. Wells Buch, das im Regal zwischen den Romanen von Jules Verne und A.C. Doyle stand. Nur bei Wells war es eine zeitreisende Person, und nicht drei.
Womit wir bei der nächsten Frage wären ...
"Warum ... wurde der ... Transfer unterbrochen?"
Die Antwort blinkte nicht mehr mittig, sondern erschien so, als würde einer der drei Schriftsteller auf seiner Schreibmaschine einen Roman tippen. Von links nach rechts.
'Meldung-> Lokalisierung Leistungseinbruch Energienetz bei W3V9.'
'Meldung-> ZPM 1.912.06 inaktiv.'
'Meldung-> Umleitung Energieversorgung fehlgeschlagen.'
'Meldung-> Prognose: Versagung Lebenserhaltungssysteme bei derzeitiger Energieauslastung.'
'Meldung-> Senden Report Priorität A an Leitstelle.'
'Meldung-> Verbindungsaufbau fehlgeschlagen.'
'Meldung-> Asimovsches Schutzgesetz 01.'
'Meldung-> Abbruch Transfer.'

Er fühlte sich, als hätte er zu tief in ein Glas mit hochprozentigem Inhalt geschaut. In seinem Kopf pochte es laut und stark, und hinter der Stirn kündigten sich stechende Schmerzen an, die sich anschickten, den Schädel von innen durchstoßen zu wollen.
Lawrence kniff die Augen mehrmals zusammen, versuchte mit den Handballen die schmerzenden Punkte zurück zu drücken, doch es gelang nicht.
Dafür erklang abermals der Piepton. Die Mitteilungen auf der Leinwand verschwanden und wurde durch eine neue ersetzt:
'Warnung: Stasiskabinen 1/2/3 Energiedeckungsgrad 0 bei -00:05:22.'
Lawrence starrte auf die Meldung, dann auf die Kabinen hinter ihm, in denen sich immer noch nichts regte.
"Was bedeutet Energiedeckungsgrad 0?", fragte er und wandte sich wieder zur Leinwand, auch wenn er wusste, dass es kein Gesicht war, das man ansprechen konnte. Aber wo sollte er sonst hinschauen?
Die Antwort ließ auch nicht lange auf sich warten.
'Deaktivierung der lebenserhaltenden Systeme.'
"Sie sterben also?"
'Versagen der biologischen Funktionen bei Deaktivierung.'
Lawrence schüttelte unmerklich den Kopf, während seine Stirn fragende Falten aufwies.
"Dann holen Sie sie da raus", sagte er, und in seiner Stimme schwang nicht nur der Ärger über die Art und Weise der Antworten mit. "Na los!"
'Einleitung Resurrektionsphase Stasiskabinen 1/2/3 bei derzeitigem Energiestand lebensbedrohlich.'
"Soll das ein Scherz sein?" Ärger machte sich in ihm breit und stieg wie ein säuerliches Gefühl vom Magen nach oben. "Holen Sie wenigstens eine der drei Personen da raus!"
'ASG-Schutzbereich: Kein menschliches Leben darf bevor- oder benachteiligt werden.'
"Bitte? Dann sterben aber!"
Eine neue Meldung erschien nicht, dafür schwankte für einige Sekunden die Stärke des Rotlichts, als würde sie einen Aussetzer haben.
Das Ding tickt nicht richtig, dachte Lawrence und schaute zu den Särgen hinüber. Doch auch nachdem das Licht sich wieder stabilisiert hatte, konnte er nichts erkennen, was ihm erlauben würde die Kabinen zu öffnen. Keine Griffe, Klinken, Hebel oder vergleichbare Vorrichtungen. Nichts als glatte Oberflächen, mit dunklem Glas.
"Eine Zwickmühle", murmelte er und starrte die Zahlenreihe an, die jetzt unter fünf Minuten lag. Egal welchen Weg man beschreiten würde, der Tod stand abermals kurz davor, siegreich von dannen zu ziehen. Und diesmal würde er tatsächlich drei ausgehauchte Leben im Gepäck haben.
Stille, während die Zahlenreihe in ihrem Wert weiter abnahm. Dann durchzuckte ein Gedanke seinen Kopf. Aus einer anderen Welt, heißer als hier.
Es gibt immer Möglichkeiten.
Sein Herz meldete sich mit kräftigen Schlägen zu Wort und das Gefühl, dass er der einzige war, der das Dilemma beseitigen konnte, machte sich mit einem eisigen Schauer, der ihm über den Rücken lief, bemerkbar.
"Angenommen", sagte er und wandte sich wieder an die Leinwand, "Sie würden eine der drei Personen aufwecken ohne jemanden zu gefährden - was müsste diese Person tun, damit die anderen gerettet werden können?"
Diesmal tauchte keine Meldung auf, stattdessen eine technische Zeichnung, die derart komplex wirkte, dass er mehrmals hinschauen musste.
Ein Seitenriss der kugelförmigen Maschinenanlage, geteilt in zwei schalenförmige Ebenen. Oben die Särge und die Leinwände, wo er sich gerade befand. Und genau darunter ein ebenso großer Raum. Mittig ein langer Stab, der aussah, wie ein umgedrehter Turm in Miniaturausgabe.
Verschiedene Hinweise mit Pfeilen am Rand, die die einzelne Bereiche erklärten. Lesen konnte er sie, verstehen nur teilweise.
'Einleitung ...', begann eine neue Meldung, brach aber ab, als die ganze Leinwand kurzzeitig wieder in Finsternis verfiel. '...Wartungs- und Instandsetzungsprogramm: Austausch fehlerhaftes ZPM.'
"Und wo finde ich Ersatz dafür?"
Auf der technischen Skizze blinkte ein roter Punkt auf, der sich ebenfalls unten befand.
"Und wo ist der Eingang?"
Hinter ihm, zwischen zwei der drei Särgen, wurde der Boden plötzlich schwach beleuchtet.
Lawrence drehte sich zu der seltsamen Sitzkonstruktion um. Das Licht strahlte auf einen Punkt davor. Auf eine Luke, die bereits einen Zentimeter aufgesprungen war.
Wer ist jetzt das Pony?, fragte er sich, während auf der Leinwand statt der Meldung wieder die Zahlenreihe pulsierte.
-00:03:59
Er trat vor, kniete sich nieder und zog die Luke zu sich hin hoch, bis sie einrastete. Ein schwarzes quadratisches Loch starrte ihn an - und er starrte zurück.
"Ich könnte eine Lampe gebrauchen", meinte er und wunderte sich nicht darüber, dass unter ihm der Raum in das gleiche teuflische Rot getaucht wurde, wie oben.

Drei Minuten. Elf.
Er zählte im Geiste mit, während er die kurze, aber schmale Stiege hinunter stieg, wobei er sich nebenbei darüber wunderte, wie intensiv er wieder seine Hände spüren konnte.
Seine Finger, die förmlich vor Leben nur so strotzten. Auch die Muskeln in seinen Armen und Beinen waren nicht länger Phantome seines Körpers, sondern er konnte sie tatsächlich wahrnehmen. Genauso wie den verbrannten Geruch.
Zwo. Neunundvierzig.
In der unteren Ebene konnte er nicht so aufrecht stehen wie oben, da die gerade Fläche nicht mehr unter seinen Füßen war, sondern über seinem Kopf. Er hatte das Gefühl, entweder auf- oder abwärts zu stehen. Auch wirkte es hier aufgeräumter als oben. An den Seitenwänden befanden sich beschriftete Schubfächer so groß wie Luken, auf denen unter anderem - in deutsch und englisch - 'Historische Kleidung', 'Technisches Zubehör', 'Medizinische Geräte', 'Medikamente' und schließlich 'Ersatzaggregate' standen.
Zwo. Elf.
Er schaute zu dem Stab, der genau mittig von der geraden Decke herunterhing. Eher ein dicker Dorn, ähnlich einem jahrhundertealten Stalagtit aus einer Tropfsteinhöhle. Mit einzelnen quadratischen Platten auf der Oberfläche. Sie waren kaum größer als eines seiner Bücher, jedoch mit Zahlenreihen statt Titeln versehen.
"Hm", murmelte er, als ihm auf dem Dorn ein dunkler Fleck auffiel, der sich über mehrere dieser Platten verteilte.
Er drückte auf die Platte, die sich im Zentrum des Flecks befand, sah, wie sie sich öffnete und ihm den verkohlten Kopf eines Zylinders offenbarte. Seine Finger schwebten davor unschlüssig in der Luft, bis er das Ding schließlich packte und zog, doch es bewegte sich keinen Millimeter. Erst als er es gegen den Uhrzeigersinn drehte, hörte er ein Klacken.
Lawrence zog den Zylinder, der sich als wirklich schwer entpuppte, langsam heraus und legte ihn erstmal auf den Boden. Dann wandte er sich an das Schubfach mit den Ersatzaggregaten, öffnete es und sah mit Erstaunen mehrere dieser Zylinder.
Null. Siebenundfünfzig, dachte er. Beeilung!
Einen davon packte er, wuchtete ihn zurück in die Mitte, hob ihn hoch und stemmte ihn in den Dorn hinein.
"Verdammt", keuchte er, während er versuchte, den neuen Zylinder mit einer Drehung einrasten zu lassen. "Ich ... bin ... Captain ... und ...
kein ..."
Null. Dreiundzwanzig.
Das plötzliche Klacken ließ ihn verstummen. Der Zylinder leuchtete in mehreren Farben auf und begann zu schnurren wie ein zufriedenes Kätzchen.
Geschafft.

Als er wieder oben angekommen war und die Bodenluke geschlossen hatte, setzte er sich in den merkwürdigen Stuhl, der trotz seines Aussehens überraschend bequem war. Sein Atem ging immer noch schnell und auch sein Herz klopfte deutlich spürbar in seiner Brust, aber er fühlte sich gut. Fast schon ausgezeichnet, und das zum ersten Mal seit Monaten. Denn zu den drei Kameraden im Zelt, die er durch seinen Weggang gerettet hatte, kamen noch die drei unbekannten Personen in den Särgen.
Sechs Leben, dachte er und beobachtete zufrieden, wie sich das rötliche Teufelslicht langsam in ein angenehmes Weiß verwandelte. Nicht grell, sondern unaufdringlicher riss es die Umgebung aus dem Winterschlaf und Lawrence konnte jetzt alles ganz genau erkennen. Dazu kam eine neue Meldung auf der Leinwand vor ihm, die - wieder in deutsch - für ihn keinen Sinn ergab.

ZUSE - SIEMENS AG

Nach einigen Sekunden entstand darunter der Satz:

LEIDENSCHAFT UND PERFEKTION - DIE SCHLÜSSEL ZUR ZUKUNFT

Gefolgt von Meldungen, diesmal wieder in seiner Sprache:
'TMA-01: Systemkontrolle.'
'ZPM-Austausch erfolgreich.'
'Energieversorgung 30%. Tendenz steigend.'
'Zeit bis Energiedeckungsgrad 100: -00:03:59.'
'Initiierung Wiederaufnahme Transfer bei 00:00:00.'
'Achtung: Datenlage unzureichend.'
'Initiierung Lokalisationsverfahren.'
'Korrelation Transferdauer und Bordzeit mit Außenbedingungen.'
'Abgleich Sternengeometrie mit historischen Daten fehlgeschlagen.'
'Berechnung abgeschlossen. Ergebnis-Wahrscheinlichkeit 95%.'
'Datum: 17.03.1912.'
'Ort: Ross-Schelfeis, Antarktis.'

Lawrence erschien es unwirklich, nüchterne Daten wie diese mit der zeitlosen Unwelt da draußen in Einklang zu bringen. Dennoch musste er schmunzeln als er die Meldungen verfolgte.
"Sie hätten auch fragen können", meinte er. "Aber nur zu, lassen Sie sich nicht aufhalten."
Er hätte schwören können, dass die Leinwand für eine Millisekunde innehielt, bevor sie fortfuhr.
'Unbekannte Person.'
'Suche in historischer Enzycondatenbank nach Äquivalenz.'
'Korrelation historische Persönlichkeiten mit Datum und Region.'
'Suche abgeschlossen.'
'Ergebnis-Wahrscheinlichkeit 93%.'
'Identifizierung: Geboren am 17.03.1880 in London, Vereinigtes Königreich. Spitzname Titus, bürgerlich Lawrence Oates, ehemals Captain der britischen Armee.'

"Nicht schlecht!", rief er, obwohl es sich seltsam anfühlte, seinen vollständigen Namen zu lesen. Seit Beginn der Expedition war er von den meisten seiner Begleiter entweder mit dem verhassten Spitznamen, oder eben Lawrence, bedacht worden. Mit seinem Nachnamen hatte ihn niemand angesprochen, genausowenig wie mit seinem alten Dienstgrad.
Oates wollte eigentlich anerkennend klatschen, verharrte aber als die nächste Meldung erschien.
'Verstorben am 17./18.03.1912, Ross-Schelfeis, Antarktis. Suizid.'
Im ersten Moment fühlte es sich kalt an. Im zweiten, als wäre er wieder ein kleiner Junge, der von seinem alten Herrn wegen einer Dummheit auf frischer Tat ertappt und dafür mit einer Backpfeife bedacht worden war.
Schweigend starrte Oates auf die Meldung, auf seinen letzten Tag.
Vorbei an den weißen Buchstaben. Auf die schwarze Leinwand.
Und verlor sich.
In die Dunkelheit.


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