Es ist: 09-04-2020, 10:20
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UnEarth (IV/IV)
Beitrag #1 |

UnEarth (IV/IV)
U n E a r t h - IV

Ich bin tot, dachte er.
Es hätte ihn nicht überraschen sollen, aber es war seltsam, das eigene Datum seines Ablebens dort zu lesen. Und aus unerfindlichen Gründen nagte das Gefühl der Peinlichkeit an ihm. Er verspürte den Drang etwas zu sagen, sich zu rechtfertigen, brachte aber nur ein hörbares Schlucken zustande.
"Nun ...", begann er schließlich. "Ich ..."
Er brach ab, als ihm keine passenden Worte dazu einfielen.
Unangenehme Stille.
Oates starrte die Leinwand an, und die Leinwand starrte zurück.
Ja, es war unangenehm und selbst bei einem Menschen wäre es schwer gewesen, sich zu erklären. Abgesehen von dem Umstand, dass Jemand, der sich umbringt sich nicht mehr erklären müsste. Aber wie konnte er gestorben sein, wenn er hier noch saß? Und warum hatte er den Eindruck, dass das Ding tatsächlich auf eine Begründung wartete?
"Ich musste es tun", hörte er sich plötzlich selbst und erschrak dabei, dass seine Lippen schneller als der Kopf waren. "Das Überleben der anderen war wichtiger."
'ASG-Schutzbereich: Kein menschliches Leben darf bevor- oder benachteiligt werden.'
"Ich bin aber eine Belastung für sie gewesen", sagte er. "Den Schlitten konnte ich nicht mehr ziehen und auch die Verpflegung war am Ende."
'ASG-Schutzbereich: Kein menschliches Leben darf bevor- oder benachteiligt werden.'
"Sie verstehen es nicht, oder?" Er seufzte. "Sie würden es sonst nicht schaffen."
Diesmal dauerte es eine Sekunde länger bis die Antwort kam.
'Historischer Datenbankeintrag für ausgewählte Region: Captain Robert Scott, Doktor Henry Wilson, Leutnant Henry Bowers, verstorben am 29.03.1912. Ross-Schelfeis, Antarktis.'
Sein Herz krampfte sich ein Stück zusammen.
Er wollte schreien, bekam aber kein Laut aus seinem Mund heraus.
Was?
Die Augen lasen es, aber der Kopf wollte es nicht glauben.
"Nein." Es war tonlos. "Das kann nicht sein ..."
Ein Piepen durchbrach die Stille und am Rande bemerkte Oates, wie es im Inneren der Särge heller wurde. Die alte Frage, wer sich dort im Inneren befand, schlängelte sich wieder in sein Bewusstsein und verlangte nach Aufmerksamkeit. Gefangen zwischen dem Tod auf der Leinwand und der Neugier ließ sich sein fassungsloser Blick nur widerwillig ablenken.
Oates schwang sich schließlich aus dem seltsamen Stuhl, näherte sich einem der Stasiskabinen und schaute vorsichtig hinein. Verblüfft musste er feststellen, dass die Gestalt, die sich da aus der Unkenntlichkeit heraus schälte, kein Mann war. Sondern eine Frau, deren Geist anscheinend tief und fest schlief.
Sein offenstehender Mund versuchte sich wieder daran, Fragen zu formulieren, die dann doch nicht ausgesprochen wurden. Stattdessen starrte er ungeniert in den Sarg, leicht pikiert, da die Frau für ihn mehr nackt als angezogen war. Ein ärmelloses Leibchen zierte den Oberkörper, gefolgt von einer Hose, die bis zu den Knöcheln reichte. Es war nicht mehr als ein Hauch von Bedeckung und die anatomischen Merkmale zeichneten sich darunter sehr deutlich ab: Die schlanke Taille. Die sich unmerklich hebenden und senkenden Brüste. Die Beine, genauso muskulös und kräftig wie die Arme. Das Gesicht gebräunt, aber ansonsten makellos. Augenbrauen, Nase, Mundpartie. Die schulterlangen Haare dagegen wirkten ungewaschen, lagen leblos unter und neben dem Kopf. Wie erstarrte Tentakel eines Tintenfischs.
Der Anblick einer Frau mit derart offenherziger Kleidung war für Oates schon ungewöhnlich, wurde aber noch übertroffen von dem, was am Körper der Frau sonst noch zu sehen war. Eine Maske, die über Mund und Nase befestigt war. Verschiedene Plättchen mit dünnen Kabeln, die am Kopf und unter dem Leibchen befestigt waren, verloren sich in kleine Kästchen, die im Inneren an den Seiten zu erkennen waren.
'Funktionsüberprüfung', erschien auf der Leinwand. Gefolgt von:
'Status Stasiskabinen: Aufgabenerledigung lebenserhaltende Systeme 100%.'
'Status biologische Funktionen: Wert-Normalisierung.'
Es war merkwürdig, anstelle eines zeitreisenden Mannes eine Frau darin zu sehen. Für ihn, wie auch alle anderen Menschen auf dem Planeten, waren Frauen, wie auch Kinder, zu kostbar für waghalsige Expeditionen. Sie galt es zu beschützen, zu behüten, auch wenn er wusste, dass es durchaus Damen gab, die sich sogar bewusst dagegen entschieden.
Oates war auch nicht überrascht, als er im zweiten Sarg ebenfalls eine Frau sah. Andere Haarfarbe, von der Statur kleiner, etwas zierlicher aber genauso kräftig. Im letzten Sarg, für den er im Uhrzeigersinn an der zweiten Leinwand vorbei zur dritten gehen musste, sah er dann abermals eine Frau.
Aber diesmal entlockte ihm der Anblick nicht nur Fragezeichen auf der Stirn, sondern auch einen Stich im Herzen. Die Frau, die dort lag, wies so blonde Haare auf, wie sie Engel wohl tragen müssten. Das Gesicht ein Meer aus Gutmütigkeit, aus schlafendem Frohsinn und einer Spur Verschmitzheit.
Er wagte es nicht, seinen Blick über das Kinn hinaus auf den Rest des Körpers zu richten. Es kam ihm falsch vor, denn das war die Frau aus seiner Kindheit, aus dem East End, die ihn damals auf der Straße so durchdringend angeschaut hatte.
"Was geht hier vor?", murmelte er und näherte sich mit dem Gesicht immer mehr der gläsernen Oberfläche. Wie geht das?
Sie hatte sich nicht verändert, wenn man von der nicht standesgemäßen Kleidung, die jetzt fehlte, einmal absah. Nicht gealtert, keine Narben, keine Fältchen. Nichts.
"Wer ist das?", fragte er und schaute auf die dritte Leinwand vor ihm. Bis dahin war sie schwarz geblieben, jetzt kam es ihm so vor, als wüsste wer oder was ganz genau, wo er sich gerade befand.
'Daten Besatzung unterliegen Schutzbereich 1.'
'Autorisierungskode Captain Lawrence Oates: Nicht vorhanden.'
'Freigabe verweigert.'

"WER IST DAS?", schrie er plötzlich und wunderte sich selbst über seine Stimme. "WER?"
'Freigabe verweigert.'
Er presste die Lippen fest zusammen und hielt die Flüche, die sich auf seiner Zunge tummelten, mühsam zurück. Zu gerne hätte er den Sarg geöffnet, selbst das Glas eingeschlagen, um die Frau aufzuwecken und an Antworten zu gelangen. Aber er glaubte nicht daran, dass er es schaffen würde.
Zu schwach. Und das Glas schien dicker zu sein als sein Wille.
Sie war es. Vor vielen Jahren. Die Frau, die ich nie vergessen werde. Aber ist sie es schon gewesen, oder wird sie es erst noch sein?
Er wusste es nicht. Er kam sich hilflos und unterbelichtet vor, hier, in diesem Ding, was für ihn auch nicht wirklich zu verstehen war. Eine Maschine wie diese konnte unmöglich seine eigene Generation bauen, wahrscheinlich noch nicht einmal die Kindeskinder der nächsten. Selbst die drei Frauen wirkten nicht, als ob sie je am Hungertuch genagt, oder an schweren Krankheiten gelitten hätten. Sie waren alle einzigartig, aber perfekt. Als hätte der Allmächtige persönlich Hand angelegt.
Vielleicht sind es wirklich Engel, dachte er, schüttelte dann aber den Kopf. Wozu bräuchten sie dann diese Lebenserhaltungssysteme?
Lange ruhte sein Blick auf dem Antlitz der blonden Frau, versuchte jede noch so kleine Hautpartie zu erfassen, sie als gefühlte Photographie zu bewahren, bevor er sich schließlich schweren Herzens von ihr abwandte.
Müde schaute er auf die Leinwand. Ein menschliches Pony, das auf ein Ding starrte, was nicht wirklich greifbar war. Der müde Willie fiel ihm wieder ein. Wie er sie aufgehalten hatte. Wie er dann doch - viel zu spät - den Gnadenschuss erhalten hatte.
Aber wenn es möglich wäre, ihn bereits früher aus der Geschichte herauszunehmen, dann würden seine drei Gefährten das Depot viel eher erreichen. Weil es dann schon immer beim 80. Breitengrad gewesen wäre.
"Das ist doch eine Maschine, die durch die Zeit reisen kann, oder?", fragte er und bevor eine Meldung erscheinen konnte, fügte er hinzu: "Können Sie mich an einem bestimmten Punkt in der Vergangenheit absetzen?"
Diesmal kam keine Antwort, die auf fehlende Autorisation hinwies, und dementsprechend eine Freigabe verweigerte. Stattdessen etwas ganz anderes.
'Besatzungsstärke TMA-01: Drei Personen.'
'Keine weiteren Stasiskabinen vorhanden.'

"Das macht nichts", rief Oates. "Ich setze mich in einen der Stühle."
'Keine weiteren Stasiskabinen vorhanden.'
"Ich brauche aber keine!"
'Feldstärke Wellserit-Generatoren bei Maximalauslastung lebensbedrohlich.'
Er stutzte.
Es war kein klar artikulierter Gedanke, eher ein Gefühl, das ihn dazu verleitete auf seine Hände zu schauen.
Makelloses Fleisch. Normale Fingernägel, zwar etwas zu lang, aber sie waren fest verankert. Dann setzte sich Oates in den baugleichen Stuhl, wie er auf der anderen Seite stand, und begann seinen rechten Stiefel auszuziehen. Langsam und vorsichtig. Es tat auch nicht weh, als er die Socke langsam vom Fuß zog. Aber der Anblick, der sich ihm bot, schnürte ihm beinahe die Luft ab.
Das Schwarz war verschwunden. Die Zehen konnte er bewegen, konnte sie wackeln lassen, als wäre nie etwas geschehen.
"Diese ... Generatoren sind nicht ausgeschaltet worden, oder?"
'Wellserit-Generatoren: Standby-Modus bei Transferunterbrechung.'
Für einen Moment wusste er nicht, ob er sich freuen oder verfluchen sollte. Der Fuß würde das Bein nie verlassen. Keine Säge durch das Fleisch schneiden. War es ein Geschenk Gottes, dass er hier an diesem Ort war? Oder träumte er dies nur, weil er in Wirklichkeit doch irgendwo dort draußen im Sterben lag?
Oates schaute auf den Sarg mit der Frau aus seiner Kindheit, bevor er sich den Stiefel wieder anzog. Die Gewissheit, dass er die Rettung für die drei Frauen war, kollidierte damit, dass sie mit dieser Maschinenanlage nicht die Rettung für ihn waren. Wie man es auch betrachtete: Wenn er hier drin bleiben würde, dann starb er. Verließe er das Ding, dann starb er dort draußen. Wahrscheinlich würde dieses Ding sogar den Transfer aussetzen, solange er sich hier drin befand. Wie lange die Energie reichen und was dann mit den Zeitreisenden passieren würde, wenn es keinen Transfer gäbe, wollte er lieber nicht hinterfragen.
So oder so lief alles darauf hinaus, dass er die Maschinenanlage verlassen musste. Und nur um endlich zu sterben.
Aber er war doch schon tot, er hatte es gesehen. Und hatte er es nicht gewollt? Ein Opfer gebracht, damit die anderen überleben konnten?
Oates seufzte, ignorierte die neuen Meldungen auf der Leinwand, die von der baldigen Wiederaufnahme des Transfers kündeten.
Sinnlos. In zwölf Tagen werden sie sterben, dachte er. Aber ist das unabänderlich? Ich lebe ja noch, obwohl ich tot sein sollte.
Unbewusst drückte etwas in seiner Hosentasche gegen das rechte Bein. Als er es hervorholte, lag der Kompass von Evans in seiner Hand. Und genau in dem Augenblick tauchte ein neuer Gedanke hinter seinen Augen auf. Eine Möglichkeit. Ein Ausweg aus dem Dilemma. Zwar noch nicht ganz klar umrissen, aber schon in den ersten Zügen erkennbar.
Das Depot, schoss es durch seinen Kopf und er hob den Blick wieder zur Leinwand.
"Noch eine Frage", sagte er. "Wie weit ist das Ein-Tonnen-Depot von hier entfernt?"
'Lokalisation aufgrund historischer Datenbank: Entfernung Depot vom derzeitigen Standort 18 Kilometer.'
Ohne dass er etwas sagen musste, tauchte eine eingenordete Gitternetzkarte auf, die auf weißem Untergrund nur drei Punkte - Ort des Ablebens der Kameraden am 29.03.12, Standort der Maschinenanlage sowie des Depots - und eine alles verbindende Linie aufwies.
Es war riskant, das wusste er. Achtzehn Kilometer waren zwar für eine Person ein Tagesmarsch, trotzdem eine nicht zu unterschätzende Entfernung, vor allem bei dem Unwetter dort draußen. Aber seine Füße waren wieder belastbar, das rechte Bein war schmerzfrei, und diesmal nicht wegen der Kälte, sondern weil es sich wie geheilt anfühlte. Wenn er es schaffen würde, dann erwarteten ihn Verpflegung, Ausrüstung und ein Notzelt, in dem er ausharren konnte, um dann mit dem Notwendigsten den drei Kameraden entgegen zu kommen. Vielleicht würde sogar ein Suchtrupp mit den Hunden aus dem Basislager vor Ort sein.
Der einzige Ausweg.

Oates hatte den Pullover wieder in die Hose gesteckt, und den Gürtel fest angezogen. Selbst die Socken und die lange Unterhose saßen wieder perfekt am Körper.
Er schaute beinahe wehmütig auf den Sarg mit der Frau aus seiner Kindheit, bevor er die dicken Winterhandschuhe wieder anzog.
"Passen Sie gut auf sie auf", sagte er zur Leinwand, auf der sich die Startvorbereitungen anhand zahlreicher Meldungen verdichteten.
Trotzdem bekam er noch eine Antwort, mittendrin.
'ASG: Schutz des menschlichen Lebens steht über Missionszielen. Änderungen nicht erlaubt.'
Eigentlich ein Witz, denn dadurch, dass er die Maschinenanlage verließ, wurden die drei Frauen gerettet - er aber begab sich dadurch in Lebensgefahr. Trotzdem hatte er nicht das Bedürfnis, das Ding mit diesen Fragestellungen zu konfrontieren, auch wenn er gerne gewusst hätte, wie es dann reagiert hätte.
"Ich wäre gerne mitgekommen", entfuhr es ihm und bevor er eine Antwort lesen musste, die er bereits kannte, hob er die Hand. "Schon gut. Ich weiß."
Er atmete ein, er atmete aus. Langsam setzte er sich seine Fellmütze auf und nickte schließlich zur Leinwand.
"Viel Glück."
Anstelle einer weiteren Meldung, die er nicht erwartete, öffnete sich die Luke diesmal von selbst. Im ersten Moment fuhr nicht nur ein schneidend kalter Wind ins Innere, sondern auch mehrere Brocken Schnee, die vor Oates Stiefeln liegen blieben.
Dann los, dachte er, kletterte über den Schnee durch die Luke nach draußen. Der nächtliche Wind hatte sich zu einem Sturm gemausert und empfing ihn beinahe schon verärgert, versuchte seine Beine wegzuziehen und ihn zu Boden zu drücken.
Er torkelte erschrocken über die Wucht, die er in seinem Plan nicht gebührend eingerechnet hatte, einige Meter von der Maschinenanlage weg. Blieb stehen, drehte sich um und beobachtete, wie unter dem Schneehügel ein bläuliches Licht durch das Weiß brach. Es wurde heller und heller, bis er sogar die Handschuhe schützend vors Gesicht halten musste. In seinem Kopf hörte er es Rauschen, obwohl er nicht wusste, ob es jetzt vom Sturm oder dem Ding kam.
Dann ein Knall - das Licht verschwand schlagartig und der Schneehügel brach plötzlich in sich zusammen.
Nur der kalte Nachtsturm war noch da. Und der Kompass, der ihm den Weg weisen sollte.

Allein, aber mit Zuversicht im Herzen stapfte er durch den Schnee. Nachdem der Wind sich nach einiger Zeit gedreht hatte, sogar mit diesem im Rücken. Die Kleidung war wieder mit Weiß bedeckt und die Kälte griff hindurch, aber insgesamt ging es ihm gut. Oates zweifelte nicht daran, dass er in dieser Verfassung das Depot erreichen würde. Auch wenn das bedeutete, dass er die ganze Nacht durchmarschieren müsste. Und wo konnte er sich hinlegen und ausruhen? Sollte er sich eine Kuhle graben, damit er wenigstens etwas Schutz vor dem Wind hätte?
Fragen, die - anders, als zu Beginn der Nacht - jetzt wieder zahlreicher in seinem Kopf auftauchten.
Ob das daran lag, dass er diesmal Grund zur Hoffnung hatte?
Oates stapfte weiter durch die Nacht mit den weißen Sternen, die von allen Seiten auf ihn einprasselten. Meter um Meter, die er in seinem Kopf zählte. Immer mit dem Blick auf den Kompass in seiner Hand, der ihm den Weg wies.
Achtzehn Kilometer, dachte er. Kämpfen!
Bei einer Umrechnung von zwei Schritten zu einem Meter waren das sechsunddreißigtausend einzelne Schritte. Von denen er bereits fast zehntausend geschafft hatte.
Er versuchte seinen Geist weiter zu beschäftigen. Obwohl er lieber über die unbekannte Frau nachgedacht hätte, fokussierte er seinen Geist auf die drei Kameraden und suchte vornehmlich nach schönen Momenten mit ihnen. Beispielsweise im Winterquartier, als ein Norweger ihnen versuchte beizubringen, wie man richtig auf Skiern steht und sich mit diesen fortbewegt. Leutnant Bowers war kein Naturtalent und den länglichen Brettern eher abgeneigt. Als er bei einer Übung beim ersten Versuch umfiel und dafür scharf vom Lehrer getadelt wurde, packte er sich den feinen Schnee, formte eine Kugel und warf sie durch die Reihen der Anwesenden in Richtung des Lehrers. Mit dem Endergebnis, dass dies zur größten Schneeballschlacht in der Geschichte der britischen Antarktisforschung wurde.
Oder als Wilson das ganze Camp nach einem Brief absuchen ließ, nur um es schließlich im hungrigen Maul eines der Hunde zu finden. Alle versuchten ihr Glück, von den Hundeführern bis hin zu Wilson selbst. Bestechungsversuche blieben wirkungslos, genauso wie gutmütiges Zureden. Erst als sich alle frustriert abwandten, ließ der Hund den Brief fallen und trollte sich fort.
Die Bilder verblassten.
Weiter durch den Schnee. Mit frohem Herzen. Mit der Hoffnung darauf, es rechtzeitig bis zum 29.03. zu schaffen. Hin und zurück, was ihn an einen Mann aus Shakletons Gruppe erinnerte, die bis dato vor einigen Jahren dem Südpol am nächsten kamen, ihn aber nicht erreichten. Sie hatten vorher umdrehen müssen, sonst wären sie alle gestorben. Und das war noch nicht alles, denn die Situation damals war vergleichbar mit derjenigen, in der er sich jetzt befand.
Bis auf einen Mann, Marschall, konnte damals keiner mehr gehen, so geschwächt waren sie. Nur er konnte dem stürmischen Wetter noch trotzen - und er tat es mit Bravour. Stapfte zum nächsten Depot, holte Medizin und Verpflegung, bevor die anderen dem Tod ins Gesicht sehen mussten.
Marschall, dachte Oates, während er sich den Schnee aus dem kalten Gesicht wischte. Marschall ...
Immer wieder.

Irgendwann bei zwanzigtausend Schritten siegte die Monotonie über die versuchten Kopfspielereien. Die Beine gaben nach und er fiel der Länge nach hin.
Oates blinzelte, versuchte aufzustehen, was ihm schwer fiel. Die Arme, die gerade noch vor Kraft strotzten, wirkten wie aufgeweichte Holzbalken. Die Beine fühlten sich auch nicht besser an. Zum Glück hatte er den Kompass die ganze Zeit fest im Handschuh verschlossen gehabt, sonst hätte er ihn suchen müssen.
Als er stand, musste er sich eingestehen, dass die Kälte und der Wind vielleicht doch stärker sein könnten als seine Hoffnung. Er stapfte trotzdem weiter und weiter, mit der Leere im langsam müder werdenden Kopf.
Bei Zwanzigtausendvierhundertdreißig Schritten hörte er auf zu zählen. Gefühlte Jahrzehnte später fiel er wieder hin.
Eine Kuhle, dachte er, schaffte es aber nicht mehr sich eine zu graben. Weder Arme noch Beine wollten ihm gehorchen, und auch sein Geist dämmerte langsam weg. Sein Blick blieb lange auf den Kompass gerichtet, bis die Augenlider immer schwerer wurden, sich aber nicht ganz schlossen.
Erst dann schaute er wehmütig in die Richtung, in der das Depot liegen sollte. Irgendwo da, noch einige Kilometer entfernt.
Und genau von dort kam ein Schatten aus dem Nichts auf ihn zu.
Eine Gestalt, die sich als ein Mann entpuppte.
Mit einer glühenden Zigarette im Mund des schwarzes Gesichts und Rastazöpfen auf dem Kopf. Unter der offenen Lederjacke war ein Shirt mit dem Aufdruck 'REVOLVERMANN' zu sehen. Aber ob er es noch erkennen konnte?
Ich wusste es nicht.

Als ich vor ihm stehen blieb und mich zu ihm herab beugte, schien das Leben nur noch als kleiner Funken in ihm zu schlagen. Mehr zaghaft als konsequent.
"Ich muss mich bei Ihnen bedanken, Captain Oates", sagte ich zu ihm, während der Sturm versuchte, nicht nur meine Zigarette, sondern auch meine Worte wegzureißen. "Das war nicht geplant."
Ich hoffte inständig, er würde es hören, vielleicht mit den Augen zwinkern, doch es kam nichts. Der Tod stand bereit - und genau deswegen war ich hier. Nicht nur als Geste guten Willens, sondern um Gleiches mit Gleichem zu beantworten.
"Captain?"
Ich warf die aufgerauchte Zigarette in den Schnee, berührte seine Schulter, drehte ihn schließlich auf den Rücken und suchte nach einem Blickkontakt, aber die Augen waren beinahe schon fast so kalt wie der Rest der Welt.
Es half nichts. Eine Antwort würde ich nicht mehr bekommen, also entschloss ich mich dazu, es einfach ohne Fragen zu tun.
Ich legte meine Hand auf die Stelle seines Herzens und spürte den letzten Funken von ihm. Den Forscher, den Entdecker, den Krieger. Die Liebe im Herzen, die Sehnsucht nach einem anderen Menschen. Dann sein Leben, seine Kindheit, seine letzten Schritte.
All das, was ihn ausgemacht hatte in dieser Welt, trat langsam aus ihm heraus. Hell erleuchtet. Eine Kugel, die in meiner Hand lag, als ich mich erhob.
"Erstmal herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Captain", sagte ich und deutete eine leichte Verbeugung an, bevor ich fortfuhr. "Abgesehen davon haben Sie hoffentlich nichts dagegen ewig zu leben."
Die Kugel pulsierte und begann über meiner Hand zu schweben.
"Warum?" Ich versuchte mich an einem meiner charmanten Lächeln, die manche als hintergründiges Grinsen bezeichnen. "Weil wir Sie gut gebrauchen könnten."
Dann drehte ich mich um, ließ den toten Menschenkörper hinter mir zurück, der bald vom Schnee bedeckt sein würde.
Und die Kugel folgte mir.
In die Dunkelheit.

'ENDE*

Nähkästchen:
1.) Die Trauerrede von Bob im ersten Kapitel soll auf die Rede von Dillon hinweisen, der in ALIEN 3 bei der Feuerbestattung von Newt und Hicks ähnliche Worte findet.
2.) Die letzten Sätze der einzelnen Kapitel (In die Dunkelheit) sollen auf den letzten Star Trek Film 'Into Darkness' verweisen.
3.) Die Meldung 'Transfer interrupted' soll auf das Add-On 'Stasis interrupted' des Spiels 'Colonial Marines' verweisen, wo (zu meiner Freude) gezeigt wurde, wie Hicks die Geschehnisse an Bord der USS Sulaco (vor Beginn zum dritten Teil) überlebt.
4.) Das Kürzel für die Temporale Maschinenlage 01 lautet TMA-01. Ein Verweis auf 2001 - Odyssee im Weltraum, wo das Kürzel für Tycho Magnetic Anomalie - 01 stand.
5.) Der Leistungseinbruch im Energienetz bei W3V9 soll auf Wolf359 hinweisen, wo es zu einer Schlacht zwischen der Förderation und den Borg kam. Die Zahlenreihe 359 findet sich auch beim eingeblendeten Countdown.
6.) Das ZPM soll auf Stargate (insbesondere Atlantis) hinweisen, wo diese Zylinder 'Zero Point Module' hießen. Hier sind es Zuse Power Module.
7.) Die Nummer 1.912.06 des ausgefallenen Moduls stellt den Tag meiner Anmeldung als Tippser im Internet dar.
8.) Der Ausspruch "Ich ... bin ... Captain ... und ... kein ..." ist dem Bordarzt der USS Enterprise McCoy aus Star Trek entliehen, hier allerdings wurde 'Arzt' durch 'Captain' ersetzt.
9.) Der schwarze Mann am Ende wird hier nicht mit einem Namen versehen, heißt aber Tam und stammt aus Weltenwanderers Welten. Ich habe ihn nur engagiert.
10.) Das letztendliche Erscheinungsbild von Oates ist eine Kugel, analog zum Sternenkind Bowman aus 2001.
11.) Die Titulierung der Hauptperson wandelt sich von Titus, über Lawrence, über Oates zu Captain. Dementsprechend ist einer der letzten Gedanken Marschall geschuldet, den es wirklich gab. Allerdings ist Marschall auch ein Dienstgrad gewesen, der weit über dem des Captains stand.
12.) Der Begriff 'Revolvermann' soll auf Roland, den Revolvermann hinweisen. Aus Stephen Kings Saga 'Der dunkle Turm'.
13.) Am 21.10.2015, um 16:29 Uhr traf Marty McFly in der Zukunft ein. (Teil II.)
14.) Der erste Satz 'Jetzt sind wir zu viert' ist ein kleiner Hinweis auf mich selbst. Eine Geschichte mit vier Orks, die nur nach ihren Waffen benannt wurden, hatte mal so angefangen. Icon_wink
15.) UnEarth ist eine kleine Wortspielerei meinerseits. Englischsprachige Leser würde es sofort als 'ausgraben', 'etwas zum Vorschein bringen' deuten. Die mögliche Verwechslungsgefahr zu UnErde ist gewollt. Mrgreen

D.


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Beitrag #2 |

RE: UnEarth (IV/IV)
Hallo Dread,

ich hatte gerade eine echt beeindruckende und spannende Gute-Nacht-Geschichte. Der erste Teil hat mich so sehr gefesselt, dass ich dann auch den Rest gleich gelesen habe. Ich habe nicht genug Zeit, um einen ausführlichen Kommi zu hinterlassen, aber Du hast mich bestens unterhalten und jetzt werde ich bestimmt gut schlafen. Und dabei denken: Faszinierend, Captain.

Liebe Grüße von slainte music


Mich kann man nicht komprimieren!

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Beitrag #3 |

RE: UnEarth (IV/IV)
Hallo slainte.

Deine Begeisterung ehrt mich, wie sie mich schon beim König der Nacht ehrte.

Danke fürs Lesen.

LGD.


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