Es ist: 08-04-2020, 03:47
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Verloren im Feuer Kapitel 2 Teil 2
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Verloren im Feuer Kapitel 2 Teil 2
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Kapitel 2 - Ein Geschäft - Teil 2

Für einen Moment wusste Valion nicht, was er sagen sollte. Das hatte wie eine ehrliche, freundliche Frage geklungen, und das traf ihn unvorbereitet. „I-ich weiß nicht...“, stammelte er und fuhr sich nervös durch das Haar. Er bemerkte nicht einmal, wie die Emotionslosigkeit, die er versucht hatte aufrecht zu erhalten, ihn verließ und nur Verwirrung zurückblieb. „Ich meine, ich... kenne überhaupt nichts vom Rest der Welt und...“ Er zuckte hilflos mit den Schultern. Eraviers Ton blieb freundlich, als er sagte: „Ich könnte dir ermöglichen, all dies“, er umfasste mit einer Armbewegung den ganzen Raum, „hinter dir zu lassen. Du könntest ein viel besseres Leben führen, Valion. Du könntest deine Familie unterstützen, sie müssten niemals hungern.“
Valion war sprachlos. Von einem Moment auf den anderen wurde er nicht mehr bedroht und eingeschüchtert, sondern mit einem Angebot gelockt? Frischer Zorn wallte in ihm auf, und er schrie Eravier an: „Mein Vater hat einen gebrochenen Arm, meiner Mutter habt ihr ins Gesicht getreten, und meine Schwestern aus dem Bett gezerrt! Und jetzt sprecht ihr davon mir ein besseres Leben zu bieten, als wäre all das nicht passiert?! Ich bin nicht dumm! Ich weiß, dass das eine Lüge ist!“
Er stapfte zum Esstisch, stellte die kleine Öllampe so heftig ab, dass es klirrte, und baute sich vor Eravier auf. Sein ganzer Körper bebte vor Wut, und was seinen Zorn noch zusätzlich anstachelte war die Tatsache, dass Eravier sich überhaupt nicht von seinem Gefühlsausbruch beeindrucken ließ. Er hob nur beschwichtigend die Hand. „Setz dich. Wir wollen doch jetzt nicht handgreiflich werden und ein gutes Geschäft ruinieren.“ Valions Geduldfaden riss. Er packte Eravier am Kragen und schrie ihm entgegen: „Sonst was?!“

Er sah es überhaupt nicht kommen, obwohl er zornig und wachsam war. In einem Augenblick stand er fest mit beiden Beinen auf dem Boden, im nächsten Moment wurde er gepackt und nach hinten gestoßen, ein heftiger, schmerzhafter Tritt gegen den Knöchel brachte ihn aus dem Gleichgewicht, und er stürzte auf den kalten, harten Boden der Hütte. Er schrie auf, als er sich den Hinterkopf anschlug, und dann noch einmal, als ihn Eraviers Stiefel auf seiner Schulter ihn in den Boden rammte. Er versuchte, sich aufzurichten, aber ließ es sofort bleiben, als der Stiefel sich noch tiefer und schmerzhafter in sein Schlüsselbein grub und ihm die Tränen in die Augen trieb. Hatte er wirklich für einen Moment geglaubt, er hätte hier die Überhand? Jetzt war ihm bewusst, wie wenig er die Situation unter Kontrolle hatte.
Selbst durch seinen Tränenschleier konnte er sehen, dass Eraviers Gesicht wutverzerrt war. Zum ersten Mal sah es nicht so aus, als würde er seine Emotionen nur wie eine Maske tragen, das Problem war, dass Valion sich wünschte er hätte nie gesehen, wer Eravier wirklich wahr. Über sich sah er den Gesichtsausdruck eines Mörders.

„Sonst? Junge, ich glaube du begreifst nicht, in welcher Lage du dich befindest. Wir könnten nachsehen, wie zerbrechlich die Nase deines Vaters ist oder die Schulter deiner Mutter. Danach könnten wir ein kleines Experiment durchführen. Es lautet: Wie schnell brennt ein Hof in einer windigen Nacht ab, und wie hoch wird das Feuer lodern? Wollen wir es herausfinden?“
Was stimmte nicht mit diesem Mann? Von einer Sekunde zur anderen wechselten sich Freundlichkeit und Drohung nahtlos ab. Die Angst kehrte zurück, mächtiger als zuvor. Er hatte versucht, mit jemand zu verhandeln, mit dem man nicht verhandeln konnte, und es zu weit getrieben. Vielleicht hatte er dadurch seine Familie zum Tode verurteilt. Die Erkenntnis ließ ihn in Tränen ausbrechen. Schniefend stammelte er: „Was wollt ihr von mir? Was soll ich tun?“

Seine Tränen retteten ihn. Eraviers Freundlichkeit kehrte zurück, auf einen Schlag, als wäre nie etwas gewesen. Der Stiefel wurde von seiner Schulter genommen, Eravier ergriff seine Hand, zog ihn auf die Füße und strich ihm das Haar aus dem Gesicht. Valion schrie innerlich auf, aber zitternd ließ er ihn gewähren. Er hatte zu viel Angst, etwas anderes zu tun als dazustehen, Tränen überströmt und benommen, und es über sicher ergehen zu lassen. Eravier lächelte ihn mitleidig an.

„Oh Valion, warum sind es immer nur die hübschesten von euch, die so viel Widerstand leisten? Mittelmäßige Proteges, die sich für wenig Geld verkaufen, habe ich im Überfluss, aber sie sind nichts im Vergleich zu einer Schönheit wie dir. Du weißt gar nicht, was du alles erreichen kannst, wenn du dich nur von mir führen lässt.“ Er strich sanft über die Valions Wange, sprach zu ihm wie zu einem Kind. Valion hatte das Gefühl sich übergeben zu müssen.
Was er sagen wollte war: Fass mich nicht an. Fass mich niemals wieder an!
Was er tatsächlich sagte war: „Ich tue alles, was ihr wollt. Ich will nur nicht, dass meine Familie...“

Eravier gebot ihm zu Schweigen. „Shhhh, schon gut. Lassen wir das hinter uns. Ich war verärgert, verständlicherweise. Einem jungen Mann kann man es nicht recht machen, nicht wahr? Ist man freundlich, denkt er plötzlich, er wäre der Herr der Lage und könne Forderungen stellen, und wird man zornig, ist er wieder ein kleiner, weinender Junge. Aber keine Sorge, ich bin nicht mehr wütend. Alles, was du tun musst, ist mit mir zu kommen, aus freien Stücken.“

Für einen Moment glaubte Valion, sich verhört zu haben, und er musste gegen den übermächtigen Drang ankämpfen, loszulachen. Aus freien Stücken? Wirklich? Wenigstens wusste er jetzt, was seine Mutter meinte, wenn sie sagte dass sie nicht wisse, ob sie lachen oder weinen sollte.

Aber er war nicht mehr in der Position, irgendetwas dazu zu sagen, es gab kein Zurück mehr. Er kämpfte den Drang zu lachen nieder, obwohl seine Mundwinkel ihn vermutlich verrieten, und fragte: „Und weiter?“ „Du wirst einen Vertrag unterzeichnen, der deinen Erwerb und die Entlohnung deiner Eltern betrifft. So lange du unter meiner Obhut bist und tust, was man von dir verlangt, werden sie eine Entschädigung von mir erhalten. Wenn alles so geschieht, wie ich es erwarte, wirst du nach einem Jahr verkauft werden, an jemand, der mehr als bereit sein wird die entsprechende Summe an deine Eltern auszubezahlen. Kurzum, wenn du klug bist, sind sie für immer ihre Sorgen los. Was sagst du, Valion?“

Das irre Lachen, das so unbedingt aus ihm heraus wollte, war wieder da, und diesmal konnte er es nicht aufhalten. Er lachte laut heraus, und fürchtete gleichzeitig, dass er dafür sofort bestraft werden würde. Glücklicherweise schien Eravier sich von Irrsinn nicht weiter beeindrucken zu lassen, er trat einen Schritt von Valion zurück, wofür dieser absurd dankbar war, und schmunzelte mit, während Valion unter Tränen lachte.
Erst als er sich ein wenig beruhigt hatte, keuchte er: „Habe ich denn überhaupt eine Wahl?“ Er wischte sich die Lachtränen aus den Augen, und plötzlich wurde alle Heiterkeit durch stumpfe Hoffnungslosigkeit ersetzt. Wie viele Emotionen würde er heute noch durchleiden müssen? Er hielt das nicht mehr lange durch. Es war mitten in der Nacht, draußen wurde seine Familie gefangen gehalten, und er war dabei, sein bisher gekanntes Leben wegzuwerfen.
Die Wahrheit war, dass er tatsächlich die Wahl hatte. Er konnte jetzt mit seiner Familie sterben, oder er konnte ihnen allen dieses Schicksal ersparen und in eine ungewisse Zukunft gehen. Er sah zu Boden, nicht in das verhasste Gesicht von Eravier vor ihm, als er sagte: „Ich werde mitkommen.“


Der Morgen begann langsam zu grauen, als sie nach draußen traten, obwohl es Valion so vorkam, als wären Stunden vergangen, seitdem er die Hütte betreten hatte. Er hatte das Gefühl, in helles Tageslicht treten zu müssen, doch jetzt, da der Mond sich hinter Wolken verbarg, schien der Hof noch dunkler zu sein als vorher.
Seine Familie wartete nun zusammengepfercht an der westlichen Hofseite, während nahe bei ihnen ein Feuer brannte. Valion machte sofort alarmiert einen Satz nach vorn, doch Eravier packte ihn am Arm und beruhigte ihn: „Keine Angst, dieses Feuer ist nicht dafür gedacht, irgendetwas niederzubrennen. Komm.“ „Wofür dann?“ Eravier antwortete nicht, sondern gebot ihm nur, ihm zu folgen. Aus den Augenwinkel erhaschte Valion einen Blick auf das Feuer, aber er konnte sich nicht zusammenreimen, wofür es dienen sollte. Er vergaß es sofort, als sie sich seiner Familie näherten und Valion erkannte, dass Arinda und Malia nicht mehr da waren. Hilflos sah er zu seiner Mutter. Dasha flüsterte beruhigend: „Sie haben sie in die Scheune gebracht, mach dir keine Sorgen, es geht ihnen gut.“ Ebran machte Anstalten, sich zu erheben und seinem Sohn entgegen zu gehen, aber einer der Wächter stieß ihn grob zurück auf den Boden. „Valion! Geht es dir gut?“, rief er aufgebracht. „Aber natürlich“, erklärte Eravier gelassen lächelnd, „Valion hat sich entschlossen, euer Vergehen wieder gut zu machen und als Ausgleich seine Arbeit angeboten.“
Dasha und Ebran wechselten einen Blick voller Entsetzen, und Valion wandte den Blick zu Boden. Was würden sie dazu sagen? Er wusste jetzt, was sein Vater von Eravier hielt, und sein Sohn schloss sich diesem Monster auch noch an, scheinbar freiwillig. Er konnte seinen Eltern jetzt nicht in die Augen sehen. Eravier fuhr gelassen fort: „Es gibt nur noch einen Vertrag zu unterzeichnen, und schon ist alle Schuld abgegolten. Wenn ihr so freundlich wäret..?“ „Damit kommt ihr niemals durch, Eravier!“ Valions Vater rappelte sich auf, die Augen sprühend vor Zorn. Erneut wurde er zurückgehalten, aber dass er seinem Zorn mit Worten Luft machte, konnten sie nicht verhindern. „Das ist mein Sohn, du Ausgeburt der Hölle! Ich lasse nicht zu, dass ihm etwas geschieht! Lieber kette ich ihn an wie einen tollen Hund!“ Dasha schüttelte verzweifelt den Kopf. „Hör auf Ebran, wir haben keinen Wahl, er wird...“ Doch Valions Vater hörte nicht auf sie. „Lieber breche ich ihm beide Beine und mache ihn zum Krüppel, als dass ich ihm das antue! Er ist kein Sklave! Das ist kein Leben für ihn! Er wird euch niemals...“ Eravier gab seinen Wächtern einen Wink, und einer der Männer stopfte Ebran einen Lappen in den Mund, und ein zweiter zerrte ihn weg von Valion und seiner Mutter, hin zur Scheune, vermutlich um dort mit Mila und Arinda festgehalten zu werden.
Einer von Eraviers Gefolgsleuten reichte diesem ein Papier und eine vorbereitete Schreibfeder, und er übergab beides Dasha. „Unterschreibt doch bitte für euren Sohn.“

Dasha sah nur Valion an, der immer noch den Blick abwandte. „Valion“, sagte sie leise, und er konnte nicht anders, als in ihr armes, geschundenes Gesicht zu sehen. Sie schien todtraurig und verzweifelt, aber auch voller Liebe zu ihm. „Schaffst du das?“, fragte sie mit zitternder Stimme, und er wusste, dass sie kurz davor war, zu weinen. Ihre blaugrauen, sanften Augen schwammen in Tränen. „Du musst ehrlich sein, Valion, hörst du? Du darfst mich jetzt nicht anlügen. Denn wenn du das tust, dann wirst du dich dein ganzes Leben lang unglücklich machen. Wenn du es nicht kannst, dann finden wir einen Weg. Irgendeinen! Sag mir was du denkst. Bitte.“

Er atmete tief ein und aus. Sein zukünftiges Leben lag vor ihm, eine große, schwarze Leere ohne einen Hinweis darauf, was er sehen, erleben oder tun würde. Die Hölle für ihn, oder der Himmel für sie alle. Nein, er konnte es nicht. Er konnte sie nicht im Stich lassen. „Ich schaffe das.“ Die Antwort klang selbstsicherer, als er sich eigentlich fühlte. Wenn ich muss, fügte ein zögerlicher Teil seiner selbst heimlich hinzu. Wenn es wirklich nicht anders geht.

Dasha nickte, ihre Lippen zitterten. Sie warf Eravier einen eiskalten, hasserfüllten Blick zu, und unterzeichnete das Dokument mit ihrem Namen, das einzige, was sie jemals gelernt hatte zu schreiben. Dann hustete sie, und mit eiskalter Miene spuckte sie Blut auf das Pergament.

Eravier lachte und klatschte erfreut in die Hände. „Wunderbar, sehr rührend. Und dann auch noch eine persönliche Note in der Unterschrift, wie reizend. Nun, da wir das hinter uns hätten, können wir den Vertrag besiegeln. Wenn du bitte dein Hemd ablegen würdest?“
Valion riss seinen Blick von seiner Mutter los und sah ihn versteinert an, er verstand kein Wort. „Was?“, fragte er benommen. Plötzlich fiel ihm siedend heiß ein, dass in seinem Rücken immer noch ein großes Feuer brannte. Er hatte es nur kurz gesehen, aber jetzt fiel ihm ein, was daran ihn beunruhigt hatte. Eine Stück Metall, das im Feuer lag. Jetzt wusste er, warum es ihm bekannt vorgekommen war: es war ein Brandzeichen.
Einer der Männer hob es gerade aus dem Feuer, glühend rot. Natürlich war es ein verziertes, kunstvolles „E“. Er würde gebrandmarkt werden wie ein Stück Vieh, als Zeichen, dass er einen Besitzer hatte.
Eravier legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er wollte sie am liebsten weg schlagen, er konnte es nicht ertragen, dass dieser Mann ihn berührte, egal, wie harmlos die Geste war. „Sei unbesorgt, es ist nur die Schulter. Nach wenigen Wochen wird es sicher verheilt sein. Vorher erreichen wir die Hauptstadt nicht. Du hast doch nicht etwa Angst?“ Valion zog sich stumm und trotzig das Leinenhemd aus, das er zum Schlafen getragen hatte, und reichte es seiner Mutter. Er sah die Angst in ihren Augen, aber er sah auch, dass sie gewusst hatte was kommen würde. Er hatte ihr versprochen, dass er es schaffen würde. Er durfte sie jetzt nicht enttäuschen.

Eravier nickte einem bärtigen Mann in der Menge zu, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. „Tarn, bereite alles vor.“ Der Angesprochene trat mit einem weißen Tuch vor, das streng nach Alkohol und Kräutern roch, und rieb Valions linke Schulter schnell, aber gründlich ab. Valion registrierte, dass seine Berührung in ihm nicht die übermächtige Abscheu auslöste, die er verspürte, wenn Eravier auch nur in seine Nähe kam. Nachdem seine Schulter zufriedenstellend sauber zu sein schien, wurde er grob auf den Boden gestoßen, und er warf einen Blick auf das Brandeisen, das wieder im Feuer lag. Der glühende Buchstabe schien ihn zu verhöhnen.
Tarn schnippte mit den Fingern, um Valions Aufmerksamkeit zu bekommen, und gab ihm einen Lederriemen. Seine tiefe, brummende Stimme klang nicht unfreundlich, als er sagte: „Hier, nimm das zwischen die Zähne. Das wird nicht hübsch, aber fall' mir bloß nicht rückwärts um. Ich kann dir jetzt schon sagen, das wirst du ziemlich sicher bereuen. Wenn dir schwindelig wird, geh in die Knie und neig' dich nach vorn, so wie jetzt. Hat den Vorteil, dass du im Ernstfall nicht deine Zunge verschluckst.“ Valion nickte und schob sich wie befohlen das Leder zwischen die Zähne. Das hatte er schon einmal gemacht, damals, als er vom Heuboden gefallen war und sich die Schulter ausgekugelt hatte. Das Einrenken war der schlimmste Schmerz gewesen, den er je gekannt hatte. Bis heute zumindest.

Tarn griff das Eisen aus dem Feuer, und für einen Moment musste Valion lächeln. Eravier stand nur mit verschränkten Armen da und sah wachsam zu. Valion hätte es nicht ertragen, von ihm gebrandmarkt zu werden. Tarn war nur irgendjemand, er führte nur einen Befehl aus, ohne bösen Willen. Er würde nur das tun, was verlangt wurde, und wenn Valion ihn richtig einschätzte war ihm Folter fremd. Es ist gleich vorbei, sagte er sich, und schloss die Augen.

Nichts geschah.

Er öffnete die Augen erneut und sah auf zu Tarn, doch der hatte das Brandeisen sinken lassen. Eravier hatte ihm mit einer Handbewegung Einhalt geboten.

Valions Herz sank ins Bodenlose. Nein. Alles, nur das nicht.

Eravier streckte die Hand aus, und Tarn übergab ihm zögernd das Eisen. Valion schüttelte stumm den Kopf. Nein. Bitte nicht. Er wusste nicht, ob er das ertragen konnte.
Eravier sah ihn an. Er lächelte. Er wusste genau, was er tat, er wusste genau wie sehr sich Valion fürchtete, und nur deshalb würde er es selbst tun. Er trat hinter Valion. „Du hast doch nicht geglaubt, dass ich mir diese Gelegenheit entgehen lasse“, sagte er leise. Er strich ihm zärtlich über das blonde Haar, und Valion krümmte sich. Lass es vorbei sein, lass es einfach vorbei sein, bitte lass es jetzt einfach...

„Du brauchst eine bleibende Erinnerung daran, wer dein neuer Gebieter sein wird“, sagte Eravier, und mit einem Ruck drückte er ihm das Eisen auf die Schulter.

Es gab nichts, überhaupt nichts, was sich mit dem Schmerz, den Valion in diesem Moment fühlte, vergleichen ließ. Für einen Moment war es heiß, dann war es zu heiß, und dann war es nur noch reiner, unverfälschter, alles zermalmender Schmerz. Die Luft füllte sich mit dem Gestank von verschmorter Haut. Wie durch Nebel nahm er wahr, dass er mit zusammengebissenen Zähnen schrie. Es schien nicht aufzuhören und eine Ewigkeit zu dauern, bis das Eisen plötzlich von seiner Haut gerissen wurde. Polternd rollte es über den feuchten Erdboden, der bei der Berührung zischte. Verschwommen, betäubt durch unendlichen Schmerz nahm er wahr, dass Eravier Tarn anschrie. Tarn musste ihm das Eisen aus der Hand gerissen haben. Über seine Schreie und seine Tränen hörte er nur Fetzen des Gesprächs. „... hast das Eisen zu lange auf der Haut... sterben können wenn...“ Eravier brüllte ihn weiter an.

Der Schmerz bleib, aber die Welt schien sich zurück zu drehen an ihren ursprünglichen Ort. Valion stand auf, spuckte das Leder aus und keuchte, es war das einzige, was er in diesem Moment überhaupt fertig brachte. „Langsam, Junge!“, warnte Tarn. Hinter sich hörte Valion seine Mutter schluchzen: „Oh Gott, was habt ihr im angetan? Sein Rücken...!“ „Er wird es überleben“, sagte Eravier kalt. Zu Tarn gewandt fügte er hinzu: „Bei anderen wiederum bin ich mir nicht so sicher. Versorg endlich seine Wunde!“
Tarn tat, was ihm befohlen wurde, langsam und sorgfältig. Er ließ sich ein weiteres sauberes, feuchtes Tuch reichen und deckte Valions Wunde vorsichtig ab. Es schmerze immer noch höllisch, und Valion konnte nicht anders, als aufzuschluchzen, wenn die Wunde berührt wurde. Ihm war schlecht, und er war wütend, dass die Schmerzenstränen nicht aufhören wollten, seine Wangen hinunter zu fließen. „Das wird schon“, brummte Tarn kaum hörbar neben ihm, und jetzt weinte Valion nicht nur wegen seiner Wunde, sondern auch weil sich jemand um ihn kümmerte und ihm helfen wollte. Aber er wagte es nicht einmal, sich zu bedanken. Tarn steckte in genug Schwierigkeiten, das war ihm klar.

Eravier schien das alles schon nicht mehr zu interessieren. Er hatte bekommen, was er wollte, alles andere war für ihn nur noch Formalität.
Endlich entließ Tarn Valion aus seiner Obhut, und er stolperte zu Eravier. Die Sonne warf ihre ersten, zaghaften Strahlen über den Rand der Welt, und der Himmel färbte sich rot und lila. „Was jetzt?“, fragte Valion. „Schlaf dich aus. Du wirst morgen Nachmittag mit uns aufbrechen.“
Etwas kratzte an dem letzten Rest wachen Verstandes, der noch in Valion war. Etwas, das er in der Aufregung vergessen hatte, oder übersehen. Jetzt fiel es ihm ein. „Was ist mit den Sklaven, die mein Vater freigelassen hat? Wollt ihr sie nicht verfolgen?“

Eravier wandte sich zu ihm um und lächelte.

Das kann nicht wahr sein, dachte Valion. Er hatte es nicht bemerkt. Er hätte sich selbst schlagen wollen. Auf diese Weise war er ausgespielt worden, er und sein Vater und seine Mutter. Weil es nie einen Zweifel an den Taten seines Vaters gegeben hatte, sodass sie nie innegehalten hatten, um sich zu fragen, ob die Auswirkungen der Wahrheit entsprachen. Als klar war, dass Ebran wirklich versucht hatte, Sklaven zu befreien, hatten sie akzeptiert, dass sie auch wirklich erfolgreich geflohen waren. Das war es, was Eravier von Anfang an gewollt hatte. Ebran hatte seine Täuschung wirklich erst ermöglicht.

„Sag du es mir, Valion“, forderte Eravier ihn auf.

Die Verbrennung auf seiner Schulter hämmerte und brannte, und der anbrechende Tag kroch blutend über den Horizont. „Ihr habt sie schon alle zurückgeholt“, krächzte Valion und wünschte sich etwas, an dem er sich festhalten konnte. „Und wohin sollen sie auch gehen, wenn sie gebrandmarkt sind? Jeder kann sie erkennen.“
Eravier lachte und klatschte Beifall, eine groteske Darbietung, getaucht in grelles, orangerotes Licht. Er hätte einen guten Höllendämon abgegeben, dachte Valion, während die Welt verschwamm. „Wir machen noch einen richtigen Händler aus dir. Nein, warte, streich das. Ich glaube, du bist anderweitig verpflichtet. Ich würde empfehlen, dass du jetzt schläfst und dann deine Sachen packst. Wir werden sehr bald aufbrechen. Unser Aufenthalt hier ist beendet.“

Der Schmerz war zu viel. Wenigstens erinnerte sich Valion noch daran, was Tarn gesagt hatte. Statt rückwärts zu taumeln, fiel er vorwärts auf die Knie, krümmte sich zusammen und übergab sich. Wenigstens würde er nicht seine Zunge verschlucken, das war vielleicht ein Anfang.
Seine Mutter rief seinen Namen, jemand packte seinen Arm, aber er wusste nicht mehr wer. Er schaffte es gerade noch, sich flach auf den Bauch zu legen, dann fiel alles aus den Fugen, rot versank in schwarz, und für einige Stunden war die Welt für Valion gnädig ausgelöscht.

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Beitrag #2 |

RE: Verloren im Feuer Kapitel 2 Teil 2
First read:

Hell yes. Es geht los. Wir haben Action, einen kleinen Hinweis auf eine spannende Hintergrundgeschichte der Mutter (sie kämpft zu gut für eine Bäuerin) und wir bekommen foreshadowing dafür, wie Valion mit seinem neuen Leben mental umgehen wird. Was mir immernoch fehlt, ist ein Hinweis darauf, dass es hier um Erotik gehen wird.



Zitat:Nicht nur, dass alles in den frühen Morgenstunden geschah, er hatte tief und fest geschlafen, als der Schrei vor dem Haus ertönte.

Den Satz stemple ich als Hirnfurz ab oder vielleicht waren das auch mal zwei Sätze und du hast an der falschen Stelle was editiert.


Zitat:Er fuhr von seinem schmalen Bett hoch, von einer Sekunde auf die andere wach, aber völlig desorientiert, und sein Herz raste in seiner Brust. Das nächste, was seine Aufmerksamkeit völlig beanspruchte, waren zwei Dinge – das Weinen seiner zwei Schwestern, die ebenfalls aus dem Schlaf hochgeschreckt waren, und drei schwere Aufschläge auf der Holztreppe vor ihrem Zimmer, die er zuerst überhaupt nicht einordnen konnte. Viel später, als er versuchte Ordnung in das Chaos seiner Erinnerungen zu bringen, konnte er sich vorstellen, was er gehört hatte – seine Mutter musste los gesprintet und mit drei einzelnen waghalsigen Sprüngen die elf Stufen hinunter ins Erdgeschoss gerannt sein.

Du beschleunigst mit dem ersten Satz und kriegst den Leser durch die schöne Beschreibung von Valions Aufregung ebenfalls aufgeregt. Dann schaltest du, legst den falschen Gang ein und das Tempo stirbt abrupt wieder ab.
"Das nächste, was seine Aufmerksamtkeit völlig beanspruchte, waren zwei Dinge"
Die ganze Stelle ist wie eine Wand, gegen die die Aufregung fährt, die du gerade aufgebaut hast.
Die Schwestern weinen, es poltert auf der Treppe, wir nehmen wieder Fahrt auf. Dem allwissenden Erzähler ist das Tempo aber zu gefährlich und er erzählt uns etwas über einen ruhigen Moment in der Zukunft, in dem Valion gemächlich Zeit hat, seine Gedanken zu sortieren und über die Anzahl der Stufen zuhause nachzudenken.
Ich übertreibe hier weniger als du denkst.
Warum beschreibst du nicht einfach, was Valion erlebt? Der Absatz ist wie ein Fußball-Spiel, bei dem immer wenn einer über die Mittellinie rennt, jemand ein taktisches Foul reinhaut.


Du beginnst irgendwann, die Eltern beim Namen zu nennen, anstatt "Vater" und "Mutter" zu sagen. Für mich ist das wieder zu weit weg von Valions Wahrnemung. Der Erzähler distanziert sich wieder vom Charakter, aber darüber haben wir ja schon lang genug geredet. Ich weiß nicht, ob du mehr Abwechslung rein bringen wolltest oder es dir nur darum ging, dass wir die Namen der beiden kennen, aber in beiden Fällen finde ich den Ansatz hölzern.
Allerdings kam mir ein Gedanke, den ich dir nicht vorenthalten möchte:
Ich fände es genial, wenn Valion in seinem Verhandel-Zustand der unterdrückten Emotionen die Eltern nicht als solche sieht und deswegen ihre Namen sagt/denkt. In dem Fall müssen wir halt vorher wissen, wie die beiden heißen, aber das kriegst du mit Ebran bei der ersten Erwähnung seines Namens schon hin. Soll er halt mit "Dasha! Bleib weg!" antworten oder so.


Zitat:Die Gleichgültigkeit und milde Heiterkeit in seiner Stimme und das gönnerhafte Lächeln ließen Valion frösteln.

Ich mag diese Sorte Bösewicht.


Zitat:„Erbärmlich, nicht wahr?“ Es war aus Valions Mund gekommen, obwohl er nicht für möglich hielt, dass er das tatsächlich sagte.

Genial. Du nimmst die Erwartung des Lesers und zeigst uns, dass Valion kein dummer Bauernjunge, sondern genauso "schlau" wie wir ist indem du ihn das sagen lässt, was wir von Eravier erwarten.


Wirklich zitierwürdige Stellen finde ich nicht mehr, Teil2 birgt kaum noch Überraschungen, zumal du den Wechsel des Brandeisens vorher offensichtlich machst indem Valion "bitte bitte nicht" denkt.

Anfügen möchte ich noch, dass durchaus ganz gut rüber kommt, dass sich Eravier ans Gesetz halten muss und bestimmte Regeln befolgt.


Fazit:

Du hast gefragt, wie das aussieht, was mir bis jetzt fehlt und ungefähr so sollte es aussehen.
Du versprichst Dashas Vergangenheit, Gute Menschen im Bösen Lager mit Tarn, Valions Wandel mit seinem emotionslosen Modus und einen Haufen Freude mit Eravier. Erotik hast du aber noch immer nicht versprochen, beziehungsweise immernoch nicht gezeigt, auch wenn immer wieder Leute darüber reden.
Ab jetzt hätte ich auch ohne deine einleitenden Worte außerhalb der Geschichte langsam Lust, mehr zu lesen.

"Zu jeder Zeit, an jedem Ort, bleibt das Tun der Menschen das gleiche."

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Beitrag #3 |

RE: Verloren im Feuer Kapitel 2 Teil 2
*kommt hustend und schleimend herein und fällt halbtot um* Hallo zurück @___@

Zitat:Hell yes. Es geht los.


Sag ich doch! : D

Zitat:Was mir immernoch fehlt, ist ein Hinweis darauf, dass es hier um Erotik gehen wird.

Da bin ich tatsächlich schuldig im Sinne der Anklage, weil mir eines bei Erotik wichtig ist - die Charaktere erst zu etablieren und dann aufeinander "loszulassen" XD. Zumal ein paar der wichtigsten Akteure auch noch gar nicht oder seit gefühlt fünf Minuten auf der Bühne sind.
Das mag erstmal wenig intuitiv sein und die Geduld diesbezüglich etwas strapazieren, auf der anderen Seite möchte ich es auch nicht anders. Ich möchte gleichzeitig eine spannende Story mit Konflikten UND den erotischen Teil liefern, aber eben auch so, dass das eine zum anderen passt und nicht ein siebzehnjähriger behütet aufgewachsener Junge plötzlich alles, Verzeihung, durchpoppt, weil der Plot es so will. Und erst Recht soll es keine von diesen Geschichten werden, in der jemand vom Oberbösewicht so lange sexuell drangsaliert wird, bis er alles gefälligst zu mögen beginnt.
Das bedeutet halt, dass der erste Teil der Story sich zwangsläufig mit dem Wandel des Hauptcharakters beschäftigen wird, legt aber auch den Grundstein für andere Zusammenhänge und Beziehungen, die durchgängig oder am Ende des Buches nochmal wichtig werden.

Zitat:Den Satz stemple ich als Hirnfurz ab oder vielleicht waren das auch mal zwei Sätze und du hast an der falschen Stelle was editiert.

Oder er klang in meinem Kopf besser als er aufgeschrieben zu lesen war!

Zitat:Die ganze Stelle ist wie eine Wand, gegen die die Aufregung fährt, die du gerade aufgebaut hast.

Ja, wie gesagt, an den ganzen Erzählperspektivenkram muss ich bei der Überarbeitung nochmal ran.

Zitat:Du beginnst irgendwann, die Eltern beim Namen zu nennen, anstatt "Vater" und "Mutter" zu sagen.

Ja, es war sehr schwer, immer wieder "Valions Vater" und "Valions Mutter" mit "Valion" zusammen in einen Satz zu hauen ohne dass das ganze unweigerlich blöd aussah, insofern war es mehr eine Notlösung, die man aber ganz offensichtlich zu gut sieht. Als ab damit in die Überarbeitung.

Zitat:Ich mag diese Sorte Bösewicht.
Dann freu dich, er bleibt dir für die erste Hälfte der Geschichte quasi durchgängig erhalten : D

Zitat:Genial. Du nimmst die Erwartung des Lesers und zeigst uns, dass Valion kein dummer Bauernjunge, sondern genauso "schlau" wie wir ist indem du ihn das sagen lässt, was wir von Eravier erwarten.

Ja, es war mir wichtig, Valion nicht komplett als Trottel dastehen zu lassen. Er wird noch genug dämliche Fehler machen und auch ganz herzzerreißend naiv sein, aber deshalb ist er halt auch nicht dumm wie zwei Scheiben Brot XD die Gratwanderung dazwischen ist schwierig. Gilt zum Beispiel auch für diese Stelle:

Zitat:Wirklich zitierwürdige Stellen finde ich nicht mehr, Teil2 birgt kaum noch Überraschungen, zumal du den Wechsel des Brandeisens vorher offensichtlich machst indem Valion "bitte bitte nicht" denkt.

Ich hatte angenommen dass es für den Leser relativ offensichtlich ist dass Eravier sich die Gelegenheit nicht entgehen lässt nochmal mitzumischen. Valion hat die Tendenz dazu erstmal vom "Best Case" zu starten (naiv halt) und dann überrascht zu sein, wenn die Welt nicht so nett ist, wie er dachte dass sie sein sollte, vor allem im ersten Teil der Geschichte. Insofern ist es ein "autsch" und ein "ernsthaft, das hast du doch nicht echt gedacht?" Moment.

Zitat:Anfügen möchte ich noch, dass durchaus ganz gut rüber kommt, dass sich Eravier ans Gesetz halten muss und bestimmte Regeln befolgt.

Das ist gut, sonst müsste ich das nochmal überarbeiten.

Zitat:Du versprichst Dashas Vergangenheit, Gute Menschen im Bösen Lager mit Tarn, Valions Wandel mit seinem emotionslosen Modus und einen Haufen Freude mit Eravier.
Zu allem, ja, so geplant!

Zitat:Erotik hast du aber noch immer nicht versprochen, beziehungsweise immernoch nicht gezeigt, auch wenn immer wieder Leute darüber reden.

Irgendwie stelle ich mir bei diesem Satz vor wie Eravier mit wedelnden Armen von links nach rechts durchs Bild läuft und "Erooooootik!" schreit XD
An dieser Stelle Erotik zu versprechen, wenn ich sie noch nicht halte, wäre hier noch etwas zu enthusiastisch. Sagen wir mal, in nächster Zeit kommen wir erstmal zu mehr Fantasy, mehr Worldbuilding und mehr Romance.

Zitat:Ab jetzt hätte ich auch ohne deine einleitenden Worte außerhalb der Geschichte langsam Lust, mehr zu lesen.

Na dann, Mission erfüllt!

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