Es ist: 03-10-2022, 22:18
Es ist: 03-10-2022, 22:18 Hallo, Gast! (Registrieren)


Ich habe Angst.
Beitrag #1 |

Ich habe Angst.
Ich habe mich in den letzten Tagen sehr zurückgezogen. Das lag zum einen daran, dass ich weiterhin viel arbeite und kaum Zeit für irgendwas Privates finde. Zum anderen aber beschäftige ich mich, wie viele andere wohl auch, vor allem gedanklich viel mit den aktuellen Geschehnissen. Die Anschläge in Paris haben mich erstmal sprachlos gemacht. Nicht nur, weil ich während meiner Zeit in Los Angeles wunderbare Franzosen, darunter auch in Paris lebende, kennengelernt habe und mir um diese natürlich Sorgen gemacht habe, sondern auch weil der Terror so unglaublich nah gekommen ist.

Als am 11. September damals die Twin Towers angegriffen wurden, kam ich aus der Schule nach Hause und wollte mir wie immer einen entspannten Nachmittag und Abend vor dem Fernseher gönnen. Meine Lieblingsserien anschauen. Aber überall lief das Gleiche, auf allen Sendern wurden die gleichen Bilder gezeigt, und ich wusste überhaupt nicht, was los ist. Ich erinnere mich nur noch, dass ich als nichts begreifender Teenager sauer war, weil mir mein gewohnter Tagesabschluss vergönnt war. Und dass wir in der Schule nicht über diese Angriffe gesprochen haben. Dass die Lehrer mit dem ganz normalen Unterrichtsstoff weitergemacht haben. Dass das Thema in keiner Weise zur Sprache kam.

Normalerweise halte ich mich aus politischen Geschichten raus. Weil ich nicht viel Ahnung habe von all diesen Geschichten. Doch jetzt muss ich einfach darüber schreiben. Auch wenn ich nicht viel sagen kann.
Nur dass ich Angst habe. Wirklich Angst. Unglaubliche Angst.

Damals, als New York einen der schwärzesten Tage der amerikanischen Geschichte erlebt hat, da war das alles ganz weit weg. Ein ganzer Ozean lag zwischen dem Ort dieses schrecklichen Geschehens und uns. Auch die Anschläge in der Türkei und in Ägypten und überall sonst sind verhältnismäßig weit entfernt.
Aber Paris, Paris ist so unglaublich nah. Frankreich ist unser direktes Nachbarland und ich war selbst vor einigen Jahren einmal dort und wollte immer mal wieder hin. Paris ist die Stadt der Liebe und erlebt so viel Hass. Wie passt das zusammen?

Und jetzt, heute Abend, wurde das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Niederlande abgesagt. Das Fußballspiel, das in Hannover stattfinden sollte. Hannover. Das ist noch viel näher als Paris, was mir schon viel zu nah war. Die Grenzen verschwimmen und ich frage mich, was die Menschen dazu bewegt, im Namen ihres Gottes derartige Taten zu vollbringen. Während andere Menschen, die doch an denselben Gott glauben, so friedfertig sind und sich sogar öffentlich von diesen Taten distanzieren. Wenn der Gott doch derselbe ist, wie können die Gedanken und Handlungen dann derart auseinanderklaffen?

Die Welt, wie wir sie kannten, wir hier in Deutschland, fernab von Krieg und Terror und Attentaten dieser Größenordnung, diese Welt scheint gerade unterzugehen.
Mir fehlen die Worte. Immer noch. Wieder.
Ich habe Angst. Schreckliche Angst. Und ich finde kein Ventil dafür.

Und ja, mir ist bewusst, dass dieser Artikel in keiner Weise hilft. Weder den Opfern noch den Angehörigen, weder gegen Terroristen noch gegen Krieg im Allgemeinen. Ich weiß auch, dass auf der Welt so viel mehr Schlimmes passiert, jeden Tag und überall. Dinge, die nicht durch die Medien gehen, die nicht solche Aufmerksamkeit bekommen wie die Terroranschläge in New York oder Paris, obwohl sie genau dieselbe Aufmerksamkeit verdient hätten. Es tut mir leid, dass diese Welt so ungerecht ist. Und es tut mir leid, dass ich nicht viel mehr tun kann, um das zu ändern. Die Menschen müssen aufwachen. Und aufstehen. Füreinander.

Aber ich habe Angst. Lähmende Angst. Alles überschattende Angst.
Denn was wird sein, wenn wir morgen aufwachen?

... weil das Leben seltsame Wege geht ...

Der Sprung über den eigenen Schatten gelingt leichter,
wenn wir ihn für jemanden wagen,
der Licht in unser Leben bringt.
(unbekannt)

Eine Schattengestalt und ihre Schattengedanken


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Beitrag #2 |

RE: Ich habe Angst.
Ich habe gestern stundenlang mit freunden darüber geredet und wir haben ein paar Punkte gefunden, in denen wir uns einig waren:


Niemand weiß, was die richtige Art ist, mit dem Terror umzugehen, mit dem IS umzugehen und wie man solche Anschläge verhindert. Andersrum, alles was gerade "getan" wird, hält Terroristen nicht ab. Die Menschen, die trotzdem veranlassen, dass viel mehr patroulliert und kontrolliert wird, sind sich darüber (hoffentlich) im Klaren, was uns vermuten lässt, dass bestenfalls Publicity und Beruhigung des Volkes die tatsächlichen Ziele sind, wenn nicht eher Ausweitung von staatlicher Kontrolle.
Auch Bomben auf den IS helfen nichts. Wir sind in einer Ära angelangt, in der nicht Menschen gegen Menschen kämpfen, sondern Ideen gegen Ideen. Jeder tote Terrorist zieht drei Brüder mit Blutschwur in den Krieg. Den IS in Ruhe zu lassen ist leider auch keine Option...


Wir dachten zwanzig Jahre lang, dass 1990 die Geschichtschreibung aufgehört hat. Die Menschheit war fertig, der Rest bis in alle Ewigkeit würde von Frieden und stetigem Fortschritt geprägt sein.
Die TwinTowers waren ein Hinweis, die Annexion der Krim ein Wink mit dem Zaunpfahl und Paris ein deutliches Zeichen: Geschichte wird immer geschrieben.
Und im Kreis meiner Freunde mischten sich gestern Angst und Aufregung, bei dem Gedanken daran, was wir noch erleben werden. Die plausibelsten "Prophezeihungen" waren:
Festigung oder Auflösung der EU
Niedergang der USA als Weltmacht
Niedergang des Euro
Platzen einer gigantischen Finanzblase-diesmal mit Knall


Deutschland wird brennen. Pegida-Trottel und Neos auf der einen Seite, IS-Agenten im Terror-Expansions-Auftrag auf der anderen. Hannover und Paris waren ein Anfang und wenn ich den Fokus auf die heilige Lederkugel und ihre Tempel sehe, denke ich, dass die EM nächstes Jahr ein Eckpfeiler des zukünftigen Geschichtsunterrichts sein wird.


Was Menschen angeht, die Dinge im Namen ihres Gottes tun: Islam ist nicht der Feind, weil er gern Feind ist. Islam wurde von den USA über Jahrzehnte hinweg zum Feind deklariert, bis er sich mit der Rolle abgefunden hat. Der Westen hat diesen Feind geschaffen und ich bewundere jeden Moslem, der sich dieser über den Ozean hinweg betriebenen Hass-Spirale entziehen konnte.
Vergesst nie, dass es nicht an der Religion liegt. Das Christentum war auch zu Kreuzzügen fähig. Der einzige Unterschied liegt in der Aufklärung und dem Gedankengut.
Die Aufklärung ging in den Kriegen ums Öl unter, das Gedankengut der Feindschaft wurde aufgezwungen.


Zitat:Und ja, mir ist bewusst, dass dieser Artikel in keiner Weise hilft.

Profilbild färben hilft keinem. (in fact, ich denke dass es ein Schritt in die ganz falsche Richtung ist...)
Hingegen seine Gedanken runterzuschreiben und darüber zu reden, hilft nicht nur dir, sondern ist vor allem allgemein das beste, was man in der Situation machen kann. Ich wüsste nicht, was mehr hilft, als Artikel wie diese.
"Pray for Paris" am Arsch. "Think about Paris" das wäre der richtige Slogan.



Ich guck in einer halben Stunde jedenfalls Die Anstalt auf ZDF, die regt immer zum Nachdenken an und heitert obendrein auf.

"Zu jeder Zeit, an jedem Ort, bleibt das Tun der Menschen das gleiche."

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Beitrag #3 |

RE: Ich habe Angst.
(17-11-2015, 22:22)Dreadnoughts schrieb: Hallo Angel.

Möchtest Du dies für sich stehen lassen, oder möchtest Du andere Stimmen dazu hören?

LGD.

Hallo Furchtloser,

ich habe die Gedanken, die mich gestern quasi überrannt haben, versucht, in Worte zu fassen. Und hier eingestellt, weil es mich sehr gewundert hat, dass zu dieser (und auch anderen) Thematik(en) noch kein Beitrag existiert. Weil ich von anderen Stimmen im Netz überschwemmt werde, die mir aber nicht helfen. Hier im Forum, in unserem zweiten Zuhause, hege ich die Hoffnung, dass es anders ist.

Ergo: Ich möchte sogar sehr gerne andere Stimmen hören. Und ich gebe zu, dass ich mich ganz besonders auf Deine freue.

Herzlichst,
Angel

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Beitrag #4 |

RE: Ich habe Angst.
Hallo Jason,

ich will mal ein paar Worte über deinen Beitrag verlieren.

Zitat:Niemand weiß, was die richtige Art ist, mit dem Terror umzugehen, mit dem IS umzugehen und wie man solche Anschläge verhindert. Andersrum, alles was gerade "getan" wird, hält Terroristen nicht ab. Die Menschen, die trotzdem veranlassen, dass viel mehr patroulliert und kontrolliert wird, sind sich darüber (hoffentlich) im Klaren, was uns vermuten lässt, dass bestenfalls Publicity und Beruhigung des Volkes die tatsächlichen Ziele sind, wenn nicht eher Ausweitung von staatlicher Kontrolle.
Auch Bomben auf den IS helfen nichts. Wir sind in einer Ära angelangt, in der nicht Menschen gegen Menschen kämpfen, sondern Ideen gegen Ideen. Jeder tote Terrorist zieht drei Brüder mit Blutschwur in den Krieg. Den IS in Ruhe zu lassen ist leider auch keine Option...
Das ist eine sehr pessimistische Sichtweise, die zudem auch nicht ganz richtig ist. Es stimmt, man wird Terroristen nicht davon abhalten können zu planen, aber ihre Anschläge sind sehr wohl durch die genannten Maßnahmen zu verhindern und wenn ein Terrorist gefangengenommen oder getötet wird, ist erstmal aus dem Verkehr. Und wir sind keineswegs im Zeitalter Idee gegen Idee, das waren wir mal, wenn man in die Geschichte blickt, jetzt ist es Mensch gegen Mensch und vor allem Geldgier gegen Geldgier und Machtstreben. Denn genau das treibt die Führer des IS an. Nicht die Religion, sondern der Wunsch nach Macht. Die Religion wird nur als Mittel zum Zweck eingesetzt, wie es einst auch dem Christentum erging. AUfgabe der Führer des Islam wäre es nun den Islam aus dieser Ecke rauszuziehen. Nur muss man auch so ehrlich sein, dass der Islam 600 Jahre jünger ist als das Christentum und längst nicht die Entwicklung genommen hat, die es hinter sich hat. Und nicht jeder Terrorist zieht wegen eines Blutschwurs seine Brüder nach, dass ist keineswegs der Fall. Denn es gibt zwei Möglichkeiten wie Familie und Freunde reagieren. Entweder waren sie vorher schon radikal, dann greifen sie tatsächlich zur Waffe, hätten das früher oder später sowieso getan, der Tod eines der ihren, hat dann damit nichts zu tun oder sie lehnten sein Handeln ab, dann werden sie es aber auch weiterhin tun und seinen TOd als Folge seines Irrglaubens sehen und deswegen nicht zur Waffe greifen. Das was du geäußerst hast, ist die typische Propaganda um Angst zu schüren, indem man den Gläubigen des Islam die Fähigkeit zu denken abspricht.

Zitat:Wir dachten zwanzig Jahre lang, dass 1990 die Geschichtschreibung aufgehört hat. Die Menschheit war fertig, der Rest bis in alle Ewigkeit würde von Frieden und stetigem Fortschritt geprägt sein.
Tut mir leid, wenn ich da mal etwas härter formulieren muss, aber: Wer das gedacht hat, hat aus der Geschichte nichts gelernt. Zumal die RAF bis in die 90er aktiv war, in dem Jahrzehnt noch Anschläge der IRA stattfanden und die USA auch immer wieder attackiert wurden. Wer das also gedacht hat, muss reichlich naiv sein.

Zitat:Die TwinTowers waren ein Hinweis, die Annexion der Krim ein Wink mit dem Zaunpfahl und Paris ein deutliches Zeichen: Geschichte wird immer geschrieben.
Die Annexion der Krim hier in einer Reihe mit den Anschlägen zu stellen, ist eine unglaubliche Form der Ignoranz und der Missachtung der Menschen der Krim und der Opfer der Anschläge. Die Annexion der Krim ist etwas ganz anderes, über das die EU sich am wenigsten beschweren kann, da solltest du dich nochmal informieren. Es gibt da eine sehr schöne Folge von Die Anstalt, die dürfte dir die Augen öffnen.

Zitat:Und im Kreis meiner Freunde mischten sich gestern Angst und Aufregung, bei dem Gedanken daran, was wir noch erleben werden. Die plausibelsten "Prophezeihungen" waren:
Festigung oder Auflösung der EU
Niedergang der USA als Weltmacht
Niedergang des Euro
Platzen einer gigantischen Finanzblase-diesmal mit Knall
Zum Ausrufen vom Niedergang des Abendlandes ist es noch zu früh. Am wahrscheinlichsten ist das Letzte, wenn unsere Politiker nicht endlich reagieren und z.B. die Finanztransaktionssteuer wieder einführen.

Zitat:Deutschland wird brennen. Pegida-Trottel und Neos auf der einen Seite, IS-Agenten im Terror-Expansions-Auftrag auf der anderen. Hannover und Paris waren ein Anfang und wenn ich den Fokus auf die heilige Lederkugel und ihre Tempel sehe, denke ich, dass die EM nächstes Jahr ein Eckpfeiler des zukünftigen Geschichtsunterrichts sein wird.
Ich bezweifle ganz stark, dass Deutschland brennen wird. Pegida ist keine Macht und könnte leicht aufgelöst werden, wenn die Politik statt zu reden handeln würde und auch unbequeme Themen dann endlich auf den Tisch kämen und z.B. nicht aus falscher politischer Korrektheit geschönt werden. Wenn die Ängste der Menschen endlich Ernst genommen werden, statt zu sagen, sie wären überflüssig. Und man vor allem die Ursachen bekämpft die Nazis hervorbringt und nicht die Syptome.
Die EM wird glaube ich nicht, in die Geschichtsbücher eingehen, dafür hat Frankreich genug Zeit sich vorzubereiten.

Zitat:Der Westen hat diesen Feind geschaffen und ich bewundere jeden Moslem, der sich dieser über den Ozean hinweg betriebenen Hass-Spirale entziehen konnte.
Der Westen trägt eine Mitschuld, aber geschaffen wurde der Hass von machtgierigen Predigern, denen ihre Religion genau so weit am Arsch vorbeigeht wie Bush das Christentum.

Zitat:Vergesst nie, dass es nicht an der Religion liegt. Das Christentum war auch zu Kreuzzügen fähig. Der einzige Unterschied liegt in der Aufklärung und dem Gedankengut.
Nein, der Unterschied liegt darin, dass das Christentum nicht mehr für den Krieg instrumentalisiert wird, da es vom Staat getrennt wurde. Gäbe es die Verbindung noch, würde es auch weiterhin herangezogen trotz Aufklärung, wie es die USA vormachen. Nur Rom und evangelische Kirche ziehen da nicht mit.

Zitat:Profilbild färben hilft keinem.
Da pflichte ich dir bei.

Lg,

Drakir

Auf das der Wind in eurem Rücken, nie euer eigener sei. (alter irischer Reisegruß Icon_wink)
drakir
und seine Werke

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Beitrag #5 |

RE: Ich habe Angst.
Hallo Angel,

mein Browser hat heute regelmäßig - wie von Geisterhand - deinen Beitrag geöffnet. Und innerlich formuliert mein Kopf seit gestern Abend einen ähnlichen Text, sucht Worte und Erklärungen für die Angst, die mich vor allem am Wochenende begleitet hat - und immernoch hochschwappt.

Heute hat mich eher eine Frage begleitet: Wovor habe ich Angst?
Habe ich Angst vor einem Anschlag, der mich selbst betrifft? Habe ich Angst, dass meine Lieben Opfer oder Zeuge eines Anschlags werden? Habe ich Angst, plötzlich allein zu sein? Habe ich Angst vor einem Anschlag irgendwo in Deutschland? Wovor habe ich Angst?
Habe ich Angst, unsere Gesellschaft zerbricht an diesen Anschlägen? Habe ich Angst um "unsere Werte"? Was sind "unsere Werte"? Habe ich Angst vor der Ungewissheit, vor dem Risiko, vor Kontrollverlust? Wovor habe ich Angst?

Ich finde keine Antwort auf diese Frage, obwohl ich Freitag Nacht voller Angst in meinem Bett saß, alle fünf Minuten reddit, Twitter und zwei Nachrichtenseiten aktualisiert habe, bis es keine Neuigkeiten mehr gab; obwohl ich vor dem Einschlafen der festen Überzeugung war, am Samstag nicht vor die Tür zu gehen und erst recht nicht in das große Kunstmuseum etwas außerhalb der Stadt zu fahren. Ich bin trotzdem gefahren und die Angst war mit an Bord und trotzdem weiß ich nicht, wovor ich mich fürchte ...



Das war der Angstteufel in meinem Kopf, jetzt kommt der Engel der Vernunft:

Warum Frankreich?
Zwei Gründe: Frankreich bekämpft den Terrorismus, und v.a. den IS, seit Jahren militärisch. Gleichzeitig ist die Gesellschaft in Frankreich sehr heterogen, der Front National wird immer stärker, die Angst der "Mittelschicht" davor, dass sich die Muslime radikalisieren, ist ein schnell brennendes Feuer. Die Hoffnung des IS: Dass die Ausgrenzung zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führt und "bürgerkriegsähnliche Zustände" entstehen. Sie wollen Chaos streuen und Zerfall ernten. Aus genau diesem Grund hört man von vielen sog. "Terrorexperten", Stellungen in Syrien zu bombardieren sei die falsche Antwort, sie müsse vielmehr "Willkommenskultur" heißen. Ich kann und möchte an dieser Stelle nicht urteilen (müssen).

Was ist der IS?
Im Guardian schreibt Nicholas Hénin einen Kommentar über den IS, der mir viel zu denken gegeben hat: Link. Hénin ist ein französischer Journalist, der zehn Monate vom IS als Geisel gehalten wurde. Er spricht viel darüber, wie der IS das Bild formt, das wir in Europa von ihm haben. Und wie genau seine Mitglieder nachverfolgen, wie wir auf die Anschläge reagieren.

Thema 1: Der IS formt gezielt das Bild, das wir von ihm haben.
Zitat:Much of what you think of them results from their brand of marketing and public relations. They present themselves to the public as superheroes, but away from the camera are a bit pathetic in many ways: street kids drunk on ideology and power. In France we have a saying – stupid and evil. I found them more stupid than evil. That is not to understate the murderous potential of stupidity.

Thema 2: Die Terroristen verfolgen Neuigkeiten aus Europa genau nach - und bewerten sie in ihrer Ideologie.
Zitat:It struck me forcefully how technologically connected they are; they follow the news obsessively, but everything they see goes through their own filter. They are totally indoctrinated, clinging to all manner of conspiracy theories, never acknowledging the contradictions. Everything convinces them that they are on the right path ...

Wie entsteht unsere Angst?
Der islamistische Stratege Abu Bakr Naji hat 2004 ein "Manifest" für al-Qaida veröffentlicht: Management of Savagery. An den Strategien hat sich al-Qaida orientiert, vieles findet sich auch beim IS und bei Boko Haram in Nigeria wieder.
Der Guardian fasst die Kernpunkte zusammen, auch bei derFAZ findet sich ein Artikel darüber. Darin:
Zitat:Mit „unzähligen kleinen Operationen“ soll der Alltag der „Ungläubigen“ und deren Kollaborateuren unerträglich gemacht werden, und zwar aus dem Schutz glaubenstreuer Milieus in den arabischen, asiatischen und afrikanischen Kernländern heraus, aber auch aus den wachsenden islamischen Parallelgesellschaften in den westlichen Staaten. Keiner soll sich mehr sicher fühlen können. Naji empfiehlt Kidnapping, Geiselnahme, Verwendung von Frauen und Kindern als lebende Schutzschilde, öffentliche Tötungen, Selbstmordattentate, aber auch Anschläge auf Ölfelder, Häfen, Flugplätze, Touristentreffpunkte.
Das Ziel sei: Chaos. Und das Machtvakuum könne der IS füllen, der Sicherheit verspräche. Und was kommt danach? Die Frage bleibt leer in der Ideologie.

Was können wir tun?
Momentan ist diese Frage für mich genauso schwer zu beantworten wie: Wovor habe ich Angst?
Was kann ich tun? Vielleicht hoffen, dass weiterhin nichts passiert, in Kauf nehmen, dass Veranstaltungen kurz vorher abgesagt werden, offen bleiben gegenüber Menschen, die vor dem Fliehen, das ich fürchte. Ich weiß, ich kann nur ruhig bleiben, solange mein direktes Umfeld nicht betroffen ist. Ich weiß, ich bin ein sehr rationaler Mensch, und anderen wird es noch schwerer fallen. Vielleicht hilft nur Vertrauen in die Sicherheitsbehörden vor Ort. Sich vor Augen führen, dass kein Attentäter ins Stade de France gekommen ist.
Nehmen wird das die Angst aber auch nicht.

Das war jetzt ausführlicher und persönlicher als geplant.
Beim nächsten Mal dann Antworten auf Jason und drakir, für den Moment muss es reichen.

Viele Grüße
Libertine

... und von den wundersamsten Wegen bleibt uns der Staub nur an den Schuhen. (Dota Kehr)
Avatar von Eddie Haspelmann

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Beitrag #6 |

RE: Ich habe Angst.
Hallo ihr Mitschreiber,

ich war auch eine Zeit lang am überlegen ob ich antworten solle. Ich würde gern meine Meinung darlegen.


Ganz zu Anfang würde ich gerne schon sagen, dass Angst kein guter Wegbegleiter ist. Natürlich ist sie irgendwo, jedoch war schon immer die Angst das, was Menschen dazu bringt kopflos zu werden. Angst führt zu Panik, was nur ein stärkerer Ausdruck der Angst ist. Es gab erst letztens in Paris eine Massenpanik bei einer Mahnwache, bei Bedarf kann ich das Datum nennen. Natürlich lagen dort die Nerven blank, verständlich nachdem was dort passiert ist. Dort hat wohl jemand einen Silversterböller gezündet.
Die letzten Tage hatte ich in meiner Umgebung kleine Explosionen, wahrscheinlich irgendwelche Trolle mit Böllern. Aber dennoch zittern hier immernoch alle, Tage später. Außerdem wurden schon vor paar Monaten Einschusslöcher in Straßenschilder gefunden und der lokale Supermarkt am Montag ausgeraubt. All das kommt in meinem Dörfchen jetzt zusammen, keiner ist mehr draußen, alle Fahren nur noch mit dem Auto. Es herrscht Angst, das was alle Menschen ducken lässt, ein perfides Mittel und genau das, was diese Gangster in Paris erreichen wollten.

Aufmerksamkeit, Angst und wie drakir sagte, Chaos. Da hilft auch nicht das lose Gerede von Politikern. "Wir müssen, "man braucht jetzt", "jetzt sollte man mal". Fehlt nur noch: "wir schaffen das".
Ich bin nicht in irgendeine politische Richtung eingestellt, kann aber nicht gutheißen was momentan abläuft.

Ein Musterbeispiel war die Absage des Spiels der Niederlande gegen Deutschland. Das übliche "wir haben handfeste Hinweise". Achja? Das beruhigt die Bevölkerung ungemein, die sich in die Hosen macht.
Das ist das Gleiche, als wenn der Bäcker sagen würde:" Tja, mein Ofen funktioniert nicht, aber ich habe von jemanden Hinweise, dass da was nicht stimmt." Bevor das große Mosern und Meckern losgeht wird dann noch schnell hinterhergeschoben, dass es "aus Gründen des Schutzes der Bevölkerung" war. Ich bin gespannt wie viel uns noch im Sinne der Sicherheit noch verschwiegen oder auferlegt wird.
Zitat eines B-Politikers (In meiner Stadt), dessen unwichtigen Namen mir nicht gemerkt habe: "Im Sinne der Sicherheit muss man auch Aspekte der Freiheit bescheiden."
Aha, so viel zum "Wir lassen uns nicht in unserer Lebensweise einschränken." Nun, Herr Misere(Maiziere), danke für die aufmunternden Worte, die wunderbar zeigen, wie frech man doch Lügen kann, wenn man Rhetorik beherrscht. (Falls er das war, aber trotzdem, gesagt wurde es)

Nun, so viel zum politischen wollte ich eigentlich gar nicht sagen, aber für mich zeigt es wieder, dass was in all den Jahren gesagt wurde "dass man mal was tun muss", aber letztendlich sind es immer andere, die die Suppe auslöffeln dürfen (Flüchtlinge?).

Zum Thema Angst machen die Medien auch ganze Arbeit um die auch noch zu schüren. Wie ein Schmied am Kohlefeuer, blasen sie ihre Vermutungen und "aus sicherer Quelle" stammenden Infos in die Köpfe der Leute. Jetzt titelt Bild, dass angeblich mehrere Bomben in Hanover geplant gewesen seien, gefunden wurde natürlich nichts. Oder uns wurde nichts gesagt. Im nachhinein wird immer, immer und immer wieder berichtigt, weil es noch zu früh ist um richtige Angaben zu machen. (Ja, die Bild ist ja auch so seriös *sarkasmus*)
Versteht mich nicht falsch, ich bin auch traurig darüber, was in Paris passiert ist. Ein Bekannter, der glücklicherweise abhauen konnte, der dort war hat ein nicht so schönes Bild aus der Konzerthalle verschickt.

Habt ihr euch mal gefragt ob die Zeitungen und Berichterstattungen objektiv sind? Nein, sind sie nicht. Ein Journalist bringt immer eine Wertung, egal ober Profi oder nicht. Er entscheidet was "sehenswert" ist, wenn nicht er, dann entscheiden Andere. Im Zweifelsfall der Verleger.
Alternative Medien werden verteufelt und erst gar nicht zugelasen, mundtot gemacht. Selbstständiges Informieren und eine Meinung bilden wird zur Herkulesaufgabe. Wenn man nicht mit den Strom schwimmt wird man unter Wasser gedrückt, selbst wenn man eine Meinung hat.

Dies sind nur kleine Gedankengänge momentan. Ich weiß, es ist viel blabla ohne "Beweise", dennoch fällt mir das ein.

Was mir auch noch so auffällt:
Alle fangen an gegen irgendwen zu Hetzen. Im Internet wird fleißig die Nazi-Keule geschwungen. Normale Menschen, die sich um ihre Familie sorgen werden als Rechtspopulisten abgestempelt nur weil sie sagen, dass sie Angst vor bestimmten Gruppierungen haben.
Es wird gegen die Leute gehetzt, die nicht den Kopf in den Sand stecken und denen das ganze Mitleidgetue nach einer Zeit auf den Nerv geht.
Dann sind wieder die Leute, die sagen, dass es anderswo auch jederzeit Tote gibt und man ein Heuchler wäre wenn man Mitgefühl für Paris zeigt.
Und ganz vorn ist die Hetze gegen den Islam. Wie bereits gesagt, der auch nur ein Sprungbrett dieser Verbrecher ist.

Wenn man sich das so durchliest bekommt man den Eindruck, vor allem auf Facebook, hab mich einmal eingeloggt und das Grauen bekommen, besteht die Gesellschaft aus:
(Folgendes sind nur Bezeichung die die Leute erfinden, nicht meiner Meinung entsprechend)
Mediengeilen, Aufmerksamkeit-Gierende, Heuchler, Hyperemotionale, Rechts, Ganz Rechts, Verschwörungstheoretiker, Naive Kinder "Kiddis", Antisemetismus-Fanatiker, etwas Links, Links, Nazis, Pegida-Trottel, Antifa-Extremisten und und und. Sind schon teilweise lustige Bezeichnugen die sich die Leute gegenseitig geben. Aber nochmal, ich vertreten davon rein gar nichts.

Die Menschen zerfleischen sich selbst, Anders denkende werden in Grund und Boden gestampft, die Meinung anderer wird nicht akzepiert sondern man muss dagegenhalten mit aller Macht.


Durch das, was in Paris passiert ist wurde ins Wespennest nicht gestochen, sondern eine Bowlingkugel geworfen. Sobald sich die Aufregung legt (falls sie es denn tut) merkt man hoffentlich, dass man kopflos war. Besonders meine/die jüngere Generation... da kann ich echt nur den Kopf schütteln. Halbwissen und Naivität werden mit der Realität konfrontiert und dann redet ein LeFloid(Youtuber mit tausenden Zuschauern) auch nur Halbwahrheiten daher und dabei auch noch wieder Hetze gegen Rechts betreibt. Dadurch wird grandios gezeigt wie es eben nicht geht: Hetzen, Finger-zeigen á la "der wird und der hat".
(Und mir ist es herzlich egal was "rechts" treibt, solange keine Leute angegriffen oder dazu angestachelt werden)

Die Menschen werden sich weiter zerfleischen, war schon immer so.


Nun, nach dem Roman, der mit Sicherheit nicht Fehlerfrei ist, noch
Was kann man tun:

Eine ausgezeichnete Frage, die sich noch schwerer beantworten lässt. Lebe dein Leben. Das ist mein Leitweg, selbst jetzt.
Ich habe das "Glück" so oder so öffentlich scheu zu sein. Ich bin eher im Wald anzutreffen als in einer Großstadt, ich mag keine Menschenhaufen.

Trotzdem, das Leben geht irgendwie weiter. Achtsamkeit und Vorsicht ist gut, Angst dagegen trübt das Gemüt. Besonnenheit sowie ein klarer Blick auf die Dinge sind wichtig. Wenn man das Gefühl bekommt in akuter Gefahr zu sein, dann hilft auch die Angst aber vorher ist es eher hinderlich.

Ich weiß, dass das nicht viel hilft aber einfach durchatmen, einen Tee oder Kaffee trinken und für 30 Minuten einfach alles abschalten. Am besten keine Gedanken wenn möglich, oder tröpfeln lassen, über unbedeutende Dinge denken oder einfach nur Regenbögen im Kopf enstehen lassen. Es löst zwar nichts aber es hilft einem zu Enstpannen, denn das darf niemals zu kurz kommen. Erst Du und deine Gesundheit, dann die Anderen.

Bin mir nicht sicher ob ich auf die anderen Beiträger explizit eingehen soll, lasse es aber.

Bis hier hin, danke fürs Lesen meiner bescheidenen Meinung.

Lg Nos


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Beitrag #7 |

RE: Ich habe Angst.
Liebe Leute,

es freut mich, hier von euch zu lesen, an euren Gedanken zu diesen schrecklichen Ereignissen teilzuhaben.

Ich kann eure Ängste gut nachvollziehen. Mir geht es - und das erstaunt mich selbst - anders. Ich habe keine Angst. Jedenfalls keine konkrete Angst. Keine Angst vor einem Anschlag in unmittelbarer Nähe. Keine Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes. Natürlich, ich bin erschüttert ob des Dramas, das Paris, Frankreich, Europa (ich will da eigentlich keine Grenzen ziehen: Paris galt uns allen). Ich bin besorgt, was die aktuellen Entwicklungen mit uns, aus uns machen. Ich habe ein flaues Gefühl in der Magengegend, wenn ich lese, dass die AfD erstmals in Umfragen drittstärkste Kraft ist. Ich schäme mich, dass es eine Nachricht ist, dass sich unter den Hunderten Opfern in Paris zwei Deutsche befinden. Ich bin ohne Antwort, wenn ich mich frage, was ich denn machte, wenn ein Terroranschlag Menschen meines unmittelbaren Umfelds aus dem Leben risse (weniger dagegen, wenn es mich selbst träfe - meine Sorge gilt auch dann eher meinen Lieben, die damit zu leben hätten).

Aber ernsthaft Angst habe ich nicht. Ich glaube, ich will das einfach nicht. Ich will nicht, dass die gewinnen. Ich will nicht, dass ich aus Angst meinen Lebensstil verändere, nicht mehr auf die Straße gehe, mich nicht mehr traue, mit Freunden in der Stadt in einer belebten Kneipe ein Bier trinken zu gehen. Diese Genugtuung kann und will ich denen nicht geben. Nicht, dass ich kein Verständnis hätte für das Gemurmel von Leuten, die in eine menschenleere Imbissbude schlurfen mit den Worten "Hier kann man ja noch hingehen ..." - gestern so erlebt. Aber ich will das nicht. Nicht für mich. Und es klappt erstaunlich gut, das flaue Gefühl im Magen zu verbannen.

Neben diese - ja, wie soll man das nennen? - Empörung? treten drei weitere Gefühle: Unverständnis, wie Menschen zu derarter Unmenschlichkeit fähig sein können; Wut, dass die Menschheit noch immer nicht an den Punkt gelangt ist, Religion, Religiosität zu etwas Gutem, etwas den Einzelnen innerlich stärkenden zu sehen; Verachtung dafür, dass wir es noch immer nicht überwunden haben, sie als allzu fadenscheinigen Deckmantel für schnöde Machtpolitik zu verwenden, wie sie es zu Zeiten der Kreuzzüge war, des Dreißigjährigen Krieges, des Kaschmir-, Balkan- oder Nordirlandkonflikts.

Freunde, lasst euch nicht unterkriegen.

Beste Grüße vom Lehrling

Zum Lehrling und zur Lehrwerkstatt

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Beitrag #8 |

RE: Ich habe Angst.
Zitat:Und wir sind keineswegs im Zeitalter Idee gegen Idee, das waren wir mal, wenn man in die Geschichte blickt, jetzt ist es Mensch gegen Mensch und vor allem Geldgier gegen Geldgier und Machtstreben. Denn genau das treibt die Führer des IS an.

Da habe ich anfangs schlecht formuliert. Ja, den Anführern geht es um Macht, aber die sind nicht wichtig.
Wenn wir die Mitglieder töten, kommen neue Mitglieder und wenn wir die Anführer oder die Organisation beseitigen, Gründen die Mitglieder eine neue/treten einer anderen bei. Es ist eine Hydra, die sich von unserem Hass ernährt und dabei nicht mehr wirklich auf Anführer und Struktur angewiesen ist.


Zitat:Das was du geäußerst hast, ist die typische Propaganda um Angst zu schüren, indem man den Gläubigen des Islam die Fähigkeit zu denken abspricht.

Ich spreche allgemein gern allen Gläubigen die Fähigkeit zu denken ab, in dem Fall war das allerdings nicht die Absicht. Aber wenn ich auf FB kommentare von Leuten lese, die auf "wenn das hier Alltag wäre, würdest du auch fliehen" mit "nein, ich würde bleiben und kämpfen" antworten, kann ich mir gut vorstellen, dass jeder Drohnentote auch im Morgenland das Bedürfnis weckt, "sein Land" oder "seine Religion" zu verteidigen.


Zitat:Tut mir leid, wenn ich da mal etwas härter formulieren muss, aber: Wer das gedacht hat, hat aus der Geschichte nichts gelernt.

Soll dir nicht leid tun. Ich bin 1992 geboren, für mich war Geschichte alles, was vorher passiert ist. Und es gab zumindest im Empfinden meiner Generation kaum Anlässe, diese naive Weltsicht aufzugeben. Das war einer der Haupt-Punkte im Gespräch mit meinen Freunden. Wir sind es nicht gewohnt, dass Dinge passieren, die im zukünftigen Unterricht erwähnenswert sein könnten.


Zitat:Die Annexion der Krim hier in einer Reihe mit den Anschlägen zu stellen, ist eine unglaubliche Form der Ignoranz und der Missachtung der Menschen der Krim und der Opfer der Anschläge.

Meh, das war nicht die Absicht. Ich kann den öffentlichen Hass auf Putin nicht verstehen, im globalen Krisenfall à la Zombieapokalypse würe das der Mann, auf den ich meine Hoffnungen setze, die Welt zu retten.
Hier wollte ich nur Ereignisse aufzählen, die für mich "weltbewegend" waren. Ereignisse, die meine naive Generation auch wahrgenommen hat. Ländergrenzen sind für uns (wage ich zu behaupten) etwas heiliges gewesen, deswegen gehört die Krim hier mit dazu. Die Folge der Anstalt habe ich auch gesehen Icon_smile


Zitat:Zum Ausrufen vom Niedergang des Abendlandes ist es noch zu früh.

Das war tatsächlich mit keiner der Prophezeihungen gemeint. Die USA werden weiter existieren, aber ich denke nicht, dass sie sich mit ihren inneren Problemen noch sehr lang außenpolitisch als DIE Weltmacht halten können. Einen Niedergang bedeutet das für das Abendland zumindest in meinen Augen keineswegs.
"Festigung oder Auflösung der EU" soll auch eher Wandel als Absturz bedeuten. So wie sie jetzt existiert hilft sie nur irgendwie niemandem. Vor beidem habe ich allerdings Angst, um mal on-topic zu bleiben.
Gab es Finanztransaktionssteuer schon mal? Warum wurde das abgeschafft? Die Idee ist brilliant. Schade nur, um Volker Pispers zu zitieren, dass es in einer Demokratie nicht möglich ist, Gesetze zu machen, die für mehr als 80% der Bevölkerung offensichtlich ein Vorteil sind.


Zitat:Die EM wird glaube ich nicht, in die Geschichtsbücher eingehen, dafür hat Frankreich genug Zeit sich vorzubereiten.

Es bleibt meine Ansicht, dass man sich nicht genug vorbereiten kann. Allerdings müssen wir uns hier ja nicht einig werden. Pegida ist auch tatsächlich keine Macht, aber brennende Flüchtlingslager und ihre Folgen sind etwas, wovor ich Angst habe. Das war auch nicht als "Krieg zwischen Pegida und IS" gedacht, ich denke auch nicht, dass hier Soldatenheere einmarschieren werden, aber irgendwas kommt, das uns erschüttert. Auch davor habe ich Angst.


Zitat:Nein, der Unterschied liegt darin, dass das Christentum nicht mehr für den Krieg instrumentalisiert wird, da es vom Staat getrennt wurde.

Das ist Teil dessen, was ich mit Aufklärung und Gedankengut meine.



@Dreadnoughts: Ich weiß dass wir beide auf dem falschen Fuß angefangen haben, aber deine Meinung interessiert mich brennend. Wenn du nichts sagen kannst oder willst, sag nichts. Aber wenn doch, mein Ohr hast du.



@NosDuron:

Zitat:Hetze gegen ... Pegida-Trottel
Ich fühle mich direkt kritisiert :D
Es kostet mich seit es die Montagsdemos gibt Überwindung, Pegida zu sagen, ohne "trottel" daran anzuhängen. Das kommt nicht erst seit Paris, wird aber durch Hetze gegen Flüchtlinge verstärkt. Dämliches Idiotenpack.


@Feder:

Die Ängste, die mich hier plagen sind auch eher politischer Natur. Ich habe Angst vor den Veränderungen, die der Terror bei uns auslöst, nicht vor dem Terror selbst.

Tatsächlich ist Angst im Alltag das Ziel des Terrors. Und diese Genugtuung wird er von mir nie bekommen.

"Zu jeder Zeit, an jedem Ort, bleibt das Tun der Menschen das gleiche."

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Beitrag #9 |

RE: Ich habe Angst.
Hallo Angel,

ich habe zwar keine Ahnung, aber hier hast du meine spontanen Gedanken.
Vielleicht bringen sie ja dich auf andere Gedanken.

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Am Tag nach den Pariser Anschlägen kaufte ich keine Blumen, sondern eine Richtantenne. Damit die Flüchtlinge, die in der Schule gegenüber wohnen müssen, noch besseren WLAN-Empfang haben. Die Stadt lässt sie nämlich offline hängen, ohne bezahlbaren Kontakt zu ihren Angehörigen oder zu Online-Sprachkursen. Deshalb teile ich meinen ohnehin bezahlten Internetanschluss. Bei gutem Wetter sieht man die Flüchtlinge draußen mit ihren Telefonen, gezielt an den Stellen wo der Empfang am besten ist.

Warum denke ich gerade jetzt an meine WLAN-Spende, wenn scheinbar alle Mitbürger an Trauer und Notwehr denken?
Weil Hass nicht aus dem Nichts kommt.
Wo Menschen zu Mördern werden, wurde viele Jahre vorher zu wenig kommuniziert.
Da haben sich Fronten abgegrenzt, das viel propagierte "Multikulti" hat gnadenlos versagt.
Da wurden entwurzelte Personen ausgegrenzt, bis eine irre Terrorgruppe sie aufsammeln konnte wie herumliegende Goldstücke.
Doch dazu unten mehr.

Als in Hannover das Stadion geräumt wurde, saß ich gerade in der U-Bahn. Als ich in der Innenstadt umsteigen musste, fiel mir die Polizeipräsenz in der Haltestelle auf. Aber ich dachte mir nichts dabei. Denn alles war ganz ruhig und an Fußballtagen sieht man Polizisten an den ungewöhnlichsten Orten.
Dann kam eine Lautsprecherdurchsage, dass das Fußballspiel abgesagt sei und man bitte nicht mehr dorthin fahren solle. Ein paar Passanten riefem dem Lautsprecher zu: "Das ist alt, wissen wir seit einer Stunde!"
Auch dabei dachte ich mir nichts. Gibt ja tausende Gründe, aus denen Fußball ausfallen kann. Die nächste Bahn war überfüllt, aber niemand wirkte ängstlich oder aufgeregt. Ich hörte auch kein Wort davon, was in der Stadt los war. Erst als ich ankam, las ich in den Nachrichten, dass das Spiel wegen einer Bombendrohung abgesagt wurde.
Erster Gedanke: "Na toll, dank Paris-Panik wird jetzt für jeden vergessenen Koffer der Kampfmittelräumdienst losgeschickt! Da hat bestimmt nur ein unbeaufsichtigtes Gepäckstück herumgestanden."
Meine größte Angst an diesem Abend war, dass meine Bahn nach Hause verspätet fahren könnte. An offiziellen Aussagen kam nur verwaschenes Gerede über die Newsticker. Man wolle uns nichts verraten, weil uns das beunruhigen könne. Na fein, beruhigt uns das jetzt? Vorher war ich ruhig, aber nun überlegte ich, was uns da vorenthalten wurde.

Ehrlich: Es gab keinen Anschlag in Hannover. Soweit ich das Blabla der Verantwortlichen deuten kann, gab es nur eine vage Vermutung, dass einer geplant sein könnte. Der Rest war eine reine Vorsichtsmaßnahme.
Ich möchte nebenbei an die Kampfstrategie Fear, uncertainty and doubt (FUD) erinnern.

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Wovor ich heute Angst habe?
Nun, ich befürchte, dass die Terroristen bereits gewonnen haben könnten.

Dass wir aufgrund der Anschläge von Paris uns in Hass und Angst hineinsteigern, Minderheiten brandmarken und so die nächsten Terroristen selbst heranzüchten.
Dass "überwachungsgeile" Politiker die Morde schamlos ausnutzen, um ihre (völlig anderen) Interessen durch zu boxen - siehe FUD.

Zum Beispiel wird schon wieder nach Überwachung und Verschlüsselungsverbot gerufen. Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass einige Attentäter von Paris lange polizeibekannt waren. Das heißt, sie wurden bereits beobachtet. Hat nichts gebracht. Dass die "Drahtzieher" so schnell gefunden wurden, ist auch kein Zufall: Der Polizei schon bekannt, teils mehrfach verurteilt.
Offensichtlich hätte noch mehr Überwachung der Massen genau gar nichts sicherer gemacht. Dennoch schallt es aus allen Ecken:
Wir finden die Nadel nicht, gebt uns mehr Heu!
Trittbrettfahrer. Ekelhafte Nutznießer. Laut denen sind wir noch selber schuld am Terror. Weil noch nicht alle einander misstrauen.
Was passiert, wenn der "Polizeistaat" wirklich eingeführt wird? Die Menschen werden mehr Angst haben, unangepasste Exemplare noch argwöhnischer betrachten. Weniger kommunizieren, denn man könnte ja die falsche Meinung äußern. Ihr seht, wohin das führt? Genau: Zu den nächsten durch die Maschen fallenden Jugendlichen, die sich von Extremisten rekrutieren lassen, weil sonst keiner sie haben will.

Zum Beispiel geht die Hetze gegen Flüchtlinge weiter. Dass die meisten vor genau diesem IS-Terror flüchten, interessiert keinen Radikalabendländler.
Nun stellen wir uns mal vor, wir wären neu in einem fremden Land. Die Einheimischen lehnen uns ab, niemand erklärt uns deren Kultur, außer um uns Primitive zu von oben herab belehren.
Gewinnen wir dieses Volk lieb? Eher nicht. Wir ziehen uns in die Sicherheit unserer Subkultur zurück, nehmen die aufgenötigte Rolle des Systemgegners schließlich an. Irgendwann sind wir es leid, als Bürger zweiter Klasse zu gelten. Genau da treffen wir eine Organisation, die uns beibringt, dass wir nichts Schlechteres, sondern was Besseres sind. Was viel Besseres als die ganzen Leitkulturfolger, diese Ungläubigen, Sittenlosen ... schon haben die Extremisten uns geködert. Und es ist toll. Endlich was Besseres sein, es dem eingebildeten Westen heimzahlen.

Zum Beispiel wird nach mehr Militäreinsätzen gerufen. Nun ja, ganz ohne Militär wird man den IS nicht mehr los. (Dass er ohne vermutlich auch nie entstanden wäre, ist ein anderes Thema.) Aber stellen wir uns mal vor, wir lebten in einem Land, in dem die USA einen Drohnenkrieg führt. Jeden Tag kreisen die Drohnen über unserer Stadt. Niemand kann vorhersehen, wann sie zuschlagen. Immer wieder werden Unbeteiligte schwer verletzt, aber man darf nicht hinrennen um sie zu retten, weil man sonst vermeintlicher Komplize ist und sofort die nächste Bombe einschlägt.
Schaffen wir es, "den Westen" nicht zu hassen? Schaffen wir es tatsächlich, deren Kultur als fortschrittlich anzusehen, uns deren Demokratie zu wünschen? Aus dieser Perspektive ist "der Westen" ein Killermonster das mit allen Mitteln bekämpft werden muss.

So betrachtet, führen alle propagierten Maßnahmen - Massenüberwachung, Misstrauen, Gewalt - langfristig zu noch mehr Hass. Damit hätten die Terroristen gewonnen. Europa würde - alle gegen alle - seine grundlegenden Werte selber zur Hölle jagen.

Wie geht es also weiter? Eine schwierige Frage. Um den IS auszutrocknen, muss man ihm zwei Brennstoffe entziehen: Geld und Kanonenfutter. Wenn sie sich weder Waffen leisten (die ja nicht im Wald, sondern von Weltkonzernen produziert werden), noch zahlreiche verstörte Kämpfer importieren könnten, wären sie relativ schnell am Ende.
Ihnen die Geldströme zu entziehen, überlasse ich den Experten. Aber ihnen den personellen Nachschub zu entziehen, ist eine Sache, die überall in der Welt auf kommunaler Ebene läuft. Man müsste die Fronten irgendwie miteinander ins Gespräch bringen, solange sie noch mit Argumenten ansprechbar sind.

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So viel Theorie ... warum habe ich keine Angst, vor die Tür zu gehen?

Die Gefahr von einem Auto überfahren zu werden, ist nach wie vor massiv höher, das die Gefahr eines Anschlags in meiner Nähe. Aber das dürfte nicht der Grund sein. Die Zeitungen sind derzeit voller Hass- und Angst-Äußerungen, man kann dem Thema "Angst + Hass" nicht entgehen ... ja, auch in meinem Kopf nistet sich das Thema ein.
Über die Woche habe ich beobachtet, wie mein Gedächtnis alte Situationen hervor kramt, in denen ich völlig zu Recht verängstigt war. Wie es die Szenen zur Gegenwart in Bezug setzt und keinen Zusammenhang findet. Was ich zu fürchten gelernt habe und was da draußen abgeht, kommt sich nicht ausreichend nahe.

Statt dem dritten Weltkrieg, der irgendwie längst im Gange ist, tauchten Szenen aus der Schulzeit auf:
Da liege ich als Zwölfjährige zusammengekrümmt auf dem Fliesenboden, fünf Jungs aus dem Jahrgang treten mir abwechselnd mit Anlauf in die Rippen, eine ältere Klasse bildet einen Ring drumherum und lacht.
Da rammen Mitschüler mir im Vorbeigehen ohne Vorwarnung die Knöchel in den Hinterkopf, bloß um ihre schlechte Laune an irgendwem abzureagieren.
Da umzingeln sie mich im Bus und lachen sich über meine Reaktionen schief, wenn sie mich probeweise schlagen, schubsen oder mit Obstschalen bewerfen.

Das sind so Bilder, die mein Hirn ausgräbt, wenn es beim Zeitunglesen permanent mit den Stichwörten "Angst, Hass, Gewalt" gefüttert wird. Mit Terrorismus oder Krieg hat das nichts zu tun.
Die einzige Parallele: Vielleicht hätte man dieses kranke Pack auffangen können, bevor es durch die Maschen fällt.

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Wie geht es jetzt weiter?

Als Privatpersonen können wir nicht viel tun. Wir können nur versuchen, offener aufeinander zuzugehen - besonders auf Leute die gar nicht zu uns passen, die wir auf den ersten Blick ausgrenzen wollen. Aber die Gelegenheit dafür bietet sich leider ziemlich selten.

Wir können uns jedoch gegen die ekelhaften Trittbrettfahrer zu Wehr setzen. Diese Politik, die den Terror ausnutzt, um lange geplante Bürgerrecht-Einschnitte durchzusetzen. Die es hinnimmt, dass der Drohnenkrieg von Ramstein aus gesteuert wird und immer mehr Terroristen heranzüchtet.

Und wenn man gar nicht davon kann? Dann stellt man wenigstens einen WLAN-Router auf. Darüber können dann andere Leute miteinander im Gespräch bleiben. Das lohnt sich schon, wenn auch nur ein einziger Syrer kostenlos mit Frau/Oma/Papa telefoniert, statt sich vor Ort einem Geistlichen anzuvertrauen, der unter den Verzweifelten im Wohnheim für die Salafisten wirbt.

Vielleicht werde ich diesen Beitrag später wieder löschen. Heute bin ich krass genug drauf, um ihn zu schreiben. Morgen will ich den Mist bestimmt wieder aus dem Netz raus haben.

Friedlichen Abend
coco


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Beitrag #10 |

RE: Ich habe Angst.
Ich verfolge die Geschichte schon lange. Ich war traurig über den Tod Peter Scholl-Latours, weil er mir erklären konnte, was seit Jahrzehnten in der Welt passiert, so, dass ich es verstehen konnte. Ich habe so etwas schon lange erwartet.
Angst? Ich habe panische Angst vor Vergewaltigung und Schmerzen. Weil ich das schon erlebt habe.
Aber dies ist mein Leben und ich bin nicht bereit dazu, es mir von einem fanatischen Terrorismus mit einer Pseudoreligion oder von einer komplett verfehlten Weltpolitik zerstören zu lassen.
Diese Monster da draußen können mir nicht das Wasser reichen! Die sollen erstmal ihre eigene Geschichte lernen - und mit ihren eigenen dreitausend Göttern - die sie seit Allah vergessen haben - hadern.
Ich mache mir schon große Sorgen, aber die Vergangenheit hat mir immer gezeigt, dass Friedenszeiten eher die Ausnahme sind und wir Glück hatten, in einer solchen zu leben.
Ich bin der festen Überzeugung, dass ich stolz auf mein Leben und auf das bin, was ich bisher geleistet und geschafft habe und das niemand das Recht dazu hat, dieses, was ich gern auch anderen weitergebe, zu zerstören. Kein Krieg wird mir nehmen, was ich bin. Niemand wird mir je wieder meine Freiheit rauben.
Ich möchte Mut machen. Es ist klug, sich aufmerksam zu bewegen. Unterdrückung? Niemals. Der IS ist nicht so stark, wie er gerade scheint, und der Wahnsinn wird noch einmal gestoppt werden, da bin ich sehr zuversichtlich.
Was wir dringend brauchen, ist Bildung und Aufklärung, denn die wirkliche Gefahr lauert hier im eigenen Land - durch Unwissenheit und Dummheit. Ich habe viel mehr Respekt vor der braunen Flut - die leben vor meiner Haustür - als vor dem IS, der zwar einzelne Brutaloaktionen machen kann, aber inzwischen fast die ganze Welt zum Feind hat.

Bitte lebt Euer Leben ohne Angst - Sorge ist okay, die ermöglicht Vorsicht, aber lasst Euch nicht von Angst bestimmen.

Eine ganz liebe, herzliche Umarmung für Euch alle von slainte music


Mich kann man nicht komprimieren!

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