Es ist: 20-10-2020, 23:41
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Brüche in der Handlung & Perspektivwechsel - Tips gesucht!
Beitrag #1 |

Brüche in der Handlung & Perspektivwechsel - Tips gesucht!
Hallöchen,

ich denke jeder hat in seinem Schreiben ein paar Schwachstellen, die man gerne ausbügeln will und trotzdem nicht weiß, wo man eigentlich anfangen soll. Für mich sind das leider Gottes, obwohl persönlich gar nicht so krass wahrgenommen, die Sprünge von einem Charakter zum anderen und zwischen verschiedenen Zeiten.

Als Beispiel zwei Szenarien:

Zwei Charaktere unterhalten sich, die Handlung wird zwar von einem allwissenden Erzähler erzählt, der bewegt sich aber quasi "auf der Schulter sitzend" mit dem einen Charakter mit. Die Unterhaltung geht weiter, aber der Erzähler wechselt die Perspektive und springt quasi zu dem anderen Charakter, um anschließend seine Handlung weiterzuverfolgen, wie er den Charakter 1 verlässt und seiner eigenen Arbeit nachgeht - in etwa, wie man es im Filmischen tun würde, wo die Kamera immer auf der Hauptperson verweilt, aber sie mitunter verlässt, um zu anderen Charakteren zu springen oder auch nur eine Szenerie zu zeigen.

Das zweite Szenario ist komplizierter, zwei Charaktere werden von einem dritten verfolgt, den sie schließlich als einen Freund identifizieren, und er wird gefragt, wo er denn eigentlich herkommt/bzw. warum er den Charakteren gefolgt ist. Die Frage ist hier der Anknüpfpunkt für einen Rücksprung um vielleicht zwei Stunden, und es werden Ereignisse geschildert die zuvor passierten und dazu führten, dass die Situation zustande kam.

Von beiden Sprüngen wurde der aus dem zweiten Szenario immer als zu hart empfunden - mehrere Leser waren verwirrt, warum man in der Handlung springt, und mussten sich erst zurecht finden, zum wem sie eigentlich springen. Aber auch das erste Szenario war für einige verwirrend, vermutlich weil in den vorherigen Kapiteln fast immer der Hauptcharakter der Fokus war, bis der zweite Hauptcharakter eben die Bühne betritt und genug etabliert war.

Meine Frage ist jetzt, wie macht ihr das? Habt ihr Tricks für Rückblenden und Handlungssprünge, für den Wechsel zwischen Hauptcharakteren? Wie führt ihr den Leser an solche Sprünge heran, wie etabliert ihr die unterschiedliche Szenerien und Zeiten? Vermeidet ihr bestimmte Sachen einfach kategorisch, und wenn ja, warum? Kennt ihr ein "Best Practice"?

Etwas, das ich persönlich schon gesehen habe, aber eigentlich wie die Pest hasse, sind eingeschobene Überschriften wie "2 Stunden zuvor" oder Kapitel, die eben mit dem Name des Protagonist beginnen. Beides finde ich meinem Empfinden nach klobig, zumal meine Kapitel einen bestimmten Spannungsbogen haben, der diese Brüche eigentlich mit einbeziehen soll.

Es wäre toll ein paar Gedanken dazu zu hören.

Aquarius fears little in life ? except running out of liquor.

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Beitrag #2 |

RE: Brüche in der Handlung & Perspektivwechsel - Tips gesucht!
Hallo!

(21-11-2015, 12:05)PainInTheBrain schrieb: Zwei Charaktere unterhalten sich, die Handlung wird zwar von einem allwissenden Erzähler erzählt, der bewegt sich aber quasi "auf der Schulter sitzend" mit dem einen Charakter mit. Die Unterhaltung geht weiter, aber der Erzähler wechselt die Perspektive und springt quasi zu dem anderen Charakter, um anschließend seine Handlung weiterzuverfolgen

Wenn die beiden Charaktere unterschiedlich genug ticken, versuche ich das über den Sprachstil anzudeuten. A denkt in leicht anderem Tonfall als B.
Bei relativ ähnlichen Figuren war es eigentlich nie ein Problem, die Namen immer mal wieder in die Sätze einzuflechten, so dass klar ist, aus wessen Sicht gerade erzählt wird.

(21-11-2015, 12:05)PainInTheBrain schrieb: Die Frage ist hier der Anknüpfpunkt für einen Rücksprung um vielleicht zwei Stunden, und es werden Ereignisse geschildert die zuvor passierten und dazu führten, dass die Situation zustande kam.

Hier würde ich einen Absatz einschieben, der grob die letzten zwei Stunden aus Sicht des Dritten erzählt oder andeutet. Die Geschichte springt sozusagen blockweise zwischen den verschiedenen Charakteren und ihren Erlebniswelten hin und her. Wenn sie sich schließlich begegnen, ist im Großen und Ganzen klar, was wer in der Zwischenzeit erlebt hat.
Falls der Leser erst später mit Details überrascht werden soll, halte ich den eingeschobenen Absatz entsprechend nebulös und lasse den Dritten später in einem Rückblende-Monolog mehr erzählen.

(21-11-2015, 12:05)PainInTheBrain schrieb: Habt ihr Tricks für Rückblenden und Handlungssprünge

Die Handlung springt schon dadurch alle paar Seiten, dass mehrere Charaktere jeweils ihren eigenen Handlungsstrang erleben. Dazwischen ist jeweils einfach eine Leerzeile. Wenn so eine Leerzeile auftaucht, weiß der Leser schon, dass es gleich aus Sicht einer anderen Figur weitergeht.

Rückblenden finde ich schwieriger. Man kann sie damit einleiten, dass jemand sich erinnert, seine Gedanken dahin abschweifen, Bilder hochkommen ... und dann die Erzählung z.B. ins Präsens wechselt, um in dieser Zeitform die Rückblende einzuschieben.

(21-11-2015, 12:05)PainInTheBrain schrieb: Kennt ihr ein "Best Practice"?

Ich halte nicht von "Best Practice"-Regeln. Die wendet man nur zu oft an, so dass die Konstruktionsweise beim Lesen regelrecht auffällt. Icon_smile


Schönen Sonntag
coco


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Beitrag #3 |

RE: Brüche in der Handlung & Perspektivwechsel - Tips gesucht!
Hallo PainInTheBrain.

Zu Deinen Fragen nehme ich wie folgt Stellung:

1. Szenario:
Das, was Du da beschreibst, liest sich doch schon mal gut. Ich würde es im Großen und Ganzen nicht anders machen. Vielleicht mehr mit den Namen und Darstellern spielen, also meinetwegen die Verschiebung der Namenshäufigkeit (langsam) von Darsteller A zu B. Unterschwellig, aber so, dass es trotzdem bemerkt wird, bis sich beide eben trennen im Handlungsverlauf. (Bei einem stringent neutralen Erzähler.)

Bei einem wertenden (personalen) Erzähler, der zuerst bei Darsteller A ist, müsste er dann seine "Zuneigung" langsam auf B verschieben, so dass A immer mehr an Farbe verliert.

2. Szenario:
Schwer. Rückblenden werden bei mir im Kontext eingebaut und durch kursiv gekennzeichnet, wenn sie eigene Handlungen aufweisen.
Mit "Zwei Tage vorher" arbeite ich eigentlich nicht, weil ich diese Umsetzung nicht für mich gewinnen konnte. Zudem reißt es auch mehr raus als rein. Positive Beispiele (um sie der Vollständigkeit halber zu nennen) wären Geschichten, die mit unterschiedliche Perspektiven arbeiten. Also wenn eine Perspektive beendet ist und der Leser eine individuelle Sicht erfahren hat, geht die Geschichte wieder auf Null und beginnt mit der nächsten Perspektive, die dann das Geschehen aus einer weiteren Sicht zeigt. So lange, bis die Geschichte, oder die Handlung, entschlüsselt ist.

Zitat:Meine Frage ist jetzt, wie macht ihr das? Habt ihr Tricks für Rückblenden und Handlungssprünge, für den Wechsel zwischen Hauptcharakteren? Wie führt ihr den Leser an solche Sprünge heran, wie etabliert ihr die unterschiedliche Szenerien und Zeiten? Vermeidet ihr bestimmte Sachen einfach kategorisch, und wenn ja, warum? Kennt ihr ein "Best Practice"*?

Handlungssprünge kann man umgehen oder kaschieren durch andere Handlungsstränge, die man dazwischen setzt. Das eignet sich auch gut für den Wechsel von Darsteller A zu B. (Oder sogar ganzen Personengruppen.) Rückblenden im Kontext, wenn Darsteller A sich erinnert und in der Vergangenheit schwelgt, beispielsweise bei einem 'technischen' Leerlauf.

Bezüglich der Zeiten war ich bis dato ein geradliniger Schreiber, also ich hatte tatsächlich tageweise geschrieben. Das muss ich derzeit wieder ändern und stellt sich als echtes Problem dar, weil jetzt sogar über mehrere Tage gesprungen werden muss.

LGD.

*
"Best Practice" ... Erinnert mich an die Flottwell-Kampagne im 18. Jahrhundert, wo die Initiatoren versuchten, den geballten Einfluss der französischen Sprache ins Deutsche zurückzudrängen. Hat gut funktioniert, jetzt haben wir englische Einflüsse.
Tut mir leid, aber ich habe es damit nicht so sehr. Um modern oder toll zu wirken nimmt man sich Elemente der englischen Sprache an und fügt sie in seine eigene ein, warum?
Da ich davon genug habe, betreibe ich 'zivilen Ungehorsam' und versuche im wirklichen Leben so oft es nur möglich ist, französische Äquivalente zu benutzen.)


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Beitrag #4 |

RE: Brüche in der Handlung & Perspektivwechsel - Tips gesucht!
Servus PainTheBrain,

coco hat es schon beschrieben: Will man zwischen zwei Charakteren hin- und herspringen, so könnte man tatsächlich (wörtliche Rede/Gedanken) die beiden erzählen bzw. erleben (Beschreiben der Gestik, Mimik, treffende wörtliche Antworten) lassen. Dabei können sie das Erlebte vollkommen unterschiedlich interpretieren und beispielsweise etwas anderes sagen, als sie offensichtlich denken. Der Sprung muss nur immer hundertprozentig klar sein. Der Leser muss wissen oder zumindest ahnen, wer er/sie gerade denkt oder spricht.

Ich weiß nicht, ob du die Geschichte "Der Brandner Kaspar schaut ins Paradies" kennst. Im ihrem Verlauf entwickelt sich ein Dialog zwischen dem "Sensenmann" (dem Tod) und dem "Brandner Kaspar". Der Leser bzw. der Zuseher (verfilmt) muss sich zwangsweise in beide Figuren hineindenken und tut dies auch gerne. In der Situation hat er Verständnis für beide Sichtweisen. Es ist die typische Dialog-Situation, in der man sozusagen automatisch den Argumenten beider Seiten folgen kann, ohne das Verständnis für die jeweils andere zu verlieren.

Vielleicht kannst du dir da die notwendigen Anregungen holen. Hier muss man möglicherweise als Autor auch aus der Story heraus, um sie aus Lesersicht zu betrachten. Schwer, ich weiß (*stöhn*).

Für den zeitlichen Rücksprung gibt es kein zwingendes Rezept. Meiner Meinung nach genügt eine kurze Vorbereitung des Lesers. Er muss erfahren, dass es in der (jüngsten) Vergangenheit etwas Erzählenswertes gibt, etwas, auf das er neugierig ist bzw. wird.

Ein (hoffentlich treffendes) Beispiel:

Alia hatte Sam die ganze Zeit über aufmerksam zugehört. Was musste dieser Mann erlebt haben, um in jedem seiner Worte diesen Schmerz fühlbar zu machen?
Unvermittelt sprudelte es aus ihr heraus: "Was ist da vorher passiert, Sam? Es ist doch eigentlich vorbei, du solltest gar nicht mehr dran denken!"


Jetzt hat der andere Gelegenheit, die Sachlage denkend und/oder sprechend klarzustellen. Du kannst es wie etwas gerade Stattfindendes schreiben. Der Leser weiß ja, dass es sich um etwas Vergangenes handelt. Das erspart dir den ständigen Gebrauch von Hilfsverben wie "hatte".

Ich hoffe, du kannst damit was anfangen. Viel Freude beim Schreiben.

Grüße


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