Es ist: 05-08-2020, 20:42
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Ins Dunkle ferner Nächte (I.III)
Beitrag #1 |

Ins Dunkle ferner Nächte (I.III)
Countdown: Addendum

I n s D u n k l e f e r n e r N ä c h t e

(I.III)

Diesmal war es nur kalt und dunkel. Am Rande pochten sich stechende Schmerzen durch das taube Schwarz, das allmählich verschwand. Langsam, aber kontinuierlich, meldeten sich ihre Finger wieder zurück. Die Arme. Ihre Füße und Beine. Zusammen mit einem pelzigen Geschmack auf der Zunge. Schließlich blinzelte sie, konnte aber nur verschwommene Lichtflecken über ihr sehen, die von tanzenden Schatten begleitet wurden. Das Pochen dröhnte durch ihren Kopf und in den Ohren rauschte es, als würde sie direkt am Rheinfall von Schaffhausen stehen. Auf dem untersten Podest der alten Burg, wo das Wasser nur wenige Zentimeter an begeisterten Besuchern vorbei donnerte.
Sie versuchte den Kopf zu heben, konnte es aber nicht. Auf der Stirn begann es zu drücken und sie kam nicht dagegen an, genauso wenig, als sie ihre Hände und Beine versuchte zu bewegen. Flynn konnte sie spüren, konnte die Muskeln anspannen, aber sie blieben dort, wo sie waren.
Und dann war ihr klar, dass der pelzige Geschmack von irgendwas in ihrem Mund stammte. Sie versuchte ihn auszuspucken, drückte mit der Zunge dagegen, aber es nutzte nichts. Sie blieb stumm und gefesselt. Am unteren Rand des Blickfelds konnte sie nicht nur ihren nackten Körper sehen, sondern auch die stählerne Tür. Verschlossen, aber dahinter hörte sie Gemurmel. So wie es klang, mindestens zwei Personen, die sich unterhielten oder stritten.
Es endete abrupt, dann folgte das Knirschen der Tür, die sich öffnete.
Flynn hielt es für angebrachter, sich bewusstlos zu stellen und schloss die Augen. Sie hörte, wie tatsächlich zwei Personen eintraten. Eine blieb an der Tür stehen, die andere näherte sich ihr. Und so wie es klang, schien diese leicht zu humpeln.
Erst passierte für eine quälend lange Sekunde nichts, in der die Person sie wahrscheinlich musterte.
"Ist das ihre Kleidung?", fragte die ihr nahestehende Person, deren Stimme ein Stück weit alt und gleichzeitig melodisch klang.
"Ja-a", antwortete der Andere.
"Hm."
"Wa-as ist d-denn?"
"Es erscheint mir befremdlich, eine Frau, gut gepflegt - sogar unten herum - und dann trägt sie trotzdem nur das, was eine ärmliche Frau aus diesem Viertel zu tragen gewohnt ist."
"S-sie meinen, dass das k-keine n-norm-ale Dirne i-ist?"
Es war einfach für Flynn, die jeweiligen Stimmen zuzuorden und ihnen zu folgen, wobei sie davon ausging, dass diejenige des Stotterers zu Joe gehörte. Nicht vom Bauchgefühl her, sondern weil sie in einem Buch davon gelesen hatte, dass er bei Aufregung oder Stress angeblich daran gelitten hatte.
Die erste Person blieb rechts neben ihr stehen und schien sie zu mustern.
"Es würde mich heutzutage nicht wundern", sagte diese, "wenn unsere geliebte Polizei jetzt nun sogar weibliches Personal engagieren würde."
"P-Polizisten in F-Frauenkl-kleidern gibt es j-jedenf-falls."
"Ruhig atmen, Joe."
Sie lag richtig, wurde aber jäh aufgeschreckt dadurch, dass die unbekannte Person mit seinen Fingern vorsichtig eines ihrer der Lider anhob. "Oder singe ein Lied, aber bitte leise."
"J-ja Sir."
Sie versuchte die Augen nicht zu bewegen, aber der Sir starrte sie so durchdringend an, obwohl sein Gesicht mehr ein heller Fleck mit Nase und Augen darstellte. Charakteristische Merkmale, Narben, Grübchen, Barthaare oder Koteletten konnte sie beim besten Willen nicht erkennen. Seine Kleidung blieb auch ein Hauch von Vermutung, nur den Stock in seiner Hand konnte sie erahnen. Obwohl sie es nicht genau spürte, wusste sie, dass ihre Pupillen sich verengten. Es war zwecklos sich zu verstellen, also versuchte sie ihr Innerstes ruhig zu halten. Wie im Gespräch mit dem Psychotherapeuten beim Thema Außenwirkungen und Blinde Flecken. Damals. Irgendwann in der Zukunft.
"Sie geben sich immer viel Mühe unangreifbar zu wirken, Frau Marquardt", hatte er gesagt. "Manche Menschen sehen darin aber nur eine harte Schale mit einem weichen Kern."
Sie hatte ihn ausdruckslos angeschaut.
"Das ist falsch", hatte sie geantwortet.
"Ach ja?"
"Ja."

Sie hatte auf die Stelle ihres Herzens getippt.
"Ich habe da ein kleines Mädchen drin", hatte Flynn finster geantwortet. "Und ich beschütze es vor dieser Welt dort draußen. Um jeden Preis."
Der Sir beugte sich mit dem Kopf ein Stück zu ihr hinunter.
"Guten Abend", hauchte er. "Und willkommen in unseren bescheidenen Gemäuern."
Sie konnte nichts sagen, was nicht nur am Knebel im Mund lag, sondern starrte ihn nur an. Die Stille, die sich seinen Worten anschloss, breitete sich klammheimlich im Raum aus. Selbst der verschwommene Fleck von Joe, der an der Tür stehen geblieben war, hörte scheinbar auf zu atmen.
Der Sir legte den Kopf schief, erhob sich wieder und ging langsam um den Tisch mit der Frau herum. Er fokussierte sie, nur ab und zu löste sich sein Blick und huschte über ihren Körper, schaute sich die verschiedensten Stellen an - und richtete sich danach sofort wieder auf ihre Augen, die ihn ohne Unterlass verfolgten. Er musterte ihr Gesicht, doch da war anscheinend nichts, was er erwartet hätte.
Er hielt inne, als er bei ihren Füßen angekommen war und tippte sich nachdenklich mit einem Zeigefinger an die Lippen. Immer wieder, während die Zeit wie Sirup um sie herum schwappte.
"Sie sind nicht von hier", sagte der Sir schließlich und es klang nicht wie eine Frage, eher wie ein Ausrufezeichen. Der Zeigefinger tippte weiter an den Lippen, als er den unteren Bereich des Tisches verließ und wieder rechts neben ihr ankam. Er legte den Kopf schief, dann begann er den Knebel aus ihrem Mund zu entfernen.
"S-Sir!", rief Joe von der Tür und hob erschrocken eine Hand. "W-warten S-Sie."
"Ganz ruhig, mein Freund", sagte der Sir und hielt schließlich das fragliche Stück in der Hand.
Flynn spuckte nicht, Flynn schrie nicht. Die Lippen, gerade noch unfreiwillig weit geöffnet, schlossen sich so anmutig, als wäre der Knebel nie da gewesen.
"Meine Teuerste, ich weiß nicht, was Sie zu sich genommen haben", sagte der Sir und starrte wieder in ihre Pupillen. "Aber was es auch sein mag, es scheint phantastisch zu sein."
Flynn hatte ihn nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen. Die gefesselten Hände am Rand des Tisches zuckten genausowenig, wie die Füße an anderen Ende, als sich ihre Lippen bewegten.
"Keine Drogen", sagte sie auf englisch, obwohl sie es in deutsch gedacht hatte. Das Implantat arbeitete einwandfrei mit ihrem Kopf zusammen, hatte die Worte akkurat betont und ließ ihrer Stimme sogar den charakteristischen Klang. "Nichts von alledem."
Wieder ein kurzer Moment der Stille, in der sie am Rand bemerkte, wie Joe diesseits der Tür den Schwerpunkt vom linken auf den rechten Fuß verlagerte und sich dabei an die Wand lehnte.
Der Sir kniff die Augen zusammen und versuchte zu ergründen, was sich seinen Blicken entzog.
"Hätten Sie vielleicht die Güte mir Ihren Namen zu verraten?", fragte der Sir schließlich und zog den Beistelltisch aus der Dunkelheit zu sich heran. "Ansonsten würde unser Kennenlernen eine etwas eigenwillige Note bekommen."
Bei den letzten Worten legte er die Hand auf den verschlossenen Holzkoffer.
Flynn schaute nur für einen winzigen Moment zum Beistelltisch. Der Logik zufolge konnte es nichts Gutes sein, doch sie blieb ruhig, auch wenn sie ein leises, weit entferntes Aufbegehren spürte.
Der Logik nach konnten es aber auch nicht zwei Täter sein, überlegte sie. Und wozu dient dieser Raum? Irgendwas ist hier falsch.
Trotz der Fragen hob und senkte sich ihr Brustkorb immer noch ganz normal. Kein Zucken, nichts. Dafür war immer noch zuviel Neugierde in ihr. Als sie ihre Blicke wieder auf den Sir richtete, war darin auch keine Angst zu sehen. Warum auch? Er konnte ihr nichts antun. Er hatte es auch nie getan, denn das wäre in der Zukunft bekannt gewesen. Sie war kein Opfer von Jack the Ripper.
Flynn wusste zwar noch nicht, wie sie hier herauskommen würde, aber sie hatte eine Idee. Mehr vage, als klar umrissen.
"Sie können mich Mary nennen", sagte sie und ihre Lippen lächelten dünn. "Mary Ann."
"Es ist mir eine Freude, Mary Ann."
"Sie dürfen mich sogar Annie nennen."
"Sehr gerne, Annie." Der Sir schien ein wenig erleichtert zu sein, dass er den unbekannten Inhalt noch nicht benutzen musste. Er nickte erleichtert und seine Hand verließ den Koffer.
"Ich nehme an, Ihren Nachnamen werden Sie mir genauso wenig mitteilen, wie den Grund Ihrer Anwesenheit hier."
Flynns Lächeln wurde immer breiter.
"Warum nicht?", antwortete sie. "Nichols."
Er lächelte zurück.
"Und warum sind Sie hier, Annie Nichols?", fragte er, als Joe an der Tür plötzlich zu schnaufen begann.
"S-Sir!"
Und genau da fiel es ihm auf. Flynn konnte sehen, wie die Erkenntnis als heiße Nadel durch seinen Schädel fuhr. Sein Lächeln verhärtete sich, ihres dagegen wollte immer breiter werden.
Er atmete tief ein und aus, dann nickte er langsam.
"Soso. Mary Ann Nichols", sagte er. "Oder Annie Chapman? Wie nett." Er funkelte sie an. "Was soll das?"
"Sie werden mich jetzt gehen lassen", sagte sie und versuchte ihn mit traurigen Hundeaugen anzuschauen. "Bitte."
"Warum sollte ich das tun?"
"Weil Sie mir nichts antun werden."
Er kniff die Augen zusammen, überlegte, ließ den Blick wieder über ihren Körper gleiten, nur unterbrochen von einigen Ausflügen zu den Kleidern in der anderen Ecke.
"Darf ich fragen, was Sie zu der seltsamen Feststellung verleitet?"
Ihre Blicke bohrten sich beinahe durch sein Gesicht.
"Zwei Gründe", antwortete sie. "Erstens: Ich bin keines Ihrer Opfer."
"Wie meinen Sie das?"
"Das ist egal."
Das Lächeln war aus seinem Gesicht bereits seit einigen Sekunden verschwunden und Verstimmung breitete sich anstelle dessen aus. Er presste die Lippen aufeinander und trat wieder zum Beistelltisch, doch diesmal blieb der hölzerne Koffer nicht verschlossen. Mit einem Klacken sprang der Deckel auf.
"Egal", murmelte er und schaute auf die Utensilien im gepolsterten Inneren, die auch Flynn am Rand erkennen konnte.
Zwei Messer mit spitzer Klinge. Eine kleine und eine große Säge. Zusammengewickelte Kordelschnur, schätzungsweise eineinhalb Meter lang. Und eine Schere.
Sie hatte ihn genau beobachtet, wie er den Koffer geöffnet hatte. Doch als er nach der Kordelschnur griff und sich ihr zu wandte, war da immer noch nichts in ihr, was sie selbst überraschte. Denn der Täter hatte zwar Messer benutzt um seine Opfer zu verstümmeln, aber er hatte ihnen niemals Gliedmaßen amputiert.
"Haben Sie keine Angst?", fragte er.
Sie versuchte sich zusammenzureißen, auch wenn ihre Gehirnwindungen gerade Überstunden machten. Ihr fiel eine Unterhaltung mit Quinn ein, noch vor der ersten Reise. Was passieren würde, wenn man sich selbst in der Vergangenheit begegnen würde. Ob die Zeit, wie Stephen Hawking einmal vermutet hatte, in einem Knall zusammenfallen würde? Und die Frage, ob man sein vergangenes Echo dazu bewegen könnte, dem zukünftigen Ich zu helfen?
Quinn hatte lange für die Antwort gebraucht und letztendlich den Kopf geschüttelt. Aber hier und jetzt war es ein Versuch wert. Auch wenn es nicht sie selbst war, sondern ein Unbekannter.
"Zweitens", sagte sie, ignorierte seine Frage und versuchte die Festigkeit in ihrer Stimme zu halten, "sind Sie und Ihr Freund da drüben nur Echos."
Er schaute sie erstaunt an.
"Wir sind ... Echos?"
"Ganz genau - und jetzt binden Sie mich freundlicherweise los."
Joe an der Tür hielt sich das immer noch schmerzende blaue Auge und schüttelte dabei verwirrt den Kopf. Der Sir blieb stattdessen mit der Kordel und der Schere in den Händen wie angewurzelt stehen. Der Sirup aus Stille und Zeit kroch wieder um sie herum, als der Sir tatsächlich die Hände langsam sinken ließ. Ein Lächeln umspielte wieder seine Lippen.
"Ich muss mich entschuldigen, meine Liebe", sagte er. "Unter normalen Umständen ist mein Geist wacher als jetzt."
Er legte die Kordel wieder zurück in den Holzkasten mit dem Amputationswerkzeug. Mit der Schere dagegen näherte er sich den dicken Schnüren, die ihre linke Hand fest an den Tisch zwang, schnitt sie aber noch nicht durch.
"Sie denken, dass ich der Mörder von Nichols und Chapman bin?", fragte er. "Wie um alles in Welt kommen Sie auf diesen Gedanken?"
Flynn spürte, dass sie in eine Grauzone kamen, in der die Zeiten gleichberechtigt nebeneinander existieren konnten. In einen Bereich, wo auch vergangene Personen durchaus beeinflussbar sein würden. Der Preis einer minimalen Zeitänderung mochte vielleicht zu hoch sein, aber sie musste letztendlich hier raus.
Sie schaute zu Joe hinüber, dem unwohl wurde, als auch noch der Sir ihn fragend anschaute.
"Was hat er denn damit zu tun?"
"Joseph Barnett", antwortete sie. "Ich bin ihm gefolgt. Hierhin." Sie schaute dem Sir wieder ins Gesicht. "Und dieser Raum sieht nicht so aus, als wäre er unscheinbar und ungefährlich, oder?"
Der Sir bewegte sich nicht. Die Schere bewegte sich nicht. Und auch die Zeit hielt inne.
"Sehr interessant, meine Liebe", sagte er schließlich. "Ich weiß zwar nicht, weshalb Sie Joe beobachtet haben, aber so wie es aussieht, haben Sie sich geirrt."
Er legte den Kopf schief.
"Hier ist niemand der Whitechapel-Mörder, oder Leather Apron, wie ihn die Zeitungen nennen."
Zum ersten Mal schaute sie ihn nicht mehr siegesgewiss an. In seinen Augen war kein Zeichen von Lüge zu sehen. Nichts davon.
Der Sir lächelte, als er eine Hand zum Schwur hob und Joe aufforderte, es auch zu tun.
"Sehen Sie", sagte er, als Joe es ihm gleichtat. "Keiner von uns ist die Person, die Sie suchen."
Sie starrte abwechselnd von Joe zu dem Sir und wieder zurück. Doch so sehr sie sich auch anstrengte doch noch etwas - irgendetwas, ein verräterisches Zucken oder ein anderes Zeichen - auszumachen, sie konnte wirklich nichts erkennen. Schließlich räusperte sich der Mann mit dem blauen Auge und sagte sogar ohne zu stottern:
"Keiner von uns ist der Mörder von Nichols und Chapman."

*

Im Inneren der Kugel hatten Charly und Allison weite Teile des noppenartigen Bodens entfernt, die jetzt als handliche kleine Quadrate links und rechts von ihnen gestapelt waren. Darunter befand sich ein stählerner Boden, der ebenfalls in mehrere Platten unterteilt war. Einige von ihnen hatten sie aufgeschraubt, zur Seite gelegt und die unter ihnen befindlichen Kabel an die Oberfläche gezerrt, um an die eigentlichen Relais und Sicherungen heranzukommen. Wobei Allison die Rolle des Kabelhalters zukam, während Charly mit dem Kopf in die Zwischendecke verschwand.
"Und?", fragte Allison, neben der auch ein Werkzeugkoffer mit Ersatzteilen lag. "Wie siehts aus?"
"Hier ist was?"
"Gehts genauer?"
"Sicherungskasten komplett durchgebrannt", antwortete Charly. "Schraubendreher."
"Kreuz oder Schlitz?"
"Kreuz."
Allison fummelte im Koffer herum, fand einen und reichte ihn Charly.
"Hier, aber nicht alles auf einmal", murmelte sie.
"Witzbold."
Schweigend hörte sie Charly zu, wie sie in der Enge ächzend schraubte. Dann schob sie sich langsam aus der Öffnung heraus und hielt einen kleinen grauen Kasten hoch. Er sah aus, als hätte man mehrere Rechtecke miteinander verbunden, quer von oben bis unten. Äußerlich war außer einem Datenaufkleber und dem Aufdruck K.I.P.P. nichts zu erkennen, aber als Allison sich mit der Nase näherte, roch sie es sofort. Ausgebrannt.
"Und jetzt?", fragte sie.
Charly kramte im Koffer herum, fand ein ähnliches Bauteil, auf dem allerdings T.A.R.S. stand.
Nachdenklich starrte sie auf das Teil.
"Hm", meinte sie und verglich die beiden Datenaufkleber miteinander. "Scheint dasselbe zu sein."
"Sicher?"
"Ja", antwortete Charly. "Glaub schon."
"Du glaubst?"
"Wir haben nur diese Sorte als Reserve", meinte sie und zeigte in die Öffnung, in der sie gerade gehangen hatte. "Und nur da sind solche Sicherungskästen verbaut."
"Okay", murmelte Allison. "Wobei ich mich frage, was das Ding hat ausbrennen lassen?"
Charly wollte gerade wieder in die Öffnung hinein, verharrte aber und überlegte.
"Hm."
"Das höre ich schon viel zu oft von Dir."
"Dann hör weg."
"Würd ich gern, ab-"
Charly hob eine Hand und unterbrach sie.
"Eine gute Frage", sagte sie, starrte auf die K.I.P.P.-Sicherung und überlegte laut. "Angenommen, das ausgebrannte ZPM ist tatsächlich aus dem Dorn und wurde gegen ein neues ausgetauscht, dann würde ..."
"Aber wer hat das ausgetauscht? Und warum?"
"Moment", murrte Charly. "Ein ZPM soll erst dann ausgetauscht werden, wenn das System abgeschaltet ist." Sie hielt die K.I.P.P.-Sicherung hoch. "Ansonsten kann es sein, dass das System im Betriebszustand versucht, den abrupten Leistungsabfall mit einer ebenso abrupten Energieerhöhung der anderen ZPMs auszugleichen."
"Also zuviel Energie für die Sicherungskästen?"
"Die Sicherung würde nicht sofort ausfallen, aber ihre Tage wären gezählt."
"Hört sich logisch an", meinte Allison. "Aber wenn dem wirklich so war, wer hat das wann getan?"
Stille. Für einen Moment.
"Ich ...", begann Charly. "Ich hatte einen Alptraum."
"Was hat das denn damit zu tun?"
"Nichts, bis auf die Stimme, die ich gehört habe", antwortete sie und zeigte auf ihre Stasiskabine. "Sie war da und redete."
"Und worüber?"
Charly überlegte, dann schüttelte sie den Kopf.
"Scheiße, ich weiß es nicht mehr."
"Du bist Dir aber sicher?"
"Bin ich", sagte Charly und wandte sich zur Öffnung. "Je eher wir Energie haben, desto eher finden wir die Lösung."

*

Eisige Stille.
Das Lächeln des Sirs wurde breiter,
"Joe", sagte er zu ihm, während sein Blick die Frau weiterhin fixierte. "Würdest Du uns für einen Moment alleine lassen?"
"Ja, Sir."
"Sei so gut und bring bitte die Kiste mit."
Joe verschwand aus dem Raum und schloss die Tür.
Nur noch sie beide und die schweigende Zeit, während der Sir seine langsamen Wanderungen um den Tisch wieder aufnahm. Ihr Blick folgte ihm auf Schritt und tritt, doch diesmal war er nicht mehr kalt und undurchsichtig. Die leisen, weit entfernten Stimmchen formten sich zu einem anschwellenden Orkan in ihr. Die beiden Männer hatten die Morde nicht verübt, und sie glaubte ihnen.
Aber weshalb dieser Raum? Weshalb der Koffer? Wieso das Werkzeug?
"Meine Liebe, Sie sind wirklich etwas Besonderes", sagte er und der Zeigefinger tippte wieder an die Lippen. "Wirklich und wahrhaftig."
Der Orkan in ihr eroberte das Nervenkostüm und Flynn selbst konnte nichts dagegen tun, als ihre Arme und Beine plötzlich wütend an den Schnüren zerrten.
"Binden Sie mich los!", rief sie, während ihr Herz panisch zu klopfen begann. "Dann geschieht Ihnen auch nichts."
Er hob eine Augenbraue, zeigte mit dem Finger auf sie und nickte anerkennend.
"Nicht schlecht", sagte er. "Meine Anerkennung."
"Was?"
"Sie flunkern. Und warum?" Er blieb an ihrer linken Seite stehen und schaute auf sie herab. "Weil niemand nach ihnen suchen wird. Nicht wahr?"
Sie wollte nicken, musste sich aber eingestehen, dass Charly und Allison wahrscheinlich eine gewisse Zeit brauchen würden um hierhin zu kommen. Wenn die TMA einsatzbereit war.
"Ich weiß zwar nicht, wie das möglich sein kann", murmelte er fasziniert, "aber scheinbar ist es das."
"Wovon reden Sie?"
"Sie kommen wirklich nicht von hier." Er zeigte nacheinander auf ihre Finger, ihre Füße, ihre Beine und schließlich auf den Kleiderhaufen in der Ecke. "Kaum Hautabschürfungen, keine Anzeichen von Unterernährung. Ihr Körper ist durchtrainiert bis zum letzten Muskel. Ihr Schambereich ist frei von Bewuchs und nicht erst seit kurzer Zeit gepflegt."
Dann zeigte er auf die alte Schussverletzung.
"Das hier ist nicht nur sehr gut behandelt worden, sondern auch sehr gut verheilt." Er verschränkte die Arme vor der Brust. "Und für solche Behandlungs- und Heilmöglichkeiten ist weder Whitechapel, noch auch der Rest der Welt bekannt."
Sie schluckte schwer, starrte ihn stumm mit einer Mischung aus ausgebrochener Furcht und Neugier an, während sie ihre Lippen zusammenpresste.
"Ich kombiniere: Sie sind tatsächlich ein Polizist oder etwas Vergleichbares", sagte er. "Und so unfassbar der Gedanke an sich auch sein mag: Sie kommen nicht aus dieser Zeit."
Seine Logikkette war für Flynn nachvollziehbar und das Resultat einleuchtend. Sie hätte es aber niemals in dieser Zeit erwartet. Genau jetzt wurde ihr langsam bewusst, dass sie verloren hatte, dass sie hier niemals wieder herauskommen würde. Und wenn, dann nicht lebend, sondern in Einzelteilen.
"Fassungslos?" Er legte den Kopf schief. "Wenn ich ehrlich bin: Ich auch." Dann verlor sich sein Blick in eine unbekannte Ferne und schaute durch sie hindurch. "Wie kann das möglich sein, ohne zukünftige Ereignisse zu gefährden?"
Der Attentäter tauchte vor ihrem geistigen Auge auf, liegend in seinem Krankenbett. Doch er starrte sie nicht mehr feindselig an, sondern lachte sie aus. Mit Tränen in den Augen.
Sie brauchte einen Plan, einen Ausweg aus der Lage. Genauso zu enden war keine Option. Weder für das Mädchen in ihr, noch für den Rest, der keine Kinder mehr bekommen würde.
Gott im Himmel!
Schließlich fiel ihr der Backenzahn ein. Rechts im Oberkiefer. Er war falsch, seit sie in den Gendarmeriedienst der Palatinergarde eingetreten war. Eine Sicherheitsmaßnahme, die zwar vom Heiligen Vater öffentlich verschwiegen, aber intern geduldet wurden.
Flynns Herz klopfte immer stärker. Das eigene Ende. Träume. Wünsche. Alles vergebens.
Das kleine Mädchen, dachte sie. Schützen vor dem grausigen Anblick.
Ihre Kiefer kauten plötzlich hektisch auf Luft. Sie musste den Zahn aufkriegen, die Kapsel schlucken. Irgendwie.
Das Klacken riss den Sir wieder zurück und er schaute sie plötzlich triumphierend an.
"Natürlich!" Er fuhr sich erleichtert mit der Hand über den Mund, dann schaute er wieder zu ihr hinunter. "Selbst in der Zukunft wissen sie nicht, wer Leather Apron ist, sonst würden sie nicht nach ihm suchen." Er lachte, als er sich wieder zum Amputationswerkzeug wandte. "Und da Sie mich ebenfalls nicht kennen, bedeutet das auch, dass wir beide unentdeckt bleiben werden!"
Zufrieden langte er wieder nach Kordel nebst Schere und drehte sich zu ihr um.
Flynns Kiefer klackerten noch lauter gegeneinander. Schweiß tropfte langsam mit der Angst aus der Haut heraus. Irgendwann musste er doch brechen.
Er runzelte die Stirn und hielt inne, während sie ihn apathisch anschaute. Und weiter fieberhaft Luft zu kauen schien.
"Was machen Sie da?"
Sie hörte nicht auf. Im Gegenteil, die Bewegungen wurden immer hektischer, so dass er mit einem fragenden Blick nach einem Spreizer griff.
"Ein seltsames Verhalten legen Sie an den Tag, meine Liebe", meinte er und schob ihr das Gerät durch die überraschten Lippen zwischen die beiden Kiefer.
Nein!
Flynns Kopf protestierte und versuchte sich dem zu entziehen, doch letztendlich konnte er den Spreizer weit aufdrehen. "Sie verletzen sich ja noch selbst."
"Hächg!", war das einzige, was daraufhin von ihr noch zu hören war. Ein Ausrufezeichen, gemischt mit einem Seufzer.
Er griff wieder nach der Kordel und der Schere und begann das Band abzurollen.
"Wir sind ja schließlich keine Unholde, sondern Forscher."
Sie blieb still. Die ersten Blüten von Angst quollen auf und bissen sich durch ihre Augen. Schweißtropfen sickerten an die Oberfläche. Die Hände wanden sich unruhig hin und her, doch die Stricke hielten.
Vorbei.
"Auch wenn sich selbst die Medizin grauer Methoden bedienen muss. Ab und zu, versteht sich."
Ihre Augen weiteten sich, als er zuerst das linke, dann das rechte Bein mit der Kordel so fest abschnürte, dass kaum noch Blut zu den Füßen gelangte.
"Aber Sie werden es mir sicherlich verzeihen, wenn ich Sie für medizinische Zwecke nicht gebrauchen kann", sagte er und beugte sich flüsternd zu ihrem Ohr hinunter. "Ich weiß zwar nicht, wie es in hundert Jahren um die Gesundheit bestellt ist, aber ich bevorzuge eher zeitnahe Ergebnisse. Unverfälscht, wenn Sie wissen, was ich meine."
Als Joe mit einer langen Kiste wiederkam und öffnete, sah sie weiße, sich windende kleine Dinger.
Maden.
Die Kiste war zur Hälfte mit ihnen gefüllt.
"Ich glaube, Du kannst jetzt wieder gehen, Joe", sagte er. Und als der andere Mann den Raum verlassen hatte und die Tür knirschend ins Schloss fiel, nahm der Sir zwei weitere Sachen aus dem Werkzeugkasten.
"Unter normalen Umständen würde ich Ihnen gleich die Stümpfe versorgen, damit Sie nicht so viel leiden müssen."
Er lächelte und hielt ihr in der einen Hand eine Maske hin, die aus einem Drahtgeflecht bestand und von der Form her auf Mund und Nase passte. In der anderen Hand sah sie ein Fläschchen mit der Aufschrift 'Äther'.
"Ich denke, da wo Sie herkommen, wird es das womöglich nicht mehr geben, aber vielleicht sollten Sie es in Erwägung ziehen", meinte er und fügte hinzu: "Spätestens beim Kopf."
Keine Reaktion.
Die Sollbruchstelle am Zahn war locker geworden und sie presste die Zungenspitze so fest dagegen, wie es nur ging. Dann kam das erlösende Knacken. Der obere Teil des Zahns fiel ihr in den Mund, genau wie das, was sich darin verborgen hatte und sie schluckte beides trocken herunter.
"Wie Sie wollen", sagte er gerade, während er vor ihren Augen langsam verschwamm. In ihrem Blick tauchten die ersten Flecken auf, die die Realität langsam verdunkelten. Das letzte, was sie sah, war, wie er die Säge aus der Werkzeugkiste nahm und sich damit ihren Beinen näherte.

***

(Postface - 08.04.1887)

Draußen stand die Nacht vor dem Eingang des 'Ten Bells Pub' und war enttäuscht darüber, dass sie nicht hereingelassen wurde. Durch die Fenster tanzte das Licht einen triumphierend Marsch auf, begleitet von lauten Stimmen, die trunkenen Schatten glichen.
Eine Frau näherte sich dem Eingang. Sie trug ein Kleid ohne den sogenannten Entenhintern. Darüber eine leichte Jacke, die gerade dem Wind kaum trotzten konnte. Von einem Hut fehlte jede Spur und ihr schulterlanges dunkelrotes Haar wehte leicht vom Kopf herunter.
Sie überlegte erst, dann zog sie die schwere Tür auf und trat ein.
Im Inneren war es lauter, als in der kalten Nacht hinter ihr. Die Wände hielten sich in einem dunklen Grau, der Boden war ungebohnert und die Luft so dick, dass man sie zerschneiden konnte.
Sie sah sich langsam um, während sie sich in Richtung Tresen begab, der links von ihr stand.
In mehreren Gruppen saßen Menschen an Tischen nicht nur rechts von ihr, sondern überall im Pub zusammen, hoben Biergläser an, prosteten sich sichtlich gutgelaunt zu, bevor sie das nasse Gold in ihre Kehlen schütteten. Männer wie Frauen, wobei bei letzteren die Dekollétes tiefe Einblicke gewährten. Manche Männer konnten ihre trunkenen Finger kaum bändigen, wobei die Damen dies meist nur mit einem Kichern quittierten.
"Ist hier noch frei?", fragte sie einen Mann mit Schnurrbart am Tresen, und zeigte auf einen leeren Barhocker links von ihm.
Er drehte sich sichtlich überrascht zu ihr um und hatte seine Melone, die neben einem Whiskeyglas vor ihm lag, fast vergessen.
"Natürlich", sagte er und schob ihr den Hocker ein Stück hin. "Bitte."
"Ein Gentleman", sagte sie, deutete eine Verbeugung an und setzte sich. "Vielen Dank."
Ich ..." Er machte eine Pause, bevor er fortfuhr. "Ich habe zu danken, dass Ihr mich mit Eurer Gegenwart beehrt."
Sie schaute ihn erst kritisch an, dann winkte sie ab.
"Ihr übertreibt", sagte sie. "Was habt Ihr da im Glas?"
"Einen irischen Whiskey. Wollt Ihr auch einen?"
"Ihr trinkt irischen Whiskey? Und habt dafür noch Euren Kopf auf den Schultern?"
Der Mann machte eine entschuldigende Geste.
"Er füllt den Geist wie ein schottischer", antwortete er. "Und zerrt weniger an den Pennies." Dann stutzte er. "Verzeiht Mylady, wollt Ihr auch ein Glas?"
Sie schmunzelte, was er nicht verstand.
"Was habt Ihr?", fragte er.
"Mylady", sagte sie und betonte das Wort dabei. "Wie kommt Ihr darauf?"
Seine Antwort kam unüberlegt, aber von Herzen.
"Ihr seht aus wie eine Lady."
"Ihr schmeichelt mir schon wieder", sagte sie, und wollte abwinken, aber ihr Gesicht schien das Kompliment zu gefallen. "Ich habe noch nicht einmal einen Hut."
"Habt Ihr ihn verloren?"
Sie spielte an ihrem rechten Ringfinger, der schmucklos war und ihn erröten ließ.
"Ja, auf dem Schiff."
"Wo kommt Ihr denn her?"
"Aus Frankreich."
"Eine Dame wir Ihr braucht keinen Hut."
"Ihr macht mir Komplimente, mein Herr. Warum, wenn ich fragen darf?"
In das Gesicht des Mannes schlich sich eine schämende Röte.
"Nun, i-ich ... a-also, ...", begann er, brach aber ab, als sie sich ein Stück zu ihm hinbeugte.
"Ihr seid ein Gentleman, mein Herr", flüsterte sie. "Darf ich Euch für Eure Komplimente, entgegen der Gepflogenheiten, zu einem irischen Whiskey einladen."
Er nickte, dann konzentrierte er sich darauf, nicht mehr zu stottern.
"I-ich, ..., bin Joe", sagte er.
Sie lächelte.
"Marie Jeanette", sagte sie, während er große Augen machte.
"Eine L-Lady aus Frankr-reich mit einer V-Vorliebe für irischen Wh-Whiske-yy?"
Sie lächelte.
"Eine einfache Dame, die irischen Whiskey deshalb vorzieht, weil sie selbst von dort stammt."
In seinen Augen konnte sie sehen, dass er fasziniert von ihr war. Sein verliebte Blick ruhte unablässig auf ihr und saugte jede Regung in ihrem anmutigen Gesicht auf.
"Ei-Eine seltene Mischung, M-Miss J-Jeanette."
"Ach, die Franzosen und ihre Eigenarten, allem und jedem einen besseren Klang zu geben", murmelte sie. Und nach einer kleinen Pause, in der sich beide Augenpaare ineinander verloren: "Ich heiße Kelly. Mary Jane Kelly."


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Edit. Aus Gründen heute etwas eher. D.


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