Es ist: 17-04-2021, 21:04
Es ist: 17-04-2021, 21:04 Hallo, Gast! (Registrieren)


Jeden Tag Dasselbe
Beitrag #1 |

Jeden Tag Dasselbe
Jeden Tag Dasselbe
Bildschirm flimmert
Einer wimmert
Keiner zahlt
Einer prahlt
Mit Unfehlbarkeit
Seine Selbstherrlichkeit

Jeden Tag Dasselbe
Staubiges Papier
In Ordner stopfen
Edelrosen auf Besen pfropfen
Keiner lobt
Einer tobt
In Unfähigkeit
Seine Kleinkariertheit

Jeden Tag Dasselbe
Zahlen tippen
Stempel schwenken
An das Wochenende denken
Einer hetzt
Keiner setzt
in Vertrautheit
auf seine Scheinheiligkeit

Jeden Tag Dasselbe…

Erkennen wollen
ist der erste Schritt des Verstehens.
Zunächst im Selbstversuch!

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Beitrag #2 |

RE: Jeden Tag Dasselbe
Hallo Helga,
ich bin zwar (noch??^^) nicht am stempeln, aber von manchen Tagen habe ich doch auch einen Eindruck wie in diesem Gedicht....

Erst mal, ich hätte "das Selbe" geschrieben statt "Dasselbe", aber die Trennungsschreiberei ist nicht so meine Stärke. Schau's am besten mal nach.

Ist es Absicht, dass bei der ersten Strophe nicht "Jeden Tag dasselbe" als Anfang steht? Ob das gut aussehen würde ist natürlich eine andere Frage, immerhin kommt dann direkt nach dem Titel die gleichnamige Zeile, aber rein von der Regelmäßigkeit würde es ja da hin gehören.

Dass die Zeilen so kurz und abgehackt nebeneinander stehen passt sehr gut zum Inhalt, finde ich!
Aber eine Stelle musst du mir erklären, da steig ich noch nicht ganz hinter die Bedeutung....:
Keiner setzt
in Vertrautheit
auf seine Scheinheiligkeit

Allerdings bin ich oft bei der jeweils letzten und zT vorletzten Zeile in den Strophen gestolpert, sie kamen mir zu lang vor: Zu grammatikalisch vollständig für so eine erbarmungslose Alltagshast in der man eigentlich keine Zeit für Schnörkel hat; und zu lang fürs Metrum, wobei ich ein regelmäßiges Metrum hier sehr wichtig finde, um das Tempo das zum Inhalt passt, beizubehalten. Ich finde, man könnte gut noch ein paar Wörtchen weglassen:

Keiner zahlt
Einer prahlt
(Mit) Unfehlbarkeit (ohne "mit" wäre das Metrum schöner)
Selbstherrlichkeit

Keiner lobt
Einer tobt
In Unfähigkeit
Kleinkariertheit

Der Effekt ist noch ein anderer: Das letzte Wort wirkt dann wie eine Zusammenfassung der ganzen Strophe, nicht mehr wie ein einzelner Satzteil. Du musst dich natürlich fragen, ob du diese Wörter so stark aufwerten willst. Ich finde es nicht schlecht - es ist so der Eindruck den man im Vorbeihasten gewinnt, und man hat gar keine Zeit dafür ihn voll auszuformulieren.

So, jetzt komme ich an ein Dilemma. Für mich sollte Lyrik, zumindest Lyrik in konventioneller Form wie hier, nämlich eigentlich irgendetwas à la Botschaft/Fazit/überraschende Schlusswendung oder auch nur einen Spannungsbogen beinhalten. Übertrieben gesagt: Wenn das Gedicht immer auf gleicher Lautstärke vor sich hinplätschert (kein Entwicklungsbogen) und man am Schluss genauso schlau ist wie vorher (kein Fazit), dann springt der Leser schnell geistig ab. Man bleibt ja auch an keinem Roman hängen, der keine Entwicklung hat. Ich sehe diese Gefahr hier auch.
Nun kann man einwenden, dass das Gedicht ja inhaltlich um Eintönigkeit geht und deshalb auch in Form und Aufbau das wieder geben muss. Ja, stimmt schon - ein blumig ausformuliertes Gedicht würde hier wenig reinpassen.
Andererseits denke ich dass man trotzdem noch ein wenig Entwicklung reinbringen kann, ohne die inhaltliche Eintönigkeit zu zerstören. Überlegen könntest du dir, ob du wirklich ganz ohne einen Spannungsgipfel am Schluss, ohne einen Rat oder Schlussfolgerung arbeiten willst. Ein sarkastisches Schlusswort wäre zB, Endlich ist man in Rente! Jetzt ist man frei! Aber
--- a) Man hat seinen Körper schon so kaputt gearbeitet (Jahrzehntelang staubige Büroluft, Bildschirmflimmern ruiniert die Augen, wenig Sonne und Bewegung, krumm gebeugter Rücken & platt gesessener Hintern) dass man nichts mehr machen kann außer zu Doktoren rennen
--- b) oder zum ersten Mal hat man Zeit und Ruhe für sich alleine und merkt, dass man gar keine Hobbys entwickelt hat, gar nicht mit so viel Zeit umzugehen weiß und nie in Ruhe über sich selber nachgedacht hat. Ohne die Knochenarbeit kommt man sich plötzlich nutzlos vor, das System hatte den Platz eines Lebenszweckes eingenommen und nun ein Vakuum hinterlassen. Geht dann aber vielleicht schon mehr in Richtung workaholic...
-> Damit wäre eine Entwicklung gegeben: Negativeindruck (Alltagsgrau) -> kleiner Hoffnungsschimmer (Rente) -> Enttäuschung der (Pseudo-)Hoffnung.

Ein Ansatzpunkt ohne große Änderungen vornehmen zu müssen ist die Zeile "Jeden Tag dasselbe". Ehrlich gesagt gefällt sie mir nicht so gut:
1) Sie nimmt die Botschaft des Gedichtes vorweg. Damit ist jeglicher Spannungsaufbau schon vornherein zerstört - man weiß ja schon was kommt.
2) Von der Sprache her. Die Zeile beinhaltet für mich schon sehr stark eine abstrakte Botschaft, das, was der Leser sich eigentlich selber denken sollte.
-> Schöner fände ich "Tag für Tag", "Tag um Tag". Das könntest du dann auch variieren: "Stund um Stunde", "Jahrein jahraus". Dadurch ergibt sich doch noch eine gewisse Steigerung, da sich die Zeiteinheiten steigern!

Stund' um Stunde
Bildschirm flimmert
Einer wimmert
Keiner zahlt
Einer prahlt
mit Unfehlbarkeit
Selbstherrlichkeit

Tagein tagaus

Staubiges Papier
In Ordner stopfen
Edelrosen auf Besen pfropfen
Keiner lobt
Einer tobt
In Unfähigkeit
Kleinkariertheit

Jahr um Jahr

Zahlen tippen
Stempel schwenken
.......

So, hoffe dieser Haufen an Eindrücken und Ideen wird nicht mehr Verwirrung als Inspiration stiften...^^

Viele Grüße,


Ichi



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Beitrag #3 |

RE: Jeden Tag Dasselbe
Hallo Ichi,

Donnerwetter! Du hast Dir mit Deinem Kommentar viel Mühe gemacht. Dafür Dank!
Natürlich kannst Du nicht alles nachempfinden, ohne dabei gewesen zu sein. Sei froh!
Es gibt in der Wirtschaft (eigentlich überall ) Chefs, die sich wie Götter aufführen und dabei vergessen, dass es genau seine engsten Mitarbeiter sind, die ihm das ermöglichen.
Kurze Erklärung zu "Scheinheiligkeit" : nun der Gott am Cheftisch ist zuweilen auch noch schwer katholisch und predigt so allerlei von Nächstenliebe usw., übt sie allerdings selbst rein gar nicht, zumindest nicht an den Ameisen, die für ihn täglich schuften, abgesehen davon, dass jedes Vertrauen sowieso im Ernstfall missbraucht wird.
Die Botschaft des Gedichtes ist denkbar einfach: Arbeitnehmer malochen täglich vor den Bildschirmen, langweilen sich fast zu Tode, denn es gibt Jobs, die sind einfach staubig (so wie die Buchhalterei z.B....es muss allerdings immer auf den Cent genau stimmen, aber die Arbeit an sich ist nur Routine auf etwas höherem Niveau als Bandarbeit mal überspitzt beschrieben). Kurz, man muss wie blöde ackern! Einen dämlich arroganten, despotischen und hintervotzigen Chef nebenher noch ertragen zu müssen, hat mich damals veranlasst, dieses Gedicht zu schreiben.
Ob man Dasselbe nun groß oder klein schreibt, ist mir egal. Wahrscheinlich hast Du Recht. Es ist nur das Schlüsselwort und deshalb werde ich es wohl so lassen.
Ich finde es ziemlich beeindruckend, dass Du mir eine andere, Deiner Meinung nach bessere Fassung, vorschlägst. Nicht schlecht! Aber...es wäre nicht mehr mein Gedicht. Dennoch fand ich insgesamt Deinen Kommentar sehr aufschlussreich und interessant.
Ich fühle mich plötzlich wieder in meine Pennälerzeit zurückversetzt. Wie wundervoll! Du erinnerst mich sehr an einen Deutschlehrer. Das ist jetzt durchaus nicht negativ gemeint.
Der Forensinn besteht ja wohl auch hauptsächlich darin, sich im Schreiben einer niveauvollen Kritik zu üben. Jeder kann das noch nicht. Ich denke, Du hast Deine Sache ganz gut gemacht. Weiter so! Deine Arbeit hat mir wirklich gefallen. Dank Dir sehr.

Gruß Helga

Erkennen wollen
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Beitrag #4 |

RE: Jeden Tag Dasselbe
Bitte. =)

Dass Schreiber ihr Gedicht vollkommen umwerfen und neu schreiben kann ich auch nicht erwarten =) War eigentlich auch mehr als ein konkretes Beispiel gedacht.

Deutschlehrer werde ich hoffentlich nicht :D (Stempler hoffentlich auch nicht :D ..)


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