Es ist: 13-06-2021, 09:23
Es ist: 13-06-2021, 09:23 Hallo, Gast! (Registrieren)


Kollektives Bewusstsein, gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen einer Gesellschaft
Beitrag #1 |

Kollektives Bewusstsein, gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen einer Gesellschaft
Hallo Literatopianer,

ich versuche herauszufinden, in wie weit innerhalb einer zusammengewachsenen Gesellschaft die Handlungsweise durch Erfahrungen oder auch das kollektive Bewusstsein oder kollektive Erinnerungen geprägt ist. Was erinnert eine Gesellschaft oder der einzelne, wie weit reicht das zurück in die Vergangenheit? Und wie ist das bei Menschen, deren Kommunikation ohne Radio, Fernseher, Internet oder Telefon auskommen musste?
Ein einschneidendes Ereignis wie den 2. Weltkrieg erinnere ich z.B. bewusst durch die Aufarbeitung in der Schule, die Erzählungen meiner Großeltern oder Eltern und jahrelange Medienberichte und Erinnerungstage. Ich weiß aber z.B. fast nichts über die Gebräuche oder Lebensweise, mit denen meine Großeltern als Kinder aufgewachsen sind - kenne natürlich die Zeit oder das politische Geschehen, aber das ist alles schon sehr weit weg.
Kann z.B. die Zeit der Reichskanzler oder auch die der deutschen Kolonien in Namibia noch Auswirkungen auf die heutige Handlungsweise einzelner haben? Bei Politikern, Geschäftsleuten oder aber auch nicht-öffentlichen Personen?
In der Religion ist das eindeutiger zu fassen: Durch permanente Erinnerung an sehr weit zurückliegende Ereignisse ist eine ganze Gesellschaft geprägt und manipuliert. Wie sieht das außerhalb solch Werte und Normenvermittelnden Bereichen aus? Oder funktioniert das kollektive Bewusstsein gerade nur innerhalb dieser Bereiche?
Ist es realistisch, wenn z.B. ein Herrscher Entscheidungen trifft aufgrund von Ereignissen, über die er informiert ist, die Zweihundert Jahre zurückliegen? Die er nicht aus eigener Erfahrung kennen kann sondern durch Überlieferung und eben das gemeinsame Erinnern einer Gesellschaft.

Ich hoffe, ich konnte mich einigermaßen verständlich machen Icon_confused und würde gern Eure Ansichten hierzu lesen.

Liebe Grüße von slainte music


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Beitrag #2 |

RE: Kollektives Bewusstsein, gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen einer Gesellschaft
Hi slainte, nur ganz kurz, weil ich zwischen Tür und Angel bin ...

Kollektives Gedächtnis ist schwierig, weil es im Grunde nicht existiert. Wir erschließen uns Vergangenheit immer durch die Linse der Gegenwart, sind also nie objektiv. Das wird noch schwieriger, wenn es keine richtige Geschichtsschreibung gibt. Es ist aber durchaus möglich, dass ein Herrscher Entscheidungen auf Basis dessen trifft, was er glaubt, dass es sich vor zweihundert Jahren ereignet hat - nur trifft er sie, auch wenn er es nicht weiß, anhand einer Interpretation der Vergangenheit, die aus seiner Gegenwart stammt.

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Beitrag #3 |

RE: Kollektives Bewusstsein, gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen einer Gesellschaft
Sehr guter Thread mit sehr interessantem Thema.

Ich kann leider keine informierte Meinung abgeben, aber ich glaube schon, dass so eine Art kollektives Bewusstsein besteht, im Sinne von den Regeln und Konformitäten denen wir uns tagtäglich unterwerfen, und die unser Zusammenleben erst ermöglichen. Beispiel Autoverkehr: Es heißt in manchen italienischen Städten "fließt" der Verkehr, egal was die Ampel anzeigt und Autofahrer bremsen äußerst selten für Fußgänger, während es in anderen Ländern "ordnungsgerechter" zugeht. Dabei handelt es sich natürlich um eine Form der kulturellen Prägung. Auch Dinge wie Demonstrationsfreiheit, was für uns heute selbstverständlich ist, ist in anderen Ländern fast undenkbar. Ich habe einmal mit chinesischen Touristen gesprochen, die sehr verwundert waren über eine Demonstration und das die Polizei "nur" zugesehen hat.

Das Ganze ist aber sehr schwammig und jeder Mensch ein Individuum mit individueller Geschichte und Sichtweisen, die natürlich auch immer von der persönlichen Situation geprägt sind. So sieht ein Arbeitsloser Sozialpolitik aus einer anderen Perspektive als jemand, der noch nie Arbeitslos war. Außerdem verschieben sich Parameter sehr schnell. Wie viele haben z.B. vor 20 Jahren die gleichgeschlechtliche Ehe befürwortet? Wenige, während heute die Zustimmung bei vielleicht 70-80% liegt, selbst bei Personen die sich als Konservativ bezeichnen.

Wo ich dir Recht gebe ist, dass wir viel zu wenig über die Lebensweisen und Lebensumstände früherer Generationen wissen. Auch Geschichtsbücher in der Schule behandelten zumindest zu meiner Zeit fast nur kriegerische Konflikte und vielleicht politische Ideologien. Allgemein ist es Schade, aber für "was war" besteht nur geringes Interesse.


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Beitrag #4 |

RE: Kollektives Bewusstsein, gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen einer Gesellschaft
Hallo slainte.

Ein kollektives Bewusstsein, als wäre eine Gesellschaft ein Wesen, ein Metawesen, gibt es dem Sinn nach nicht. Gleichwohl gibt es Gemeinsamkeiten, in Form von Wissen, Begebenheiten, Vergleichen, besonderen Ereignissen, sozialen Aspekten und eben der Sprache als gemeinsamer Ausdruck.

Zitat:Was erinnert eine Gesellschaft oder der einzelne, wie weit reicht das zurück in die Vergangenheit? Und wie ist das bei Menschen, deren Kommunikation ohne Radio, Fernseher, Internet oder Telefon auskommen musste?

Eine Person aus unserem Sprachraum würde sich, soweit sie um 1950 noch lebt, mit Sicherheit an die Geschichten ihrer Großeltern erinnern, die ihr beispielsweise sagten, dass es Ende des 19. Jahrhunderts an einem Augusttag geschneit hatte. Die Kinder allerdings würden es vielleicht nie hören, oder hören und vergessen und somit wäre die Information, soweit nicht schriftlich fixiert, verschwunden.

Ich kann mich beispielsweise an die Innerdeutsche Grenze erinnern, mit allen schönen und unschönen Momenten. Ich kann mich erinnern, wie ein Familienmitglied aus dem Osten plötzlich nach dem Mauerfall vor der Tür stand, mal eben so, eigentlich unfassbar 'eben so'. Und heute ist es selbstverständlich, obwohl es merkwürdigerweise geblieben ist, dass wir heute immer noch (jedenfalls am Anfang) sehr lautstark telefonieren, denn die Verbindungen waren damals unter aller Kritik. Das blieb irgendwie hängen.

Zitat:Ein einschneidendes Ereignis wie den 2. Weltkrieg erinnere ich z.B. bewusst durch die Aufarbeitung in der Schule, die Erzählungen meiner Großeltern oder Eltern und jahrelange Medienberichte und Erinnerungstage. Ich weiß aber z.B. fast nichts über die Gebräuche oder Lebensweise, mit denen meine Großeltern als Kinder aufgewachsen sind - kenne natürlich die Zeit oder das politische Geschehen, aber das ist alles schon sehr weit weg.

Das ist das Grundproblem derjenigen, die sich Geschichtswissenschaftler, Historiker oder 'Experten' nennen. Ein weiteres ist, dass je nach politischem Willen auch nur das herausgehoben wird (oder umgedeutet wird), was zu dem Zeitpunkt die eigene Politik unterstreicht. Beispiel: Zu meiner Schulzeit wurde als Grund für das Ende der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn die vielen Völker, die da unter einem Dach lebten, angegeben. Heutzutage wird es anders dargestellt, positiver, denn es kann ja als Vorbild für die EU verwendet werden. Icon_ugly

Abgesehen davon gebe ich Dir Recht, dass wir mit politischen Figuren und Abläufen bombardiert wurden, aber über die Menschen wenig erfahren haben. Also die nicht-regierenden Menschen, die einfachen Menschen. Wie haben sie gesprochen? Wie war ihr Satzbau? Haben alle in Sütterlin geschrieben? Was gab es abseits der Politik noch für Themen?

Zitat:Kann z.B. die Zeit der Reichskanzler oder auch die der deutschen Kolonien in Namibia noch Auswirkungen auf die heutige Handlungsweise einzelner haben?

Nur, wenn namibische Politiker mal wieder Geld brauchen. Oder wenn sich deutsche Politiker profilieren wollen. Aber davon abgesehen kann man in diesem speziellen Fall zumindest sein Wissen, seinen Horizont erweitern und - was Namibia betrifft - wieder daran teilhaben. Nämlich damit: https://www.az.com.na/
(Deutsche Zeitung aus Namibia.)

Zitat:Ist es realistisch, wenn z.B. ein Herrscher Entscheidungen trifft aufgrund von Ereignissen, über die er informiert ist, die Zweihundert Jahre zurückliegen? Die er nicht aus eigener Erfahrung kennen kann sondern durch Überlieferung und eben das gemeinsame Erinnern einer Gesellschaft.

Spontan: Heute nein, dafür denken die Politiker nicht, es sei denn an sich und an übergeordnete Ziele, die zu noch mehr Geld/Einfluss/Ansehen führen.
Auf der anderen Seite können derart alte Überlieferungen kaum noch Entscheidungshilfen sein, da sich die Zeiten geändert haben, es sei denn, es ist etwas aus der damaligen Zeit, worüber zu entscheiden gilt.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Ich denke, dass Informationen/Wissen/Gesellschaftliche Begebenheiten/Floskeln ohne schriftliche Fixierung ein bis zwei Generationen überleben.

LGD.


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Beitrag #5 |

RE: Kollektives Bewusstsein, gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen einer Gesellschaft
@slainte:

Ich weiß nicht, ob dich das Thema noch interessiert, da dein Eingangsbeitrag nun schon einige Zeit zurückliegt, aber falls doch:

Kulturelles Gedächtnis

Das ist ein Blog-Eintrag auf meiner website, in dem es um die Theorie zum "Kulturellen Gedächtnis" von Assmann geht.

Die Einleitung kannst du überspringen, da ich den Blog-Artikel in Bezug zu meinem Roman geschrieben habe, in dem das kulturelle Gedächtnis ein zentrales Element ist.

Weiter unten findest du allerdings einen Auszug aus meiner damaligen Magisterarbeit, der die Theorie zusammenfasst, da ich sie damals als Instrument für meine musikwissenschaftlichen Analysen genutzt habe. Du kannst dir natürlich auch die ganze Fachliteratur von Assmann reinziehen, aber mein Artikel ist kürzer Mrgreen


Viele Grüße
Garuda

Bhinneka Tunggal Ika - Unity in Diversity

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Beitrag #6 |

RE: Kollektives Bewusstsein, gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen einer Gesellschaft
interessiert mich sehr, ich schau da mal rein. Aber erst nach dem MoPro Icon_wink


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