Es ist: 29-03-2020, 01:08
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Aktuell befinden wir uns im Umbau. Sollte also etwas seltsam aussehen, sind wir gerade bei der Arbeit und strukturieren die Foren neu :)

Ikarus
Beitrag #1 |

Ikarus
Ikarus der Träumer steht am Strand
Und blickt hinauf zur Sonne, wundert sich:
Trotz ihrer Größe sei sie unbekannt,
Trotz ihres Feuers frei von Licht
 
Was da mag sein, stellt er sich vor.
Schon stoßen die Füße in den Sand
Und Schwingen tragen ihn empor.
Kein Blick fällt mehr auf das ferne Land.
 
Sein einzig' Streben gilt der Sonne
Vergessen der Wunsch nach festem Stand
Doch sie ist - so ist sein Glück zerronnen -
Nur eine Lampe von Menschenhand.
 
So zerrt das Dunkel an seinem Verstand;
Die Sonne ward von den Göttern gemacht.
Wenn das nicht stimmte, was so bekannt,
War all sein Wissen vielleicht bloß erdacht?
 
Ikarus der Träumer steht am Strand,
Die begehrte Sonne hat ihn nicht verbrannt.
So kann er nicht ausdrücken, was ihm fehlt.
 
Die Wahrheit vom Licht schlug tiefe Kerben,
Worte erfroren wie im Winter ein See
Und sein Verstand zersprang in tausend Scherben.

"Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des >Volkes< selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives und er weiß, dass man die Menge nur als >Volk> anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können!"
Thomas Mann, Doctor Faustus (1947)

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Beitrag #2 |

RE: Ikarus
Hallo rex,

die Geschichte im Ikarus ist geradezu prädestiniert dafür, in der Lyrik aufgegriffen zu werden. Anfangs sah es so aus, als würdest du den Mythos nur nacherzählen, doch dann verläuft alles anders für Ikarus - statt zu verbrennen, erkennt er etwas, das seinen Verstand überfordert. Bedeutet das, dass Erkenntnis nicht immer erstrebenswert ist, da sie das sichere Weltbild und damit auch den Menschen zerstören kann? Es klingt ein bisschen wie Kritik an der Wissenschaft - oder auch an Ikarus, der nach Erkenntnis strebt, sie dann aber nicht verkraftet. Statt sich mit dem Neuen auseinanderzusetzen, verzweifelt er und gibt dem Wahnsinn Raum, über ihn herzufallen.

Inhaltlich also auf jeden Fall interessant, die Form gefällt mir allerdings nicht so gut, weil ich eher ein Fan der Verdichtung bin - dieses Gedicht ist dagegen sehr erzählerisch, wie eine kleine Geschichte in Versform. Manchmal muss man die Worte in den richtigen Rhythmus drängen, aber insgesamt liest es sich gut, sodass man nicht zwingend daran herumbasteln muss. Es liest sich manchmal etwas holprig, aber auch nicht so, dass man sich wirklich daran stört.

Die letzte Strophe, die wichtigste in diesem Gedicht, fand ich leider etwas schwach:

Die Wahrheit vom Licht schlug tiefe Kerben,
Worte erfroren wie im Winter ein See
Und sein Verstand zersprang in tausend Scherben.

Das Bild der mittleren Zeile fand ich sehr schwach, das Bild wirkt für mich nicht - erfrierende Worte, das ist toll, aber dann kommt der Vergleich mit einem See im Winter, der ja gar nicht wirklich ERfriert, sondern nur zufriert, während unten das Leben überdauert. Für mich klingt es an dieser Stelle ein wenig danach, als wäre dir nichts eingefallen.

Es ist nicht wirklich meine Form von Lyrik, aber trotzdem hatte das Gedicht etwas, das mich innehalten und es mehrmals lesen ließ. Inhaltlich fand ich es sehr spannend und es bietet Raum für eigene Gedanken, was mir gut gefällt. Insgesamt ist es für meinen Geschmack aber zu erzählend, wodurch es dahinplätschert - zudem ist Ikarus' Flug gen Sonne ja bekannt, ich hätte diesen Part vielleicht kürzer gefasst, um den zweiten Teil des Gedichtes, der ja das Neue beinhaltet, stärker zu betonen. 

Viele Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #3 |

RE: Ikarus
Hallo Zack,

vielen Dank für deinen sehr schnellen Kommentar! Icon_smile


Ich finde grundsätzlich die meisten möglichen Interpretationen sehr schön - gerade dieses Gedicht erzählt ja auch eher eine Geschichte, aus der man dann seine eigene Moral ziehen kann. So stelle ich mir das zumindest vor.
Ich persönlich wollte damit ein wenig auf die Diskussion hinaus, ob man überhaupt die Wahrheit kennen kann. Das Finden derselben ist ein schwieriger und aufwändiger Prozess, welcher oft dazu führt, dass man irgendwann beginnt, seine "eigene" Wahrheit danach zu bestimmen, ob sie das Weltbild, das man sich aufgebaut hat, bestätigt. Dadurch verhärtet sich das eigene Bild von der Wahrheit. Erweist sich dann aber das Fundament als falsch, findet man entweder auch einen Weg, Fakten so zu verdrehen, dass sie das eigene Weltbild scheinbar bestätigen, oder die Vorstellung von der Wahrheit zerbricht (dramatisch ausgedrückt). Ob nun Ikarus einfach darüber verzweifelt, dass er realisiert, dass die Wahrheitsfindung in ihrer letztendlichen Konsequenz fast unmöglich ist, oder ob sein verhärtetes Weltbild zerbricht, bleibt von meiner Seite her offen. Aber, wie gesagt, natürlich war das nur das, was ich im Kopf hatte, als ich das Gedicht geschrieben habe und der Reiz an Geschichten ist ja gerade die Menge an möglichen Interpretationen. Icon_smile


Was die Form angeht: ja, das ist auf jeden Fall schon mal Geschmackssache. Ich lese beides gern, bevorzuge tendenziell aber gereimte Strophen, weil diese das Gedicht schön strukturieren. Dass man die Worte in den richtigen Rhythmus drängen muss, ist mir auch aufgefallen, da bin ich umso mehr erleichtert, dass du dich nicht wirklich daran störst. Ich habe noch nicht so viel Übung im Gedichte Schreiben und ich denke, das merkt man auch.



Zitat:Das Bild der mittleren Zeile fand ich sehr schwach, das Bild wirkt für mich nicht - erfrierende Worte, das ist toll, aber dann kommt der Vergleich mit einem See im Winter, der ja gar nicht wirklich ERfriert, sondern nur zufriert, während unten das Leben überdauert.

Da gebe ich dir recht, ich werde hierfür noch ein anderes Bild finden müssen.

Zitat:Es ist nicht wirklich meine Form von Lyrik, aber trotzdem hatte das Gedicht etwas, das mich innehalten und es mehrmals lesen ließ. Inhaltlich fand ich es sehr spannend und es bietet Raum für eigene Gedanken, was mir gut gefällt.

Das freut mich - damit habe ich - zumindest teilweise - erreicht, was ich erreichen wollte. Icon_smile

Zitat:Insgesamt ist es für meinen Geschmack aber zu erzählend, wodurch es dahinplätschert - zudem ist Ikarus' Flug gen Sonne ja bekannt, ich hätte diesen Part vielleicht kürzer gefasst, um den zweiten Teil des Gedichtes, der ja das Neue beinhaltet, stärker zu betonen. 

Mir gefällt diese erzählende Gedichtform recht gut. Ich denke, da scheiden sich unsere Geschmäcker. Ich habe den ersten Part so lang gehalten, damit der Leser sich im Ikarus-Mythos wiederfindet und damit selbst von der Wendung mitgenommen wird. Außerdem kann man sich so, finde ich, besser vorstellen, dass Ikarus vielleicht einfach nur am Strand steht und in den Himmel schaut. Dass er niemals losgeflogen ist und nur über die Wahrheit nachgedacht hat; daran zerbrochen ist.
Deshalb würde ich das Gedicht in dieser Hinsicht so belassen.

Gerade weil mein Gedicht von der Form her nicht deinen Geschmack trifft, ein herzliches Dankeschön, weil du dich trotzdem damit auseinander gesetzt hast und in diesem Sinn einen schönen Tag. Icon_wink

rex

"Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des >Volkes< selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives und er weiß, dass man die Menge nur als >Volk> anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können!"
Thomas Mann, Doctor Faustus (1947)

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