Es ist: 17-01-2020, 16:32
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Atlantis (III/III)
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Atlantis (III/III)
A T L A N T I S
(III/III)

(31.12.2005; 23:41 Uhr)

Irgendwann enden Welten, dachte er und blieb erstarrt. Auch wenn sie schon gestorben sind.
Irgendwo in seinem Kopf ratterten Protokolle wieder los, die er eigentlich schon lange begraben hatte, als er die Taschenlampe ausschaltete.
Wer ist das Mädchen? Warum ist sie eingesperrt? Wo konnte man sie um die Uhrzeit noch unterbringen? Hatte der Dom nicht eine Auffangstation?
Der kalte Hauch des Gestern und des Vorgestern, Schattenbilder aus der Zeit vor der Therapie, strichen um sein Herz und warteten darauf, es einfach aus der Brust zu klauen. Mitzunehmen und ihn wie ein toten Roboter einfach hier stehen zu lassen.
Irgendwo in seinem Inneren lachte ihn eine Stimme hämisch aus. Alles, was gerade noch gezählt hatte - das neue Leben in Fischbach, weit ab vom Moloch Königsberg entfernt - war weg, zerplatzt, als hätte es diese Träume nie gegeben. Das alte Leben kam in ihm hoch, wie eine bereits verdaute Portion Flecksuppe vom Hundegatt.
Für einen Moment hoffte er inständig, er wäre in seiner Wohnung zwischen den Pappkartons mit seinen Träumen eingeschlafen und würde gleich wieder aufwachen. Wenn der Umzugswagen kam.
Wenn er von hier weg konnte. Endlich w-
Das Mädchen atmete leise, fast nicht wahrnehmbar, aber er hörte und sah es: Die Nasenflügel vibrierten leicht, der Rest des Körpers blieb aber wie ausgeschaltet.
Wie alt?
Er legte den Kopf schief und musterte sie so vorsichtig, als würden alleine schon seine Blicke sie verletzen.
Vom Äußeren vielleicht zehn, elf. Oder zwölf.
Die Augen allerdings waren alt, gefühlt hundertzwanzig Jahre alt.
Wie die Zwerge aus dem Bergwerk, dachte er, wobei es ihm schwerfiel, die Vergangenheit vor ihm und die Zukunft in seinem Kopf zusammen in ein passendes Bild zu pressen.
"Ceylan?", rief Ludger aus dem Wohnzimmer. "Alles klar?"
Anstelle einer viel zu lauten Antwort kniete er sich vor der Badewanne hin, stützte sich mit dem Händen am Rand ab und beugte sich vorsichtig ein Stück hinein.
"Hallo. Wie ... wie heißt Du?"
Keine Reaktion.
"Ich bin Ceylan", flüsterte er so freundlich und vorsichtig wie möglich, wobei er die Hände da ließ, wo sie gerade waren. "Ceylan - und Du?"
Nichts, dafür hörte er aus dem Wohnzimmer Maiers Stimme:
"Scheiße! Das ist mein Baby!" Direkt gefolgt von Charly: "Halt endlich die Fresse."
"DAS IST MEIN BABY, IHR PISSER!"
"Das reicht jetzt."
Danach hörte er nur noch ein 'Hm. HM!', was wahrscheinlich daran lag, dass Charly ihm einen Knebel in den Mund gestopft hatte. Oder eine der stinkenden Socken von der Couch.
Baby?, dachte Ceylan. Sie ist doch mindestens ...
Er brach den Gedanken ab.
Ein nicht näher beschreibbares Gefühl zog sich durch seine Eingeweide und verwandelte das Herz in Kälte, als sein Blick von ihrem Gesicht herunter zu ihrem Bauch fuhr.
Manche Kinder sind von Natur aus pummelig, andere hatten zwar normale Maße, dafür aber einen dicken Bauch. Dieser hier schien allerdings nicht von Süßigkeiten zu stammen.
"Sag mal, kannst Du nicht antworten?", knurrte Charly, die plötzlich neben ihm auftauchte. Sie hielt abrupt inne und starrte auf das Mädchen. Eine Sekunde, zwei, dann presste sie die Lippen zusammen und holte tief Luft.
"Scheiße", sagte sie, ging neben ihm in die Hocke und starrte das apathische Mädchen in der Badewanne an. Berührt, zum ersten Mal sanft, was nur wenige Augenaufschläge dauerte, als auch sie den Bauch bemerkte. Charlys Gesichtszüge vereisten förmlich, als sie Ceylan ansah.
"Das darf nicht wahr sein", flüsterte sie zu ihm, als Ludger plötzlich im Türrahmen stand.
Mit großen Augen schaute er zur Badewanne.
Sah das Mädchen. Sah den Bauch.
Man konnte spüren, wie ein Schalter in ihm umgelegt wurde - vom Amtsleiter des Fremdenamtes zum Vater einer Tochter - als er sich wortlos umdrehte und wieder ins Wohnzimmer ging.
"Ludger!", rief Charly, sprang auf und lief ihm hinterher, doch sie konnte es scheinbar nicht verhindern, was Ceylan dann hörte: Ein Körper wurde hochgezogen, mehrere dumpfe Schläge, die sich wie ein Stakkato wiederholten. Immer wieder Charlys Stimme, gepresst, dass er es sein lassen solle.
Ceylan war das zuviel. Er hielt sich die Hände an die Ohren, schaute unentwegt das reglose Mädchen an, das nicht ein einziges Mal zuckte oder sonstwie verriet, dass sie mit dem Geist noch in dieser Welt schwebte.
Während einige Minuten später drüben im Wohnzimmer etwas Schweres zu Boden fiel, dem eine unangenehme Stille folgte, beugte er sich über den Badewannenrand weiter zum Gesicht des Mädchens vor. Die Augen waren starr, die Pupillen verengt. Das einzige, was lebendig schien, war das Blau der Iriden. Blau, wie das der Ureinwohner. Unheimlich und tief.
Gewittersturmaugen, dachte er, als Ludger wieder im Türrahmen stand. Schnaufend und mit bebender Halsschlagader.
"Kann sie gehen?", fragte er und zeigte auf das Mädchen.
"Ich glaube, sie braucht noch fünf Minuten", antwortete Ceylan und seufzte. "Vielleicht sind es auch ein paar mehr."
Anstelle einer Antwort griff Ludger zum Holster, zog seine Pistole heraus und lud sie durch.
"Fertiggeladen und gesichert", sagte er und hielt sie ihm mit dem Handgriff hin. "Du weißt doch noch wie es geht?"
"Ich habe noch nie eine Waffe gebraucht."
"Und ich habe noch nie so eine Scheiße gesehen."
Ceylan starrte erst auf die Waffe, dann in Ludgers Gesicht, bevor er nickte und die Pistole schließlich an sich nahm und sie zwischen Rücken und Hosenbund steckte.
"Gut", meinte Ludger. "Wir bringen den Drecksack nach unten. Du wartest hier einfach. Verstanden?"
Ceylan versuchte sich an einem Nicken, was kaum gelang.
"Verstanden."

Er hörte, wie sie den stöhnenden Herrn Maier wie einen nassen Sack hochhievten und aus dem Wohnzimmer schleppten. Dann die Wohnungstür, die geöffnet und rasch wieder geschlossen wurde.
Stille.
Man konnte den Wind hören, der ums Hochhaus fegte. Ceylan kam es so vor, als ob er von Minute zu Minute stärker wurde.
Wie lange noch, bis er durch die kleinsten Ritzen kommt?, dachte er. Und was kommt danach? Die Gier nach dem letzten Atemzug?
Er schüttelte die Gedanken ab, zwang sich wieder zu einem gradlinigen Denken. Abgesehen vom Wind waren da nur noch er und das Mädchen, während er sich fragte, wie sie es nachher schaffen sollten, die Kleine aus der Badewanne zu bekommen, sie aus dem Hochhaus zu bringen und ins Auto zu setzen. Und wer sollte sie anfassen, wenn sie reglos blieb? Ludger? Er selbst, oder doch lieber Charly?
Er räusperte sich.
"Hallo", sagte er so leise, vorsichtig und freundlich wie möglich, wobei ihm nicht nur sein trockener Hals auffiel, sondern auch die dadurch bedingt krächzende Stimme.
Aber nichts geschah.
"Mein ... Mein Name ist Ceylan." Aus Gewohnheit wollte er "Ich bin vom Jugendamt, Dir wird nichts passieren" sagen, schluckte es aber in letzter Sekunde herunter. "Und wie heißt Du?"
Plötzlich drehte sich ihr Kopf zu ihm hin, ihre Augen bewegten sich mit, ihre rechte Hand ließ vom Knie los - und griff nach seinem Arm.
Warm. Kalt. Zittrig.
Stromstöße, die das Leben aus der Haut vertrieben. Taubheit, die sich ausbreitete. Wie ein kaltes Feuer wucherte es am Arm entlang, hinauf bis zum Kinn, den Zähnen, den Wangen, den Ohren ...
Bevor das Badezimmer vor seinen Augen verschwand, sah er sie, wie sie ihn anstarrte, die ganze Zeit. Unergründlich, unfassbar und teilnahmslos.
Als würde gerade nichts
geschehen
war schon zuviel.
Rausgerissen
aus der Unschuld, eingerissen
die Stellen in ihrem Körper.
Wie billiger Tand wurde sie überreicht, wurde gierig beäugt,
gierig ausgezogen
und auf ein Bett geworfen.
Liegend,
auf behaglichen weichen Kopfkissen und einem Laken, kantig
und unrasiert der Mann, der auf ihr lag, sich erging in stoßhaften Bewegungen, zuckenden Gliedern. Wie Fremdkörper, sowohl Arme als auch das, was da unten war und ihren nackten Körper durchstieß.
Wann genau sie aus den eigenen Augen fiel wusste sie nicht mehr, wusste nicht mehr,
wie sie hieß, wusste nur, dass 'Schätzchen' oder 'Baby' falsch waren. Falsches Lächeln
war das Letzte was sie sah, als die Iriden zu Löchern in der Dunkelheit wurden. Fallend in sich selbst hinein. Die Löcher wurden kleiner, das Gesicht dahinter auch, aber die Verärgerung war ungespielt.
Auf dem Sinkflug in die Tiefe sah sie Farben:
grüne Flecken, Punkte, Sterne. Blaue und rote.
Begleitet von Nervenzuckungen, die Schmerzen waren, aber so gefiltert ankamen, dass sie sie
nicht mehr wahrnehmen konnte.
Ein Feuerwerk auf dem Weg nach unten,
heilend, guttuend, rettend,
wo sie irgendwann am weißen Strand eines schwarzen Meeres landete.
Beinahe sanft, behütet. Weicher Untergrund.
Keine Spielsachen, aber sie baute sich zuerst einen Graben, dann eine riesige Burg aus Sand,
mit Zinnen, die höher waren, als alle Menschen, die sie je gesehen hatte.
Lange Zeit blieb das Wetter in der dunklen Welt gleich, immerzu, tagein, tagaus, auch wenn die Zeit hier unten keinerlei Bedeutung hatte.
Bis eines Tages eine Veränderung stattfand.
Irgendwo jenseits der schwarzen See.
Irgendwas Unsichtbares, was pulsierte und ständig größer wurde. Bald würde es über das Meer kommen, die Burg hinwegfegen und nach ihr greifen.
Bald.
Doch bis dahin blieben die Iriden am dunklen Firmament die einzigen Sterne.
Das unrasierte Gesicht der Menschheit
schaute ab und zu hinunter,
während sie trotzdem noch eine Schlange am dunklen Horizontwerk sah,
gefolgt von den bunten Farbflecken.
Immer wieder.
Ewigkeiten.
Bis da dieses andere Gesicht
herunter
schaute,
einen Namen nannte, seinen Namen.
Tscheilan, Tscheiland. Heiland?
Den Sturz, den tiefen Fall durch
das Farbenmeer der Sterne hatte sie
nicht vor zu wiederholen, aber es drängte sie herauszufinden, ob es noch
eine zweite Menschheit gab. Da oben, am Firmament.
Runter auf den Grund der Seele zu kommen war einfach gewesen,
hinauf ein bisschen schwerer,
wie fliegen und klettern,
wie schwimmen durch eine zähe Flüssigkeit.
Aber sie schaffte es, und als sie oben nahe der Sterne war,
schaute sie nicht zurück zu ihrer Festung, ihrer Zuflucht, ihrem Zuhause.
Sie kletterte die letzten Meter fieberhaft weiter mach oben, bis sie wieder in ihrem Kopf saß.
Taube Gliedmaßen, stumme Finger, Beine aus Gummi, eng umschlungen. Es dauerte eine Weile, bis das Gefühl wieder kam: Das Gefühl, den eigenen Körper zu steuern, der so schwer fassbar war
wie ein ganzes Universum.
Zuerst waren es nur die Augen, dann der Kopf, schließlich die Hände, die Finger, die sich anfühlten, als wären sie fremd und taub.
Sie schaute der zweiten Menschheit ins Gesicht, fasste nach seinem Arm und spürte, wie alles, was sie je gesehen, je erlitten hatte, ihn durchfuhr wie ein Stromstoß.


***

Die Taubheit versiegte langsam. Die Bilder gingen, laut, polternd und viel zu schnell. Eine Reise durch Raum und Zeit, die er noch nie gesehen hatte. Kein Ort, wo Ewigkeiten Luftschlösser bauten. Stattdessen nur träumende Pappkartons, im Regen geboren.
Das Badezimmer war schon lange wieder da, als sich sein Herzschlag wieder zu den Ohren durchgekämpft hatte. Dumpfe Schläge, gefolgt von einem Rauschen im Kopf. Gefühlt tausend Fragen im Kopf, und doch tummelte sich keine auf der Zunge.
Stille um ihn herum, einzig der Gewittersturmblick des Mädchens blieb an ihm haften.
Minutenlange Sekunden. Schweigen. Anstarren. Gegenseitig.
Ceylan atmete tief ein uns aus, räusperte sich und versuchte seine Stimme nicht brüchig klingen zu lassen.
"Du ... kannst mir vertrauen."
Keine Reaktion, weder auf den Lippen, noch im Gewittersturm der Iriden.
Er schloss für einen Moment die schmerzenden Augen und seufzte.
Verdammt, dachte er. Das war doch schon alles weg. Das alles. Verarbeitet. Im Keller verpackt. Und jetzt?
Ein Moment, wo selbst die Zeit dem Menschen nochmals eine Pause gönnte. Um nachzudenken, die Fassungslosigkeit zu spüren, dass alles völlig sinnlos war. Dass es ein Schicksal gab, dem man nicht entrinnen konnte.
Er zwang sich an Fischbach zu denken, und daran, dass - wie auch immer - hier bei ihm ein Zwerg war, den er durch die Dunkelheit bringen musste, bis zum rettenden Ausgang. Einleuchtend, selbsterklärend - und es hatte mit der Vergangenheit dann auch nichts mehr gemeinsam.
Leiter des Bergwerks, dachte er. Ich bin der Leiter.
Dann stand er auf, wobei ihr Blick nicht von ihm abließ.
"Es ist sehr wichtig, dass Du mit mir mitkommst", sagte er. "Hier kannst Du nicht bleiben."
Er meinte ein Zucken im Gesicht gesehen zu haben, als sie plötzlich aufstehen wollte, doch der erste Versuch scheiterte. Wackelige Beine, die auf der Hälfte der Strecke nachgaben - und sie plumpste wieder zurück in die Badewanne. Kein Aufschrei, kein Aua, wobei Ceylan es vermied, ihr von sich aus aufhelfen zu wollen. Es ging nicht um die beklemmenden Bilder, die er gesehen hatte, sondern darum, dass jede Berührung kostbar war. Und er brauchte noch ein paar um sie hier aus dem Haus zu bekommen.
Und aus der Dunkelheit.
Es dauerte ein bisschen, doch nach dem dritten Anlauf stand sie schließlich und stieg vorsichtig über den Rand und blieb kerzengerade neben ihm stehen. Wie ein Roboter, der die einprogrammierte Bewegung ausgeführt hatte und jetzt mit hängenden Armen auf neue Befehle wartete.
Gott im Himmel, dachte er. Ist da alles tot in ihr?
Ihre blauen Augen schauten ihn erwartungsvoll an, doch eine Frage kam nicht über ihre stummen Lippen, die wie zwei gerade Striche in einer leblosen Landschaft wirkten.
Nach einigen stillen Momenten, wobei er nicht wusste wie er es anstellen konnte, hielt er ihr seine Hand hin. Auffordernd und hilfsbereit.
Sie schaute erst auf seine Finger, musterte den Arm, dann wanderte ihr Blick wieder hinauf zu seinen Augen, als müsste sie erst noch entscheiden, ob sie ihm trauen konnte. Dann, beinahe wie auf Knopfdruck, nahm sie seine Hand.
Diesmal kamen keine Stromstöße. Die Finger waren warm, als wäre der dazugehörende Motor schon seit Stunden in Betrieb.
Gut.
Er nickte leicht, dann wandte er sich langsam um, ging mit ihr im Schlepptau durch die Tür ins Wohnzimmer, wo der Fernseher immer noch sein kaltes Bildschirmlicht nicht nur an die Wände warf, sondern auch in Richtung Balkon.
Ceylan hatte erwartet, dass sie sich sperrte, dass sie an ihm zog um nicht dorthin zu gelangen, aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen schaute sie zum breiten Fenster und sah die dunkle Nacht mit ihren gedankenverlorenen Wolken dahinter, die sich vom Firmament bis zum Erdboden erstreckte. Von hier oben, wo unten die Müllberge brannten und von johlenden Menschen weiter befeuert wurden, sah alles so klein aus. Die Bäume waren schwarze Flecken und die Wege nur dort als solche zu erkennen, wo noch aktive Laternen ihren Schein wahrten.
Sie stellten sich vor die gläserne Balkontür und schauten hinaus, sahen zwei Staatsbedienstete, die sich mit einer dritten Person abseits der Laternen den Parkplätzen näherten. Unbeobachtet. Unerkannt, als wären sie mit der Nacht verschmolzen.
Maier im Wagen fixieren und zurück nach oben, dachte Ceylan. Zehn Minuten. Vielleicht fünfze-
Da war was.
Ein Geräusch, das irgendwie nicht hierher passte, ließ den Gedanken absterben. Es war nicht der Wind, der von außen am Hochhaus rüttelte. Es kam von innen.
Ceylan drehte sich irritiert um und schaute zum dunklen Flur, der die Haustür verschluckt hatte. Es klang, als würde sich jemand am Schloss zu schaffen machen. Wer auch immer das sein mochte, er hatte keinen Schlüssel, gehörte nicht hierher. Und klingeln tat er auch nicht.
Seine rechte Hand langte automatisch nach hinten, um die Pistole aus der Enge zwischen Hosenbund und Rücken zu befreien. Mit der linken öffnete er die Balkontür und schob das Mädchen sanft, aber widerspruchslos, hinaus, schloss die Tür und ließ die knackenden Rollläden wieder herunter.
Tut mir leid.
Es raschelte, als der Wind wieder gegen die Lamellen schlug. Es klickte an der Tür. Und nachdem der Fernseher ein sehr helles Bild zeigte, konnte er nebenbei erkennen, dass der Teppich - auf dem er gerade stand - nicht allein Brauntöne in verschiedenen Abstufungen aufwies, sondern braune Flecken mit Rot dazwischen. Einem dunklen Rot.
Blut.


***


Die Haustür öffnete sich, die Haustür schloss sich.
Zwei Gestalten, nur schemenhaft zu erkennen, blieben abrupt stehen, als sie ihn im Schein des Fernsehbildes erkannten.
"Halt", rief Ceylan mit einer Festigkeit, die er selbst nicht erwartet hätte, und zielte mit der Pistole in den Flur hinein. "Keinen Schritt weiter."
Zuerst war selbst die Stille angespannt, dann hob der rechte Schatten seinen Arm.
"Ich muss mich entschuldigen", sagte der Flur mit einer männlichen Stimme. "Normalerweise klopfe ich vorher an."
Wirklich zu erkennen waren beide Gestalten nicht, dafür sorgte der blendende Fernseher, der ihn förmlich im medialen Licht anstrahlte. Und ihn anders hinzustellen war unmöglich.
"Was wollen sie hier?", fragte Ceylan und versuchte Festigkeit in seine Stimme zu bekommen.
"Hm, was will ich hier, was will ich ..." Und nach einer kleinen Pause, in der er zu überlegen schien: "Oh ja, ein Missverständnis aus der Welt räumen."
"Ein Missverständnis?"
"Okay, vielleicht missverständlich, das Missverständnis. Kleiner Scherz."
"Gehts klarer?"
Nein, viel war wirklich nicht zu sehen, obwohl Ceylans Augen sich langsam an die Lichtverhältnisse gewöhnten, als der Schatten einmal in die Hände klatschte.
"Hm, sagen wir es mal so: Die Nacht, also die richtig dunkle, richtig finstere Nacht, die ist mein Favorit, wissen Sie? Die Stille in ihr, ja, die Stille hat mich angerührt. Und so fliehe ich stündlich vor der Sonne." Er kicherte. "Man könnte auch sagen: Sie hat mich angefixt."
"Witzig."
"DANN LACHEN SIE DOCH!", schrie der Schatten plötzlich. "NA LOS DOCH!"
Ceylans Gesichtszüge blieben hart.
"Wenn müde Zungen sich verknoten, kann nichts Gutes dabei herauskommen."
Der Zorn verschwand so schnell, wie er gekommen war.
"Das war nicht so gut wie meiner", sagte der Schatten freundlich.
"Kommen sie zur Sache und dann verschwinden sie."
"Schon gut, schon gut. Wir werden die Räumlichkeiten gerne verlassen", sagte er. "Aber erst, wenn sie uns 25.000 Reichsmark ausgehändigt haben. Gerne auch schon in Ecus. Oder das Kind."
"Ich habe kein Geld dabei. Und in der Wohnung ist auch nichts."
"Gut", meinte er und hob ergebend die Hände. "Kein Problem. Dann eben das Kind."
Ähnliche Situationen aus seinem alten Büro tauchten als verblasste Erinnerungsfetzen auf. Anfangs hatte er noch den Servicegedanken gehabt, den jeder eingeimpft bekam. Später hatte sich herausgestellt, dass es besser war hart und kompromisslos zu sein. Niemals nach unten schauen. Niemals den Blick vom Gegenüber abzuwenden. Hochnäsigkeit war wortwörtlich zu nehmen. Und Arroganz ein Schutz.
"Und warum sollte ich das tun?"
Er wandte sich an seinen Begleiter.
"Stimmt, warum sollte er das tun? Wieso hast Du mich nicht darauf hingewiesen, hm?" Und zu Ceylan: "Verdammt gute Frage. Wirklich, meine Hochachtung."
"Soll ich sie wiederholen?"
"Nein, nein, das brauchen sie nicht, wirklich. Nun, es geht, wie schon erwähnt, um das Kind, mein Eigentum." Seine Stimme bekam einen bedrohlichen Unterton. "Und es gehört mir. Ich will es zurück. Jetzt. Sofort."
"Sind sie der Vater?"
"Ich bin alles, was Sie wollen."
"Wer sind Sie?"
"Ja, das ist wahrlich eine gute Frage. Wer sind wir, wer ist Maier? Und wo ist mein Mitarbeiter geblieben?" Der Schattenkopf schaute übertrieben den Raum mit den Augen ab. "Wo ist er nur?"
"Ich nehme an, er wurde von besagtem Herrn hier umgebracht und dann von der Reichsbahnbrücke geworfen."
Es klatschte leise, als sich der Schatten gegen die Stirn schlug.
"Stimmt, klar."
"Und warum dann das ganze Theater?"
"Weil er nicht bezahlt hat", sagte der Schatten. "Keine Haare zwischen den Beinen, unberührte Haut und drei Löcher, an denen er sich hemmmungslos laben kann. So oft er will. Beneidenswert, oder?" Dann lächelte er wieder. "Kinder sind eben teuer, nicht wahr? Und wer ein minderjähriges Mädchen haben will, wofür auch immer, muss genauso zahlen wie die Leute, die mit hungrigen Mägen im Hundegatt vor der Feldküche Schlange stehen. Das sehen sie doch genauso, oder?"
"Gier und Neid sind aber keine Speisen."
"Schön gesagt, aber ich habe es leider eilig", sagte der Schatten und hielt ihm auffordernd die Umrisse einer Hand hin. "Wo ist das Kind?"
"Sie werden ohne sie gehen müssen."
Das Schweigen kehrte zurück in die Wohnung und verirrte sich zwischen den Fronten. Eine lautlose Ewigkeit, in der sich Ceylan fragte, wie er hier nur rauskommen sollte. Vor allem mit dem Mädchen? Letztendlich blieb nur der Spruch 'Schützen und Dienen' übrig, der sich wie ein Mantra hinter seinen Augen zementierte.
Verdammt, wo bleiben Ludger und Charly?
Der Schatten vor ihm schien auch zu überlegen, während Ceylan im Augenwinkel sah, wie gerade eine Sendung über den Jahresrückblick 2005 über den Bildschirm flatterte. Leider kein schöner Anblick, denn es war der Ausschnitt vom Oktober, und man sah eine Animation des Space Shuttles Atlantis, wie es nach einer Not-Abtrennung von den Startraketen und dem großen Tank auf dem Rückweg in der oberen Stratosphäre auseinanderbrach. Ohne Überlebende.
"Ich möchte Ihnen gerne etwas zeigen", sagte der Schatten und nickte zu seinem Begleiter, der sich umdrehte und zurück in den Flur gehen wollte.
"Halt!"
"Ganz ruhig, es stellt keine Lebensgefahr für Sie dar."
„Keine Bewegung.“
Wo bleiben die beiden?
Der Schatten seufzte.
"Sie sind wirklich paranoid", meinte er. "Er wird nur das Licht einschalten und dann die Wohnung verlassen. Und zwar ganz langsam"
Der Lauf der Pistole zielte abwechselnd vom Schatten zu seinem düsteren Gefolgsmann, was immer noch ziemlich schwer war.
"Also ich würde das Jahr gerne ohne Blutbad ausklingen lassen", sagte der Schatten gerade. "Wäre das okay?"
Was hätte er sagen sollen? Nein? Und als Reaktion zwei unbewaffnete Personen einfach erschießen, wegen was?
Scheiße.
Ceylan schwieg, visierte aber weiterhin den Kopf des Schattens an und wartete mit klopfendem Herzen, bis das Licht langsam wieder von oben herabsickerte. Zuerst in einem gold-orangenen Ton, gefolgt von einem schmutzigen Gelb, und schließlich das gleiche gleißende Hell, als Charly Herrn Maier gegenüberstand. Und als der Begleiter schließlich aus der Wohnung trat und die Tür hinter sich zuzog, konnte Ceylan nicht glauben, was er sah.
"Verstehen Sie es jetzt?", fragte der Schatten, dessen Kopf sich langsam aus den Konturen schälte. Mit einem länglichen Gesicht. Mit dichten gelockten schwarzen Haaren. Mit einem dunkleren Teint. Und kohlefarbenen Augen.
"Sie fragten, wer ich bin, nicht wahr?" Der Schatten, der keiner mehr war, legte den Kopf schief und grinste. "Haben Sie sich das auch schon mal gefragt?"
Ceylan traute seinen Augen nicht. Es war ein Mann, der ihm nicht unähnlich sah. Bis auf die Nase und die etwas größeren Ohren ein beinahe exaktes Spiegelbild seinerselbst.
"Ich sehe einen verwandten Menschen vor mir", sagte der Mann und trat einen Schritt nach vorn. "Wir sind beide näher aneinander, als sie zu dem, was Sie denken mögen."
"Ach ...", krächzte Ceylan.
"Sie und ich, wir sind wie Brüder, sind faktisch eins", sagte der Schattenmann und kam noch einen Schritt näher. "Aber anstatt das zu akzeptieren, haben sie sich vor Urzeiten dafür entschieden, nicht dazu zu gehören. Und jetzt stehen wir beide hier, sie und ich, und sprechen diese beschissene Sprache, um uns zu verständigen. Und warum?" Er blieb stehen und beugte sich mit dem Kopf ein Stück vor. "Weil Sie ihre Herkunft verleugnen."
"Tu ich nicht."
"Ach, Sie fühlen sich als Deutscher, als edler Deutscher, nicht wahr? Was für ein Blödsinn! Sie und ich, wir sind Brüder, also nehmen Sie endlich die Waffe herunter und händigen mir das Kind aus, damit der Tag ein gutes Ende nehmen kann."
"Niemals."
Der Mann trat wieder einen Schritt vor.
"Halt!", rief Ceylan.
"Brüder schießen nicht aufeinander."
"Wir sind nicht verwandt."
Und noch einer.
"Ihre Gene würden was anderes sagen."
"Quatsch."
"Ich weiß genau, wie Sie sich fühlen. Allein in einem fernen Land, das so grausam ist wie die Hölle selbst. Ja, Sie können selbst die alten Wörter dieser Stadt in den Mund nehmen, können 'degagiert' reden, von 'Blaustrümpfen' oder 'Pomenadenhengsten', aber es wäre egal. Nichts von alledem würde dazu führen, dass sie inmitten dieser Hochwohlgeborenen wirklich einer der Ihren werden."
"Ich bin Deutscher. Und in der Reichsverfassung steht nich-"
"Nein", unterbrach ihn der Schattenmann und blieb im Türrahmen zum Wohnzimmer stehen. "Hier sind wir beide fremd. Und verbrannt." Er machte eine kleine Pause, in der er Ceylan musterte, dann grinste er. "Und Du hast es noch nicht gemerkt, Bruder."
Bitte?, dachte Ceylan und innerhalb eines Augenaufschlags streckte der Schattenmann seinen rechten Arm vor. Noch bevor die Bewegung zuende war, schoss aus dem Ärmel ein Gestell mit einer Pistole, die von der Hand aufgefangen wurde.
Mit gespanntem Hahn zielte sie kalt auf Ceylans Kopf, als dieser aus seiner Lethargie erwachte - und den Finger am Abzugsbügel zurückriss.
Doch anstelle eines Schusses, eines hinfallenden Schattens, ..., war da nichts.
Kein Klicken, kein 'Peng'.
"Dein Sicherungshebel steht noch auf S, Bruder", zischte der Mann.
Und schoss.


***


Sie stand auf dem Balkon. Abgestellt. Weggestellt und verbannt. Die Rollläden, die knisternd heruntergelassen wurden, hallten in ihren Ohren nach. Dann war da nur noch der Wind, der von Sekunde zu Sekunde stärker wurde. Er rüttelte am Hochhaus, als wollte er es einfach wegreißen.
Kälte kroch durch ihren Schlafanzug, besonders über den Bauch, aber sie registrierte es nur. Es war kein Teil von ihr, wobei sie sich instinktiv vorstellte, wie man es herausschneiden konnte.
Schweigend, und mit herunterhängenden Armen, starrte sie auf die finstere Stadt mit ihren kleinen Laternenlichtern, die die Nacht niemals bändigen würden. Im Zentrum, weiter weg, war ein hoher Turm. Festlich geschmückt, doch er sah aus wie eine Fratze, die sie hämisch anstarrte.
Sie beugte sich zum Geländer, schwang ein Bein hoch, ließ das andere folgen und setzte sich schwerfällig drauf. Mit beiden Händen hielt sie sich krampfhaft fest, obwohl der Wind zornig an ihr rüttelte. Die ersten Regentropfen stürzten vom Himmel, trafen die Nase, die Haare, den Schlafanzug - doch sie registrierte es nur.
Die Welt dort unten und sie hier oben. Abseits der Augen, diesmal davor, statt dahinter. Ein unbeschreibliches Gefühl wanderte durch sie hindurch, ließ alles vergessen, alles neu erscheinen.
Bis es klirrte.
Ein Schmerz im rechten Schulterblatt, der die tauben Nerven aufschreien ließ, als plötzlich aus der finsteren Stadt hunderte Raketen starteten und im Nachthimmel explodierten. In so vielen Farben, so vielen Formen. Blaue Sterne, rote und grüne.
Ein zweiter Schuss durchbrach das Fenster, die Rolladen, ihre linke Brust. Und die glitzernde Welt verschwamm vor ihren Augen, kippte einfach weg, als sie den Halt verlor.
Ein Feuerwerk auf dem Weg nach unten.
Zum weißen Strand eines schwarzen Meeres.
Vielleicht.


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RE: Atlantis (III/III)
Hallo zusammen. Da die Thematiken wahrscheinlich doch etwas verstörend wirken können, würde ich hier gerne ein Nachwort anhängen.

Seit einiger Zeit ist das Leben sehr aufdringlich und stressig geworden, weshalb dieses Hobby oftmals darunter leiden musste. Es ist nicht mehr so einfach wie früher, als man entspannt von der Arbeit kam und sich hier hinsetzte, die Bilder kommen ließ und sich dann am Keybord der Finger zu schaffen machte. Wie gerne wünschte ich mir das Gestern mit all der Ruhe und der Zeit zurück, aber das ist leider nicht möglich. Die tägliche Welttournee auf vier Rädern plus die Arbeit an sich sind sehr nervenaufreibend und lassen so manches mal nur Leere zurück, wenn man Zuhause angekommen ist. Und da warten dann auch noch etliche Baustellen, die es abzuarbeiten gilt. (Wortwörtlich zu nehmen. Das Leben hält nicht an, man wird älter und für manche Sachen, die andere - noch ältere - Menschen betrifft, muss man sich dann sprichwörtlich Zeit nehmen.)

Die letzten Monate waren hier bei mir nicht unbedingt als schön anzusehen, daher ist das alles hier versandet. Man hat zwar irgendwann abends die Zeit, hier vor dem Monitor zu sitzen und sich das Forum anzuschauen, mit all den schwindenden Beiträgen, aber so wirklich fliegt der Bezug dazu einfach nur weg. Man wird leer, ..., oder schlicht gesagt: Man(n) wird doof.

Irgendwann trat AngelOfShadow wieder in den Blickkreis, wie Zeitreisende, die sich in mal wieder in der Gegenwart getroffen haben. Und beim sonnigen Kaffee wurde dann auch erzählt, was wer wie wo und wann so alles machte. Dabei kam dann auch diese Thematik ins Spiel:

Nun, ich habe mir - selbstherrlich, wie ich nunmal bin - gedacht: "Da fehle ich aber drauf."
Jetzt bin ich nicht so sehr der Mensch, der bei facebook seine Fotos, sein Konterfei oder seinen Bauch präsentiert, also nahm ich dies zum Anlass, mein 'Gesicht' anders darzustellen. Und zwar so, wobei etliche Sachen, Elemente und Begebenheiten einflossen, die das Leben mir ungefragt zugetragen hatte. (So möchte ich es mal formulieren.)

Auch wenn es da oben beim Titel nicht steht, gehört diese Geschichte ebenfalls zum Countdown-Universum, allerdings habe ich hier versucht, alles so einzubauen, dass es aus dem Text selbst ersichtlich wird, wo was anders ist. Nebenbei sind auch etliche andere Sachen eingeflossen, die mir in den letzten Tagen zu Augen gekommen sind, beispielsweise die Idee von coco mit den Türmen, in denen die Staaten in einer fernen Zukunft leben. (Siehe Das Loch im Nichts.)

Das eigentlich nebenher erwähnte Missverständnis zwischen Ceylan und Ludger, was wer ist und warum nicht, wurde schließlich am Schluss zum Disput zwischen Ceylan selbst und seiner, ..., ich sage mal vorsichtig: Nemesis. Inspiriert wurde dies auch durch Star Trek Nemesis selbst, wo der Klon von Jean-Luc Picard gegen den älteren, originalen Picard antreten muss. (Daher auch die Szene mit dem dimmenden Licht, das den Schatten langsam aus der Dunkelheit schält. Analog dazu die Szene aus dem Film, als der Klon Shinzon sich zum ersten Mal Picard offenbart.)

Es ist schwierig in der heutigen Zeit auf diese Aspekte hinzuweisen, aber für mich unumgänglich, da es da draußen ein Missverständnis gibt. Eines, das auch durch die Medien nicht ausgeräumt wird, nämlich die Frage, was und wer ist deutsch?
Ich hatte es schonmal an anderer Stelle geschrieben, dass es für manche Mitmenschen, die zwar anders aussehen, aber Deutsche sind (wie Ceylan), eine Beleidung ist, sie als Migranten zu bezeichnen, denn das sind sie gerade nicht mehr. Sie darauf zurückzustufen ist fast schon böswillig zu nennen. Denn sowohl in der alten Reichsverfassung, als auch im Grundgesetz steht nirgendwo, wie ein Inländer auszusehen hat. Es gibt zwar im Staatsangehörigkeitsrecht bestimmte Voraussetzungen, um die deutsche Staatsangehörigkeit zu erlangen, aber das sind nur erfüllte Bedingungen, wenn es zu einer Passausstellung kommt. Die Rechtsprechung hat sich da vor Jahren etwas besseres einfallen lassen, und zwar den Begriff des faktischen Inländers, also wenn die betreffende Person nicht von einem Einheimischen zu unterscheiden ist. Sowohl in Sprache, Ausdrucksformen als auch im Denken selbst, wozu auch die kulturellen Eigenheiten gehören.

Ich weiß, dass das Thema zu Erbrechen ist, aber es ist notwendig, darüber einmal nachzudenken. Und als Beispiel nehme ich sehr gerne Herrn Gerald Asamoah, sowie Herrn Dede als Beispiel.

Zur Geschichte selbst:
Diejenigen, die den Countdown-Komplex noch im Kopf haben und sich fragen, wo das ganze einzuordnen ist, hier der Hinweis, dass Ludger bereits mit seinem Kollegen Jamal Ende 2005 unterwegs war und die Feier im Schloss (sowie das Verbot) angekündigt waren. Zu Weihnachten hat er den Wagen geschenkt bekommen, daher ist er hier schon in der Geschichte drin.

Die Stadt habe ich diesmal etwas weniger genau beschrieben und mich auf Schlaglichter verlegt, da ich sie zwar komplett im Kopf habe, das aber nicht vom Leser erwarten kann. An dieser Stelle noch eine Anmerkung, die es nicht in den Text geschafft hat:
Königsberg, wie auch Kaliningrad heute, hat einen sehr nassen Untergrund. Man kann nicht einfach irgendwas Hohes oder Schweres dahin bauen. Selbst die Straßenbahn hat nur einen kleinen Abschnitt, wo sie unterirdisch fährt, und zwar von Süden kommend (über die alte Reichsbahnbrücke) zum Bahnhof im Norden. Die Trasse dort liegt unter dem Platz. Nur ein paar Meter.
Ein bisschen weiter westlich, wo das alte Amalienau war, wird es trockener, aber ich habe - gedanklich - die Hochhäuser dort mit dicken Betonpfeilern ausgerüstet, die weit in den Boden reichen. (Das müsste, so hoffe ich, reichen.)

Die Otto-Vonek-Straße 104 ist wegen Herrn Vonek selbst eingebaut, einem der Hausmeister von cocos Welt und soll nicht nur auf diese verweisen, sondern durch das Kürzel OV-104 auch auf die später erwähnte Atlantis, die dies als internes Kennzeichen hat.

Der Passus

Zitat:Kein Ort, wo Ewigkeiten Luftschlösser bauten. Stattdessen nur träumende Pappkartons, im Regen geboren.

ist Libertine geschuldet. Ich habe es geschrieben, so wie es mir auf der Zunge lag - erst später ist mir aufgefallen, woher ich es hatte. Libbi, das nennt man bleibenden Eindruck machen. Icon_wink

Charly als Reichsgrenzschutzbeamtin ist die gleiche Person, die in Das Dunkel ferner Nächte mitspielt, was leider noch unvollendet geblieben ist. (Ich hoffe, dass ich es Weihnachten fertig habe.) Und auch ein weiteres 'Leider': Ich habe auf diese ganzen Thematiken echt keine Lust mehr, aber ich schreibe sie, weil ich es für mich verarbeiten muss. Das ist nicht leicht, weder beim Massaker von Palmnicken, noch bei Jack the Ripper, oder hier. Ich tue das, um zum Nachdenken anzuregen.

Die lange Zeit des Zuhause-seins neigt sich dem Ende zu, aber ich habe es wenigstens geschafft, diese Geschichte zuende zu schreiben. 24 Seiten TNR 12 in mehreren Wochen, das konnte ich schonmal besser, ich weiß.

Für alle, die es gelesen haben: Vielen Dank dafür.

LGD.


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Beitrag #3 |

RE: Atlantis (III/III)
Hallo Dread,

harter Stoff ... eigentlich wäre eine Trigger-Warnung angebracht gewesen. Hmm ... einen Kommentar zum Inhalt spare ich mir lieber. Werde heute Nacht schon schlecht genug träumen.

Positiv fiel jedenfalls auf, dass du den kompletten Versimpuls 14 verbaut hast. Damit dürftest du die düsterste Verwendung der Zeilen gepachtet haben.

Zitat:Ceylan hatte erwartet, dass sie sich sperrt, dass sie an ihm zog um nicht dorthin zu gelangen,

Zeitform: sperrte

Zitat:die knackenden Rolladen

Rollläden

Zitat:der blendende Fernseher, der ihn förmlich im medialen Licht anstrahlte

Im Licht anstrahlte? Passender fände ich "mit Licht anstrahlte".

Zitat:Und ihn anders hinstellen war unmöglich.

Schöner: hinzustellen

Zitat:Nun, es geht, wie schon erwähnt, um das Kind, meinem Eigentum.

Ist der Grammatikfehler Absicht, weil der Türke spricht? Dann würde ich noch mehr davon einstreuen.
Ansonsten wäre es "es geht um [...] mein Eigentum".

Zitat:Aber anstatt das zu akzeptieren, haben sie sich vor Urzeiten dafür entschieden
[...]
Ach, Sie fühlen sich als Deutscher
[...]
Ich weiß genau, wie sie sich fühlen.
[...]
Ja, Sie können selbst die alten Wörter

Man kann "Sie" zwar groß oder klein schreiben. Aber der ständige Wechsel irritiert jedoch.

Zitat:Sie beugte sich zum Gelände, schwang ein Bein hoch, ließ das andere folgen und setzte sich schwerfällig _ drauf.


Das r am Geländer und ein Leerzeichen zu viel.

Ansonsten kann ich dir soweit nur wünschen, dass dein Leben wieder ruhiger wird - oder du innere Ruhe im äußeren Chaos findest.

LG
coco


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Beitrag #4 |

RE: Atlantis (III/III)
Hallo coco.

Zitat:harter Stoff ... eigentlich wäre eine Trigger-Warnung angebracht gewesen. Hmm ... einen Kommentar zum Inhalt spare ich mir lieber. Werde heute Nacht schon schlecht genug träumen.

Es tut mir leid, wenn der Inhalt Dich derart mitgenommen hat, aber anders kann ich diese Thematik nicht darstellen. Und ehrlich gesagt: Warum sollte ich irgendwas beschönigen? Vor allem, wenn Teile hiervon der Wahrheit entsprechen, die Dir aber da draußen keiner sagt?
(Und ich habe den Begriff 'Brautgeld' und die Thematik darum explizit nicht reingebracht.)

Mir war wichtig zu zeigen, dass sowohl in unserer Realwelt, als auch in dieser Parallelwelt, einige Dinge gleich sind, wie beispielsweise die Reaktionen der hier Beteiligten. Und mit den drei Personen Charly, Ceylan und Ludger habe ich nicht nur zwei kommunale Bereiche (Fremdenamt, Jugendamt), sondern auch den Bundesbereich abgedeckt. Die zwischen Charly und Ludger erfolgte Diskussion (Festnahme, ja, nein) liest sich vielleicht an den Haaren herbeigezogen, ist aber im Kern wahr. Wie auch die Tendenz dahingehend.
(Und den richterlichen Vorbehalt, was manche Amtsmaßnahmen angeht, den gibts wirklich.)

Zitat:Positiv fiel jedenfalls auf, dass du den kompletten Versimpuls 14 verbaut hast. Damit dürftest du die düsterste Verwendung der Zeilen gepachtet haben.

Das Ende war noch nicht fertig, als Zack den Impuls veröffentlichte. Aber - vielleicht lese ich solche Sachen immer passend - es ... passte einfach. Auch um der 'Nemesis' von Ceylan hier auf wenigen Zeilen einen eigenen Zug mitzugeben.

Zitat:Ist der Grammatikfehler Absicht, weil der Türke spricht? Dann würde ich noch mehr davon einstreuen.Ansonsten wäre es "es geht um [...] mein Eigentum".

Nein, keine Absicht. Ich habe mir bei der Szene vorgestellt, wie er auf sich zeigt und sehr eindringlich sagt: 'Meinem Kind!' Ist, glaube ich, regional bedingt.

Zitat:Ansonsten kann ich dir soweit nur wünschen, dass dein Leben wieder ruhiger wird - oder du innere Ruhe im äußeren Chaos findest.

Anders. Momentan kümmere ich mich um das Ableben (gewollt und ungewollt), vorsichtig formuliert. Ist nicht schön, wenn man in der letzten Zeit 'Fälle' auf den Tisch kriegt, die man kennt. (Und von denen man nicht wusste, dass sie so endeten.)

Abschließend noch an die Allgemeinheit da draußen.
Ich weiß, dass das Forum ein winzig kleiner Teil dieser Welt ist. Aber falls jemand aus Charlys, Ceylans oder Ludgers Bereich dies liest: Ihr seid keine Roboter, keine unempfindsamen Wesen. Ihr seid Menschen, also dürft ihr euch auch anderen Menschen anvertrauen, wenn nichts mehr geht.
Und ihr dürft schreien.

Danke coco.

LGD.


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Beitrag #5 |

RE: Atlantis (III/III)
Hallo Dread,

(29-11-2016, 22:57)Dreadnoughts schrieb: Und ehrlich gesagt: Warum sollte ich irgendwas beschönigen?

Sollst du gar nicht, habe ich auch nirgendwo gefordert.
Ich dachte nur an die anderswo übliche Trigger-Warnung in der Überschrift, damit frühere Opfer nicht ungewarnt über den Text stolpern und retraumatisiert werden.

LG
coco


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Beitrag #6 |

RE: Atlantis (III/III)
Hallo coco.

Die Aussage war allgemein (während des Schreibens) und absolut nicht auf Dich bezogen.
Aber eine Warnung? Ich denk drüber nach.

LGD.


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Beitrag #7 |

RE: Atlantis (III/III)
Hallo Dread, 

Leider schon am Ende angekommen und dann noch an einem sehr verstörenden Ende, aber der Reihe nach.

Zitat:Alles, was gerade noch gezählt hatte - das neue Leben in Fischbach, weit ab vom Moloch Königsberg entfernt -
Unser Fischbach in Saarbrücken  Icon_smile, also das Saarland muss man nicht unbedingt mit der Pfalz zusammen legen, das kann ruhig klein bleiben. Delikatessen sind doch immer klein  Icon_wink

Zitat:Ceylan war das zuviel. Er hielt sich die Hände an die Ohren, schaute unentwegt das reglose Mädchen an, das nicht ein einziges Mal zuckte oder sonstwie verriet, dass sie mit dem Geist noch in dieser Welt schwebte. 
Sie ist irgendwie katatonisch. Die Kleine wirkt auf mich wie eine Metapher, die Ceylans Depression physisch zeigt

Zitat:Wie lange noch, bis er durch die kleinsten Ritzen kommt?, dachte er. Und was kommt danach? Die Gier nach dem letzten Atemzug?
Er hat immer noch Todessehnsucht

Zitat:Sie kletterte die letzten Meter fieberhaft weiter mach oben, bis sie wieder in ihrem Kopf saß.
nach oben

Zitat:Das Gefühl, den eigenen Körper zu steuern, der so schwer fassbar war

wie ein ganzes Universum.

Die Gedankenwelt des Mädchens rechtsbündig zu schreiben war eine gute Idee, damit machst du das Chaos in ihrem Kopf deutlich, aber war das an dieser Stelle auch so gewollt?  Icon_confused

Zitat: Es klickte an der Tür. Und nachdem der Fernseher ein sehr helles Bild zeigte, konnte er nebenbei erkennen, dass der Teppich - auf dem er gerade stand - nicht allein Brauntöne in verschiedenen Abstufungen aufwies, sondern braune Flecken mit Rot dazwischen. Einem dunklen Rot.

Blut.
Ludger und Charly? Bitte nicht, mochte die beiden

Zitat:Was wollen sie hier?", fragte Ceylan und versuchte Festigkeit in seine Stimme zu bekommen.
Sie in der Anrede groß Icon_cool

Zitat:"Sind sie der Vater?"
Siehe oben Icon_smile

Zitat:Es war ein Mann, der ihm nicht unähnlich sah. Bis auf die Nase und die etwas größeren Ohren ein beinahe exaktes Spiegelbild seinerselbst.
Ceylans dunkle Seite, die Kleine war so etwas wie ein Neubeginn für ihn. Sprich, kann er das Mädchen retten, kann er auch sich retten und ein neues Leben ohne Depressionen beginnen. Der Schattenmann ist die dunkle, schwarze Seite von Ceylan.

Zitat:"Dein Sicherungshebel steht noch auf S, Bruder", zischte der Mann.

Und schoss.
Zuerst dachte ich, Der Schattenmann hat Ceylans Wunsch nach dem Tod erfüllt, weil dieser nicht mutig genug war, das selbst zu erledigen, aber mein Gefühl sagt mir immer stärker, dass es da keinen Schatten gibt, sondern er und Ceylan ein und die selbe Person sind. Vielleicht hat er auch Ludger und Charly ermordet und sich danach selbst erschossen.

Die Kleine wählt auch den Freitod.  Smiley_frown Smiley_frown Smiley_frown und das musste sie, da sie ja der Neubeginn für Ceyland war.

Ich finde diese Geschichte ehrlich gesagt viel besser als König der Nacht, denn sie hallt richtig in mir nach und wird mich wohl eine Zeit lang nicht los lassen. Im dritten Teil habe ich Ceylan richtig lieb gewonnen und das dramatische Ende finde ich richtig verstörend, was du aber bitte nicht als negative Kritik auffassen sollst.

Bis demnächst

eine nachdenkliche Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



Werkeverzeichnis

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Beitrag #8 |

RE: Atlantis (III/III)
Und zum letzten Mal: Hallo Persephone.

Zitat:Unser Fischbach in Saarbrücken

Wir waren im Urlaub an der Mosel und haben uns dort auch u.a. das Bergwerk in Fischbach angeschaut, was ich nur empfehlen kann. Und genau da unten, mitten im Berg, weitab der 36°C bei angenehmen 10°C, da war mir klar, woher Ceylan wirklich kam und wohin er wieder wollte.

Zitat:Sie ist irgendwie katatonisch. Die Kleine wirkt auf mich wie eine Metapher, die Ceylans Depression physisch zeigt

Sie ist kaputter als er, ja. Und sie musste so sein, damit seine eigene 'Kaputtheit' weniger schlimm wird und er so aus der Lethargie rauskommt. Aus der Phase des Nichtstuns zum Tun selbst.

Zitat:Er hat immer noch Todessehnsucht

Auch wenn hier Ceylan lebendiger rüberkommt als Lugder (Jahre später, in einer anderen Geschichte), so ist er dennoch nicht als geheilt anzusehen. Da lag auch ein Schwerpunkt darauf, denn bei diesen Leiden wird gerne gesagt, dass sie ja heilbar sind. Das ist verklärend, denn einen Abschluss gibt es nicht wirklich. Es gibt Regeln, an die man sich halten sollte, aber dass die Störung jemals komplett weggeht, passiert nicht. Man kann sie nur in Richtung Null minimieren, jeden Tag aufs Neue. Wenn man genügend Übung drin hat, merkt man es irgendwann nicht mehr - aber der Keim, die zerbrochene rosarote Brille, bleibt dauerhaft zerstört.
Also, keine Todessehnsucht, sondern ein Gruß aus dem Keller der Depression.

Zitat:Die Gedankenwelt des Mädchens rechtsbündig zu schreiben war eine gute Idee, damit machst du das Chaos in ihrem Kopf deutlich, aber war das an dieser Stelle auch so gewollt?

Formatierungsfehler, gehe ich nochmal drüber.

Zitat:Ceylans dunkle Seite, die Kleine war so etwas wie ein Neubeginn für ihn. Sprich, kann er das Mädchen retten, kann er auch sich retten und ein neues Leben ohne Depressionen beginnen. Der Schattenmann ist die dunkle, schwarze Seite von Ceylan.

So sollte es rüberkommen, wobei der Schattenmann tatsächlich real ist. Die Wirkung, die es auf Dich hatte ...

Zitat:Zuerst dachte ich, Der Schattenmann hat Ceylans Wunsch nach dem Tod erfüllt, weil dieser nicht mutig genug war, das selbst zu erledigen, aber mein Gefühl sagt mir immer stärker, dass es da keinen Schatten gibt, sondern er und Ceylan ein und die selbe Person sind. Vielleicht hat er auch Ludger und Charly ermordet und sich danach selbst erschossen.

... war nicht beabsichtigt.
Mir ist klar, dass es am 'verbrannt/gebranntes Kind' liegen kann, aber das ist für die Zeit dort ein geflügeltes Wort und wird gerne benutzt. (So wie es auch bei uns so benutzt wurde.)

Das einzige, was hier offen bleiben sollte, war die Frage, ob das Mädchen über die Brüstung nach vorn und hinunter fällt, oder nach hinten auf den Balkonboden. Daher auch der letzte Satz/das letzte Wort, was mittig steht.

Zitat:Ich finde diese Geschichte ehrlich gesagt viel besser als König der Nacht, denn sie hallt richtig in mir nach und wird mich wohl eine Zeit lang nicht los lassen.

Beim 'König' war es ein kollektives Menschlichkeitsversagen der Insulaner, was durchaus diskutabel und/oder entschuldbar war. Hier geht es um Individuen, besonders das kleine geschwängerte Mädchen, was bei Ludger genau die Reaktion auslöst, die es bei uns allen auch auslöst: Fassungslosigkeit, Wut, Zorn und nackte Gewalt - weil etwas Grundfestes durchbrochen wurde. Und zwar so grundlegend, dass selbst Schwerverbrecher-Häftlinge dies verinnerlichen: Keine Kinder.

Danke für Deine Meinung und Deine Anmerkungen. Die RS-Fehler werde ich selbstredend bearbeiten.

LGD.


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Beitrag #9 |

RE: Atlantis (III/III)
Hey Dread,

ich ahne, dass es jetzt hässlich wird, und harre der Dinge, die da kommen ...

Den Einstieg hier finde ich sehr eindringlich, Ceylan wird zurück in das Leben katapultiert, das er verlassen wollte, alles ist wieder da, sein Verstand spult die Möglichkeiten ab und er weiß, was zu tun ist, auch wenn er eigentlich nichts mehr damit zu tun haben wil.

Ludgers Reaktion macht ihn gleich noch sympathischer ... kann man gut nachvollziehen, dass er austickt. Aber auch Ceylans sehr ruhige Reaktion ist nachvollziehbar, so hast du ihn vorher gezeichnet und er bleibt authentisch.

Das Thema ist sehr heikel und ich empfinde deine Umsetzung als sehr gelungen, vor allem als die man in die Erinnerungen des Mädchens eintaucht, unvermittelt und brutal. Der Text ist hart, schonungslos, aber übertreibt es nicht. Das richtige Maß zu finden, ist schwer, und ich finde, du hast es gefunden.

Interessant, da sind ja Versipulszeilen drin ^^ ... sie passen auch einigermaßen, weil der Schatten ohnehin seltsam redet, aber ich hätte sie doch eher weggelassen, weil sie doch ein wenig hineingezwungen wirken.

Phuuu, das ging ja schlecht für Ceylan und das Mädchen aus. Man ahnt es zwischenzeitlich und du ziehst es durch. Es passt zum harten Ton der Geschichte, aber man muss so ein Ende erstmal verdauen ... Und es bleiben Fragen, zum Beispiel, wo Ludger und Charly so lange blieben. Woher der Schattenmann auf einmal kam, offensichtlich ein Wahnsinniger, aber die Art wie er redet lässt das Geschehen am Ende surreal erscheinen, ich frage mich unwillkürlich, ob die letzten Szenen wirklich so passiert sind oder ob Ceylan die Nerven verliert und die Geschichte endet, bevor das aufgeklärt wird ... die Schlussszene mit dem Mädchen deutet eher darauf hin, dass der tragische Ausgang leider Wirklichkeit ist.

Ich fand den Text bis ca zur Mitte dieses dritten Teils in sich sehr stimmig. Am Ende überlege ich noch, weil du da nochmals ein Fass aufmachst, die Frage nach der Identität, nach dem "deutsch sein", was für mich zum bisherigen Storyverlauf nur bedingt passt, ich empfinde es ab da einfach nicht mehr als wirklich. Zuvor war es einfach nur eine alternative Realität, am Ende wird es aber irgendwie phantastisch. Einen bleibenden Eindruck hinterlässt diese Story allemal ...

Viele Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #10 |

RE: Atlantis (III/III)
Hallo Zack.

Zitat:Ludgers Reaktion macht ihn gleich noch sympathischer ... kann man gut nachvollziehen, dass er austickt. Aber auch Ceylans sehr ruhige Reaktion ist nachvollziehbar, so hast du ihn vorher gezeichnet und er bleibt authentisch.

Ich möchte an der Stelle anmerken, dass er nicht feige ist. Er hat nur zuviel mitgemacht.

Zitat:Interessant, da sind ja Versipulszeilen drin ^^

Ach? Es sind alle aus dem VI 14, liebe Zack. Icon_wink

Zitat:... sie passen auch einigermaßen, weil der Schatten ohnehin seltsam redet, aber ich hätte sie doch eher weggelassen, weil sie doch ein wenig hineingezwungen wirken.

Der 'Schattenmann' ist aufgrund dieser Zeilen entstanden. Und da ich noch einen Wahnsinnigen kenne, habe ich den direkt vor Augen gehabt. Es passt vom Sprachgebrauch und allem anderen perfekt auf ihn.
Von daher, würde ich den 'Schattenmann' aka Kinderhändler aka die Nemesis gern so lassen.

Zitat:dass der tragische Ausgang leider Wirklichkeit ist.

Frage ist nur, ob das Mädchen nach vorn kippt und somit runterfällt, oder nach hinten und auf dem Balkon liegen bleibt. Deswegen steht der letzte Satz mittig.

Zitat:Am Ende überlege ich noch, weil du da nochmals ein Fass aufmachst, die Frage nach der Identität, nach dem "deutsch sein", was für mich zum bisherigen Storyverlauf nur bedingt passt, ich empfinde es ab da einfach nicht mehr als wirklich.

Nun, das Thema war ja bereits eines im ersten Teil. Hier werden alle Verbindungen wieder zusammengefügt, sowohl das alte Arbeitsleben/die "Kunden" (in kurzer Rückschau) von Ceylan, als auch angedeutet, was das aus ihm gemacht hat.
Im Text wird erwähnt, warum Atlantis untergegangen ist: Wegen der Hybris, dem Hochmut der Bewohner.
All das wird hier auf die Spitze getrieben: Königsberg auf der Insel Ostpreußen, im Regen versinkend. Das Shuttle Atlantis. Das Mädchen auf dem Balkon. Ceylan, mit dem ihm alten Verhalten der Hochnäsigkeit, sein Gegenspieler, der alles sagt, nur um näher zu kommen, auf Schussreichweite, sehend, dass Ceylan mit der nicht-gesicherten Waffe nicht schießen kann. Das ganze Gerede dient nur ...

An der Stelle fällt mir Detlev ein, der einst sagte: "Wenn Du Deine Geschichte nachträglich erklären musst, ist was schief gelaufen." (Oder so ähnlich.)

Zitat:Einen bleibenden Eindruck hinterlässt diese Story allemal ...

Danke. Fürs Lesen und Meinung dalassen. Und für den Rest.

Icon_wink

LGD.


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