Es ist: 30-11-2021, 11:01
Es ist: 30-11-2021, 11:01 Hallo, Gast! (Registrieren)


Sechs Tage
Beitrag #11 |

RE: Sechs Tage
Ja, und da sind wir schon bei Minus 1 angekommen. Wahnsinn, wie schnell das ging. Und wer sich jetzt denkt: "Verdammt, ich habe keine Geschenke für meine Liebsten!", den darf ich zuerst beruhigen. Es ist noch ein Tag Zeit. Icon_wink

(Man möge sich hier bitte einen richtig schicken Weihnachtsbaum in ganz groß vorstellen, ungefähr so: *klick*) Mrgreen

Ansonsten heute mal ein kleiner Ausflug ins Gestern. Damals - also exakt vor 99 Jahren - hat man zur Weihnachtszeit kaum was zum Beißen gehabt, und wenn, dann bestand es aus herbstlichen Steckrüben oder Ersatzstoffen. Kohle und Holz waren auch knapp und man kann sich vorstellen, dass es keine großartigen Geschenke gab, vielleicht eine Portion richtigen Kaffee, anstelle von getrübtem Wasser und gestreckter Milch.

Dreißig Jahre später sah das Ganze nicht viel besser aus, im Gegenteil. Zum Hunger und dem täglichen Überlebenskampf kam noch das Aufräumen dazu, und natürlich das Wohnen im dunklen Keller, Bunker oder notdürftig abgedeckten Ruinen. Die Straßen bestanden aus Trümmerbergen, dort, wo einst die Bürgersteige waren. Wenn man Abkürzungen nahm, dann musste man aufpassen, dass man nicht auf Blindgänger trat. Und auch die Kleidung selbst wurde nur noch improvisiert, von Socken, Strümpfen und Hosen, die schon mehrmals zusammengeflickt worden waren bis hin zu Offiziersjacken, denen plötzlich alle Embleme fehlten. (Sah trotzdem noch halbwegs gut aus und wurde anstelle des fehlenden Sonntagsstaats für Vorstellungsgespräche angezogen.)
Ja, was schenkte man da den Liebsten? Ein Stück Kohle, das man hat mitgehen lassen? Ein Fahrrad, mit dem man Hamsterkäufe durchführen konnte, oder besser gleich einen Bollerwagen, den man über die geisterhaften Autobahnen zog? Oder ein großes Laken (als provisorische Wand) für die Wohnungen, in denen kaum Platz war, aber mehrere Personen hausten? 

Das klingt jetzt wenig besinnlich, hat aber einen hoffnungsvollen Unterton, denn Weihnachten wurde immer schon gefeiert, ob groß oder klein, ob mit vielen Geschenken oder einfach nur mit einem Stück Kohle, 10 g richtigen Kaffee, einer handgeflickten Hose, oder einfach nur mit einem "Schön, dass Du da bist"-Drücker.

Darum ging es, und darum geht es: Ein Zeitpunkt, mal Danke zu sagen, sich mal für einen Moment Zeit nehmen für diejenigen Menschen, denen man schon lange nicht mehr über den Weg gelaufen ist.

(Natürlich kann man dafür gerne einen Porsche verschenken, hundertfünfundzwanzig neue Bücher, oder einen Lottogewinn für mehrere Millionen Euro (Kontonummer gebe ich gerne bei Bedarf) Icon_wink. )

Und das. Muss. Für heute. Reichen. 

LGD.


Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #12 |

RE: Sechs Tage
So, und mit großen Schritten nähern wir uns dem alles entscheidenden Tag. Da ich dort bereits eng eingebunden bin, kommt - diesmal zu früh als zu spät - der letzte Beitrag zu 'Sechs Tage'.
Ich bedanke mich bei meinen Mitstreitern coco, slainte und ibi. Und ich hoffe, dass 2017 ein besseres Jahr wird, denn trotz allem fehlt mir die Lady hier, die das um Längen und Weiten viel besser kann als ich.

Wir hatten hier in aller Kürze schon fast alles, auch ein Gedicht. Also kommt jetzt das, was noch fehlt:

NULL

"Ganz schön kalt heute", meinte ich und drückte mich weiter in die dicke blaue Jacke hinein, während ich mich an meinen LKW lehnte.
Danny nickte nur, während sie zwar direkt vor mir stand, aber viel zu oft nach links und rechts schaute. Das hatte nichts mit Unhöflichkeit zu tun, eher damit, dass wir beide das Gleiche trugen: Blaue Hosen, blaue Jacken und die schwarz-rot-goldene Minifahne am Oberärmel. Es war die gleiche Farbe, die auch auf dem Kastenaufbau meines LKWs zu sehen war, abgesehen vom umgebenden Weiß.
"Ist ja nicht mehr lange", meinte sie, als ihr Blick am Kirchturm hängen blieb. "Noch zwei Stunden."
"Hoffentlich gehen die schnell vorbei."
"Kannst Dich ja reinsetzen und die Standheizung anmachen."
"Dann stehste hier aber alleine."
Da schaute sie mich direkt an. Ihre grünen Augen funkelten, schienen wacher zu sein, als manch andere Menschen, die gerade über den Weihnachtsmarkt um uns herum schlenderten.
"Ich schaff das schon", meinte sie und versuchte sich an einem Lächeln. Mit strahlend weißen Zähnen. Wie bei einem Haifisch.
Natürlich glaubte ich ihr, dass sie die Fahrzeuge, die versuchten auf den Weihnachtsmarkt zu kommen, gnadenlos abblitzen lassen würde. Da stand zwar nur ein Plastikkegel zwischen dem LKW und den fest verankerten Metallbänken, auf denen sich gerade einige Halbstarke gesetzt hatten, aber das war Danny, nicht irgendwer.
"Ne, lieber nicht", entgegnete ich. "Nachher hälst Du LKWs mit purer Gedankenkraft an, ziehst die Fahrer aus dem Häuschen und nimmst sie ohne Polizei fest."
"Bis jetzt ist nichts passiert."
Nun, das stimmte nicht ganz. Vor einer Stunde meinte ein BMW-Fahrer, sich darüber auslassen zu müssen, warum er nicht durchfahren durfte. Eine Grundsatzdiskussion, die Danny schließlich damit beendete, dass sie eine Polizeistreife herbeiwinkte. Einige Minuten danach kam ein Passant im feinen Dress auf uns zugelaufen.
"Da brennt eine Mülltonne vor C&A", hechelte er. "Der Qualm zieht schon in die erste Etage."
"Warum rufen Sie denn nicht die Feuerwehr?", hatte Danny ihn gefragt, und daraufhin einen skeptischen Blick kassiert.
"Ihr seid doch die Feuerwehr, oder nicht?"
"Wir sind das THW."
"Na und?"
"Feuerlöschen kann nur die Feuerwehr", hatte sie geantwortet, und dabei schon ihr Wischiwaschihandy gezückt. "Moment, ich sag den Kollegen eben Bescheid."
Knappe 4 Minuten später waren sie dann auch da. Und ein weiterer Passant kam auf uns zu. Diesmal der Chef vom 'Würstchen-König'.
"N'abend", sagte er. "Wollte mal fragen, wie langse hier stehen?"
"Bis 21:15 Uhr", antwortete ich.
"Un' ab wann lassense die Abholer rein?"
"21:15 Uhr."
"Schade", meinte er und schaute an Danny vorbei zu den Parkbänken, wo die Halbstarken gerade ihre Flaschen entsorgten, aufstanden, rülpsten und unbekannte Lieder gröllend wieder verschwanden. Danach setzte sich ein Mann in abgenutzten Klamotten auf die Bank, den Blick zu Boden gerichtet, die Wollmütze beinahe schief auf dem Kopf.
"Kann ich nichts für", sagte ich.
"Ach, nein, ich meinte, datt es schade is', dattse hier nur stehen, wenn watt Schlimmes passiert is'."
Er nickte betrübt und drehte sich zum Kirchturm um, wobei ich jetzt auch den Sticker 'Uli, der Würtchen-König' auf dem Rücken erkennen konnte.
Als er sich wieder an mich wandte, musste ich mir einen Spruch verkneifen, was einfach war, denn Danny sprang für mich ein.
"Berlin ist weit weg", sagte sie und versuchte ihn damit zu beruhigen, aber er schüttelte den Kopf.
"Heute Mittach hamse ne Razzia gemacht, irgendwo inne Nordstadt", sagte er. "Zwei Leute hamse festgenomm'. So richtich wohl fühl ich mich echt nich'."
Ein Radfahrer kam plötzlich auf uns zu und blieb vor Danny stehen.
"Also, hallo erstmal, aber ich glaube dass das nur blinder Aktionismus ist", rief er und hob beschwichtigend eine Hand. "Obwohl ich es schön finde, dass sie da sind."
Dann nickte er uns einen Gruß zu und fuhr weiter, ließ uns sprachlos stehen. Uli, der König, fand als Erster seine Sprache wieder, während im Hintergrund der Obdachlose in den Mülltonnen die Dosen der Halbstarken rausfischte und Danny sich zur Toilette begab.
"Also, Recht hatta schonn", sagte Uli, dann schaute er wieder zur Kirchturmuhr. "Abba ich muss gez auch wieder zurück." Und mit einem Blick zu mir: "Wennse paa' leckere wa'me Würstchen ham woll'n, kommse zu mir, okay?"
Da ich noch mein Lunchpaket - im Gegensatz zu Danny ihres noch unangetastet, mit leckerem Schnitzel, Frikadelle, Brötchen, Keksen und was weiß ich noch darin - im Fahrerhaus hatte, nickte ich.
"Danke, aber ich hab noch."
"Na denn, angenehm' Dienst noch", sagte Uli, als Danny wiederkam.
"Doch ein paar nette Leute hier", meinte sie und schaute ihm hinterher.
"Jepp", antwortete ich. "als Du vorhin schon kurz weg warst, wollte mir eine ältere Dame schon Kaffeekannen vorbeibringen."
Ihre Augen wurden groß.
"Und?"
"Hab mich natürlich bedankt und abgelehnt."
"Hast Du Sie noch alle?", rief sie und zeigte mir einen Vogel. "Unsere Kanne ist nur noch halbvoll!"
"Hey", sagte ich und tippte an die Minifahne. "Wir sind jetzt der Staat, wir passen auf die Menschen auf. Und wenn der Kaffee leer ist, dann ist er eben leer."
"Hast Du das jetzt wirklich gesagt?"
"Jepp." Ich nickte dabei. "Ich komme nicht hierher, um Kaffee oder Würstchen von denjenigen zu schnorren, um die es geht."
"Das war aber doch lieb gemeint."
"Ich weiß."
Und damit endete die Diskussion. Schweigen kehrte ein, während Fahrzeuge auf uns zukamen, von kleinen Lieferwagen bis zu stattlichen Limousinen, die aber alle abdrehten, als sie uns sahen. Zum Glück kam kein LKW, denn selbst meiner mit den 7to kann nur begrenzt als Pfeiler herhalten. Wobei mir schon wieder cocos Sichtweise einfiel: Fahrzeuge als Massenvernichtungswaffen. Aber was war dann mein großes Fahrzeug, gegen das ich mich lehnte? Ein Massenvernichtungswaffenverhinderer?
Irgendwann kam dann noch ein Mann, der nach dem Weg fragte.
"Entschuldigen Sie bitte", sagte er zu Danny und wedelte mit einer Parkkarte. "Ich weiß nicht mehr, wo dieser ..." Er brach ab und zeigte mit dem Finger auf die Adresse, die auf der Rückseite zu lesen war. "Können Sie mir sagen, wie ich dahin komme?"
"Sie meinen den Friedensplatz?"
Er nickte, und anstelle von Danny antwortete plötzlich der Obdachlose, der sich nach dem Aufsammeln wieder hingesetzt hatte.
"Müssen Sie hier einfach hochgehen", sagte er langsam und zeigte an C&A vorbei. "Bis zum Wall, daneben das Rathaus, dann sehen Sie es schon."
Der Mann bedankte sich und eilte davon, während ich den Obdachlosen musterte.
Bis gerade eben war er nur eine Randerscheinung gewesen, fest verschmolzen mit der Bank und der Welt darin. Eine Anekdote, die ab und zu in den Blick geriet. Als schließlich ein Lieferwagen immer näher kam und mit aufbrüllendem Motor herausfordernd vor Danny und ihren Haifischzähnen stehen blieb, stand der Obdachlose auf und kam auf mich zu. Diesmal war er der Mittelpunkt meines Blickes, und Danny - die eine laute Diskussion (über Sinn und Unsinn von Durchfahrtsverboten) mit dem Fahrer begann - nur eine Randnotiz.
Irgendwie war für einen Moment alles weg, von den einzelnen Ständen des Weihnachtsmarktes bis hin zu den Menschen selbst, die wie eine bunte Traube durch den Hintergrund trudelten.
"Guten Abend", sagte der Obdachlose. "Haben Sie vielleicht ein paar Cent für mich? Ich wollte mir noch ein paar Brötchen kaufen, aber im Krankenhaus hat man mir mein Geld entwendet."
Er trug einen Bart aus feinen braunen Haaren, die vielleicht ein bisschen zu lang waren. Die Koteletten an den Seiten waren teilweise nur noch sporadisch zu erkennen, ansonsten glatt rasiertes Gesicht, das ein bisschen wie zerfurcht oder wettergegerbt aussah. Warum auch immer, aber ich musste an die Menschen von der Küste denken, die harten, wortkargen, nicht unbedingt der Schnelllebigkeit unterworfenen Leute, denen ich in meinem Leben schon viel zu verdanken hatte. Und wenn es nur das war, zur Hälfte ein Deichkind zu werden. Mit der Liebe zur See, dem Blick auf Stränden mit anbrandendem Wasser und dem Geruch der nahen Ferne. Ja, ich hätte ihn fast als Kuddel angesprochen, verkniff es mir aber.
"Sie wurden bestohlen?", fragte ich ihn stattdessen, obgleich in mir der Gedanke aufkam, dass das erfunden sein könnte.
Kuddel nickte, dann zeigte er auf das Eckhaus hinter meinem LKW.
"Ich wohne da und musste heute raus", sagte er. "Hätte mir nicht träumen lassen, dass man mir mein ganzes Geld, dass ich für Weihnachten gespart hatte, klauen würde."
"Also, ich habe leider kein Geld dabei ...", begann ich, und er winkte schon ab.
"Schon gut. Das verstehe ich."
"... aber Brötchen habe ich da", beendete ich den Satz, während ich im Augenwinkel sah, wie Danny anscheinend immer noch die Diskussion führte.
Kuddels Augen kniffen sich zusammen, während ich die Beifahrertür öffnete.
"Wir haben Lunchpakete bekommen", sagte ich, während ich zur Hälfte ins Fahrerhaus krabbelte und nach meiner Tüte griff. "Hab noch nichts rausgenommen."
Ich sprang wieder runter und reichte sie ihm.
"Das ist alles noch frisch", meinte ich, als er mich stirnrunzelnd ansah. "Schnitzel, Frikadellen und was-weiß-ich-noch-alles."
Ich hatte erst gedacht, er würde es ausschlagen, aber so wie er mich ansah, war sein ganzes Verhalten wahrscheinlich echt. Und da hinter mir im Eckhaus war wirklich seine Wohnung.
"Für mich?", fragte er und wartete damit zur Tüte zu greifen, bis ich nickte.
Dann schaute er rein, kniff mehrmals die Augen zusammen, hielt die Tüte, als wäre es das Kostbarste der Welt, als er sich verbeugte und "Danke sehr" sagte.
Ich war verdutzt, nickte auch nur, als er sich nochmals verbeugte, mit einem seltsamen Glanz in den Augen.
"Frohe Weihnachten wünsche ich", sagte Kuddel noch, dann war er weg, wie auch der renitente Fahrer weg war.
"Was war los?", fragte Danny, die wieder vor mir stand.
"Nichts", antwortete ich. "Hab grad nur mein Lunchpaket jemanden gegeben, der es dringender braucht."
"Der Obdachlose?"
"Jepp."
"Okay", sagte sie langsam. "Zu Menschen, die uns Kaffee geben wollen, sagst Du Nein. Und selbst gibst Du Dein Lunchpaket ab. Warum?"
Ich schaute in ihre grünen Augen und tippte an meine Minifahne am rechten Oberärmel.
"Weil wir Teil des Bundes sind", sagte ich. "Wir sind für alle da, und nicht umgekehrt."
"Mit der Einstellung wirst Du irgendwann verhungern", sagte sie und lächelte, als sie mich in die Seite knuffte. "War nur ein Spaß."
"War nur Spaß?", rief ich und grinste. "Wenn Heiligabend wieder unzählige Menschen versuchen, Geschenke auf den letzten Drücker kaufen - das wird ein Spaß."

***

Ich wünsche frohe Weihnachten!

LGD.


Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #13 |

RE: Sechs Tage
Danke, Dread, für die kleine Weihnachtseinstimmung. Mein Countdown ist weggerannt. Musik läuft, irgendwann wird irgendwer den Baum schmücken. 
Und dann fängt Weihnachten an.

Frohe Festtage wünsche ich euch Icon_smile

... und von den wundersamsten Wegen bleibt uns der Staub nur an den Schuhen. (Dota Kehr)
Avatar von Eddie Haspelmann

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2021 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme