Es ist: 28-07-2021, 21:22
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Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
Beitrag #1 |

Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
Immer wieder kommen mir beim Lesen von Büchern Formulierungen, Sätze oder ganze Abschnitte unter, die mich sprachlich und / oder inhaltlich beeindrucken und berühren; Stellen, die ich festhalten und abschreiben möchte, um sie nicht zu vergessen. Nur kann ich mich selten dazu durchringen, und bald gehen sie mir wieder verloren ...
Vielleicht geht es euch manchmal genauso?

In diesem Thema können wir solche Stellen miteinander teilen. Ich bin gespannt, welche sprachlichen Schätze ihr findet!

Ich bin ein Fragezeichen
kein Punkt
- Rose Ausländer -

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Beitrag #2 |

RE: Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
Zu Beginn gleich eine längere Passage aus dem Buch "Hinter blinden Fenstern" von Friedrich Ani - lasst euch von der Länge nicht abschrecken, ich finde gerade den Abschluss gelungen (und andere Wortspenden können selbstverständlich kürzer ausfallen Icon_wink). Berthold Gregorian ist ein Mann, der verschwunden ist; Polonius Fischer ist ermittelnder Kommissar:




Bis zum Mittag blieb dieser Tag ein Schatten.
Ebenso wie Berthold Gregorian selbst.
Es gab Leute, die ihn kannten, soviel stand fest. Aber sie wussten nichts über ihn, zumindest nichts, was über den Raum, in dem sie ihm gelegentlich begegneten, hinausging.
Niemand sprach schlecht von Bertold Gregorian.
Niemand sprach gut von ihm.
Niemand wunderte sich über ihn.
Niemand gab seinem Namen einen eigenen Klang.
Niemand fragte nach Gregorians Befinden.
Im Lauf der vierzehn Jahre, in denen Polonius Fischer in der Mordkommission arbeitete, hatte er es immer wieder mit Menschen zu tun gehabt, die in einer eigentümlichen Form von Unsichtbarkeit existierten. Oft gingen sie einem gewöhnlichen Beruf nach, trafen sich hin und wieder sogar mit Kollegen und Bekannten zum Bowlen oder Fußballspielen oder zum Essen in einem Lokal. Sie hatten eine Familie, mit der sie in Urlaub fuhren und deren Fotos sie im Portemonnaie bei sich trugen. Manche galten als ausgesprochen leutselig oder wenigstens umgänglich. Andere waren Mitglieder in Vereinen oder engagierten sich ehrenamtlich in sozialen Organisationen.
Doch stieß ihnen etwas zu, wurden sie Opfer eines Verbrechens oder waren sie plötzlich aus unerklärlichen Gründen verschwunden, dann waren diese Menschen wie vom Erdboden verschluckt. Als wäre niemand, kein Mann, kein Mensch, in der Lage, auch nur eine halbwegs brauchbare Beschreibung zu liefern. Gerade so, als wüsste niemand, um wen es sich bei dem Gesuchten eigentlich handelte.
Unabhängig von den üblichen und nachvollziehbaren Schwierigkeiten, die jemand damit hatte, sich in Gegenwart eines drängenden Polizisten an spezielle äußere Merkmale eines Angehörigen erinnern zu müssen, erstaunte und erschütterte Fischer oft die Leere der Welt, in die er geraten war.
In dieser Leere fehlte einer, aber der - das musste Fischer nach kurzer Zeit erkennen - hatte auch vor seinem Verschwinden nicht dazugehört. Er war bloß dagewesen, leibhaftig unsichtbar unter Blinden. Einer mit Namen, Adresse und Beruf. Servus, sagten die anderen und hatten ihn vergessen. Seine Frau versteckte ihre ratlosen Blicke hinter einem Vorhang aus Tränen, sehr geschickt, wie Fischer fand.
Und der Rest der Menschheit in dieser Welt aus Leere stammelte Entsetzen und tauschte Spekulationen wie Kinder ihre Spielkarten auf dem Pausenhof.
Manche Menschen, wusste Fischer, wurden von ihren Hunden betrauert und von ihren Freunden nur beweint.
Manche Menschen winkten, aber niemand sah hin, sie streckten ihre Arme aus, aber die anderen waren in Selbstumarmungen verstrickt.
Sie riefen, aber ihre Stimmen reichten nicht aus.
Sie traten an die Rampe, aber die Scheinwerfer waren kaputt.
Und wenn sie Opfer eines Verbrechens wurden, bellte noch eine Weile ihr Schatten in der Nacht, und jemand rief: Ruhe!
Dann wurde es ruhig, und der Morgen brach ungeniert an.

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- Rose Ausländer -

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Beitrag #3 |

RE: Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
ah, sehr fein, jetzt kann ich endlich mal meine Sammlung an aus dem Kontext gerissenen Zitaten anbringen Mrgreen

Ich fang mal mit Kafka, Das Schloss an; Seitenzahlen beziehen sich auf die Reclamausgabe:

[...] "Wir könnten aber auch hier warten" und K. antwortete: "Ich weiß es, aber ich will es nicht." (S52)

"[...] Nur daß Sie als Landvermesser aufgenommen werden, lasse ich nicht zu, sonst aber können Sie sich immer mit Vertrauen an mich wenden [...]" (S77)

"Nein", sagte der Lehrer lächelnd, nun hatte er doch K. zum Reden gezwungen, "Darüber bin ich genau unterrichtet. Wir brauchen den Schuldiener etwa so dringend wie den Landvermesser [...]" (S104)

"[...] die ganze Zeit über verhandeln Sie ja mit mir, ich sehe es immerfort an und glaube es fast nicht, in Hemd und Unterhosen." (S105)

"Da wir jetzt so fröhlich beisammen sind", sagte dann der Herr, "würde ich Sie Herr Landvermesser sehr bitten, durch einige Angaben meine Akten zu ergänzen." "Es wird hier viel geschrieben", sagte K. und blickte von der Ferne auf die Akten hin. "Ja, eine schlechte Angewohnheit", sagte der Herr [...] (S119)

[...] daß Hans auf K. herabsah wie auf einen Jüngeren, dessen Zukunft sich weiter dehne, als seine eigene, die Zukunft eines kleinen Knaben. (S162)

"Sei ruhig", sagte Amalia, "ich bin nicht eingeweiht, nichts könnte mich dazu bewegen, mich einweihen zu lassen [...]" (S183)



Jaaaa... Icon_smile

Krawehl, Krawehl!
Taubtrüber Ginst am Musenhain!
trübtauber Hain am Musenginst!
Krawehl, Krawehl!


"Kunst ist nichts anderes als das Portrait einer Idee." Manfred Kröplein.

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Beitrag #4 |

RE: Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
Es gibt einen einzelnen Satz in Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon", der mich sehr bewegt hat:

Quando a ditadura é um facto a revolução é um dever.
Wenn die Diktatur eine Tatsache ist, ist die Revolution eine Pflicht.


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Beitrag #5 |

RE: Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
"Und was erscheint Dir vollendet? Das Vollendete erfährt keine Steigerung mehr, ruht in sich selbst, ist Erstarrung, Langeweile. Nur was zur Vollendung strebt ist lebendig".
Assarhaddon in "Der König von Assur" - Jutta Ahrens

Ich kann ein Buch lesen, ich kann es als Aschenbecher benutzen, als Briefbeschwerer, als Türanschlag oder eben als Geschoss, um junge Männer zu bewerfen, die alberne Bemerkungen machen. So. Denken Sie nochmal nach." - Stephen Fry

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Beitrag #6 |

RE: Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
Mir fällt spontan ein:

Paul Celan - "Ein baumhoher Gedanke"


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Beitrag #7 |

RE: Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
"Du bist in ein Mädchen verliebt, das es nicht mehr gibt, und in einen Jungen verliebt, der bereits tot ist." - Kafka am Strand von Haruki Murakami


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Beitrag #8 |

RE: Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
Mondluchs schrieb:"Du bist in ein Mädchen verliebt, das es nicht mehr gibt, und in einen Jungen verliebt, der bereits tot ist." - Kafka am Strand von Haruki Murakami

Ich liebe Murakami...Icon_smile

Ich kann ein Buch lesen, ich kann es als Aschenbecher benutzen, als Briefbeschwerer, als Türanschlag oder eben als Geschoss, um junge Männer zu bewerfen, die alberne Bemerkungen machen. So. Denken Sie nochmal nach." - Stephen Fry

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Beitrag #9 |

RE: Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
Isola schrieb:Es gibt einen einzelnen Satz in Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon", der mich sehr bewegt hat:

Quando a ditadura é um facto a revolução é um dever.
Wenn die Diktatur eine Tatsache ist, ist die Revolution eine Pflicht.

gut gekupfert von Brecht, der den Satz folgendermaßen in die Menge warf: "Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht" Icon_wink

Ich bin absolut dafür, daß man Narren von gefährlichen Waffen fernhält. Beginnen wir mit Schreibmaschinen. (Frank Lloyd Wright)

Prinzessin von Kagran

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Beitrag #10 |

RE: Worte, die es wert sind, geteilt zu werden
So, dann post ich auch mal diesen Ausschnitt, den ich schon im alten Forum gepostet hab.

Aus: Madame Bovary von Gustave Flaubert in der Übersetzung von Wolfgang Techtmeier, erschienen bei Rütten & Loening, 1994; erste Auflage.

Es geht um Emma, eine Bauerntochter, die in einem Kloster eine feine Erziehung genossen hat und sich für ihre Zukunft schlicht mehr erwartet, als ein Leben als Frau des langweiligen Arztes von Tostes, einem kleinen Ort in Frankreich, zu sein, wo sie den ganzen Tag allein zu Hause auf einen Ehemann wartet, der keinerlei Ehrgeiz hat, seine Lage zu verändern, und den sie nicht liebt.


"Im Grunde ihrer Seele jedoch wartete sie auf ein Ereignis. Wie die Matrosen in höchster Not, ließ sie verzweifelte Blicke über die Einsamkeit ihres Lebens schweifen und suchte in der Ferne ein weißes Segel in den Nebeln am Horizont. Sie wusste nicht, was für ein Zufall es sein würde, was für ein Wind, der es bis zu ihr treiben, an welches Gestade er sie bringen würde, ob es eine Schaluppe oder ein Dreidecker wäre, mit Ängsten beladen oder bis an die Luken voll von Glückseligkeiten. Aber jeden Morgen beim Erwachen erhoffte sie es für diesen Tag, und sie horchte auf alle Geräusche, sprang auf, wunderte sich, daß es nicht kam; dann, bei Sonnenuntergang, wünschte sie immer trauriger, daß es am nächsten Tag eintrete.
Wieder wurde es Frühling. Bei der ersten Wärme, als die Birnbäume blühten, bekam sie Beklemmungszustände.
Von Anfang Juli an zählte sie an den Fingern ab, wie viele Wochen verblieben, ehe sie beim Monat Oktober anlangte, denn sie dachte, der Marquis d’Andervilliers werde vielleicht wieder einen Ball auf La Vaubyessard geben. Aber der ganze September verstrich ohne Briefe oder Besuche.
Nach dem Kummer über diese Enttäuschung was ihr Herz wieder leer, und nun begann die Reihe der gleichen Tage von neuem.
Sie sollten nun also wieder ebenso einander folgen, stets gleich, unzählbar und ohne etwas zu bringen! Das Leben anderer, so seicht es auch sein mochte, hatte wenigstens die Aussicht auf ein Ereignis. Ein zufälliges Geschehnis verursachte manchmal eine plötzliche Wendung ins Unendliche, und das ganze Bild änderte sich. Für sie aber geschah nichts. Gott hatte es so gewollt! Die Zukunft war ein schwarzer Gang, der am anderen Ende eine wohlverschlossene Tür hatte.
Sie gab die Musik auf. Weshalb spielen? Wer sollte sie hören? Da sie niemals, in einem kurzärmeligen Samtkleid auf einem Erard-Flügel in einem Konzert mit ihren flinken Fingern einer Brise gleich die Elfenbeintasten anschlagend, würde spüren können, daß ein Raunen der Begeisterung sie umwehte, war es nicht der Mühe wert, sich mit dem Üben zu langweilen. Sie ließ ihr Zeichenpapier und die Handarbeit im Schrank. Wozu das? Wozu das? Die Näherei machte sie nervös.
Ich habe alles gelesen, dachte sie.
Und sie ließ die Feuerzange rotglühend werden oder schaute zu, wie der Regen fiel.
Wie traurig war sie sonntags, wenn die Vesperglocken läuteten. In stumpfer Aufmerksamkeit hörte sie die Glocken Schlag für Schlag blechern tönen. Eine Katze, die langsam über die Dächer strich, machte einen Buckel in den bleichen Strahlen der Sonne. Der Wind blies Staubstreifen über die Landstraße. In der Ferne heulte manchmal ein Hund, und die Glocke setzte in gleichmäßigen Abständen ihr eintöniges Geläut fort, das über den Feldern verhallte."

(S71/72)

Krawehl, Krawehl!
Taubtrüber Ginst am Musenhain!
trübtauber Hain am Musenginst!
Krawehl, Krawehl!


"Kunst ist nichts anderes als das Portrait einer Idee." Manfred Kröplein.

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