Es ist: 28-06-2022, 18:47
Es ist: 28-06-2022, 18:47 Hallo, Gast! (Registrieren)


Reader's Digest
Beitrag #1 |

Reader's Digest
Meine Bibliothek hat gerade Zuwachs bekommen, darunter auch eine Reihe von Reader's Digest Auswahlbüchern. Älteren Semestern wird das wohl was sagen, ich musste mich erst mit diesem Format vertraut machen: Das sind Bände, die im Rahmen eines Abos bezogen werden können und Kurzfassungen von ca. 4 Büchern enthalten, sodass insgesamt an die 300 Seiten rauskommen.

Ich stehe diesem Modell sehr skeptisch gegenüber, Bücher auf ein vermeintliches Substrat zu kürzen. Was habe ich davon, wenn ich eine dieser "Zusammenfassungen" (im herkömmlichen Sinn handelt es sich um keine Zusammenfassung, es sind, so weit ich das beurteilen kann, "überflüssige" Stellen ausgelassen und wesentliche Szenen erhalten) lese? Reicht das, um zu sagen, ich habe XY gelesen? Im Grunde sind das doch nur spoilerlastige Leseproben, die, wenn sie nicht zusagen, zumindest davor bewahren, einen Schinken durchzukauen, aber wenn sie gefallen, doch das Lesevergnügen des "echten" Buches beeinträchtigen, weil ich existentielle Stellen ja schon kenne.  Icon_confused

Ich muss dazu sagen, dass die Aufmachung wunderbar klassisch ist, optisch gesehen, also ein Pluspunkt. Nur wie schaut es mit dem Mehrwert dieser Samples aus? Lesehäppchen für die gestresste Seele der Neuzeit?

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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Beitrag #2 |

RE: Reader's Digest
Ich habe als Jugendliche diese Bücher geradezu verschlungen, die haben meine Eltern bezogen und so hatte ich eine reiche Auswahl Icon_smile
Mein Lesevergnügen wurde nicht beeinträchtigt durch die Kürzungen. Ich kannte die Originale nicht. Ein gutes Buch liest man gern auch nochmal, warum sollte also die Vorwegnahme von schon Bekanntem das Lesevergnügen mindern? Manchmal bekommt man ja gar nicht genug von einer Geschichte und dann ist die "Vollversion" nochmal eins obendrauf Icon_smile Es kann allerdings passieren, dass man von der Langfassung genervt ist, weil häufig die Kürzungen vollkommen Sinn machen.
Diese Versionen sind wirklich ausgefeilt und gut gemacht - zumindest die, die ich gelesen habe. Dazu gehören Mogli oder Scarlett Pimpernell. Ach, ich weiß die ganzen Titel alle nicht mehr ...

Aber vielleicht ist es enttäuschend, wenn man die Langfassung schon kennt und dann die Kürzung liest. Wenn liebgewordene Stellen plötzlich verschwunden sind. Aber, wie gesagt, es ist bei manchen Geschichten eine echte Bereicherung, wenn Profis sie komprimieren.

Liebe Grüße von slainte music


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Beitrag #3 |

RE: Reader's Digest
Hallo slainte Icon_smile

Hab die Inhalte bis jetzt nur überflogen, sind v.a. amerikanische Bücher/Klassiker, die ich maximal vom Titel her kenne, von daher ist es sicher interessant, in Kontakt mit solchen Büchern zu kommen, die ich wahrscheinlich gar nicht so gelesen bzw. nicht mal noch gekannt hätte.

Dennoch habe ich sowas wie Berührungsängste, weil ich doch noch Vorbehalte gegenüber dem Konzept der Kürzungen habe. Du sagst, sie seien gut und tw. sogar gerechtfertigt, okay. Aber bestenfalls macht ja jedes Kapitel, jede Szene das Buch, der/die AutorIn hat sich was dabei gedacht und nun kommt jemand daher und meint "brauchen wir nicht" ...

Ist das einerseits nicht sehr vermessen und spricht andererseits den (erfolgreich) gekürzten Büchern ihre Qualität ab?

EDIT:
LOL, slainte, deine Signatur ist sehr passend zu diesem Thread.Mrgreen

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Beitrag #4 |

RE: Reader's Digest
Zitat:Aber bestenfalls macht ja jedes Kapitel, jede Szene das Buch, der/die AutorIn hat sich was dabei gedacht und nun kommt jemand daher und meint "brauchen wir nicht" ...

Na ja, letzten Endes sind die Bücher auch in der Originalfassung erschienen und haben sich gut verkauft (das gab es früher noch, seufz). Und die Verlage haben sich bis dahin auch nicht gescheut, zu kürzen und zu manipulieren - das finde ich eine viel größere Missachtung. Wenn sie dann nach einer gewissen Zeit in einer Sammlung erscheinen, wenn auch gekürzt, sehe ich das eher nochmal als zusätzliches Einkommen und auch als Werbung. Ich kann mir vorstellen, dass sich dadurch auch nochmal etwas "angestaubte" Originale durchaus verkauft haben. Gibt es diese Reihe eigentlich immer noch?
Zitat:LOL, slainte, deine Signatur ist sehr passend zu diesem Thread.
Kicher. Was wahr ist, muss wahr bleiben (und darüber lässt sich streiten Icon_lachtot )


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Beitrag #5 |

RE: Reader's Digest
Es gibt zumindest noch die Zeitschrift, die sich aber scheinbar eher auf Life-Style-Themen fokussiert, anstatt auf Literatur.

Ich finde es interessant, dass dieses Modell offenbar früher (bis in die 90er Jahre?) ziemlich floriert hat und sich dann selbst überlebt hat. Daran wird ein Wandel des Veröffentlichungshabitus aber auch des Leseverhaltens sichtbar.

Wieso ist dieses Format heute nicht mehr rentabel? Machen Literaturblogs, online Rezensionen solche Sammelausgaben überflüssig? Sind die LeserInnen emanzipierter, dass sie keine Auszüge mehr vorgesetzt bekommen wollen? Qualität vor Quantität? aka lieber ein Buch zu 100% genießen anstatt fünf oberflächlich zu "kennen"?

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Beitrag #6 |

RE: Reader's Digest
(10-02-2017, 16:12)Sniffu schrieb: Wieso ist dieses Format heute nicht mehr rentabel? Machen Literaturblogs, online Rezensionen solche Sammelausgaben überflüssig?

Ich vermute zwei Ursachen dahinter:

Das Format war gut, um zu entscheiden, was man komplett lesen möchte. Dabei helfen heute unzählige Blogs und Rezensionen. Die Leser tauschen heute untereinander Lesetipps aus. Ein Magazin als zentrale Drehscheibe wird nicht mehr benötigt.

Es war auch gut, um mitreden zu können. Wenn Klassiker in der Umgangssprache oder in Filmen zitiert werden, möchte man verstehen, was die Redewendung bedeutet.
Da insgesamt weniger/unterschiedlicher gelesen wird, verändert sich die Umgangssprache. Man muss die Klassiker nicht mehr unbedingt kennen, um mitreden zu können. Man gilt heute auch nicht mehr als ungebildet, wenn man über Werk XYZ nicht smalltalken kann.


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Beitrag #7 |

RE: Reader's Digest
Hallo coco,

Zitat:Das Format war gut, um zu entscheiden, was man komplett lesen möchte. Dabei helfen heute unzählige Blogs und Rezensionen. Die Leser tauschen heute untereinander Lesetipps aus. Ein Magazin als zentrale Drehscheibe wird nicht mehr benötigt.

Genau das meinte ich mit der Emanzipation der Leserschaft. Das Format von Reader's digest ist eine Einbahnstraße, die topdown geschieht, irgendein Gremium in einem verrauchten Kammerl entscheidet, "das drucken wir und die lesen das!". Dagegen ist das heutige Angebot von Rezensionen und Lesevorschlägen so breitgefächert und (fast) überall die Kommentarfunktion vorhanden, sodass die Leser* sofort ihren Senf dazugeben können und nicht mehr von einer allgemeingültigen Meinung abhängig sind.

Zitat:Es war auch gut, um mitreden zu können. Wenn Klassiker in der Umgangssprache oder in Filmen zitiert werden, möchte man verstehen, was die Redewendung bedeutet.

Was generell den Kanon und dessen Bedeutung betrifft, hast du sicher recht, aber ob das auch konform mit dem Wesen der Kürzungen geht, bin ich mir nicht so sicher. Da bleiben doch für die Handlung wesentliche Kapitel/Szenen erhalten, was aber nicht heißt, dass auch jedes literarische Juwel des Romanes es ebenso in die gekürzte Fassung schaffen muss - was, wenn das an einer völlig "vernachlässigbaren" Stelle steht? Pflanzt man dann wirklich den einen Satz einfach um, nur damit der auch weiter tradiert wird? In manchen Fällen wird es problemlos möglich sein, wenn die Zitate an einer populären Stelle stehen, aber bei komplizierten Fällen?

Ich glaube, das Format gründet eher auf dem Denken, "jetzt kann ich sagen, das hab ich gelesen." Detailwissen von spezifischen Redewendungen rücken da in den Hintergrund.

Liebe Grüße
Sniffu

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Beitrag #8 |

RE: Reader's Digest
Liebe Diskutanten,

Entertainment - das war das, was ich im Reader's Digest sah (und vorläufig noch sehe). Anspruchsvolle Texte, Reportagen etc. (verkürzt oder nicht, mit oder ohne Fortsetzung), Unterhaltung, die Einblicke in die erlauchte Welt der mehr oder weniger gehobenen Literatur erlaubte bzw. gewährte und von vielen gerne gelesen wurde. Da auch viel Werbung enthalten war, kann man den RD mit Fug und Recht als Vorläufer der kommerziellen Homepage bezeichnen.

Neutral konsumiert bildeten die "Geschichten" quasi ein eigenes Genre. Ich habe übrigens (wissentlich) bei keinem der Texte die Langversion gelesen - ohne irgendwelche Behauptungen aufzustellen wie "ich hab mir diesen oder jenen Bestseller reingezogen". Ich war relativ heiß auf jede neue Ausgabe, die bei meiner Oma auslagen.

Nix für Ungut, aber manchmal sollte man Dinge einfach einfach sehen, weil sie einfach einfach sind.


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Beitrag #9 |

RE: Reader's Digest
Hallo Porter,

mir scheint, du beziehst dich v.a. auf die Zeitschrift, während es bis jetzt überwiegend um die Bücher gegangen ist. Den Vergleich mit einer Homepage finde ich interessant, heutzutage ist das Internet mit seiner Flut an Inhalten ein wesentlicher Bestandteil des Alltags, sodass viele gar nicht hinterfragen, wie es dazu gekommen ist, auch ist die Entwicklung schwer rekonstruierbar, weil sie so schleichend passiert ist und einige von uns damit quasi aufgewachsen sind.

Genau darum interessiert es mich auch, wieso ein Format wie die Reader's Digest Bücher heute nicht mehr so funktioniert wie damals.

Um etwas einfach zu sehen, muss man doch erst mal darüber reden, um zu sehen, ob man es sich nicht zu einfach macht, oder nicht?  Icon_wink

Liebe Grüße
Sniffu

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Beitrag #10 |

RE: Reader's Digest
Sollte man, klar! Bei RD-Büchern kann ich nicht mitreden. Einfach ein Missverständnis. Icon_smile


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