Es ist: 19-01-2022, 08:03
Es ist: 19-01-2022, 08:03 Hallo, Gast! (Registrieren)


Brief
Beitrag #1 |

Brief
Liebe Freundin,
Du fragst mich in Deinem letzten Brief, wie es mir geht. Ich beschreibe es mit den Farben des Tages.
Der neue Tag drängt sich schleichend in mein Leben. Heute Morgen fehlen mir die rosaroten Brillengläser. Ich stehe viel zu lange vor dem Spiegel, er zeigt mir gnadenlos mein Spiegelbild. Graue Haare bedecken mein Haupt, braune Flecken meine Stirn. An den Augenwinkeln bilden sich tiefe Linien, oberhalb der Lippe sind es Katzenfalten. Die Haut am Dekolleté hat Knitterfalten, mein weißer Körper nicht mehr straff, zeigt mir mein Alter.
Ich entscheide mich für die schwarzen Dessous mit champagnerfarbener Spitze, lege die Halskette in bicolor um wähle das rote Kleid, denke dabei an mein Cabriolet in Weiß mit schwarzem Faltdach und mokkabraunen Ledersitzen.
Im uralten Baum vor meinem Fenster sammeln sich die schwarzgrauen Nebelkrähen mit weithin hörbaren krah-Rufen.
Mir fehlt der freudige Blick auf die Rosen in Apricot, hinauf zum blauen Himmel mit seiner Morgensonne.
Ich nehme die Post in Empfang, setze mich an den Küchentisch. Heute ist es nur ein Brief, ein weißer mit schwarzem Rand, mein Name darauf mit blauer Tinte geschrieben.
Ich rieche die frische Druckerschwärze der Tageszeitung. Sie hinterlässt graue Spuren auf meinen Fingerkuppen.
Heute Morgen hatte ich ein schmales Frühstück. Der Toast zu braun, die rote Marmelade nicht mehr frisch, meine Kaffeesahne war ranzig, der schwarze Kaffee schmeckte bitter.
Der Tag beginnt rabenschwarz.
Ich wechsel meine grauen Hausschuhe mit den schwarzen Pumps, male mir die Lippen purpurrot, nehme die schwarze Schultertasche, stecke das Handy ein. Die weiße Kaschmirjacke lege ich über meine hängenden Schultern, greife zum Wagenschlüssel schließe die schwarze Haustür.
Meine blauen Augen hinter dunkelbraune Brillengläser gewöhnen sich nur langsam an die bunten Farben des Tages.
Der weißhaarige Nachbar in seiner olivgrünen Jacke kommt mir entgegen, geht mit seinem schwarz gescheckten Hund die Morgenrunde.
Am Straßenrand stehen die grauen Mülltonnen mit den blauen, grauen und braunen Deckeln, davor ein achtlos hingeworfener Pappbecher.
Ich wende mich ab, entdecke hier und da in den Rillen der grauen Pflastersteine den Löwenzahn mit seiner gelben Blüte, die sich vereinzelnd schon in eine weißgraue zarte Pusteblume verwandelt hat. Mein Blick folgt den huschenden Blaumeisen und Rotkehlchen, verweilt in den Vorgärten der Nachbarn bei purpurroten Fliederblüten und rosarot blühenden Weißdorn.
Im selbigen Moment höre ich über mir den Flügelschlag der weißen Brieftauben, sehe zu wie sie in Schlagnähe ihre Kreise fliegen. Ich kann meinen Blick nicht lösen, auch weil in der Ferne ein bunter Heißluftballon am Himmel entlanggleitet.
Ich spüre einen leichten Wind nur einen Hauch, er streichelt sanft mein Gesicht, fordert mich auf hinzuschauen, wie er da oben sein Spiel mit den zartweißen Federwolken treibt. Er schiebt sie ruhelos vor sich her, lässt fantasievoll die bizarren Formen verschmelzen.
Ich tauche ein in die Farben des Tages.

Deine farbenfrohe Freundin


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Beitrag #2 |

RE: Brief
Hallo schreiberin,

irgendwie werde ich daraus nicht schlau. Am Anfang steht viel grau und schwarz, da ging ich von einer tristen Stimmung aus, dann meintest du doch nur das Alter.
Dann folgt das rote Kleid, das ein gutgelaunter Gegenpol zum traurigen Grau werden könnte - aber das Grau war anscheinend gar keine traurige Stimmung, sondern nur eine ausführliche Altersangabe. Insofern hängt der Kontrast leicht im Nichts. Er zerfällt auch gleich wieder, als die Vögel draußen wiederum grau-schwarz sind. Oder ging es dir an dieser Stelle um den uralten Baum, also dass alles Alte grau wäre?

Kurz darauf beginnt der Tag "rabenschwarz". Ist damit die rein objektive Farblosigkeit gemeint oder doch miese Laune? Ich kann es gar nicht mehr erkennen. Jedenfalls scheint ihre Laune sich schagartig zu bessern, als sie ihre graue Wohnung hinter sich lässt und das Tageslicht sieht. Sozusagen ein Happy-End für Morgenmuffel.

(27-02-2017, 18:43)schreiberin schrieb: Meine blauen Augen hinter dunkelbraune Brillengläser gewöhnen sich nur langsam

Tippfehler: dunkelbraunen

(27-02-2017, 18:43)schreiberin schrieb: die sich vereinzelnd schon in eine weißgraue zarte Pusteblume verwandelt hat.

Vereinzelt?

(27-02-2017, 18:43)schreiberin schrieb: rosarot blühenden Weißdorn.

Tippfehler: blühenden

Bunte Grüße
coco


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Beitrag #3 |

RE: Brief
Hallo Schreiberin,

die Geschichte habe ich jetzt erst gelesen. Kann sein, dass es für dich nicht mehr aktuell ist.
Dein Brief gefällt mir gut! Einiges ist nicht sehr klar für mich.
Zunächst dachte ich an eine depressive Frau, die krampfhaft versuchte die positive Seiten des Lebens zu sehen, bzw. sich in eine positive Stimmung zu bringen.
Der Brief klang  jedoch zu positiv für eine Depression.
Oder war es nur eine kritische , negativ bewertende Betrachtung ihres Alters?
Ein ewig meckernder Geist sucht meistens nichts positives, oder?



Viele Grüße,

Sangkuni


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