Es ist: 24-10-2020, 18:20
Es ist: 24-10-2020, 18:20 Hallo, Gast! (Registrieren)


Red und Maze (Teil 2)
Beitrag #1 |

Red und Maze (Teil 2)
Er hatte sie selbst ins Krematorium gebracht und ihre Asche dem Meer übergeben. War nachts im Hafen auf einen Kran geklettert und hatte die Urne geöffnet. Hatte Liz vom Wind davontragen lassen. Einen kurzen, irrealen Moment hatte er sich dabei frei gefühlt, ehe die Wirklichkeit ihm erneut ihre kalte, dreckige Faust in den Magen rammte. Du bist Schuld. Du hast ihren Schmerz und ihre Sehnsucht nicht ernst genommen. Zu lange hatte er nur Kreise um sein jämmerliches Selbst gezogen. Hatte aufgegeben und nicht gesehen, dass sie weitersuchte.
Er verkaufte weiterhin Synth, weil er nicht wusste, was er sonst machen sollte. Sogar den Junkies fiel auf, dass sein Herz zertrümmert war, aber es war ihnen egal. Tagsüber erfüllte ihn eine gnädige Taubheit, während er durch die Straßen zog. Abends kam der Schmerz und fraß ihn auf. Der Wahnsinn kratzte an der Innenseite seines Schädels und Red ertappte sich dabei, wie er immer öfter Synthkristalle dippte und auf seiner Zunge schmelzen ließ. Und du hast geglaubt, du hättest das hinter dir.
Die Nächte verwischten im Rausch zu Neonflackern. Meistens erinnerte er sich nicht, wann er wo gewesen war. Manchmal schlug er mit den Fäusten gegen die Betonmauer, die den leuchtenden Kern vom grauen Sprawl trennte. Solange, bis das Blut seine Finger taub machte. Oder er prügelte sich mit irgendwelchen Gossenpunks. Die suchten immer Stress. Meistens lag er aber einfach nur in seiner Bude, starrte an die Decke und betrachtete die bunten Lichter von der Straße, die auf Synth lebendig wurden und ihm finstere Geschichten erzählten. Er lauschte der Stimme in seinem Kopf, die immer zu brüllte: Du. Bist. Schuld.

Alterreal hat sie umgebracht. Der Gedanke verbiss sich in seinem zugedröhnten Schädel. Red lehnte an dem feuchten Beton zwischen zwei grell erleuchteten Schaufenstern. Links von ihm eine irrwitzige Vielfalt an Silikondildos, die träge auf kleinen Glaspodesten rotierten. Rechts ein Survival-Shop mit einem krassen Messerbouquet in der Auslage. Umrahmt von netten Knarren. Vielleicht sollte er sich doch eine kaufen. Vielleicht sollte er in diesen Tempel gehen und diesen Wichsern ihre verdrehten Hirne rauspusten. Vielleicht war er aber auch zu feige.
Jetzt wollte er einfach nur vergessen. Das Synth knallte gut, trotzdem war die Realität noch viel zu nah. Sein trüber Blick blieb an einem eisblauen Schriftzug hängen, schräg gegenüber. Aphelion. Noch so ne dreckige Bar. Aber warum nicht? Er wollte nicht nach Hause. Hatte Angst vor der Stille. Seine Beine zitterten. Schuld und Selbstzweifel trieben ihm Tränen der Wut in die Augen. Er brauchte was zu trinken.
Der Türsteher, eine bullige Gestalt im Tanktop, scannte seine zerschlissene Erscheinung. „Bist auf Synth?“ Ein hässliches Tribal-Tattoo entstellte sein kantiges Gesicht.
„Geht dich nen Scheiß an.“ Red reckte das Kinn vor. Zu gern hätte er eins aufs Maul gekriegt. Aber so viel Glück hatte er nicht.
„Hast Kohle?“
Er kramte in seiner Hosentasche und förderte ein paar Chips zu Tage.
Der Tätowierte nickte nur und winkte ihn durch. Drinnen empfing ihn verdrehter Slowtech-Sound. Tiefe Bässe, übermalt von obszönen Synthiemelodien. Süßer Rauch schwängerte die Luft. Geschäftsmänner hatten sich in schwer einsehbare Nischen verzogen, um ungestört ihre Deals abzuwickeln. An mehreren Stangen tanzten halbnackte Mädchen und Typen. Begafft von Anzugträgern und Punks. Red schleppte sich an die Bar und sank auf einem der blau fluoreszierenden Hocker zusammen.
„Scheiß Tag?“, fragte der Barkeeper. Ein bärtiger Kerl, dessen massige Statur viel zu einschüchternd wirkte, um Leute abzufüllen. Seine Augen blickten jedoch freundlich.
Red zuckte die Achseln. „Scheiß Leben.“
„Hier.“ Der Typ schenkte ihm ein dunkelblaues Gesöff ins Glas. „Tut dir gut.“
Woher weißt du, was mir gut tut? Eigentlich hatte er genug von Flüssigkeiten, bei denen er nicht wusste, was drin war. Aber was soll’s. Mit Todesverachtung kippte er sich das Zeug in die Kehle. Flüssiges feuer fraß sich durch seine Adern. Betäubte seine Gedanken. Okay. Du weißt doch, was mir gut tut. Red hob auffordernd sein leeres Glas.
Fünf Drinks später war er erstaunlich klar im Kopf. So klar, dass er die Vibrationen des Lebens auf jeder Oberfläche sehen konnte. Die schäbige Bar erschien ihm wie ein glitzerndes Paradies voll interessanter Menschen. Träge ließ er seinen Blick durch den düsteren Raum schweifen. Die Tänzer sahen gar nicht so übel aus. Doch seine Aufmerksamkeit glitt davon. Hin zu einem Typen, der allein an einem Tisch saß. Mit einem fast vollen Glas vor sich. Die Finger glitten zärtlich über ein Deck, das viel zu schick für diese Gegend aussah. Transparente Glasfaserkabel hingen wie bizarrer Schmuck über seine schmalen Schultern.
Red bezahlte und stand auf. Schlenderte zu dem Wirehead rüber und betrachtete das androgyne Gesicht, die blassen Lippen. Er hatte blaue Strähnen im kurzen, schwarzen Haar. So unnatürlich blau wie seine Augen, die durch die Wirklichkeit hindurch zu schauen schienen. Red blieb vor ihm stehen, beugte sich runter, um ihn näher zu betrachten. Und erschrak, als der Typ ihn ansprach. „Hi.“
„Sorry. Dachte, du bist online.“
„Bin ich.“
Aha, so ein Synchronding. Wahrscheinlich störte er. Trotzdem setzte er sich einfach neben ihn. Näher, als Fremde es taten. Aber nicht zu nah. „Ich bin Red.“
Sein Gegenüber blinzelte. „Maze.“
Maze strich behutsam über sein Deck, dessen Touchscreen augenblicklich schwarz wurde. Dann zog er sich lässig die Glasfaserschlangen aus dem Kopf und wickelte sie sorgsam auf, ehe er sie ins Innere seiner schwarzen Jacke gleiten ließ. „Siehst ziemlich fertig aus.“ Er lächelte. Irgendwie traurig. „Was willst du vergessen?“
Alles, schoss es Red durch den Kopf. Einfach alles. Er brachte es nicht über sich, das zu sagen. „Beschissener Tag“, meinte er nur. „Könnte etwas Zuwendung vertragen.“ Ein schiefes Grinsen. Zog meistens.
Er beobachtete sein Gegenüber genau. Ließ er ihn abblitzen? Oder spielte er mit? Die Mundwinkel des Wireheads zuckten kurz, ansonsten schien er unbeeindruckt. Hat er kapiert, dass ich ihn angemacht hab? Red spürte Frust in sich aufsteigen. Der Typ war genau die Ablenkung, die er dringend brauchte.
Er wollte schon härtere Geschütze auffahren, als Maze überraschend vorschlug: „Lass uns spazieren gehen.“
Red fand sich in einer einsamen Gasse wieder. Aus einem Müllcontainer ergoss sich Abfall wie Erbrochenes. Die schwüle Nachtluft verfing sich in seinen Haaren und ließ sie schlaff in sein Gesicht hängen. Seine verdammte Lederjacke klebte an ihm wie eine zu dicke Haut. Vielleicht lag es aber auch an Maze, dass er komplett durchgeschwitzt war. Der Typ war sich seiner Ausstrahlung nicht bewusst, was ihn umso anziehender machte. Seine knielange, schwarze Stoffjacke endete in Fetzen, als wäre sie kaputt. Aber war wohl der Style.
Der Nachthimmel über ihnen war nur zu erahnen. Ein sternenloser, tiefgrauer Abgrund. Die Tristesse der Umgebung trieb ihn näher zu Maze, der plötzlich stehen blieb. Sich umdrehte und ihn mit seinen seltsamen Augen betrachtete. Verflucht, war der Kerl heiß. Stand er auf Männer? Stand ein Wirehead überhaupt auf etwas anderes als das kühle Blau des Cyberspace?
Red kam ihm so nah, dass er seinen warmen Atem auf den Lippen schmeckte. Verdammt. Er war jetzt schon hart. „Ich will dich ficken“, flüsterte er. Seine Hände schoben die ausgefranste Jacke auseinander. Er spürte das Knistern bis in die Haarspitzen.
Maze grinste schief. „Ich weiß.“
Zwei Worte, die seinem Hirn einen Schlag versetzten. Ihr Kuss ging sofort in Flammen auf und verbrannte den Synth-Rausch zu kristallklarer Begierde. Red presste ihn gegen eine Hauswand, legte ihn sich zurecht. Massierte seinen harten Schwanz, während er von hinten in ihn drang und ihm seinen Rhythmus aufzwang. Seine Gedanken splitterten. Zerbrachen in seinem Stöhnen, das aus seinem wunden Herzen brach. Unter seinen Fingern fühlte er die berauschende Wärme eines menschlichen Körpers – und etwas Kühles. Silikon. Und Metall. War der Typ überhaupt ein Mensch? Egal.
Red implodierte unter seinem Orgasmus. Hielt sich an Maze fest, der sich an ihn presste und den Kopf nach hinten warf. Sie keuchten, im Gleichklang. Ineinander verschmolzen. Auch dann noch, als sich ihre Körper trennten. Am liebsten hätte er ihn nie mehr losgelassen. Er wollte weiter vergessen. Doch der bittere Schmerz kehrte mit aller Gewalt zurück.
Maze zog seine Hose hoch und kramte nach seinem Kabelsalat. Steckte die Glasfasern wieder in die Buchse an seinem Hinterkopf und gab Red einen Abschiedskuss. Was hast du erwartet?
„Wiederholen wir das?“, fragte er.
Der Wirehead lächelte. Wehmütig. „Wäre besser für dich, wenn nicht.“

Am nächsten Morgen war Red erstaunlich klar im Kopf. Kein Schwindel, der seine Wahrnehmung durcheinanderwürfelte. Keine Übelkeit. Oder unkontrolliertes Zittern. Er wusste nicht mehr, wie er auf seiner Couch gelandet war. Allein. Durch seine Gedanken flackerten Bilder von Maze und seinen künstlichen, seltsam blauen Augen. Auch wenn die halbe Nacht zwischen Neonfunken und Dunkelheit verschwamm, spürte er noch immer das irre Kribbeln unter seiner Haut. Die Begegnung mit dem Wirehead hatte ihm schmerzhaft ins Bewusstsein gerufen, wie einsam er war. Die letzten Wochen war er permanent drauf gewesen. Das Synth hatte seinen Schmerz nicht gelindert. Es hatte ihn nur geblendet, sodass er das Loch in seinem Herzen nicht gesehen hatte. Aber gefühlt. Jede verfluchte Sekunde hatten sich die Scherben durch seine Seele geschnitten.
Red kämpfte sich auf die Beine und ging ins Bad. Lies kaltes Wasser über seine Finger rinnen und presste sich die kalten Hände aufs Gesicht. Ein Blick in den Spiegel zeigte dunkelgraue Augenringe und entsetzlich bleiche Haut. Er war ein verdammtes Wrack. Wenn er sich weiter zudröhnte, hatte er keine Chance auf Rache. Diese Sektenspinner würden ihn erledigen, noch ehe er sich einen Plan zurechtlegen konnte. Es wurde Zeit, dass er den Schmerz hinter sich ließ und diese Wichser bestrafte. Es wurde Zeit, dass er Decans Rat befolgte und sich eine Knarre besorgte.
Red hatte sich schon öfter auf dem Schwarzmarkt herumgetrieben, trotzdem waren ihm die verhüllten Gestalten und zwielichtigen Budenbesitzer unheimlich. Plastikplanen hielten den Regen davon ab, Löcher in die Waren zu fressen. Die meisten verbargen ihre dunklen Geschäfte hinter nachgemachten Designerklamotten oder Technikkram. Vieles davon war brauchbar, aber keiner kam hier her, um sich eine Datenbrille oder ein gefakedtes Asics-Shirt zu kaufen.
Decan hatte ihm die Koordinaten seiner Connection geschickt, sodass Red sich in dem Gassenlabyrinth leicht zurechtfand. Er wurde mehrmals von komischen Typen angequatscht, die ihm Drogen und Raubkopien von brandneuen Games und Pornos andrehen wollten. Auf Sticks oder live in einem ihrer Hinterzimmer. Sein desinteressierter, kühler Blick hielt sie jedoch davon ab, ihn weiter zu nerven.
Das Geschäft des Chinesen lag in einer Sackgasse und war als Asiashop getarnt. Nicht, dass die Securities darauf hereingefallen wären. Aber man versuchte, den Schein zu wahren. Keinen Grund für eine Razzia zu liefern. Dann ließen die Konzerne einen in Ruhe, denn sie profitierten ebenso von den Verbindungen der Schwarzhändler.
Als Red den Laden betrat, schlug ihm der Muff von Soyaprodukten entgegen. Kitschige Katzenfiguren standen zwischen Soßen und Reispackungen. Ein Anime mit glupschäugigen Mädchen in Bikinis flimmerte über einen Bildschirm über der Kasse, wo eine dürre Frau stand und ihre Hände in einen Nageldesigner hielt. Ein kleiner, schwarzer Kasten, der alles konnte. Feilen, Lackieren, Versiegeln, Dekorieren. Liz hatte sich so ein Teil gewünscht. Und er hatte gedacht, dass die Welt wegen so einem Scheiß zugrunde ging.
„Ich will zu Ming“, verkündete Red.
Die Frau schaute nicht einmal auf. Dafür erschien ein Chinese in bunter Hologrammhose neben ihm und sagte schroff: „Nie gehört.“
Ja klar. „Decan hat dich empfohlen.“
Die Augen des Chinesen wurden freundlicher. „Ah, Decan bringt gute Kundschaft. Immer. Komm mit.“ Der Name seines Kumpels hatte scheinbar Gewicht. Was für krumme Dinger drehten die beiden zusammen?
Ming führte ihn in einen biometrisch gesicherten Kellerraum. Die Wände gesäumt von Panzerschränken, die sich mit einem leisen Klacken öffneten und ein irrsinniges Arsenal an paramilitärischem Spielzeug bereithielten.
„Was brauchst du?“, fragte Ming geschäftig.
Red sah sich um und bemühte sich, nicht allzu beeindruckt zu wirken. Sonst würde der Typ ihn knallhart abzocken. Kurz überlegte er, sich eine fette Laserknarre zu kaufen, besann sich dann aber. „Was Handliches, leicht zu bedienen, leicht zu verstecken, möglichst hohe Durchschlagskraft.“
Ming griff sich zielsicher eine eher unscheinbare Handfeuerwaffe und hielt sie ihm hin. „Hier. Desert Eagle LV, Standardmodell israelisches Militär. Single Action. Mit Zusatzfunktionen, kannste Drohnen vom Himmel ballern und Verfolgern den Schädel vom Hals. Spezialummantelung, wird von den meisten Scannern nicht erkannt. Kannste mit in den Kern nehmen, falls du da hin willst.“ Red nahm die Waffe probeweise an sich. Ming grinste. „Liegt gut in der Hand, ja?“ Verdammt gut. „Biometrisches System“, ergänzte der Chinese, „entsichert nur, wenn du sie hältst. Programmierung mach ich kostenlos. Für Decans Freund.“ Er grinste und entblößte dabei seine stumpfen, gelben Zähne.
„Danke man. Die ist perfekt.“ Der Hacker hatte nicht übertrieben. Der Chinese wusste genau, was seine Kunden glücklich machte.

Die Desert Eagle gab Red das Gefühl, voranzukommen. Ihm war bewusst, dass er mit der Waffe nicht viel ausrichten konnte, dennoch fühlte er sich stärker. Der nächste Schritt: Verbündete suchen. Allein würde er nicht weit kommen. Er wollte nicht nur einen dieser beschissenen Tempel stürmen und Amok laufen. Nein, er wollte mehr. Einen der Köpfe dieser kranken Sekte erwischen. Die Wahrheit über Liz‘ Schicksal erfahren. Und dann ihre verfickte neue Wirklichkeit zertrümmern.
Er beschloss, Decan einen Besuch abzustatten. Er schuldete ihm ohnehin eine Erklärung für sein Abtauchen. Sie kannten sich noch aus der Schule und eigentlich kümmerte es den Hacker wenig, wenn Red sich tage- und wochenlang nicht meldete. Doch diesmal hatte er ihm täglich Nachrichten geschickt. Red hatte sie alle ignoriert. Seinem alten Kumpel zu erzählen, was passiert war, hätte alles nur real gemacht. Aber es wurde Zeit, dass er sich der Realität stellte.
Decan hatte mit seinen virtuellen Jobs kräftig Kohle gescheffelt. Besaß ein eigenes Loft. In einem Wohnturm, der den Betonwall überragte. Von seiner Dachterrasse aus konnte man das Leuchten des Kerns sehen, doch der Hacker hatte nichts dafür übrig. Er saß den ganzen Tag in seiner Bude, das Bewusstsein im Cyberspace verloren. Für Decan war das tiefe, kühle Blau realer als das Grau des Himmels oder das Neonfunkeln einer besseren Welt.
Als Red den in kaltes Licht getauchten Flur betrat, kam ihm der Aufzug bereits entgegen. Der Hacker hatte ihn wahrscheinlich schon gesehen, als er die Straße entlang gegangen war. Angeblich hatte er Zugriff auf das Kamerasystem des ganzen Viertels. Als die Fahrstuhltüren auseinanderglitten, erwartete Decan ihn in zerrissener Jeans und engem T-Shirt. War gut in Form, dafür, dass er fast permanent online war. Sein Haar war immer noch platinblond mit schwarzen Stoppeln an den Seiten. Wie damals, als Red oft bei ihm gepennt hatte.
„Du siehst scheiße aus“, stellte Decan fest.
„Liz ist tot.“
„Oh fuck.“
Red hatte es zum ersten Mal laut ausgesprochen. Seine Schwester war tot. Sein Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen. Tränen schossen ihm in die Augen. Er versuchte sie wegzuzwinkern, doch als sein Freund langsam näher trat und ihn wortlos in seine Arme zog, begann er haltlos zu schluchzen. Scheiße. Er wollte mit dem Hacker in den Krieg ziehen. Und nicht vor ihm zusammenbrechen.
„Tut mir leid“, flüsterte Decan. Er hielt Red fest, strich ihm sanft über den Rücken. Gab ihm Zeit, sich zu beruhigen. Die Trauer wütete in ihm, ließ seinen Körper beben. Red hatte das Gefühl, zu implodieren und ließ los. Heulte hemmungslos in den Armen seines einzigen Freundes. Tat gut, sich gehen zu lassen. Nur für einen Moment. Einen kleinen, vergänglichen Moment der Schwäche.
Irgendwann ließ das Schluchzen nach und Red holte tief Luft. Er wischte sich mit dem Ärmel seiner Lederjacke grob die Tränen aus dem Gesicht und verkündete: „Ich brauch deine Hilfe.“
Decan hatte keine Stühle, auch kein Sofa oder irgendeine andere Sitzgelegenheit außer seinem Futon. Also nahmen sie darauf Platz. Während der Hacker ihnen was zu Trinken holte, schaute Red sich um. Hatte sich nicht viel verändert, seit er das letzte Mal hier gewesen war. Eine Wand war mit Bildschirmen zugeklebt, die Livebilder diverser Kameras zeigten oder Programmfenster voller Codefragmente, die für Red keinen Sinn ergaben. Kabel wanden sich wie Schlangen über die alten Holzdielen. Decan mochte das Gefühl unter seinen nackten Füßen. Auch jetzt war er barfuß.
„Willst du Tranquilizer?“, fragte der Hacker von der offenen Küche aus.
„Nein. Hab mich lang genug weggeschossen.“
„Also Wasser.“
Als sein Kumpel ihm das vor Kälte beschlagene Glas gab, drückte Red es sich kurz an die Stirn, ehe er viel zu schnell trank. Seine Kehle schmerzte. Er musste husten und fühlte sich zum ersten Mal seit Wochen wieder wirklich wach. Gedankenverloren starrte er auf die Tropfen Kondenswasser, die über die strukturierte Oberfläche des Glases perlten. Fühlte die Nässe auf seiner Hand. Decan saß stumm neben ihm und wartete geduldig, bis Red bereit war, ihm alles zu erzählen. Eben noch hatte der Gedanke an Liz‘ Tod ihm den Brustkorb zerdrückt, doch als er nun begann, zu sprechen, war es, als hätte die ganze Geschichte nichts mit ihm zu tun. Eine gnädige Distanz erfasste seine Worte und als er endete, schwiegen sie gemeinsam.
„Was für eine üble Scheiße“, sagte Decan irgendwann. „Was willst du jetzt tun?“
„Keine Ahnung. Aber sie müssen dafür bezahlen.“
„Und da komme ich ins Spiel?“
Red sah seinen alten Kumpel an. Die Zweifel in seinen Augen ließen ihn fremd erscheinen. Er war doch sonst für jeden Mist zu haben. „Ich brauch jemanden mit deinen Skills.“
„Fuck.“ Decan massierte sich den Nacken. „Du hast keine Ahnung, wie mächtig Alterreal ist. Ich versteh dich absolut, du weißt, dass ich das tue. Aber ich kann dir nur raten: Lass es. Die machen dich fertig.“
Verdammt. Das war nicht das, was Red hören wollte. „Hast du Schiss?“
„Ja. Ich will nicht, dass du draufgehst.“ Decan legte ihm den Arm um die Schulter. „Du kannst Liz nicht zurückholen, indem du dein Leben wegschmeißt.“
Red fühlte sich zerschlagen. „Ich weiß, dass ich sie nicht zurückholen kann.“
Sein Kumpel fuhr ihm sanft durchs Haar. „Dann lass los.“ Er drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe. „Nichts für ungut, aber du siehst echt beschissen aus. Du musst erstmal auf die Beine kommen. Dich um dich selbst kümmern. Liz hätte das gewollt.“
Decan hatte Recht. Aber Red konnte nicht akzeptieren, dass diese Arschlöcher ohne Strafe davonkamen. Trotzdem versprach er seinem Freund, erstmal nichts zu unternehmen. Er hatte kapiert, dass der Hacker ihm nicht helfen wollte. Weil es blanker Wahnsinn war, Alterreal den Krieg zu erklären. Red hatte gesehen, wozu die Sekte fähig war. Dass sie keine Skrupel kannte, sondern nur die Gier nach Macht und Geld. Ein Punk aus dem Sprawl war chancenlos. Trotzdem musste er es versuchen.

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #2 |

RE: Red und Maze (Teil 2)
Hallo Zack.

Sebastian kam. Und wir warten darauf, dass er wieder geht. Auch wenn heute doch ein paar sehr dicke Äste an uns vorbeigeflogen sind, haben wir das Gröbste wohl überstanden. Und falls Du Dich fragst, wo wir gerade sind: Da wo es am meisten weh tat.

Zurück zu Deiner Geschichte. Ich denke gerade an den Arbeitstitel 'Red und Maze' und finde, wenn Du damit arbeiten willst, wäre es gut, wenn der Überraschungsmoment (als Maze die Geschichte betritt) nicht dort auftaucht, sondern eher zum Ende des Kapitels. Dann müsste man den Titel ändern oder Maze einen anderen Namen (bspw. Phage) sagen lassen - denn wer ist schon auf der Flucht und nennt einem völlig Fremden dann seine Personalien?
Nur ein Gedanke am Rande.

Hier sind auch einige kleine Formationsfehler drin, ein Leerzeichen zuviel. Aber die findet man auch so.

Zur Geschichte an sich ist zu sagen, dass im ersten Kapitel gut Fahrt aufgenommen wird, als Red versucht seine Schwester zu finden und zu retten. Die Beweggründe sind nachvollziehbar und der Charakter ist mir nicht fern, wobei ich davon ausgegangen bin, dass Liz noch eine wichtige Rolle spielen wird.

Wie sich zeigte, hatte sich diese Erwartung schnell zerschlagen, wobei auch dabei zu erwähnen wäre, dass die Darstellung des Red nicht der eines Helden ist, sondern eher eines 'normalen' Menschen mitten im Zwielicht: Er bangt, er kämpft, er verliert. Keine Superheldengimmiks, die ihm überraschend zur Site stehen. Nein, er muss sich alles hart erarbeiten, wie beispielsweise das Bezahlen mit den Chips, der Kauf der Waffe und die erfolgreiche Flucht mit einer Verletzung.

Womit wir bei Maze wären, oder besser gesagt: Dem Intermezzo der beiden Darsteller miteinander. Um es freundlich zu formulieren und es als Frage zu gestalten: Wenn ich über gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen schreiben würde, dann würden etliche (vorzugsweise weibliche) Augen rollen und die Lippen 'Typisch Mann' flüstern. Ein No-go? Und hier muss ich der anderen Uferseite schweigend zuschauen?
Unnötig zu erwähnen, dass ich diesmal meine Augen rollen ließ.
Okay, die gleichgeschlechtliche Liebe von Stephen Frys 'Geschichte machen' war okay, die hatte ich verstanden, die war gut begründet. Aber schon wieder? In einer SF-Geschichte? Und dann, als Spitze des Ganzen, ist der Arschgefickte auch noch ein Irgendwas aus Mensch und KI?

Ich nehme es Dir ab, dass die beiden Darsteller so miteinander agieren, was wahrscheinlich auch damit zusammenhängt, dass Du Maze derartig in Szene setzt, dass er bei mir mit eher femininen Attributen im Kopf auftaucht. War er erst eine Frau und wurde dann von Dir umgepolt? Oder war er schon immer so geplant und skizziert? (Interessehalber.)

Die Welt selbst lässt Du nur bedingt mitspielen, gibst ihr keinen spezifischen politischen, kulturellen oder ökologischen Hintergrund. Dafür setzt Du die Begebenheiten, die Besonderheiten wie das Marszeichen, die Drogen, die Namen der Orte und das ganze Zusammenspiel in dieser Gesellschaft im Zwielicht so ein, dass sie auch keiner Erklärung bedürfen. Was diese Priester, diese Sekte genau ist und was sie vorhaben, ist völlig egal: Sie sind scheiße. Das reicht für den Leser völlig aus, um sie auch als immerwährende Bedrohung, die überall auftauchen kann, wahrzunehmen.

Das ist enorm wichtig, denn im Grunde sind alle Geschichten gleich oder weisen ein bekanntes Strickmuster auf, ungeachtet ob SF, Fantasy oder was weiß ich. Nur die Besonderheiten, die Zusammensetzung, die Handlungsstränge, die Darstellerskizzierung, die Charakterisierung machen die Werke untereinander unterschiedlich und besonders.

Nein, das ist kein Loblied, Zack. Das ist das, was ein Leser erwartet, zumindestens ich als Viel-zu-wenig-Leser.
Über das gleichgeschlechtliche Element bin ich mir noch insgesamt unsicher, aber der Rest - ungeachtet meiner Bemerkungen bei Teil 1 - liest sich in einem Rutsch weg, liest sich also recht flüssig und klar.
Das war nicht immer so, ich weiß, aber hier wären alle Adjektive der Welt, alle Farben und Formen eines Flügelschlags, definitiv zuviel gewesen.

In diesem Sinne

LGD.


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Beitrag #3 |

RE: Red und Maze (Teil 2)
Hey Dread,

(ich hoffe, das Wetter hat sich beruhigt)

ich hätte nicht gedacht, dass das "gleichgeschlechtliche Element" so irritiert bzw. ich hätte nicht gedacht, dass es dir so missfällt Icon_wink ...

Maze war von Anfang an als Mann konzipiert, allerdings ist er ein recht androgyner Typ, sein Leben fand überwiegend online statt und er hat keinen wirklichen Bezug zu seinem Körper, der ja schon zahlreiche Modifikationen erfahren hat. Für mich war klar, dass zu Red keine Frau passt - und ja, ich mag solche Beziehungen.

Red und Maze sind Charaktere aus einer anderen Geschichte (so ne Cyberpunk-Sache, hatte das mal im alten Forum eingestellt, weiß nicht, ob du dich erinnerst). Diese habe ich kürzlich mit einem Ende versehen und da tauchen eben auch Red und Maze auf. Zwei recht gegensätzliche Typen, die mich nicht losgelassen haben und von denen ich die Vorgeschichte schreiben wollte.

Momentan fühlt es sich so an, als könnte die Vorgeschichte größer als die eigentliche Story werden *lach* ... und wenn ich eine Ahnung habe, wo die Reise ungefähr hingeht, reiche ich auch einen richtigen Titel nach.

Danke fürs Lesen. Ich mag diese Story nämlich sehr gern, auch oder weil sie ziemlich trashig ist ^^

Die Hintergründe der Welt werden vielleicht demnächst etwas klarer, wobei nicht vorgesehen ist, da zu weit ins Detail zu gehen. Wie du erkannt hast, ist Red ein "normaler" Typ, der sich abmüht, viel einstecken muss, aber auch oftmals verdammtes Glück hat.

Viele Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #4 |

RE: Red und Maze (Teil 2)
Huhu Zack,

schauen wir mal, wie es weitergeht. Diesmal mit etwas mehr Hintergrundinfos. Icon_wink



Zitat:Er lauschte der Stimme in seinem Kopf, die immer zu brüllte: Du. Bist. Schuld.
Nachvollziehbar, dass er sich Vorwürfe macht. Wenn auch ungerechtfertigt - was hätte er tun sollen? Oder ist der Altersunterschied zwischen Liz und Red so groß, dass er ihr noch hätte Vorschriften machen können? Das wirkte jedenfalls nicht so. Mir gefällt, wie du die Tage unter Dorgeneinfluss vorbeiziehen lässt, wie das Flackern einer Flimmerkiste. Ein Stilmittel, wie aus einem Film.


Zitat:Links von ihm eine irrwitzige Anzahl von Silikondildos, die träge auf kleinen Glaspodesten rotierten. In einer Vielfalt an Farbe und Form, die ihn stutzen ließ. Rechts ein Survival-Shop mit einem krassen Messerbouquet in der Auslage. Umrahmt von netten Knarren.
Hehe, netter Konstrast. War ja zu erwarten, dass er irgendwann auf die Idee kommt, Alterreal für Liz' Tod verantwortlich zu machen. Bin gespannt, was Red jetzt tut. Was er überhaupt ausrichten kann.


Zitat:„Scheiß Tag?“, fragte der Barkeeper. Ein bärtiger Kerl, dessen massige Statur viel zu einschüchternd wirkte, um Leute abzufüllen. Seine Augen blickten jedoch freundlich.
Ich glaube es gibt ein physikalisches Gesetz, dass Barkeeper immer gute Zuhörer sein müssen. Mrgreen Aber vielleicht ist es ja kein Klischee: Direkt an der Bar sitzen ja eher die Einsamen und alkohol macht redselig. Man hält es wahrscheinlich nicht lange als Barkeeper aus, wenn man nicht gut zuhören kann. Icon_wink Trotzdem sollte das Klischee manchmal gebrochen werden.


Zitat:Red blieb vor ihm stehen, beugte sich runter, um ihn näher zu betrachten.  Und erschrak, als der Typ ihn ansprach. „Hi.“
„Sorry. Dachte, du bist online.“
„Bin ich.“
Aha, so ein Synchronding. Wahrscheinlich störte er. Trotzdem setzte er sich einfach neben ihn. Näher, als Fremde es taten. Aber nicht zu nah. „Ich bin Red.“
Sein Gegenüber blinzelte. „Maze.“
Coole Szene. Auf das wichtigste reduziert, aber mit einer eigenen Komik. Und verrät mir noch ein kleines Detail über de Welt. Schön.


Zitat:„Könnte etwas Zuwendung vertragen.“ Ein schiefes Grinsen. Zog meistens.
Ich sag mal so: Es gibt schlechtere Anmachen ... und bessere. Icon_lol 


Zitat:Der Nachthimmel über ihnen war nur zu erahnen. Ein sternenloser, tiefgrauer Abgrund. Die Tristesse der Umgebung trieb ihn näher zu Maze, der plötzlich stehen blieb. Sich umdrehte und ihn seltsam ansah. Verflucht, war der Kerl heiß. Stand er auf Männer? Stand ein Wirehead überhaupt auf etwas anderes als das kühle Blau des Cyberspace?
Red kam ihm so nah, dass er seinen warmen Atem auf den Lippen schmeckte. Verdammt. Er war jetzt schon hart. „Ich will dich ficken“, flüsterte er. Seine Hände schoben die ausgefranste Jacke auseinander. Er spürte das Knistern bis in die Haarspitzen.
Maze grinste schief. „Dann tu‘s doch.“
Das ging schnell. Aber es passt ganz gut zur Location, zu Drogen und zur Verzweiflung, die Red auffrisst. Trotzdem: wäre das Klo nicht vielleicht ein besserer Ort gewesen?


Zitat:„Wiederholen wir das?“, fragte er.

Der Wirehead lächelte. Wehmütig. „Wäre besser für dich, wenn nicht.“
In Anbetracht des (provisorischen) Titels ... hab da den leisen Verdacht, dass sie sich wiedersehen werden. Mrgreen 


Zitat:Die Begegnung mit Maze hatte ihn wachgerüttelt. Er spielte mit seinem Leben. Wenn er sich weiter mit Synth zudröhnte, war er ein leichtes Opfer für Alterreal.  Diese Sektenspinner würden ihn erledigen, noch ehe er sich einen Racheplan zurechtlegen konnte.
Die Sache ist die, Red, die Spinner hätten dich doch längst erledigt, wenn sie gewollt hätte. Er kommt mir ein wenig naiv vor.


Zitat:Als Red den Laden betrat, schlug ihm der Muff von Soyaprodukten entgegen. Kitschige Katzenfiguren standen zwischen Soßen und Reispackungen. Ein Anime mit glupschäugigen Mädchen in Bikinis flimmerte über einen Bildschirm über der Kasse, wo eine dürre Frau stand und ihre Hände in einen Nageldesigner hielt.
Auch hier wieder: In wenigen Worten ein klares Bild vor meinen Augen gezeichnet. Schön!


Zitat:„Danke man. Die ist perfekt.“ Der Hacker hatte nicht übertrieben. Der Chinese wusste genau, was seine Kunden glücklich machte.
Der Drogenhandel scheint ja sehr einträglich zu sein, wenn er sich die einfach so leisten kann. Ich hätte gedacht, dass Red aufgrund seines Zustands eher knapp bei Kasse ist.

Zitat:Maze hatte inzwischen ausgesteckt und verstaute sein Deck im Innern seiner langen Jacke. Sein Blick zuckte ängstlich umher. „Alterreal.“ Er war so leise, Red hätte ihn fast nicht verstanden. Doch dieses eine Wort ließ alle Alarmglocken in ihm schrillen. Sofort war er hellwach.
Maze ist also wichtig genug, dass Alterreal hinter ihm her ist. Interessanter Zufall (oder vielleicht ist es auch keiner). Wenn es nur Zufall sein sollte, stört mich das als Leser ein kleines bisschen. Und ich frage mich, ob Red nicht schon hellwach sein müsste, nachdem eine Kugel neben ihm eingeschlagen ist. Er müsste doch vollgepumpt mit Adrenalin sein. Vielleicht findest du hier eine andere Formulierung. Ich stelle mir das eher so vor, dass Red jetzt alle Aufmerksamkeit auf Maze konzentriert, statt auf die Umgebung.


Zitat:Warum nur waren diese Alterrealanhänger alle gottverdammte Süchtige?
Tja, warum nur? Könnte was mit den Kelchen zu tun haben, nicht wahr? Icon_wink


Zitat:Erst als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, konnte er wieder durchatmen. Keiner hatte sie verfolgt. Hatten wohl daran zu knabbern, dass ein Wahnsinniger ihre Drohne gekillt hatte. Wahnsinn war eine Grundvoraussetzung, wenn man sich mit Alterreal anlegte. Der immer noch hohe Adrenalinspiegel veranlasste Red dazu, dämlich zu grinsen. Fuck. Sie waren beide am Leben. Oh man …
Jetzt ist wohl Maze der Glückspilz, dass er sich diesen Wahnsinnigen aufgelesen hat. Mich überzeugt die Verfolgungsjagd. Insbesondere auch, dass du sie nicht zu lange hinziehst.


Zitat:Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Sein linker Arm sah anders aus als der rechte.
Denk nach Red, du hast es doch schon gespürt, als ihr Sex hattet.


Zitat:„Phage. Er hat sich die gleichen Fragen gestellt. Ich konnts selbst kaum glauben. Wir wollten zusammenarbeiten, aber die haben uns entdeckt. Weiß nicht genau, was passiert ist, aber Phage musste fliehen – und steckt nun hier drin.“ Maze tippte sich an die Schläfe.
„In deinem Kopf?“
„Hab viel Technik im Hirn. Alterreal brauchte jemanden, der weiter ging als andere. Hatte viele Operationen, viele Verbesserungen. So konnte ich Phage in mir verstecken, aber irgendwas ging schief. Unsere Persönlichkeiten überlagern sich.“
Oha, das find ich mega spannend! Wird mir fast ein bisschen zu schnell hingeworfen, dafür dass es ein ziemlich cooles Konzept ist. Ich nehme an, du möchtest eine andere Geschichte erzählen und hast keinen Platz dafür, aber es wäre auch interessant gewesen, das mit Red zusammen nach und nach herauszufinden.


Zitat:Und diesen Teil kann er nicht mehr in den Cyberspace oder einen anderen Wirt transferieren. Daher teilen wir uns diesen Körper seit zwei Jahren.
Ein anderer Wirt? Ist es nicht das erste Mal, dass Phage sich in einem Menschen verstecken muss?



Auch dieser Teil hat mir wieder gut gefallen. Dir ist es gut gelungen, mir einen Eindruck von deiner Welt zu vermitteln. Ich nehme Red sein Emotionales Chaos ab. Manche Dinge gehen mir weiterhin etwas zu einfach (Red trifft zufällig Maze, Red bekommt ohne Probleme eine schwere Waffe, Maze erklärt sofort was er ist), aber hier geht es auch nur um Nuancen. Jetzt haben wir also unsere zwei Verbündeten, die den Kampf gegen Alterreal aufnehmen sollen. Und gleichzeitig haben wir 2,5-Ecksbeziehung. Mrgreen  Bin gespannt, wie nah wir Phage noch kennenlernen werden.
Alterreal wirkt bisher allerdings relativ schlagbar. Ich bin sicher, dass wir aber bisher nur einen Splitter von ihrem Einfluss gesehen haben.

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Beitrag #5 |

RE: Red und Maze (Teil 2)
Hey Wanderer,

auch hier erstmal Danke für deinen Kommi Icon_smile


Zitat:Oder ist der Altersunterschied zwischen Liz und Red so groß, dass er ihr noch hätte Vorschriften machen können? Das wirkte jedenfalls nicht so.

Nee, der Altersunterschied ist klein, Liz ist ca 4 Jahre jünger als Red, also auch schon eine junge Frau, die ihre eigenen Wege geht. Aber Red hat einen Bruderkomplex, die beiden sind ohne Eltern aufgewachsen und er fühlst sich verantwortlich, vor allem da er eigentlich den naiven Plan hatte, mit Liz wegzugehen ...
Zitat:Ich glaube es gibt ein physikalisches Gesetz, dass Barkeeper immer gute Zuhörer sein müssen. [Bild: mrgreen.gif] Aber vielleicht ist es ja kein Klischee: Direkt an der Bar sitzen ja eher die Einsamen und alkohol macht redselig. Man hält es wahrscheinlich nicht lange als Barkeeper aus, wenn man nicht gut zuhören kann. [Bild: icon_wink.gif] Trotzdem sollte das Klischee manchmal gebrochen werden.

Also erstens muss man in diesem Job gut mit Menschen können und zweitens hört der Barkeeper Red ja eigentlich nicht zu. Er fragt ihn nur, wie's ihm geht, um ihm harten Alkohol anzudrehen bzw. da ist wohl nicht nur Alkohol drin Icon_wink ... aber richtig mit Red reden und ihm zuhören tut er ja nicht.


Zitat:Ich sag mal so: Es gibt schlechtere Anmachen ... und bessere. [Bild: icon_lol.gif]

Definitiv ^^


Zitat:Trotzdem: wäre das Klo nicht vielleicht ein besserer Ort gewesen?

Äh, nein, ich find das ehrlich gesagt eklig auf dem Klo *lach* (ja, auch für Cyberpunk zu eklig) ... und eine einsame Gasse erschien mir als Kulisse viel besser. Zumal das eh so ein mieser Schuppen ist, wo das Klo höchstwahrscheinlich schon belegt ist. Und Red macht sich eh nichts draus, ob jemand zusieht oder nicht.


Zitat:Die Sache ist die, Red, die Spinner hätten dich doch längst erledigt, wenn sie gewollt hätte. Er kommt mir ein wenig naiv vor.

Mhm, ja ein bisschen naiv bzw. durcheinander, er konsumiert einfach zu viel in letzter Zeit und seine Gedanken sind nicht immer sinnvoll. Er hat bei allem das verdammte Glück, dass er für Alterreal nur eine lästige Fliege ist, keine echte Gefahr. Und für Liz hat sich Alterreal auch nie besonders interessiert, sie haben sie benutzt, aber es gibt genug andere. Liz ist für die kein Verlust. Und kein Grund, einen Idioten wie Red zu verfolgen.


Zitat:Der Drogenhandel scheint ja sehr einträglich zu sein, wenn er sich die einfach so leisten kann. Ich hätte gedacht, dass Red aufgrund seines Zustands eher knapp bei Kasse ist.

Naja, erstens ist das Geschäft wirklich recht einträglich, wenn auch nicht so stark und schnell wie Red sich das gewünscht hat. Aber er macht das ja schon ne Weile und hatte den Plan, mit Liz wegzugehen, sprich er hat sich schon einiges auf die Seite gelegt. Weil er selbst die Drogen vercheckt, kostet ihn der Stoff, den er sich selbst reinzieht, nicht viel.

Zitat:Interessanter Zufall (oder vielleicht ist es auch keiner). Wenn es nur Zufall sein sollte, stört mich das als Leser ein kleines bisschen.

Eigentlich sollte es schon Zufall sein. Wobei für Red damit der große Mist erst richtig anfängt, ob es also ein glücklicher Zufall ist, bleibt abzuwarten. Ich habe nichts gegen Zufälle, sie gehören zum Leben dazu - ich hätte es hier andersrum als störend empfunden, wenn ich den Zufall hier irgendwie als gewollt erklären müsste.


Zitat:Wird mir fast ein bisschen zu schnell hingeworfen, dafür dass es ein ziemlich cooles Konzept ist. Ich nehme an, du möchtest eine andere Geschichte erzählen und hast keinen Platz dafür, aber es wäre auch interessant gewesen, das mit Red zusammen nach und nach herauszufinden.

Das spielt später noch eine Rolle, Red will Phage natürlich irgendwann kennenlernen und das läuft nicht so, wie er es gern hätte.
Zitat:Ein anderer Wirt? Ist es nicht das erste Mal, dass Phage sich in einem Menschen verstecken muss?

Doch schon, aber eine KI wie Phage kann sich auch in anderen Systemen bewegen oder künstliche Körper benutzen. Vielleicht kann ich das anders formulieren, dass es klarer wird. Normal hätte er sich auch in Maze verstecken können und wieder woanders hingehen, aber bei den beiden ist was schief gelaufen.

Freut mich, dass dir auch dieser Teil gefallen hat, vor allem da der für männliche Leser etwas heikel ist Icon_wink

Viele Grüße

- Zack

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Beitrag #6 |

RE: Red und Maze (Teil 2)
Huhu Zack Icon_smile


Zitat:Naja, erstens ist das Geschäft wirklich recht einträglich, wenn auch nicht so stark und schnell wie Red sich das gewünscht hat. Aber er macht das ja schon ne Weile und hatte den Plan, mit Liz wegzugehen, sprich er hat sich schon einiges auf die Seite gelegt. Weil er selbst die Drogen vercheckt, kostet ihn der Stoff, den er sich selbst reinzieht, nicht viel.

Das kann ich nachvollziehen. Aber vielleicht könntest du das auch im Text etwas deutlicher machen? Es muss ja nicht viel sein, ein Halbsatz dazu, dass er an sein Erspartes für Liz geht oder so, würde schon reichen.

Zitat:Freut mich, dass dir auch dieser Teil gefallen hat, vor allem da der für männliche Leser etwas heikel ist [Bild: icon_wink.gif]
Hehe, ja. Mir machen gleichgeschlechtliche Szenen nichts aus. Ich kann mich da schlecht hineinversetzen und kann deshalb nur wenig dazu sagen, ob es jetzt realistisch ist, wie du es beschrieben hast. Soweit ich weiß, hätte Red eigentlich Gleitgel oder so was verwenden müssen, weil sonst die Verletzungsgefahr für Maze sehr hoch ist. Mrgreen Aber mich stört es auch nicht. Für mich kommt es viel mehr auf die Interaktion zwischen den Charakteren an und ob ich es nachvollziehbar finde, dass sie was von einander wollen, als auf das Geschlecht der Partner. Und hier war alles nachvollziehbar.

Liebe Grüße
WW

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Beitrag #7 |

RE: Red und Maze (Teil 2)
Hallo Zack, 

Deine Geschichte ist echt mitreißend. Ich habe gestern auch brav weitergelesen. Allerdings war ich etwas zu müde, einen gescheiten Kommentar zu schreiben und dann lass ich es lieber.  Mrgreen

Zitat:Es war zu leicht gewesen. Er wusste es, noch ehe sie es aussprach. „Giftkapsel“, flüsterte Liz. „Wird aktiviert, wenn … man sich zu weit … entfernt.“
Dreimal hatte ist ein bisschen viel. Oder möchtest du das bewusst betonen?

Ich bewundere an deinem Stil, dass du -auch homosexuelle Szenen- so pass genau beschreiben kannst. Kein Blatt vor den Mund nimmst und man es trotzdem gerne liest. Vor allem auch den Mut dazu hast. 

Zitat:An mehreren Stangen tanzten halbnackte Mädels und Typen. 
Bin mal bisschen erbsenzählerisch, aber wäre Mädchen nicht das bessere Wort? Mädels klingt zu salopp und nicht wirklich erotisch.

Zitat: Verdammt. Er war jetzt schon hart. „Ich will dich ficken“, flüsterte er. Seine Hände schoben die ausgefranste Jacke auseinander. Er spürte das Knistern bis in die Haarspitzen.

Maze grinste schief. „Dann tu‘s doch.“
Das ging aber ziemlich fix  Icon_ugly

Zitat:Er wurde mehrmals von komischen Typen angequatscht, die ihm Synth und Raubkopien von brandneuen Games und Pornos andrehen wollten. Sein desinteressierter, kühler Blick hielt sie jedoch davon ab, ihn weiter zu nerven.
Sind diese Raubkpien auf Sticks oder DVDs? Braucht man die überhaupt noch, wenn man den Kopf mit dem Internet verbinden kann? Cyberpunk ist eine Welt, von der ich leider absolut gar keine Vorstellung habe.

Zitat:Oha. So etwas Schräges war ihm wirklich noch nie passiert. Es war schon mal vorgekommen, dass er Publikum hatte. Oder mit zwei Typen rummachte. Aber mit zwei Personen im gleichen Körper hatte er noch nie das Vergnügen. Schon gar nicht mit einer KI. Vielleicht hatte Phage aber auch abgeschaltet, während er es mit dem Wirehead getrieben hatte.
Nicht bis Zack ihre Geschichte zum Leben erweckt hat. Aber da muss der Red jetzt durch, fürchte ich  Mrgreen Mrgreen Mrgreen

Die gleichgeschlechtliche Liebe ... Heutzutage eigentlich nichts mehr, dass sehr außergewöhnlich ist. Das Außergewöhnliche an der Sache ist, das Maze ja größtenteils künstlich ist. Red führt quasi eine Beziehung mit einer sprechenden Puppe oder so. 

Auf jeden Fall kurzweilig zu lesen und ein Tipp, für jeden Fantasysuchti, der aus seiner Komfortzone raus will.

Liebe Grüße Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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Beitrag #8 |

RE: Red und Maze (Teil 2)
Hallo Persi,

da sind wir wieder Icon_smile

Zitat:Ich bewundere an deinem Stil, dass du -auch homosexuelle Szenen- so pass genau beschreiben kannst. Kein Blatt vor den Mund nimmst und man es trotzdem gerne liest.

Danke Icon_smile


Zitat:Sind diese Raubkpien auf Sticks oder DVDs? Braucht man die überhaupt noch, wenn man den Kopf mit dem Internet verbinden kann? Cyberpunk ist eine Welt, von der ich leider absolut gar keine Vorstellung habe.

DVDs wären etwas altbacken, also eher Speichersticks- und karten. Da im Netz alles überwacht werden kann, haben sich solche Offline-Datenträger gehalten.


Zitat:Das Außergewöhnliche an der Sache ist, das Maze ja größtenteils künstlich ist. Red führt quasi eine Beziehung mit einer sprechenden Puppe oder so.

Das ist aber etwas hart ausgedrückt, Maze ist durchaus ein Mensch, auch wenn Teile von ihm künstlich sind. Aber er als Persönlichkeit ist definitiv menschlich.

Gruß

- Zack

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Beitrag #9 |

RE: Red und Maze (Teil 2)
Hi, Zack!

Wow, eine geballte Ladung Cyberpunk, die du da in Teil 2 untergebracht hat. Da ist ja fast alles dabei, was man so erwartet: Drogenrausch, Waffenbeschaffung, Barszene, Sex, Action, und dann geht es am Ende Schlag auf Schlag an die richtig interessanten Dinge - KI, Phage, Persönlichkeitsüberlagerung, Allianz gegen Alterreal.

Jetzt kann die Show beginnen, würde ich sagen :D


Viele Grüße
Garuda

Bhinneka Tunggal Ika - Unity in Diversity

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Beitrag #10 |

RE: Red und Maze (Teil 2)
Hey Garuda,

freut mich, dass es dir bis hierhin gefällt Icon_smile ... trotz oder auch wegen der ganzen Genreklischees *g* ...

Viele Grüße

- Zack

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