Es ist: 23-05-2018, 00:12
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Verroht die Gesellschaft?
Beitrag #11 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Hallo Zusammen,

Der Vortrag von Prof Maaz in you tube zu sehen,  beantwortet viele Fragen.
Es sind Symptome einer Krise in der Gesellschaft.
Vielleicht ist es für Euch interessant.

Vortrag | Prof. Maaz - Das falsche Leben. Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft


Viele Grüße
Sangkuni


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Beitrag #12 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Hey coco,

ich finde deine Gedanken sehr interessant und sicher ist es so, dass wir heutzutage von den meisten Dingen, die uns umgeben, nicht verstehen, wie sie funktionieren. Zum Beispiel mein mp3-Player, so ein kleines Ding, tausende Songs drauf, hab keine Ahnung, wie genau das Ding funktioniert (naja, so in etwa, aber wenn ich überlege, was da an Klang rauskommt, ehrlich, verstehe ich nicht) ...

Aber das ist schon länger so, Beispiel Auto, da wissen auch viele nicht, wie es eigentlich funktioniert. Ebenso Züge etc. ... oder wie eigentlich die ganzen Waren hergestellt werden, die wir täglich kaufen usw. usw. ... aber das muss Mensch auch nicht wissen. Wir wissen ja auch nicht, wie die Natur funktioniert bzw. manche Wissenschaftler wissen davon ein bisschen was, aber die meisten haben keine Ahnung, was im Innern von Lebewesen passiert oder wie gar unser eigener Körper funktioniert. Die Welt war also schon immer "magisch" und der Mensch ist eigentlich darauf angepasst, die Realität wie einen Desktop zu bedienen.

Was heutzutage aber wohl hinzukommt, ist das Gefühl, dass manche Menschen von diesen neuen "magischen" Computerdingen was verstehen und man selbst nicht und dass diese Menschen einem dann voraus sind, die Jobs wegnehmen usw. usw. ...

Ich denke, es hat auch viel mit der Wahrnehmung und den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten zu tun, man bekommt eben öfter mit, wenn sich andere daneben benehmen. Und ich sehe es auch eher so, dass die Kommunikation übers Internet, wo man sich nicht direkt gegenübersteht, dazu führt, dass man seine hässlichen Seiten eher zeigt und missgünstig ist, verbal aggressiv usw. ... der andere ist ja weit weg. Und man gewöhnt sich daran, diese hässlichen Seiten rauszulassen und überträgt dies aufs real life. Zusätzlich führen Social Media wie Facebook dazu, dass man sich nicht mehr richtig austauscht wie in Foren beispielsweise, sondern nur noch über "gefällt mir" und "find ich scheiße" kommuniziert. Statt seine Meinung darzulegen und zu begründen, wird nur doch ein kurzer Kommentar in den Strudel der digitalen Welt gebrüllt ...

Viele Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #13 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Hallo Zack,

ein kleiner Exkurs, bevor ich zurück zur Verrohung komme.

Ja, niemand weiß wie alles funktioniert und das war schon immer so. Solange man die Reaktion auf eine Aktion abschätzen kann ist das auch egal. Es reicht, die volle Kontrolle über das Ding zu besitzen. Das Neue an KI-lastigen Geräten ist, dass man die Kontrolle abgibt. Zu deinen Beispielen:
  • In deinen MP3-Player tust du halt Lieder rein, die sind dann da drinnen und man kann sie hören. Die bleiben da drinnen, machen sich nicht selbstständig und telefonieren auch nicht nach Hause. Du behältst die Kontrolle. Du kannst abschätzen, was dadurch passiert und was nicht.
  • Ein Autofahrer sollte im Idealfall sein Fahrzeug unter Kontrolle haben. Wohin er mit wem an Bord fährt, wo er wie lange anhält, an welcher Raststätte er wieviel Kaffee trinkt, das entscheidet er selbst. Dabei gängelt ihn niemand und wenn doch, dann merkt er es.
  • Ein Zug fährt von A über B nach C. Die Bahngesellschaft verkauft dir in Ticket von A nach C, kontrolliert aber nicht, ob du heimlich in B schon aussteigst. Sie petzt auch nicht der Polizei, dass du nach C wolltest, wo ein Typ X wohnt den du mal kanntest der mal Gras gedealt hat, aber plötzlich ausgestiegen bist, als Typ Y in deinem Abteil auftauchte. Sie nötigt dir auch kein rabattiertes Ticket nach D auf, damit du Y besuchen kannst, den du ja kennen musst, was jetzt für immer in deinem Passagierprofil gespeichert ist, weswegen du den Job bei Firma Z nicht bekommen wirst, wo Y einen schlechten Social Score hat.

Wir behielten die Kontrolle, bisher. Wir konnten die Folgen unserer Handlungen absehen. Neu ist, dass wir irgendeine ganz normale Handlung ausführen - und damit die Kontrolle über sämtliche Folgen abgeben:
  • Du trifft im Zug eine lustige Reisegruppe, bookmarkst die Leute auf Facebook ... ein Jahr später findest du keine neue Wohnung, weil dein Score abgerutscht ist.
  • Deine langweiligen Nachbarn haben eine neue Wohnung bekommen. Neben dir quartiert die Stadt nun Geflüchtete ein, echt nette Menschen ... aber plötzlich darfst du nirgendwo mehr auf Rechnung bezahlen, weil die Bonität deiner Gegend abgerutscht ist.
  • Auf einer Urlaubsreise wirst du am Flughafen festgenommen. Niemand sagt dir was das soll; es hat was mit dem Bewegungsprofil deines Telefons zu tun, welches von einer KI als typisch für eine Gruppe klassifiziert wurde, die mit einer anderen zu tun hat, mit der wiederum jemand zu tun hatte der mit jemandem zu tun hatte der letztes Jahr noch seinen Morgenkaffee immer zur gleichen Zeit im dem Laden getrunken hatte in dem du gearbeitest hattest. Die KI sagt, ihr kennt euch mit 80% Wahrscheinlichkeit und bewegt euch zu 75% typisch für dieselbe Gruppe.

Das waren jetzt rein hypothetische Beispiele. Worauf ich eigentlich nur hinaus will: Wir lernen, auf die Folgen unserer Handlungen zu pfeifen. Wir haben sie ja eh immer weniger unter Kontrolle und blicken das Dickicht der Folgen und Informationswege schon lange nicht mehr.

(25-02-2018, 21:58)Zack schrieb: Was heutzutage aber wohl hinzukommt, ist das Gefühl, dass manche Menschen von diesen neuen "magischen" Computerdingen was verstehen und man selbst nicht und dass diese Menschen einem dann voraus sind, die Jobs wegnehmen usw. usw. ...

Das war schon immer so. Irgendwas wird neu erfunden, es ersetzt langsam etwas Althergebrachtes, einige Leute verlieren dadurch ihre Jobs und müssen was Neues lernen. So funktioniert Fortschritt. Man denke nur an die ersten Sägewindmühlen die jeweils hunderte Handsäger arbeitslos machten. Diese Mechanik-Nerds nahmen anständigen Handwerkern die Jobs weg...

(25-02-2018, 21:58)Zack schrieb: Ich denke, es hat auch viel mit der Wahrnehmung und den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten zu tun, man bekommt eben öfter mit, wenn sich andere daneben benehmen.

Stimmt. Früher hatte man eine gewisse Scheu davor, sich schlecht zu benehmen. Andere benahmen sich ja immer so perfekt ... tja, heute outen alle ihr dümmstes Fehlverhalten, ihre Tollpatschigkeit und die spontan-blöden Gedankengänge in den Sozialmedien. Das beruhigt. Man ist nicht allein. Andere sind genauso unvollkommen, fühlen sich genauso und haben sich offenbar schon auf tausend Anlässen grottenschlecht aufgeführt. Das senkt die Hemmschwelle, sich auch daneben zu benehmen.
Aber es hat auch so viele positive Seiten. Egal was man für Komplexe hat, man ist eben nicht alleine mit seiner Unzulänglichkeit. Man darf sich zeigen. Man findet Zuspruch (und Cyber-Mobber, aber die blockt man weg).

(25-02-2018, 21:58)Zack schrieb: Zusätzlich führen Social Media wie Facebook dazu, dass man sich nicht mehr richtig austauscht wie in Foren beispielsweise, sondern nur noch über "gefällt mir" und "find ich scheiße" kommuniziert. Statt seine Meinung darzulegen und zu begründen, wird nur doch ein kurzer Kommentar in den Strudel der digitalen Welt gebrüllt ...

Ähem ... war das vor dem Internet anders? Okay, es gab Debattierclubs für die geistige Oberschicht, Stammtischgespräche fürs Arbeitervolk, Handarbeitskränzchen für die Hausfrauen, da wurden auch mal längere Gespräche geführt. Aber im einfachen Alltag hatte einer eine Meinung und die "peer group" stellte sich entweder dahinter oder pöbelte ihn an. Es gab den "Checker", das "Opfer" und die "Mitläufer". Wahrscheinlich schon immer. Wer die Meinung vorgibt und wem aus Prinzip immer widersprochen wird, haben auch dazumal die sozialen Hierarchien bestimmt.
Neu ist nur, dass die "Checker" sich gegenseitig übertönen müssen, weil ihre Mitläufergruppen nicht mehr räumlich isoliert sind. Und dass die "Opfer" einander zuhören, sich also zusammenschließen können. Die Welt scheint lauter zu werden, weil mehr Stimmen gleichzeitig schreien. Da schreien aber nicht mehr Mäuler, sie schreien nur neuerdings am selben Ort.

Aber um aufs Thema zurückzukommen: Verroht die Gesellschaft?

Das weiß ich noch gar nicht. Klar, die Gesellschaft ist roher als vor 30 Jahren. Aber ist sie roher als vor 70 Jahren, vor 100, vor 500, vor 2000 Jahren?
Sind wir roher als die Wehrmacht, als Hexenverbrenner, als Kreuzritter oder Wikinger? Roher als Sklavenhändler in der Kolonialzeit? Sind wir roher als die antiken Erzähler die sich die brutalen Geschichten des alten Testaments "ausgedacht" haben?

Womöglich haben der Schock zweier Weltkriege und das anschließende Zusammenrücken im "Kalten Krieg" ein paar kuschelige Jahrzehnte gebracht. Zeitzeugen der schlimmen Zeiten sterben nun langsam aus. Die nachwachsenden Generationen sind nicht mehr davon geschädigt, das heißt - sie sind wieder normal! So normal brutal, empathiebefreit und roh wie Menschen in jeder Epoche einmal waren.


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Beitrag #14 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Neuer Tag, neuer Denkansatz:
In den letzten Jahrzehnten hat sich mehr verändert als nur die Telekommunikation. Zum Beispiel der Straßenverkehr. Während das Internet zu Oberflächlichkeit, aber dennoch zu einer gewissen Form von Nähe führt, führt modernes Fahrzeug-Design zur totalen Abschottung gegenüber der Außenwelt.

Tatsächlich erlebe ich die meiste sinnlose Aggression auf der Straße. Was früher einfach Verkehrsmittel waren, wird heute als Waffe eingesetzt: Wir dürfen zwar keine Gewehre kaufen wie die US-Amerikaner, aber hey, wir dürfen SUVs leasen!
Hier ist ein besonders krasser Fall des alltäglichen Wahnsinns:
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/...71876.html

Noch in den 80ern war es völlig normal, dass Kinder ohne Helm oder Warnweste alleine mit ihren Fahrrädern herumfuhren. Man durfte davon ausgehen, dass sie gesehen und mit Rücksicht behandelt wurden. Damals waren die Autos schmaler und oft so hellhörig, dass der Fahrer etwas von der Welt da draußen mitbekam. An Ablenkung gab es höchstens Radio und Beifahrer.

Geht man heute auf die Straße, dann jagen Privatleute ohne besondere Ausbildung tonnenschwere, übermotorisierte Geschosse mit perfekter Schalldämpfung wenige Zentimeter an unbewaffneten Zivilisten vorbei. Die Fahrer kriegen ja auch nichts mit: Man sitzt bzw. liegt wie in einem Fernsehsessel, hört die Lieblingsmusik in Wohnzimmerqualität, drückt ungeniert auf dem Handy/Navi herum ... da kann man schon mal vergessen, dass die am Fenster vorbei flirrenden Farbschatten die Neonjacken schutzloser Menschen sind. Einem selbst kann ja nichts passieren im kuscheligen Wohnzimmer-Panzer ... da kann man schon mal vergessen, dass das lästige Hindernis tot ist, wenn man nur eine Sekunde was falsch macht.

Vielleicht liegt es an den Gesellschaften in denen ich mich so bewege, aber die unsozialsten Betonköpfe die mir begegnen sind tatsächlich meistens mit dem Auto da. Wer mit was Anderem fährt, ist schon daran zu erkennen, dass er offener wirkt, sein Hirn weniger gegen neues Gedankengut abschottet.

Anscheinend lernt man Abschottung durch den Alltag. Genauso wie man das Bedürfnis nach Rücksicht lernt. Je nachdem, mit welchem davon man sich selbst öfter konfrontiert.

Deshalb erdreiste ich mich, eine Vermutung in den Raum zu stellen, die kaum jemandem gefallen wird:
Der deutsche Autowahn trägt nennenswert zur Verrohung bei. Seit Jahren korrelieren mehr und schwerere zugelassene Privat-Pkw mit schwindendem Mitgefühl und sinnloser Aggression.
Denn je stärker ein Auto seinen Fahrer von der Realität abschirmt, desto weniger nimmt er andere Menschen als Lebewesen wahr. Zwischen Pollern und Fußgängern gibt es für viele anscheinend keinen Unterschied mehr.

Der Effekt zeigt sich auch in der neuen Gaffer-Unkultur bei Unfällen. Früher wurde geholfen oder aus dem Weg gefahren. Jetzt steigt man aus und hält die Handy-Kamera drauf. Denn das sind ja keine Menschen auf dem Asphalt, das sind umgefahrene Verkehrshindernisse.
Ich behaute einfach mal, dass daran nicht allein das Internet schuld ist, wo man mit dem Unfallvideo prahlen kann. Daran ist auch die physikalische Abschottung schuld, die fremde Verkehrsteilnehmer in lästige Objekte im Weg verwandelt.


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Beitrag #15 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Oh, jetzt antwortet niemand mehr. Hab ich einen wunden Punkt getroffen? Keine Ahnung ... aber noch eine Untermauerung:

http://www.sueddeutsche.de/auto/automati...-1.3902709
Zitat: Immer mehr Menschen betrachten das Auto als dritten Lebensraum neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz. Passend zu dem Gefühl, in einem rollenden Wohnzimmer zu sitzen, ändert sich auch das Verhalten hinter dem Steuer. Die Autofahrer lassen sich nicht nur durch Handy, Navigationsgerät und andere elektronische Spielereien ablenken. 41 Prozent der Befragten essen, trinken oder rauchen auch am Steuer. Zudem fährt jeder Dritte los, ohne sich anzuschnallen und die Spiegel oder den Sitz richtig einzustellen. 14 Prozent der Befragten berichten zudem, dass sie sich während der Fahrt noch mit Kleidung oder Make-up beschäftigen. Ganz schön viel Ablenkung für 20 Minuten durchschnittliche Fahrzeit.

Wie unsozial ist das denn bitte? Immer mehr Leute fahren 1-2 Tonnen Metall durch Wohngebiete ohne wirklich raus zu gucken. Man ist auf der Straße zu Hause, alle drumherum sind also Gäste und haben sich anzupassen. DAS ist Überheblichkeit, DAS ist Verrohung. Hat aber nichts mit neuen Medien zu tun. Eher mit Bequemlichkeit, mit Rückzug ins Private. Sozusagen mit einem "oxytocin-ähnlichen" Effekt: Kuscheln nach innen, kämpfen nach außen.

Deshalb kann die Rückbesinnung auf Familie und Freunde keine Lösung sein. Im Gegenteil, genau dies scheint Teil des Problems zu sein: Immer mehr Menschen verbarrikadieren sich 24/7 in ihrem persönlichen Umfeld. Alles darüber hinaus wird, wenn überhaupt, als "Stein im Weg" wahrgenommen.


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Beitrag #16 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Ich denke nicht, dass du einen wunden Punkt getroffen hast, wir sind wohl eher von deinem Einfallsreichtum zum Thema beeindruckt Icon_wink

Das mit den Autos: Mhm, ja, nein, den Ansatz finde ich gut, aber ich denke nicht, dass das Auto als abgeschotteter Raum diese negativen Verhaltensmuster erzeugt. Eher verstärkt bzw. sichtbar macht. Ich sehe es eher als Ausdruck der gesteigerten Selbstbezogenheit, dass Leute im Auto mit dem Handy hantieren, obwohl sie wissen, dass sie Unfallgefahr immens steigt. Dass sie sich schminken etc. ... aber das haben diese Personen früher auch schon. Früher wurde genauso im Auto gegessen, geraucht, usw. ...
Heute gibt es einfach viel mehr Autos auf der Straße und entsprechend viel mehr Leute, die sich schlecht benehmen. Weil die Welt bei vielen nur um das eigene Ego kreist. Ähnlich verhält es sich wohl mit Gaffern, die nicht sehen "oh, da ist jemand verletzt und braucht Hilfe", sondern "cool, damit bekomme ich Aufmerksamkeit, weil ich sowas Krasses erlebt habe". Mangelnde Empathie also ...

Woher kommt aber diese mangelnde Empathie und diese Sucht nach Aufmerksamkeit?

Ich werfe mal die These in den Raum, dass es teilweise mit der veränderten Arbeitswelt zusammenhängt. Damit, dass heute oftmals beide Eltern arbeiten und Kinder länger fremdbetreut werden, ihre eigenen Eltern seltener sehen und deren Aufmerksamkeit seltener erlangen. Gleichzeitig werden die Kinder vielleicht mehr verhätschelt, weil man sie ja seltener sieht. Man zieht die jungen Leute zu Egoisten heran. Wenn das Kind in der Schule nicht gut ist, wird die Schuld sofort bei anderen gesucht - natürlich, die Lehrer sind schlecht! Das Motto lautet zunehmend: Die anderen sind Schuld, die anderen müssen sich mir anpassen - was man selbst tun kann, dass man vielleicht sich selbst anders verhalten kann und sollte, das sieht man immer weniger.

Wir setzen uns immer weniger wirklich mit unserem Gegenüber auseinander, vieles läuft nur über oberflächliche Vergleiche. Empathie, Mitgefühl - das sind keine erstrebenswerten Werte mehr, damit wird man nicht reich, damit gewinnt man keine Aufmerksamkeit. Stattdessen gilt es, lauter zu schreien und immer "besser" zu sein als andere.

Vermutlich gibt es sehr viele Gründe für den zunehmenden Egoismus, aber ich sehe da auch stark die Eltern und andere Familienmitglieder in der Verantwortung, dass man jungen Menschen positive Werte vermittelt.

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #17 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
(21-03-2018, 11:49)Zack schrieb: Gleichzeitig werden die Kinder vielleicht mehr verhätschelt, weil man sie ja seltener sieht. Man zieht die jungen Leute zu Egoisten heran. Wenn das Kind in der Schule nicht gut ist, wird die Schuld sofort bei anderen gesucht - natürlich, die Lehrer sind schlecht! Das Motto lautet zunehmend: Die anderen sind Schuld, die anderen müssen sich mir anpassen - was man selbst tun kann, dass man vielleicht sich selbst anders verhalten kann und sollte, das sieht man immer weniger.

Helikopter-Eltern, ja, daran dachte ich auch zuerst. Das erklärt die Egozentrik in der jungen Generation. Aber nicht die Egozentrik der Älteren.

Die Klammerei an die Kinder halte ich in vielen Bereich für schädlich. Schon weil die "Kinder" irgendwann groß sind, als Studenten weiter bemuttert werden, eines Tages ins "normale Leben" gekippt werden und überhaupt nicht zurecht kommen können.
Ich würde sogar soweit gehen, die zunehmenden Stress- und Angststörungen bei jungen Erwachsenen teils darauf zu schieben, dass sie nie erwachsen werden durften. Da wurden sie bis 18 wie ein Baby behandelt, ziehen plötzlich in eine andere Stadt und alle Verantwortung eines ganz normalen Lebens prasselt mit einem Schlag auf sie nieder.
Aber weil sie nie gelernt haben, die Schuld/Verantwortung/etc. bei sich selbst zu suchen, ist der böse Staat oder sowas schuld. Sie selbst können sich nicht anpassen, weil sie es nicht früh genug trainiert haben.

Dass so mehr gestresste, wütende Einzelkämpfer aufwachsen, als sozial gut eingebundene Mitglieder einer Gesellschaft, halte ich für gut möglich. Hier sind die Sozialwissenschaftler gefragt, dem eventuellen Zusammenhang mal statistisch nachzugehen.
(Ich kämpfe mich zwar gerade durch meine erste Psychologie-Vorlesung, komme aber im Moment kaum voran und merke auch schon, dass Geisterwissenschaften nicht mein Ding sind.)

Trotzdem habe ich den Eindruck, dass alle Generationen gleichermaßen verrohen. Auch wer in den 70ern und 80ern aufgewachsen ist, kann heute ein Arschloch sein. (Übrigens kenne ich einige sehr tolle, engagierte, liebe Jugendliche.) Es gibt sicherlich mehrere Faktoren die sich summieren.

Ein Faktor ist vielleicht der Druck auf dem Arbeitsmarkt. Seit Einführung von Hartz-4 ist ein Niedriglohnsektor entstanden. Ein kleiner persönlicher Makel (z.B. chronische Krankheit) kann dich aus dem mittleren Einkommensbereich hinaus katapultieren, dann machst du für immer Knochenarbeit für fast nix. Die Angst um Job und Status ist immer im Hinterkopf, man muss der Beste sein, besser werden, die Konkurrenz abhängen.

Das merke ich selber: Wenn ich mal 'nen halben Tag keine To-Dos habe, mache ich mir selber Arbeit, damit niemand den Eindruck bekommt ich sei überflüssig. Dabei hab ich 25 Überstunden auf dem Zeitkonto, aber hey, die kann ich doch nicht in der Probezeit abbummeln. Am Anfang hab ich teils bis in die Nacht codiert, um mich zu profilieren. Die Kerle könnten ja denken die erste Frau im Team sie langsam oder schusselig; auf die Idee sollten sie gar nicht erst kommen, also hab ich ausschließlich perfekten Code mit perfekter Doku in kürzester Zeit abgeliefert. Jetzt gegen Mitte der Probezeit normalisiert sich das langsam, weil ich das Gefühl habe, als Profi akzeptiert zu sein.

Profilierungskampf, Genderkampf, Relevanzkampf - ich bin froh, keine Kinder zu haben, sonst müsste ich für die mit kämpfen. Und da wären wir wieder bei den Helikopter-Eltern. Arbeitende Eltern gab es schon immer, die Arbeiterkinder haben früher den ganzen Tag draußen gespielt. Neu ist die ständige Versagensangst als Teil des allgemeinen Lebensgefühls. Klar nehmen Eltern das mit ins Privatleben. Und war Angst nicht ein beliebter Auslöser für Aggressionen, Vorwärtsverteidigung und so?

Das heißt, der gesamten Gesellschaft täte Stressabbau gut. Also, ich bin ja ein Fan des bedingungslosen Grundeinkommens. Damit müsste niemand mehr Angst um die Karriere haben. Ist der Job weg, hat man endlich Zeit für seine Ehrenämter. Oder für eigene soziale/ökologische Projekte. Oder für Kinder. Oder um das Autos stehen zu lassen.


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Beitrag #18 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Ich würde die Frage mit Ja beantworten. Ich glaube nicht, dass die Menschen nicht roh waren, aber ich glaube heutzutage ist man so dauerbeschallt, lenkt sich ständig ab, hängt pausenlos vor Bildschirmen und stumpft ab, dass man wenig auf sich zurückgeworfen ist und kaum noch reflektiert. 

Viele haben gar kein Bewusstsein mehr dafür, dass der sie umgebende Wohlstand nicht selbstverständlich ist. Gleichzeitig haben viele leider auch kein Bewusstsein dafür, dass es ihr gutes Recht wäre gewisse Grundbedürfnisse einzufordern.


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