Es ist: 20-10-2021, 23:50
Es ist: 20-10-2021, 23:50 Hallo, Gast! (Registrieren)


Verroht die Gesellschaft?
Beitrag #1 |

Verroht die Gesellschaft?
Hallo zusammen,

habe im TV gerade mal wieder einen Beitrag darüber gesehen, dass Rettungskräfte immer häufiger angegriffen und beleidigt werden. Unter anderem ging es auch darum, dass die Gesellschaft im Allgemeinen verroht, das die Menschen immer mehr nur ihre eigenen Bedürfnisse sehen und keine Rücksicht auf andere nehmen.

Ich arbeite momentan im Einzelhandel, in einem Euroshop, der sowieso schon "spezielle" Kundschaft hat. Vorweg: Es gibt da auch viele ganz nette Kunden, die höflich und dankbar sind. Aber es gibt auch ganz viele gestresste Kunden, denen es nicht schnell genug gehen kann und die null Rücksicht auf andere oder gar die Verkäufer nehmen.

Ich wurde im letzten Jahr erschreckend oft beleidigt. Wenn ich meiner Arbeit nachgehe und Ware verräume, werde ich permanent angerempelt, die Leute treten teilweise auf die Kartons mit Ware, sie gehen mich an, warum ich gerade vor diesem Regal jetzt arbeiten muss usw. ... an der Kasse werde ich ständig mitten im Kassiervorgang von der Seite angequatscht, teils sogar angebrüllt, weil die Leute SOFORT eine Frage haben. Scheißegal, ob ich gerade eine alte Dame abkassiere und mit dieser noch rede. Dasselbe wenn ich mit einem Kunden im Beratungsgespräch bin - da kommt ständig jemand von der Seite und quatscht einfach rein. Wenn man höflich sagt "einen Moment bitte", reagieren viele aggressiv. Manche sind dann auch ruhig und murmeln ein "Tschuldigung", aber viele giften mich auch gleich an, ich wäre unfreundlich und dass sie "in diesem scheiß Laden nicht mehr einkaufen." Und das nur, weil ich darum bitte, einen Moment zu warten. Und natürlich versuchen auch täglich mehrere Kunden sich frech an der Schlange vorbeizudrängeln, weil sie ja nur eine Sache kaufen.

Und was ich beim Aufräumen alles finde ... nicht nur, dass geklaut wird wie verrückt, die Leute kippen einfach ihren Kaffee in die Regale oder Wühltische, legen Essensreste dort ab usw. ... warum benimmt man sich so wie die Sau?

Ich hatte auch mal die Situation, dass eine psychisch kranke Kundin zusammengebrochen ist und ich den Rettungsdienst holen musste. Die Dame dachte, sie sei vergiftet worden und lag heulend und zitternd auf dem Boden. Ich habe mich neben sie gesetzt und ihre Hand genommen, um sie zu beruhigen. Und dann kommt ernsthaft ein Kunde zu mir und meint, er sucht Produkt XY, ob ich ihm das zeigen kann - hallo??? In welcher Welt lebst du denn??? Ich war so perplex, ich hab nur gesagt "jetzt nicht."

Solch rücksichtsloses Verhalten begegnet mir im Alltag immer wieder, beispielsweise beim Einkaufen, wenn es an der Kasse mal wieder rund geht, weil die Leute ein paar min warten muss. Stehen mehr als drei Leute an, brüllen gleich welche, ob man nicht noch eine Kasse aufmachen kann. Letztens stand ich an und die Dame hinter mir bollert permanent mit ihrem Einkaufswagen gegen meinen - was soll das? Und wie oft versuchen Leute, sich an mir vorbeizudrängeln ... einmal kam z.B. ein Anzugsträger in die Postfiliale und fragte laut und empört, ob er sich etwa auch anstellen müsse als Postbankkunde. Der ist wutentbrannt abgezogen, als die Dame am Schalter sagte, er müsse sich natürlich anstellen.

Das sind nur belanglose Kleinigskeiten im Vergleich dazu, dass Rettungssanitäter beleidigt und angegriffen werden, aber ich finde, diese "Verrohung" ist im normalen Alltag auch spürbar. Jeder ist so sehr auf sich selbst fixiert ... hat keine Zeit, alles muss schnell gehen und er ist sowieso der wichtigste Kunde.

Ob man jetzt wirklich von Verrohung sprechen kann ... teilweise, aber oft ist es einfach nur blinder Egoismus. Vielleicht empfinde ich das nur so stark, weil ich täglich auf der Arbeit mit anstrengenden, egoistischen und aggressiven Kunden konfrontiert bin. Wie geht es euch? Nehmt ihr auch wahr, dass der Ton in den letzten Jahren rauer geworden ist?

Viele Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #2 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Hallo Zack,

vielleicht kann ich nicht direkt mitreden weil ich jünger bin und keinen direkten Vergleich habe,
ich versuchs aber mal.
Ich habe in einem fünf Sterne Hotel im Frühstück gekellnert und kann zu deiner Situation nicht viel sagen, da es ein ganz anderes Umfeld zu sein scheint. Meckernde Gäste gab es immer und wird es immer geben. Ich habe erlebt, das ausländische Gäste sich wie "Schweine" verhalten haben. Die Kinder werfen mit Essen um sich und später liegen alle reste auf dem Boden statt auf dem Tisch. Ein mal ist es im Spa Bereich passiert, dass weibliche Mitarbeiter eine Schlägerei erlebten und dann selbst angefeidnet wurden. Aber da gab es immer eine Lösung und man war nie auf sich allein gestellt. Was mir dort aufgefallen ist, das "priviligierte/reiche" Menschen sich oftmals sehr schlecht verhalten, was du aber beschreibst kann ich von meiner alltäglichen Umgebung nicht sagen.
Hamburg erscheint mir bisher sehr friedlich zu sein.
Dinge, wie ältere Leute, die Respekt erwarten mich selbst aber wie den letzten Dreck behandeln habe ich in der Kleinsatdt früher erlebt. Aber das sind so Sachen da regt man sich kurz auf und geht dann weiter....hilft ja doch nichts...
In der Schule gab es viele Immigrantenkinder, ein fünf jähriger hat mich mal bis zur Schule verfolgt und mir grundlos Beleidigungen an den Kopf geworfen (wahrscheinlich das einzige deutsch das er konnte...)
Ich war mal mit den Großeltern im Kaufhaus mit Herz einkaufen, da kam ein mann und fragte nach dem preis für den Spiegel den er in der Hand hielt. Als er Ihn hörte wurde er wütend und zerschmetterte ihn vor unseren Füßen...
Zu einem deiner Beispiele: Meine Oma war letztens im Kaufhof (Riesengebäude) und auf dem Weg zur Kasse bemerkte Sie, dass die Schuhe eine andere Größe haben als ausgezeichnet. Sie war Mega fertig und meinem Opa ging es schlecht...also legte Sie sie in ein regal statt zurück in den 2ten Stock zu laufen (verständlich mit 86)...eine 15 Jahre jüngere Frau sah das und motzte sie an und machte ihr eine Riesenszene...muss das sein?
Ich gebe zu, wenn ich mich manchmal umentscheide lege ich auch unverderbliche Sachen auf die schnelle in ein falsches Regal wenn der Laden zu groß ist und ich es eilig habe...das ist dann eben so...
wenn ich beim Lidl bei mir um die Ecke in einer Schlange von 20 leuten stehe und statt 4 Kassen nur eine offen ist ist klar das es Gemecker gibt...vorallem wenn man die anderen Mitarbeiter sieht, wie sie Regale auffüllen oder sonst was machen^^
Bei den meisten Dingen gibt es immer zwei Seiten.
Klar passieren solche Dinge, aber es gibt Dinge die muss man sich eben gefallen lassen und dann weitermachen. Was du aber beschreibst würde ich mir nicht gefallen lassen. Da hilft nur die Kündigung...Dein Chef hat dafür Sorge zu tragen, dass dein Arbeitsklima anständig ist. Wenn du immer mit allem allein bist und du keine Hilfe bekommst schätzt er dich nicht wert

Das sich "jeder selbst der nächste" ist kann ich so unterschreiben. Im Alltag gibt es viele Situationen wo ich sehe...ok der alten dame hätte ich vielleicht helfen können...oder der jungen Frau hätte ich helfen können den Kinderwagen die Treppen hochzu hieven, aber manchmal übersieht man es eben aus Stress heraus...wenn ich hetze weil ich sonst die Bahn verpasse kann ich nicht stehen bleiben um zu helfen...wenn ich beide Arme voll habe auch nicht...

Blinder Egoismus ist das aber nicht unbedingt.


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Beitrag #3 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Ich habe ja selbst zehn Jahre im Call-Center gesessen und kann da einige Geschichten erzählen. Natürlich verstehe ich die Leute, wenn man zum gefühlt 100. Mal angerufen wird, nur weil jemand einem eine ganz wichtige Versicherung verkaufen will, die man unbedingt braucht und die auch ganz wenig (30 Euro +) im Monat kostet:
Vor allem sind solche Anrufe spannend und lustig, wenn Samstag ist, man seine Wochenendeinkäufe erledigen will. Im Schwimmbad liegt oder das Kind nach stundenlangem Geschrei endlich eingeschlafen ist und durch das Telefongeklingel geweckt wird.
Desweiteren freut man sich wie ein König, wenn die Person am anderen Ende der Leitung unverständlich ins Ohr nuschelt und nur Worte wie "Bankverbindung" und "Kontonummer", bzw. hochmodern "IBAN" deutlich ausgesprochen werden.
Lehnt man höflich ab, wird die Person dann auch noch frech am Telefon. Wie gesagt, dafür habe ich vollstes Verständnis.
Die andere Seite der Medaille ist: Man wird angerufen, hat Frust, weil im Leben nichts so klappt, wie man es gerne hätte. 
Der Job ist stressig und langweilt, der Partner-falls vorhanden-nervt und wenn man keinen Partner hat, setzt man sich selbst unter Druck, endlich einen zu bekommen. 
Das Geld reicht hinten nicht zum leben und vorne nicht für die Extrawünsche, die man so hat und andere sich leisten können.
Man ist nicht in der Lage, aus sich herauszugehen und scheut die direkte Konfrontation mit anderen Menschen.
Das Telefon anonymisiert bis zu einem gewissen Grad. Man fühlt sich auch aufgewertet, weil man ist ja angerufen worden un die wollen etwas von einem. Plötzlich hat man das Gefühl wichtig zu sein. Der Kunde ist König! Wenn die am anderen Ende der Leitung sich wehren, dann beschwere ich mich beim Chef oder Verbraucherzentrale oder diversen Seiten im Internet.
Also wird zurück gerufen un denen mal ordentlich der Marsch geblasen. Die Verkäufer am anderen Ende der Leitung zeigen sich verständnisvoll und hilfsbereit. Man hat das Gefühl, einen Sieg davon getragen zu haben.
Berauscht geht man nach draußen einkaufen und macht im Supermarkt weiter. Vielleicht auch mit einem gewissen Erfolg und so dreht sich die Spirale weiter.


Ich habe zwei Erklärungen für dieses Verhalten:

1. Die Erziehung. 

Ich bin Jahrgang 1980 und wurde noch nach alter Tradition erzogen. Heißt im Klartext "bitte" und "danke" zählten schon früh zu meinem Wortschatz. 
Ebenso hat mich mein - alleinerziehender- Vater mir Respekt anderen Menschen gegenüber gelehrt und ich bekam auch nicht alles in den Popo geschoben, sondern musste lernen, dass ich nicht immer alles nach meinen Wünschen geht.
Andererseits hat sich mein Vater aber auch immer mit mir beschäftigt, mich selbstbewusst und stark gemacht. Dadurch bin ich zu einer Person geworden, die mit Worten sachlich argumentieren kann.

2. Die sozialen Medien


Stundenlang wird vor Facebook und Co gesessen. Ein richtiger zwischenmenschlicher Austausch erfolgt überhaupt nicht mehr. Habe ich bei Facebook keine Lust mehr zu diskutieren, dann antworte ich nicht mehr oder ignoriere die entsprechende Person einfach. Somit muss ich mich mit gegenteiliger Meinung auch nicht befassen und kann schön austeilen, ohne einzustecken.
Die Folge ist Vereinsamung, wirklich enge Bindungen zwischen Menschen, die das Verständnis für  andere stärken, entstehen schon überhaupt nicht mehr. Also besteht auch wenig Interesse, für die Sorgen und Nöten der anderen und damit die Verrohung der Gesellschaft. 

Meiner Ansicht nach können wir dem nur entgegenwirken, wenn wir uns mehr auf das Miteinander konzentrieren und uns auf unsere Menschlichkeit besinnen.

Liebe Grüße Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



Werkeverzeichnis

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Beitrag #4 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Hallo.

Vor ein paar Jahren, irgendwann zwischen Grundschule und Gymnasium (also auch schon wieder an die zwölf Jahre her), besprachen wir im Unterricht das richtige Verhalten am Unfallort oder allgemein in Notfallsituationen, die den Einsatz von Rettungskräften erforderten. Schon damals kam die Diskussion über Behinderungen der Einsatzkräfte auf, und damals gab es noch nicht einmal die heutigen technischen Möglichkeiten, die es Gaffern erlauben, ihre Sensationsgier zu befriedigen. Worüber wir damals nicht sprachen, waren Verhaltensweisen über das bloße physische Behindern/Blockieren hinaus, also das von Zack angesprochene Beleidigen/Angreifen.
Da es jetzt offenbar anders ist, muss es sich geändert haben, und da es keine Einzelfälle sind, muss es ein gesellschaftliches Problem sein - der Schluss ist schnell gezogen, daher auch die Folgerung, die Gesellschaft verrohe.

Ist dies denn wirklich der Fall? Ich kann nur aus meiner eigenen, begrenzten Erfahrung und aus dem Blickwinkel einer eher jungen Person in einem weitgehend homogenen sozialen Umfeld sprechen, aber tatsächlich zeigen sich auch in meiner täglichen Lebens- und Erfahrungswelt entsprechende Tendenzen. Pauschal gesagt: Ja, wir werden immer unhöflicher und egoistischer. Ja, ein guter Umgangston ist zu einer Randerscheinung verkommen. Ja, wir verrohen.

Zunächst einmal das alltägliche Beispiel des Einkaufens - der nächstgelegene Lidl und damit Einkaufsanlaufstelle Nummer eins des gesamten Straßenzugs und einiger durchfahrender Berufstätiger ist ein recht eng eingerichtetes, immer gut besuchtes Gebäude, sodass man immer etwas Zeit einplanen und damit rechnen sollte, dass man von einem Einkaufswagen überollt wird. Lange Schlangen an den Kassen sind keine Seltenheit und damit auch deren Begleiterscheinungen - gestresste Kassierer, die sich mit übel gelaunten Kunden herumschlagen müssen und mindestens ein Kunde innerhalb der Schlange, der seinen Einkaufswagen als Rammbock umfunktioniert, weil es ihm zu lange dauert. Ich habe Hochachtung vor den Angestellten, die oft trotz allem immer noch ein Lächeln für einen übrig haben, sofern man ihnen etwas Freundlichkeit entgegenbringt. Was nicht schwer ist, aber von vielen viel zu selten getan wird, wie man beobachten kann.

Speziell in meinem Tätigkeitsfeld hört man von den (insbesondere älteren) Kollegen bzw. erlebt selbst, wie sehr sich in den letzten Jahren das Verhältnis von Menschen untereinander geändert hat. Ein Besitzer, der sein krankes Tier in die Klinik bringt, steht meist unter enormer Anspannung, was einem respektvollen Umgang mit den an der Behandlung seines Tieres Beteiligten nicht gerade förderlich ist. Während früher häufig auf den Tierarzt gehört wurde (der freilich nicht fehlerfrei ist), entwickelt sich gerade in den letzten Jahren ein eher besorgniserregender Trend: Der Besitzer, der freien Zugang zu allen möglichen Informationen hat (Internet), ist viel zu oft davon überzeugt, dass er im Recht ist - auch wenn er es, ebenso viel zu oft, nicht ist. Diagnostik ist ein äußerst komplexes Gebiet, und lässt viel Freiraum für Interpretationen - dies wird zusätzlich dadurch erschwert, dass der Tierhalter (mit fragwürdiger Kompetenz) nicht alle Interpretationen akzeptiert, insbesondere, wenn diese ihn selbst in einem negativen Licht erscheinen lassen (haltungsbedingte Faktorenkrankheiten) oder der eingeholte Rat nicht den Vorstellungen entsprach ("Ich halte trotzdem meinen Wellensittich zusammen mit einem Nymphensittich, da war nie etwas").
Dass der Tierhalter so oft den Tierarzt wechselt, bis er einen gefunden hat, der ihm nach dem Mund redet, ist noch eine vergleichsweise harmlose Folge (abgesehen vom darunter leidenden Tier), es wird auch durchaus von Fällen berichtet, in denen eine tierschutzrechtlich korrekte Entscheidung des behandelnden Kollegen zu einem regelrechten Rufmord geführt haben, da vor allem Halter von Exoten und zunehmend auch Kleintier- und Pferdehalter immer besser vernetzt sind. Was ist eine solche Eskalation einer Meinungsverschiedenheit (was es im Prinzip war) anderes als ein Ausdruck der angesprochenen gesellschaftlichen Verrohung?


In meiner Wahrnehmung werden Akademiker oft als die gebildete Elite dargestellt, von der Höflichkeit und Sensibilität noch am ehesten erwartet werden kann. Doch auf mein universitäres Umfeld trifft dies nur teilweise zu. Das beginnt beim lautstark eine Sonderbehandlung einfordernden Studierenden, da die Abstimmung des Matrikels nicht das gewünschte Ergebnis geliefert hat, setzt sich fort über über offizielle Nachrichtenkanäle geführte Kleinkriege aufgrund von Banalitäten, die zum Teil sogar zu Ausfälligkeiten führen, und endet beim Professor und Vorsitzenden einer akademischen Organisation, der seine Machtposition schamlos ausnutzt, um durch Erpressung seine eigenen Ziele zu erreichen.
Sehr auffällig ist es außerdem, dass gerade an meiner Fakultät der Diskurs über Lehre und Lehrinhalte geradezu unterdrückt wird, sodass der Eindruck vermittelt wird, es gäbe keine Gesprächsbereitschaft, was wiederum nur eine Eskalation begünstigt. Ein Austausch mit Studierenden anderer Studienrichtungen und Universitäten zeigt allerdings, dass dies nicht nur ein fakultätsinternes, sondern offenbar weit verbreitetes Problem ist, also eventuell auch gesellschaftlich verankerte Grundlagen hat.

Ich finde es sehr schwierig, Gründe für diese Entwicklung auszumachen - immerhin beeinflussen sich Gesellschaft und Individuum gegenseitig, sodass in diesem Kontext die Frage nach dem Huhn und dem Ei gestellt werden könnte - wovon geht die Verrohung aus, dem großen Ganzen oder den Einzelnen, die in der Summe zu sichtbaren Veränderungen führen?
Sicher spielt die Erziehung, wie von Persephone angesprochen, eine Rolle, ebenso die Digitalisierung. Aber ich schätze, es lässt sich nicht allein darauf zurückführen, zu verbreitet ist das Phänomen (in meinem eigenen Erleben) in allen Altersstufen und Schichten.
Eine allgemeine Beschleunigung des Lebens vielleicht, die komplexe Verschiebung der Werte, denen eine Gesellschaft im Wandel der Zeit unterworfen ist? Hier verorte ich durchaus eine mögliche Ursache des Problems - welchen Wert hat denn zwischenmenschliche (persönliche) Kommunikation heute noch? Kommunikation ist schwierig, kostet Zeit, erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit. In einer zunehmend materiellen Welt kommen eben diese Dinge zu kurz neben Erfolgsstreben, Leistungszwang und der zunehmenden Entpersonalisierung.

Plakativ gesagt, ein Mangel an Kommunikation macht Menschen kaputt. Vielleicht macht es sie auch egoistischer, unhöflicher, roher.

Viele Grüße,
Eselfine


We are all accidents
Waiting
Waiting to happen
Radiohead, "There There"

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Beitrag #5 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Ich sehe das Problem teilweise auch in der Kommunikation bzw. der Veränderung dieser durch das Internet. Zum einen fällt es leichter, anonym im Netz zu lästern - und wenn dann auch noch welche mitmachen, verschieben sich die Grenzen, es kommt einem gar nicht mehr so schlimm vor, so böse zu lästern. Und langsam übernimmt man das im "real life". Das, was man vorher nicht sagen durfte, weil gesellschaft nicht akzeptiert, wird allmählich salonfähig.

Zum anderen wird die Kommunikation durch das Internet knapper, unpersönlicher. Bzw. das kam eigentlich erst mit der Ausbreitung der Smartphones, Facebook, WhatsApp und Co ... man gibt sich auch noch Mühe, auf Groß- und Kleinschreibung oder gar Zeichensetzung zu achten. Man tippt einfach rein, schickt weg und denkt im Zweifelsfall erst danach drüber nach, was man da geschrieben hat ...

So mancher hat schon Probleme, mich zu erreichen, weil ich kein Facebook und WhatsApp nutze Icon_wink ... damit bin ich für so manchen quasi nicht-existent ...

Zudem steht man durch die Social Media in einem permanenten Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit zueinander. Wer macht die schöneren Selfies, wer erlebt mehr, wer hat die krasseren Sachen zu berichten usw. usw. ... da geht es gar nicht so sehr um persönliche Leistung, um etwas Kreatives, nein, es geht ums Mittagessen oder gar um den Verkehrsunfall auf dem Arbeitsweg, wo man mal eben schamlos den halbtoten Motorradfahrer knipst und auf Facebook online stellt. Und den Leuten ist gar nicht klar, was sie da eigentlich tun. Krass ausgedrückt kann man sagen, die Leute "verblöden" dadurch, sie sind so sehr auf sich selbst und die Aufmerksamkeit, die sie generieren wollen, fixiert, dass ihnen jedwede Empathie abhanden kommt.

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #6 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Zitat:Ich sehe das Problem teilweise auch in der Kommunikation bzw. der Veränderung dieser durch das Internet. Zum einen fällt es leichter, anonym im Netz zu lästern - und wenn dann auch noch welche mitmachen, verschieben sich die Grenzen, es kommt einem gar nicht mehr so schlimm vor, so böse zu lästern. Und langsam übernimmt man das im "real life". Das, was man vorher nicht sagen durfte, weil gesellschaft nicht akzeptiert, wird allmählich salonfähig.


Was viele nicht verstehen ist, dass die digitale Kommunikation schon das "real life" ist, es (das Internet) ist nur ein Medium, das einen viel zu extremen Platz in der Gesellschaft eingenommen hat und so wie Briefe damals die Nachrichten speichert, dass andere Leser sie später lesen können. Man spricht die Menschen zu 100% in Echtzeit an, bei Whatsapp etc. sowieso, bei Facebook und Co ist es eben nur zeitversetzt, aber da sitzt immer jemand hinter/vor dem Gerät. Was viele da hemmungslos werden lässt, ist die Tatsache, dass man da weniger um Konsequenten fürchten muss. Der Gegenüber kann dich nicht anschreien, rot anlaufen und dich wüst beschimpfen. Man kann seinen geistigen Abfall oder Frust dem anderen einfach an den Kopf schmeißen und dann blockieren / stumm schalten etc.


Zitat:Zudem steht man durch die Social Media in einem permanenten Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit zueinander.

Dieses Konkurrenzgehabe fängt schon in der Schule an und wird durch diese und deren Notenvergabe noch gefördert. Dann noch der Materialismus mit "wer hat das beste Smartphone und von der und der Marke" oder das klassische "Markenklamotten"-Gehabe. Da wird der Grundstein gelegt, da man mit so einem Mist schon in der Grundschule oder sogar schon Kindergarten "verseucht" wird, ist auch klar, warum die Gesellschaft jetzt da steht, wo sie es gerade tut.

Man sitzt in seiner eigenen, kleinen Filterblase. Man löscht, blockiert und blendet die Dinge aus, die man nicht sehen will. Facebook ist ein Musterbeispiel an ... ich nenne es mal übertriebenen Eskapismus. Dort wird nur das besprochen, was nicht zu kritisch wird, weil mit Kritik können sehr viele nicht umgehen, man lässt den Ernst des Lebens weg und erfreut sich nur an an den angenehmen Dingen. Man versucht der gemeinen Realität zu entkommen und baut sich seine eigene Komfortzone auf, die man auf keinen Fall verlassen will. Und Wehe dem, der versucht diese heilige Schutzzone zu attackieren, da wird mit allen Mitteln zurückgeschlagen. Man muss mittlerweile aufpassen, was man sagt, sonst wird einem das Profil gesperrt, berechtigte und konstruktive Kritik ist davon übrigens auch nicht verschont. Es wird nicht mehr diskutiert, sondern ignorant die eigene Meinung aufgezwängt, das geht vor allem in der jüngeren Generation sehr weit, damit sind die 2000er Jahrgänge gemeint, die in diesem Wahnsinn aufgewachsen sind.




Zitat: In meiner Wahrnehmung werden Akademiker oft als die gebildete Elite dargestellt, von der Höflichkeit und Sensibilität noch am ehesten erwartet werden kann.

Ich kenne es eher so, Eselfine, dass es genau diese Menschen der "gebildeten Elite" sind, die extrem unsensibel sind und ihre Nase in der Höhe tragen. Zwar nicht alle, aber das Bild, das ich über die Jahre bekommen hat und auch in meinem Umfeld ist so, dass viele ehemalige Mitschüler, die in solchen Kreisen verkehren regelrecht abgestumpft, abgehoben und in einer total anderen Welt leben. Sie diskutieren, reden und reden, verstecken ihre Phrasen und Beleidgungen hinter wohl gewählten Wörtern. Das sind aber eher die extremeren Beispiele. Meine persönliche Erfahrung ist, da ich - glaube ich - in einem ähnlichen Alter bin wie du, dass diese "gebildete Elite" sich auf ihren Stand etwas einbildet. Sie freuen sich darauf, mit ihrem Fachwissen andere niederzuwalzen, legen sich immer die besten Argumente parat um den größtmöglichen Hammer auszupacken, damit der Gesprächspartner die eigene Meinung übernimmt. Damit kann man den Bogen schlagen zu dem, was ich zu Zacks Zitaten geschrieben habe: Andere Meinungen werden nicht akzeptiert.


Zusammenfassend liegt das Problem der Verrohung nicht nur bei den sozialen Medien, sondern bei der Erziehung und vor allem an den staatlichen Institutionen wie Grund-, mittlere Schulen wie Haupt- Realschule etc., und Berusfschulen. Man lernt schon im jungen Alter, dass man dem Anderen nichts gönnt. Man lernt, dass die eigene Meinung über allem steht und die Lehrer bevorzugen oft bestimmte Schüler, was zu noch stärkeren Konkurrenzkämpfen führt. Die Hackordnung in der Schule ist dadruch maßgeblich beeinflusst und wie sich das auf die weitere Entwicklung des Kindes auswirkt ist absehbar.
Letztendlich steht man da, wo man jetzt ist: ignorante Mitmenschen, die Toleranz fordern, aber Toleranz mit Akzeptanz verwechseln. Ich kann (!) seine Meinung tolerieren, dass heißt aber nicht, dass ich sie gut heiße, oder gar akzeptiere, aber müssen, dass heißt gezwungen sein, werde ich zu gar nichtd. Solche Menschen fahre ich dann ungeniert an und schmeiße ihnen ziemlich direkt an den Kopf, was sie da gerade machen. Direktheit hat man nämlich auch verlernt. Man versteckt sich, sei es in der Filterblase oder sorgsam gewählten Worten. Es wird so lange um den heißen Brei herumgeredet, um ja nichts falsches zu sagen. Eckt man an, dann ist das eben so. Man kann es nicht jedem Recht machen und ich will es nicht jedem Recht machen. Nicht Bekannten, nicht Lehrern, nicht der Schule, nicht irgendwelche Mitmenschen, auch nicht der Regierung sondern die, die es verdient haben. Das Nahe Umfeld und keine 2000 Fakebook-Freunde oder bekannte von Bekannten, die man ja verletzen könnte, wenn man was falsches sagt, aber gleichzeitig scheren sich die meisten Menschen einen sche*** darum. Hier herrscht Willkühr und Doppelmoral, alte Werte, wie Höflichkeit und Empathie sind unerwünscht. Letzteres wird sogar als Schwäche, gar als weibisch abgestempelt, zumindest wurde mir das schon an den Kopf geworfen. Gleichzeitig muss man aber dann Empathie aufbringen, wenn es verlangt wird. Sei es dann, wenn es die großen Medien mit ihren subtilen Nachrichten fordern, oder irgendwas passiert, dass einen nicht betrifft, aber man sich betroffen fühlen muss. Sonst ist man unsensibel. Ha! Heuchler, allesamt. Genug für "aufgeregt" heute.

Interessantes, weitreichendes und anregendes Thema.

Lg Nos


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Beitrag #7 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Hallo und guten Tag zusammen.

Ich habe immer gedacht, ich wäre der Grund dafür, dass manche Themen versanden und ich dort der letzte Mensch war, der dort etwas gepostet hatte.
Scheint nicht zwangsläufig so zu sein. Ihr habt doch hoffentlich nichts dagegen, wenn ich meine bescheidene Gedanken hier lasse?

Die Ausgangsfragestellung ist meiner Meinung nach richtig gestellt, aber vielfach wird sie von allen subjektiv beantwortet, wobei natürlich die jeweiligen Erfahrungen stehen. Die aufgezeigten Beispiele allerdings lesen sich so, dass einige hier noch tatsächlich in komfortablen Nischen leben. Oder die Verbindungen sind noch nicht klar erkennbar. Im Grunde müsste man die Ausgangsfragestellung umfassender sehen, denn es gibt bereits eine verrohte Gesellschaft. Und es gibt eine schlafende, sowie auch eine, die sich - tangiert durch die verrohte Gesellschaft - von selbst langsam radikalisiert. Das ist freundlich, neutral und allgemein beschrieben.

Man könnte jetzt sagen, dass das eine These sei, die von mir formuliert wurde. Allerdings ist es wie mit so vielem in dieser Zeit, in dieser sozialen Umgebung: Man sieht nur Schwarz und Weiß, und man ist dabei dankbar, dass dadurch so manche rosarote Brillen nicht beschädigt werden.

Ich hatte eine - so möchte ich es mal formulieren - sehr eindringliche Geschichtslehrerin im Abitur. Es war zwar nur der Grundkurs, aber wir haben mehr gemacht als der Leistungskurs.
Ich möchte also behaupten, dass ich im Thema 'Geschichte' versiert bin, wobei ich den neumodischen Begriff 'Experte' entschieden von mir weise.

Daher fiel mir früher schon auf, dass es in diesem Land, und all den Rechtsvorgängern, eine Gemeinsamkeit gibt: Das Schwarz-Weiß-Denken und -Handeln. Erinnert mich manchmal an einen Code aus Nullen und Einsen, aber es hat sich tatsächlich, durch alle politischen und historischen Zeiten manifestiert. Gut oder Böse. Links oder rechts. Aber nirgends wurde seitens der Menschen in ihrer jeweiligen Zeit das Grau herausgearbeitet. Und dieses Grau, der Durchschnitt, die Schnittmenge der Extreme, wird nicht gesehen. Wobei leider auch diejenigen Anteil daran haben, die es eigentlich herausarbeiten sollten, es aber entweder nicht tun oder nur bestimmte Merkmale präsentieren. Wie sie auch bestimmte Merkmale unter den Tisch fallen lassen.

Im Grunde dürfte das aber für die meisten, die das hier lesen, nichts Neues sein. Im Grunde wisst ihr alle, was da draußen auf den Straßen abläuft. Ihr verdrängt es nur. Und das hat man euch, und man tut es noch immer, erfolgreich eingeimpft.

Um ein Beispiel zu nennen: Jan und Nos haben die Schule, nebst sozialem Umfeld, in die Diskussion eingebracht. Aber ist das überhaupt zulässig? Oder müsste da nicht das Löschgesetz greifen? Vielleicht sogar in Verbindung mit dem gelockerten Pressekodex, wo wieder im Gespräch ist, diesen zu verschärfen?

Ich hatte weiter oben geschrieben, dass ihr alle im Grunde wisst, was hier los ist. Falls ihr jetzt immer noch den Kopf schüttelt, geht doch mal zu eurer örtlichen Feuerwehr, Rettungswache, etc. und fragt die Lebensretter mal, wer sie angreift, und seit wann das schon so ist. Denn um ein Problem zu lösen, muss man doch eigentlich erstmal wissen, wo das Problem genau liegt.
Sehr wahrscheinlich wird man euch aber nicht antworten. Nicht weil man es nicht will, sondern weil man es nicht darf.

Zum Schluss noch einige kleine historische Begebenheiten zum Verrohungsunterthema 'Schule und soziales Umfeld'. Bitte beachtet das Erscheinungsdatum:
Klick1; Klick2

Kleines Beispiel zum Pressekodex und die Auswirkungen:
Klick3

LGD.


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Beitrag #8 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Fallen euch echt nur junge Leute als asozial auf? Schule und Erziehung dürften vorwiegend die Jugend betreffen, aber grundlose Aggression im Alltag sehe ich in allen Altersgruppen.
Die Gesellschaft ist derzeit ziemlich gespalten, jeder zieht sich in "sein soziales Umfeld" zurück. Wer augenscheinlich zu einem anderen Umfeld zählt, gehört nicht zum Rudel und wird entsprechend bekämpft. Rücksicht gab es schon immer nur für "die eigenen Leute" und dieser Kreis wird immer kleiner.

Die Spaltung der Gesellschaft hat keine einzelne Ursache, da spielen viele Faktoren hinein. Zum Beispiel die Ost-West-Spaltung. Die Arm-Reich-Spaltung. Die ökologische Gewissens-Spaltung zwischen Ewiggestrigen und Weltverbesserern. Die Gewinner und Verlierer der immer stressigeren Leistungsgesellschaft. Die Kriege jenseits der EU-Außengrenze, d.h. die Einwanderung in wachsende Subkulturen. Und so weiter und so fort.
Je mehr dieser Szenen, Subkulturen - oder wie man sie nennt - entstehen, desto kleiner wird für jeden das eigene Rudel und damit der Kreis derer die Rücksicht "verdienen".

Zum Glück gibt es das Internet. Es bringt die Leute wieder etwas in Kontakt. Ohne soziale Medien würde jeder nur noch seinen Arbeitsplatz und den eventuellen Lebenspartner sehen, alle anderen Menschen wären graue Schatten. Aber dank Twitter etc. bekommt jeder noch ein kleines Bisschen von Andersdenkenden mit.
Draußen auf der Straße mit Menschen in Kontakt zu kommen, ist ja kaum noch möglich. Man lässt sich nicht anquatschen. Man fährt in einer nahezu schalldichten Blechkiste, um ja nicht mit der Außenwelt in Kontakt zu kommen. Die Aufnahmekapazität der Sinne und des Verstands wird von allgegenwärtiger Reklame bis zur totalen Reizüberflutung gestopft. Ist doch klar, dass man Mitmenschen so nur noch als Verkehrshindernis wahrnimmt.

Sorry, mein Akku ist gleich leer und die Solarzellen kriegen erst morgen Mittag wieder genug Licht zum Aufladen.

Gute Nacht!
coco


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Beitrag #9 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Hallo zusammen,

ich nehme auch eine gewisse Aggressivität bei meinen Mitmenschen war - ich frage mich allerdings, und das passt ja auch zu dem, was Dread geschrieben hat - ob die nicht schon immer da war.
Meine These ist, dass die Sozialen Medien und insbesondere ihre zumindest gefühlte Anonymität den Leuten vorgauckelt, aggressives Vortragen der eigenen Meinung plus Niederschreien oder diskreditieren aller anderen Ansichten sei in Ordnung. Denn alle machen das ja so. Und wenn man sich das erstmal angewöhnt, dann macht man auch in der "richtigen" Welt so weiter. Ich würde dir, Coco, deshalb widersprechen. Ich glaube die sozialen Medien sorgen vielmehr für einen oberflächlichen Blick auf die Mitmenschen, da man vergisst, dass ein Mensch mehr ist, als nur sein Online-Profil. Und dann fühlt man sich vielleicht auch nicht mehr verpflichtet, diese anderen Menschen höflich zu behandeln.

Noch zu deinen Links, Dread. Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst. Klar kann es Deutschenfeindlichkeit unter Migranten geben, gibt ja schließlich auch Fremdenfreundlichkeit unter Deutschen. Medien berichten halt nicht über die Fälle, wo alles in Ordnung ist. Das liest ja keiner. Nur die spannenden Fälle wo es entweder in die eine oder in die andere Richtung eskaliert werden öffentlich. Und auch das trägt zur Lagerbildung bei den Menschen bei, vermute ich.

Wichtig ist allerdings, dass man sich nie darauf versteifen darf, man wüsste schon alles und die eigene Ansicht sei unumstößlich die richtige. Ich kann nur Theorien aufstellen, aber manchmal kommt es mir so vor, dass es manchen Menschen anders geht.

Viele Grüße
WW

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

Wanderer zwischen den Welten und der
Weltenknoten

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Beitrag #10 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Hallo zusammen,

ich denke, man an muss differenzieren, was genau an den "sozialen Medien" sich zum Problem entwickelt.  Man macht es sich zu einfach, indem man pauschal das zuletzt erfundene Massenmedium beschuldigt.

(1) Die magische Phase des normalen Erwachsenen
Fremde Menschen waren schon immer gemein und oberflächlich zueinander; sie kamen nur seltener miteinander in Kontakt, so dass sie es nicht bemerkten. Neu ist hingegen, dass ansonsten mündige Bürger ihre Welt nicht mehr verstehen. Kaum jemand versteht, wie "der ganze Kram" funktioniert - aber die Mehrheit verdrängt es.
Erwachsene Menschen stehen wie Dreijährige in der magischen Phase vor ihrem iPhone oder Android-Tablet: Das Ding ist wach. Es denkt. Es spricht mit dir und zeigt dir Bilder. Es weiß, was dich interessiert. Es schlägt vor was dir gefällt, es findet deine Freunde, bestätigt deine Meinung. Anderntags ist es zickig, tut nicht was du willst, scheint ein Eigenleben zu führen. Geräte werden heute weniger als Maschinen erlebt, denn als irgendwie magische Wesen. "Alexa, was soll ich heute anziehen?"
War man der ersten "magischen Phase" noch rechtzeitig zur Einschulung entwachsen, kann man der zweiten nur durch freiwilliges Lernen von IT-Kram entkommen. Dafür hat so gut wie niemand Zeit. Außerdem müsste vorher die Erkenntnis eintreten, dass man überhaupt auf das Niveau eines Dreijährigen zurück katapultiert wurde.

(2) Was NICHT das Problem ist
Als durch Buchdruck die Kitschromane billig wurden, galt Romanleserei als schädliche Untugend. Die Menschen redeten schließlich nicht mehr miteinander, sondern verschwendeten ihre Gedanken an fiktive Quatschgeschichten. Sie hatten Bücher voller imaginäere Freunde und umso weniger echte Kontakte. Ein paar Jahrhunderte später befürchten wir, die Kinder könnten zu wenig lesen.
Dann galt das Fernsehen als Gefahr für die Gesellschaft. Geisteskranke Zeichentrickfilme, Gewaltfilme, alltägliche Darstellung von Kriminalität, das alles musste die Menschen verderben, das konnte nur zu Verrohung führen.
Danach kamen die Videospiele: Wie Fernsehen, nur angeblich noch schädlicher und man konnte Gewalt direkt trainieren! Trotzdem konnte der schädliche Einfluss nie bewiesen werden, inzwischen gelten Videospiele als Kunstform.
Jetzt also das World Wide Web. Die Leute konsumieren nicht mehr vorgefertigte Werke, sondern sich gegenseitig. Man liest keine erfundenen Kitschromane, sondern die aufgehübschten Profile echter Figuren (oft genauso erfunden). Man spielt nicht einsam vorm Text-Adventure, sondern chattet mit mehr oder weniger echten Menschen. Eine neue Form der Unterhaltung, wiedermal soll sie die Gesellschaft verderben, wiedermal wird sich das eher unwahrscheinlich als wahr erweisen.


(3) Schlüsselerlebnis Schülergruppe
Ich bin in einer lokalen Gruppe von Chaos macht Schule. Im letzten halben Jahr durften wir drei Schülergruppen unterrichten:
  • Siebte Klassen. Die Kinder hörten interessiert zu, hatten gute Fragen und verstanden schnell, wer ihr geliebtes "Snapchat" eigentlich bezahlt. Zum Beispiel die Bundeswehr, die gezielt den vierzehnjährigen Jungs ihre Reklame aufs iPad schickt. Alle begriffen, dass mit ihren Persönlichkeitsprofilen nicht nur Imagewerbung, Wahlwerbung, Meinungsmache etc. gesteuert werden, sondern sie auch an alle zahlenden Interessenten verkauft werden. Und warum sie bei jedem Foto erst denken, dann absenden sollten.
  • Neunte Klassen. Sie waren super vorbereitet, hatten Fragen für zwei Stunden ablesebereit. Aber ich hatte den Eindruck, dass ihnen piepegel sei, welche staatlichen Dienste und was für Unternehmen ihre "rekonstruierten Seelen" wofür verarbeiten. Es ging ihnen mehr darum, ihre Privatspäre vorm Banknachbarn zu schützen. Überwachung war manchen schnuppe, solange keine heute persönlich bekannte Person darin blättern konnte. Um Problembewusstsein zu schaffen, mussten wir hart in die aktuellen Nachrichten greifen, von den Arbeitsverboten für Journalisten beim G20-Gipfel in Deutschland zu den gezielten Tötungen aufgrund von Metadaten in Pakistan. Leider reichte die Zeit nicht, um von den historischen Volkszählungen in den Niederlanden und Frankreich zu erzählen, deren Daten kurz darauf den Nazis in die Hände gefallen waren ... und den Kreis zum Wahlergebnis der AfD zu schließen.
  • Elfte Klassen. Sie hörten zu. Ein paar aktivere Schüler meldeten sich auf unsere rhetorischen Fragen. Rückfragen kamen kaum. Die meisten ließen die Doppelstunde passiv über sich ergehen. Später gab der Lehrer uns das Feedback, dass die Schüler den meisten Kram für Verschwörungstheorie hielten.
Jetzt denken wir die Entwicklung der Lebenseinstellungen mal weiter ... und weiter ... zum erwachsenen Bürger, der zwar latent spürt wie er "verfolgt" wird, jede komplizierte Erklärung jedoch als Verschwörungsquark abtut und sich in leichter verständliche, dafür aber echte Verschwörungstheorien verrennt. Wir erleben derzeit eine krasse Rückbesinnung auf Quacksalberei und irre Weltbilder, dabei sind Reichsbürger und Impfgegner nur die Spitze des Eisbergs. Vielleicht sind das alles ganz normale Menschen, die die Realität nicht mehr raffen und sich in ein schlichteres, begreifbares Alternativ-Weltbild zurückziehen. Alle anderen da draußen sind natürlich doof, böse oder unbelehrbar.
Tja, mich motiviert das jedenfalls, weiter in Schulen zu gehen und fürs mutige Begreifen der schmerzhaft komplexen Realität zu werben.

(4) Schlüsselerlebnis "Verfolgter"
Neulich war ein offener Abend bei unserem örtlichen Computerclub und "Chaos macht Schule". Wir hatten gerade eine Stunde mit dem Rektor eines Gymnasiums geredet, ich hatte nebenher gearbeitet und war von der Doppelbelastung entsprechend kaputt. Da kam ein junger Mann, geschätzt Mitte 20, zur Tür herein. Ich bot ihm einen Stuhl an und ließ ihn reden. Er war zum ersten Mal da, hatte mit Computern bisher nichts zu tun, verzichtete daheim bewusst auf Internet, mit Ausnahme eines Smartphones.
Dann kam er sofort zu seinem Problem: Er fühlte sich verfolgt. Zuerst erzählte er etwas "Aluhut-Einbildung", wie ihn so Leute erzählen, die wir nach einer Weile als krankhaft paranoid abtun und des Raumes verweisen. Er erzählte sogar, Freunde hätten ihn zum Psychologen geschickt, doch der hätte ihm nur Tabletten gegen seinen "Wahn" angeboten.
Aber erstens fühlte ich mich nicht qualifiziert für eine mutwillige Diagnose, zweitens war der Typ freundlich und hübsch - ein richtig angenehmer, wenn auch verängstigter Gesprächspartner. Also hakte ich immer tiefer nach, was ihn zu der Vermutung führte, dass er verfolgt würde. Was er nicht bloß empfunden, sondern real beobachtet hätte.
Dabei kamen exakt die Anzeichen heraus, die jeder mit einem Minimum an Ahnung als Paradebeispiele für User-Tracking nennen würde: Wenn ihn etwas Neues interessierte, begegnete es ihm plötzlich überall. Wenn er mit Bekannten über etwas geredet hatte, wurde es ihm kurz darauf an völlig anderer Stelle ohne erkennbaren Zusammenhang wieder präsentiert. Irgendwer schien sein Hirn mitzulesen und ihn mit seinen eigenen Gedanken zu verfolgen. Alle krasseren, erst später aufgetretenen "Verfolgungen" konnte ich schon beim Zuhören mit Kontrollillusion und erhöhter Sensibilisierung erklären. (Außerdem hatte ich den Eindruck, dass der Herr wahrscheinlich kifft. Das soll ja vorhandene Ängste angeblich verstärken können.)
Ist doch klar, das Tracking-Pixel wars - ich versuchte durch den Nebel meiner Übermüdung hindurch ihm die Grundzüge von Tracking, Profilaufbau und Datenhandel zu erklären. Leider war meine Sprachfähigkeit fast hinüber, aber was ankam schien ihn extrem zu beruhigen. Ich schaffte es anscheinend rüberzubringen, dass seine ersten Beobachtungen total normal waren und dem Normalmenschen in seiner täglichen Reizüberflutung nur nie auffallen. Und welche bekannten psychologischen Selbsttäuschungen zu den ulkigeren Dingen geführt hätten. Dass die scheinbare Verfolgung ein Produkt seiner latenten Angst war, weil das Internet Dinge tat die er ohne Vorwissen nicht blicken konnte. Und dass normale Menschen nur deshalb nicht durchdrehen, weil sie solche Detail weg ignorieren.
Er war dankbar und überlegt nun, sich in die Materie einzulesen. Ich hab ihm versichert, dass er anfangs noch mehr Angst kriegen, aber rational damit umgehen wird statt irre zu werden. Außerdem hab ich versucht meine Idee rüberzubringen, dass er in einer zweiten "magischen Phase" festsitzt, aus der er nur mit genau diesem Schlaulesen wieder erwachsen werden kann - und dass ich jeden Tag auf der Straße zig erwachsene Dreijährige mit magischen Telefonen sehe.

Wundert sich noch irgendwer, warum immer mehr Erwachsene sich wie Dreijährige benehmen? Icon_wink

(5) Wo ich das Problem eher verorten würde
Das Problem an den sozialen Medien verorte ich also nicht darin, dass wir uns als oberflächliche Profilbilder sehen, statt uns niemals zu begegnen. Auch relativ wenig darin, dass wir uns nur noch möglichst mega geil präsentieren wollen. Okay, das hat schon seinen Einfluss auf pervers asoziale Dinge wie Unfall-Gaffertum und -Knipserei.
Aber mal abgesehen von quasi-krimineller Aufmerksamkeitshurerei - der Normalbürger begreift seinen Lebensraum nicht mehr. Man hat resigniert. Man hat sich angewöhnt, alles zu ignorieren, was man nicht versteht. Diese Grundhaltung nehmen wir mit auf die Straße. Gewissermaßen betrachten wir dauer-überforderten Leistungsträger die Realität nicht mehr bewusst, sondern bedienen sie wie einen Desktop, so dass sie für uns funktioniert.
  • Du verstehst nicht auf den ersten Blick, warum X sich beim Einsteigen in den Bus plump anstellt? Egal *ignorier* der kann weg!
  • Du siehst nicht auf den ersten Blick, warum die Verkäuferin auf dem Boden sitzt? Egal *ignorier* sie hat dich zu bedienen.
  • Du verstehst nicht auf den ersten Blick, warum Dinge nicht nach deiner Schnauze laufen? Die Dinge sind böse, du wirst bedroht, wehr dich!


(6) Gibts eine Lösung?
Sorry, das weiß ich nicht. Ich kenne keine. Das Leben in der "Ersten Welt" ist so komplex geworden, dass ein einfacher Mitbürger keine Chance hat sie zu durchschauen. Man will schließlich arbeiten gehen, Familie haben, einem Hobby nachgehen - damit ist die Woche voll. Nur wenn das Mediengeraffel zufällig mit Arbeit oder Hobby zusammenfällt, kommt man dazu sich ersthaft auseinanderzusetzen. Ansonsten? Viel Spaß mit der Rückkehr der Magie!
Aber vielleicht gibt es einen menschlichen Weg ohne die Dinge zu durchschauen. Es würde ja reichen, die physische Realität bewusst zu betrachten und nur künstliche Medien "magisch" zu steuern. Aber kriegt jedes Menschenhirn die Trennung hin? Ob unsere Gesellschaft diesen Sprung schafft, wird die Zeit zeigen.


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