Es ist: 22-11-2019, 08:04
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Könige der Prärie - 19. Teil
Beitrag #1 |

Könige der Prärie - 19. Teil
Sakima zügelte seinen schwarzen Hengst und reckte den Kopf. Auf der anderen Seite des munter plätschernden Flusses befanden sich die Jagdgründe der Apachen. Der junge Häuptling zog eine Grimasse. Eine Bärenhöhle wäre ungefährlicher für ihn. Die beiden Stämme bekriegten sich schon seit Jahrzehnten. Den Hass auf die Apachen saugten die Lakotakinder schon mit der Muttermilch ein. Niemand konnte mehr mit Bestimmtheit sagen, warum diese beiden Völker sich so massiv bekämpften. Jedes Mal wenn sie aufeinander trafen, ließen sie die Waffen sprechen. Im Laufe der Jahre hatten beide Seiten gelernt, Konflikte zu vermeiden, indem sie sich nach Möglichkeit aus dem Weg gingen, sodass tödliche Zusammenstöße wie der vor einigen Tagen eher selten wurden. Der Fluss bildete eine natürliche Grenze zwischen den jeweiligen Jagdgründen und wurde als solche sowohl von Lakota als auch Apachen akzeptiert. Doch jetzt musste Sakima sie überschreiten. „Auf in die Höhle des Löwen“, murmelte er zu sich selbst und die Hufe seines Hengstes patschten durch die Furt. Jetzt im Hochsommer führte der Fluss nur wenig Wasser. Die Sonne brannte heiß von einem azurblauen Himmel, an dem sich nicht ein einziges Wölkchen zeigte. Eine junge Forelle sprang aus dem Wasser, die aufspritzenden Wassertropfen funkelten wie kleine Diamanten. An einem langen Lasso zusammengekoppelt führte Sakima noch fünf weitere Pferde. Alle edle Tiere aus seiner eignen Zucht. Ein traditionelles Brautgeschenk für Katies Vater, bei dem er nach indianischer Art um ihre Hand anhalten wollte.
Sakima wurde ganz aufgeregt, wenn er daran dachte. Die Weißen überreichten einen Ring. Die Zügel rutschten ihm fast durch die Hände. Sein bevorstehender Heiratsantrag machte ihn nervöser als das bevorstehende Friedensgespräch mit Taim. Der Lakota war sich sehr sicher, dass auch der Apache den Frieden wünschte und einer musste den Anfang machen. Sein Hengst betrat Land und sie beide Feindesland. Er hatte darauf verzichtet, Krieger mitzunehmen, sondern sich vorher nur mit Narbengesicht, seinem engsten Vertrauten neben Katie, beraten. Der ältere Krieger hatte besorgt den Kopf geneigt, als er hörte, was sein junger Häuptling plante. Allein schon, dass er allein zu den Apachen reiten wollte war Anlass genug. Sakima hielt ihm entgegen, dass er ja auch um die Erlaubnis bitten wollte, Katie zur Frau nehmen zu dürfen und die Tradition verlangte, dass der Werber allein mit dem Vater des Mädchens sprach. Der große Geist wollte es nun einmal so, dass der Vater der Auserwählten ein enger Vertrauter des Feindes war. Wenigstens hatte er in Erfahrung bringen können, dass seine Geliebte heil bei den Apachen angekommen war. Auch wenn der Apachenhäuptling sein erklärter Feind war, so war er doch auch ein Mann von Ehre und hätte einem Einzelnen nie etwas zuleide getan.
„Lakota, was hast du in den Jagdgründen der Apachen verloren?“, riss ihn eine helle Stimme aus seiner Gedankenwelt. Sakima schreckte auf. Für einen winzigen Augenblick war er unaufmerksam gewesen und hätte sich selbst dafür ohrfeigen können. In der Prärie konnte solch ein Fehler tödlich sein. Besonders dann, wenn man ganz allein unterwegs war. Einem erfahrenen Krieger wie ihm durfte dies einfach nicht passieren. Er schaute auf und unterdrückte ein mildes Schmunzeln. Vor ihm saßen drei noch recht junge Apachen – fast waren sie noch Knaben – auf ihren Pferden. Einer davon war Häuptling Taims Sohn Yuma. Allein die drei Pfeile auf den gespannten Bogensehnen gemahnten Sakima zur Vorsicht.
„Bedarf es jetzt schon dreier Apachenkrieger um einen einzelnen Lakota überwältigen?“, fragte er gelassen und parierte seinen Hengst durch. Eine flammende Röte überzog Yumas knabenhaftes Gesicht. Er gab seinen beiden Kameraden ein Zeichen und sie senkten die Waffen.
Yuma ritt auf Sakima zu. Seine grünen Augen sprühten förmlich Funken. Keinen der Lakota verabscheute er mehr als deren Häuptling. Obwohl nur wenige Jahre älter, schien ihm alles zuzufliegen, was er, Yuma, sich hart erarbeiten musste. Sogar sein Vater hegte eine gewisse Bewunderung für ihn. „Sein einziger und größter Fehler ist, dass er zum Stamm der Lakota gehört“, pflegte Taim zu sagen.
Yuma knirschte vor Wut mit den Zähnen. „Was begehrst du in den Jagdgründen der Apachen?“, verlangte er zu wissen.
Sakima maß ihn mit einem abschätzenden Blick. Wie allgemein bekannt war und die Lakotakrieger nicht ohne Schadenfreude an den Feuern erzählten, hatte Yuma seine letzte Prüfung nicht bestanden. Er war also nicht in den Kreis der Krieger aufgenommen und zählte trotz seiner siebzehn Winter noch zu den Knaben. Andererseits war er auch der geliebte und einzige Sohn des Häuptlings und bisher hatte er seinem Vater noch keine größere Schande bereitet.
„Ich habe etwas mit deinem Vater, dem Häuptling zu besprechen“, erwiderte Sakima kühl. Dieser kleine Junge konnte ihn nicht provozieren.
Yuma hatte die Pferde natürlich schon längst bemerkt und ahnte schon, was Sakima besprechen wollte, doch er zog es vor, den Häuptling auszulachen. „Was kann ein Coyote der Lakota schon mit dem großen Häuptling zu besprechen haben?“ Seine Kameraden schmunzelten offen.
Sakima setzte zu einer hitzigen Antwort an. Unwillkürlich glitt seine Hand zu dem Messer, das er am Gürtel trug. Im letzten Moment besann er sich. Diese drei Apachen waren noch halbe Kinder und wegen ihnen würde er weder den Frieden noch sein gemeinsames Leben mit Katie gefährden. Er stellte sich ihr Gesicht vor und ein Lächeln glitt über seine Lippen, trotzdem musste er Yuma zurechtweisen.
„Das betrifft nur erwachsene Männer“, antwortete er deshalb und spielte darauf an, dass Yuma eben noch nicht als Mann zählte. Er drückte seinem Hengst die Fersen in die Flanken und wollte an den Apachen vorbeireiten. Für ihn war die Diskussion hiermit beendet.
In Yuma schäumte blinder Zorn. Wütend packte er die Zügel von Sakimas Rappen. „Willst du bei dem Häuptling um Gnade winseln und seine Freundschaft mit den Pferden erkaufen?“, fragte Yuma höhnisch, obwohl leicht zu erraten war, wofür die Tiere bestimmt waren. „Die Lakota kriechen wie die Würmer im Staub.“
„Ich werde um Katies Hand anhalten“, erklärte Sakima und sah befriedigt, wie die Farbe aus Yumas Gesicht wich. „Und jetzt lass mein Pferd los, bevor ich dir eine Lektion erteilen muss“, fügte er drohend hinzu. Yuma ignorierte die stumme Warnung in Sakimas fast schwarzen Augen und versperrte dem Lakota weiterhin den Weg.
Er beugte sich vor. „Ich fordere dich zum Zweikampf auf.“ Eigentlich stand er nicht in dem Rang, diese Forderung hervorzubringen, allein sein Status als Häuptlingssohn erlaubte es ihm.
Sakima atmete schwer. Er befand sich jetzt in einer Zwickmühle, denn ein Kampf gegen diesen Jungen war keine Ehre für ihn. Tötete er Yuma, so klebte das Blut eines ungestümen Jungen für immer an seinen Händen. Trug Yuma den Sieg davon, so war er von einem Kind bezwungen. Sakima sah nur einen Weg, diese unerfreuliche Sache beenden. Er musste sich zum Schein darauf einlassen, Yuma eine bittere Lektion zu erteilen und ihm anschließend das Leben zu schenken. Er war enerviert, dass dieser unliebsame Zusammenstoß offensichtlich seine Pläne gefährdete.
Die beiden Indianer glitten von ihren Tieren. Sofort senkten die Pferde die Köpfe und grasten. Noch einmal versuchte Sakima den Apachen zur Einsicht zu bekehren. „So nimm doch Vernunft an, Yuma. Du weißt, dass ich dir überlegen bin.“
Yuma verstand dies als Provokation und sein Hass wurde nur noch mehr aufgestachelt. „Fürchtet sich der stolze Häuptling der Lakota“, lachte er hämisch. Seine grünen Augen funkelten fanatisch. „Seine Gebeine werden noch vor Sonnenuntergang zu Asche verbrennen.“
„Nein“, antwortete Sakima bestimmt. „Ich kämpfe gegen Krieger aber nicht gegen Knaben.
Yuma zog sein Messer. Die Klinge glänzte scharf im Sonnenlicht. „Kämpfe oder stirb wie ein Hund. Dein Skalp wird an meinem Gürtel hängen.“
Sakima verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte nachsichtig den Kopf. „Ich kämpfe nicht.“
„Dann stirb wie ein Wurm im Staub“, brüllte der Apache und stürzte sich mit gezückten Messer auf ihn. Abwehrend hob Sakima die Hände, sein Messer steckte nach wie vor in einer Scheide an seinem Gürtel. In seinem Zorn griff Yuma blindlings an und Sakima bekam ihn bei den Handgelenken zu fassen. Er hielt ihn auf Armeslänge von sich. „Es muss Frieden herrschen zwischen unseren Völkern“, rief er.
„Friede wird sein, wenn die räudigen Hunde der Lakota zu Staub zerfallen sind“, antwortete Yuma erbittert und riss den rechten Arm aus der Umklammerung. Die Klinge seines Messers fuhr mit einem sirrenden Ton durch die Luft und streifte Sakimas linken Oberarm. Helles Blut trat aus einem schmalen Riss. Er stieß Yuma von sich. Dieser kam ins Straucheln, fing sich aber durch einen Ausfallschritt und sprang geschmeidig wie eine Raubkatze wieder auf die Füße. Abermals bedrängte er Sakima, der sich immer noch weigerte, von seiner Waffe Gebrauch zu machen.
„Zwing mich nicht, dich zu töten, Yuma“, fast schon beschwor er den Apachen. „Nimm doch endlich Vernunft an.“
Er wich scheinbar einen Schritt zurück, duckte sich gewandt unter der Klinge hinweg und stand einen halben Schritt hinter seinem Gegner.
Gewandt drehte Yuma sich um. „So wie du, redet jemand, der Weiberröcke trägt“, spie er ihm mit der überheblichen Verachtung der Jugend entgegen.
„Nein“, erwiderte der weisere Sakima und mühte sich, die Klinge des Apachen von seinem Körper fernzuhalten. „Nur wie ein Mann, der sein Volk vor dem sicheren Aussterben bewahren will. Die Weißen sind zahlreicher als die Sterne am Himmel und werden uns buchstäblich überrennen. Wenn wir uns jetzt noch gegenseitig zerfleischen, helfen wir ihnen noch dabei, uns auszurotten.“ Sein Atem ging ruhig, während sein Kontrahent schon anfing, zu keuchen.
„Die Apachen sind tapfere Krieger, sie werden den weißen Mann vernichten. So wie ich dich jetzt vernichte“, antwortete Yuma und hob sein Messer zum Todesstoß. Im letzten Moment wich Sakima zur Seite aus. Der Schwung brachte Yuma aus dem Gleichgewicht und stolperte über eine alte, vom hohen Gras verdeckten, Wurzel. Noch im Sturz drang ihm die Klinge seines eigenen Messers bis zum Schaft ins Herz. Mit einem letzten Seufzer beendete er sein junges Leben.
„Yuma?“ Mit einem Satz war Sakima bei dem am Boden liegenden Apachen. Sein Körper verbarg zunächst die tödliche Wunde, während der ausgedörrte Boden gierig das frische Blut aufleckte.
„Steh auf, Yuma“, rief der Lakota, doch er ahnte bereits die grausame Wahrheit. Er fasste Yuma bei der Schulter und drehte ihn auf den Rücken. Die grünen Augen des Apachen starrten blicklos ins Blau des Himmels.
Sakima stieß einen dumpfen Laut aus, der alles bedeuten konnte. Trauer, Verzweiflung oder Fluch. Die beiden anderen Apachenkrieger aus Yumas Begleitung ritten näher. Sie hatten mit einigem Abstand dem Kampf gespannt zugeschaut. Sie erfassten die Situation mit einem Blick.
„Dafür wirst du sterben, du dreckiger Hund“, zischte ihm der Ältere zu und glitt von seinem Pferd. Bei den Apachen trug er den Namen Schwarzer Adler.
„Dafür wirst du am Marterpfahl sterben“, schwor sein Kamerad.
„Er hat mich zum Zweikampf aufgefordert und ich hatte ein Recht auf sein Leben“, antwortete Sakima. „Doch ich habe ihn nicht angerührt. Er ist durch die Klinge seines eigenen Messers zu Tode gekommen.“
Schwarzer Adler spuckte ihm vor die Füße. Es war eindeutig, wie Yuma den Tod gefunden hatte, doch die beiden Apachen ignorierten dies.“
„Der Tod am Marterpfahl ist noch zu gut für dich, doch weil du ein großer Häuptling warst, werden die Apachen dir diese Ehre erweisen“, antwortete Schwarzer Adler. Er und sein Kamerad mochten zwei oder drei Winter weniger als Sakima gesehen haben, doch waren beide schon verdiente Krieger. Trotzdem wollte der Lakota sich nicht kampflos ergeben. Er würde es mit ihnen beiden aufnehmen, wenn es sein musste. Sakima zog sein Messer und der Schwarze Adler tat es ihm gleich. Die beiden umkreisten sich, versuchten, die Stärken und Schwächen des jeweils anderen einzuschätzen. Der zweite Apache war scheinbar zurückgetreten, um seinem Stammesbruder das Feld zu überlassen.
Plötzlich sah Sakima einen Schatten aus den Augenwinkeln. Er duckte sich weg, doch zu spät. Der andere Apache schlug ihm einen schweren Ast, den er vom Boden aufhob, auf den Kopf. Besinnungslos brach Sakima zusammen.
Wortlos fesselte Schwarzer Adler dem Lakota die Hände auf den Rücken. Zusammen mit seinem Stammesbruder hob er ihn mit einigen Mühen auf sein Pferd. Der Sieg, den sie davon getragen hatten, besaß einen faden Beigeschmack.
Mit lauten Schreien rannten die Apachen, Männer, Frauen und auch Kinder den Ankömmlingen entgegen. Die hohen, spitzen Rufe wurden ekstatischer, als sie sahen, wen die beiden jungen Krieger als Gefangenen mitbrachten. Im gleichen Augenblick stimmten die Frauen die Totenklage an, als sie bemerkten, dass der Häuptlingssohn tot auf dem Rücken seines Pferdes lag. Taim brach beim Anblick des Leichnams seines Sohnes zusammen. Minutenlang war er nicht in der Lage, auch nur ein stummes Wort zu formulieren. Der Schmerz hielt sein Innerstes mit eiserner Faust gepackt und schnürte ihm Kehle zu.
Neugierig durch den Lärm geworden, verließ Katie das Zelt, das sie sich mit Sina teilte. Sie war seit gut einer Woche zurück bei den Apachen. Zu ihrem großen Bedauern hatte sie bisher noch keine Nachricht von Sakima erhalten. Er hatte ihr geschworen, sie bei den Apachen abzuholen.
Das lange Warten zerrte an ihren Nerven. Nicht einmal Sinas Gesellschaft konnte sie lange ertragen.
Die meiste Zeit verbrachte sie allein im Zelt oder mit der Pflege Harlekins. Vor drei Tagen hatte sie ein durch Zufall ein Geheimnis gelüftet, das ihre ganze bisherige Existenz in Frage stellte. Diese Neuigkeit musste sie einmal für sich verkraften und sie brauchte die Stille der Einsamkeit einfach, um nachzudenken. Immer wieder wich sie den stummen Fragen ins Sinas kornblumenblauen Augen, die den ihren so sehr ähnlich waren, aus. Verlegen senkte sie sie dann den Blick, zu beschämt, eine Antwort zu geben, obwohl die klar wie ein See am frühen Morgen war.
Sie hatte gelesen und klappte das Buch zu. Ihre liebstes Buch, das sie fast schon auswendig kannte. Romeo und Julia. Katie lächelte bitter. Es war fast wie im richtigen Leben. Auch sie liebte genau wie Julia aufs Zärtlichste den ärgsten Feind, obwohl sie Sakima niemals als solchen betrachtet hatte. Der Krieg zwischen den beiden Indianervölkern tobte schon länger als Katie überhaupt auf dieser Welt war. Ein ganzes schreckliches Menschenleben und sie war einfach zu der anderen Seite erklärt worden. Niemand hatte sie je gefragt, was sie sich wünschte. Ihr Vater war der beste Freund, der weiße Bruder des Apachenhäuptlings, der mit den Lakota verfeindet war. Von Katie verlangte man, diese selbe Hingabe und dass sie den Liebsten verriet, doch genau wie Julia im Buch, weigerte sie sich. Ihr Herz hatte gewählt, wen sie liebte und für diese Liebe wollte sie auch kämpfen. Katie ahnte nicht, wie ähnlich sie der Frau war, deren Bildnis sie in einem Medaillon um den Hals trug und dessen Abbild sie zufällig bei Sinas Sachen gefunden und die sie beide geboren hatte.
Katie legte ihr Buch zur Seite und verließ das Zelt. Eine große Menge war zusammengekommen und bildete einen mehrreihigen Kreis. Katie musste sich auf die Zehenspitzen stellen um wenigstens ein wenig zu sehen. Sie sah ihren hochgewachsenen Vater, sein blondes Haar schimmerte golden im Licht der Nachmittagssonne. Mit gesenktem Kopf sprach er scheinbar tröstend auf den Häuptling ein. Zwei Krieger, ihr Verehrer der Schwarze Adler und noch ein anderer, ihr wollte sein Name nicht mehr einfallen, redeten ebenfalls auf Taim ein. Ihre Gesichter zeigten grimmige Entschlossenheit.
Da war noch ein dritter Schopf. Eine Gestalt saß zusammengesunken auf einem schwarzen Hengst mit breiten Hals und langer Mähne. Katies Herz begann zu rasen. Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte, als eine schreckliche Ahnung sie erfasste. Sie zwängte sich durch die eng zusammenstehenden Leiber. Setzte die Fäuste ein, wenn man ihr keinen Platz machte. Sie wurde gestoßen und mitgezogen, jeder drängte nach vorne, um möglichst viel zu sehen. Hohe spitze Kriegsschreie zusammen mit der Totenklage für den Häuptlingssohn übertönten jeden ihrer klaren Gedanken. Sie erntete einige grobe Flüche, aber schließlich stand sie in der Mitte des Kreises.
Katie sah nicht den Häuptling, der seinen toten Sohn im Arm hielt. Sie sah nicht die Krieger, die förmlich nach Rache und Lakotablut gierten. Für sie trat all dies hinter einem zurück. Sakima. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Von seiner Schulter bis Mitte seiner Rippen verlief ein hässlicher, blutunterlaufener Streifen und an seiner Schläfe klebte geronnenes Blut. Als er sie bemerkte, hob er den Kopf und lächelte schwach. Seine Hände waren immer noch auf den Rücken gefesselt. Sie rannte zu ihm und warf ihm die Arme um den Hals, das Gesicht an seiner Schulter verbergend. Seine Lippen berührten ihre Stirn. In seiner Muttersprache flüsterte er ihr zärtliche Worte ins Ohr, die sie nicht verstand. Er brauchte ihr nichts zu erklären. Alle Hoffnungen waren mit dem jungen Apachen gestorben. Yuma hatte durch Sakimas Messer den Tod gefunden. Seine Stammesbrüder hatten seinen Tod nur deshalb noch nicht gerächt, weil eine weitaus schlimmere Bestrafung auf den Lakota wartete. Sie küsste Sakima voller Hingabe. Noch vor einer Woche hatten seine Lippen auf ihrer Haut gebrannt. Seine Hände, die ihren Körper in Ekstase versetzt hatten, waren nun mit einem rauen Strick gebunden. Katie schloss die Augen und die Welt aus. Für einen Moment durfte sie sich der Illusion hingeben, ganz allein mit Sakima zu sein. Seine Nähe und seine Wärme zu spüren, seinen Geruch einzuatmen.
Sie löste sich kurz von ihm, zog ihr Messer und zerschnitt die Seile, die seine Hände hielten. Sakima schwankte leicht, Er stand immer noch unter der Betäubung des Schlages. Katies Vater sprang herbei. „Bist du wahnsinnig?“, herrschte er sie an. „Geh sofort weg von ihm. Er ist ein Gefangener der Apachen.“
Katie klammerte sich an Sakima, der jetzt einen Arm um sie legte. „Dann müsst ihr mich auch gefangen nehmen“, zischte sie.
Drohend kam ihr Vater auf sie zu. Taim erwachte aus seiner Starre. Er bettete seinen Sohn so auf die Erde, dass er bequem lag. Das Gesicht des Apachenhäuptlings war gänzlich frei von Tränen, doch ein harter Zug hatte sich um seinen Mund eingegraben. Das nachsichtige Lächeln, das seine Lippen immer umspielt hatte, war verschwunden. Ebenso der freundliche Blick. Die Augen des alternden Indianers waren zu zwei kalten Steinen geworden.
„Wenn die Sonne morgen das Zenit erreicht hat, wird Sakima, Häuptling der Lakota, am Marterpfahl sterben. Ich habe gesprochen!“ Er machte eine Handbewegung, die seinen Worten Gewicht verlieh. Ohne dem Gefangenen oder Katie noch einen letzten Blick zu gönnen, wandte er sich zum Gehen.
„Nein!“, schrie Katie. Alle wandten ihr den Kopf zu. Niemand wagte, dem Häuptling zu widersprechen.
„Katie, es reicht“, zischte ihr Vater mit mühsam unterdrücktem Zorn.
„Das werde ich nicht zulassen“, ignorierte sie seine Worte und stellte sich mit verschränkten Armen vor Sakima.
Gefährlich langsam wandte sich Taim. „Was hast du gesagt?“, fragte er bedrohlich leise.
„Ich werde nicht zulassen, dass jemand Sakima anrührt“, gab Katie zurück. Bedrohlich gingen Taim und ihr Vater auf sie zu, doch Katie blieb gelassen. Ihre Hand ruhte auf dem Griff des Messers an ihrem Gürtel. Ihre Drohung war unmissverständlich.
„Fesselt sie“, befahl ihr Vater zwei jungen Kriegern. Katies Messer flog aus seiner Scheide.
„Rührt mich an und Yuma bekommt Gesellschaft“, drohte sie. Der ausgedörrte Boden vibrierte unter den Hufen eines galoppierenden Pferdes. Scharf zügelte Sina ihre schimmernde Stute und die Menge stob auseinander, um nicht umgeritten zu werden. An Silvers Sattel baumelte noch das erlegte Wild. Ihre Herrin schwang sich aus dem Sattel und stellte sich vor Katie.
„Was geht hier vor?“, verlangte sie barsch zu wissen.
„Yuma ist tot und sie wollen Sakima dafür am Marterpfahl ermorden“, erklärte Katie schnell.
„Wenn sie an uns vorbeikommen“, knurrte Sina entschlossen. Sie hielt das von Dixon geschenkte Gewehr in Händen. Katies Vater ging mit zwei langen Schritten auf die Mädchen zu. Auf seinem Gesicht stand unverhohlener Zorn. Seine Augen waren blutunterlaufen und er hielt den Kopf gesenkt, wie ein wütender Bulle, der zum Angriff übergeht. Grob stieß er Sina zur Seite und schlug seiner Tochter hart ins Gesicht, dass sie zu Boden stürzte. Wie ein dunkler Schatten stand er über ihr und verdeckte die Sonne. „Du Hure“, brüllte er. Sakima versuchte, Katie zu schützen, doch wurde er sofort von mehreren Apachenkriegern zu Boden gezwungen. Voll unversöhnlichen Hass starrte. Die junge Frau am Boden sah er nicht mehr als sein eigen Fleisch und Blut an. Für ihn war sie nur noch belastender Abschaum, den er möglichst schnell loswerden musste. Roh packte er sie im Haar und zog sie an sich heran.
„Du bist nur ein Stück Dreck und darüber habe ich mich nie täuschen lassen“, seine Stimme war zu einem kalten Flüstern geworden. Sein eisenharter Griff hinderte Katie daran, den Kopf zu wenden. Sie konnte nur hören, was die Apachen mit Sakima taten. „Mit deiner Geburt schon hast du das Leben deiner Mutter zugrunde gerichtet. Du wärst besser hinter den Klostermauern weggesperrt geblieben. Dort konntest du wenigstens keinen Schaden anrichten.“
Er stieß Katie nach vorn, wo Yuma lag. Der Junge hielt die Augen geschlossen, als schliefe er. Nur das geronnene Blut auf seiner Brust zeugte von seinem gewaltsamen Tod. „Sie ihn dir an“, fuhr Katies jetzt ruhiger fort. „Sein Blut klebt an deinen Händen. Für seinen Tod bist du genauso verantwortlich, als hättest du das Messer selbst geführt.“
Katie schluchzte auf, Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie schüttelte nur den Kopf und versuchte, etwas zu erwidern.
„Du schweigst besser“, er sprach in einem Ton, als wäre es unnötig, sich über sie aufzuregen. „Morgen schicke ich dich zurück ins Kloster. Du wirst dem Konvent als Nonne beitreten. Leider hat der Häuptling auf sein Herz gehört, statt auf meinen Rat. Sein Sohn könnte noch leben.“
„Aufhören“, schrie Sina und riss sich von dem Krieger los, der sie festgehalten hatte. Sie zog das Messer gegen Katies Vater. In ihren Augen lag eine unmissverständliche Warnung, doch sie ließ ihr Gegenüber erst gar nicht zu Wort kommen. Die Apachen hörten gespannt mit angehaltenem Atem zu. Noch nie hatte auch nur einer der Krieger gewagt, seinem Häuptling zu widersprechen und schon gar keine Frau. Sinas Miene ließ darauf schließen, dass sie durchaus bereit war, die Klinge auch in tödlicher Absicht zu gebrauchen.
„Für Sie ist es doch ganz einfach“, fauchte sie. „Sie schlagen doch ganz bequem zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie beseitigen den Feind und den ungeliebten Schwiegersohn in einem Zug. Einfacher geht es nicht. Für ihre Kleinlichkeit opfern Sie Sakima den Apachen.“
„Nun höre mal, junges Fräulein“, wehrte sich Katies Vater.
Sina spie auf den Boden. „Sie widern mich an. Sie sind doch nur so lange ein guter Christ, wie es für Sie bequem ist, aber wenn es ihnen passt, lassen sie einen jungen Menschen auch die schlimmsten Qualen erdulden.“
„Das muss ich mir von einer Göre, der es im Leben zu gut ging, nicht anhören“, brüllte er.
„Sie werden sich noch so einiges anhören müssen.“ Sie nahm die verzweifelt weinende Katie in die Arme, die sich nach Sakima wandte.
„Der Lakota wird morgen am Marterpfahl sterben. So wie es der Häuptling bestimmt hat“, erwiderte Katies Vater. Zornesröte entflammte seine Wangen. Er gab den in vorderster Reihe stehenden Kriegern ein lautloses Zeichen. „Schafft mir die drei aus den Augen. Bindet den Lakota an den Pfahl bis morgen früh und die Mädchen bringt ihr getrennt voneinander in Zelten unter. Bewacht sie gut, damit sie nicht fliehen können. Jeweils zwei Krieger packten die Gefangenen und zerrten sie weg.
„Ich habe keinen Vater mehr“, schrie Katie über die Schulter, als man sie wegbrachte.
 

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(Friedrich Nitzsche)



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Beitrag #2 |

RE: Könige der Prärie - 19. Teil
Hallo Persi,
 
und weiter. Icon_jump
 
Zitat:Eine junge Forelle sprang aus dem Wasser, die aufspritzenden Wassertropfen funkelten wie kleine Diamanten
 
Wenn du nur „Tropfen“ schreibst, hast du die Dopplung von „Wasser“ weg.
 
Zitat:Alle edle Tiere aus seiner eignen Zucht. Ein traditionelles Brautgeschenk für Katies Vater, bei dem er nach indianischer Art um ihre Hand anhalten wollte.
 
Alles edle Tiere
Ah, okay, es war mir nicht klar, dass es auch bei den Indianern so ist, dass er bei dem Vater um die Braut werben muss, Icon_confused dann macht es doch gleich mehr Sinn warum sie davon sprechen, dass er seinen Segen geben muss. Vielleicht könntest du das im vorheringen Kapitel schonmal als Info geben, dann wird auch klarer, warum er sie wegschickt. Und du hast was lehrreiches über die Indianer-Traditionen eingebaut. Icon_wink
 
Zitat:Sakima wurde ganz aufgeregt, wenn er daran dachte. Die Weißen überreichten einen Ring.
 
Das mit dem Ring sieht so sinnlos eingeworfen aus. Damit es Sinn macht, müsste Sakima da näher drüber nachdenken, z.b. das Pferde ja viel sinnvoller, als so ein Schmuckstück sind, oder was Katie besser finden würde, oder sowas halt.
 
Zitat:„Bedarf es jetzt schon dreier Apachenkrieger um einen einzelnen Lakota überwältigen?“,
 
Lakota zu überwältigen
 
Zitat:„Ich fordere dich zum Zweikampf auf.“
 
Yeah Action! Mrgreen
 
Zitat:Noch im Sturz drang ihm die Klinge seines eigenen Messers bis zum Schaft ins Herz.
 
Ohhh neeeiiin!  Ich mochte den Kleinen doch. Icon_shocked
 
Zitat:hatte, doch die beiden Apachen ignorierten dies.“
 
Aber ich kann die beiden Anführungszeichen, die zuviel sind, nicht ignorieren. Icon_wink
 
Zitat:Vor drei Tagen hatte sie ein durch Zufall ein Geheimnis gelüftet,
 
Das erste „ein“ ist zuviel.
 
Zitat:Von Katie verlangte man, diese selbe Hingabe
 
dieselbe
 
Zitat:deren Bildnis sie in einem Medaillon um den Hals trug und dessen Abbild sie zufällig bei Sinas Sachen gefunden und die sie beide geboren hatte.
 
Sie sind Schwestern? Oh Schreck. Icon_shocked Da frage ich mich doch, wie Katie in diesem Internat landen konnte und nicht bei der Mutter geblieben ist. Aber das werden wir wohl noch erfahren.
 
Zitat:Sakima schwankte leicht, Er stand immer noch unter der Betäubung des Schlages.
 
Bitte aus dem Komma einen Punkt machen.
 
Zitat:Gefährlich langsam wandte sich Taim.
 
Taim um
 
Zitat:Voll unversöhnlichen Hass starrte. Die junge Frau
 
Das hier solltest du zu einem Satz verbinden, oder nach „starrte“ noch was einfügen.
 
Zitat:„Sie ihn dir an“, fuhr Katies jetzt ruhiger fort.
 
Katies Vater
 
Oh nein, jetzt ist das Kapitel schon wieder an einer so spannenden Stelle zu Ende. Das Yuma sterben musste tut mir richtig leid, aber dadurch hast du einen wunderbaren Konflikt geschaffen. Pro  Gerade noch waren wir glücklich mit Sakima auf dem Weg zu Katie und schwupps landen alle am Marterpfahl. Bin sehr gespannt, wer sie jetzt retten kommt. Vielleicht die Lakota oder auch Dixon der Sina retten will. Icon_confused Wo auch immer dieser Kerl jetzt ist. Bin auch sehr gespannt, wie du das mit ihm und Sina löst, denn mein letzter Stand ist noch immer, dass sie ihm weggelaufen ist, aber offenbar haben sie sich wieder vertragen. Und Katies Vater … ich befürchte der muss auch noch sterben, bevor die Mädels glücklich werden können. Icon_fies

Liebe Grüße,
Lady

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Beitrag #3 |

RE: Könige der Prärie - 19. Teil
Hallo Lady, 

Auf geht's. Ob wir noch eingeladen werden zur Hochzeit?  Icon_confused

Zitat:Ah, okay, es war mir nicht klar, dass es auch bei den Indianern so ist, dass er bei dem Vater um die Braut werben muss, [Bild: icon_confused.gif]dann macht es doch gleich mehr Sinn warum sie davon sprechen, dass er seinen Segen geben muss. Vielleicht könntest du das im vorheringen Kapitel schonmal als Info geben, dann wird auch klarer, warum er sie wegschickt. Und du hast was lehrreiches über die Indianer-Traditionen eingebaut. 

Das ist keine üble Idee, aber wie gesagt, vorrangig geht es darum, die Beziehung zwischen Vater und Tochter wieder herzustellen. 
Zitat:Ohhh neeeiiin!  Ich mochte den Kleinen doch.
Der billige Abklatsch von Sakima  Icon_wink Ja, der war schon niedlich. Die indianische Version der kasachischen Zuckerschnute  Icon_lachtot
Es geht spannend weiter und ich wünsche dir noch viel Spaß beim Lesen
Gruß Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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