Es ist: 22-11-2019, 08:04
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Könige der Prärie - 23. Teil
Beitrag #1 |

Könige der Prärie - 23. Teil
Im hohen blaugrünen Gras zirpten die Grillen. Noch ahnten sie nicht, dass der Herbst mit großen Schritten nahte und ihnen nicht mehr viel Zeit vergönnt war. Eine Amsel sang in den Zweigen einer jungen Birke, während es schien, als wolle die Sonne mit ihren letzten warmen Strahlen alles verbrennen.
Schwarze Dunkelheit, ein Raum von Nichts. Selbstmördern war der Eintritt ins Paradies verwehrt. Sie hatten eine schwere Sünde begangen, für die sie unter Qualen im Höllenfeuer büßen mussten.
Einen Moment war nur Finsternis um sie herum, sie konnte kaum atmen, doch dann zeigte sich ein erster feiner Lichtstrahl. Nach so langer Zeit im Dunkeln war dies beinahe wie Balsam für ihre Seele. Fast eine Ewigkeit im Nichts. Sie konnte die Stimmen um sich herum hören, spürte, wie ihr Körper hoch gehoben und weggetragen wurde. „Ich bin hier!“, wollte sie schreien. „Ich bin noch da!“ Doch ihre Glieder gehorchten ihr nicht. Sie war Teil dieser alles umfassenden Dunkelheit, die sie umgab.
Ihr Geist eilte auf das Licht zu. Stück für Stück wich die Dunkelheit und gab sie frei. Langsam spürte sie ihren Körper wieder, bestand nicht nur aus einem in der Düsternis gefangenen Geist. Sie krümmte einen Finger und hätte frohlocken können. Hob die Hand, ein Glücksgefühl durchströmte sie warm. Kraftlos fiel ihre Hand wieder zur Seite, doch es kümmerte sie nicht. Ihr Körper gehorchte wieder ihrem Geist und die Kraft würde von ganz allein zurückkommen.
Sie war nicht gestorben. Der Trank, den sie sich aus Kräutern und Schmerzmitteln gemischt hatte, verfehlte seine Wirkung. Sie war lediglich in einen tiefen Schlaf gefallen, doch alle Welt musste sie für tot gehalten haben.
Sie wusste nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen war, doch konnte es sich höchstens um ein paar Tage handeln. Die Bäume zeigten noch nicht jene Verfärbung, die typisch für den nahenden Herbst ist.
Katie schloss noch einmal die Augen. Ein strenger Geruch wehte ihr in die Nase. Schweißperlen rannen ihr über Stirn und Wangen. Ihre Finger ertasteten weichen Pelz.
Sina, die Freundin, ihre Schwester, hatte bestimmt schon längst von ihrem vermeintlichen Tod erfahren. Und Sakima. Ein trockener Schluchzer entrang Katies Kehle. Nach einem unvorstellbar grausamen und schrecklichen Tod am Marterpfahl war sein Körper oder das, was noch von ihm übrig geblieben war, zu Asche verbrannt und in alle Winde verstreut. Am liebsten wäre sie einfach liegen geblieben und wirklich gestorben, doch der Große Geist oder auch nur ihr Herrgott, hatte wohl andere Pläne für sie. „Alles geschieht aus einem bestimmten Grund“, hatte Schwester Agathe immer weise gesagt und Katie hatte sich besonnen. Ihr Suizidversuch war eine Kurzschlussreaktion gewesen. Völlig unüberlegt aus einem Impuls heraus. Trotz ihres schlechten Gewissens, war sie einen kurzen Moment dankbar für Sakimas Tod. Sicherlich hatte er nie von ihrem Handeln erfahren. Dieser  Schmerz war ihm wenigstens erspart geblieben, so zynisch das auch klang. Sina. Katie sah sich in der Verantwortung, sich um das junge Mädchen zu kümmern. Besonders jetzt, da sie wusste, dass sie Schwestern waren.
Mit aller Entschlossenheit zwang sie sich, sich aufzusetzen, die Schwäche in ihren Muskeln ignorierte sie. Man hatte sie unter einem Bärenfell bestattet, daher auch der strenge Geruch und die Wärme, denn die Sonne brannte gleißend vom Himmel. Sie schlug den Pelz zur Seite und schwang die Beine über den Rand des Lagers. Der Kopf schwindelte ihr noch. Einige der Kräuter, die sie zu sich genommen hatten, bewirkten je nach Konzentration Rauschzustände und hinzu kam noch die Wirkung des Schmerzmittels, das aus Opium bestand. Sie fühlte sich, als hätte sie zu viel Whisky getrunken. Katie rieb sich die Augen und zwang den Blick geradeaus auf eine stattliche alte Eiche, die ihr seltsam klein vorkam. Ein Umstand, der auch ihrer sogenannten Medizin geschuldet sein konnte. Ihre Füße baumelten frei. Sie schielte an ihren Beinen hinunter und schrak zurück. Ihre Grabstelle befand sich gut zwölf Fuß hoch über der Erde. Man hatte ein hohes Gerüst aus Stangen errichtet. Der Boden schien sich zu drehen und ihr entgegenzukommen. Bis heute hatte sie nicht geahnt, dass sie unter Höheangst litt. Die Bäume summten im leisen Wind. Schnell zog sie die Beine eng an sich, rutschte zurück und schlang die Arme um die Knie. Sie stützte das Kinndarauf und dachte nach. Immerhin war es ein Glück gewesen, dass sie nicht nach Sitte der weißen in einem Erdloch bestattet worden war, sonst wäre sie wohl bei lebendigem Leib erstickt. Aber sie musste von diesem Gerüst herunterkommen. Ihr Blick schweifte umher. Um das ihre herum waren noch weitere solcher Gerüste aufgebaut. Augenscheinlich befand sie sich auf einem indianischen Friedhof. Sie war noch niemals zuvor hier gewesen, doch das Dorf der Apachen konnte nicht allzu weit entfernt sein. Die Indianer bestatteten ihre Toten gerne in der Nähe, damit ihre Geister über die Lebenden wachten.
An einem Gerüst, dessen sehr helle Stangen zeigten, dass es noch recht neu war, flatterten Adlerfedern. Yumas Grabstätte. Katie schloss die Augen, zwei Tränen rannen ihr über die Wangen, während sie ein stummes Gebet für den Häuptlingssohn sprach. Sein gewaltsamer Tod hatte eine ungeheure Lawine ins Rollen gebracht. Sie vermisste ihn als Freund. Er war ihr ans Herz gewachsen wie ein jüngerer Bruder und alles, was sie und Sina in der Prärie zum Überleben brauchten, hatte er die beiden Mädchen gelehrt. Sein stilles Vermächtnis. In ihrem und auch Sinas Herzen- dessen war sie sich sicher- würde er immer weiter leben. Genauso wie Sakima, dem keine letzte Ruhestätte, an der man seiner gedenken konnte, vergönnt war. Doch in Katies Erinnerung würde er weiterleben, solange bis auch sie für immer die Augen schloss. Einzig ihren Vater wollte sie niemals wieder sehen und auch am besten vergessen. Sein Angebot, den Stamm der Apachen zu verlassen, wollte sie mit Freuden annehmen und auch gleich aus seinem Leben verschwinden. Zuerst hatte er ihr die Mutter und schließlich auch noch die Schwester vorenthalten. Einzig er war schuld an Sakimas Tod. Auch wenn Taim den Befehl dazu gab. Der Apachenhäuptling war vor Kummer und Schmerz über den Verlust des einzigen Sohnes wie von Sinnen. Ihr Vater hätte es verhindern können. Auf den Rat seines weißen Bruders hätte der Taim mit Sicherheit gehört, doch stattdessen hatte ihr Vater, wie Sina schon richtig erkannt hatte, zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und sich auf bequeme Weise des ungeliebten Schwiegersohnes entledigt. In Katie kam Brechreiz auf, als sie erkannte, zu welchen Grausamkeiten ihr Erzeuger fähig war.
Sie wünschte diesem Mann, aus dessen Lenden sie stammte, tausend Tode. Doch noch mehr wünschte sie ihm, dass er weiter lebte. Er sollte sehr alt werden und jeden Tag mit der Gewissheit leben, alles verloren zu haben. Eines Tages, so hoffte sie, würde er alles bereuen, was er ihr angetan hatte. Wenn er krank und einsam war, dann würde er sich wünschen, die Zeit zurückzudrehen, aber dann war es zu spät. Die Tochter hatte ihn dann schon lange vergessen.
Einen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, einem Konvent beizutreten. Heiraten wollte sie ohnehin nicht. Ihr Herz gehörte Sakima, solange sie lebte und leben bedeutete für sie nur noch, zu warten, dass der Tod sie wieder mit dem Liebsten vereinte. Wider Willen stahl sich ein Grinsen auf ihr Gesicht. Die Idee mit Konvent konnte sie gleich wieder verwerfen. Immerhin war sie nicht allein. Alle ihre Entscheidungen würden auch Sina betreffen und ihre Schwester mit der Nonnenhaube. Wieder musste Katie lachen. Sina als Nonne war einfach unvorstellbar. Schlagartig kehrte die Trauer um Sakima zurück. Am Himmel schob sich eine Wolke vor die Sonne. Als Katie noch ein kleines Mädchen war, hatte Schwester Agathe ihr den Himmel beschrieben, wo Gott auf einem goldenen Thron saß und zu seinen Füßen spielten kleine Engel auf den Wolken. Eine kindliche Vorstellung, die ihr in diesem Augenblick Trost spendete. Warum sollte Sakima nicht dort auf sie warten? Wenn Gott wirklich so gütig war, wie die Nonnen immer behaupteten, dann hatte er auch einen Roten bei sich aufgenommen.
„Niemals wieder werde ich einen Mann lieben“, schwor Katie laut.
Dann wendete sie sich den praktischen, weltlichen Dingen zu. Sie musste von diesem Gerüst runterkommen. Ein Geruch von Tod und Verwesung lag in der Luft. Diesen Ort wollte sie so schnell wie möglich verlassen. Die Apachen hatten natürlich keine Leiter hinterlassen, auf der sie bequem hätte herabsteigen können. Tote verlassen ihre Ruhestätten in der Regel nicht. Sie prüfte eine der Stangen. Obwohl sie leicht schwankte, schien sie Katies Gewicht tragen zu können. Das Mädchen sandte ein stummes Gebet zum Himmel, als sie daran herabrutschte. Zwölf Fußen waren schon eine beachtliche Höhe. Erleichtert spürte sie Boden unter den Füßen. Suchend ließ sie den Blick schweifen. Aus der Ferne sah sie Rauch in kleinen weißen Kringeln aufsteigen. Dort also musste sich das Lager der Apachen befinden. Sie rannte darauf zu und fluchte, als sie den Rand des dicht bewachsenen Waldes erreichte, der eine Grenze zwischen den Jagdgründen der Apachen und ihrer Begräbnisstätte bildete. Die Linie zwischen Leben und Tod.
Die hochgewachsenen Bäume versperrten Katie die Sicht. Plötzlich hörte sie ein helles Wiehern, das ihr sehr vertraut war. Sie drehte sich um und traute ihren Augen kaum. Hinter einem Busch, unweit von ihr, stand Harlekin. Auffordernd wieherte er ein zweites Mal. Auf einen kurzen Pfiff trabte er zu ihr und untersuchte sie sogleich auf Leckereien. Zärtlich liebkoste sie den feinen Kopf des Hengstes und verbarg ihr Gesicht in seiner langen schwarzen Mähne.
Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Es war, als wäre sie eingeschlafen und in einem völlig neuen Leben aufgewacht. Harlekin musste schon einige Zeit allein umhergelaufen sein. Seine Mähne, die Katie immer sorgfältig gepflegt hatte, war voller Kletten. Anscheinend hatte er sich auch mit einem anderen Pferd geschlagen. An seiner Flanke klebte getrocknetes Blut. Katie untersuchte die Bisswunde, die etwa zwei Tage alt war, sie aber nicht daran hinderte, sich auf Harlekins Rücken zu schwingen. Allein die Zäumung fehlte, doch das war nicht weiter tragisch. Im Laufe der Monate waren sie so sehr zu einer Einheit verwachsen, dass eine Gewichtsverlagerung ihrerseits genügte, um den Pferd die Richtung zu weisen.
Sie tätschelte seinen Hals und er brummelte zufrieden, dann legte sie ihre Hand auf seinen Widerrist und saß einen Moment später auf seinem Rücken. Leicht drückte sie die Fersen in seine Flanken, Harlekin galoppierte an und kurz darauf verschmolzen sie mit dem dichten Unterholz des Waldes.
 
Mit über siebzig Kriegern, die alle schwer bewaffnet waren, ritt Sakima zum Stamm der Apachen, um Häuptling Taim den Krieg zu erklären. Sina, die zusammen mit Dixon direkt hinter Sakima ritt, machte sich große Sorgen. Der Lakotahäuptling strahlte eine beängstigende Ruhe aus. Sie wusste, dass in seinem Innersten der Zorn heiß brodelte, doch merkte man ihm dies nur an, wenn man ihn genau beobachtete. Seine ohnehin schon sehr dunklen Augen wirkten gespenstig schwarz und er biss die Zähne so fest zusammen, dass die Kiefermuskeln hervor traten. Katie hatte ihn einmal mit einem jungen Gott verglichen. „Ein Adonis unter den Roten“, hatte sie lächelnd behauptet. Aus dem Adonis war Anteros geworden, der Rachegott und Sina fürchtete seine kalte Ruhe mehr als heißen Zorn. Ihm schien alles egal zu sein, nur der Sinn nach Vergeltung trieb ihn noch an.
Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihn von seinem Vorhaben abbringen konnte. So hart es war, aber auch wenn er seinen Rachedurst stillte, würde das Katie nicht wieder lebendig machen.
Katie hatte Gewalt stets abgelehnt und war stets den versöhnlichen Weg gegangen. Nur ungern erinnerte sich Sina daran, dass die Schwester im Fort drei Männer umgebracht hatte, doch war dies aus Notwehr geschehen, um Sina und Yuma zu befreien. Sie musste einfach Zugang zu Sakima finden. Eine Möglichkeit, dass er seine Rache bekam, ohne dass Unschuldige darunter leiden mussten.
Sina spornte ihre Stute an und ritt direkt neben Sakima. Der junge Häuptling gönnte ihr einen finsteren Blick aus dunklen Augen. Das Funkeln, von dem Katie immer so geschwärmt hatte, schien erloschen. „Darf ich sprechen?“, fragte Sina beinahe schüchtern und ärgerte sich über ihre Unterwürfigkeit. Sie wusste, dass sie sich jedes Wort genau überlegen musste. Die Stimmung des Lakota war explosiv wie ein Fass Pulver und sie wollte ihn nicht noch mehr reizen.
Eine knappes Nicken seinerseits gab ihr die Erlaubnis, ohne sie anzusehen. Um seine  Mund war ein harter Zug. Sina erschrak, wie sehr er sich innerhalb weniger Stunden verändert hatte. Er schien jeglichen Lebensmut verloren zu haben.
„Nimm Rache für Katie, wenn du glaubst, du müsstest das unbedingt tun“, in ihrer Stimme schwang leise Verachtung mit. Er war nicht besser als die Apachen. Sakima biss sich auf die Unterlippe und blieb die Antwort schuldig. „Aber halte um Himmels Willen Unschuldige dabei heraus“, fuhr Sina fort. Die Finger des Lakota klammerten sich in mühsam beherrschter Wut so fest um die Zügel, dass die Knöchel hervortraten. Sein Hengst schlug mit dem Kopf gegen die ungewohnte Behandlung.
„Meine Krieger geben gerne ihr Blut und bei den Apachen gibt es keine Unschuldigen. Sie sind alle verräterische Hunde und dafür müssen sie sterben“, antwortete Sakima kalt.
„Wenn du so denkst, bist du auch nicht besser als die Apachen“, gab Sina furchtlos zurück. „Katie hat das Leben geliebt und für die Liebe und Versöhnung unter den Menschen, egal welche Hautfarbe, egal welcher Stamm gelebt. Möchtest du das alles zerstören? Du rächst nicht ihren Tod, du befriedigst lediglich deinen Blutdurst.“
Sakima packte sie grob beim Handgelenk und drückte so fest zu, dass Sina glaubte, die Knochen müssten ihr brechen. „Halt deinen Mund oder ich schneide dir eigenhändig die Zunge heraus.“
„Dann werde ich es dir aufschreiben. Lesen kannst du ja“, lehnte Sina sich sehr weit aus dem Fenster. Obwohl sie nur ein Mädchen von siebzehn Jahren war, ging sie einer Konfrontation niemals aus dem Weg. Unwillig schüttelte sie seine grobe Hand ab.
„Räche dich, aber nur du allein und zieh nicht andere mit runter.“
Eine steile Falte bildete sich auf Sakimas Stirn. Am liebsten hätte er dem Mädchen die Kehle durchgeschnitten, sie konnte nicht annähernd ahnen, welch großen Schmerz er durchlitt. Ein Schmerz, der nur auf eine Art geheilt werden konnte.
„Einen Zweikampf“, schlug Sina vor. Auf ihrem Handgelenk hob sich deutlich ein dunkler Streifen von der hellen Haut ab. „Fordere Taim zu einem Zweikampf auf Leben und Tod auf. Dann bekommst du deine Rache und schlimmstenfalls werdet nur ihr beide sterben. Vielleicht findet dann auch dieser jahrzehntelange Krieg zwischen euren Völkern ein Ende. Es wäre wirklich zu wünschen.“ Die letzten Worte fauchte sie ihm wie eine tollwütige Wildkatze ins Gesicht. Insgeheim bewunderte Sakima den Mut, mit dem sie sich ihm entgegenstellte. Wäre sie ein mann, er hätte sie zu einem seiner Krieger gemacht.
„Einen Zweikampf“, widerholte er knurrend und Sina musste an sich halten, dass sie nicht enerviert die Augen verdrehte.
Mit dieser Geste hätte sie seinen Zorn noch mehr provoziert. Stattdessen nickte sie nur.
„Ich denke, das wäre die beste Lösung, nachdem du dich nicht beirren lässt“, antwortete sie leise und ihre Worte klangen wie ein Abschied.
Sakima nickte. „Vielleicht gar keine so schlechte Idee. Taim wird um seinen Tod betteln.“
Erleichtert atmete Sina auf. „Tu was immer dir beliebt“, antwortete sie knapp und nahm wieder ihren Platz in der Reihe hinter dem Häuptling ein. Sein Vorhaben, überhaupt zu kämpfen, hielt sie nach wie vor für verrückt, doch ein Zweikampf würde den Kreis der Opfer erheblich einschränken.
Mit sechs seiner besten Krieger, darunter Narbengesicht, begab sich Sakima zu den Apachen. Die anderen bleiben als Verstärkung, wenn es denn zum Kampf kam, zurück. Der Häuptling befahl Sina an seine Seite und ihr blieb keine Wahl, auch wenn sie gerne auf den Anblick eines blutigen Zweikampfes verzichtet hätte.
Glücklicherweise durfte Dixon auf ihren Wunsch hin, sie auch begleiten. Sina war es eine Beruhigung, ihren Gemahl an ihrer Seite zu wissen. Seltsamerweise gab er ihr ein Gefühl von Sicherheit. An Sakimas Seite ritt sie zum Stamm der Apachen. Das Dorf, von dem sie sich gewünscht hatte, es nie wieder sehen zu müssen, kam ihr vertraut und fremd zugleich vor. Gute wie schlechte Erinnerungen verband sie mit diesem Ort und ihre Rückkehr glich fast einer Heimkehr.
Frauen stampften wild wachsendes Getreide mit ihren Mörsern, Hunde bellten und Kinder tobten fröhlich umher. Raue Männerstimmen riefen sich lachend etwas zu.
Der Häuptling war nirgends zu sehen, auch sein weißer Bruder, Katies Vater nicht.
Ein hochgewachsener Apachenkrieger trat ihnen forsch in den Weg. Er verschränkte die Arme vor der breiten Brust.
„Ist der Häuptling der Lakota gekommen, um endlich seine Martern am Pfahl zu erdulden, vor denen er geflohen ist?“, fragt er höhnisch.
Ein schwere Beleidigung. Aus den Augenwinkeln schielte Sina zu Sakima, der die Ruhe selbst schien. Er schaute den Apachen an, der ungefähr in seinem Alter war, als wäre dieser die stinkende Hinterlassenschaft eines Coyoten.
„Richte deinem Häuptling aus, dass ich hier bin, um mich mit ihm im Zweikampf zu messen“, erwiderte er kühl. „Auf das unser Krieg auf alle Zeiten beigelegt wird.“
„Taim kämpft nicht gegen einen jungen, räudigen Hund“, spie der Apache aus.
Weitere Apachenkrieger und auch Frauen und Kinder kamen herbei und zogen einen dichten Kreis um die Lakota. Sina rutschte nervös im Sattel hin und her. Sie waren deutlich in der Unterzahl.
Sakima ignorierte die Menge völlig. „Taim“, rief er. „Hat den Häuptling der Apachen der Mut verlassen, dass er es nicht wagt, sich einem Zweikampf zu stellen? Ist es wahr, was die zahnlosen Weiber an den Feuern erzählen?“
Sina unterdrückte hinter vorgehaltener Hand ein Grinsen. Die Lage war zu ernst.
„Nach einer Weile, als Sina schon jegliche Hoffnung aufgegeben hatte, Taim zu Gesicht zu bekommen, wurden die gegerbten Häute, die den Eingang zum Häuptlingszelt verschlossen, beiseite geschlagen und Taim trat heraus. Sina erschrak über seinen Anblick. Er war sichtlich gealtert. Silberne Strähnen durchzogen sein langes schwarzes Haar. Tiefe Furchen hatten sich um seinen Mund eingegraben. Taim mochte nicht einmal vierzig Winter erlebt haben, doch sah die hagere Gestalt aus wie ein uralter Mann. Taim war nur noch ein Schatten des stolzen Apachenkriegers, als den man ihn kannte.
Mit einigen Schritten Abstand folgte ihm Katies Vater, der nicht besser aussah als sein roter Bruder. Das dunkelblonde Haar hing ihm wirr in die Stirn. Die Augen waren blutunterlaufen und er schien sich tagelang nicht rasiert zu haben. Die Bartstoppeln wucherten wild auf seinen Wangen. Beim Gehen schwankte er und wäre beinahe gestürzt, wenn ihn nicht ein junger Apache aufgefangen hätte. Anscheinend hatte er seinen Schmerz mit Branntwein betäubt.
Aufrecht, sich den letzten Rest Würde bewahrend, schritt Taim auf die Lakota zu. Respektvoll wichen seine Krieger zur Seite, um ihrem Häuptling den Weg frei zu machen.
„Wer bellt wie ein junger Hund vor meinem Zelt?“, verlangte er zu wissen.
„Sakima, der Häuptling der Lakota“, lautete die Antwort. „Und ich fordere dich zum Kampf Mann gegen Mann auf. Alles oder Nichts. Die Gebeine des Verlierers sollen noch vor Sonnenuntergang brennen und seine Asche in alle Winde verstreut werden.“
2So sei es“, stimmte Taim zu. „Doch wenn du stirbst, so finden auch deine Krieger, die neben dir stehen den Tod.“
„Sie werden mir mit Freuden in die ewigen Jagdgründe folgen, doch die beiden Weißen lass gehen, denn sie haben mit der Feindschaft zwischen unserer beiden Völker nichts zu schaffen.“ Sakima sprach mit besonnener Stimme.
„Einverstanden“, willigte der Apache sofort ein und Sina blickte überrascht auf. Das ging zu leicht. Sakima ließ sich vom Pferd gleiten. Sina und Dixon taten es ihm nach, nur die Lakotakrieger blieben auf ihren Tieren sitzen.
Die beiden Kontrahenten legten ihre Oberbekleidung ab. Die Regeln des Kampfes besagten, dass der Verlierer in jedem Fall sterben müsste. Als Waffen waren lediglich Messer und Tomahawk, eine kleine indianische Streitaxt, erlaubt, Schusswaffen hingegen verboten.
Die umstehenden Krieger wichen einige Schritte zurück und vergrößerten so den Kreis. Sina umklammerte Dixons Hand. Vor Aufregung war ihre Kehle wie zugeschnürt, während ihr Herz bis zum Hals schlug. Mit angehaltenem Atem verfolgte sie den Kampf, der nicht nur gnadenlos sondern auch äußerst blutig zu werden versprach.
Die beiden Gegner umkreisten sich. Es ging darum, die jeweiligen Stärken und auch Schwächen des anderen zu erahnen. Sakima als der Jüngere mochte wendiger und über schnellere Reaktionen verfügen. Doch Taim konnte auf die Gelassenheit und Erfahrung des Alters zurückgreifen.
Sakima ging zum Angriff über. Er hob den Arm hoch, seine Hand umklammerte den Griff des Tomahawks und er holte weit aus. Doch Taim fing den tödlichen Schlag mittels seiner Streitaxt geschickt ab. Körperlich waren beide Kontrahenten ungefähr gleich stark. Übelkeit stieg in Sina auf. Am liebsten wäre sie davon gerannt und hätte sich irgendwo verkrochen, bis dieser barbarische Kampf vorüber war. Doch sie musste stark bleiben, die hinter ihr stehenden Apachenkrieger versperrten ihr ohnehin den Weg wie ein gemauertes Bollwerk und so blieb ihr nichts anderes übrig, als das Gesicht an Dixons Schulter zu vergraben. Er legte schützend einen Arm um sie.
Hart prasselten die Schläge, die beiden Häuptlinge kannten keine Gnade. Wie gebannt schaute der ganze Stamm zu und niemand achtete auf das Donnern galoppierender Hufe.

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(Friedrich Nitzsche)



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Beitrag #2 |

RE: Könige der Prärie - 23. Teil
Hallo Persi,
 
die Pferde gesattelt und weiter im Text. [Bild: smiley_emoticons_mttao_cowboy_smile.gif]
 
Zitat:Sie war nicht gestorben. Der Trank, den sie sich aus Kräutern und Schmerzmitteln gemischt hatte, verfehlte seine Wirkung.
 
Ha, ich habs doch gewusst, dass du sie nicht so einfach sterben lässt. Icon_jump


Übrigens: „hatte seine Wirkung verfehlt“, würde ich mal sagen. Wieder dieses Zeiten-Dings. Hmm, ich weiss nicht, aber irgendwie würde es mich an der Stelle interessieren, wie Katie darüber denkt und ob das beabsichtigt war oder nicht. Dann könntest du hier zumindest andeuten, ob sie zum Beispiel überrascht ist noch zu leben oder irgendsowas.
 
Zitat:Sina. Katie sah sich in der Verantwortung, sich um das junge Mädchen zu kümmern.
 
Sie wacht ja gerade erst auf, daher würde ich sie vielleicht an der Stelle nur denken lassen: “Ich muss Sina sagen, dass ich noch lebe.” Das hier mit der Verantwortung, erscheint mir zu weit gedacht, dafür, dass sie noch recht benebelt ist.
 
Zitat:Einige der Kräuter, die sie zu sich genommen hatten,
 
genommen hatte
 
Zitat:Sie stützte das Kinndarauf und dachte nach.

Kinn darauf
 
Zitat:dass sie nicht nach Sitte der weißen in einem Erdloch bestattet
 
… der Weißen …
 
Zitat:Sinas Herzen- dessen war sie sich sicher- würde
 
Ich denke da müssen Leerzeichen hin, also: Sinas Herzen - dessen war sie sich sicher-  würde
 
Zitat:Einzig er war schuld an Sakimas Tod. Auch wenn Taim den Befehl dazu gab.
 
Ich kann Katies Gedanken gut nachvollziehen. Aber genau genommen ist sie ja der Grund für Sakimas (vermeindlichen) Tod. Er wollte ja zu ihr, als er Yuma begegnet ist. Icon_wink
 
Zitat:Auf den Rat seines weißen Bruders hätte der Taim mit Sicherheit gehört,
 
Bitte das „der“ löschen, das hat bei mir gerade einen Lachanfall ausgelöst. Icon_lol
 
Zitat:Alle ihre Entscheidungen würden auch Sina betreffen und ihre Schwester mit der Nonnenhaube.
 
Ich weiß genau, was du sagen willst. Aber der Satz ist irgendwie nicht richtig ausformuliert. Schreib doch sowas wie: „Als sie sich Sina mit einer Nonnenhaube vorstellte, musste sie lachen.“ Oder: „Plötzlich sah sie Sina mit einer Nonnenhaube vor sich und musste lachen“
 
Zitat:„Niemals wieder werde ich einen Mann lieben“, schwor Katie laut.
 
einen anderen Mann. Ist für mich eindeutiger und irgendwie noch etwas dramatischer.
 
Zitat:Zwölf Fußen waren schon eine beachtliche
 
Fuß
 
Zitat:Die Linie zwischen Leben und Tod.
 
Schönes Bild. Pro
 
Zitat:Anscheinend hatte er sich auch mit einem anderen Pferd geschlagen
 
„geschlagen“ klingt hier ein wenig seltsam. Icon_confused  „geprügelt“ klingt auch seltsam, Icon_confused „gekämpft“ vielleicht?
 
Zitat:Katie hatte Gewalt stets abgelehnt und war stets den versöhnlichen Weg gegangen.
 
Dopplung von „stets“
 
Zitat:doch war dies aus Notwehr geschehen, um Sina und Yuma zu befreien.
 
Hmm, das hier ist doch aus Sinas Sicht geschrieben. Sie wird aber nicht von sich selbst  als „Sina“ denken. Kurz gesagt: Ich würde hier Sina durch „sie“ ersetzen, auch wenn du eigentlich nicht so an den Namen klebst, wie ich. Icon_ugly
 
Zitat:Eine knappes Nicken seinerseits gab ihr die Erlaubnis,
 
Ein
 
Zitat:Er war nicht besser als die Apachen.
 
Und nicht besser als Sina selbst. Sie wollte ja auch alle niederbrennen sehen. Hat sie daran eigentlich gar keine Erinnerung mehr? Icon_confused
 
Zitat:Obwohl sie nur ein Mädchen von siebzehn Jahren war, ging sie einer Konfrontation niemals aus dem Weg.
 
Wieder so eine unnötige Erklärung. Wir kennen sie doch jetzt lange genug. Icon_wink
 
Zitat:„Räche dich, aber nur du allein und zieh nicht andere mit runter.“
 
„mit runter ziehen“ ist wieder so eine relativ moderne Redewendung. Außerdem hatte er ja schon deutlich gemacht, dass ihm die anderen (mehr oder weniger) egal sind.
 
Zitat:Vielleicht findet dann auch dieser jahrzehntelange Krieg zwischen euren Völkern ein Ende.
 
Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich glaube, wenn sich die beiden Häuptlinge gegenseitig umbringen, dann gehen die Stämme erst recht aufeinander los. Besonders natürlich um den Tod ihres jeweiligen Häuptlings zu rächen. Icon_fies
 
Zitat:Wäre sie ein mann, er hätte sie zu einem seiner Krieger gemacht.
 
Mann
 
Zitat:Die anderen bleiben als Verstärkung,
 
blieben
 
Zitat:„Nach einer Weile, als Sina schon jegliche Hoffnung aufgegeben hatte,
 
Anführungszeichen weg
 
Zitat:Taim mochte nicht einmal vierzig Winter erlebt haben, doch sah die hagere Gestalt aus wie ein uralter Mann. Taim war nur noch ein Schatten des stolzen Apachenkriegers,
 
Beide Sätze fängst du mit „Taim“ an, was sich nicht gut liest.
 
Zitat:Anscheinend hatte er seinen Schmerz mit Branntwein betäubt.
 
Da kann man jetzt schön spekulieren, um welchen Schmerz es denn hier geht. Trauert er mit Taim um Yuma? Oder vielleicht doch um seine Tochter? Aber ich schätze das erfahren wir noch.
 
Zitat:2So sei es“,
 
Guck mal hier können die Anführungszeichen hin, die oben zuviel sind. Icon_wink
 
Hach, ich mag diese Kapitel in denen richtig was passiert. Pro  Das gefällt mir immer viel besser, als dieses rumgedenke, wo eh nichts bei rumkommt.
Jetzt hast du hier natürlich wieder voll den Cliffhanger drin, bei dem ich ja vermute, dass gleich Katie angaloppiert kommt. Daraufhin wird Sakima natürlich abgelenkt und noch bevor die beiden sich umarmen können doch noch von Taim umgebracht. Icon_panik
 
Okay, ich orakel mal nicht weiter. Mrgreen  Auch gut hat mir die Szene gefallen, wie Katie aus ihrer Ohnmacht auftaucht. Da hätte mir nur irgendwie was gefehlt, dass sie sich vielleicht wundert doch nicht tot zu sein. Das Bild wie sie da oben auf ihrer Grabstelle sitzt hat mir auch gefallen. Pro
 
Also schnell weiter, ich muss doch wissen wer den Kampf überlebt.

Liebe Grüße,
Lady

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Beitrag #3 |

RE: Könige der Prärie - 23. Teil
Hallo Lady, 

Respekt vor dir und deinem langen Atem  Pro

Zitat:Übrigens: „hatte seine Wirkung verfehlt“, würde ich mal sagen. Wieder dieses Zeiten-Dings. Hmm, ich weiss nicht, aber irgendwie würde es mich an der Stelle interessieren, wie Katie darüber denkt und ob das beabsichtigt war oder nicht. Dann könntest du hier zumindest andeuten, ob sie zum Beispiel überrascht ist noch zu leben oder irgendsowas. 
Es war beabsichtigt, ähnlich wie bei Romeo und Julia. Sie denkt, ihr Schatz ist dem Tod geweiht, sieht keinen Ausweg mehr und will auch sterben. 

Zitat:Aber genau genommen ist sie ja der Grund für Sakimas (vermeindlichen) Tod. Er wollte ja zu ihr, als er Yuma begegnet ist.
Das ist jetzt echt fies an den Haaren herbeigezogen. Schließlich wollten die beiden alles zum Guten wenden und Yuma hat sich zu weit aus dem Fenster gelehnt. - und es war ein Unfall.

Zitat:Und nicht besser als Sina selbst. Sie wollte ja auch alle niederbrennen sehen. Hat sie daran eigentlich gar keine Erinnerung mehr?
Doch, aber sie hat Vernunft angenommen und du weißt ja, das Menschen grundsätzlich mit zweierlei Maß messen.

Zitat:Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich glaube, wenn sich die beiden Häuptlinge gegenseitig umbringen, dann gehen die Stämme erst recht aufeinander los. Besonders natürlich um den Tod ihres jeweiligen Häuptlings zu rächen.
Also, ich dachte da eher so an diesen entscheidenden Zweikampf. Vielleicht so eine Art Gottesurteil und dass die Roten natürlich nicht den vom Häuptling gegebenen Eid brechen. Ehre haben beide Stämme, sie können sich halt nur nicht leiden  Icon_smile

Zitat:Da kann man jetzt schön spekulieren, um welchen Schmerz es denn hier geht. Trauert er mit Taim um Yuma? Oder vielleicht doch um seine Tochter? Aber ich schätze das erfahren wir noch.
Eher um Yuma. Die Tochter ... mmh naja

Wir sehen uns im finale Ende 

Gruß Persephone

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(Friedrich Nitzsche)



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