Es ist: 24-10-2020, 18:24
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Red und Maze (Teil 11)
Beitrag #1 |

Red und Maze (Teil 11)
So, es geht erstmal weiter ...

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„Das sieht aber wüst aus.“ Waves leicht verzerrte Stimme ließ ihn hochfahren. „Lief wohl nicht so gut?“
 Verschlafen blinzelte Red in ihre Richtung und versuchte, die KI zu fokussieren. Sein Blickfeld war verschwommen. Ein Zittern jagte unter seiner Haut entlang. Weil er ewig nichts getrunken hatte. Hatte es einfach vergessen. Ein bitterer Geschmack schmerzte in seiner ausgetrockneten Kehle. Scheiß Amphetamine. Laugten ihn völlig aus.
Komisch, dass er einfach weggepennt war. Normalerweise konnte er ewig nicht schlafen, wenn er diesen Dreck konsumierte. Dafür nagte die vertraute, miese Laune an ihm. Hätte die KI ihn bloß nicht geweckt.
Maze brummte unwillig, wachte aber nicht auf, als Red sich an ihm vorbeidrückte und aufstand. Auf wackligen Beinen stolperte er Richtung Kochzeile. Hielt den Kopf in die Spüle und drehte den Hahn auf. Trank gierig das kühle, frische Wasser. Schmeckte wie das edelste Gesöff. Endlich wurde er klarer im Kopf. Das Gespräch mit Maze sickerte in seine trüben Gedanken. Chrome. Er musste mit Wave darüber sprechen.
Als er sich umdrehte, sah er, dass die KI nicht allein war. Caius stand neben ihr und glotzte ihn an, sichtbar amüsiert. Die dunkelblauen Ringe unter seinen Augen schienen größer zu sein als letztes Mal. Er trug einen grauen Kittel, in dem er wie ein Drogenkoch aussah. Sein Grinsen war unheimlich. „Was ist?“, knurrte Red.
„Deine Verletzungen“, sagte Wave. Sie trug ihre meerwasserblaue Perücke und schlichte, schwarze Klamotten. Als wollte sie irgendwo einbrechen. „Sehen ziemlich wüst aus. Was ist passiert?“
„Sieht nach der typischen Hämatombildung nach Einschüssen auf eine leichte Aramidpanzerung aus“, mischte sich Caius ein.
Schräger Typ. „Da hast du’s“, sagte Red. Übelkeit brandete an seinen Rachen. Am liebsten hätte er sich wieder hingelegt, aber sein Herz zappelte verkatert in seinem nackten Brustkorb. Keine Chance, in den nächsten Stunden Schlaf zu bekommen. Verdammt, er war sauer auf die KI, aber richtig. Red sog tief die Luft ein, atmete bewusst langsam. Reiß dich zusammen. Sie kann nichts dafür.
„Aber du hast deine Rache bekommen?“, fragte Wave. Warum war ihr das so wichtig? Hätte sie ihm nicht gesagt, dass Maze diesen Typen ausfindig machen konnte, hätte er sich diesen bescheuerten Trip sparen können. Andererseits war er erleichtert, dass dieses Dreckschwein hinüber war, auch wenn es nicht auf sein Konto ging.
Red schüttelte den Kopf. „Alterreal war wohl schneller als ich.“
„Schade.“ Wave sah betroffen aus. „Sicher, dass es Alterreal war?“
Nein. Aber Maze glaubte das. Red zuckte nur die Achseln und fragte: „Was macht Caius hier?“ Er wollte nicht über den Kampf mit dem irren Junkie reden. Außerdem irritierte es ihn, dass sie den Puppenmacher mitgebracht hatte. Als würde der Freak dazugehören.
„Phage hat sie gebeten, ihn mitzubringen“, erklärte Maze, der inzwischen wach war und müde über die Polsterlehne schaute. Sein schwarzblaues Haar sah aus wie von einem Sturm zerwühlt. Oder von Red. „Die Feinmotorik meiner linken Hand ist gestört.“
Das war ihm gar nicht aufgefallen. Andererseits konnte er schlecht beurteilen, was bei einer künstlichen Hand normal war. Caius winkte Maze zu sich, bat ihn, sich auf den komischen Metalltisch zu setzen. Wave hatte ihm damals die Funktion der Maschinen erklärt. Waren tatsächlich für die Wartung von Androiden gedacht, passend zu ihrer haarsträubenden Story. Erschreckend, dass Menschen selbst die abwegigsten Geschichten glaubten, wenn ein Scan ihnen den Wahrheitsgehalt bestätigte.
Red starrte auf seine Hand, als könnte er den Chip in ihrem Inneren sehen. Ein kleines Stück Metall, das bei seiner Geburt über sein Schicksal entschieden hatte. Gebrandmarkt mit der Identität eines Losers. Es war nahezu unmöglich, einen Identitätschip zu fälschen. Wenn man eine Chance haben wollte, brauchte man sehr viel Geld. Wave hatte ihm dagegen ein neues Leben geschenkt. Bisher ohne echte Gegenleistung.
Als Red aufsah, hatte Caius den Wirehead bereits an eines der Analysegeräte angeschlossen. Auf einem Bildschirm blinkten Anzeigen, die Red nicht verstand. Der Kabelsalat, der Maze umgab, ließ ihn seltsam künstlich wirken. Er bewegte die Finger, als würde er über sein Deck streichen. Red versuchte zu erkennen, was daran nicht stimmte. Für ihn sahen die Bewegungen normal aus. Der Puppenmacher erkannte dagegen sofort, was los war.
„Vermutlich ein Steuerungsdefekt, aber ich muss mir das genauer ansehen“, meinte Caius. Er holte ein Skalpell aus seinem Kittel und schnitt die Silikonhaut über dem Handgelenk auf. Darunter kam silbern blitzendes Metall zum Vorschein. Kabel, die in einem sanften Blauton leuchteten. Und ein bizarres Muster heller Leiterbahnen, eingebettet in eine geleeartige Masse. Red schauderte. Konnte aber den Blick nicht abwenden. Angespannt sah er zu, wie Caius mit einer langen Nadel einen Chip punktierte und wie Maze‘ Finger bei jeder Berührung zuckten. „Der wäre schon mal hinüber“, erkannte der Puppenmacher.
Red erkannte gar nichts.
„Hast du Ersatz dabei?“, fragte Maze und klang dabei gelangweilt wie immer. Schien ihn nicht zu beeindrucken, dass sein Arm aufgeschnitten wurde. Red fragte sich, ob der Wirehead überhaupt ein Gefühl in der linken Hand hatte. Ob er seine Berührungen spüren konnte oder die Wärme seiner Haut.
Caius nickte. „Ist ein häufiger Defekt.“ Er kramte in den riesigen Taschen seines Kittels. Zog ein schwarzes Metalletui hervor, in dem fein säuberlich verschiedenfarbige Chips einsortiert waren. Red traute dem Puppenmacher nicht, aber er vertraute darauf, dass der Typ wusste, wie man eine künstliche Hand reparierte. Schaudernd wandte er sich ab und nahm Wave beiseite. Er musste herausfinden, wie viel Maze oder Phage ihr bereits erzählt hatten. Und wie sie zu einer Rettungsaktion stand.
Seinem verkaterten Gehirn fiel es schwer, alle Informationen in die richtige Reihenfolge zu bringen. Wave betrachtete ihn mit sorgenvollen, pinken Augen, während sie sich anhörte, was der Wirehead ihm offenbart hatte.
„Ich kenne Chrome“, sagte die KI. „Aber ich wusste nicht, dass sie Phage und Maze geholfen hat.“
Red verschränkte die Arme. „Sie steckt in Schwierigkeiten und Maze will sie rausholen.“
Wave legte den Kopf schief und lächelte wissend. „Und du willst den Helden spielen.“
„Wenn du’s so nennen willst“, schnaufte Red. „Ich verstehe, das Maze das tun muss und ich muss ihm dabei helfen. Bleibt die Frage, ob wir auf dich zählen können?“ Bisher hatte die KI sie unterstützt. Ihnen Türen geöffnet und Wege aufgezeigt. Würde sie auch bei diesem Wahnsinn mitmachen?
In ihren pinken Augen funkelten Zweifel. „Das wird hart“, sagte sie. Ihre Mundwinkel sackten herab. „Ich würde gerne helfen, aber ich weiß nicht, ob ich das kann.“ Warum diese Unsicherheit?
„Natürlich kannst du das!“ Red war sicher, wenn einer bei Alterreal einbrechen konnte, dann sie. Die KI konnte alles möglich machen.
Wave seufzte. „Wir werden mehr Leute brauchen.“ Daran hatte er auch schon gedacht. „Und wir müssen das sehr gut planen. Mit dem Kopf durch die Wand wird nicht funktionieren, auch wenn du damit bisher verdammt viel Glück hattest.“
„Also bist du dabei?“, fragte Red.
„Ich habe wohl keine Wahl“, erkannte Wave. „Sonst versucht ihrs alleine und scheitert.“
 
„Ich hab das Huawei eingerichtet.“
Red hob den Kopf und blinzelte ins Dämmerlicht. Sonnenstrahlen sickerten durch die geschlossenen Vorhänge, tauchten das Zimmer in diffuse, staubige Helligkeit. Maze stand vor dem Bett und blickte auf ihn herab. Das neue Deck wie eine Trophäe in der Hand. Umschlungen von Glasfaserkabeln. Red hatte das schicke Teil noch gar nicht richtig benutzt.
„Hmpf“, machte er und rollte sich auf die Seite. Zog die Decke über seine nackten Schultern. Das Kissen war herrlich weich und sein Körper müde und tonnenschwer. Der Kampf mit dem Junkie steckte ihm in den Knochen. Auch wenn die Panzerung größeren Schaden abgewendet hatte, schmerzte sein Brustkorb. Hinzu kam der abgefuckte Amphetaminkater. Warum ließ man ihn nicht pennen?
„Du wolltest doch ein paar Tricks lernen.“ Maze setzte sich auf den Rand der Matratze, die leicht nachgab. Zog ihm die Decke von den Schultern.
Verdammt. „Kann mich nicht erinnern.“
Der Wirehead rutschte näher. Beugte sich über ihn. Seine Lippen streiften Reds Ohr. In seiner Hose regte sich was. „Du musst nicht mal aufstehen.“ Er spürte kalte Finger an seiner Headbuchse.
„Lass das.“ Red fuhr hoch. „Bin ja schon wach.“
Maze drückte ihm das Huawei und die Glasfasern in die Hand. Red bettete das Deck aus seinen Schoß und sortierte die Kabel. Warum war das jetzt so wichtig? Konnte er nicht warten? „Und was ist mit dir?“
„Wir treffen uns online.“
Gehorsam steckte Red ein. Das eiskristallklare Blaue des Cyberspace entblätterte sich in seinem Bewusstsein. Auf einer unsichtbaren Ebene sprossen die Programmstrukturen wie eine virtuelle Stadt. Mit einem unglaublichen Detailreichtum. Gleichzeitig war der Cyberspace seltsam leer. Die meisten Onlinepräsenzen, die sich sonst aufdrängten, fehlten. Red checkte die Filtereinstellungen und erkannte, dass Maze das Deck so konfiguriert hatte, dass er nahezu alles ausblenden konnte. War bei seinem alten Teil nicht möglich gewesen.
Dumpf spürte er, dass in der Realität sich jemand an ihn lehnte. Kurz darauf erschien Maze‘ Avatar neben seinem. Einzig an dem schlichten, dunkelblauen Shirt erkannte Red, dass es nicht der echte Maze war. Weil er eben noch etwas anderes angehabt hatte. „Ich hab das Betriebssystem platt gemacht und eine Kopie meines eigenen Systems installiert“, erklärte der Wirehead. „Runtergebrochen auf die Basisfunktionen. Du müsstest damit klarkommen.“
„Eigenes System?“, staunte Red. Hast du etwa mit etwas anderem gerechnet?
„Eine modifizierte Version eines nicht-öffentlichen Alphacom-Systems. Haben wir damals mitgehen lassen und ein wenig an unsere Bedürfnisse angepasst.“
Als wäre es das Normalste der Welt. Der Typ ist dir haushoch überlegen. „Wo ist Phage?“
„Wir sind nicht direkt verbunden“, erklärte Maze. „Phage versteckt sich hinter einem Programm, das ihn im Cyberspace unsichtbar macht. Im Prinzip ist es so wie in der Realität. Du siehst nur mich, aber wir sind beide da.“
„Okay.“ Red checkte zwar nicht, wie das funktionieren sollte, aber er kapierte sowieso vieles nicht, was Maze betraf. Trotzdem war er verrückt nach ihm. „Dann zeig mir mal, was ein unwissender User wie ich machen kann.“
Maze‘ Avatar grinste. Der Wirehead öffnete ein virtuelles Fenster und erklärte ihm die neue Verzeichnisstruktur. Auf Reds Deck war eine beachtliche Sammlung an illegalen Trojanern, Codebrechern und Bots installiert, dazu ein Haufen anderer Programme, mit denen er nichts anfangen konnte. Maze erklärte ihm die Funktionen der wichtigsten Tools. Erschreckend, wie einfach es war, sich in fremde Systeme einzuklinken und diese zu manipulieren. Und dass man dazu keinerlei Programmierkenntnisse brauchte, da es eine irrsinnige Fülle an leicht bedienbarer Software für nahezu jede kriminelle Absicht gab.
„Die graphische Übersetzung im Cyberspace ermöglicht auch einfachen Usern den Zugriff auf fremde Systeme. Zumindest auf die anderer User. Von Hackern hältst du dich besser fern“, mahnte Maze. „Die kennen alle Tools und verwenden sie gegen dich, bevor du etwas davon merkst. Aber mit ein paar einfachen Tricks kannst du uns helfen, Informationen zu sammeln.“
„Woran erkenne ich Hacker?“, fragte Red.   
„Sie passen auf ihre Daten auf“, erklärte Maze. „Verwenden Anonymizer. Die guten haben ihre eigenen Systeme, basierend auf Alphacom- oder Linuxsystemen. Ich habe ein Programm geschrieben, dass diverse Parameter, die auf einen Hacker hindeuten, scannt und eine Warnung anzeigt. Sicher kannst du niemals sein, aber wenn du die Warnung siehst, steck am besten erstmal aus. Wenn dein Gegenüber was drauf hat, wird er dich nach dem Scan zerlegen wollen.“
Red schluckte und schwor sich, auf den ganzen Kram nur zurückzugreifen, wenn es unbedingt nötig war. Die Tools machten vieles einfach, aber sie wiesen ihn auch als Codedummy aus, der sich auf fremdem Terrain bewegte.
Maze bemerkte wohl, dass er leicht überfordert war. „Wir sollten mit etwas Leichtem anfangen. Social Media Aktivitäten überwachen. Die meisten Menschen geben viel zu viel von sich preis.“ Er aktivierte ein Programm. „Probier das mal aus.“ Er erklärte ihm knapp, was er damit alles anstellen konnte, und steckte plötzlich aus. Meinte, er wolle sich die Datenträger anschauen, die Red von seinem letzten Ausflug mitgebracht hatte.
Die Verbindung brach ab und Red starrte auf das dunkle Programmfenster, das inmitten des eisigen Blaus vor ihm schwebte. Er war immer noch total im Arsch. Wollte ausstecken und sich wieder schlafen legen, aber das verdammte Programm ließ sich nicht schließen. Frustriert tastete er nach dem Verbindungskabel, um es einfach rauszureißen. Ein aufpoppendes Fenster mitten in seinem Sichtfeld ließ ihn innehalten.
Es war eine Nachricht von Maze.
„Du kannst uns nicht vertrauen. Trotzdem will ich mit dir zusammen sein. Kriegst du das hin?“
Red starrte die Zeilen an. Sie lösten sich nach einigen Sekunden einfach auf. Als hätte er sich die Worte, die seine Paranoia bestätigten, nur eingebildet.
 
Die Verbindung löste sich von selbst. Mit zittrigen Händen entfernte Red die Glasfasern, wickelte sie sorgfältig auf und legte sie zusammen mit seinem neuen Deck auf den Nachttisch. In seinem Hirn arbeitete es. Vermutlich wusste Phage nichts von der Nachricht. Zumindest sah es aus, als hätte Maze sie versteckt. Es war Red nicht gelungen, sie nochmals aufzurufen. Trotzdem war er sicher, sich den Text nicht eingebildet zu haben.
Du kannst uns nicht vertrauen. Meinte er damit Phage? Red wusste bereits, dass er bei der KI vorsichtig sein musste. Dass er nur ein Mittel zum Zweck war. Aber Maze hatte Gefühle für ihn. Das hatte er gespürt. Deshalb glaubte er auch den zweiten Teil der Nachricht. Aber er wusste nicht, ob er damit klarkam. Er wusste nur, dass er ihn nicht im Stich lassen würde. Du kriegst das hin. Du musst.
Red stand auf, zog sich ein dunkelgraues Tanktop über und flüchtete. Wieder einmal. Er ignorierte Maze, der geistesabwesend auf dem Sofa saß und die Datenträger des toten Hackers durchcheckte.
Er schlich durch helle Flure mit dutzenden identischen Türen. Nahm den Fahrstuhl ins Erdgeschoss und überflog die Speisekarten der intergrierten Restaurants. Wirklich Hunger hatte er nicht. Raus in die blendende Künstlichkeit des Stadtkerns wollte er auch nicht. Also drehte er sich um und ging in den Innenhof. Eine eigene kleine Welt mit blühenden Sträuchern und einem künstlichen Teich, in dem animierte Fische herumschwammen. Koikarpfen in Blau und Violett. Red setzte sich auf eine Bank und betrachtete die Projektion. Den trägen Tanz der Algen. Das Schimmern der Sonnenstrahlen im Wasser. Dabei lag der Innenhof vollständig im Schatten des Gebäuderings.
Seine Hand glitt unbewusst in seine Jacke, angelte die kleine Kunststofftüte mit dem Synth aus der Innentasche. Red starrte die rosa Kristalle an, spürte ihre euphorisierende Wirkung bereits wie einen Phantomschmerz. Nach seiner letzten Dröhnung war Alterreal auf ihn und Wave aufmerksam geworden. Er hatte sie quasi in Gefahr gebracht, auch wenn er nicht daran zweifelte, dass die KI sich wehren konnte. Mit einem Schaudern dachte er daran, wie sie die zwei Typen, die ihn hatten entführen wollen, fertig gemacht hatte. Du kannst dich nicht immer auf Wave verlassen. Du musst dich zusammenreißen. Seufzend steckte er das Synth wieder ein.
Er musste sich Maze stellen. Musste weitermachen und halten, was er ihm versprochen hatte. Als er zurück in die Wohnung kam, diskutierte der Wirehead gerade mit Wave. Beide schienen beunruhigt und als sie Red bemerkten, bestätigte Wave seinen Eindruck. „Schlechte Nachrichten. Sie suchen nach dir.“
„Haben sie das vorher etwa nicht?“, fragte er gespielt beleidigt.
Maze verzog das Gesicht. „Als durchgeknallter Bruder warst du nicht relevant, aber jetzt assoziieren sie dich mit Wave und mir. Das ist noch kein Problem, aber sie kennen deine neue Identität.“
„Ich kümmere mich bereits darum“, warf Wave ein.
„Wie machst du das eigentlich?“, wollte Red wissen. „Du fälschst Identitäten ohne den Chip umzuprogrammieren. Zumindest wäre mir nicht aufgefallen, dass du was dran gemacht hast.“ Trotzdem erkannte jetzt jeder Scanner jemand anderen in Red.
Wave grinste. „Man kann die Informationen auf den Chips nicht ändern. Man kann sie austauschen – oder man verändert die Informationen im Netz.“
„Das ist ein riesiger Aufwand“, bemerkte Maze. In seinen künstlichen Augen flackerten Neugier und Anerkennung. „Man müsste alle Einträge im Netz ändern und an die Einträge in den Bürgerverzeichnissen kommt man nicht ran, es sei denn …“
Wave grinste nun noch breiter. Red dagegen kapierte gar nichts. „Es sei denn was?“
Maze lächelte schief. „Es sei denn, man muss sich nicht reinhacken, weil die KI des Verwaltungssystems den Zugriff gestattet.“
Red hob fragend die Augenbrauen und Wave sagte nur: „Das würde die Sache wirklich sehr einfach machen.“
Krass. Red hätte zu gerne gewusst, ob diese KI wie Wave war, aber er verstand, dass sie darüber nicht sprechen wollte. Außerdem hatten sie erstmal andere Probleme. „Woher wisst ihr, dass sie mich suchen?“, hakte Red nach.
„Der Killer war nicht zufällig bei dem Hacker“, erklärte Maze. „Sie haben herausgefunden, wer du bist und haben dich über die öffentlichen Überwachungssysteme verfolgt. Der Typ sollte dich kaltstellen.“
„Stattdessen hat er seinen Kollegen abgemurkst“, schnaufte Red.
„Ein gezielter Kollateralschaden“, meinte Maze. „Unser Hacker war beim Inneren Kreis nicht mehr sehr beliebt. Auf den Speicherchips war nichts wirklich Interessantes, außer perversen Videos, die der Typ von sich mit den zugedröhnten Mädchen gedreht hat.“
„Verstehe, er hat die Ware missbraucht“, knurrte Red. Vielleicht auch Liz. Verdammt. Er konnte das Arschloch nicht einmal mehr umbringen.
Maze nickte düster. „Alterreal schätzt es nicht, wenn man sich ablenken lässt.“
„Immerhin wissen wir jetzt, dass wirklich Alterreal hinter dem Angriff steckt und nicht eine dritte Partei“, meinte Wave. „Wobei es interessant gewesen wäre, einen Feind unserer Feinde zu treffen.“
Red schnaubte: „Der Junkie hat auf mich geschossen!“
Die KI legte den Kopf schief und ihre Androidenstimme klang seltsam, als sie anmerkte: „Du warst doch gut vorbereitet. Schade nur, dass du deine Rache nicht bekommen hast.“
 „Ging es dir wirklich darum?“ Es irritierte ihn, wie wichtig ihr diese dämliche Aktion gewesen war. Im Nachhinein kam er sich blöd vor, dass er blindlings losgerannt war. Wie ein verdammter Racheengel. „Oder wolltest du sehen, ob ich kalt genug bin, jemanden zu töten?“
„Beides“, antwortete sie ohne Zögern. „Rache ist ein starker Antrieb, aber sie macht auch unvorsichtig. Ich wollte, dass du mit dieser Geschichte abschließt, um dich besser auf unser weiteres Vorgehen konzentrieren zu können.“
„Ich komm schon klar“, brummte Red.
„Zuerst sollten wir uns einen neuen Unterschlupf suchen“, schaltete sich Maze ein. „Und Kontakt zu Waves Freundin aufnehmen, die uns angeblich helfen will.“

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #2 |

RE: Red und Maze (Teil 11)
Hallo Zack, 

Endlich geht es weiter mit Red und Maze und ich bin sogar die Erste  Icon_jump

Es geht sehr spannend weiter, muss ich sagen. Mir gefällt es vor allem, wie du den unwissenden Leser (so wie mich) quasi durch Red verkörperst und Maze dann die Erklärung gibt. Sehr geschickt gemacht. 

Zitat: Scheiß Amphetamine. Laugten ihn völlig aus.
Als entschiedener Gegner von Drogen begrüße ich diesen Satz. Wie du dich erinnerst, habe ich in der Vergangenheit bemängelt, dass die Figuren etwas zu leichtfertig mit Drogen umgehen. 

Zitat:Nein. Aber Maze glaubte das. 
Ist Nein die wörtliche Rede oder denkt er das nur?  Icon_confused

Zitat: Außerdem irritierte es ihn, dass sie den Puppenmacher mitgebracht hatte. Als würde der Freak dazugehören.
Ich finde Herrn Oberschlau auch nicht so sympathisch  Icon_igitt

Zitat:Ein kleines Stück Metall, das bei seiner Geburt über sein Schicksal entschieden hatte. Gebrandmarkt mit der Identität eines Losers.
Also, dein Roman wirkt auf mich ziemlich dystopisch. Da gab es mal was von Orson Wells 1984 hieß das glaub ich, wo Menschen auch schon vor der Geburt zu Gewinnern oder Verlierern bestimmt wurden. Wird das mit dem Chip genauso gehandhabt oder einfach einer bestimmten sozialen Klasse oder vielleicht nach Kastensystem wie in Indien gewählt?

Zitat:Red schauderte.
Persephone auch Icon_cool

Zitat:Die Tools machten vieles einfach, aber sie wiesen ihn auch als Codedummy aus, der sich auf fremdem Terrain bewegte.
Und das macht den Roman und die Figuren so sympathisch, denn was Cyberpunk angeht, ist Persephone auch ein Dummchen, aber kriegt hier alles geduldig erklärt. 

Jetzt ist mir auch klar, warum die Fortsetzung so lange gedauert hat. Das ist alles klar durchdacht und nicht einfach drauf los geschrieben. Zu meckern habe ich eigentlich nichts.
Gut gefällt mir die Kritik am unbesonnenen Umgang mit dem Internet(Social Media) und den leichtfertigen Konsum von Drogen. 

Wir sehen uns im nächsten Teil 

Gruß Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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Beitrag #3 |

RE: Red und Maze (Teil 11)
Hey Persephone,

ich hab dir ja noch gar nicht geantwortet ... jedenfalls danke für deinen Kommentar, freut mich sehr, dass noch jemand mitliest Icon_smile ... inzwischen wirds ja doch recht umfangreich.

1984 ist von George Orwell Icon_wink
Und ja, das war eine Dystopie, aber nein, mit der Story hier hat es wenig zu tun. In Reds Welt hat der Staat längst nichts mehr zu sagen ...
Das mit dem Chip funktioniert so, wie man es ansatzweise heute schon sehen kann: Darauf ist deine Identitätsnummer gespeichert, dein Name und alles andere, deine Herkunft, deine Ausbildung usw. usw. ... Heutzutage ist es ja auch schon so, dass du eine schlechte Bonitätsbewertung kriegen kannst, wenn du in einer Straße voller Hartz IV-Empfänger wohnst. In meiner Zukunftsvision ist das so übersteigert, dass Red mit seiner Herkunft unmöglich einen guten Job kriegen kann, keine Chance auf eine gescheite Ausbildung hat usw. ...

Bis zum nächsten Teil ^^

Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #4 |

RE: Red und Maze (Teil 11)
Hallo Zack,

ein fertig vorbereitetes System fürs Skriptkiddie, so muss das sein! Dass Linux noch existiert freut mich auch sehr. Doch an einer Stelle musste ich lachen:

(23-03-2018, 20:02)Zack schrieb: Auf Reds Deck war eine beachtliche Sammlung an illegalen Trojanern, Codebrechern und Bots installiert

Installiert? Dann wäre das Board total virenverseucht und trojaniert ... Codebrecher und Bots nehme ich dir noch ab, aber die Trojaner liegen hoffentlich nur packetiert im Speicher, so dass er sie bei anderen installieren kann. Bei ihm selbst sollten höchstens die C&C-Clients installiert sein. Icon_ugly Wenn er offline ein Messer benutzt, schiebt er sich ja auch den Griff in die Hand und nicht die Klinge.

Die Pause im Innenhof ist - wie alle Pausenszene - sehr schön zu lesen. Ich mag diese dekorativen Unterbrechungen, in denen einfach nur ein paar schöne Bilder fließen, bis die Handlung weitergeht.

Bis zum nächsten Kapitel
coco


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Beitrag #5 |

RE: Red und Maze (Teil 11)
Mhm, ja, die Formulierung ist wirklich unglücklich, da muss ich wohl genauer werden, bevor die IT-Leute mich zerreißen *g* ...

Schön, dass du noch dabei bist ^^

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