Es ist: 23-06-2018, 08:54
Es ist: 23-06-2018, 08:54 Hallo, Gast! (Registrieren)


Cyberpunk/Dystopie-Indonesien (Teil VII bis IX)
Beitrag #1 |

Cyberpunk/Dystopie-Indonesien (Teil VII bis IX)
Teil VII bis IX

...

VII
 
Sadewa war allein. Ausgerechnet jetzt, wo alles wie ein Kartenhaus über ihnen zusammenzubrechen drohte. Es war alles Nakulas Schuld! Dieser verdammte Dayak! Sadewa hätte es besser wissen müssen. Er hatte von Anfang an nicht hinter dem Plan gestanden. Aber Nakula hatte keine Widerworte akzeptiert. Das operative Geschäft, das Anheuern der Männer, das Zuschlagen und die Gewalt oblagen ihm allein. Sadewa war der Mann, der sich um die subtileren Dinge kümmerte und ihre sozialen Kontakte verwaltete. Das Gesicht. Die Verbindung zu dieser Gesellschaft, die ihr Feind war.

Nakula war im Süden. Weit hinter der Peripherie des Sprawl. Dort erhoben sich die Berge. Uralte Vulkangipfel, deren Macht über die Insel Java seit jeher unangefochten war, während die Menschen zu ihren Füßen Kartenhäuser errichteten und wieder zusammenfallen ließen. Mehr als 50 Kilometer urbaner Moloch, der zwischen der Jalan Jaksa und den Bergen lag. Eine gewaltige Stadt, und doch im Vergleich zu den erhabenen Gipfeln vergänglich wie das Material der Lontarbücher, der Palmblatt-Manuskripte am Hofe der vergessenen javanischen Adelselite. Nicht umsonst eröffnete und beendete Gunungan, der Weltenberg, eine jede lakon, wie die Stücke des wayang kulit genannt wurden.

Abgeordneter Raharjo im eigenen Anwesen ermordet!, lauschte er einem von vielen Nachrichtenfetzen aus dem Netz und betrachtete noch immer voller Unglauben die Szenerie, welche die Sensoren der kleinen Nachrichtendrohne dem Feed beisteuerten. Viele Leichen wurden dort abtransportiert. Es muss ein Massaker gewesen sein. Sarak hatte sie alle auf dem Gewissen. Aber von Samayanti selbst schien jede Spur zu fehlen. Die Fingerknöchel traten ihm weiß hervor, als er seine Hand derart feste um die Bierflasche schloss, dass es schmerzte.

Er saß in einer Ecke im „Bintang“, von wo aus er sowohl die Bar als auch den Eingang im Blick hatte. Um diese Uhrzeit war hier kaum etwas los. Die Jalan Jaksa lag im Koma der Hitze und ihrer nächtlichen Ausschweifungen. Eine Gruppe Backpacker trank auf ihrer Durchreise ein kühles Bier an der Bar. Weitere Gäste gab es nicht, und der Laden wirkte nun, wo im Licht des Tages alles überdeutlich zu erkennen war, wie ein halb ausgeweidetes Tier, das auf dem rissigen, aufgeheizten Asphalt langsam zugrunde ging.

In seinem Blickfeld meldete sich eine Verbindung. Verschlüsselt. Umgeleitet über Singapur und Medan. Es war Park, der Koreaner. Ob Mann oder Frau wusste er nicht. Nur eine synthetisierte Stimme war zu hören, die dem Schimmern des Meeres gleich alle Spektren durchlief.
„Ich habe das Gerät für Sie lokalisiert“, sprach die Stimme auf Koreanisch, aber sein Konek übersetzte alles ohne wesentliche Zeitverzögerung.
„Haben Sie es gehackt?“
„Das geht nicht so schnell. Die sind gut geschützt. Aber die Position lässt sich auch auf anderem Wege ermitteln. Dazu ist ein Hack nicht notwendig.“
Sicherlich konnte der Hacker auch Sadewas Position ermitteln. Vielleicht hatte er das bereits getan. Aber die künstliche Stimme bot ihm keinerlei Angriffspunkte, um die Person, die hinter ihr stand, analysieren zu können.
„Übermitteln Sie mir die Position“, wies Sadewa den Hacker an.
„Was ist mit dem Geld?“
Sadewa war nicht in der Stimmung, jetzt noch um den Preis zu feilschen. Vielleicht hätte er ihn herunterhandeln können, aber sicher war das nicht. Park hatte die Verbindungen zwischen dem Gerät, nach dem er gesucht hatte, und seiner Besitzerin sicherlich bereits hergestellt.
„Ist unterwegs“, antwortete er deshalb nur und wies die Bank in Singapur an, die Transaktion durchzuführen.

Sekunden später hatte er die Position. Und erstarrte. Seine Augen zogen sich zusammen. Die gestochen scharfen alphanumerischen Zeichen vor seinem Auge schienen ihn verspotten zu wollen. Das Konek war hier, hier in der Bar! Sadewa unterdrückte den Reflex, aufzuspringen und danach zu suchen. In diesem Moment traten zwei Männer in die Bar ein. POLRI. Sadewa lehnte sich langsam nach vorne, stützte sich auf den Tisch ab und mimte den betrunkenen Nachtschwärmer, der seinen Rausch ausschlafen wollte. Auf seinen Befehl hin startete die insektengroße Spionagedrohne von seiner Schulter und schwebte nach oben, wo sie ihm einen 360-Grad-Feed des „Bintang“ zur Verfügung stellte.

Der Offizier war Chinese. Ein junger Mann, der den Rang eines AIPTU bekleidete. Ebenförmige Gesichtszüge. Alles viel zu glatt und ohne Kanten. Ein schwacher Charakter. Ein typischer Befehlsempfänger. Aber auch die konnten gefährlich werden, wenn man sie in die Enge drängte. Sie bewegten sich direkt auf die Barzeile zu und sprachen den Barkeeper an. Wenn das Konek hier war, dann hatte Samayanti es nicht mehr bei sich. Aber dennoch konnte es wertvolle Informationen enthalten. Ein Bewegungsprofil ließ sich daraus ableiten, vielleicht sogar mehr. Sadewa wusste, dass sie Samayanti nach wie vor unbedingt in ihre Gewalt bringen mussten. Zum einen war sie neben dem Dayak die Einzige, die ihnen möglicherweise sagen konnte, was geschehen war und zum anderen konnten sie mit ihr noch immer Abgeordneten Rachmanto, ihren Onkel, unter Druck setzen. Mit ein bisschen Glück würde ihr Plan dennoch aufgehen. Aber dazu brauchte er dieses Konek, koste es, was es wolle! Aber warum war das Gerät hier? Sadewa begann zu schwitzen. Sein Herzschlag beschleunigte sich.

Der AIPTU sprach weiter mit dem Barkeeper, einem Mann namens Lintang, den Sadewa gut kannte. Nakula hatte ihn davor gewarnt, mehrmals denselben Ort als Treffpunkt auszuwählen, aber Sadewa war der Ansicht, dass Geheimhaltung nicht alles war. Kontakte konnte man nur knüpfen, wenn man sich sehen ließ und die Leute kannte. Dann händigte Lintang dem POLRI-Beamten einen kleinen Gegenstand aus. Sadewa ließ die Drohne gefährlich nahe an die Männer heran. Der Kollege des AIPTU, ein kräftiger Kerl, im Rang aber deutlich unter ihm, musterte die Bar bereits neugierig. Zweimal hatte er dabei auch zu Sadewa hinübergeschaut. Dennoch, zu wissen, wie das Gerät aussah, konnte sich später als nützlich erweisen. Es war schmal, edel, glänzte golden. Ein japanisches Produkt. Wie gemacht für eine modebewusste junge Frau gehobener Gesellschaft. Eine moderne priyayi, wie man den alten Adel Javas nannte.
Der AIPTU nahm es entgegen.
„Woher, Mas*?“, fragte der Beamte den Barkeeper in der Alltagssprache. Er wollte also Nähe zu dem Barkeeper aufbauen, ihm zeigen, dass sie doch beide Chinesen waren, dass sie zusammenhalten mussten. Vergiss die Uniform und die Rang-Holos. Wir sind auf einer Stufe. Das war es, was dieses eine Wort, Mas, dem Barmann sagen sollte.
„Ein Junge. SD*“, antwortete der Barkeeper. SD, Sekolah Dasar, Grundschulniveau.
„Hier drinnen gibt es doch bestimmt Kameraüberwachung, oder, Mas?“
Lintang nickte. Nicht unbedingt erfreut, aber er wollte anscheinend keine Probleme mit der POLRI riskieren. Wäre es um etwas anderes gegangen, hätte Lintang den Beamten bestechen können. Fast alle POLRI-Beamten waren korrupt. Das war kein Geheimnis. Die Löhne waren zu gering und die Macht zu groß. Aber der AIPTU, so locker und ungefährlich er auch wirkte, wollte etwas. Er wollte es unbedingt. Das war in seinen Augen zu lesen. Bestechungsgeld war hier keine Option.
Als Lintang die Daten rausrückte, lächelte der Mann und bot dem Barkeeper eine von seinen guten Zigaretten an.

Sadewa brauchte einen Plan. Er konnte die Beamten nicht einfach überfallen und das Konek an sich bringen. Dann würde er vielleicht nicht erfahren, wie es hierhergekommen war. Außerdem würde das Aufmerksamkeit auf ihre Operation lenken. Er konnte die Daten aber auch nicht ohne weiteres von Lintang bekommen. Sicherlich konnte er den Mann unter Druck setzen, aber dann wäre er als Kontakt verloren. Und Lintang bot gute Separees und war verschwiegen. Er würde der POLRI nur genau das geben, was sie verlangte. Nicht mehr. Sadewa musste die Beamten verfolgen. Etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Er beorderte seine Drohne zurück, schickte Nakula alles, was in der letzten Stunde geschehen war, und stand auf, um auf die Toilette zu gehen. Der bullige POLRI-Beamte musterte ihn, aber als Sadewa nur mit hängendem Kopf in Richtung WC wankte, verlor er das Interesse an ihm. Sadewa verließ das „Bintang“ durch den schmalen Hinterausgang, der in die kleine Gasse mündete, in die er des Nachts bereits vom Balkon aus geblickt hatte. Er bewegte sich bis zur Ecke und wartete darauf, dass die Beamten die Bar wieder verließen.

Die beiden Männer traten in die Hitze hinaus, blickten sich routinemäßig um, aber die Straße war nur ein Schatten ihres nächtlichen Selbst. Unter dem nur mäßig kühlenden Schatten bunter, halb zerfledderter Sonnenschirme standen die kaki-lima-Händler, plauderten mit den GoJek-Fahrern, die neben ihren Rollern standen, um auf Kunden oder Transportaufträge zu warten, die sie über ihr Konek eingespielt bekamen. Sadewa nutzte den kleinen Menschenauflauf als Deckung und brachte sich hinter die Beamten, die auf dem Weg zu ihrem Einsatzwagen am Straßenrand der schmalen Jalan Jaksa waren. Auf einen Befehl seines Konek hin, verformte sich die dünne Maske aus SmartMaterial, die er trug, und veränderte seine Gesichtszüge. Zeitgleich lud sein Konek eine andere ID, sollte er in Bereiche kommen, in denen die Überwachungssensoren Bildmaterial mit hinterlegten IDs abglichen.

„Pak“, winkte er dem nächsten Fahrer zu. Der Mann drehte sich zu ihm um. Ein kleiner Mann mit schlechtem Gebiss, braungebrannt und verschwitzt.
„Dem Wagen hinterher, Pak.“
Der Fahrer schaute zu dem POLRI-Fahrzeug und zögerte.
„Doppelter Fahrpreis“, redete Sadewa sofort auf ihn ein, blieb dabei aber so gelassen, dass der Fahrer nicht argwöhnte, dass Sadewa irgendetwas Illegales im Schilde führte. Zumindest nichts, dass gefährlich genug war, um dieses lukrative Angebot auszuschlagen. Außerdem würde der Mann dann etwas zu erzählen haben, wenn er wieder bei seinen Kollegen ankam. Und das war wichtig. Status.
 
 
VIII
 
Eko war ein unglaublicher Angeber, fand Kadek. Immer prahlte er mit irgendwelchen Geschichten, von denen Kadek annahm, dass mindestens die Hälfte davon erfunden war. Doch heute trieb es Eko wirklich auf die Spitze. Sie standen in ihrer Lieblingsecke vor dem Schuppen mit den Sportgeräten. Rechts, oben auf dem Mast, hing die Flagge der Republik Indonesien schlaff herab, denn kein Lüftchen wehte, um ihnen Erleichterung zu verschaffen. Das störte die Schulkinder jedoch nicht bei ihrem Plausch. Mit seiner neuen Geschichte versuchte Eko ganz eindeutig, Sahara zu beeindrucken, das Mädchen, über das auch Kadek in letzter Zeit immer wieder nachdenken musste. Manchmal sogar, wenn er an seinen Drohnen bastelte, was schon etwas heißen musste, wie er selbst immer wieder erstaunt feststellte. Wenn er ihre kleinen feinen Hände sah und ihr Lachen hörte, das immer so herzlich klang, dann klopfte ihm das Herz bis zum Halse, aber er wusste noch nicht genau, weshalb das so war.

„Ich habe jetzt einen Job“, verkündete Eko stolz.
„Du solltest lieber zur Schule gehen, Ko“, ermahnte ihn Sahara und Kadek grinste innerlich. Eko war nicht so schlau wie er. Das war sein Vorteil. Aber Eko war ein guter Geschichtenerzähler. Und die anderen schätzten das. Außerdem sah er gut aus und kam irgendwie immer ohne Ärger davon. Ganz anders als Kadek, der sich ständig in Schwierigkeiten zu bringen schien. Nur leider wusste er nicht, weshalb das so war.
„Aber das kann ich doch. Es ist ein zusätzlicher Job“, beeilte Eko, sich zu verteidigen.
Sahara schaute neugierig, blieb aber skeptisch.
„Aha, und was für ein Job soll das sein. Etwa nachts?“, hakte sie nach, die Hände in die Hüften gestemmt. Kadek mochte diesen starken Zug an ihr. Sie war das einzige Mädchen in ihrer Clique, stand den Jungs aber in nichts nach. Trotzdem schien sie manchmal, wenn niemand außer ihm hinschaute, so verletzlich und ängstlich, dass er am liebsten zu ihr gerannt wäre und sie in den Arm genommen hätte. Aber natürlich tat er das nicht. Das hätte seinen Ruf ruiniert.
Die anderen Jungs kicherten. Böse funkelte Eko sie an, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle. Er vergaß nie, dass die Geschichte immer im Mittelpunkt stehen musste. Und die anderen hingen an seinen Lippen.
„Ich habe einen Transportjob übernommen.“
Bevor Sahara ihn wieder unterbrechen konnte, fuhr er schnell fort.
„Es war wichtig und es war eilig. Ich musste ein Konek ganz schnell in einer Bar auf der Jalan Jaksa bringen, weil es dort gebraucht wurde. Das war ein ganz schickes Ding. Wartet, ich habe ein Bild gemacht“, sprudelte es aus Eko hervor. Sie blieben alle skeptisch und Sahara hatte sichtlich schon eine Ermahnung auf den Lippen, weshalb sich Eko bei Gott auf der Jalan Jaksa herumtrieb, aber als sie das Bild sahen, das Eko ihnen auf dem kleinen Displays seines Konek zeigte, staunten sie nicht schlecht.
„Das ist ein Muto! Das ist mindestens 15 Millionen wert!“, rief Bang, ein dicker Junge aus.
15 Millionen!, dachte Kadek und es schwindelte ihm dabei. Das war ja das Zehnfache davon, was sein monatliches Schulgeld betrug!
„Du bist vielleicht blöd, Ko! Warum hast du das Ding nicht behalten und verkauft!? Davon hätten wir alle in das Holo-Center gehen können!“, beschwerte sich der spielsüchtige Di.
Eko schnaubte.
„Ach, ihr habt doch alle keine Ahnung. Ich bin Geschäftsmann. Wenn ich meine Kunden bestehle, dann bekomme ich keine Aufträge mehr. Außerdem ist gestohlene Ware heiß und dafür bekommt man nicht so viel“, dozierte er neunmalklug, aber Kadek fand das gar nicht so dumm. Stehlen war nicht in Ordnung. Das sagte Siti immer. Besser ein Vogel in der Hand, als zehn Vögel auf den Bäumen.
„Das hast du dir doch eh alles ausgedacht“, meinte Di, der beleidigt schien.
Eko schnaubte wieder. Dann holte er den CreditChip heraus, und auf dem Display prangte leuchtend die Summe von 1 Millionen Rupiah*. Alle wurden still, starrten einfach nur sprachlos auf das kleine Display. Und Ekos Grinsen war übermäßig siegessicher und gleichermaßen herablassend, dass Kadek die Fäuste ballte. Mehr noch, als er sah, wie Saharas Augen gleichfalls leuchteten.

Dann platzte es plötzlich aus ihm heraus. Einfach so.
„Ich habe heute in der Gasse eine bewusstlose Frau gefunden.“
Alle schauten ihn an. Ekos Grinsen verlor eine Spur seiner Selbstsicherheit. Aber noch hatte er den Chip mit der Millionen. Kadek musste jetzt nachziehen. Er biss sich auf die Lippe. Da hatte er etwas gesagt! Siti würde ihn umbringen!
Sein Herz raste. Sahara sah ihn an. Wenn er jetzt nicht nachlegte, dann konnte er ihr nicht mehr unter die Augen kommen.
„Sie lag in der Gasse. Sie war wunderschön. Ihr Haar war … war wie schwarze Seide. Ihre Haut ganz hell“, erzählte er. Sahara machte große Augen. Sie betete die Frauen in den Werbe-Holos an.
„Eine Bule?“, fragte sie hastig.
„Nein, eine von uns. Aber wunderschön und ganz zart. Und noch gar nicht so alt.“
Die Jungs blickten sich an. Geld war die eine Sache, aber eine Prinzessin war etwas ganz anderes. Eine Prinzessin war reich!
„Und dann?“, fragten alle wie aus einem Mund. Selbst Eko.
Kadek lächelte verlegen und scharrte mit den Füßen.
„Keine Ahnung. Siti hat mich zur Schule geschickt. Sie ist alleine bei der Frau geblieben.“
Alle stöhnten enttäuscht.
„Das ist doch bestimmt erfunden“, brummte Di. Di war der Prüfstand ihrer Geschichten. Ein ewiger Skeptiker.
„Nein, ganz sicher nicht. Ich werde es euch beweisen“, verkündete er, und bereits einen Herzschlag später wusste er, dass er sich schon wieder in Schwierigkeiten gebracht hatte. In große Schwierigkeiten. Und dabei hatte er es überhaupt nicht gewollt. Wie hatte dies nur wieder geschehen können? Aber Sahara strahlte, und das war alles, was zählte.
 

IX
 
Andrew Wu empfing die Chief Inspector im Terrassen-Bereich. Hier, ungefähr auf der halben Höhe des Gebäudes, befanden sich zwei große, halbkreisförmige Foyers mit einer gewaltigen Panoramafensterfront. Terrassenförmig wie die Reisplantagen jenseits des Sprawl waren hier Bambushaine und Wasserfälle angelegt, deren Design sich nahtlos in das schlichte, funktionale Äußere fügte, das alle KerisCombat Inc.-Produkte auszeichnete. Im Raum schwebende Hologramme zeigten die aktuellsten Nachrichten des Konzerns und seiner Geschäftsbereiche.

Andrew traf Gesprächspartner gerne in dieser Atmosphäre. Es lockerte die Stimmung, wirkte weniger formell und bot genug Anreize zur Ablenkung, die Andrew nutzen konnte, um seine Gesprächsstrategie zu ändern oder den Gegenüber zu analysieren. Die ersten Momente ihres Aufeinandertreffens liefen – wie nicht anders erwartet – ganz nach Protokoll ab. Ihre Koneks tauschten digitale Visitenkarten aus.
„Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir ein Stück gehen?“, fragte er sie mit einem Lächeln.
Sie lächelte nicht, setzte sich aber in Bewegung.
Nebeneinander schritten sie her und wie er es erwartet hatte, musterte sie das weitläufige Areal mit den Wasserfällen, den Bambushainen, den eleganten Marmorbecken mit sich windenden Kois.
„Die Sicherheitsbranche läuft scheinbar sehr gut“, merkte sie an.
„Ja, da haben Sie recht. Aber das ist, denke ich, ja auch in Ihrem Sinne. Wir sind schließlich Partner“, erwiderte er und suchte Augenkontakt, den sie auch nicht ablehnte. Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln. Eines, bei dem er sich sicher war, dass es Nähe, aber nicht Aufdringlichkeit ausstrahlte. Ihre grau-braunen Augen blickten in die seinen. Sie lächelte nicht, nickte aber. Er hatte sie richtig eingeschätzt. Sie würde sich weder von seiner Macht noch seinem Charisma beeindrucken lassen, aber sie war bereit, mit ihm zu kooperieren und gewisse Kompromisse einzugehen. Wie weit diese gingen, das musste er allerdings noch herausfinden.
„Haben Sie schon gegessen? Wir haben ein ausgezeichnetes Angebot hier“, lud er sie ein, als sie die Haine umrundet und damit vor dem Eingangsbereich des Food Courts für Führungskräfte angekommen waren. Es wäre unhöflich, die Einladung auszuschlagen, das wusste sie.
„Es wäre mir eine Freude“, spielte sie das Spiel mit, obwohl sie keinen wirklichen Hunger hatte, wie ihm sein Analyseprogramm aus Mimik und Körperhaltung suggerierte.
Im Food Court bestellte sie sich einen Kaffee und er zog gleich. Dann orderten sie noch etwas zu Essen. Sie bestellte sich eine Portion Gado Gado*.
„Sind Sie Vegetarierin?“, fragte er, um noch ein wenig mehr Smalltalk zu betreiben.
„Nein, aber ich hatte heute schon Fleisch.“
„Ja, man sollte es nicht übertreiben damit. Obwohl die heutige Medizin ja durchaus jedes Leiden beseitigen kann.“
Sie blickte ihn an und lächelte zum ersten Mal.
„Wenn man das nötige Kleingeld hat, dann haben Sie recht.“
„Natürlich. Das vorausgesetzt.“
Andrew beschloss, nun etwas stärker in die Offensive zu gehen. Besser, er eröffnete das eigentliche Gespräch, dann konnte er ihr zeigen, dass er nichts zu verbergen hatte.
„Sie haben da gerade einen heiklen Fall.“
Ganz kurz verzog sie die Lippen, kehrte aber schnell wieder zu ihrer Fassade zurück.
„So ist es. Viele Unwägbarkeiten. Deshalb bin ich unter anderem hier.“
Nur unter anderem?
„Im Namen der KerisCombat Inc. biete ich Ihnen meine volle Unterstützung an“, eröffnete er ihr.
„Wenn das so ist, warum haben Sie die Daten dann nicht sofort freigegeben, als wir die Anfrage gestellt haben?“, stieß sie direkt vor.
Diesmal war es an Andrew, zu lächeln.
„Das haben Sie nicht. Sie haben nur eine Freigabe für das Anwesen erbeten. Diese haben wir Ihnen anstandslos erteilt. Was die restlichen Daten angeht, wurde keine Anfrage gestellt.“
Das entsprach sogar der Wahrheit. Suryonos Untergebener hatte, wie Andrew kontrolliert hatte, das entsprechende Protokoll zwar aufgerufen, aber keine Anfrage gestellt, da er gleich erkannte hatte, dass die Sicherheitsfreigabe der POLRI dazu nicht ausreichte.
Chief Inspector Suryono legte ihr Besteck auf den Tisch und blickte ihn an.
„Gut. Mein Fehler. Dann erbitte ich jetzt persönlich um Freigabe der Daten.“
„Natürlich. Einen Augenblick, bitte. Ich muss ein paar Kontrollabfragen durchführen. Lassen Sie sich nicht stören.“
Sie hob ihr Besteck wieder an. Nachdem sie einen Bissen genommen hatte, fragte sie eher beiläufig.
„Warum sperren Sie diese Daten eigentlich?“
„Unsere Kunden schätzen eine gewisse Diskretion.“
Sie wollte etwas sagen, behielt es dann aber für sich. Es wäre sicher nichts Nettes gewesen. Andrew konnte sich schon denken, was es war. Tatsächlich wurden die Daten grundsätzlich deshalb gesperrt, da die wohlhabenden und einflussreichen Bewohner der Enklave neben Geschäftspartnern, die sie nicht offenbaren wollten, auch gewisse Dienstleistungen in Anspruch nahmen.
Während er mit Suryono sprach, arbeitete er sich in seinem Sichtfeld durch das System der KerisCombat Inc. Seine Sicherheitsfreigabe öffnete ihm dabei alle Türen. Er rief den entsprechenden Zeitraum auf, um den es der Chief Inspector ging und wollte soeben die Daten anwählen, als ihm der Atem stockte. Ein eisiger Kloß breitet sich in ihm aus. Suryono war eine scharfe Beobachterin. Neugierig musterte sie ihn.
„Stimmt etwas nicht?“, fragte sie.
„Äh, nein. Seien Sie unbesorgt. Eine Protokollfrage. Ich hatte ganz vergessen, dass die Daten bereits auf Offline-Speicher übertragen wurden“, log er. Zwar führte der Konzern diese Praxis tatsächlich durch, nicht aber mit derart aktuellen Daten. „Sie sind deshalb im System selbst nicht mehr verfügbar.“
„Scheint mir ineffektiv“, merkte sie an. Witterte sie etwas? Schnell überprüfte er seine Analyseprogramme, die Suryono ständig scannten und ihre Werte anhand verschiedener Parameter auswerteten. Sie schien skeptisch, aber noch im Glauben daran, dass er die Wahrheit sagte.
„Onlinedaten sind angreifbar. Deshalb haben wir ein ausgeklügeltes System zur Offline-Speicherung.“
„Verstehe“, erwiderte Sie nur.

Er musste sich etwas einfallen lassen. Noch immer saß ihm der Schreck im Nacken. Die Daten waren nicht in einen Offline-Speicher überführt worden. Sie existierten einfach nicht. Die gesamte Kamera- und Sensorüberwachung war zu besagtem Zeitraum einfach deaktiviert worden. Und Andrew hatte nicht die geringste Ahnung, weshalb. Wer hatte das verdammt noch mal angeordnet? Das war ein klarer Verstoß der Konzern-Sicherheitsrichtlinien! In seinem Bezirk! Hier mussten Köpfe rollen; nur nicht sein eigener.
„Ich habe ja Ihre Kontaktdaten. Sobald die Daten verfügbar sind, lasse ich sie Ihnen sofort zukommen“, versuchte er, das Gespräch zu einem Abschluss zu bringen. Nicht der Abgang, den er sich zurechtgelegt hatte, aber ohne weitere Informationen über diesen Sachverhalt waren ihm die Hände gebunden. Auf keinen Fall durfte die POLRI erfahren, dass die Daten nicht existierten. Das würde KerisCombat verdammt schlecht dastehen lassen. Und dafür würde ganz sicher sein Kopf rollen.

Suryono kaute zu Ende, legte das Besteck wieder ab und faltete die Hände übereinander.
„Ich ermittele in einem Mordfall an einem Mitglied der Regierung, Mr. Wu.“
Ihre Stimme hatte eine gewisse Schärfe erreicht, die er in einer anderen Situation sicher als sehr attraktiv empfunden hätte.
„Das verstehe ich“, antwortete er, versuchte, gelassen zu wirken. Noch immer hielt seine Fassade. Er war immerhin ein Profi. Aber seine Basis war zu dünn, um diese Farce noch lange aufrechterhalten zu können.
„Es ist ein ungünstiger Zeitpunkt. Das System teilt mir mit, dass zurzeit Wartungsarbeiten durchgeführt werden. Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Daten innerhalb von einer Stunde haben. Da ich Sie nicht länger bei Ihren Ermittlungen aufhalten möchte, schlage ich vor, dass ich sie Ihnen über eine von uns extra verschlüsselte Verbindung zukommen lassen werde. Ich werde außerdem veranlassen, dass man das Material mit unserer neuesten Soft aufbereiten lässt.“
Suryono zögerte. Ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Dann nickte sie.
„Also gut. Die Aufbereitung ist aber nicht nötig. Sobald Sie das Material zur Verfügung haben, schicken Sie es mir. Bitte.“
„Natürlich. Ich werde mich persönlich darum kümmern.“
„Ich danke Ihnen, Mr. Wu.“
Sie erhoben sich. Die Verabschiedung war kurz und weniger formell.

...

Mas = Anredeform gegenüber jungen männlichen Erwachsenen (weniger formeller Sprachgebrauch)
SD = Sekolah Dasar (Grundschule; entspricht den Jahrgangsstufen 1 bis 6)
Rupiah = Offizielle Währung der Republik Indonesien (abgekürzt "Rp.")
Gada Gado = Vegetarisches Gericht aus diversem Gemüse, Ei, Erdnusssauce, Reis und Tempeh

Bhinneka Tunggal Ika - Unity in Diversity

Webseite des Benutzers besuchen Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #2 |

RE: Cyberpunk/Dystopie-Indonesien (Teil VII bis IX)
Hallo Garuda,

ich hab vor der Arbeit noch kurz Zeit, also weiter geht Icon_smile ...


Zitat:Auf seinen Befehl hin startete die Spionagedrohne von seiner Schulter und schwebte nach oben, wo sie ihm einen 360-Grad-Feed des „Bintang“ zur Verfügung stellte.

Da wir Drohnen heutzutage als eher größere Objekte kennen, würde ich hier vielleicht erwähnen, dass sie sehr klein ist und damit so gut wie unsichtbar - fällt ja sonst auf, wenn so ein Ding hochschwebt?

Ich muss sagen, ich kam etwas schlecht in Sadewas Kapitel hinein - hab mich gefragt, was jetzt eigentlich los ist. Nach und nach wurde das dann klar. Aber vielleicht könntest du einen Hinweis einbauen, warum Sadewa anfangs sauer auf seinen Bruder ist, eine kleine Erinnerung, was am Anfang der Geschichte passiert ist.

Der Teil mit Kadek hat mir gut gefallen. Man kann sein Handeln gut nachvollziehen und da er als Kind zufällig in die Story hineingerät, kann man bei ihm nicht wissen, wie es sich entwickelt ... hoffentlich bringt er sich nicht in allzu große Schwierigkeiten und kommt mit einem blauen Auge davon.

Tika aus einer anderen Perspektive zu erleben fand ich ebenfalls sehr gelungen, sie kommt auch genauso rüber, wie man sich das vorstellt und sammelt Sympathiepunkte. Ich bin gespannt, wie sich Andrew Wu aus der Situation herauswindet und wie Tika reagiert, wenn sie erfährt, dass es keine Daten gibt - falls Wu nicht einen Weg finden, das zu überspielen, ihr gefälschte Daten gibt oder sowas ...

Diese Abschnitte haben sich auch besser gelesen als die drei davor, die mir teils künstlich langgezogen erschienen. Hier passt jeder Satz und in Sadewas Abschnitt kommt die Indonesien-Atmosphäre sehr gut rüber. Sadewa bekommt als Person mehr Profil, sein Bruder Nakula hingegen bleibt weiter im Dunkeln. Bin gespannt, ob wir den auch noch näher kennenlernen.

Die Geschichte arbeitet für ihre bisherige Länge bereits mit sehr vielen Charakteren. Bisher gelingt es dir ganz gut, den Überblick zu wahren und ich finde neue Perspektiven interessant, aber du solltest aufpassen, dass die Protagonisten auch als solche erkennbar bleiben.

Bis zum nächsten Mal Icon_smile

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

Webseite des Benutzers besuchen Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #3 |

RE: Cyberpunk/Dystopie-Indonesien (Teil VII bis IX)
Hi Zack,

danke für deinen Kommentar. Die Größe der Drohne habe ich jetzt ergänzt; darüber, ob ich noch einmal eine Rückblende zu Beginn von Sadewas Kapitel einbaue, werde ich noch nachdenken. Ich denke, wenn man es an einem Stück liest und nicht in einzelne Abschnitte aufgeteilt, wie es die Natur dieses Forenbereiches vorgibt, kommt man auch besser in das Kapitel rein.

Es stimmt, es gibt verglichen mit der überschaubaren Länge der Geschichte recht viele Charaktere. Als konzeptionelle Vorlage der Geschichte habe ich mich für ein Werk ("Dämmerung in Jakarta") von Mochtar Lubis, einem der großen indonesischen Literaten entschieden, weil es mich damals sehr beeindruckt hat, als ich es zum ersten Mal las. Es verwebt, genau wie es ja auch in meiner Geschichte der Fall ist, die verschiedensten Schicksale seiner Protagonisten zu einem präzisen Bild des derzeitigen Jakarta und damit den kleinen und großen Fragen der Nation Indonesien. Natürlich stellt meine Geschichte keinen Vergleich zu Lubis' Meisterschaft dar, aber die Intention und Vorgehensweise ist eine ähnliche ;-)


Viele Grüße
Garuda

Bhinneka Tunggal Ika - Unity in Diversity

Webseite des Benutzers besuchen Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2018 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme