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Cyberpunk/Dystopie-Indonesien (Teil X und XI)
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Cyberpunk/Dystopie-Indonesien (Teil X und XI)
Teil X und XI

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X
 
„Siti, was ist? Was hast du denn?“, fragte Samayanti verwundert das Mädchen und schob das Datenfenster des Ortungsdienstes an die Peripherie ihres Blickfeldes.
„Bapak Raharjo … das ist doch der Herr Abgeordnete, oder?“, fragte sie, und ihre Stimme zitterte nun deutlich.
„Ja. Bapak Raharjo ist mein Vater“, sprach Samayanti ruhig. Warum erschreckte der Name ihres Vaters dieses Mädchen so?
Doch Siti ging nicht weiter darauf ein. Stattdessen senkte sie den Kopf, hob die Arme vor die Brust, die Handflächen nach oben gerichtet, und fing auf Arabisch an zu beten. Instinktiv sprach Samayanti die Worte nach, die sie in ihrer Kindheit gelernt hatte, die sie immer wieder rezitiert hatte, bis sie für sie zu einer reinen Wiederholung ohne Sinn verkommen waren. Samayanti hatte schon lange nicht mehr gebetet, denn welchen Sinn konnte sie darin schon erkennen, wenn sie in ihrem Mercedes durch die Straßen des Sprawl fuhr und am Wegesrand all die bettelnden Kinder sah. Beten brachte nichts, gar nichts – nur Taten brachten etwas. Nur war es schwer, etwas zu tun. Das Richtige zu tun. Auch Samayanti hatte nichts getan. Sie hatte sich treiben lassen. Und wenn sie in der Nacht mit ihren Freundinnen feiern ging, sich an der Bar in ihren schicken Klamotten einen Drink bestellte, der dem durchschnittlichen Tageslohn eines einfachen Arbeiters entsprach, dann hatte sie all ihre guten Vorsätze wieder vergessen. Denn das, was man nicht sah, das war einfach zu vergessen.

Siti hob den Blick, schaute sie an. Sie schien etwas sagen zu wollen, doch die richtigen Worte wollten ihr nicht einfallen. Stattdessen griff sie nach ihrem Konek und damit auch nach Samayantis Hand. In Samayantis Blickfeld erschien der Feed einer voreingestellten Nachrichtensendung, IndoSatNews, ein typischer Sprawl-Kanal.

>> Grausamer Mord an Abgeordnetem Bapak Raharjo! <<, verkündete das Personaprogramm des Nachrichtenfeeds. Samayanti stockte der Atem. Ihr Körper erstarrte. Nur ihre Hand bewegte sich, schloss sich mit ihren Finger um Sitis Hand, die das Mädchen ihr – wohl wissend, dass sie diesen Halt nun gebrauchen konnte – hingestreckt hatte. Keine Träne rann aus ihren Augen, und doch spürte sie, dass etwas in ihr erloschen war, das sie mit Trauer erfüllte. Doch sie wusste nicht genau, was dieses Etwas war. War es der Tod ihres Vaters? Waren es die Worte, die sie ihm gegenüber ausgesprochen hatte und die ihr nun noch endgültiger erschienen als zuvor? Die Scham? Sie wusste es nicht. Und tief in ihrem Inneren spürte sie die Furcht. Ein leises Pochen, das sich langsam, aber unaufhaltsam aus ihren tiefsten Eingeweiden emporarbeitete, lauter wurde, stärker pochte, sie erzittern ließ. Der Gedanke, das Wissen daran, dass sie nicht wusste, was in jener Nacht geschehen war.

„Siti …“, setzte sie an, spürte, wie ihre Stimme versagte. Sie schluckte. Setzte noch einmal an. „Darf ich mal das Bad benutzen?“
„Aber sicher“, antwortete das Mädchen sogleich. Siti stand auf, blickte auf ihre Hand. Auch das Mädchen zitterte leicht. Samayanti spürte es. Aber vielleicht war es auch nur Einbildung. Sie ließ Sitis Hand nicht los. Sie dachte an die Hand ihrer Mutter. Sie war so alt wie Siti gewesen, als sie zum letzten Mal nach ihr gegriffen hatte. Zum letzten Mal die beruhigende Wärme und Zuneigung gespürt hatte, die von ihr ausgegangen war.

Siti führte sie aus dem Raum. Von draußen fiel Tageslicht in das kleine Haus. Im Wohnraum gab es einen kleinen ausgefranzten Teppich, eine Kommode, die behelfsmäßig abgestützt wurde, da sie vermutlich sonst in sich zusammengebrochen wäre, ein Sofa. Ein weiterer Durchgang ohne Türe führte in die Küche. Dann stand sie vor der Tür zum Mandi. Siti öffnete sie. Erst jetzt ließ sie Samayantis Hand los. Samayanti betrat das kleine Mandi und schloss die Türe. Eine Kakerlake suchte schnell die Flucht und verschwand im Abfluss. Unter normalen Umständen hätte sie sich geekelt, vielleicht sogar erschrocken. Doch sie spürte nichts. Nur dieses dumpfe Gefühl der Trauer, einen seltsamen Schmerz und die Furcht, die sie immer wieder zittern ließ. Die Toilette war nicht viel mehr als ein Loch im Boden, gekachelt, etwas höher gelegen als der Rest des Raumes. Und dann gab es in der Ecke noch das steinerne Becken mit dem Wasser, das traditionelle Mandi, aus dem man sich mit einer Kelle Wasser über den Körper schüttete, um sich zu waschen.

Samayanti griff nach der abgenutzten Plastikkelle, füllte sie und goss sich dann das Wasser über den Kopf. Wieder und wieder füllte sie die Kelle, tränkte ihren Körper, bis die Sachen ihr klatschnass an der Haut klebten. Sie wusch alles von sich. Die Trauer und den Schmerz. Nur die Angst – die Angst wollte nicht weichen.
 
 
XI
 
Auf der Jalan Thamrin, einer der großen Hauptverkehrsachsen des Sprawl, strömten die Menschen in Scharen über die mehrspurige Straße, die von der POLRI für den Verkehr gesperrt worden war. Holo-Banner flimmerten über den Köpfen der Masse. Die Menschen forderten die Verurteilung des Ministers Sinaga, eines Bataks*, die vornehmlich Christen waren. Er habe in seiner letzten offiziellen Rede den Propheten beleidigt, so verkündeten radikale Imame, stachelten die Menge an. Und als erst einmal genug Menschen auf der Straße waren, folgten ihnen immer mehr. Die meisten von ihnen wussten gar nicht recht, worum es eigentlich ging, aber die aufgeheizte, emotionale Atmosphäre ergriff sofort von ihnen Besitz und bald schon waren sie es, die am lautesten riefen, und die anderen taten es ihnen gleich. Und hier, in diesem Kollektiv, konnten sie die strikten sozialen Schranken fallen lassen, die ihnen im Alltag sonst stets die Schultern zusammendrückten. Die Wahrung des Gesichts, der Erhalt der Harmonie.

Der Einsatzwagen des AIPTUS stoppte. Ein Beamter der POLRI näherte sich und Sadewa konnte erkennen, wie sich das Seitenfenster öffnete und der Unteroffizier mit dem Mann sprach, der zu der Truppe gehörte, die die Demonstration absicherte. Dann setzten sich weitere Männer in Bewegung. Sie waren mit Maschinenpistolen bewaffnet, drängten die voranschreitende Menge langsam auseinander, damit sich ein Korridor bildete, durch den der Wagen des AIPTUS passieren konnte. Sadewa fluchte. Der GoJek-Fahrer konnte nun unmöglich weiter folgen. Rasch ließ Sadewa, dem bereits der Schweiß in Strömen aus allen Poren lief, seine Mikrodrohne aufsteigen und schnellstmöglich zum Wagen fliegen. Sie erreicht das Fahrzeug gerade rechtzeitig, als es sich wieder in Bewegung setzte und klammerte sich daran fest.

„Wir fahren außen rum, Pak“, teilt er dem Fahrer mit.
„Wohin, Pak?“
„Erst mal auf die andere Seite des Kanals“, wies Sadewa den Mann an. Dieser nickte und sie setzten sich wieder in Bewegung. Der Fahrer beeilte sich. Der altersschwache Roller ächzte unter ihrem Gewicht und röchelte bereits überhitzt, aber der Mann trieb ihn weiter, beschleunigte, um an der Menschenmasse vorbeizukommen und vor der Demonstration die nächste Kreuzung zu erreichen. Knapp gelang es ihnen, bevor die POLRI auch hier alles dicht machte.

Sadewa erblickte die weitläufigen, hochaufragenden Gebäudekomplexe der Bank of Indonesia jenseits der Jalan Thamrin. Sie bogen in die Jalan Kebon Sirih ein, die entlang des Kanals führte. Kaum ein Mensch war auf der Straße. Sie alle suchten Schutz vor der unablässig brennenden Sonne. An einer der kleinen Bogenbrücken, die über den Kanal führten, passierten sie diesen und hielten an der Kreuzung der Kanalstraße. Eine Garküche stand an der Ecke auf der Straße, gegenüber befand sich eine kleine Werkstatt, nicht viel mehr als Mechaniker, die ihre Werkzeuge und Maschinen auf dem kaputten Gehweg ausgebreitet hatten, um vorbeifahrenden Roller- und Motorradfahrern ihre Dienste anzubieten. Ein Holo verkündete die Preise und machte auf die verschiedenen Dienstleistungen aufmerksam.

Jetzt konnte Sadewa nur noch abwarten. Die Reichweite der Sendeeinheit war beschränkt und er musste auch ihre Batterie schonen. Nur hin und wieder würde er sie aktivieren, um herauszufinden, welche Richtung der AIPTU einschlug. Allzu weit war es ja hoffentlich von hier aus nicht mehr. Er zahlte dem GoJek-Fahrer den doppelten Fahrpreis, wie vereinbart. Dann kaufte er sich eine Flasche Wasser und setzte ich an den Wegesrand bei der Werkstatt. Ein junger Mann mit Mundschutz, die Hände ölig und abgenutzt, sprach ihn gleich an und verwickelte ihn in ein Gespräch. Sadewa hörte nur mit halbem Ohr zu.

Als er den Mann sah musste er an das Dorf in den Bergen denken. Es war in diesem Dorf gewesen, als sie den Anführer der Sezessionisten geschnappt hatten. Überall waren Moskitos gewesen, und ihr stetes Summen hatte sich zu den fremdartigen Lauten des Waldes gesellt. Der Urwald war ihm des Nachts wie ein einziger gewaltiger Organismus erschienen, der sie zu verschlingen drohte. Ein biologischer Sprawl, dem sie alle ausgeliefert waren.
Es war der Mechaniker im Dorf gewesen, ein junger Mann im Alter seines Gesprächspartners, der ihnen letztendlich das Versteck des Anführers verraten hatte. Sadewa war es gelungen, den jungen Mann zu überzeugen, mit ihnen zu kooperieren. Ängstlich hatten die dunklen Augen des Mannes im Schein der flackernden Neonröhre in der dreckigen, halb verwahrlosten Dorf-Werkstatt geflackert. Sadewa hatte sich selbst in diesen Augen gesehen. Die Angst, die tief in seinem Inneren ruhte. Aber für Angst war kein Platz gewesen. Nakula hatte den Jungen, nachdem er ihnen das Geheimnis verraten hatte, vor seinen Augen erschossen. Ein Kopfschuss. Im Krieg, so hatte er gesagt, da gibt es nur zwei Arten von Leuten: Feinde und Zeugen. Und beide stellen eine Bedrohung dar. Sadewa war da anderer Meinung – aber er hatte nichts gesagt.
Von plötzlicher Scham erfüllt, bot er dem Mechaniker eine Zigarette an, die dieser dankend entgegennahm. Er setzte sich neben Sadewa auf die Straße und sie rauchten einvernehmlich. Diese Menschen hatten keine Ahnung, dachte Sadewa. Überhaupt keine.

Um die Gedanken abzuschütteln, überprüfte er mit seinem Konek den Status seiner Drohne. Es verging noch einige Zeit, dann änderte sich ihre Position nicht mehr. Die POLRI hatte ihr Ziel erreicht. Sadewa überprüfte im Netz die nächstgelegene Schule. Eine SD. Volltreffer! Es waren alte, schlichte Schulgebäude. Die staatlichen Schulen waren oft in keinem guten Zustand. Genau wie dieses Land. Sadewa suchte nach einer öffentlich zugänglichen Kamera und fand sie. Er hätte auch seine Spionagedrohne nutzen können, aber sicherheitshalber wollte er sie am Einsatzfahrzeug des AIPTUS belassen, damit er das Fahrzeug im Notfall weiter verfolgen konnte. Es war zu riskant, sie den Beamten folgen zu lassen und dann möglicherweise die Spur komplett zu verlieren. Aber vielleicht konnte er auf anderem Wege noch etwas Nützliches herausfinden. Sein Ziel war es, den Leuten, die er verfolgte, einen Schritt voraus zu sein. So konnte er die Initiative an sich reißen. Dazu brauchte er allerdings einen Informationsvorsprung oder musste zumindest mit ihnen gleichziehen.

Die öffentliche Kamera war auf den Sportplatz gerichtet, um den Feed der Schule mit Bildmaterial zu füllen. Aber der Sportplatz interessierte Sadewa momentan nicht. Vielleicht hatte die Kamera die Möglichkeit, sich noch weiter zu bewegen, als sie es sonst tat. Er startete ein Infiltrationsprogramm und hackte sich durch die veraltete Sicherheit des Schulsystems. Dann war die Kamera sein. Er ließ sie weiter schwenken, koppelte ihre Bewegungen an sein Sensorium, drehte den Kopf entsprechend, um sie zu fokussieren. Bis auf einige Nachmittagskurse war der Unterricht beendet. Dennoch gab es noch mehrere Gruppen an Schülern, die beisammen standen, sich unterhielten, zusammen eine Mahlzeit einnahmen oder verschiedene Schuldienste verrichteten. Weiß-rote Schuluniformen überall, die Jungs in Hosen, die Mädchen in Röcken. Es dauerte nicht lange, bis Sadewa die beiden POLRI-Beamten erblickte, die sich auf dem Hof umschauten und nach dem Schüler Ausschau hielten, den sie auf den Kameraaufzeichnungen des „Bintang“ gesehen hatten. Der chinesische AIPTU sprach mit einer Dreiergruppe an Schülern; diese wiesen in Richtung Schultor. Die Beamten setzten sich in Bewegung. Der Junge, den sie suchten, stand mit einem anderen Schüler, einem kleinen, dicklichen Kerl, am Tor. Sadewa betrachtete ihn genau. Das Bild der Kamera war nicht besonders gut, aber er war sich sicher, ihn wiedererkennen zu können, sollte er ihm auf der Straße begegnen. Als der Junge sah, wie die Beamten schnurstracks auf ihn zuhielten, schien er eins und eins zusammenzuzählen und ergriff die Flucht. Sadewa musste grinsen. Ein mutiger, kleiner Kerl – auch wenn seine Flucht, wie Sadewa wusste, vergebens sein würde.

...
* Batak = Eines der vielen indigenen Völker, das den Archipel Indonesien bewohnt. Das Hauptsiedlungsgebiet der Batak befindet sich im Norden der Insel Sumatra.

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