Es ist: 19-08-2018, 16:16
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Dystopie/Cyberpunk-Indonesien (Teil XII bis XIV)
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Dystopie/Cyberpunk-Indonesien (Teil XII bis XIV)
XII
 
Letztendlich hatten sie sich darauf geeinigt, dass Sahara Kadek vorerst alleine begleitete. Es wäre wohl doch etwas zu viel gewesen, wenn sie alle bei Kadek aufgeschlagen wären. Das musste selbst Di einsehen, der dieses Vorgehen natürlich zuerst für ein Täuschungsmanöver gehalten hatte. Aber die Jungs vertrauten Sahara. Wenn sie die Existenz der mysteriösen Prinzessin bestätigte, dann war die Geschichte als authentisch einzustufen und weitere Schritte konnten eingeleitet werden. Kadek war das nur recht. Jetzt konnte er endlich mit Sahara alleine sein, und sein Herz pochte ihm bereits aufgeregt in der Brust, als sie noch nicht einmal das Schulgelände verlassen hatten.

Nahe einer Seitengasse reihten sich die Roller, Jabos beliebtestes Verkehrsmittel für all jene, die sich kein Auto leisten konnten oder die endlosen Staus fürchteten, aneinander. Sahara, die Schultasche mit den tanzenden Holostickern um die Schulter geschlungen, hielt auf die scheinbar endlose Reihe an Rollern aller Arten, Farben und Verfallsstadien zu.

„GoJek?“, fragte Kadek verwundert mit Blick auf die Gruppe an GoJek-Fahrern, die nahe der Parkzone auf neue Kunden warteten.
„So etwas habe ich nicht nötig“, verkündete sie mit hochnäsiger Stimme und strafte ihn mit einem abfälligen Blick, brach aber kurz darauf in Gelächter aus, als er sie entgeistert anschaute, da er dieses Verhalten gar nicht von ihr gewohnt war.
„Jetzt schau doch nicht so, ich hab nur Spaß gemacht. Aber ich habe jetzt einen eigenen Roller!“, teilt sie ihre sichtliche Freude mit ihm, nahm ihn an der Hand und drehte sich mit ihm im Kreis. Kadek riss sich gleich wieder los, schaute sich panisch um, ob sie irgendjemand gesehen hatte und atmete erleichtert auf, als er kein ihm bekanntes Gesicht erkennen konnte.
Sahara kicherte vergnügt.
„Echt jetzt? Wo hast du den denn her?“, wollte Kadek wissen.
„Von meiner Schwester. Ihr Freund hat ihr ein Motorrad gekauft. Deshalb hab ich ihren alten Roller bekommen.“
„Bagus!“, rief Kadek und klatschte in die Hände. Stolz blieb Sahara vor ihrem neuen Gefährt stehen. Man konnte sehen, dass es schon einiges hatte mitmachen müssen, aber Sahara strich so behutsam darüber, als habe das Fahrzeug Gefühle wie ein Mensch. Sie reichte Kadek einen Ersatzhelm und zog dann ihren auf. Pink und animiert mit Szenen aus dem neuesten SimStim von MichelleMo. Die Szenen aktualisierten sich selbstständig, indem sie Daten von Saharas Konek aus dem Netz bezogen.

Als Kadek hinter ihr aufsetzte, sprach er ein kurzes Dankesgebet, dass Gott ihm einen derart erfreulichen Tag geschenkt hatte. Und dabei war er noch nicht einmal zu Ende. Die Fahrt von der Schule bis in sein kampung würde selbst mit dem Roller eine ganze Weile dauern, und die ganze Zeit über konnte er sich an Sahara festhalten. Das ließ ihn selbst die Schwierigkeiten vergessen, die er sich sicherlich damit eingebrockt hatte, dass er Sitis Geheimnis verraten hatte. Aber erst einmal musste Sahara ihren Roller gestartet bekommen. Kein ganz einfaches Unterfangen, wie er deutlich hörte, als seine Schulfreundin wieder und wieder den Sensor betätigte, aber nur ein lustloses Leiern zu hören war.

„Maaf, das hat er manchmal“, entschuldigte sich Sahara mit verlegener Stimme.
„Es gibt da eine Werkstatt hier in der Nähe, Sa. Ich kenne einen der Mechaniker. Bestimmt kann ich ein gutes Wort für dich einlegen“, schlug er vor und fühlte sich plötzlich dazu verpflichtet, Sahara mit ihrem Roller zu helfen. Dann sprang der Roller an. Sahara gab Gas und der alte Motor knatterte, blieb aber an.
„Ok, klingt cool. Dann lass uns zuerst dorthin“, erwiderte Sahara über das Knattern den Motors hinweg. Zuerst etwas holprig, dann aber immer sicherer, setzten sie sich in Bewegung. Sahara war, obwohl gerade erst 11 geworden, eine ausgezeichnete Fahrerin, aber das galt für viele in ihrem Alter. Kadek bewunderte sie deshalb allerdings umso mehr.

Sie mussten einen Umweg einlegen, um die Werkstatt zu erreichen, die sich an einer der Kanalbrücken gegenüber der Jalan Kebon Sirih befand. Auf der anderen Straßenseite machten ein paar GoJek-Fahrer ein Nickerchen im Schatten einer Palme, während ein paar Straßenmusiker abgedrehte Elektroeffekte auf mit ihren Koneks gekoppelten Trommeln über die Straßenkreuzung hinweg wabern ließen, zu denen ein Duo kleiner Affen hin und her tanzte. Sahara stoppte ihr Gefährt und stellte den Motor ab. Kadek winkte dem jüngsten der Mechaniker, einem Jungen namens Pri, zu. Pri erwiderte seinen Gruß.

„Na, hast du eine neue Freundin, Ka?“, neckte Pri ihn gleich mit einer Kopfbewegung in Richtung Sahara, die gerade ihren Helm abnahm und sich durch das verschwitzte Haar fuhr.
Kadek lächelte verlegen, versuchte dann aber, wie ein seriöser Kontaktmann aufzutreten, der Deals über die Bühne bringen konnte.
„Hör zu, Pri. Du musst mir helfen. Irgendwas stimmt mit dem Roller nicht. Er startet nicht gut. Bitte schau es dir an, ok?“
Pri lächelte und entblößte dabei seine schiefen Zähne.
„Klar doch, Ka. Das mache ich doch mit links. Aber hey, du musst unbedingt ein gutes Wort bei Si für mich einlegen, ok?“
Kadek nickte entschlossen.
„Versprochen. Ehrenwort.“
Pri lächelte wieder zufrieden.
„Dann schauen wir doch mal.“
„Danke, Pri. Bist der Beste.“
Kadek wandte sich an Sahara.
„Mein Freund, Pri, schaut sich den Roller an“, teilte er ihr stolz mit. Sahara strahlte.
„Toll! Danke, Ka. Das ist echt nett, dass du gefragt hast.“ Fast hätte sie nach seiner Hand gegriffen, besann sich dann aber eines Besseren. Sie wollte ihn sicher nicht schon wieder in Verlegenheit bringen.
„Komm, wir kaufen uns SmartBubbles“, schlug er mit einem Blick auf den Verkaufsstand gegenüber vor. „Oh ja!“ Sahara war sofort begeistert von der Idee.

SmartBubbles waren eine unter den jungen Sprawl-Bewohnern äußerst beliebte Süßigkeit, die nicht nur in den verrücktesten Geschmacksrichtungen verkauft wurden, sondern mit der man auch Luftblasen formen konnte, die sich dann, je nach Geschick des Konsumenten, in animierte Motive verwandelten, die durch die Luft schwebten. Kadek hatte eine Packung mit Rendang-Geschmack* ergattert, die er sich genüsslich auf der Zunge zergehen ließ, war doch echtes Rendang zu teuer, als das er es sich allzu oft leisten konnte. Es gelang ihm sogar, eine sich windende Schlange in die Luft zu zaubern, die wagemutig nach vorne stieß.

„Eine Naga*!“, staunte Sahara nicht schlecht.
Später saßen sie auf zwei einfachen, farbigen Plastikhockern und schauten zur Werkstatt hinüber, wo Pri gerade Saharas Roller untersuchte. Der Schweiß stand ihnen auf der Stirn.
„Wer, meinst du, ist diese Prinzessin, die ihr gefunden habt?“, fragte Sahara ihn erschöpft von der Hitze und ließ dabei ihre Beine baumeln.
„Ich weiß nicht, Sa, aber sie ist wunderschön. Wie aus diesen Werbe-Holos.“
„Wie MichelleMo?“
Kadek dachte kurz nach und nickte.
„Bagus!“
Sahara wurde nachdenklich.
„Aber es ist doch seltsam, wie sie zu euch in die Gasse gekommen ist. Die wohnt doch sicherlich in einem schicken Haus in einer Enklave.“
Natürlich war das die Frage, die sich auch Kadek bereits den ganzen Tag stellte.
„Ich weiß nicht. Vielleicht ist sie geflohen. Sie … also, da war Blut an ihr.“
Sahara machte große Augen und blickte Kadek an.
„Blut? War sie verletzt?“
„Nein … also, es sah nicht so aus. Aber ihr Kleid war kaputt und Blut klebte dran, und auch an ihrer Haut.“

Plötzlich wurde sich Kadek der Nähe der anderen Leute bewusst, die am Verkaufsstand saßen. Ein dürrer Junge in einem alten Batik-Hemd, der zu den Straßenmusikern hinüberschaute, eine Frau mit Plastiktüten bepackt, die eine kurze Rast einlegte. Ein kräftiger Mann mit kurzrasiertem schwarzem Haar, der am helllichten Tage auf offener Straße aus einer Bierflasche trank, was ein seltener Anblick für Kadek war, dem plötzlich unwohl wurde. Er konnte den Grund dazu nicht genau bestimmen, aber es schien ihm ratsam, nicht weiter über die Prinzessin zu sprechen, wenn so viele andere Menschen in der Nähe waren.

„Komm, Sa, lass uns nach deinem Roller schauen.“
„Ja, gute Idee. Sonst schlafe ich hier noch ein, so müde bin ich.“
Träge erhoben sie sich, schlenderten wieder auf die andere Seite der Kreuzung, wo Pri sich den Schweiß von der dreckigen Stirn rieb, was es natürlich nicht besser machte, da seine Hände noch viel schmutziger waren.
„Konntest du was finden, Pri?“, fragte Kadek hoffnungsvoll.
Der Junge kratzte sich am Kinn, wo ihm einige Bartstoppeln sprossen, die man aber wegen des Drecks kaum noch erkennen konnte.
„Der Starter. Er braucht `nen neuen.“
Sahara schaute niedergeschlagen.
„So viel Geld hab ich nicht.“
Pri lächelte aufmunternd.
„Keine Sorge. Ich habe noch ein paar andere Tricks auf Lager. Er müsste jetzt besser laufen. Probier’s aus.“ Sahara strahlte gleich wieder und widmete sich ihrem Roller. Pri blickte zu Kadek und zwinkerte ihm zu. Artig neigte Kadek den Kopf zum Dank. Als Sahara den Sensor betätigte, sprang ihr Roller nicht gleich an, aber beim zweiten Versuch ging es. Eine wesentliche Verbesserung.
„Super! Schon viel besser!“, freute sich das Mädchen.
Pri griff in seinen Werkzeugkasten, der am Bordstein stand, und holte eine kleine Dose heraus.
„Bei Regen könnte er dir Probleme machen. Wenn er da nicht will, dann kannst du das hierhin sprühen. Das hilft dann“, erklärte er ihr mit einem freundlichen Lächeln.
Sahara zögerte.
„Nimm’s. Ist ein Geschenk von Meistermechaniker, Pri“, drängte Pri sie und grinste.
Sahara verneigte sich dankend und nahm die Dose.
„Vielen Dank!“
„Pri, trödel nicht so! Es gibt noch andere Kunden“, war von weiter hinten das Murren des Werkstattbesitzers zu vernehmen.
„Von wegen Kunden … bei dieser Hitze kommt ja eh keiner. Die verkriechen sich alle in den kühlen Malls, laufen herum und schauen sich Sachen an, die sich eh keiner kaufen kann“, murmelte Pri, grinste aber trotzdem. Er hatte Spaß an der Arbeit, und das sah man ihm an.
Er hob die Hand.
„Selamat jalan!“*
„Selamat tinggal!“, erwiderten Kadek und Sahara wie aus einem Munde die Verabschiedungsphrase an den, der bleibt.
 
 
XIII
 
Während der Fahrt hatte Tika ein Nickerchen gemacht und den Autopiloten die Rückfahrt übernehmen lassen. Sie war einfach zu müde gewesen. Der monotone Verkehr und ein Mangel an Kaffee hatten ihr die Augenlider schwergemacht. Sie gab die Kontrolle nur ungerne ab, aber sie ahnte bereits, dass noch ein langer und anstrengender Tag vor ihr lag und möglicherweise würde sie sonst keine Gelegenheit mehr haben, noch einmal zur Ruhe zu kommen. Was das Schlafen anging, war sie ihren Landsleuten nicht unähnlich. Indonesier konnten zu jeder Zeit und an jedem Ort sofort einschlafen und blieben dabei völlig ungeniert.

Ihr Konek weckte sie, als ihr Wagen die Tore zum Areal des Zentralkomplexes der POLRI erreicht hatte. Mit Sturmgewehren bewaffnete Beamte in Gefechtsmontur standen dort in der Mittagshitze Wache. Ein deutliches Zeichen für die Alarmbereitschaft der POLRI, seit die Anschläge von Darul Islam* wieder zugenommen hatten. Die totgeglaubte islamistische Untergrundorganisation, die einen Staat unter islamischem Recht anstrebte, hatte erst letzte Woche einen gnadenlosen Anschlag auf eine Mall verübt und dabei mehr als 100 Todesopfer gefordert.

Das Expertensystem der POLRI überprüfte ihre ID, die Signalcodes ihres Wagens und scannte ihr Fahrzeug mittels modernster Sensoren auf etwaige Überraschungen. Erst dann öffnete sich das schwere Tor und ließ sie passieren.

Tika dachte über die Parlamentssitzungen nach. Es standen kontroverse Themen zur Abstimmung. Das Militär verlangte nach mehr Einfluss, sowohl im Parlament selbst als auch in Bezug auf grundlegende Sicherheitsfragen, was Auswirkungen auf Tikas Job und vielmehr auf die gesamte POLRI haben würde. Tika interessierte sich nicht wirklich für Politik. Sie war ein dreckiges Geschäft und durchsetzt von Korruptionsfällen, die selbst die POLRI in den Schatten stellte. Aber dass das Militär zunehmend stärkere Ansprüche stellte, ließ sie natürlich nicht kalt. Das Parlament selbst schien gespalten, wie es mit diesem Druck umgehen sollte. Angesichts der Bedrohung aus dem islamistischen Lager gab es durchaus Fürsprecher. Andere fürchteten das Militär aber und vermuteten Hintergedanken der Generäle in Richtung Putsch. Das Regierungssystem selbst stand hier auf dem Prüfstand, wie Tika bewusst war. Und dann gab es da noch die geheimen Abstimmungen. Über ihre Kontakte hatte Tika davon erfahren, nicht aber, worüber abgestimmt wurde. Dass es solche Abstimmungen überhaupt gab, war für Tika bereits eine fragwürdige Regierungspraxis. Ob der Tod des Abgeordneten Raharjos irgendetwas mit einer dieser Abstimmungen zu tun hat? Dafür hätte Tika aber mehr Insiderwissen gebraucht. Sie musste sich mit Gus treffen – der konnte ihr sicherlich weiterhelfen. Aber bei dem Gedanken daran verspürte sie nicht gerade große Begeisterung. Ach, was soll’s. Ich muss die Zähne zusammenbeißen. Dimana ada kemauan, di situ ada jalan – wo ein Wille, da ein Weg. Sie würde die Informationen schon aus ihm herausbekommen, ohne sich näher mit ihm einzulassen. Doch kaum war der Gedanke vergangen, zweifelte sie bereits an seiner Richtigkeit.

Im Schatten des Verwaltungstraktes schrieb sie ihm eine Nachricht. Selbst das kostete sie einige Nerven und ließ widersprüchliche Erinnerungsfetzen und das damit einhergehende Gefühlschaos in ihr aufwogen. Sie brauchte mehrere Anläufe, bis sie einen Text zusammengestellt hatte, mit dem sie zufrieden war. Wie ein Kunstwerk, bei dem sich der Künstler jeden Pinselstrich genau überlegte, bevor er ihn setzte. Denn was einmal gesagt worden war, konnte man nicht mehr zurücknehmen. Wie der Reis, der zu Brei geworden war. Über das meiste schwiegen ihre Mitmenschen deshalb lieber und ergingen sich in ihr omong kosong, das so viel sagte und doch gleichzeitig so wenig. Tika verzog missmutig die Lippen und griff nach ihren Zigaretten. „Bitte, nehmen Sie doch eine von meinen“, hörte sie plötzlich die Stimme ihres ranggleichen Kollegen Diriyanto, der ihr seine geöffnete Schachtel GarudaGolds, eine teure Marke, hinhielt. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er sich ihr genähert hatte. Sein schmieriges Lächeln hätte sie sonst schon aus weiter Entfernung erkannt. Zumindest musste Tika sich eingestehen, dass Diriyanto ein sehr fähiger Offizier war und einen scharfen Verstand besaß, was ihm so gefährlicher machte. Aber sie kam nicht ganz ohne Verbündete aus. Die meisten ranggleichen Kollegen mieden sie, und für Indonesier war der Ausschluss aus einer Gruppe, so subtil er auch für gewöhnlich praktiziert wurde, ein gesellschaftliches Todesurteil.

Tika nahm sich eine der mit dem goldenen Garuda geprägten Zigaretten und steckte sie sich zwischen die Lippen. Diriyanto war ganz der Gentleman, den er jedem gegenüber spielte, und gab ihr Feuer, bevor er sich selbst eine anzündete.
„Sie haben da einen ziemlich kniffligen Fall, wie ich gehört habe“, begann er das Gespräch. Tika versuchte, gelassen zu bleiben. Sie zog an ihrer Zigarette, antwortete nicht gleich. Diriyanto wollte doch etwas von ihr. Er hatte sie hier draußen stehen sehen und sich gedacht, dass es eine gute Gelegenheit wäre, sie außerhalb der direkten Blicke anderer ansprechen zu können. Ein Gespräch unter Kollegen. Ganz informell.

„Es gibt noch viele schwer abzuschätzende Umstände“, antwortete sie ausweichend.
Diriyanto nickte, blickte zum Zentralkomplex hinüber.
„Bei dem Fall könnten sich einige unangenehme Nachwirkungen einstellen, habe ich die Befürchtung“, sprach er weiter, und sie meinte sogar, eine Spur von Besorgnis in seiner Stimme zu erkennen. Diriyanto hatte für einen Mann eine weiche Stimme, die so gar nicht zu einem Offizier der POLRI zu passen schien. Allerdings war es dadurch auch schwerer, ihn zu durchschauen. Selbst Beleidigungen klangen aus seinem Munde meist äußerst harmonisch. Hatte er Sorge um sie? Nein, unmöglich.

Sie hob den Blick, schaute ihn an. Ein deutliches Zeichen ihres kampfeslustigen Willens.
„Der Fall ist wichtig. Hier geht es um Einiges. Natürlich gibt es ein Risiko“, erwiderte sie, versuchte abzuschätzen, was er dachte.
„Ich bewundere Ihren Mut. Möglicherweise könnte das Gewicht aber erdrückend sein.“
Wollte er sie vor dem Fall warnen? Sie konnte jetzt nicht mehr zurück, ohne einen Gesichtsverlust zu riskieren. Nicht, dass ihr das allzu viel bedeutet hätte, aber Tika fing keinen Fall an, den sie nicht auch zu Ende brachte. Oder war es ein Angebot auf einen Bündnispartner? Plötzlich spürte sie einen Moment der Schwäche. Sie wollte sich jemandem anvertrauen. Sie wusste, dass sie es alleine vielleicht nicht schaffen konnte. Innerlich spürte sie die Angst vor der gewaltigen Größe dieses Falls. Sie senkte den Blick.
„Ja, es könnte schwierig werden“, antwortete sie, zog an ihrer Zigarette.
„Sie sind wirkliche eine herausragende Beamtin, Suryono. Das meine ich ganz ehrlich. Ich … würde es nur ungerne sehen, wenn Sie sich an dem Fall die Finger verbrennen. Die politische Lage ist zurzeit so aufgeheizt wie die Sonne, die auf uns herabbrennt. Wenn sie nicht sogar noch heißer ist. Und die Führung wird schnell ungeduldig. Wir leben in unsicheren Zeiten“, sprach er auf sie ein, direkt und ohne die üblichen Umschreibungen.
„Im Moment macht der Fall nur wenig Sinn“, gab sie zu.
„Ich muss noch auf weitere Daten warten, aber zurzeit ist die einzige Verdächtige die Tochter des Abgeordneten. Aber das kann noch nicht die Lösung des Falls sein.“

Diriyanto nickte ernst, drückte seine Zigarette aus.
„Wir könnten zusammenarbeiten“, eröffnete er ihr plötzlich den eigentlichen Grund seines Kommens.
Tika war ganz durcheinander. Die Nachricht an Gus hatte sie aus ihrem Konzept gebracht. Und jetzt war sie auch noch redselig geworden. Nicht, dass Diriyanto den Fall nicht hätte im System auch selbst nachschlagen können, aber er hatte sie kurzzeitig am Haken gehabt. Sie musste sich vorsehen, trotz der widersprüchlichen Gefühle in ihr. Sie brauchte Unterstützung, das wusste sie, aber sie wusste nicht, ob sie mit Diriyanto, oder irgendeinem anderen Offizier, zusammenarbeiten wollte.
„Meinen Sie, dass würde genehmigt werden?“, frage sie dann. Damit war es entschieden. Sie hatte zugesagt. Aber hätte sie wirklich ablehnen können?
„Ich werde das schon regeln“, versicherte er ihr, lächelte wieder.
Nachdem er sich verabschiedet hatte, ließ Tika die Schultern sinken. Sie dufte keinen Fehler machen. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel.
 
 
XIV
 
Ibu Samayanti blieb lange im Mandi verschwunden, aber Siti respektierte das. Der Tod ihres Vaters musste eine tiefe Wunde in der jungen Frau hinterlassen haben. Siti wusste nicht, wer ihre eigenen Eltern waren. Nachts, wenn sie wach lag wegen der Hitze und der fragmentierten Gedanken, die wie ein zerbrochener Spiegel in ihr Innerstes schnitten, fragte sie sich manchmal, wie sie wohl ausgesehen haben mochten. Wer sie gewesen waren. Wie sie geheißen hatten. Und ob sie wohl auch zu Gott gebetet hatten, so wie sie.

Die frühesten Erinnerungen waren diejenigen an ihre Tante, aber ob sie wirklich ihre richtige Tante war, das hatte sie nie zu fragen gewagt. Sie wollte es nicht wissen, und es spielte auch keine Rolle für Siti. Sie glaubte daran, und das war alles, was zählte. Der Mann ihrer Tante, ihr Onkel, war schon vor vielen Jahren gestorben. Lange hatte er an einer Krankheit gelitten. Immer wieder hatte er gehustet. Ihre Tante hatte ihr erzählt, dass es von der Arbeit auf der großen Deponie Bantar Gebang kam. Dort, wo sich Abertausende von Arbeitern als Müllsammler verdingten, versuchten, diesen gewaltigen Berg an Müll, der den Sprawl zu ersticken drohte, wieder in etwas Brauchbares zurück zu verwandeln. Bis zu seinem Tod hatte ihr Onkel dort gearbeitet. Tag für Tag. Bei sengender Hitze und stürmendem Monsun. Monoton seine Arbeit verrichtet wie eine Ameise, umgeben von den haushohen Müllbergen Bantar Gebangs.

Bis er immer schwächer geworden war, immer mehr gehustet hatte und irgendwann einfach nicht mehr aufgestanden war. Seitdem waren Kadek und sie, gemeinsam mit ihrer Tante, die aber nur selten nach Hause kam, da sie ständig arbeitete, alleine. Doch Siti war nicht unglücklich. Es gibt da diesen Ort, hatte ihre Tante ihr erzählt. Es ist der Ort, der für uns bestimmt ist. Für jeden bestimmt ist. Aber für jeden Menschen ist es ein anderer Ort. Das Feingefühl, Rasa, zu besitzen, zu wissen, wo man diesen Ort finden kann, sei das höchste Ideal eines jeden Javaners, hatte ihre Tante immer wieder eindringlich gesprochen. Und Gott wird dir helfen, diesen Ort für dich zu finden. Und wenn du ihn einmal gefunden hast, dann darfst du ihn nicht mehr verlassen, Si, denn die harmonische Ordnung ist wichtiger als alles andere. Am Blick ihrer Tante hatte Siti erkannt, dass es diesen tatsächlich Ort geben musste.

Siti wusste nicht, ob dies der Ort war, der für sie bestimmt war. Sie wusste nur, dass sie Kadek beschützen musste und für ihn zu sorgen hatte. Und dass sie ihrer Tante helfen musste, um eine möglichst geringe Last für sie darzustellen. Dann, so glaubte sie, würde sich der Ort, der ihr Schicksal enthielt, für sie offenbaren. Aber was, wenn sie es nicht bemerkte? Wenn sie den Ort nicht sah? Vertraue auf Gott, hatte ihre Tante gesagt. Wenn du glaubst, dann musst du dich nicht sorgen.

Ob Ibu Samayanti auch an Gott glaubte? Vorhin zumindest, da hatte auch sie die Worte des Gebetes leise vor sich hingesprochen. Siti waren sie wie automatisch über die Lippen gekommen. Sie hatte sie auswendig gelernt. Sie wusste, dass sie aus dem heiligen Buch stammten, aber Siti hatte Schwierigkeiten damit, ihre Bedeutung zu erfassen. Die Sprache erschien ihr wie aus einer anderen Welt – ganz anders als die Worte, die die Menschen auf dem pasar malam miteinander wechselten. Anders, als die Unterhaltungen, die sie mit Kadek führte. Mehr wie die Sprache, die ihre Tante dazu benutzt hatte, um ihr etwas über Rasa, das Feingefühl zu erzählen. Alt und verwoben wie die Erzählungen des wayang im Zwielicht des Nachtmarktes.

Siti lenkte ihre Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurück, in das, was sie sehen und anfassen konnte. Ibu Samayanti hockte am Hauseingang in der Türschwelle, die Beine angewinkelt und an ihren Körper gezogen, die Arme darüber verschlungen. Ihr Blick glitt in die Leere der Gasse, doch Siti war sich sicher, dass die junge Frau mit ihren Gedanken ganz woanders war. Genauso wie Siti zuvor. Das Sonnenlicht fiel auf Ibu Samayantis helle, makellose Haut und Siti musste zum wiederholten Male den Drang unterdrücken, einen Schirm über ihren Gast auszubreiten, damit die gefräßigen Strahlen der Sonne dieses zarte Porzellan nicht verbrannten. Stumm blickte Siti auf ihre eigenen Hände, auf die dunkle Haut ihres eigenen Körpers. Sie hatte nichts gemein mit dieser Frau, die dort an der Schwelle ihres Hauses hockte, verloren und einsam wie der davon schwebende Fetzen eines verblassenden Traumes. Und doch fühlte Siti ein Band der Verbundenheit zwischen ihnen, das sie sich selbst nicht recht erklären konnte.


...
*Rendang = Fleischgericht (meist Rindfleisch) mit diversen Gewürzen und Kokosnussmilch
*Naga = Mythologische Schlangenfigur
*Selamat jalan = Abschiedsformel (wird von dem gesprochen, der bleibt und dem Fortgehenden eine gute Reise wünscht). Auf diese Formel wird mit "selamat tinggal" von dem geantwortet, der sich auf die Reise macht.
*Darul Islam = Islamische (Terror-)Bewegung im Indonesien der 1950er-Jahre, die gegen Republik-Truppen für einen islamischen Staat kämpfte.

Bhinneka Tunggal Ika - Unity in Diversity

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