Es ist: 17-10-2018, 09:28
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Generationenvertrag
Beitrag #1 |

Generationenvertrag
Die alte Dame beugte sich tief über den Schreibtisch. Tippte Sätze ein, löschte sie wieder. Leblose Augen überflogen Fachjournale, versanken wieder in Gedanken. Zur Mittagspause besuchte eine Pflegerin sie am Arbeitsplatz, um ihr Medikamente zu bringen. Die alte Dame drehte sich gelangweilt um.
"Sparen sie sich die Spritzen", murrte sie leise, "ich finde nie im Leben eine Lösung. Es hat keinen Zweck."
Die Pflegerin lächelte lieb und füllte routiniert die Tagesdosis ab. "Wie alt sind sie, 150 Jahre, ja?"
"Ja, nächste Woche werde ich 151. Es reicht."
Vor knapp 80 Jahren war die Therapie erfunden worden, die das Altern bremsen konnte. Mit der optimalen Behandlung behielt man sein biologisches Alter und lebte unbegrenzt lang. Es hätte ein Durchbruch für die damals Gesunden werden können.
"Aber sie müssen doch leben, Frau Müller", lächelte die junge Pflegerin, "so viele Probleme sind noch ungelöst. Wir brauchen unsere Eltern!"
Seufzend ließ sie sich das Mittel verabreichen, mit dem seit ihrem halben Leben der Generationenvertrag durchgesetzt wurde. Die Jugend hatte ja Recht! Wieder fiel ihr Blick auf den regenbogenfarbenen Schriftzug, dessen fröhlich bunte Buchstaben Stück für Stück vom Fensterrahmen abbröckelten:
Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Enkeln geliehen.
Was für eine abgedroschene Phrase! Doch die Enkel weigerten sich zu Recht, ihr marodes Erbe anzutreten. Es gehörte sich nicht, sein Leben ins Saus und Braus zu verbringen und alle Folgeschäden der nächsten Generation aufzubürden.
"Danke, ich gebe mir wirklich alle Mühe", antwortete sie müde, "aber am Mikroplastik forsche ich seit 20 Jahren, mir fällt echt nichts Neues mehr ein. Können sie mich nicht in ein anderes Fach versetzen, vielleicht zum radioaktiven Müll?"
"Sie sind seit 20 Jahren eine echte Expertin!" Ihr Lächeln ging in ein motivierendes Strahlen über. "Wenn Sie keine Lösung für das Kunststoffproblem finden, dann findet sie niemand!"
"Vielleicht ein frischer Geist mit neuen Ideen."
"Ach was! Wir haben unsere eigenen, neuen Probleme zu lösen. Mit ihren alten Fragen werden sie schon fertig werden. Kommt Zeit, kommt Rat!"
Zeit kam im Überfluss. Zu gern wäre sie zurück ins Team Waldsterben gegangen, aber man hatte es aufgelöst, als die Wälder wieder groß und gesund waren. Danach hatte sie am Ozonloch geforscht, bis es fort war. Sie hatte Kaffee für die gesünderen Alten gekocht, als sie die Flurbereinigung rückgängig machten und alle Feldvögel wieder ansiedelten. Und es war gut. Die Welt hinter dem Fenster sah fantastisch aus, duftete rosig und schwirrte vor Leben. Jeden Abend ging jemand mit ihr hinaus, am Wochenende machte das Altenheim einen Ausflug. Regelmäßig, seit mindestens 50 Jahren, immer wieder dasselbe.
"Ach, wissen sie", wandte sie sich erneut an die Pflegerin, "viel besser als in der Chemie könnte ich mich im Bereich Radioaktivität einbringen. Damit hatte ich bisher kaum zu tun, ich könnte noch ein paar Ideen finden."
"Sie möchten noch mal was Neues anfangen?"
"Ja, vielleicht hier raus, ins Wendland ziehen, direkt vor Ort forschen."
Hier bröckelte der Putz von den Wänden; es war höchste Zeit zu gehen. Zeit war ja kein Problem. Zeit war ein lästiger Schwarm von Fliegen, welche es längst auch wieder in Massen gab. Das Wichtigste im Leben war, der nächsten Generation keine unlösbaren Lasten zu vererben, deren Nutzen man alleine genossen hatte. Die Enkel würden sie nie sterben lassen, bevor die Welt gut genug zur Rückgabe war.



Die Idee zu dieser Szene kam mir auf dem Bahnsteig nach einer Bürgerwindpark-Versammlung. Ein älteres Investoren-Pärchen merkte an: "In unserer Kommanditgesellschaft ist die Mehrheit über 50. Am Ende bezahlen wir Alten noch den Jungen ihre Energiewende."
Beinahe hätte ich losgemotzt: "Ach nee, wer hat die ganzen aktuellen Öko-Wenden denn nötig gemacht?"
Aber ich war höflich und entgegnete nur: "Naja, man muss schon ein paar Jahre gespart haben, um hier mit investieren zu können."


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Beitrag #2 |

RE: Generationenvertrag
Hallo Coco, 

Endlich wieder etwas Neues von dir  Icon_jump

Da hast du dir wirklich ein ernstes Thema ausgesucht, trotzdem konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich s gelesen habe, wurde aber genauso zum Nachdenken angeregt. 

Zitat:"Aber sie müssen doch leben, Frau Müller", lächelte die junge Pflegerin, "so viele Probleme sind noch ungelöst. Wir brauchen unsere Eltern!"
Ab da schreibst du die Anrede immer klein. Kommt mir so vor, als wären die Alten die Gefangenen der Jungen. Das ist schon gruselig. Ist ja schön, unbegrenzt jung zu sein und ewig zu leben. Aber die Elterngeneration wird dazu gezwungen und muss als Strafe die Erde wieder in Ordnung bringen.

Zitat:Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Enkeln geliehen. 
Der Satz würde mehr Wirkung zeigen, wenn du einen extra Absatz dafür machst und eventuell kursiv setzt. 

Zitat:Die Enkel würden sie nie sterben lassen, bevor die Welt gut genug zur Rückgabe war.
Gefangen im ewigen Leben. Da läuft's mir echt kalt den Rücken runter.

Zitat:Die Idee zu dieser Szene kam mir auf dem Bahnsteig nach einer Bürgerwindpark-Versammlung. Ein älteres Investoren-Pärchen merkte an: "In unserer Kommanditgesellschaft ist die Mehrheit über 50. Am Ende bezahlen wir Alten noch den Jungen ihre Energiewende."
Beinahe hätte ich losgemotzt: "An nee, wer hat die ganzen aktuellen Öko-Wenden denn nötig gemacht?"
Aber ich war höflich und entgegnete nur: "Naja, man muss schon ein paar Jahre gespart haben, um hier mit investieren zu können."
Icon_lachtot Icon_lachtot Icon_lachtot  Du bist unglaublich. Der Hammer!

So, gut erholt von meinem Urlaub kann ich wieder fleißig kommentieren, also hau rein mit Beiträgen  Icon_smile Icon_smile Icon_smile

Liebe Grüße Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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Beitrag #3 |

RE: Generationenvertrag
Hallo Persephone,

was bist du schnell! Vielen Dank für Aufmerksamkeit und Tipps! Icon_smile 
Die Anreden sind jetzt alle klein, die Phrase ist kursiv und ein paar Tippfehler habe ich gleich mit behoben.

Für den im Leben gebauten Mist geradestehen zu müssen ist echt gruselig, gell? Bisher kann sich jeder darauf verlassen, rechtzeitig zu sterben.
Ich verfolge ja kaum noch politische Nachrichten, aber wenn mir eine Schlagzeile über den Weg läuft, dann meistens von irgendeinem Mann über 60 der gerade ein weiteres Problem um ca. 20 Jahre in die Zukunft aufschieben will. Tja, was wäre, wenn die Zukunft sich das nicht mehr gefallen lassen müsste? Wenn man den Verursachern verbieten könnte, aus ihrem Sumpf raus zu sterben? Sie würden sich fürchten. Aus gutem Grund.


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Beitrag #4 |

RE: Generationenvertrag
Hallo coco,
schönes, kritisches Stück. Dieses kurzzeitige Denken von Politikern und Großunternehmern regt mich auch immer auf. Ich stimme Persephone zu, im Heruasrücken des Slogans. Den würde ich mehr betonen, vielleicht auch noch knackiger machen.

LG
Addi

"I wish a car would just come and fucking hit me!"
"Want me to hail a cab?"
"No, I'm talking bus!"  (The four faced liar)

Da baumelt die kleine Doktorspinne in ihrem Seidenreich und träumt von ihren Silberfäden.
[Bild: riverdance.gif]

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Beitrag #5 |

RE: Generationenvertrag
Hallo Addi,

danke fürs Lesen! Soweit scheinen wir uns ja einig zu sein... cookie

LG
coco


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Beitrag #6 |

RE: Generationenvertrag
Hallo coco.

Ich hatte mir vorgenommen, nie wieder etwas zu Politik im Speziellen zu schreiben oder mich dazu zu äußern. Und jetzt stehe ich hier, weil ich gerade noch gedacht hatte:
"Die Geschichte kenne ich noch gar nicht? Ist die mir durch die Lappen gegangen?"
Tja, und wieder mitten im Minenfeld, oder sitzend in den Nesseln.
Ich möchte es daher so abfassen:

Der Schreibstil ist klar und flüssig. Am Anfang scheint die alte Dame auf den Tisch zu tippen - vielleicht ist die Tastatur ja damit verbunden. (Kann ja sein, war nur etwas verwirrend.)

Die Darstellung Deiner Beweggründe zu diesem kleinen Auszug Deiner Gedankengänge ist schlichtweg bewundernswert. Du siehst etwas, es berührt Dich, Du kannst nicht anders reagieren, nimmst es mit nach Hause und verarbeitest es auf diese Weise. Das ist gut.

Fragen, die beim Lesen aufkamen:
Kriegen nur die alten Menschen diese Spritze? Was machen die jüngeren? Es sich gut gehen lassen, während die alten noch arbeiten müssen? (Es kam so an: "Ihr habt das fabriziert, also müsst ihr das auch ändern.")

Schade finde ich, dass hier - auch wenn es nachvollziehbar ist - einzig die letzte und vorletzte Generation gezeichnet wird. Mir fehlt der Gedanke, dass die alte Frau vielleicht denkt: "Wir hatten damals den Kohlestaub an der frisch gewaschenen Wäsche im Garten. Dann haben wir die Kernkraftwerke geschaffen und der Schmutz war weg. Da hat uns keiner der ganz-alten Menschen die Arbeit abgenommen."

Insgesamt ist hier eine Idee, die kurz angerissen wird, aber mehr Potential hat. Falls Du also irgendwann Lust hast, das auszuformulieren, könnte es tatsächlich eine richtig tiefgehende Geschichte werden, die vielleicht sogar mehr Platz braucht, als man hier ahnen kann.

VGD.


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