Es ist: 13-06-2021, 09:56
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G E F I O N
Beitrag #1 |

G E F I O N
G E F I O N

Donnern. Zischen. Ein pochendes Herz. Hände umkrampfen den Griff. Einschläge im Meer. Nahe dem Schiff türmen sich hohe Wassersäulen auf. Gischt bricht übers Deck. Unter mir. Der Magen rumort. Ein ansteigendes Rauschen in den Ohren.
Oh Gott.
Millionen von Sonnen explodieren am unsichtbaren Horizont. Aus dem Nachthimmel regnet ihr Geheul herunter.
Augen zu. Beten. Hoffen. Bangen. Sekunden werden zu Minuten. Dann plötzlich Stille. Beklemmende Ruhe.
Augen auf.
Der Himmel, nicht mehr zornig und wütend. Wieder dunkel. Wolkenlos. Gedankenverloren. Mit Sternen, die ratlos wegschauen. Mondlicht spiegelt sich auf der rauen See. Wie Scherben. Wie Splitter eines Lichts, das nicht versinken kann.
Nicht passiert mehr. Hände, Beine, Kopf. Alles ist da, nichts fehlt. Gott sei gedankt – oder wem auch immer.
Mein Herz beruhigt sich. Aus dem Kopf entweicht die Lethargie. Entweicht die Angst vor dem Tod. Das Ich klettert langsam zurück. Hinein. In den Kopf. Und die Sätze werden wieder länger. An das Du, in der Ferne.
Du ...
... kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer es war, hier oben im hin und her schaukelnden Ausguck zu sitzen und das Geschehen zu erleben, dazu verdammt zu sein zu beobachten und entsprechende Meldungen zu machen. Hinein in das Telefon, durch die Kabel im stählernen Mast bis zur Brücke, wo diese nur knapp oder gar nicht quittiert wurden.
Und dazwischen immer wieder der Versuch diesen Brief an dich zu schreiben, formuliert im Kopf, weil die Hände alle Mühe hatten den Körper in dieser schwankenden Konservendose festzuhalten. Habe versucht mit dir zu sprechen, mich dabei abzulenken, doch es war zu viel. Von allem. Die Sätze erreichten nie den Punkt, von Kommata ganz zu schweigen.
Ich dachte, ich hätte die Hölle schon gesehen. Aber das hier, dieses gähnende Nichts aus Meer und Stahl, ist für meine Nerven zu viel.
"Aber du wolltest doch genau hierhin", höre ich eine Stimme an meinem Ohr. Und das Gefühl kalter Finger legt sich auf meine Schulter. "Zur See. Seit Du ein kleiner Junge warst."
Ich antworte ihr nicht, habe ihr noch nie geantwortet, seit sie irgendwann neben mir aufgetaucht war und nicht mehr von meiner Seite gewichen ist. Und ich schweige, konzentriere mich auf den breiten Schlitz vor mir, durch den ich gefühlt mein ganzes Leben schon geschaut habe. Den harten metallische Schalensitz unter meinem Hintern dagegen spüre ich kaum noch, genau wie den Rest vom Ich.
"Hörst du mich nicht?"
Und wie ich diese Stimme höre. Sie ist die deine, auch wenn ich weiß, dass du es nicht sein kannst, denn dein Ableben hätte mich erreicht, in welcher Form auch immer. Vielleicht spielt mir der Kopf einen Streich und ich nehme Dinge wahr, die gar nicht da sind. Oder ich selbst bin es, der schon gar nicht mehr da ist.
Ich zittere. Wie Espenlaub, am ganzen Körper, der sich sehnlichst nach Hause wünscht. Wie auch der Geist unter dem Helm.
Bis hierhin überlebt, durch hunderte Höllen gegangen, nur um hier zu sterben, denke ich. Wo ist der Sinn? Wofür?
In dem Moment, als die Konservendose von Ausguck leicht nach vorn schwankt, höre ich sie wieder. Die Stimme.
"Es bildet ein Talent sich in der Stille", sagt sie. "Sich ein Charakter im Strom der Welt."
Goethe, denke ich. Aber war er jemals in einer vergleichbaren Situation?
Meine Finger interessiert es nicht, dass sie vor nicht allzu langer Zeit noch der schreibenden Zunft angehörten. Statt Schreibmaschinen zu bedienen haben sie gelernt zu zielen, zu schießen und vor allem im Einklang mit den Augen zu treffen. Statt träumen, töten. Zielsicher. Unbarmherzig. Unmenschlich. An Orten, die nur noch auf der Landkarte existieren. Mit Leichen, betrauert in Zahlen nichtssagender Berichte.
Meine Hände tasten nach den Griffen, ziehen den Körper samt Kopf näher zu den Schlitzen. Gönnen ihm einen Blick hinaus auf die Welt darunter.
Die unbehagliche Dunkelheit ist einem beklemmendem Bild aus der Hölle gewichen. Statt Schwärze und Konturen ist diesmal alles klar zu erkennen. Im kalten Blau des Mondes. Im dunklen Nichts aus Meer.
Ich beuge mich vor und schaue nach unten.
Unser Schiff, einst in einem anonymen Grau gehalten, mit frisch gepöntem Oberdeck, sieht aus, als wäre es schlagartig gealtert. Obwohl das falsch ist, denn ich ahne es mehr, als da scharfe Konturen wären. Alles verschwimmt mit dem Mondlicht, dem Klang des Meeres und der Nacht. Aber ein bisschen ist zu erkennen.
Da, vorne, am Bug, sehe ich kleine Lichtstrahlen, die entweder verharrend auf einen Punkt zeigen oder suchend über das Deck gleiten. Und dort, wo eigentlich die beiden vordersten Geschütze stehen sollten, sehe ich nicht mehr viel davon.
Irgendjemand ruft etwas, verhaltend, ruhig und doch energisch. Dann rollt etwas Schweres über das Deck und plumpst ins Meer. Ein Kanonenrohr. Kurz darauf folgte ein zweites.
Demontage, denke ich. Vorschiff zu schwer.
Ich blinzle, versuche mehr zu erkennen, sehe Gestalten, die reglose Körper auf Bahren hieven und wegtragen. Weg, in Richtung Heck, vorbei an den Einschusslöchern und undefinierbar verformten Trümmern.
Für einen kurzen Augenblick versuche ich mich an die Kameraden zu erinnern, welche die Bedienungsmannschaften für die vordersten Geschütze gestellt hatten. Wen muss ich betrauern? Aber mir fallen beim besten Willen keine Gesichter zu.
Und während ich den schattenhaften Sanitätern mit ihren Tragen hinterher schaue, wird mir bewusst, wie wenig ich in den letzten Monaten mitbekommen, wie wenig ich meine Kameraden kennengelernt habe. Über fünfhundert Seelen. Und kaum ein Name in meinem Kopf.
"In Verdun kanntest Du doch auch fast niemanden", sagt die Stimme zu mir. Sie klingt jetzt viel näher, beinahe so, als wäre sie schon durch die Ohren in meinen Kopf geschlichen.
Ich will ihr sagen, dass es falsch ist, dass es nicht 'in', sondern 'bei' heißen muss, denn drin waren wir nicht. In dieser Knochenmühle, vor der sich die Hölle selbst ausgebreitet hatte.
Meine trockenen Lippen bleiben stumm. Mein Blick wendet sich ab, konzentriert sich auf den gepanzerten Kommandostand dahinter. Eine gedrungene Konservendose, zu breit für eine Litfaßsäule. Sie sieht noch intakt aus.
Direkt unter mir, vorbei an den Plattformen der Scheinwerfer, dort wo der knarrende Mast beginnt, befindet sich das Deckshaus mit der Brücke und den Noks links und rechts. Im normalen Fahrbetrieb wird dort das Schiff gesteuert, befinden sich die Rudergänger, der Kommandant, der Erste Offizier, der Wachoffizier und die Signalgasten. Jetzt sind die Wände backbords zerfetzt. Wahrscheinlich sind die Granaten quer hindurch geschossen. Einer der beiden Scheinwerfer fehlt, der andere sieht auch nicht mehr sehr lebendig aus. Und unter mir summt es, surrt es und ich höre, wenn ich mich genau darauf konzentriere, das Plätschern von Wasser. Anscheinend die Pumpen, die das Meer aus dem Bauch des Schiffes pumpen. Nur sehen tue ich nichts.
Ich drehe mich um und schaue von meinem Mast weiter nach achtern. Das eigentliche Deck - auf dem back- und steuerbords nur noch zerfetzte Überreste der Rettungsboote zu sehen sind - ist ab hier, wo mein Mast steht, niedriger. Dafür zieht sich ein schmaleres Deck, das Sonnendeck, mittig auf gleicher Höhe, wie das des Vorschiffs, weiter zum Heck hin. Vorbei an den drei Schornsteinen, die ziemlich ramponiert aussehen. Seit Stunden schon haben sie keine beißenden schwarzen Kohle-Wolken mehr hinausgepustet.
Ob Hugo es geschafft hat?, denke ich und versuche mich an das Gesicht des Heizers zu erinnern, der mich als erster an Bord begrüßt hat. Oder ist er immer noch da unten?
Ich nehme am Rande wahr, dass der mittlere Schornstein glatt durchschlagen wurde. Ein riesiges dunkles Loch, mittig, genau auf halber Höhe. Man kann sogar sehen, wie sich zarte Rauchfahnen von dort langsam aus den Eingeweiden des Schiffes nach oben arbeiten.
Das brummende Geräusch der Wellen und Motoren spüre ich nicht, sind schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Leben, als uns eine Granate mittschiffs traf. Also brennt es irgendwo, doch selbst der Schein einer Glut ist von hier aus nicht zu sehen.
Hinter den drei Schornsteinen befinden sich die hinteren Decksaufbauten mit dem zweiten, kleineren Mast und den hinteren Geschützen, die nicht nebeneinander, sondern hintereinander aufgestellt sind. Einer auf dem letzten Stück des Sonnendecks, der andere auf dem Hauptdeck. Überfeuernd, so nennt man das.
Von dort sehe ich wieder Lichtstrahlen und viele kleine Menschen, die sich über das Achterdeck bewegen. Lebendige Zinnfiguren, die andere zusammentragen und sie nebeneinander ablegen.
Plötzlich höre ich ein Schmunzeln hinter mir, obwohl es unrealistisch ist, ein Schmunzeln tatsächlich hören zu können. So irreal, wie alles an diesem Tag, in dieser Nacht.
"Ich bin bei dir", sagst Du. "Es wird dir nichts passieren."
Ein Hohn, denke ich. Mein Geist ist schon verrückt geworden.
"Das ist er nicht."
Mein Herz, es poltert unablässig. Meine Finger beben, fahren über meinen Mund, meinen Schnurrbart, der an den Seiten schon viel zu lang geworden ist. Ich schließe meine Augen, verschließe mich vor dem, was da unten ist, während ich mir dein Gesicht vorstelle. Lächelnd, gutmütig, treu und barmherzig. Untermalt mit warmen Tönen, wie Ocker, Orange, und ein bisschen Rot, nicht viel. Winkend stehst du vor unserem Haus am Strand, mit unseren Kindern, wirst dabei langsam älter, bekommst Falten im Gesicht und Spitzen aus Silber im Haar. Die Güte scheint bis zuletzt aus deinen Augen.
Ich will nach Hause, denke ich mit Wehmut im Herzen. Nach. Hause! Und ewig mit euch leben.
"Aber das bist du doch", hauchst Du in mein Ohr. "Du bist Zuh-"
Ein Knall.
So laut, dass mir mein Herz tief in die Glieder fährt. Eines der vier Stahlseile, die den Mast mittig halten, hat sich hörbar verabschiedet. Mein Herz rutscht hinab, als ich spüre, wie die Konservendose nach vorn kippt. Ich kralle mich irgendwo fest, starre durch den Schlitz vor mir und sehe, wie der Mast im Fallen nach Backbord schwingt. Für einen Moment sehe ich schon den harten Aufprall im Meer, dann das Wasser, in dem ich ertrinken wer-
Ein zweiter Knall. Das nächste Seil.
Nicht das Meer. Das zertrümmerte Deckshaus rast mir viel zu schnell entge-

Schwarz.
Nacht.
Am Himmel blühen Sterne auf, verglühen viel zu schnell, während sie in einem hohen Bogen durch die Nacht heulen und beim Aufprall detonieren. Die Erde bebt, weißer Sand rieselt herab. Es ist Winter, beklemmend kalt. Erst als meine Augen die Dunkelheit akzeptieren, sehe ich mich in einem Granattrichter sitzen.
Mir gegenüber eine schemenhafte Gestalt, die sich genau wie ich an den Rand des Trichters gelehnt hat. Nicht weit von mir, nur ein zwei Schritte entfernt. Der typische Helm eines Poilus. Das Gesicht schattig, kaum zu erkennen. Tornister auf dem Rücken. Munitionstaschen am Bauch. Sein Gewehr in den Händen, die Mündungsspitze nach unten gerichtet. Die Stiefel halb im Schlamm versunken. Er zuckt nicht, scheint nicht zu atmen. Aber vielleicht denkt er das auch von mir.
Es sind diese Momente, in denen nichts mehr zählt, außer der Tod in wenigen Sekunden. Jeder Schritt könnte einer zuviel sein.
Meine Finger tasten vorsichtig nach dem Abzugshebel meines Gewehrs. Weiß nicht, wieviel Patronen ich noch habe. Schnell sein: Anheben, zielen, schießen. Kein 'und'. Keine Fragen. Überleben, sobald der Kamerad da sich auch nur leicht bewegt.
Aber er bewegt sich nicht.
Sekundenlang. Minutenlang. Meine Finger werden erst steif, dann taub, während der Himmel über mir weint. Irgendwann eine Leuchtrakete, die die Nacht schlagartig zurückdrängt. Im Licht sehe ich den anderen, den Kameraden von der anderen Seite. Er rührt sich immer noch nicht, dafür aber Ratten, die unter seinem Mantel hervorkriechen. Erst eine, dann sind es schon ein Dutzend, die mich anschauen, als wäre ich das Dessert.
Plötzlich springt jemand in den Trichter, stolpert fast, fängt sich wieder, duckt sich und kommt auf mich zu. Mein Herz, gerade noch ruhig, schlägt wieder schneller. Meine Hände reißen das Gewehr hoch, doch der Andere schlägt es zur Seite.
"Johann?", fragt er, kniet sich vor mir hin und mustert mich.
Ich sehe seine Augen nicht. Sprechen gelingt kaum. Zu trocken der Mund, und so fern vom Kopf. Sein Gesicht vor mir verschwimmt langsam. Die Ratten, die aus dem Franzosen kommen, sehe ich gar nicht mehr.
"Bin seit Stunden unterwegs", flüstert er, legt sein Gewehr ab, reißt seinen Tornister herum. Dann packt er mich am Kragen und rüttelt mich. "Nicht schlapp machen! Darfst nicht verrecken. Ist heute Dein letzter Tag."
Seine Worte entfernen sich von mir.
"Darfst zur Flotte. Wenn Du überlebst." Nur noch Farbkleckse vor den Augen. "Hörst mich?"
Den Schlag ins Gesicht spüre ich nicht.
"Johann?"

"Johann!"
Eine andere Stimme. Aus der Ferne.
"Wir holen Dich da raus."
Gleiche Situation. Nur anders.
Ich spüre meine Glieder, allerdings nur, weil sie entsetzlich schmerzen, höre knarrendes Metall, das auseinandergebogen wird, begleitet vom Stöhnen zusammengepresster Lippen. Irgendwann der Geruch von Seeluft und der Geschmack von Rost auf der Zunge. Hände, die nach mir greifen, ziehen, zerren, und schließlich aufheben, auf eine Bahre legen. Meine Jacke wird geöffnet, mein Helm abgenommen. Kritisch suchende Hände, die nichts finden. Die Risse sind im Inneren, zusammen mit den heulenden Träumen im Keller verbarrikadiert. Wenigstens funktionieren noch meine Gedanken, mein Satzbau, auch ohne Tasten.
Schließlich werde ich hochgehoben, die Bahre mit mir, und weggetragen. Schweigend, schaukelnd, schwankend. Mir wird schlecht, muss aber nicht kotzen.
Irgendwann, nachdem wehmütiges Klagen und Murmeln an meine Ohren dringen, werde ich abgesetzt. Jemand beugt sich über mich. Dunkelheit weicht allmählich dem Licht aus einer Lampe, bleibt aber noch verschwommen.
"Scheiße, was machst du für Sachen?", sagt jemand, dessen Stimme mir nicht fremd ist.
"Hugo?", frage ich, und erinnere mich an seine geschwungene Handschrift.
"Hast Glück gehabt", antwortet er. "Der Kommandostand hat den Mast aufgefangen, sonst wäre der Ausguck mit voller Wucht aufs Deck geknallt."
Mein Kopf versucht sich an einem Nicken, was kaum gelingt. Zu schmerzhaft. Ich blinzle, suche mit den Fingern nach meinen Augen, versuche die Verschwommenheit wegzureiben. Langsam wird es besser. Der Blick klarer. Um mich herum. Hier, auf der Steuerbordseite, auf der Höhe des mittleren Schornsteins.
Ein Dutzend namenloser Fassaden aus verletzten Gesichtern, die zwischen den gurgelnden Pumpschläuchen kraftlos an Deck liegen oder an den offenen Schotts lehnen. Zerfressene Mienen, verrenkte Gliedmaßen, hingeschlachtete Lämmer, halbtot, soweit man sehen kann. Einige haben noch so viel Kraft, dass sie aus den Resten der zerfetzten Beiboote Flöße bauen. Sie halten mit ihren mit Lappen verbundenen Hämmern kurz inne, schauen auf, schweigen.
Weiter hinten am Heck sehe ich, dass es dort etwas heller ist. Kein Mond, der die Nacht in Blau versinken lässt. Stattdessen kaltes, steriles Weißlicht. Aus mehreren Taschenlampen richten sich Strahlen wie Schwerter auf und nieder, durchbohren, zerteilen die Nacht wie heiße Messer die Butter.
Ich sehe den hinteren Mast, der nur noch zur Hälfte vorhanden ist. Ohne Konservendose von Ausguck, ohne den Beobachter selbst. Mein achterner Zwilling, der weniger Glück hatte als ich.  Wahrscheinlich ist er noch nicht einmal aus der Konserve hinaus gekommen und mit ihr im Meer versunk-
Plötzlich surrt es erst, dann erwachen am Heck die hinteren beiden Scheinwerfer zu neuem Leben. Zwei Kegel aus hellem Weiß blühen auf, reißen Löcher in die Nacht während sie suchend auf der anderen Schiffsseite über die unruhige See gleiten. Man kann ein Quietschen hören, das nur von den hinteren Geschütztürmen kommen kann.
"Werden wir es schaffen?", frage ich Hugos kohlenschwarzes Gesicht.
"Glaub nicht", antwortet er. Es klingt gefasst, als hätte er es für sich schon akzeptiert. "Seelenlose Schiffe leben nicht lange."
Seelenlos. Ich erinnere mich.
Unser Schiff war kein kriegsbedingter Vermehrungsbau, sondern ein Ersatz für ein anderes, älteres Schiff, das jetzt irgendwo in Danzig vor sich hin rostet. Heißt, es gab noch eine richtige Taufe, bei denen der Pate nicht nur seinen Namen spendet. Aber leider hatte die Stadt Wiesbaden es weder zum Stapellauf geschafft, noch war sie in der Lage gewesen die Beigaben zu verschicken. Das Tafelsilber für die Messen und all die Bücher - sie lagern immer noch irgendwo im Rathaus. Weit weg von hier.
Eines der kleinen Lichtschwerter nähert sich uns.
"Meine Herren", hören wir eine energische Stimme, als es uns erreicht. "Gibt es ein Problem?"
"Herr Kapitän", sagt Hugo leise und ergeben, während mich das Licht mustert. Dahinter kann ich den großgewachsenen Mann sehen, seine Konturen, aus denen die großen Ohren klar hervorstechen. Fregattenkapitän Fritz Reiß, eigentlich Kapitän Reiß, jetzt nur Kapitän. Und wenn alles vorbei ist, dann nur noch Fritz. Vielleicht.
Seine Mütze ist weg, und seine Uniformjacke scheint im leichten Wind zu flattern. Mehr sehe ich nicht.
"Gefreiter Kinau, nehme ich an", sagt er und schaltet das Licht aus. "Ich dachte schon, eine der Granaten hätte Sie erwischt."
Ich würde gerne das Wort Glück aussprechen, aber da mein Mund sich gerade trocken und die Zunge schwer anfühlt, bringe ich dies nicht heraus, während sich ein weiterer Lichtstrahl von achtern nähert und hinter Reiß auftaucht.
"Kapitän", sagt der Mann hinter dem Licht. "E-Werke wieder angesprungen. Scheinwerfer achtern betriebsbereit. Geschütze achtern einsatzbereit. Ruderanlage einsatzbereit."
"Gut gemacht, Doktor", sagt Reiß. "An Ihnen ist ein richtiger Offizier verloren gegangen."
"Kesselräume III und IV trocken. Kessel werden geflickt", sagt der Arzt, und man kann ein Murren in seiner Stimme hören. "Wollen Sie wirklich die Scheinwerfer eingeschaltet lassen?"
Der Kapitän richtet sich auf und dreht sich zum Arzt um, will ihm gerade antworten. Von achtern kommen weitere Lichtschwerter in unsere Richtung, vielleicht um zu melden, dass die Kessel wieder angefeuert werden können. Ich sehe es immer noch etwas verschwommen, aber eines sehe ich genau: Die Gestalt, die plötzlich zwischen uns und dem Heck steht.
Nur eine Kontur, ein Umriss.
Nichts bewegt sich in diesem Moment, als eines der Lichtschwerter sie von hinten anleuchtet. Flatternde Haare. Ein Rock, züchtig bis zu den Knöcheln hinab.
Ich blinzle mit den Augen, will sie mir reiben, aber dann bemerke ich, dass Hugo sie anstarrt. Die Männer um uns herum. Auch der Kapitän und der Arzt, die langsam ihre Lampen heben und die Frau anleuchten, mitten in ihr Gesicht. Anmutig. Freundlich. Friedlich.
Dann lächelt sie uns an.
Mein Wahnsinn hat uns alle erreicht, zuckt es fassungslos durch meinen Kopf.
Denn du lächelst uns an.
Niemand von uns reagiert, auch die Männer vom Heck bleiben verwundert und stumm stehen, während die Frau jetzt von allen Seiten angestrahlt wird. Wie die Freiheitsstatue, nur ohne Fackel in der Hand.
"Wie zum Teufel ...", beginnt der Kapitän, bricht wieder ab. Vielleicht weil er es selbst nicht glauben kann, so wie alle. So wie ich. Dass da auf unserer Steuerbordseite, auf dem zerschundenen Deck, auf unserem ramponierten Schiff, ..., diese Frau steht.
"Wer ist das?", fragt Hugo. Die Frage ist an die Allgemeinheit gerichtet, aber ich kann sie beantworten. Auch wenn ich es nicht will.
"Das ist meine Frau", sage ich, zwar leise, aber sehr deutlich. "Rosa."
See schwappt gegen die Bordwand. Die Pumpen dröhnen tief aus dem Bauch des Schiffes. Die Scheinwerfer suchen auf der anderen Seite des Schiffes weiter die See ab.
Schweigen.
Die Lichtschwerter bleiben auf die Frau gerichtet, die Köpfe allerdings drehen sich zu mir. Fragend. Verwirrt. Und bevor jemand seine Lippen bemühen kann, räuspert sich Rosa die Aufmerksamkeit zurück.
"Wenn ihr überleben wollt", ruft sie, so langsam, so lieblich, der Klang, so fern vergessen und so nah, "dann kommt mit mir."
Sie beugt sich herab, zieht sich so galant, wie es nur eine Dame vermag, die Stiefel aus, abwechselnd stehend auf einem Bein, und schaut mich dabei die ganze Zeit an. Schließlich hält sie sie mit zwei Fingern hoch.
"Weißt du noch?", ruft sie mir zu. "Wenn man einen Graben überwinden will, wirf zuerst deine Schuhe hinüber. Denn dann musst du hinterher."
Und sie holt aus, wirft ihre Stiefel in einem hohen Bogen über die zerfetzte Reling in die Nacht, in die See hinunter.
Gleichzeitig konzentrieren sich die beiden Lichtkegel der Scheinwerfer auf einen Punkt irgendwo auf der Backbordseite. Jemand ruft. Von achtern.
"U-BOOT!"
Die achteren Geschütze knarren, bewegen sich. Es dauert einige Sekunden, dann ertönt der erste Schuss und lässt das Schiff erzittern. Den Einschlag sehen wir nicht, dafür die Spitze der Wassersäule. Etliche hundert Meter entfernt an Backbord.
Die Zeit zersplittert. Hugo erstarrt, wie alle anderen. Nur Rosa lächelt, dann nimmt sie Anlauf und springt über die Reling. Ihren Schuhen hinterher.
"TORPEDO IM WASSER!", schreit jemand vom Heck. "ZWEI!"
Noch ein Schuss. Noch eine Wassersäule. Reiß schaut den Arzt an, schaut uns an, uns alle. Wir sehen, wie es in ihm arbeitet, wie er abwägt. Dann zeigt er entschieden auf die Flöße.
"AB!", ruft er, formt mit seinen Händen einen Trichter vorm Mund und schreit es in alle Richtung. "ALLE MANN VON BORD!"
Die Lethargie stirbt still, in die Männer kommt Bewegung. Die Flöße werden hektisch gepackt und über Bord geworfen. Gerade, unschön, irgendwie über die Reling hinunter. Die hinteren Geschütze schießen erneut. Wieder zittert das Deck. Die Lichtkegel der Scheinwerfer wandern auf der anderen Seite immer mehr zum Schiff zurück. Strahlen das an, was da auf uns zukommt.
"ALLE MANN VON B-"
Es ist ein Reflex.
Ich schubse erst den Kapitän, dann den Arzt über Bord, bevor ich den fassungslosen Hugo packe, ihn zur Reling zerre, zur Kante zwischen Leben und Tod, seufzend, mit klopfendem Herzen und taubem Kopf. Dann stoße ich auch ihn hinunter.
In die dunkle See aus Nichts.
Und springe hinterher.

Wieder Donner. Explosionen. Diesmal von oben, gedämpft, zu tief im Wasser. Lungen schreien nach Luft. Ich packe Hugos Kragen, stoße mich mit den Beinen nach oben, komme langsam hoch. Schließlich Luft, die gierig aufgesogen wird. Ein Stück Holz, ein Floß, an dem ich mich krampfhaft festhalte, während ich Hugos reglosen Kopf oben halte.
Das brennende Schiff liegt einige Meter von uns entfernt, mit dem Bug tief im Wasser. Flammen, Rauch, alles so hell wie in der Hölle selbst. Die Wiesbaden ist verloren, sie weiß es nur noch nicht.
Keine klaren Gedanken, nur Impulse. Ziehe Hugo weiter hoch, zerre ihn aufs Floß, ächzend, mit letzter Kraft, bis ich es geschafft habe. Wenigstens ein Leben gerett-
Eine ohrenbetäubende Explosion.
Schlagartig leuchtet die ferne Sonne vor mir auf. Ich sehe Trümmerstücke durch die Luft fliegen, Menschen, zerfetzt und nicht. Wie Zinnfiguren, in hohem Bogen. Ins Meer.
Ein Schlag an den Kopf. Der Griff, der Halt am Floß schwindet. Sinkend. Kraftlos. Kann nichts machen. Lungen saugen Wasser. Alarmsirenen schweigen. Hinunter. Wieder.
Aber ich sehe alles. Sehe im Schein der Flammen aus der Überwelt den Rumpf, die sinkenden Trümmer, sinkende Tote, alle Viere erschlafft. Sie kommen zu mir, bleiben auf meiner Höhe. Eine ganze Armee, in der ich treibe, mit der ich treibe.
Und dann bist du da, Rosa. Ich sehe dich, fühle dich.
Komm mit mir, sagen deine Lippen und ich kann es hören, als wäre es schon immer in meinem Kopf gewesen. Ich bring dich nach Hause.
Es ist ein beruhigendes Gefühl. Warm und zitronengelb, mit einem Schuss Ingwer dazu. Der Geruch von Sommerfeldern liegt mir genauso auf der Zunge, wie der Geschmack von Erdbeeren.
Ich gehe, wohin auch du gehst, denke ich und sinke. Einfach weiter.
Und als sie meine Hand nimmt, leuchten vergangene Bilder auf, die nicht die meinen sind, die sofort wieder verfliegen, wie mein Name selbst.
Schwarz und weiß, manchmal ein Tupfer Blau, Grün oder Rot darin. Sie zeigen ein altes Schiff am Kai von Danzig. Am Heck prangt der Name GEFION.
Du stehst auf dem leeren Schiff, schaust wehmütig den vielen Matrosen hinterher, die dich nicht sehen. Lange, unsicher, dann gehst auch du von Bord, betrittst zum ersten Mal Land. Erstaunt, verblüfft, schaust nochmal traurig zurück, drehst dich um, gehst mit festen Schritten den Kai entlang und folgst den Menschen, zu deinem neuen Zuhause, das sich gerade dort oben, weit über uns, in Todeskrämpfen schüttelt und windet.
Da oben, wo die Toten unter der hellen Meeresoberfläche wie Puppen hängen. Auch mein Körper. Ich sehe ihn, schwebend im Pulk der anderen. Jetzt treibend, im Unterstrom, der sie alle mitnimmt. Aus dem Hell der Flammen hinaus ins Dunkle.
Komm, sagt Rosa und zeigt nach unten zum Meeresgrund. Dort, wo ich ein Haus am Strand erkenne. Mit dir und deinen flatternden Haaren im Wind, winkend, mit unseren Kindern.
Wir warten auf dich.
Ich fühle Erlösung. Hinab. Glück. Immer weiter. Liebe. Hinab, nach Hause. In den Morgen
nach dem Tod.
Frieden,
endlich.

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Edit:
Ich bin euch diese Geschichte aus dem letzten Wettbewerb noch schuldig geblieben. Das hat nichts mit euch zu tun, eher mit dem Leben und dem ganzen Rest. Jemand aus dem Letzteren hat den Text gelesen, kommentiert und an vielen Stellen verbessert. Danke dafür.

Kleine Anmerkungen zur damaligen Zeit:
- Es war tatsächlich so, dass Fachoffiziere für die Seeoffiziere keine richtigen Offiziere waren, daher das Murren des Arztes gegen Ende hin. Das war auch ein Grund für den unruhigen Zustand auf den Schiffen der Hochseeflotte. (Wie auch das unterschiedliche Essen an Bord.)
- Die Taufgeschenke für das Schiff sind immer noch im Besitz der Stadt Wiesbaden.
- Als die Hochseeflotte es nach der zweiten Gefechtskehrtwendung nicht geschafft hatte, zur Wiesbaden durchzustoßen und erneut abdrehte, verliert sich die Geschichte des Schiffes im Nebel der Nacht. Was auch immer tatsächlich geschah: Es bleibt nur, dass der Heizer Hugo Zenne überlebte. (Er hatte wirklich eine schöne Handschrift.)
- Eine der schwierigsten Sachen war die Beschreibung des Schiffes, gerade für Leser, die das alles nicht kennen. Ein Problem, an dem ich bereits vor Jahren gescheitert bin.
- Das einzige Bild, das ich finden konnte, zeigte tatsächlich die (relativ) großen Ohren des Kapitäns.
- Um Johann darstellen zu können, hatte ich - vor vielen Jahren - eine Postkarte von ihm gefunden, die er aus Serbien an seine Frau Rosa geschrieben hatte. Da das Sütterlin war, hatten lu und ich unsere liebe Mühe und Not damit - aber das, was wir entziffern konnten, blieb bis zu dieser Geschichte in meinem Kopf. (Auch die damals gebräuchliche Art der Satzverschachtelungen.)
- Um einen Eindruck davon zu bekommen, was der Schutzengel Gefion (in Gestalt von Rosa) in den Stunden davor für eine 'Arbeit' hatte: Nachdem die Wiesbaden von den gegnerischen Streitkräften einen Treffer in die Maschinenanlage bekommen hatte, blieb das Schiff manövrierunfähig zwischen den gegnerischen Flotten liegen und wurde in der Folgezeit von nahezu jedem britischen Schiff unter Feuer genommen. Es gab zahlreiche Verwüstungen an Oberdeck und im Schiffsinneren. Allerdings hatten die Konstrukteure der Marine bei allen Schiffen damals den Hauptaugenmerk auf die 'Unsinkbarkeit' gelegt, weshalb die Wiesbaden erst lange nach Mitternacht unterging.

Das wollte ich noch geschrieben haben.

LGD.


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RE: G E F I O N
Hallo Dread,

ich hab ein paar Absätze gebraucht, um den Text zeitlich einzuordnen. Die Umgebung baute sich von innen nach außen auf: Ah, ein Schiff. Ah, ein Kriegsschiff. Ah, historisch ... als ich das Bild beisammen hatte, war das Schiff auch schon kaputt. Es fällt in der Geschichte auseinander, während es sich im Leserkopf aufbaut. Ich nehme an, genau so sollte es sein.

Ansonsten muss ich wiedermal sagen: In einem Fluss weglesbar! Aus dem Engel wurde ich erst in deiner Fußnote schlau, aber die Offiziere hielten sie ja selbst für eine Halluzination, insofern passt auch das zusammen.

Friedliche Grüße vom Festland
coco


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