Es ist: 13-06-2021, 10:16
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Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
Beitrag #11 |

RE: Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
22:15 Uhr
Die Versammlung im Kino des Schlosshofs beginnt.

Es spricht der SPD-Abgeordnete Gustav Noske. Er überbringt Forderungen der Regierungen nach einem Abbruch des Aufstandes, im Gegenzug zu Straffreiheit, was durch die Matrosen entschieden abgelehnt wird.

Gastbeitrag der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung:
Die gegenwärtige schicksalsschwere politische Situation gebietet, dass die entstandenen Machtverhältnisse restlos ausgenützt werden für den politischen und sozialen Fortschritt des Deutschen Reiches. Es gilt das, was im glorreichen Ansturm errungen ist, dauernd zu befestigen.“

23:20 Uhr
Das Telegraphenamt meldet, dass in den Städten Wilhelmshaven, Hamburg, Bremen Matrosen und Arbeiter rote Fahnen gehisst haben. Die Revolte breitet sich aus.

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Wir werden die Berichterstattung natürlich ausweiten und Sie auf dem Laufenden halten.


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Beitrag #12 |

RE: Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
+++++++++++++++Private Aufzeichnungen von Frank Peters+++++++++++++++

Es ist noch tiefste Nacht, als ich mich zum Admiral geselle.
Er sitzt auf einem der Poller am Kai, hält mit seinen Zähnen die dampfende Pfeife fest im Mund und schaut mit leerem Blick auf die andere Seite des Hafenbeckens.
Dort, wo die König im Dock liegt. Der Rumpf ist durch die Dockwände versteckt, nur die Aufbauten mit den Geschütztürmen ragen darüber. Am Hauptmast, hinter dem verwaisten Kommandostand, weht immer noch die rote Fahne. Wahrscheinlich wird sie dort noch sehr lange wehen.
„Darf ich?“, frage ich leise, und er nickt nur, als ich mich auf die andere Seite des Pollers setze.
Schweigend starren wir zur König hinüber. Irgendwie ein stiller Scherz der Geschichte, dass ein Schiff mit diesem Namen - so kampferprobt, so unverwüstlich, ein König der See, nun nur noch irgendein König - seinen Todfeinden ausgeliefert ist.
Bei solchen Momenten weiß ich wirklich nicht, was die Revolutionäre, wie sie sich jetzt wohl nennen, mit dem Kaiser machen werden, sollten sie ihn je in die Finger bekommen. Wie weit kann Hass, kann Zorn und Rache gehen? Was wird am Ende der Woche von unserer Welt übrig bleiben? Wann hört die rote Welle auf? Wenn sie alles überrollt hat? Wird sie auf Widerstand stoßen?
„Ich habe gehört, dass sie uns verlassen wollen?“, fragt der Admiral, der jetzt, mit jeder fortschreitenden Minute, mehr und mehr Wilhelm Souchon wird. Vielleicht bald nur noch Wilhelm, oder sogar Willie? Das Schwarz der Marine blättert ab, aber nicht aus Altersgründen, sondern weil es stirbt.
„Ich werde den ersten Zug nehmen“, antworte ich ihm, denn ich spüre, dass das kein schlechter Mensch, kein schlechter Offizier ist. Manchmal macht man gute Menschen auf Zuruf zu schlechten. So lange, bis sie es tatsächlich werden.
„Wo soll es hingehen?“
„Mein Chef schickt mich nach München.“
„Ist das Rot dort auch schon angekommen?“
„Bis jetzt noch nicht.“
Souchon pafft Kringel in die kalte Nachtluft. Dann nickt er sich selbst zu.
„Wissen Sie, was der Obermaat da vorne am Haupttor vorhin zu mir gesagt hat?“, fragt er mich und schaut mich dabei von der Seite an.
„Was denn?“
„Ich, kaiserlicher Obermaat, untersage Ihnen, Herr Admiral, den Zugang zu reichseigenem Besitz.“ Er nimmt die ausgebrannte Pfeife aus dem Mund und stopft neuen Tabak hinein. „Manchmal frage ich mich, in was für eine Welt ich hier hineingerutscht bin.“
„Und wie kamen Sie jetzt durchs Tor?“
„Ich habe ihm gesagt, dass ich das Werftgelände, in meiner Eigenschaft als Verantwortlicher, vor der Übergabe an die Räte kontrollieren muss.“ Er zündet sich seine Pfeife wieder an. „Und dass er mich dafür gerne von hinten erschießen kann, wenn er unbedingt will.“
„Mutig“, meine ich.
„Pah“, macht Souchon. „Wahrscheinlich kommt er gleich und untersagt mir hier unter freiem Himmel das Rauchen am Kai. Und erschießt mich dann. Irgendwas finden die immer.“
Wir schweigen wieder. Dann beugt er sich verschwörerisch zu mir:
„Wir haben nach der Veranstaltung das Kino durchsucht“, flüstert er. „Im Abstellraum im Keller wurden keine Sprengkisten gefunden.“
Es durchzuckt mein Herz wie ein kalter Stromschlag.
„Ich schwöre …“
Er hebt die Hand und unterbricht mich.
„Ich glaube Ihnen, Peters“, raunt er. „Aber so, wie es aussieht, sind hier mehrere Seiten am Werke gewesen.“
„Was meinen Sie?“
„Heidkamp, sagten Sie? Wilhelm Heidkamp?“
„Ja.“
„Wie fühlten sich seine Hände an?“
Ich starre ihn strinrunzelnd an, dann überlege ich.
„Sie waren warm. Fester Händedruck. Keine Schwielen. Gepflegt.“
Souchon nickt leicht.
„Vor drei Jahren kam es bei der Doggerbank, vor der Ostküste Englands, zu einem Gefecht. Die Seydlitz bekam einen Treffer am Heck, bei den hinteren Geschütztürmen, der das Deck komplett durchschlug. Die achterne Munition wurde entzündet, brannte in Sekunden lichterloh, und eigentlich hätte das Schiff in wenigen Minuten auseinanderfliegen müssen.“ Er pafft weiter. „Aber Wilhelm Heidkamp kämpfte sich nach achtern und öffnete die glühenden Flutventile. Mit bloßen Händen.“
„Nein!“
„Doch, junger Freund“, sagt Souchon. „Und der Tote in Ihrem Hotelzimmer ist übrigens aus der medizinischen Abteilung der Polizeistation am Wilhelmplatz verschwunden.“
Ich stöhne. Nicht nur ein falscher Mitarbeiter des ‚Vorwärts‘, nicht nur ein falscher Mensch. Jetzt auch noch ein Toter, den es gar nicht mehr gibt.
„Ich weiß nicht mehr, was ich davon halten soll“, sage ich und verziehe missmutig den Mund. „Als würde die Welt, die wir kennen, aufgefressen.“
Er nimmt seine Admiralsmütze ab und klemmt sie sich – wie vorschriftsmäßig – zwischen linken Arm und Rumpf.
„Die Welt brennt schon die ganze Zeit“, sagt er. „Ich möchte Ihnen noch etwas mit auf den Weg geben. Im Vertrauen.“
„Okay.“
„Sie wissen, dass ich auch Oberbefehlshaber der Osmanischen Marine war?“
„Ja.“
„Auf der Ebene hört und sieht man einiges mehr. Vor allem das Verhältnis zwischen Türken und Armeniern.“ Er senkt den Blick. „Damals habe ich gedacht: Die Armenier sind nicht nur Unerwünschte, sondern arbeiten auch gezielt gegen uns. Die Türken haben also allen Grund dazu, diese Menschen zum Teufel zu jagen.“ Er seufzt. „Es hieß nur, sie werden umgesiedelt. Also habe ich meinen Standpunkt damals nicht geändert“, murmelt er. „Erst als Falkenhayn auf mich zu kam und mir begreiflich machte, was da genau vorging, habe ich es verstanden.“ Er schweigt für einen Moment. „Sie wissen, wen ich meine?“
Natürlich weiß ich das. Es gab nur einen Menschen, der die Hölle auf Erden erfand, wo durch Knochenmühlen das Grundwasser noch in hundert Jahren rot sein wird.
„Ja“, sage ich leise, während Souchon nur nickt. Mal wieder. Bedrückt und still.
„Sie haben sie ermordet. Alle. Auf den Trecks, in der Wüste, in ihren Häusern, überall.“
Mein Herz schlägt für einen Moment langsamer, als ich seine Worte begreife. Und es wird kalt, als aus der Bedeutung Bilder werden.
Es ist was anderes, wenn Soldaten sich gegenseitig umbringen, als wenn Soldaten Zivilisten töten.
Wir schweigen wieder. Starren ins glitzernde Wasser, während der Mond über uns müde gähnt. Es ist ruhig, still, irgendwie friedlich, obwohl es das eigentlich ganz und gar nicht ist. Irgendwo im fernen Morgen brennt die Welt, und ich sitze hier noch im Dunklen.
Mit einem gebrochenen Mann an meiner Seite. Man kann es spüren, dass er gegen Tränen ankämpft, dass Wilhelm weinen will, aber der Admiral verhindert es.

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Beitrag #13 |

RE: Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
+++Die Revolution auf dem Vormarsch+++Lesen Sie hier alle aktuellen Meldungen zuerst+++

Hier die Meldungen für Donnerstag, den 07.11.18:

Kiel, Schleswig-Holstein

08:00 Uhr
Die Verhältnisse in Kiel normalisieren sich weiter. Die Straßenbahnen fahren wieder und die ersten Züge nehmen den Verkehr auf. Die Strecken nach Berlin und Osnabrück sind aber noch gesperrt.

09:00 Uhr
In einer kleinen Runde vereinbart Gustav Noske (SPD) mit anderen Kieler SPD-Führern die Ausrufung des Arbeiterrats als provisorische Regierung Schleswig-Holsteins. Der ebenfalls gewünschten Ausrufung der Republik widersetzt er sich entschieden.

15:00 Uhr
In der jetzt stattfindenden Versammlung des Großen Soldatenrats wird vorgeschlagen, dass Herr Noske das Gouverneursamt übernehmen solle. Daneben wird Herr Popp als Vorsitzender der Obersten Soldatenrates gewählt.

16:15 Uhr
Gustav Noske informierte Admiral Souchon, dass er seinen Posten ohne Widerstand räumen soll. Die noch verfügbaren Offiziere werden mit einem Versetzungsverbot belegt.

18:00 Uhr
In der ganze Stadt wird ein Aufruf verteilt. Er wurde sowohl vom Arbeiter- als auch vom Soldatenrat unterzeichnet und beginnt mit dem Satz: „Die politische Macht ist in unserer Hand.“

Es wird darin aufgefordert, überall Räte zu bilden, mit den bestehenden Behörden zusammenzuarbeiten, die neue Volksregierung zu unterstützen und eine freie, soziale Volksrepublik zu errichten.

Aus den übrigen Reichsländern:

14:00 Uhr
Wie wir soeben erfahren haben, versuchten in Lübeck und Hannover zwei örtliche Kommandeure die militärische Disziplin mit Waffengewalt aufrechtzuerhalten. Sie werden schwer misshandelt und ins örtliche Krankenhaus gebracht, nachdem ihre Truppen den Befehl verweigerten.

15:40 Uhr
Alle größeren Küstenstädte, sowie jetzt auch Braunschweig, Frankfurt am Main und Stuttgart sind in der Hand von Soldaten- und Arbeiterräten, die sich spontan gebildet haben.

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Beitrag #14 |

RE: Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
++++++++++Private Aufzeichnungen von Frank Peters++++++++++

Es ist nicht nur voll im Zug, sondern auch laut, stickig.
Und es riecht nach dem Schweiß des Gestern.
Matrosenanzüge, schlecht geflickt, kaum gewaschen. Die Menschen darin mit schmutzigen Gesichtern und glühenden Augen. Viel zu oft vergessen sie sich, heben gebieterisch die Fäuste in die Luft, als wollten sie sich damit durch das Dach des Waggons boxen.
Ich fühle mich wie ein Fremdorgan zwischen ihnen. Auf einer kargen Holzbank, die mehr schlecht als recht nicht nur mein, sondern auch das Gewicht von sechs Personen mehr aushalten muss. Alles dicht gedrängt. Wer keinen Platz gefunden hat, steht in der Mitte und hält sich irgendwo fest.
Einen Schaffner habe ich noch nicht gesehen. Und ich bezweifle, dass hier bei einer Kontrolle Fahrkarten gezückt würden.
Ich. Nur ein Fremdorgan. Mein Ausweis als Vertreter der Zeitung hat mich gerettet, sonst hätten sie mich wahrscheinlich rausgeschmissen. Mit einer Offiziersuniform wäre ich vermutlich noch nicht einmal hinein gekommen. Lebend oder tot.
Sie schreien, lachen, trinken Bier, während - aus welcher Kleidungsöffnung auch immer - ein roter Stofffetzen herausschaut. Wie unbeabsichtigt.
Die vierte Klasse. In ihren Träumen von der Weltherrschaft. Manchmal schaut mich einer an, rülpst, und sein alkoholisierter Atem fährt mich so an:
„Schreiben Sie von uns als die neue Herren von Deutschland?“
Meistens lächle ich. Dann wird es mir zu bunt.
Die Meldungen kann ich unter derartigen Bedingungen kaum fertigstellen, also erhebe ich mich, quetsche mich durch die Revoutionäre mit ihren feuchten Träumen einer sozialistischen Wohlstandsgesellschaft hindurch, und rette mich in die nächste Klasse.
Beinahe normal. Arbeiter, Zechenkumpel, Handwerker, die aber genauso diskutieren. Vehement streiten, dann wieder lachen, sich umarmen, als wäre der Krieg gerade vorbei. Oder nie geschehen.
Weiter in die zweite Klasse.
Das Bürgertum. Zum ersten Mal sehe ich Frauen, die ihre Kinder immer in Reichweite haben, oder fest in ihren Armen verschlossen halten. Auf die Fragen der jungen Menschen, was in den hinteren Waggons los sei, gibt es keine Antworten. Selbst verliebte Pärchen, die eigentlich in Parkanlagen oder in Lichtspieltheater gehören, oder auf eine Sommerwiese, halten sich nur verschämt die Hände.
Es ist bedächtig ruhig hier. Manche Blicke verirren sich auf die Zugschilder neben den Gepäckfächern, wo München als Zielort steht.
Soweit wie möglich weg vom Meer, von der roten Welle, die da hinten mitfährt. Eine Flucht mit der Fluchtursache im Gepäck.
Geht selten gut aus. Was auch die beiden Schaffner einsehen, die sich wie bestellt vor die Waggontüren nach hinten gestellt haben. Keine Waffen in der Hand, dafür ein Schlüssel zum Abschließen, falls der personifizierte Wohlstandsalkohol meint, nach vorne gehen zu müssen.
Für einen Moment fällt mir auf, dass ich negative Assoziationen in mir trage, aber es geht beim besten Willen und der festesten Absicht nicht, neutral und objektiv zu sein. Denn die Toten der letzten Tage kamen nicht von der Front. Auch nicht durch Schüsse aus Offizierspistolen. Sondern einzig von denen, die sich da hinten im völligen Recht meinen.
Ich schaue mich um. Einen freien Platz sehe ich nicht. Stehen will ich auch nicht.
Aber weiter in die erste Klasse?
Unsicher im Kopf. Unsicher im Herzen.
Aber ich bin von der Zeitung. Ich bin Korrespondent. Ich kann das.
Weiter, an den verdutzten Gesichtern vorbei, mit dem Gepäck unterm Arm. Selbst für die zweite Klasse mache ich keinen guten Eindruck, was mir klar ist. Genauso klar wird es, als zwei Personen von den Plätzen nahe der Tür aufstehen und sich mir in den Weg stellen.
„Ich glaube nicht, dass Sie eine Karte für die erste Klasse haben“, sagt der linke von beiden. Der rechte schweigt, aber ich spüre, wie er seine Arme anspannt.
„Ich bin von der Hartung'schen Zeitung“, sage ich, aber es kommt keine Reaktion.
Zwischen dem hinteren Morgen und dem vorderen Gestern scheint es keinen Platz dafür zu geben.

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Beitrag #15 |

RE: Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
++++++++++++++Mit dem Blick durchs Schlüsselloch++++++++++++++

Das welke Laub alter Bäume steht Pate, beobachtet, wie zwei Männer mit bedächtigen Schritten durch den herbstlichen Garten schlendern. Aber jeder Schritt, so langsam er auch ist, wird begleitet von schweren Worten, die bis dato noch nie jemand ausgesprochen hat. Mehr noch: Bis dahin sind sie sogar noch nie gedacht worden.
Der eine der beiden Männer trägt die feldgraue Uniform eines Generalleutnants, den langen Mantel darüber nicht zugeknöpft, was im ersten Moment beinahe wie Defätismus aussieht. Er hat sehr müde Augen, die sich aber nicht verstecken, sondern sehr konzentriert taxieren können.
Die spärlichen Reste seiner haarigen Jugend sind fast nur noch als Kranz am Hinterkopf zu erkennen. Mehr ungewollt, aber akzeptiert. Wie so vieles andere auch in seinem Leben. Fast scheint es so, als würde er nicht eine Last tragen, sondern mehrere. Dennoch wirkt seine hagere Gestalt nicht eingeknickt - zwar langsam, aber noch agil.
„Das ist durchaus ein Gedanke, der mir noch nie wirklich gekommen ist“, sagt er gerade und blickt zu Boden, während er das Schritttempo bestimmt: Langsam und bedächtig.
Der Mann, der ihn begleitet, ist das genau Gegenteil: Einen Kopf kleiner, auf selbigem noch immer prächtiges Haar, dafür allerdings eine Figur, die von Völlerei ein Lied singen kann. Der Bauch ist klar zu erkennen, aber er schränkt ihn nicht ein. Wahrscheinlich würde er ihn sowieso nicht bemerken, da in seinem Kopf ständig andere Wichtigkeiten Vorrang haben.
„Ich weiß, dass das schwer zu verdauen ist, Kanzler“, sagt er mit einem rauen Unterton in der Stimme. „Aber es erscheint mir, dass es die einzige Möglichkeit ist, um Schlimmeres zu verhüten.“
Der Kanzler, der sich selbst realistisch genug als Übergangslösung einschätzt, und sich eher – wie sonst auch – als Prinz von Baden sieht, fährt sich durch seinen Schnurrbart.
„Es war schon immer so in den letzten Jahren, Herr Ebert: Das ist unsere letzte Chance. Oder: Es geht nicht anders. Oder: Wir müssen da jetzt durch.“ Er schüttelt den Kopf. „Nur bei den U-Booten haben wir alle miteinander diskutiert, haben abgewogen, und haben uns dann für das Falsche entschieden.“
„Diesmal ist es die richtige Entscheidung.“ Ebert nimmt seinen Zylinder ab und schwenkt ihn bei jedem seiner Worte langsam mit. „Der Kaiser muss gehen. Und damit meine ich nicht das Kaisertum an sich, oder die Monarchie, sondern genau diesen Kaiser.“
„Als würde man Gott ermorden wollen.“
„Entweder das, oder dem Reich stehen schlimme Zeiten bevor.“
Der Kanzler schaut seinen Nebenmann scharf an.
„Noch schlimmer als das, was hinter uns liegt?“
"In der Tat."
Schweigend gehen sie langsam weiter. Das Rad der Geschichte in Zeitlupe.
„Sie scheinen mir das doch nicht selbstlos zu raten, oder?“, fragt der Kanzler und bleibt plötzlich stehen. „Was wollen Sie?“
„Das gleiche, wie vor ein paar Wochen: Die vollständige Regierungsgewalt, um eben das Schlimmste zu verhindern.“
„Die Revolution breitet sich wie die spanische Grippe aus. Unaufhaltsam“, murmelt der Kanzler. „Und wie bitte schön soll eine einst revolutionäre Partei, die immer den Umsturz des bestehenden Systems gefordert und betrieben hatte, jetzt genau das verhindern wollen?“
„Die Sozialdemokraten sind schon seit Jahrzehnten keine Revolutionspartei mehr, sondern an Reformen orientiert.“ Ebert presst kurz die Lippen zusammen. „Und genau das ist es, was die Alliierten sehen wollen. Eine funktionierende, demokratisierte Monarchie. Kein Theaterstück.“
Der Kanzler, sowie auch der Prinz in ihm, sehen den Vorsitzenden der SPD sekundenlang nachdenklich an. Dann schlägt er den Mantelkragen hoch, als der herbstliche Wind stärker wird.
„Ich verstehe Sie“, antwortet er schließlich. „Wenn es mir also gelingt, den Kaiser zur Abdankung zu überreden, dann habe ich Sie und die SPD auf meiner Seite, um die Revolution zu bekämpfen?“
Eberts Antwort kommt ohne ein Zögern von seinen Lippen.
„Wenn er nicht abdankt, dann kommt die sozialistische Revolution und wird alles wegfegen.“ Er macht eine Pause, bevor er fortfährt. „Und ich will sie nicht. Ja, ich hasse sie wie die Pest.“
Der Kanzler nickt, als wäre schon alles damit gesagt. Eine Last mehr oder weniger auf seinem Rücken, wen interessiert es schon.
„Gut, ich werde den Kaiser in Spa persönlich aufsuchen“, sagt er gerade, als sich ein Mann von hinten nähert. Seine Schritte sind schneller, als die, welche die beiden Männer bis jetzt ins Laub getreten haben. Ein Adjutant, der jetzt mit rotem Kopf vor den Beiden steht.
„Hoheit ...“, beginnt er, doch der Prinz winkt ab.
„Was gibt es?“
„München rebelliert. Und der König ist nicht aufzufinden!“
„Sehen Sie?“, ruft Ebert. „Wir können nicht mehr warten.“
Der Prinz von Baden nickt. Mal wieder.
„Danke Herr Ebert. Ich werde mich wie besprochen um diese Angelegenheit kümmern“, sagt er. „Sie können gehen.“
Ebert verbeugt sich, setzt sich den Zylinder wieder auf und geht schnellen Schrittes zum Gartenausgang der Reichskanzlei zurück.
Der Prinz und sein Adjutant schauen ihm lange hinterher.
„Ich traue ihm nicht“, meint der Kanzler. „Ich spüre, dass da noch mehr ist.“
Der Adjutant nickt.
„Sie tun gut daran“, sagt er. „Der Tote aus dem Hotel 'Hansa' ist im Hafenbecken der Germaniawerft gefunden worden.“
„Und?“
„Ein Spartakist. Allerdings haben wir die Spur von ihm bis zur Parteizentrale der SPD zurückverfolgen können.“
„Ein Spiel mit doppeltem Boden“, murmelt der Prinz. „Und zwischendurch sterben Menschen.“
Er seufzt. „Damit muss endlich Schluss sein.“
Schweigend stehen sie für einen Moment zusammen, beobachten die Blätter, die der Wind von den Bäumen reißt. Dann wendet er sich an seinen Adjutanten.
„Ist unser Mann noch an diesem Peters von der Zeitung dran?"

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Beitrag #16 |

RE: Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
16:15 Uhr
König Ludwig III. von Bayern ist als erster deutscher Bundesfürst gestürzt worden.
Nach einer Großdemonstration von Soldaten und Arbeitern in München auf der Theresienwiese floh er aus der Stadt. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist unbekannt.

16:50 Uhr
Kurt Eisner von der USPD ruft in Bayern als erstem Land des Reiches die Republik aus und wird vom Münchner Arbeiter- und Soldatenrat zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt.

19:44 Uhr
Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands stellt dem Reichskanzler ein Ultimatum. Es wird mit Austritt der SPD-Fraktion aus der Regierung gedroht, falls nicht der Kaiser bis zum 08.11. abdankt, und die preußische Regierung im Sinne der Reichstagsmehrheit umgestaltet wird.

Der Reichskanzler hatte bereits vorher den Parteivorsitzenden Friedrich Ebert in die Reichskanzlei einbestellt. Über das Gespräch liegen uns keine Informationen vor.

Extra-Meldung:
Wie heute erst bekannt wurde, befindet sich eine Waffenstillstandsdelegation unter Matthias Erzberger (Zentrum) bereits seit Gestern auf dem Weg zu Verhandlungen mit den Alliierten.
Über die Ergebnisse werden wir zeitnah berichten.

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Beitrag #17 |

RE: Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
+++++++++++++++Mit dem Blick durchs Schlüsselloch+++++++++++++++

(Kurz vor Mitternacht)

Ein großer Raum, irgendwo zwischen Zimmer und Saal. An der einen Seite riesige Fenster, durch die die Nacht hereinschaut, begleitet von einem langen Sofa. Gegenüber Gemälde verschiedener Persönlichkeiten und Bücherregale. Am Ende ein massiver Schreibtisch, umringt von zwei leeren Stühlen.
Der Mann, der dort sitzt, weiß, dass er Reichskanzler auf Zeit war. Und auch der adelige Titel wird bald zu Staub zerfallen. Das ist ihm klar, als er die Gemälde rückwärts von Betthmann-Hollweg, über Bülow bis Bismarck betrachtet.
Der erste Bundeskanzler, der erste Reichskanzler. Der Kanzler mit der längsten Dienstzeit. So wie er war er nicht. Mit mehreren Kugeln jonglieren und gleichzeitg Schach spielen blieb nur den begabten Menschen vorbehalten.
Prinz Max von Baden schaut Bismarck an, sucht nach irgendwas, das im Bild versteckt war. Doch Bismarck blickt nur müde zurück.
„Mit Ihnen wäre all das nicht passiert“, flüstert er, wendet den Blick ab und schaut wieder auf seinen Schreibtisch, auf denen so unwichtige Formulare, Anschreiben, Dokumente, Heeresberichte, und noch viel mehr liegt. Papier zum Geduldig werden.
Der Blick wandert vom Telephon zu den beiden großen Türen genau gegenüber, wenn man die vielen Meter nicht betrachtet. Viel zu groß für einen Kanz-
Die großen Türen fliegen plötzlich auf, als hätte ein Sturm sie von außen aufgestoßen. Aber es ist nur eine sechzigjährige Frau mit einem Gefolge von mehreren Gardesoldaten, die nicht nur den obligatorischen Säbel tragen, sondern auch Pistolen. Noch ruhend in den Halftern an den Koppeln.
Sie hebt die Hand und ihre Begleiter bleiben stehen, während die Wachen des Kanzleramtes im Hintergrund verstohlen hineinschauen.
Die Frau kommt mit festen, schnellen Schritten auf ihn zu. Weiße Haare, zu einem Dutt aufgesteckt. Ein weites Kleid, mit einer figurbetonten Jacke. Und mit Zorn in ihrem Gesicht, dass eigentlich stets friedlich und freundlich gewesen ist. Bis jetzt.
Das Gespräch beginnt auch nicht mit den üblichen Floskeln, die in diesen höheren Kreisen zum höflichen Ton gehören.
„Wie können Sie es wagen?“, knurrt sie und in ihrer Stimme schwingt ein Hauch von Tod mit. „Dieser unmögliche Mensch, diesen Friedrich, wollen Sie zum Kanzler machen?“
„Ich habe noch nichts veranlasst, Kaiserin.“
„Sie haben gestern da draußen im Garten mit ihm gesprochen.“
„Das habe ich, ja.“
„Und jetzt fordert diese SPD, dass der Kaiser gehen soll?“ Sie bebt, das kann er jetzt ganz deutlich sehen. „Haben Sie dem zugestimmt?“
Der Kanzler schweigt.
„HABEN SIE DEM ZUGESTIMMT?“
„Ich darf Eure Hoheit daran erinnern, dass ich vom Kaiser zum Kanzler ernannt wurde“, sagt der Prinz. „Und nicht von Ihnen.“
Stille.
Ihr Gesicht wird schlagartig so rot, dass er schon die Befürchtung hat, es würde explodieren. Langsam dreht sie sich um.
„Geht. Und schließt die Türen!“, ruft sie ihrer Leibgarde zu, die tatsächlich, wie automatisiert, den Raum verlassen.
Erst, als sie beide alleine sind, tritt sie direkt an den Schreibtisch heran.
„Bismarck hatte Recht“, zischt sie und zeigt auf das Gemälde des ersten Kanzlers. „Das sind Landesverräter, das ist Abschaum, der in einem Gefängnis schmoren sollte. Ob er Bebel oder Ebert heißt!“
„Das ist Eure Meinung.“
Sie legt den Kopf schief, und der Dutt hielt.
„Sie werden Ebert verhaften lassen. Und dann werden sie die verdammte Revolution in Grund und Boden schießen!“, rief sie. „Das sind Sie Ihrem Kaiser schuldig.“
„Der Kaiser ist leider in Spa. Und die Telephonverb-“
Sie beugt sich ein Stück vor.
„Du kleiner Schwanzlutscher solltest aufpassen, mit wem Du Dich anlegst“, haucht sie ihm zu. „Ansonsten wird Dein kleines Geheimnis in aller Munde sein, und nicht nur in denen von Männern.“
Da ist es wieder.
Die Drohung, die Anfeindung.
Seit Tagen hat sie sich verändert, hat sich gewandelt von einer charakterfesten, hilfsbereiten Dame, einer Lady – zu einer Frau, einer Furie, die ihre Familie um jeden Preis beschützen will. Über wessen Leiche sie auch immer dabei gehen muss.
Der Kanzler steht langsam auf, und vermeidet es dabei, sich mit den Händen abzustützen.
„Sie dürfen sagen, was immer Sie wollen“, meint er. „Nur würde ich mir an Ihrer Stelle – Eure Hoheit – die Energie für andere, wichtigere Angelegenheiten sparen.“
„Die da wären?“
„Das Leben in einem Land, das nicht Deutschland heißt.“
„Was erlauben Sie sich?“, zischt sie, und ein Finger richtet sich wie eine Pistole drohend auf sein Herz. „Sie sollten ab jetzt vorsichtiger über die Straßen gehen, Prinz.“

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Beitrag #18 |

RE: Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
+++Die Revolution auf dem Vormarsch+++Lesen Sie hier alle aktuellen Meldungen zuerst+++

Hier die Meldungen, für Freitag, den 08.11.18, im Live-Ticker:
 
Inland:

Kiel (Schleswig-Holstein)

08:00 Uhr
Die Polizei war mehrere Tage nicht zu sehen. Jetzt darf sie unter der Aufsicht der Beigeordneten des Arbeiterrats den Dienst wiederaufnehmen. Ein weiterer Schritt zur Normalisierung.

10:33 Uhr
In Kiel treffen sich Vertreter des Soldatenrats und der Offiziere, um über das zukünftige Verhältnis zu diskutieren. Man kommt derzeit zu keiner Einigung.

Spa (Belgien)

13:52 Uhr
Kaiser Wilhelm II., der sich weiterhin im Hauptquartier der Obersten Heeresleitung im belgischen Spa aufhält, kann sich zu keiner Entscheidung durchringen, obwohl der Generalstab ihm eindringlich vor Augen führt, dass die Truppe mit ihm an der Spitze nicht zurück ins Reichgebiet marschieren wird.
 
Berlin (Preußen, Provinz Brandenburg)

13:00 Uhr
Wie soeben bekannt wurde, plant die USPD gegen Abend mehrere Versammlungen, auf denen ein Generalstreik und Massendemonstrationen für den nächsten Tag angekündigt werden sollen.

13:30 Uhr
Der Parteivorsitzende der SPD, Friedrich Ebert, fordert daraufhin noch einmal ultimativ die Abdankung des Kaisers.

14:15 Uhr
Um möglichen Unruhen entgegenzutreten, lässt der Reichskanzler Prinz Max von Baden das als besonders zuverlässig geltende 4. Jägerregiment nach Berlin verlegen.
 
Köln (Preußen, Rheinprovinz)

12:29 Uhr
Die 45.000 Mann starke Garnisonsbesatzung von Köln schließt sich größtenteils den Aufständischen an. Von Köln verbreitet sich seit 14:00 Uhr die Aufstandsbewegung sternförmig in die rheinischen und westfälischen Garnisonen.
 
Haltern (Preußen, Provinz Westfalen)

11:47 Uhr
Meuterei einer Ersatzeinheit einer Maschinengewehr-Kompanie.
Das Stellvertretende Generalkommando des VII. Armeekorps in Münster als oberste militärische Kommandobehörde versucht in Verhandlungen mit Vertretern der Münsteraner SPD, der revolutionären Bewegung gegenzusteuern.
Die Verhandlungen dauern zur Stunde noch an.
 
Ausland:

12:00 UHR
Rumänien erklärt dem Deutschen Reich den Krieg.

12:33 UHR
Die Regierung der Schweiz bricht die diplomatischen Beziehungen zur Sowjetrepublik ab.
 
Compiègne (Frankreich)

13:00 UHR
Die von dem Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger geführte deutsche Kommission nimmt Friedensverhandlungen mit dem Beauftragten der Entente, General Ferdinand Foch, auf.

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Beitrag #19 |

RE: Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
+++++++++++++++Mitten in der Nacht+++++++++++++++

Berlin scheint zu schlafen, wie auch der Himmel selbst.
Leichter Nieselregen kommt von oben und sammelt sich langsam in den Kuhlen der gepflasterten Straßen.
Nichts deutet darauf hin, was in den letzten Tagen geschehen ist. Nirgends findet sich Zorn, findet sich Hass oder glühende Reden.
Es ist eine unheimliche Stille, die plötzlich durch unzählige Schritte durchbrochen wird. Soldaten, mit den neuen Stahlhelmen, in Reih und Glied, Kolonne um Kolonne marschieren durch die Straßen, endlos, Zug um Zug, Kompanie um Kompanie. Bewaffnet, mit grimmigem Gesicht und Lastwagen am Ende, die schwere Kanonen hinter sich herziehen.
Es ist beklemmend, furchteinflößend, als hätte es für diese Soldaten nie eine Niederlage gegeben.

Es fühlt sich an, als würde der Kaiser Ernst machen. Ab jetzt kennt er wirklich nur noch Deutsche. Und die, die es nicht mehr sind.


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Beitrag #20 |

RE: Hartung'sche Zeitung: (Live-Ticker)
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(Irgendwo in München, Mitternacht)

Ich fühle mich wie erschlagen. Schon den ganzen Tag.
Ob es das Stehen im Zug war, all die Stunden lang, oder das Mitreißen aus dem Hauptbahnhof inmitten der Massen, die einen nicht losließen. Wie ausgebrannt. Ich hatte keine Chance, mich aus der Umarmung der vierten Klasse zu lösen, die mich einfach mit sich nahmen.
„Sie sind doch Schreiberling“, hörte ich immer wieder. „Da, wo wir hingehen, gibt’s genug zum Aufschreiben.“
Beinahe nur nebenbei sah ich die Innenstadt, die sich selbst nicht verändert hatte, wenn man vom verwahrlosten Zustand an manchen Ecken einmal absah. Aber das, was neu war, waren die Menschen. In Trauben, kleinen Gruppen, oder in schier endlosen Massen. Alle, angefangen bei den Polizisten, den Kutschern, den Fabrikarbeitern, den Handwerkern, den Armen und Obdachlosen. Dazwischen immer öfter Frauen, ohne die Kinder. Sie riefen Parolen, die sich selbst betrafen, aber viel vehementer. Rufe nach Gleichberechtigung, nach Wahlrechten und nach Freiheiten.
Und bei all der Lebhaftigkeit bot sich mir das Bild einer entrückten Gesellschaft.
War sie vorher noch ordentlich, mit klaren Strukturen und Bräuchen, so war sie hier bereits aufgelöst.
Ab und zu hörte ich Sätze wie: „Das Ende des Gestern, ist der Anfang vom Morgen“, die die Stimmung sehr gut beschrieben. Alle wollten etwas Neues, etwas, das es noch nie gegeben hatte. Und dafür sprangen sie in das kalte dunkle Land der Zukunft.
Meine Gedanken versiegten, als wir uns alle in einem Bierkeller wiederfanden. Und da ich nichts Besseres zu tun hatte, setzte ich mich mit meinen Koffer an einen der Biertische und hörte den einzelnen Rednern zu.
Minutenlang, stundenlang, bis die Ewigkeit sich einschlich.
Es betraf nicht nur die gesellschaftliche Ordnung, die Gesellschaft schlechthin, sondern auch die prominenten Bereiche des Lebens, wie Arbeit, Wohnung, Ehe, Gleichberechtigung. Aber auch das Militär und die seufzend herbeigesehnte Entzauberung dessen, waren Themen, die Hand in Hand ineinander übergingen.

Plötzlich gesellt sich ein Mann zu mir, der nicht hierher zu gehören scheint. Er schaut nachdenklich durch die Reihen, sieht den Kellnerinnen hinterher, die Mühe haben zwischen den Tischen und den Menschen mit den Biergläsern hindurch zu kommen.
„Wie Holzwürmer, die sich durchfressen“, meint er. Ob er es an mich gerichtet hat, weiß ich im ersten Moment nicht, denn sein Gesicht sieht zwar jung, aber merkwürdig entrückt aus.
„Klingt, als würden Sie sich hier nicht wohl fühlen“, sagt ich. „Herr …?“
Er schaut mich an.
„Rilke“, antwortet er. „Rainer.“
„Peters“, sage ich. „Frank.“
Für einen Moment verfolgen wir weiter, was um uns herum passiert, dann beugt Rainer sich zu mir herüber.
„Um Ihre Frage zu beantworten, Herr Peters“, sagt er. „Es ist nicht beklemmend, nicht einmal für den Atem; der Dunst aus Bier und Rauch geht einem nicht unbequem ein, man nimmt ihn kaum wahr, so wichtig ist es.“
Ein schwerer massiver Beifall brandet plötzlich auf, als ein junger, blasser Arbeiter auf das Podium steigt.
„Haben Sie, oder Sie, oder vielleicht Sie da“, ruft er und zeigt nacheinander auf verschiedene Personen, „das Waffenstillstandsangebot gemacht? Und doch müssten wir es tun, nicht diese Herren da oben.“
Wieder Beifall.
„Bemächtigen wir uns doch einer Funkstation und sprechen wir, die gewöhnlichen Leute zu den gewöhnlichen Leuten drüben. Dann wird Frieden sein.“
Und erneut klatschen hunderte Hände Beifall.
„Als wenn es so einfach wäre“, meine ich.
Rilke seufzt.
„Solche Momente hier sind wunderbar, und wie hat man sie gerade in Deutschland entbehren müssen.“
„Sie scheinen eine lyrische Ader zu haben.“
Zum ersten Mal verändert sich sein Gesichtsausdruck. Ein Lächeln zieht auf.
„Man kann nicht anders als zugeben, dass die Zeit recht hat, Herr Peters“, sagt er. „Besonders, wenn sie große Schritte zu machen sucht.“

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