Es ist: 25-09-2020, 16:31
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Das Fest der unerfüllten Wünsche
Beitrag #1 |

Das Fest der unerfüllten Wünsche
Das Fest der unerfüllten Wünsche

Das Christkind wohnt in einem Schloss aus Wattewolken und Silberfanfaren, die jedes Mal den Himmel erfüllen, wenn es mit einem Riesensack, so groß wie der Mond, in die Welt fliegt und seine Gaben unter dem Weihnachtsbaum ausbreitet.
So meine Vorstellung vom Heiligen Abend, als ich noch klein war.
Das Christkind musste reich sein, denn egal, wie teuer die Dinge waren, die ich mir wünschte, und meine Eltern betonten, dass sie sich nichts davon leisten konnten, fand sich das meiste davon schließlich unter dem Christbaum.
Das Christkind gab sich Mühe – keine Frage – aber weil es nur einmal im Jahr kam, passierte es oft, dass es nicht up to date war und mir Sachen brachte, wegen denen ich meiner Familie ein halbes Jahr in den Ohren gelegen war, die am Heiligen Abend aber längst schon wieder Schnee von gestern waren.
Seien wir ehrlich, so sehr meine Familie auch von dem Christkind schwärmte, dass es mir all meine Wünsche erfüllte, war ich nie wirklich zufrieden mit seiner Arbeit. Entweder stimmte die Farbe der Gitarre nicht, von den Plüschtieren hatte es zu wenig oder die falschen gebracht, die Puppen hatten meistens so scheußliche Kleider an, dass ich die Lust, damit zu spielen, gleich wieder verlor. Es verging kein Weihnachten, an dem ich nicht schmollend in der Ecke endete und mich über das Christkind ärgerte, das doch nur eine einzige Aufgabe hatte und dabei jedes Mal enttäuschte. Dann tröstete mich meine Großmutter und nahm das Christkind in Schutz, das sein Bestes gab und sich kränkte, weil ich seine Mühen nicht zu schätzen wusste.
Mittlerweile bin ich älter und glaube schon lange nicht mehr an das Christkind.
Dieses Weihnachten unterscheidet sich von den anderen. Niemand spricht es aus und doch fühlen wir alle, was falsch ist.
Ich will wieder Kind sein und meinen Brief ans Christkind schreiben. Es steht nur ein einziger Wunsch darin, von dem ich weiß, dass er unerfüllt bleiben wird. Wider besseres Wissen will ich daran glauben, dass das Christkind ein einziges Mal seine Arbeit richtig macht und mich nicht enttäuscht.
Ich ärgere mich nicht. Meine Großmutter hätte das nicht gewollt. Erst heute ist mir klar, wieso meine Großmutter dem Christkind nie wegen dem zehnten Paar Socken oder dem langweiligen Buch, das im Regal verstauben würde, böse war. Sie wusste, dass der eigentliche Zauber des Christkinds darin innewohnt, gemeinsam zu feiern und zu lachen.
Gerne würde ich ihr sagen, dass ich jetzt verstehe. Ich hoffe, sie richtet dem Christkind meine Entschuldigung aus und erfreut sich am Duft der Weihnachtskekse, die ich ganz nach ihrem Rezept gebacken habe, während sie das Wolkenschloss mit Fanfarenmusik erfüllt.


So, hier ein weiterer Beitrag meinerseits, um ein bisschen Leben und Weihnachtlichkeit (fast hätte ich Weinerlichkeit geschrieben ...) ins Forum zu bringen. Einige von euch werden den Text schon kennen, da er für den letztjährigen Adventskalender geschrieben wurde. Ich denke, der persönliche Hintergrund ist offensichtlich, doch das soll niemanden in Hinblick auf eine Textkritik scheu machen.

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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Beitrag #2 |

RE: Das Fest der unerfüllten Wünsche
Hallo, 

Ach Gott wie schön und hundert Prozent zutreffend. Habe richtig Pipi in den Augen und ich denke, die Großmutter schaut hinab und freut sich auch. 

Liebe Grüße 

Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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Beitrag #3 |

RE: Das Fest der unerfüllten Wünsche
Hallo Persephone,

danke für deine Antwort. Icon_smile

Ich weiß nicht, ob ich von freuen sprechen kann, wenn ich lese, dass dich der Text berührt hat, aber ich finde es auf jeden Fall schön, dass er nicht nur mich berührt und bei dir Ähnliches auslöst.

LG

Sniffu

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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Beitrag #4 |

RE: Das Fest der unerfüllten Wünsche
Hallo Sniffu
finde deine Geschichte wunderschön und ich muss zugeben den letzten Satz den ich las war ich den Tränen sehr nahe

L.g Chrisi


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Beitrag #5 |

RE: Das Fest der unerfüllten Wünsche
Irgendwie gefällt mir der Text von Persephone auch. Als Kind habe ich allerdings meinen Wunschzettel auf einem aktuellen Stadt gehalten und den Erwachsenen auch eine Auswahlmöglichkeit geboten - hat auch immer geklappt.

Viele Grüße
Andreas


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Beitrag #6 |

RE: Das Fest der unerfüllten Wünsche
Gerade das Kind ist gut getroffen, das Problem kennen wir doch alle - und dann später stellt man fest, wie zauberhaft Weihnachten mal wahr. Gut beschrieben, knapp und kurz. Gefällt.


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Beitrag #7 |

RE: Das Fest der unerfüllten Wünsche
Danke für deinen Kommentar, Aerath. Icon_smile
Ich freue mich immer, wenn sich andere in meinen Texten wiedererkennen.^^

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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Beitrag #8 |

RE: Das Fest der unerfüllten Wünsche
Hallo Sniffu,

kleine Anmerkung vorab: Ich habe mir nicht die Kommentare der anderen durchgelesen, sondern schreibe hier frei von der Leber weg meinen persönlichen Eindruck.

Die Botschaft an sich ist alt und könnte ausgelutscht wirken. Hättest du das ganze mehr aufgebauscht, ausgedehnt und mit Emotionen überladen, ich bin zuversichtlich, dass der Text in rührseliges Geschwalle ausarten würde... Hast du aber nicht. Du hast eine gute Umsetzung und ein gutes Format dafür gefunden, knapp aber persönlich, humorvoll und nachdenklich/traurig, in der Länge angemessen für die Idee und perfekt für einen Adventskalender. Den ersten Teil (Kind) finde ich superwitzig und er bietet sicher jedem Identifikationsmöglichkeiten an, der zweite Teil dann so sanft traurig, aber da es nur zwischen den Zeilen und nur kurz gehalten ist, wird man von der Traurigkeit nicht so erschlagen. Am Ende steht ein Text, den man im besten Sinne als "klein und fein" bezeichnen kann.

Sehr schön finde ich, dass du dem Leser nicht direkt ins Gesicht klatscht, dass die Oma wohl gestorben ist. Das kann und muss man sich selbst denken, und das gibt dem Ende der Geschichte etwas sehr sanftes und feines, weil man eben selber zwischen den Worten mit-fühlen muss.

Dagegen stehen die Sätze:
"So meine Vorstellung vom Heiligen Abend, als ich noch klein war."
"Mittlerweile bin ich älter und glaube schon lange nicht mehr an das Christkind."
- Hier erklärst du dem Leser alles. Ich finde, du nimmst damit 1) Spannung weg, weil du dem Leser das Mitdenken komplett abnimmst und 2) die Nähe weg, weil sich diese Sätze in die abstrakte Vogelperspektive schwingen, anstatt ganz konkret unterm Weihnachtsbaum zu sitzen.

Ich würde jetzt mal folgendes empfehlen:
> Teil 1 (Kinderperspektive) im Präteritum. Den Satz "So meine Vorstellung als ich klein war" ersatzlos streichen. Der Leser ist ja nicht blöd und merkt schon selbst schnell, dass es sich gerade um die Abhandlung eines Kindes über das Christkind handelt.
> Absatz
> Teil 2 (Erwachsenenperspektive) im Präsens. Du musst den Teil natürlich mit einer Überleitung einleiten und "Mittlerweile bin ich älter......" ist auch in Ordnung dafür. Ich könnte mir aber auch was vorstellen, was mehr in der Situation ist und dadurch mehr Nähe erzeugt: "Ich muss lächeln, als mir all das wieder einfällt. Natürlich glaube ich heute nicht mehr an das Christkind."

Ich hoff es ist klar was ich meine und warum ich das meine Icon_smile
Sonst einfach nochmal fragen.
Deine Geschichte war auf jeden Fall jetzt irgendwie ein schöner Weihnachtsabschluss für mich, hat mir Spaß gemacht, mich damit zu beschäftigen Icon_smile


Viele Grüße


Ichigo


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