Es ist: 22-01-2019, 23:16
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Seelenscherben
Beitrag #1 |

Seelenscherben
Hallöchen allerseits,

hoffentlich poste ich gerade in der richtigen Kategorie T_T....Bin mir nämlich gerade nicht so sicher, aber die anderen Rubriken fand ich irgendwie nicht so passend. Deshalb findet ihr das erste Kapitel meines geplanten Romans nun hier. Icon_smile Nach einer sehr hartnäckigen Schreibblockade habe ich dieses endlich fertig geschrieben. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen. Icon_smile 


Allerdings möchte ich hier noch erwähnen, dass aufgrund der essentiellen Bedeutung für die Entwicklung meines Charakters körperliche und auch seelische Gewalt im ersten Kapitel explizit beschrieben werden. Ich möchte gesagt haben, dass auch Charaktertode sowie eben Gewalt vorkommen werden; außerdem psychische Probleme, traumatische Erlebnisse (Gewalt) und selbstverletzendes Verhalten. Wie ihr im Laufe der Geschichte merken werdet, machen diese Themen nämlich einen großen Teil der Vergangenheit meines Protagonisten Lucian aus und haben ihn zu dem gemacht, der er ist. Deshalb werde ich besagte Bereiche manchmal anschneiden, denn so genau wie im ersten Kapitel werde ich sie voraussichtlich nicht mehr beschreiben; wenn doch, dann allerhöchstens zwei Mal.

Eine kurze Zusammenfassung, um einen Überblick zu geben, woraus die Handlung meiner Geschichte 'Seelenscherben' besteht:
Lucian Black wurde wegen Mord an seinem Vater verurteilt und ins Gefängnis gebracht. Allerdings bessert er sich keineswegs, sondern feilt im Gegenteil an Racheplänen, wie er allen, die ihn je verletzten, egal wie schwer sie dies taten, sowie jenen Menschen, die es seiner Meinung nach verdienen, mithilfe von Entführung, Folter und schließlich Tod vor Augen führen kann, was sie getan haben. Eines Tages wird ihm klar, dass er sich schon vor längerer Zeit unsterblich verliebt hat. Nun zeigt sich, dass Lucian ein weitaus gefährlicherer Mensch ist, als man bisher erahnen konnte.

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Kapitel 1

Als er Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht spüren konnte, murrte er leise und versuchte, weiterzuschlafen, doch ein zögerliches Rütteln an seiner Schulter ließ ihn heftig zusammenzucken. Müde rieb Lucian sich den Schlaf aus den Augen, ehe er jenen, der ihn daran gehindert hatte, die Schlaflosigkeit der letzten Wochen zu beenden, wütend, aber auch besorgt anblickte. „Alain?“

Sein kleiner Bruder atmete schwer. Getrocknete Tränenspuren waren auf Alains Gesicht zu sehen. „Darf ich bei dir bleiben?“ Die Stimme des Jungen war erstickt und voll Schmerz. Ein leises, schmerzerfülltes Ächzen des achtjährigen Jungen ließ seinen älteren Bruder Lucian leise seufzen. Wortlos rutschte er ein wenig nach links und machte somit Platz für den anderen, damit Alain sich neben ihn setzen konnte. Dankbar atmete dieser tief und zittrig durch, ehe er sich eng an Lucian kuschelte. Normalerweise hätte besagter Junge ihn weggestoßen, doch er liebte seinen Bruder, auch wenn er das gerne leugnete, und spürte, dass ihn abzuweisen das schlimmste war, was er jetzt tun konnte. So legte er zögernd einen Arm um Alains Schultern, um ihn tröstend an sich zu drücken.
 
„Was ist los?“, forderte Lucian ihn auf, zu sprechen. Der Angesprochene jedoch schüttelte den Kopf und biss sich so fest auf die Unterlippe, dass es blutete. Da wiederholte der ältere beider Brüder seine Frage; diesmal mit mehr Nachdruck. Die Antwort von Alain ließ Wut und Angst in den anderen fließen.
 
„Vater ist wieder da“, wisperte Alain.
 
„Nein, nein, nein…“, hauchte sein Bruder. Die Panik war unverkennbar in seiner Stimme zu hören.
 
„Ich weiß.“ Er weinte leise, was Lucian überraschte. Bisher hatte sein Vater lediglich ihn misshandelt und Alain in Ruhe gelassen, ja diesen regelrecht mit Liebe und Geschenken überhäuft. Was das alles bloß Täuschung gewesen? Es war letztendlich egal. Oh, wie sehr hatte Lucian gehofft! Er hatte zu Gott gebetet, ihn angefleht, dass der Allmächtige ihn aus diesen Qualen rettete, welche ihm sein eigener Vater zufügte. Seine Mutter war Lucian‘ Meinung nach genauso verantwortlich für die grausamen Taten des erwachsenen Mannes, denn sie tat nichts, um ihn daran zu hindern. Stattdessen schien ihr alles gleichgültig zu sein. Lucian weinte nun ebenfalls, denn sein Herz zerbrach bei dem Gedanken an die Liebe, die ihm seine Eltern niemals geschenkt hatten, die er so dringend bräuchte, um sein gebrochenes Herz zumindest ein wenig zusammenzuflicken, doch scheinbar war sein Schicksal ein Leben voll Gewalt, Angst und Verzweiflung.
 
Der ältere von den Brüdern zitterte am ganzen Körper, als er Alain schützend noch fester drückte und ihn nun in eine richtige Umarmung zog. Seine Tränen fielen auf die Haare des anderen; so wie Alains dicke, heiße Tränen auf Lucian‘ Shirt landeten. Die beiden Brüder gaben sich gegenseitig Halt im tosenden Meer der Verzweiflung, in das sie ihre Eltern – besonders der Vater – gestoßen hatten. Was hatten sie bloß getan, um eine derartige Behandlung zu verdienen? Hatte ihr Vater sie denn nie geliebt? Waren sie ihm und der Mutter wirklich völlig gleichgültig? Sollten Väter ihre Kinder wie Dreck behandeln? Sollten diese ihre Söhne schlagen, misshandeln, anspucken, mit Plastiktüten beinahe ersticken? War dies die Definition des Wortes ‘Vater‘? Lucian wusste es nicht, und das machte ihm große Angst.
 
„Lass uns abhauen“, wisperte Lucian plötzlich und wischte seine Tränen weg, so gut er konnte, denn sie wollten einfach nicht aufhören zu fließen.
 
„Wie?“
 
„Wir sollten von hier fort“, erklärte der ältere Bruder seinen Vorschlag. „Vater wird niemals aufhören. Er wird mich, wird dich brechen. Laufen wir weg.“
 
„Das geht nicht“, flüsterte Alain mit erstickter Stimme.
 
Mutlos ließ Lucian die Arme sinken. „Du hast recht.“ Er starrte mit glasigem Blick den Boden an, ehe seine dunkelbraunen Augen mit einer undefinierbaren Emotion aufblitzten. „Ich werde ihm nicht verzeihen“, beschloss er. „Nicht ihm.“
 
„Ich auch nicht.“ Alains Worten waren kaum mehr als ein Flüstern. Lucian seufzte und atmete tief und zittrig ein. Er hielt unbewusst den Atem an, als er Stimmen hören konnte. „Er kommt“, sagte sein Bruder monoton.
 
„Ich weiß!“, schrie Lucian. Dann senkte er erneut den Blick, bevor er seinem kleinen Bruder in diese tiefblauen, vor lauter Weinen geröteten Augen sah. „Es tut mir leid“, nuschelte er, doch Alain schenkte ihm ein kleines, trauriges Lächeln.
 
„Ich habe dich lieb.“
 
Diese vier Worte ließen Lucian dankbar und liebevoll lächeln; spendeten ihm Trost, den er so dringend brauchte und waren wie Balsam für seine verletzte Seele. „Ich dich auch“, sagte er schließlich, doch ein heftiges Pochen an der Türe ließ beide Brüder zusammenzucken. „Egal was passiert, Alain“, hauchte der ältere der beiden Jungs, „bleib hinter mir.“
 
„Sei doch nicht verrückt“, widersprach ihm besagtes Kind. „Vater darf dich nicht –“
 
„Nein“, erwiderte der andere schärfer, als er beabsichtigt hatte. „Dich soll er in Ruhe lassen.“ Ehe Alain antworten konnte, rüttelte jemand so heftig an der Türklinke, wie es möglich war, da Lucian sein Zimmer versperrt hatte.
 
„Mach sofort diese Türe auf! Ich weiß, dass du da drin bist, Lucian!“, schrie der Vater. Sein älterer Sohn schüttelte stumm den Kopf. Er schien vergessen zu haben, dass der Erwachsene ihn nicht sehen konnte, oder aber es war ihm gleichgültig. „Du nutzloses Stück Dreck!“ Nun brüllte der Mann, so laut er konnte.
 
Schützend nahm Lucian seinen kleinen Bruder in die Arme, da dieser leise weinte. „Keine Angst“, murmelte der Junge, der die Umarmung begonnen hatte.
 
„Aber er –“
 
„Nur keine Angst“, wiederholte Lucian. Da trat sein Vater so heftig gegen die Türe, dass diese aus den Angeln flog. Mit vor Zorn hochrotem Gesicht ging der Erwachsene zu seinen Söhnen. Angsterfüllt sahen die beiden zu ihm hoch. Plötzlich gab Lucian seinem Bruder einen leichten Schubs und sagte leise: „Lauf.“ Diesmal widersprach Alain nicht, sondern tat, wie ihm geheißen. Mit tränenüberströmtem Gesicht rannte der jüngere aus dem Zimmer und ließ Lucian somit alleine zurück. „Was willst du diesmal, Vater?“
 
Für einen Moment starrte der angesprochene Mann in die kalten Augen seines Sohnes, ehe er ebenjenen am Kragen packte und ihm eine Ohrfeige verpasste, die so heftig war, dass dem Kind für einen Moment schwarz vor Augen wurde. Bevor Lucian seine Worte zurückhalten konnte, brach es mit erstickter Stimme aus ihm heraus: „Hast du Alain und mich denn gar nicht lieb?“
 
Die Mundwinkel seines Vaters zuckten belustigt nach oben. „Nein.“
 
Sein Lächeln wurde breiter, während es seinem ältesten Sohn die Sprache verschlagen hatte. Die bittere Wahrheit wurde ihm nun bewusst. Der fettleibige, nach Bier und Zigaretten stinkende Mann hatte weder seinen Bruder noch ihn selbst je geliebt, und das tat unsagbar weh. Alles, worum Lucian gebeten, ja worum er gefleht hatte, war eine liebende Familie. Und was hatte er stattdessen bekommen? Seelische und körperliche Gewalt. Hass. Selbsthass. Von seinem Vater zugefügte Brandwunden an Körperstellen, die er nur mühsam verbergen konnte und deswegen schon manchmal vom Sportunterricht fortgeblieben war mit der Ausrede, seine rheumatoide Arthritis, womit er seit Jahren kämpfte, sei gerade besonders schlimm und ermögliche es ihm nicht mehr, sich ohne Schmerzen viel zu bewegen. Vor allem eines blieb: ein immer stärker werdender Wunsch nach dem Tod. Ich habe es wohl nicht anders verdient, beschloss Lucian. Weshalb sonst sollte er dieses Leben ertragen müssen?
 
Der Junge zitterte am ganzen Körper und kauerte sich in einer Ecke zu einem kleinen Ball zusammen, da er sehen konnte, wie sein Vater sich ihm näherte. In einem verzweifelten Versuch, sich einzureden, er würde unsichtbar, wenn er die Augen fest zusammenkniff, tat er ebendies und hielt schützend die Hände vor seinen Kopf, doch diese wurden vom Vater weggerissen. Der Erwachsene packte Lucian am Kragen und schlug die Gesichtshälfte des Kindes so lange und so heftig gegen die Wand, bis der Junge die linke Seite seines Gesichtes niemals mehr bewegen würde können. Lucian hasste sich dafür, dass er weinte, doch er konnte nichts dagegen tun. Als er vor Schmerzen schrie, ohrfeigte sein Vater ihn heftig. Lockende, verführerische Schwärze war kurz davor, Lucian von den Qualen zu erlösen, indem er das Bewusstsein verlor, wurde jedoch durch die knurrende Stimme des fettleibigen Mannes zum Schweigen gebracht. „Du wirst mir jetzt ja nicht ohnmächtig“, meinte der Vater. Abrupt ließ er von Lucian ab; gerade als dieser dachte, er könne es nicht mehr ertragen.
 
„Warum hasst du mich so sehr?“ Lucian verachtete sich dafür, dass die Tränen in Strömen flossen. Seine linke Gesichtshälfte schmerzte unbeschreiblich, brannte und war bestimmt malträtiert; das wusste der Junge, ohne sich in den Spiegel zu sehen. Die Antwort des Vaters ließ das Blut des Kindes in den Adern gefrieren.
 
„Weil du lebst.“
 
Ungläubig starrte Lucian in die kalten, grauen Augen seines Gesprächspartners. „Ich kann doch nichts dafür“, wisperte er.
 
„Ich wollte niemals Kinder“, fuhr der Fettleibige fort, zu erklären. „Ich habe deiner Mutter oft gesagt, sie soll abtreiben, doch nichts konnte sie dazu bringen. Sie bestand darauf, dich und später auch Alain auszutragen.“ Er lachte kühl, hysterisch und spottend. „Sie hat Angst vor mir, genau wie du und dein Bruder“, meinte der zweifache Vater. „Panische Angst. Deswegen tut sie nichts, um mich daran zu hindern, dich zu erziehen. Diese schwache Hure. Manchmal frage ich mich, weshalb ich überhaupt geheiratet habe. Es ist sinnlos, sich zu binden. Viel besser ist es doch, alle Frauen zu ficken, die ich attraktiv finde.“ Ängstlich senkte Lucian den Blick, doch der Vater hob sein Kinn grob an. „Schau mir gefälligst in die Augen, wenn ich mit dir rede, du verzogener Bengel!“, knurrte der Mann.
 
„Nein“, wisperte Lucian. „Ich sehe dich nie wieder an… Vater.“ Mit jedem Wort brach seine Stimme ein wenig mehr, bis seine Antwort kaum mehr zu hören war.
 
„Auf dein Zimmer“, forderte der Erwachsene. „Sofort. Bevor ich es mir anders überlege.“
 
Lucian zögerte nicht, sondern tat, wie ihm geheißen; nutzte die Gelegenheit, dem Schlafzimmer seiner Eltern, der Folterkammer, zu entkommen. Er rannte in das Zimmer seines Bruders, um dieses mit bebenden Fingern zu versperren. Am ganzen Körper zitternd zerrte er die Matratze unter Alains Bett hervor, worauf dessen Freunde manchmal nächtigten, und kroch unter besagtes Bett, um die Matratze anschließend wieder zu sich zu ziehen. Er stellte die Matratze auf, sodass er nichts mehr sehen konnte. Hier würde Vater ihn nicht finden. Er durfte Lucian nicht finden.
 
Leise wimmernd berührte er seine linke, mittlerweile gelähmte Gesichtshälfte. Was hatte er bloß getan, um eine derartige Behandlung zu verdienen? Es wollte Lucian einfach nicht einfallen. Hastig wischte er die letzten Tränen weg, die langsam versiegten. Er würde seinem Vater niemals verzeihen. Er konnte es nicht. Jener Mann, der ihm Liebe schenken sollte, zerstörte seine Seele. Den Worten des Erwachsenen nach zu urteilen hieß seine Mutter die Taten des Fettleibigen nicht gut, sondern hatte, genau wie er selbst und Alain, panische Angst. Somit war er wohl dazu verdammt, ewiglich misshandelt zu werden. Mit diesem Gedanken und der Furcht, sein Vater könnte ihn finden, legte er sich auf den Boden und weinte sich in den Schlaf.
 

××××
 
„Lass mich... lass mich…“, wiederholte er wie ein Mantra und zog die Beine an, sodass er eine embryoartige Haltung einnahm. Seine Stirn war schweißüberströmt, als der Traum wechselte.
 

××××
 
„Lucian, wach auf!“
 
Gedämpft drang diese Aufforderung an die Ohren des Jungen. Dieser antwortete nicht, sondern zog demonstrativ die Decke über seinen Kopf, ehe sie ihm plötzlich entrissen wurde. „Was ist denn?“, meinte er verschlafen. Ein Blick auf den Wecker verriet ihm, dass es zwei Uhr morgens war. Was um alles in der Welt wollte seine Mutter um diese Zeit von ihm?
 
„Du bekommst eine Halbschwester, mein Schatz!“ Zum ersten Mal seit Monaten war die Stimme seiner Mutter aufgeregt und glücklich. Selbst ihre Augen strahlten und zeigten wie der zärtliche Gesichtsausdruck, wie sehr sie ihr Baby jetzt schon liebte. Genau, wie Lucian es tat.
 
„Das ist…“ Er suchte nach einem Wort, ehe sich auch auf Lucian‘ Gesicht ein glückliches Lächeln zeigte. „Es ist unglaublich, Mutter!“
 
„Ich weiß, Liebling“, meinte sie lächelnd und umarmte ihn; drückte ihren Sohn fest an sich. Ihre Augen waren feucht und glänzten voll Freudentränen.  Dann jedoch sanken ihre Mundwinkel wieder nach unten, und ihr Blick wurde traurig. Instinktiv spürte Lucian, was sie beunruhigte.
 
„Denkst du an –“
 
„An deinen Vater, ja“, wisperte sie. Nun begannen ihre Hände, mit denen sie das Gesicht ihres Sohnes sanft hielt, um ihm zärtlich die Wange zu streicheln, heftig zu zittern. Lucian verstärkte die Umarmung und versuchte, der Mutter auf diese Art Trost zu spenden, denn er wusste nicht, wie er dies sonst tun sollte. „Ich habe Angst“, gestand seine Mutter mit bebender Stimme. Diese wurde nun entschlossen. „Aber ich lasse nicht zu, dass er Lily wehtut.“ Sie sprach etwas leiser. „Er ist nicht ihr Vater. Wir verschwinden von hier. Nur du, Alain, Lily und ich.“
 
Für einen Moment fühlte Lucian so etwas wie Erleichterung, doch dann verdüsterte sich sein Blick. „Das geht nicht.“ Seine Stimme war nicht mehr als ein Hauch. „Wir brauchen Schutz. Vater wird uns finden, wo auch immer wir leben werden. Wohin sollen wir gehen?“
 
Seine Mutter flüsterte: „Dein Vater wird weder dir noch Alain noch Lily jemals wieder wehtun, das verspreche ich dir, Liebling.“
 
Lucian schüttelte mutlos den Kopf. „Das wird er, und das weißt du genau so gut wie ich, Mutti.“ Seine Worte waren lediglich zu vernehmen, wenn man sich sehr anstrengte. Die Mutter Meredith seufzte leise. „Mit mir kann er tun, was auch immer er will“, meinte der Junge. „Aber er wird meine Halbschwester nicht anrühren.“ Ein erstickter Schluchzer entwich Lucian, als er an die täglichen Qualen dachte, die ihn auch heute erwarten würden, sobald er in die Küche ging, und er hasste sich dafür. „Ich schwöre dir, eines Tages bekommt all das zurück.“
 
Meredith drückte ihren Sohn eng an sich, der nunmehr weinte. „Alles und jeder hat eine Vergangenheit, Schatz“, antwortete die Mutter sanft, aber bestimmt. „Und dein Vater gehört bald der unsrigen an.“
 
„Das werden wir ja sehen, du Flittchen.“
 
Heftig zusammenzuckend wand Lucian sich aus der Umarmung. Seine Mutter schob ihn schützend hinter sich. Er umklammerte zitternd ihre Beine, denn im Türrahmen stand der Erwachsene, der die Seelen seiner Kinder brach. Erst jetzt entdeckte Lucian seinen Bruder, der mit tränenverschmiertem Gesicht neben seinem Vater stand. „W-wie hast du…“, stotterte Meredith, wurde jedoch durch die zornige Stimme ihres Mannes sowie einer Ohrfeige zum Schweigen gebracht. Ihr Kopf schlug gegen die Heizung, doch sie stand weiterhin vor ihrem älteren Sohn, um diesen zu beschützen. Dem Jungen wurde übel, als er sehen konnte, wie das Blut von Mutters Kopf tropfte.
 
„Wie ich rausgefunden haben, wo ihr seid, willst du wissen, nicht wahr? Nun, das kannst du haben.“ Der Vater zeigte auf Alain. „Dein Schatz“, er spuckte jedes Wort aus, „hat getan, worum ich ihn gebeten habe.“
 
„Was hast du mit Alain gemacht?“, wisperte Meredith. Sie wagte es nicht mehr, ihrem Mann in die Augen zu sehen.
 
„Ach, das war einfach“, erwiderte der nach Bier stinkende fettleibige Mann. „Ich habe deine Pflichten übernommen wie schon so oft zuvor. Sieh ihn dir an.“ Grob schubste er den jüngeren Sohn, sodass dieser, wenn er nicht so gute Reflexe hätte, zu Boden gefallen wäre. „Sieh hin!“, brüllte der Mann. Er stieß Alain ein weiteres Stückchen nach vorne, doch bevor dieser Bekanntschaft mit dem Boden machen konnte, fand er sich in den sanften, wärmenden Armen seiner Mutter wieder. Sie sog zischend die Luft ein, als sie in das Gesicht des Jungen blickte, denn es war blutverschmiert.
 
 
 
 
 
 
Mit einem Schrei schreckte Lucian hoch. Er griff sich an die Brust, da er ein Stechen spüren konnte. Sein Atem ging rasselnd, das Herz raste. Keuchend versuchte er, sich zu beruhigen. Er krallte sich ins Laken, während er sich umsah, um sich zu vergewissern, dass er wirklich alleine war. Seine Hand zitterte, als er im Dunkeln das Nachtkästchen absuchte, bis er fündig wurde. Erleichtert ausatmend schlossen sich seine Finger um das kalte Metall. Langsam wurde er ruhiger. Mit der Klinge in der Hand fühlte er sich sicher. Die Gründe hierfür kannte er nicht, und es war ihm, um ehrlich zu sein, auch egal. Zögerlich das Licht einschaltend stellte er fest, dass er lediglich geträumt hatte. Er fürchtete den Schlaf, denn wenn sich seine Augen schlossen, holte er Lucian ein. Eines Tages würde sein Vater – sein Erzeuger – alles zurückbekommen; tausendfach und mehr. Dafür würde Lucian sorgen, und wenn es das letzte war, was er je tun sollte.
 
Der achtzehnjährige Junge umklammerte die Rasierklinge fester, als er ein zögerliches Klopfen hörte, denn nun sah er –
 
Ein leises Pochen ließ Lucian tief ausatmen. Es konnte nicht sein Vater sein, der ihn täuschte, indem er sich für Lily ausgab. „Luci“, sprach eine verheulte Stimme. „Darf ich bei dir schlafen?“ Das ekelerregende Geräusch eines Kopfes, der gegen die Heizung flog, führte dazu, dass Lucian aus seinem Versteck kroch und die Türe öffnete. „Da bist du ja endlich“, knurrte sein Vater. „D-du… du hast sie wirklich…“ Lucian konnte einfach nicht aufhören, seine Halbschwester anzustarren, die mit blutverschmiertem Gesicht vor ihm stand. Ihre Nase war gebrochen, das sah er auf den ersten Blick. Rücksichtslose Wut kochte in dem Jungen hoch und mischte sich mit Furcht, als er sah, dass sein Vater eine Zigarette in der Hand hielt. „TEUFLISCHE BRUT!“, brüllte der fettleibige Mann, da Lucian das kleine Mädchen schützend in sein Zimmer zog und versuchte, ihm die Türe vor der Nase zuzuschlagen. Wutentbrannt hob der Vater besagte Türe aus den Angeln.
 
„Nein“, wisperte Lucian. Seine kurzen, abgebissenen Fingernägel gruben sich tief in seine rauen, kalten Hände.
 
„Papa liebt dich doch“, säuselte der fettleibige Mann. „Aber du warst ein böser Junge. Darum muss ich dir zeigen, wie man sich benimmt. Du möchtest doch nicht ungehorsam sein, oder? Muss Daddy dir zeigen, was die Strafe dafür ist, oder hast du mittlerweile endlich gelernt, zu tun, was ich dir sage?“
 
„Hau ab!“, schrie Lucian und senkte den Kopf. Seine schulterlangen, leicht gewellten dunkelbraunen Haare fielen strähnchenweise vor sein Gesicht. Mit bebender Unterlippe saß er regungslos auf seinem Bett, während die Tränen einfach nicht aufhören wollten zu fließen. Erneut erklang das zögerliche, leise Pochen an der Türe.
 
„Bitte lass mich rein“, flehte eine Stimme, die Lucian problemlos unter Tausenden identifizieren konnte. War sein Vater hier? Hatte dieser Lily wehgetan? Mit wackeligen Beinen stand der sonst so gefasste Achtzehnjährige auf, um die Türe zu öffnen – und war vollends verwirrt, als ihm seine Halbschwester weinend in die Arme fiel.
 
„Was ist los, Lily?“, sprach er und streichelte sanft ihre Wange; wischte vorsichtig ihre Tränen weg und drückte das Kind eng an sich.
 
„Er wird mich wieder schlagen“, flüsterte sie.
 
„Das wird er nicht.“
 
„Woher weißt du das?“, schluchzte sie.
 
Lucians Gesichtsausdruck wurde hart. „Weil ich ihn ansonsten in Stücke reiße.“ Seinem Schicksal entgeht er sowieso nicht, fügte er gedanklich hinzu. Er atmete tief aus, ehe er das Mädchen hochhob und zu seinem Bett trug, wo er sie vorsichtig absetzte und zudeckte, nachdem er sich neben sie gesetzt hatte und sachte ihre lange, schwarze Haarpracht streichelte in einem Versuch, Lily zu beruhigen.
 
„Was hältst du da in der Hand?“, fragte sie plötzlich. Wie von selbst öffnete Lucian die Faust und offenbarte somit die blutige Rasierklinge. Er versuchte, diese wieder mit seinen Fingern zu bedecken und in der obersten Lade des Nachtkästchens zu verstecken, doch Lily hatte es bereits gesehen. Ihr Halbbruder schwieg sehr lange.
 
„Deine Arme sind blutig“, stellte Lily leise fest.
 
„Ich weiß.“ Lucians Stimme war kalt und schnitt direkt in das Herz des Mädchens. „Es tut mir so leid, Lils“, meinte er zerknirscht. Das letzte, was er je wollte, war, Lily in irgendeiner Art und Weise traurig zu machen. „Bitte verzeih mir.“
 
Kurz sah Lily ihm in diese stets verschlossenen, tiefblauen Augen. Dann legte sich ein sanftes, zittriges Lächeln auf ihre Lippen. „Ist schon in Ordnung.“ Ihre Hand suchte die ihres Habbruders und fand ebenjene. Während Lily ihre Finger mit denen ihres Halbbruders verschränkte, da sie nach Halt suchte, knarrten die Dielen, was das Mädchen heftig zusammenzucken ließ. „Er darf uns nicht finden“, wisperte Lily mit bebender Stimme.
 
„Er ist nicht hier, Lily“, versuchte Lucian, ihr gut zuzureden. „Vater ist auf Geschäftsreise.“ Die lange, schwarze Haarpracht fiel in sanften Wellen über Lilys Rücken und umwehte zum Teil ihr hübsches Gesicht, als sie wild den Kopf schüttelte. Sie weinte. Schutzsuchend kuschelte sie sich eng an Lucian.
 
„Er darf nicht zurückkommen.“
 
Ihre Stimme war nicht mehr als ein Hauch und tränenerstickt. Zittrig tief atemholend senkte sie den Blick. Die salzigen, heißen dicken Tropfen kullerten über ihre blassen, eingefallenen Wangen; sammelten sich am Kiefer und zerrannen schlussendlich auf dem Parkettboden. Trotz Lucians Präsenz wollte die Panik nicht verschwinden. Je länger Lily nachdachte, desto mehr wurde ihr bewusst, was der Mann, der ihre Seele Stück für Stück zerstörte, ihrem Halbbruder antun würde, sollte er herausfinden, dass sie in dessen Zimmer geflüchtet war. Deshalb wand sie sich aus der tröstenden, schützenden Umarmung und ging zur Türe. Lucian sah sie fragend an. „Ich muss mich für die Schule fertigmachen“, war ihre Erklärung. Sie hoffte sehr, dass er ihr glaubte, obgleich sie wusste, dass er sie viel besser kannte.
 
Sich fest auf die Lippe beißend vermied sie den Blickkontakt, als der Halbbruder plötzlich meinte: „Ich fahre dich hin.“
 
„Aber du musst doch auf deine Schule“, wisperte Lily.
 
„Das ist egal“, war die knappe Antwort, mit der sie sich zufriedengeben musste, denn Lucian ergänzte diesen Satz nicht. Stattdessen ging er in die Hocke, um die Tränen seiner Halbschwester vorsichtig wegzuwischen, so wie es seine Mutter stets für ihn getan hatte. „Komm, gehen wir erstmal frühstücken.“ Lily nickte. So gingen die beiden in die Küche, wo sie bereits die gemeinsame Mutter erblickten. Für Halbbruder und Halbschwester war es schockierend, zu sehen, dass die Frau nicht auf dem hölzernen Sessel, sondern am Boden Platz genommen hatte; die Beine angezogen, die Arme um die Knie geschlungen und den Kopf auf besagte Knie gelegt. Neben der Mutter Meredith stand eine leere Weinflasche.
 
„Mutti?“
 
Die Stimme des Mädchens ließ die Frau zusammenzucken. Langsam hob die Mutter ihren Kopf. Ihre Wangen waren rot, die Augen ebenso. Getrocknete Tränenspuren und die geleerte Flasche Alkohol führten Lucian und Lily wie fast jeden Tag vor Augen, wie schlecht es ihr ging. Bisher hatte die Tochter sie noch nie mit einer Weinflasche gesehen, da Meredith versucht hatte, ihre Abhängigkeit vor dem Mädchen zu verstecken.
 
„Mutti, was ist los?“ Zögernd ging Lily zu der Frau, doch die sanfte, aber bestimmte Hand ihres Halbbruders auf ihrer Schulter ließ sie innehalten.
 
„Komm, gehen wir unsere Schulsachen packen“, flüsterte er, da die Mutter nicht mehr reagierte. Lily nickte nur. Weder sie noch der Achtzehnjährige merkten, dass die alkoholabhängige Frau ihnen lange nachblickte.
 

××××
 
„Bis später.“ Die siebenjährige Lily beugte sich ein Stück nach vorne, damit sie einen Kuss auf die Wange des Halbbruders hauchen konnte. Dann ging sie wie ein Roboter zum Schulgebäude, die tiefblauen Augen leer und kalt.
 
Lucian blutete das Herz bei ihrem Anblick. Ihre Figur stand sehr nahe an der Grenze zur Magersucht. Die Haare waren oftmals wie Stroh, da sie die Körperpflege immer öfter vernachlässigte. Als Lucian sie danach gefragt hatte, war die knappe Antwort immer nur der Name seines Vaters gewesen. Sein Blick wurde eiskalt. Der Fettleibige erzählte Lily wohl, sie habe es nicht anders verdient. Der Junge presste die Kiefer so fest aufeinander, dass es leise knirschte. Wenn sein Vater so weitermachte, würde er Lily umbringen. „Vorher reiße ich dir deine verdammten Eingeweide raus und knüpfe dich daran auf“, murmelte er an den von ihm so sehr gehassten Mann gerichtet. Seine Stimme war kaum hörbar. Morgen würde sein Erzeuger wieder von der Geschäftsreise zurückkommen. Lucian hatte sich selbst geschworen, Lily zu beschützen, und das würde er tun; selbst, wenn dies bedeutete, sie für den Rest ihres Lebens in seiner Wohnung einzusperren, sobald er die Schlüssel dafür bekam.
 
Zu seinem letzten Geburtstag, der dank seines Erzeugers jedes verfluchte Jahr ein Tag wie jeder andere war – einer voll Angst und Verzweiflung – hatte seine Mutter, als ihr Ehemann kurz aus dem Zimmer gegangen war, um eine neue Flasche Alkohol zu holen, ihrem ältesten Sohn gesagt, sie habe für ihn eine Wohnung gefunden. Wenige Tage nach seinem Abschluss der Highschool könne er diese beziehen. Da sie nicht die Kraft oder den Mut dafür aufbringen konnte, sich scheiden zu lassen, wollte sie zumindest Lucian ermöglichen, nicht mehr mit dem Mann, der Frau und Kinder misshandelte, in einem Haus leben zu müssen. Alain und Lily hingegen waren aufgrund ihrer Minderjährigkeit dazu gezwungen, weiterhin die täglichen Qualen zu durchleben. Was die Mutter nicht wusste, war, dass Lucian bereits geplant hatte, seinen Bruder und seine Halbschwester um jeden Preis vor dem Erzeuger zu schützen. Selbst wenn dies ihm lediglich weitere körperliche und seelische Pein einbringen sollte, würde er weder Alain noch Lily niemals aufgeben, schon gar nicht kampflos; ebenso wenig seine Mutter.
 
Gestern hatte er mit besagter Frau bereits seine neue Wohnung besichtigt. Es war eine kleine Wohnung im zweiten Stock; die einzige ohne Balkon. Das störte Lucian keineswegs. Alles, was zählte, war, dem Vater zu entkommen.
 
Leise seufzend zog der achtzehnjährige Schüler die Kapuze seines Hoodies über den Kopf, da der leichte Regen zu einem Platzregen wurde, und ging mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen zu seinem Van. Wenn er sich beeilte, konnte er vielleicht vor der zweiten Unterrichtsstunde in der Highschool sein. Nun verdunkelte sich sein Blick. Übermorgen war bereits der Abschlussball. Bis vor kurzem hatte er keine Begleitung gehabt, doch dann war, wenn man sie denn so nennen konnte, die ‚graue Maus‘ der Klasse auf ihn zugekommen und hatte ihn mit hochroten Wangen gefragt, ob er mit ihr zum Ball gehen wollte. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – den abfälligen Blicken und dem Tuscheln der Mitschüler hatte er zugesagt. Zum ersten Mal seit der Einschulung hatte er seine Klassenkollegin Susan Evans lächeln gesehen. Sie trug eine Zahnspange, und ein Schneidezahn fehlte ihr. Dennoch fand Lucian sie hübsch. Dieser Gedanke überraschte ihn, ließ sich jedoch nicht leugnen. War sie ein Lichtstreifen an seinem Horizont? War eine Freundschaft mit Susan die Kraft, die ihn wieder auf die Beine bringen konnte? Lucian wusste es nicht, doch er war definitiv bereit, dieser Theorie eine Chance zu geben.


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Beitrag #2 |

RE: Seelenscherben
Kapitel 2
 
Susan Evans starrte die Tischplatte vor ihr an, als wolle sie diese hypnotisieren. Ihre langen, dunkelroten glatten Haare fielen wie ein seidiger Vorhang vor ihr Gesicht, sodass niemand ihre Tränen sehen konnte. Den Kopf hatte sie auf die Handflächen gestützt, die sie wiederum auf ihren Teil des Tisches legte. Ihre Hände begannen zu beben, als ihr durch das Geschnatter der Schulschlampe und deren Freundinnen bewusst wurde, wie wenig sie wert war. Die Widerhaken, mit denen sie beworfen wurde, bemerkte sie längst nicht mehr. Es war auch egal, denn ihr geschah das alles völlig recht.
 
„Hast du gesehen, wie sie heute aussieht?“, lachte Melissa und zeigte ungeniert mit dem Finger auf Susan. „Diese Frisur!“
 
„Als hätte sie sich heute noch nicht gebürstet! Und dieser Gestank – uääh!“, kommentierte deren beste Freundin Marina.
 
„Ist ihr neuestes Parfüm, glaube ich. Es riecht aber, als ob sie sich Tage nicht geduscht hätte.“
 
„Grau-en-haft, kann man da nur sagen“, seufzte Marina Covic theatralisch und warf kokett ihre lange, blonde Mähne nach hinten, während sie Lippenstift nachzog. Sie lachte spitz und gehässig, da sie sehen konnte, wie Susan versuchte, so klein wie möglich zu machen. „Komm doch her, Fetti!“, säuselte sie an die Schülerin mit fehlendem Schneidezahn gerichtet. „Irgendjemand muss dir ja helfen, eine ordentliche Frisur zu bekommen. Wir müssen deine Haare einfach kürzen. Ach, was rede ich da; abrasieren wäre das Beste, dann hängen sie nicht mehr so widerlich wie Stroh!“
 
Susan Evans weigerte sich, die Tussi anzublicken, und wandte sich demonstrativ der Wand zu. Sie zuckte heftig zusammen, als sie die Stimme jenes Jungen vernehmen konnte, den sie im Geheimen bewunderte.
 
„Halt deine verdammte Fresse, Covic.“
 
„Lucian?“, fragte besagte Tussi überrascht.
 
„Hörst du schlecht?“, fuhr dieser sie an. Könnten Blicke töten, wäre Marina tausendmal gestorben. „Du sollst die Klappe halten und Susan in Ruhe lassen.“
 
„Aber –“
 
Lucian ging einen Schritt näher zu Susan, um sie zu beschützen, und sah den beiden Tussis fest in die Augen. „Ich sage das nur einmal“, meinte er langsam, als wolle er einem störrischen Kleinkind etwas erklären. „Haltet euch fern von ihr.“ Mit diesen Worten setzte er sich neben die Außenseiterin; seine Ballbegleitung.
 
„Warum hilfst du mir?“, flüsterte Susan, ehe die Glocke schellte. Da griff ihr Sitznachbar vorsichtig nach ihrer Hand, um seine darauf zu legen.
 
„Weil es höchste Zeit wird, dass jemand es tut“, sagte er.
 
Die Augen des Mädchens weiteten sich überrascht, und sie wurde knallrot im Gesicht, als Lucian ihr ein Lächeln schenkte, denn er nahm seine Hand nicht weg, sondern umschloss ihre Finger mit den seinen und drückte sanft zu, um das Mädchen ein wenig zu beruhigen. Susan ließ es zu; unsicher darüber, was sie tun sollte. Ihre Wangen wurden, wenn dies denn möglich war, noch röter und brannten. Insgeheim verfluchte Susan ihre Gefühle, ihre Verwirrung und Scham, aber auch so etwas wie Hoffnung auf Schutz, denn sie wusste, dass man ihr diese Emotionen überdeutlich ansah. Sie hatte es nie gelernt, ebenjene zu verbergen; ganz im Gegensatz zu ihren Stiefbrüdern Kyle und Lucas, die wahrhaftig Meister auf diesem Gebiet waren. Andererseits handelte es sich hier um Lucian, der sie schützte; jener Junge, zu dem sie aufsah und der ihr Herz schneller schlagen ließ. Immer schon hatte sie ihn gemocht, doch dass er mit ihr ein Wort wechseln geschweige denn mit ihr zum Ball gehen würde, hätte sie niemals gedacht. Sie war doch nur Susan; die Außenseiterin, welche man bloßstellen konnte, sooft man wollte! Warum sollte jemand wie Lucian auch nur ansatzweise etwas mit jemandem wie ihr zu tun haben wollen?
 
Susan wurde aus ihren Gedanken gerissen, da sich die Türe des Klassenzimmers leise quietschend öffnete. Der für seine Strenge gefürchtete Mathematiklehrer Jonathan Davies betrat den Raum. In der Hand hatte er bereits die Schularbeitshefte der gesamten Klasse. Die Außenseiterin schluckte hart. Bestimmt würde sie versagen. Dabei wollte sie doch nur einmal im Leben etwas richtig machen. Scheinbar hatte das Schicksal andere Pläne, denn sie hatte die Zahlen und somit Mathematik schon immer gehasst. Logisch zu denken war einfach nicht ihr Ding. Unbewusst kaute sie auf der Unterlippe, bis sie Lucians Stimme hörte, die wohl aufgrund der Anwesenheit des Lehrers kaum zu vernehmen war.
 
„Bitte hör auf damit.“
 
Sie nickte beschämt und merkte, dass er seine Hand schon längst weggenommen hatte. Enttäuschung machte sich in ihr breit. Was hatte sie sich eigentlich erhofft? Dass er während des Unterrichts ihre Hand hielt, als wären sie ein Paar? Sich selbst verfluchend wandte Susan ihre Aufmerksamkeit nun dem Mathematiklehrer zu.
 
„Nun gut“, sprach besagter Lehrer. „Hier sind eure Schularbeiten. Ich hoffe, ihr habt euch genügend vorbereitet, denn ich warne euch, es wird nicht einfach.“ Spätestens jetzt war es totenstill in der Klasse. Davies‘ Mundwinkel zuckten leicht nach oben. „Ihr habt genau eine Stunde Zeit. Ich will niemanden schummeln sehen, ist das klar?“ Mit diesen Worten teilte er die Arbeiten aus.
 
Susan schluckte schwer, da sie realisierte, dass die Arbeit zwölf Seiten umfasste; jede davon mit Rechnungen gefüllt, bei denen das Mädchen nach kurzem überfliegen bereits wusste, dass sie die Schularbeit negativ abschließen würde. Sie seufzte leise. Nun, dann würde sie sich eben noch mehr anstrengen als sonst; auch wenn sie wusste, dass es umsonst war. Sie war sich nicht sicher wieso, doch vielleicht dachte Lucian kurz an sie, wenn sie positiv benotet wurde. Er liebte Mathematik. Nach einem kurzen Blick aus den Augenwinkeln heraus sah sie ihn lächeln. Beschämt senkte sie den Blick. Für Lucian waren diese Aufgaben wohl einfach. Er war das Mathegenie in der Klasse, und sie die völlige Versagerin. Dennoch konnte sie nichts gegen ihre Gefühle tun, und, um ehrlich zu sein, wollte sie das auch nicht.
 
Sie konnte nicht widerstehen und sah aus den Augenwinkeln noch einmal zu Lucian. Dieser hob kaum merklich den ersten Zettel an, sodass Susan lesen konnte, welches Ergebnis er für die letzte Aufgabe der zweiten Seite bekommen hatte. War das Absicht gewesen? Als sie blinzelte, war die Lösung bereits nicht mehr zu sehen. Hastig schrieb sie nieder, was sie sich gemerkt hatte. Viel war es nicht, denn Lucian hatte eine sehr komplizierte Methode, etwas auszurechnen. Dennoch war das Endergebnis besser als nichts. Nachdenklich kaute sie wieder auf ihrer Unterlippe. Als Lucian erneut den Zettel hob, merkte sie, dass auch er sie kurz anblickte. So schnell sie konnte ergänzte Susan ihre Mitschriften. Erleichtert aufatmend stellte sie fest, dass sie wenigstens eine Rechenaufgabe fertig gelöst hatte, wenngleich sie nur abgeschrieben hatte. Sie seufzte schwer und kreuzte die Finger, dass ihr Lehrer nichts bemerkt hatte, doch –
 
„Evans, vor die Tür. Und Sie ebenfalls, Black.“
 
Susan zuckte heftig zusammen, als hätte man sie geschlagen. Sie nickte und erhob sich, um zu tun, wie ihr geheißen. Über ihre eigenen wackeligen Beine stolpernd fiel sie zu Boden. Erfolglos versuchte sie, sich am Türgriff festzuhalten. Als Marina Covic lachte, drehte die Außenseiterin sich kurz um. Die flache Hand von Jonathan Davies traf auf der Tischplatte direkt vor der Tussi auf.
 
„Nun, Covic“, sagte er kühl. „Wenn Sie kein Interesse daran haben, die Arbeit zu schreiben, sehe ich keinen Sinn darin, Sie in meiner Klasse zu haben.“
 
„Aber –“, begann die Tussi zu protestieren, doch der Lehrer schüttelte den Kopf und nahm ihr die Zettel weg.
 
„Vor die Tür. Sofort.“ Ziemlich sauer stöckelte Marina aus der Klasse. Susan zögerte. Sie wollte nicht mit der Tussi alleine sein. Eher würde sie sterben. Der Mathematiklehrer ließ ihr jedoch keine andere Wahl, denn er sah sie eisig an. „Ich wiederhole mich nur ungern, Evans“, meinte er kühl.
 
So ging Susan aus dem Raum, wie ihr befohlen worden war. Hinter ihr schritt Lucian aus dem Zimmer. Das Mädchen war verwirrter denn je. Wieder einmal hatte der Junge ihr geholfen. Sie konnte nicht verstehen, wieso er das tat. Bestimmt hatte er einen Hintergedanken. Misstrauisch wandte sie ihren Blick ab. Im nächsten Augenblick war dieser Gedanke verschwunden. Bisher hatte Lucian nie etwas aus Selbstsucht oder mit Hintergedanken gemacht, doch wer wusste schon, ob das bei ihr nicht anders war? Sie hätte es auf alle Fälle verdient.
 
××××
 
„Na, Susan? Freust du dich schon auf den Ball?“
 
Die Angesprochene reagierte nicht. Gerade jetzt musste Lucian bei seinem besten Freund in der Bibliothek sein und ihr nicht beistehen. Was erhoffte sie sich das überhaupt? Sie hatte keine Hilfe verdient. Dennoch taten die Worte von Marina Covic unheimlich weh. Susan verfluchte ihre Emotionen mehr denn je, denn ihre Augen brannten verräterisch, und die Wangen wurden heiß. Noch ehe sie den ersten Tropfen ihre Wange entlangkullern fühlte, drang das Gelächter von der Schulschlampe Melissa Govern und von deren besten Freundin Marina an ihre Ohren; so laut und schrecklich deutlich, dass Susan für einen Moment übel wurde.
 
„Nenn sie doch Fetti“, kommentierte Melissa Govern und lachte höhnisch. „Vielleicht reagiert sie dann.“
 
„Wie wäre es mit Arschtritt oder mit Speck?“, sinnierte Marina.
 
„Ja, das würde auch passen“, stimmte ihr die Schulschlampe zu.
 
„Hast du denn schon ein Kleid, Fetti?“, säuselte Marina. „Eines, das deinen fetten Bauch betont? Ein anderes wirst du nämlich nicht finden.“
 
Erneut antwortete Susan nicht. Stattdessen ballte sie die Hände zu Fäusten und schloss verletzt ihre dunkelgrünen Augen.
 
„Komm mal her… Susan.“ Als die angesprochene Außenseiterin stumm den Kopf schüttelte, packte jemand ihren Arm. „So, jetzt hör mir gut zu.“ Die kalte Stimme der Schulschlampe war wie ein Dolch, der in Susans Herz gestoßen wurde. „Du hast mir Luci als Ballbegleitung weggeschnappt. Ich weiß nicht, wie du das angestellt hast, aber das wirst du noch bereuen, das schwöre ich dir –“
 
„Halt dich verdammt noch mal fern von ihr, du Schlampe!“
 
Susan öffnete die tränenden, leicht geröteten Augen und erblickte Lucian, der Melissa von ihr fortriss und grob losließ, sodass die Schulschlampe taumelte und beinahe zu Boden gefallen wäre. Sie konnte nicht ahnen, welche Selbstbeherrschung es Lucian kostete, jener Schülerin, die Susans Seele Stück für Stück zerstörte, nicht ins Gesicht zu schlagen. Schützend stellte er sich vor die Außenseiterin.
 
„Schatz, sie hat –“
 
„Wenn du mich auch nur noch ein einziges Mal so nennst, du verlogenes Stück Dreck“, sagte Lucian mit drohendem Unterton, der Melissa nicht entging, so leise, dass nur genannte Person ihn hören konnte, „wirst du mit einer gebrochenen Nase nach Hause gehen, hast du das verstanden?“
 
„Du schlägst dich also auf Fettis Seite?“
 
„Solltest du Susan nochmals so anreden, bekommst du das tausendfach zurück. Geht das in dein Winzhirn?“ Er atmete tief aus. „Und ja, ich schlage mich auf ihre Seite.“
 
„Lucian, es ist in Ordnung“, meinte die Außenseiterin mit fehlendem Schneidezahn; ihre Stimme gebrochen. „Ich bin daran gewöhnt.“
 
„Nein, ist es nicht“, sagte er kurz angebunden. Sein Blick war eiskalt und unsagbar wütend, doch er schenkte Susan trotzdem ein kleines Lächeln und berührte sachte ihren Arm. „Komm, gehen wir. Ich muss kotzen, wenn ich diese Schlampe noch länger sehen muss.“ Vorsichtig, aber dennoch bestimmt griff er nach Susans Hand und führte das Mädchen, deren Gesicht knallrot wurde, weg von dem Gang in die Bibliothek. Dort angekommen ließ er ihre Hand los und lehnte sich an ein Regal. Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Das Mädchen wagte es nicht, ihm ins Gesicht zu sehen, tat dies aber doch, als er sie ansprach. „Passiert so etwas öfter?“
 
„Jeden Tag“, wisperte Susan.
 
Da wurde der Blick des Jungen hart und kalt. „Ab heute nicht mehr“, meinte er und berührte vorsichtig ihren Unterarm. „Sieh mich an.“ Es war kein Befehl, sondern eine Bitte. Zögerlich tat Susan, wie ihr geheißen, und sah sein tröstendes Lächeln.
 
„Warum hilfst du mir?“, wiederholte sie ihre Frage.
 
„Weil ich ab jetzt auf dich aufpasse.“
 
„Wieso?“
 
Lucian lächelte kurz. „Weil ich es möchte. Ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert.“
 
Da brach die bemüht ruhige Fassade, und sie umarmte ihn fest. Er stieß sie nicht weg, sondern legte sanft seine Arme um ihren Rücken. „Danke“, flüsterte sie. „Danke.“
 
××××
 
Nachdenklich auf der Unterlippe kauend griff Susan nach einem Kugelschreiber und ihrem Mathematik-Hausübungsheft. Ohne es wirklich zu realisieren, schrieb sie ein kurzes Gedicht.
 
Alles, was ich je gewollt habe.
Alles, was ich wirklich brauche.
Diese wunderschönen Augen, in denen ich versinken könnte.
Sie sind wie Sterne in dem schwarzen Himmel meines Lebens.
Dieses Gesicht, so kalt und dennoch mit einer Ausstrahlung, die mich nicht loslässt.
Dieses Lächeln, wenn auch nur selten zu sehen.
Dieser einzigartige Geruch, der nur zu ihm gehört.
Er ist wie die Luft, ohne die ich nicht leben kann.
Er ist wie der Sonnenschein nach wochenlangem Regen.
Er ist es, der mir die Kraft gibt, weiterzumachen, ohne dass er es weiß.
Ich liebe ihn.
Alles an ihm.
Ohne ihn sterbe ich innerlich.
Doch er wird es nie erfahren.
 
Sie summte leise vor sich hin, während der Kugelschreiber über die Seite huschte; während dieser sich fast schon selbstständig machte. Sie musste nicht lange überlegen, bis ihr die Worte einfielen. Stattdessen flossen ebenjene wie von selbst aus der Mine des Stiftes. Mit ihrer ordentlichen Handschrift füllte sie schließlich Seite um Seite, da ihr Gedicht immer länger wurde. Erst als sie vier ganze Hausübungsheft-Seiten vollgeschrieben hatte, legte sich die Wärme, welche durch ihren Körper geflossen war und welche ihre Gedanken unkontrolliert kommen hatte lassen. Nun wurde ihr verliebter Blick klarer und das Lächeln auf ihren vollen, blassen Lippen kleiner. Sie hörte auf zu summen und legte den Kugelschreiber beiseite. Es wurde höchste Zeit, dass sie mit den Hausaufgaben begann, obschon ihr klar war, dass dieser Versuch wie immer zum Scheitern verurteilt war. Dennoch hätte sie alles getan, um in Lucians Gedanken zu sein, und da sie wusste, dass er die Zahlen über alles liebte, war ihr die Idee gekommen, ihn zum Lächeln zu bringen, indem sie wenigstens einmal die Rechenaufgaben lösen konnte. Sie hatte einen schier unersättlichen Hunger nach jedem Lächeln entwickelt, das er ihr schenkte. Somit hatte sie beschlossen, Nachhilfe zu nehmen. Heute war die nächste Stunde bei dem pensionierten Mathematiklehrer, der ihr diese Hilfe anbot. Ihr Blick fiel auf das Display ihres Handys, und dann auf ihr Hausübungsheft. Erschrocken riss sie die Augen auf.
 
„Oh Gott“, wisperte sie und hielt beschämt eine Hand vor den Mund. „Was habe ich nur getan?“ Sie seufzte schwer. War es denn wirklich so schlimm, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen? Nach kurzem Überlegen senkte Susan den Kopf. Ja, es war schlimm, denn Lucian würde ihre Gefühle niemals erwidern. Dies zum einen, da sie ihm nicht davon erzählen würde, und zum zweiten, da sie nicht wusste, weshalb sich ein wunderbarer junger Mann wie er sich in einen tollpatschigen Menschen mit einem Talent dafür, in Fettnäpfchen zu treten sowie mit einem fehlenden Schneidezahn und einer Zahnspange wie sie es war verlieben sollte. Susan schloss die Augen, während sich die erste, bittere heiße Träne den Weg über ihre Wangen bahnte. Es war bei weitem nicht das erste Mal in ihrem Leben, dass sie alleine war. Diesmal war es allerdings anders, denn es ging hier um Lucian, und dennoch war ihr ein glückliches Leben scheinbar einfach nicht gegönnt. Was hatte sie bloß getan, dass das Schicksal sie so sehr hasste?
 
„Susan, wo bleibst du?“
 
Die Stimme ihres Stiefbruders Kyle riss sie aus ihrem tranceartigen Zustand. Mit bebenden Händen riss sie die vollgeschriebenen Seiten aus dem Heft, ehe sie ebenjenes hastig in ihren Schulrucksack warf, gemeinsam mit einer Federmappe, worin sie ihre Stifte bunkerte, und besagtes Gepäckstück schulterte. Sie straffte tapfer die Schultern. „Also gut, Susan“, versuchte sie sich selbst gut zuzureden, doch ein Lächeln brachte sie nicht zustande. „Das schaffst du. Es ist ein Tag wie jeder andere. Ein sinnloser, wertloser Tag, genauso wie du es bist.“
 
„Bist du da oben eingeschlafen?“ Nun war Lucas es, der nach ihr rief.
 
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Sie schien vergessen zu haben, dass ihr Stiefbruder sie nicht sehen konnte. „Komme schon!“, rief sie schließlich und eilte die Treppe hinab, wo Lucas und Kyle bereits ungeduldig auf sie warteten.
 
„Na endlich“, erwiderten die beiden Zwillinge im Chor. „Hast du Liebesbriefe an deinen Schatz geschrieben, oder warum hat das so lange gedauert?“ Susan wurde knallrot, was beide Jungs wissend grinsen ließ. „Wer ist denn der Glückliche?“, begann Lucas sein Verhör. „Woher kennst du ihn? Wie lange seid ihr schon zusammen? Warum hast du uns nichts davon erzählt?“
 
„Wir haben dafür keine Zeit“, erwiderte Kyle, sichtlich gereizt. Dann wandte er sich an seine Stiefschwester. „Mom hat gesagt, wir sollen dich zur Nachhilfe fahren.“ Die Angesprochene nickte nur. Beide Jungs schienen sich damit zufriedenzugeben, da Susan generell wenig sprach. „Wir müssen uns beeilen“, mahnte Kyle. „Du weißt, wie Mr. Smith reagiert, wenn du zu spät kommst.“
 
„Wie lange?“, meinte Susan nur und meinte damit, wie viel Zeit ihr noch blieb, bis die Stunde begann.
 
„Fünf Minuten.“
 
„Verdammt nochmal!“, fluchte die Schülerin, ehe sie in den Kyles Van stieg. Der Junge fuhr mit rasendem Tempo los, damit Susan nicht zu spät kam.
 
„Verfluchter Idiot!“, schrie Lucas, der als Beifahrer Platz genommen hatte, als jemand sie knapp vor einer Kurve überholte, und presste seine Hand so lange und fest auf die Hupe im Lenkrad, dass Susan ihre Hände vor die Ohren hielt, denn ihr taten besagte Ohren weh. Als sie schließlich vor dem Haus ihres Nachhilfelehrers den Van anhielten, stieg Susan mit leicht wackeligen Beinen aus, da sie Angst hatte, dass der alte, pensionierte Lehrer wütend auf sie war, denn dies konnte sehr unschön enden. So winkte sie ihren Stiefbrüdern zu, ehe sie noch einmal tief durchatmete und klingelte.
 
„Miss Evans“, begrüßte der alte Mann sie und machte eine Handbewegung, die ihr gebot, sofort das Haus zu betreten.
 
„Guten Tag“, erwiderte sie leise. Der Blick des Pensionisten verdunkelte sich.
 
„Erinnern Sie sich an unsere Abmachung?“
 
Wohl eher an Ihre Bedingungen, dachte Susan, sprach es aber nicht aus, sondern nickte leicht.
 
„Dann ist Ihnen sicherlich noch bekannt, dass Sie die Konsequenzen Ihrer Handlungen tragen müssen. Sie haben soeben ohne Erlaubnis gesprochen.“
 
Erneut nickte die Schülerin, ihr Blick verängstigt. Da packte der pensionierte, alte Mann ihren Arm und zog sie gewaltsam ins Wohnzimmer, wo er sie abrupt losließ, sodass Susan taumelnd gerade noch verhindern konnte, mit dem Boden Bekanntschaft zu machen. Für einen Moment war sie dankbar, so gute Reflexe zu haben. Im nächsten Moment jedoch war dieser Gedanke irrelevant, denn der Pensionist lächelte breit, doch es erreichte seine Augen nicht. Diese waren kalt und spiegelten seine Wut wider. „Herkommen.“
 
„Nein.“
 
Es kostete Susan allen Mut, den sie besaß, um dieses simple Wort auszusprechen. Überrascht sah der Mann sie an. Nie zuvor hatte die Schülerin sich widersetzt.
 
„Miss Evans.“
 
„Ich habe ‚Nein‘ gesagt!“, rief Susan, die ihre Emotionen mehr denn je verfluchte, während die Tränen wie Sturzbäche flossen. „Ich dachte, Sie helfen mir, mich in Mathematik zu verbessern! Aber was tun wir hier stattdessen? Sie wollen mich übers Knie legen, so wie jedes Mal, wenn ich etwas mache, was Ihnen nicht in den Kram passt, doch damit ist jetzt Schluss.“
 
Zum ersten Mal, seit sie die Nachhilfe in Anspruch nahm, war ihre Stimme hart, kalt und keinen Widerspruch duldend. Sie spürte, wie unsagbare Wut in ihr hochkochte. Hastig schulterte sie ihren Rucksack, den sie abgestellt hatte, und wollte das Haus zu verlassen, ohne den pensionierten Lehrer eines weiteren Blickes zu würdigen. Besagter Mann jedoch umklammerte ihren Oberkörper wie einen Schraubstock, zog sie mit sich auf die Bank, ließ sie fallen und sich darauf. Verzweifelt versuchte Susan, sich zu befreien, doch er war stärker. So musste sie über sich ergehen lassen, dass der alte Mann unter ihren Rock fasste. Als er jedoch versuchte, ihre intimste Stelle zu begrabschen, erwachte sie endlich aus ihrer Starre.
 
„AUFHÖREN!“
 
Nie zuvor hatte Susan die Stimme erhoben. Mit aller Kraft, die sie im Moment aufbringen konnte, stieß sie den Mann gewaltsam von sich. Ihr gesamter Körper bebte, als sie den Pensionisten zu Boden fallen sah und wie dieser erfolglos versuchte, die Bekanntschaft mit den Holzdielen zu verhindern. Rücksichtsloser Zorn floss gemeinsam mit Blut durch ihre Venen. Sie atmete schwer, als sie mit eisiger Stimme sagte: Sie werden das nie wieder mit mir machen.“ Hastig wischte sie in einem verzweifelten Versuch, der jedoch zum Scheitern verurteilt war, ihre Tränen weg, denn diese wollten einfach nicht aufhören zu fließen. „Sie hören noch von meinem Anwalt, das schwöre ich Ihnen.“ Mit diesen Worten begab sie sich eiligst zur Türe, schlug diese hinter sich zu und begann zu rennen. Sie wusste, dass der Mann ihr nicht folgte, denn er hatte nicht mehr genügend Kraft, um so lange und so schnell durchzuhalten, wie Susan gerade rannte. Selbst als ihre Lungen um eine Pause schrien, gab sie diesem brennenden Drang nicht nach. Sie blieb erst stehen, als sie nicht mehr wusste, wo sie sich gerade befand. Mit zitternden Fingern nahm sie ihr Handy aus der Tasche ihrer Jacke, die sie hastig über ihren Kopf gezogen hatte, da es zu regnen begann. Eilig wählte sie die Nummer ihres Stiefvaters Jonas Summers.
 
„Susan?“
 
„Ich möchte nach Hause“, schluchzte sie in den Hörer. Sie musste den Stiefvater nicht sehen, um zu wissen, dass er besorgt die Stirne runzelte.
 
„Was ist passiert?“
 
„Später. Bitte hol mich ab.“
 
Jonas Summers schwieg für einen Moment, ehe er meinte: „Wo bist du?“
 
„Keine Ahnung!“, schrie Susan verzweifelt.
 
„Siehst du irgendwo einen Straßennamen?“
 
„Nein.“ Eilig sah sie sich um und erblickte zu ihrer großen Erleichterung tatsächlich ein Schild, das ihr verriet, wo sie sich gerade befand. „Doch, ich sehe einen.“
 
„Welche Straße?“
 
„Marius-Smithers-Weg 17.“
 
„Dann bist du ganz in der Nähe. Die übernächste Straße ist unsere. Du musst nur rechts abbiegen.“
 
„Hol mich ab. Bitte. Ich glaube, ich breche gleich zusammen.“
 
„Ich bin sofort bei dir, Liebes.“ Mit diesen Worten beendete der Stiefvater das Gespräch.
 
„Danke“, flüsterte sie, doch der zweite Mann ihrer Mutter hörte sie bereits nicht mehr. Gerade, als sie glaubte, ihre Beine würden gleich nachgeben, sah sie den Van ihrer Stiefbrüder. Erleichtert schluchzend rannte sie zu dem Wagen und stolperte dabei über ihre eigenen Beine. Bevor sie jedoch auf der Straße aufschlagen konnte, fingen sie starke, wärmende Arme auf.
 
„Um Himmels willen, Susan!“ Der Stiefvater drückte die Schülerin eng an sich. „Komm, fahren wir nach Hause.“
 
„Ja.“ Susans Stimme war lediglich ein Hauch. Ihr Atem wurde in diesem kalten Winterabend als kleine Wölkchen sichtbar. Sie spürte, wie ihre Müdigkeit immer mehr drohte, überhand zu nehmen. So war sie unendlich dankbar, dass ihr Stiefvater sie stützte. Erschöpft ließ sie ihren Kopf zur Seite rollen, als sie den Wagen betreten hatte und zurück nach Hause gebracht wurde. Dort angekommen half ihr der Stiefvater, auszusteigen und stützte sie den gesamten Weg zum Hochhaus. „Ich glaube, ich kann wieder gehen“, flüsterte Susan, doch der Mann schüttelte den Kopf.
 
„Ich lasse dich jetzt ganz bestimmt nicht ohne Hilfe gehen“, meinte er. „Du klappst doch gleich zusammen, Liebes.“
 
So wurde sie vom Mann zum Aufzug und von dort aus zur Wohnungstüre geleitet. Kyle öffnete und starrte die Schülerin verwirrt und besorgt an. „Was ist passiert?“, fragte er leise, doch Susan reagierte nicht sofort.
 
„Mr. Smith ist passiert“, meinte sie schließlich. Am Ende ihrer Kräfte ließ sie sich auf die Couch im Wohnzimmer fallen, zog die Beine an und kuschelte sich an die Kissen, die zur Zierde gedacht waren.
 
„Was hat dieser Drecksack getan?“
 
„Wollte mich übers Knie legen.“ Sie atmete tief aus. „Wie immer.“ Ein verzweifelter Schluchzer entwich ihr, und sie hasste sich dafür. „Hat mich begrabscht.“
 
Kyle und Lucas sahen erst sich gegenseitig an, ehe sie ihre Aufmerksamkeit ihrer Stiefschwester zuwandten. Der Vater der Jungs sowie Susans Mutter waren leise miteinander sprechend ins Nebenzimmer gegangen, da sie die Schülerin nicht stören wollten, wurden nun allerdings hellhörig. „Wie immer?“, wiederholte Kyle ihre Worte. Susan nickte nur. „Begrabscht?“ Erneut ein Nicken. „Wo?“ Susan deutete auf ihre intimste Stelle. Der Blick ihrer Stiefbrüder wurde eiskalt und hasserfüllt.
 
„Kann nicht mehr“, murmelte sie. „Muss schlafen.“
 
Lucas nickte. Jonas und Anica Summers schritten zur Schülerin, um zärtlich ihre Haare zu streicheln. „Ruh dich aus“, flüsterte ihre Mutter und küsste ihre Stirn. „Wir regeln die Sache mit Mr. Smith.“
 
„Mhm“, machte sie nur noch, ehe sich die langen Wimpern über ihre dunkelgrünen Augen senkten und sie in einen traumlosen Schlaf glitt.
 
Jonas Summers und seine Frau deuteten den Jungs, mitzukommen. So ging Susans Familie ins Nebenzimmer. „Also“, begann Lucas. „Wo wohnt dieses Drecksstück?“
 
„Lucas –“
 
„Wo, verdammt noch mal“, wiederholte er, jedes Wort betonend, „wohnt er? Ich werde ihn umbringen. Niemand fasst meine Stiefschwester an oder legt sie übers Knie und kommt lebend davon.“
 
„Warte!“, meinte Anica Summers scharf. „Du wirst das nicht tun.“
 
„Werde ich nicht?“ Lucas‘ Blick wurde abfällig.
 
Anica seufzte. „Nein.“ Ihre Stimme war hart und duldete keinen Widerspruch. „Ich lasse nicht zu, dass du ins Gefängnis kommst.“
 
„Aber dass Susan belästigt wird, das lässt du zu?“
 
„Natürlich nicht!“
 
„Was sollen wir dann deiner Meinung nach machen?“, brachte Kyle sich ins Gespräch ein. Nun war sein Vater es, der antwortete.
 
„Wir gehen zu einem Anwalt. Wir werden Mr. Smith vor Gericht bringen und zu einer Strafe verurteilt sehen.“
 
Kyle und Lucas atmeten tief aus, ehe sie sagten: „Gut. Das machen wir. Dieser Mistkerl wird bekommen, was er verdient. Dafür sorgen wir höchstpersönlich.“


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