Es ist: 19-05-2019, 10:37
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Gendergerechte Sprache
Beitrag #1 |

Gendergerechte Sprache
Hallo liebes Forum,

wie viele von euch vielleicht wissen, hat sich in den letzten Monaten bzgl. einer dritten Geschlechtsoption in Deutschland und Österreich viel getan. Wenig überraschend ist es da, dass "gendergerechte Sprache" immer wieder Thema wird. Einigen wird nicht entgangen sein, dass die Verwaltung Hannovers zB. sich nun für geschlechtergerechte Sprache ausgesprochen hat. Im Wiener Magistrat gibt es hierzu auch einen Leitfaden, der helfen soll, das generische Maskulinum, das verwendet wird, um eine (unbekannte) Allgemeinheit anzusprechen, zu vermeiden.

Kennt ihr andere regionale (positive) Beispiele für den offenen Umgang mit Sprache, die möglichst alle Personen anspricht, ohne diese zu diskriminieren? Ich finde es toll, dass von "oben" solche Schritte gesetzt werden, auch wenn im praktischen Bereich womöglich viel davon Empfehlung bleibt.

Nebenbei bin ich auch über ein Wörterbuch gendergerechter Sprache gestolpert, das mit seiner Herangehensweise auch auf eine Sprache für nonbinäre Personen offen ist. (Die Abschaffung des generischen Maskulinum ist insofern gut, um Frauen sichtbarer zu machen, doch nonbinäre Personen finden sich wahrscheinlich z.B. in Arbeitnehmern genauso wenig wie in ArbeitnehmerInnen; Arbeitnehmer*innen, Arbeitnehmer_innen, Arbeitnehmer'innen wären inkludierende Möglichkeiten).

Ist gendergerechte Sprache ein Thema, das euch tangiert und beschäftigt? Haltet ihr es in euren Texten für vernachlässigbar oder habt ihr euch schon das ein oder andere Mal den Kopf darüber zerbrochen, wie das generische Maskulinum zu vermeiden wäre?

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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Beitrag #2 |

RE: Gendergerechte Sprache
Hey Sniffu,

ich muss ehrlich sagen, dass mir dieser geschlechtergerechte Sprache bisher nicht so gut gefällt, einfach weil alle bisherigen Lösungen umständlich sind. Ich finde es okay, wenn man in der Sprache vielleicht schreibt "Liebe Leser*innen" (ich schreibe das auf LT allerdings immer so: LeserInnen), das passt für mich.

Aber wenn ich mir vorstellen, in einem Text würde jedes generische Maskulin auf diese Weise ersetzt werden, dann liest sich das furchtbar und sieht auch bescheuert aus ... ich weiß nicht, ob das der richtige Weg für Geschlechtergerechtigkeit ist. Eher sehe ich es so, dass so noch mehr betont wird, dass es Männer und Frauen und entsprechende Unterschiede gibt.

Für mich ist das generische Maskulin okay, weil es sich für mich sehr gut liest und weil ich mich als Frau ebenso als Arbeitnehmer, Steuerzahler, ehemals Student usw. verstehe. Vor allem sind beim generischen Maskulin, wenn man es so versteht, auch alle anderen Geschlechtsvarianten mit eingeschlossen, während ein "Leser*innen" aussieht, als wären nur Männer und Frauen gemeint. Finde ich zumindest.

Viele Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #3 |

RE: Gendergerechte Sprache
Hallo Zack Icon_smile

Es ist auf jeden Fall umständlich, weil es ein Umdenken erfordert und wirkt auf den ersten (und zweiten und dritten) Blick befremdlich. Für mich ist der Umgang mit einer geschlechtergerechten Sprache auf jeden Fall eine Sache der (Um-)Gewöhnung.


Zitat:Für mich ist das generische Maskulin okay, weil es sich für mich sehr gut liest und weil ich mich als Frau ebenso als Arbeitnehmer, Steuerzahler, ehemals Student usw. verstehe. Vor allem sind beim generischen Maskulin, wenn man es so versteht, auch alle anderen Geschlechtsvarianten mit eingeschlossen, während ein "Leser*innen" aussieht, als wären nur Männer und Frauen gemeint.

Hmm. Interessant. Ich bin nicht sehr belesen, was feministische Schriften betrifft und bewege mich auch eher nur oberflächlich in solchen Kreisen, aber je mehr ich mich mit der Thematik beschäftige, desto mehr empfinde ich das generische Maskulinum als exkludierend, weil es - für mich - das stark bestehende sexistische Machtgefälle ausdrückt.

Varianten wie "Leser*innen" drücken durch den Zwischenraum der binären Formen Platz für all diejenigen aus, die sich zu den zwei bestehenden Optionen nicht dazugehörig fühlen. Mündlich äußert sich diese Leerstelle durch eine kurze Pause - es wird also nicht "Leserinnen" gesagt, sondern "Leser...innen". Ungewohnt? Keine Frage. "Unschön"? Vermutlich, da es ungewohnt ist.

Es hat mich persönlich so viel Überwindung gekostet, erste Texte auf diese inklusive Weise zu gendern, weil es sich a) anfangs "störend" gelesen und b) so akademisch gelesen hat, weil ich diese Schreibweisen nur aus fachlichen Texten kenne, nicht aber aus erzählenden. Wahrscheinlich lese ich zu wenig queere deutsche Sachen - im Englischen oder Japanischen besteht dieses Problem zB gar nicht, weil Substantive kein grammatikalisches Geschlecht kennen. In meinem konkreten Fall ging es zB um Personen, die bei der Polizei arbeiten, "Polizisten" zu schreiben, fühlte sich schlichtweg falsch an, weil ich keineswegs nur Männer meinte, sich dieses Wort für mich, die in dieser Hinsicht relativ sensibilisiert ist, rein männlich liest. "Polizist*innen" ist für mich eine der Möglichkeiten, die alle Personen der Polizei inkludiert, ohne sie über ihr Geschlecht zu bestimmen, das im besagten Kontext völlig irrelevant war.

Generell finde ich verallgemeinernde Aussagen mittels generischen Maskulinum auch furchtbar hässlich - "man tut etwas" klingt umgangssprachlich und nicht literarisch (verwende ich selbst ab und zu, die Ersetzung durch "mensch" oder "frau" sagt mir nicht zu, da man nicht gleichbedeutend mit Mann ist); "einem gefällt etwas" auch sehr salopp; "Jedem das seine" ist gerade noch so eine Redewendung, über die ich nicht stolpere, aber ganz glücklich bin ich auch nicht, wenn sie zB in einem Kontext von nicht männlichen Personen fällt.

Ich glaube, alle kennen den Begriff "Obmann", kennt ihr auch dieses Schmankerl vom Herrn Obfrau? Das ist ein herrlich kreativer Kniff, um die Vorzeichen umzukehren. Liest es sich komisch? Ja? Zeigt es, wie sehr wir uns an die maskuline Form gewöhnt haben, ohne sie zu hinterfragen? Ich finde ja.

Letztens habe ich in einem Wiener Schundblatt die Formulierung "die erste weibliche Assistentin im Fußballklub so und so" gelesen. Die, die das geschrieben haben, wollten wohl betonen, dass zum ersten Mal eine Frau dieses Amt bekleidet. Mal abgesehen davon, dass so eine Formulierung implziert, dass jetzt sogar eine Frau qualifiziert genug für den Job ist, ist sie total unglücklich ausgefallen. Aber ja, Schundblatt halt.

Ich weiß, dass viele einen Unterschied beim alltäglichen und literarischen Sprachgebrauch machen. Ich zB bin im Mündlichen nachlässiger als im Schriftlichen, einfach, weil ich noch nicht so firm in der Thematik bin und mir nicht immer auf die Schnelle adäquate Begriffe einfallen.

Ich weiß, dass sich gendergerechte Sprache für das ungeübte Auge schrecklich liest, aber wenn ich mir denke, wie sich nonbinäre Personen (und ja, ich habe einige in meinem engeren Umfeld) fühlen, wenn eine Allgemeinheit angesprochen wird, während aber genau solche Personen ausgespart werden, dann gehe ich gern den Schritt Richtung Veränderung. "Du bist eh mitgemeint" - und was ist so schwer daran, diese Personen auch explizit anzusprechen?

Das geht nicht gegen dich, Zack, das sind halt meine persönlichen Gründe, ein inklusives Gendern zu wählen und eher auf das generische Maskulinum zu verzichten, weil ich mich auch mitgemeint fühlen will.

Ich hoffe, dass diese Diskussion wenig emotional geführt werden kann, weil ich finde, dass gerade hier sehr interessante und verschiedene Ansätze gefunden werden können und sie ein Teil von Sprachwandel ist, der in diesem einen Moment stattfindet und es verschiedene Möglichkeiten gibt, darauf zu reagieren.

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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Beitrag #4 |

RE: Gendergerechte Sprache
Ernsthaft?
Puh! Ich weiß, Völker und Gesellschaften definieren - Zusammengehörigkeitsgefühl definiert sich - vor allem über Sprache. Aber wer glaubt denn daran, dass es Frauen gesellschaftlich besser geht, wenn man komische Sprachkonstrukte erfindet, nur um sie irgendwie "genderspezifischer" anzusprechen? Was macht sie denn dadurch gleichberechtigter?
Das ist pure Zeitverschwendung, selbst beim Lesen irritiert das nur - es ist viel zeitaufwendiger, einen Text zu erfassen, in dem Frauen genderspezifisch angeredet werden.

Das ist müßig! Icon_rolleyes

Edit: Hey, sniffu, Deine Antwort kam gleichzeitig mit meiner, und ich habe Deine noch nicht gelesen.


Mich kann man nicht komprimieren!

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Beitrag #5 |

RE: Gendergerechte Sprache
Hey Slainte,

Zitat:Aber wer glaubt denn daran, dass es Frauen gesellschaftlich besser geht, wenn man komische Sprachkonstrukte erfindet

Darum geht es nicht. (Die Auseinandersetzung mit) Gendergerechte( r) Sprache soll das Bewusstsein für Ungerechtigkeiten stärken, diese aufdecken und Minderheiten sichtbarmachen. Dass es sich dabei um kein Wundermittel handelt, sollte jeder Person klar sein. Das generische Maskulinum als gottgegeben hinzunehmen, kommt einem Totschweigen der nichtmaskulinen Gruppen gleich, und das ist mMn verwerflicher als darüber zu diskutieren, was die Verwendung solches bzw. das Aufbrechen mit sprachlichen Normen bedeutet. Allein dass darüber diskutiert wird, ist in meinen Augen ein großer Vorteil des Diskurses der gendergerechten Sprache.

Nonbinäre Personen werden gerne von der Mehrheit verleugnet, weil es den meisten Menschen nicht eingeht, dass nicht für alle das binäre System von Männlein und Weiblein funktioniert. Personen, die sich weder als Frau, Mann oder dem ihnen bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren, werden als krank stigmatisiert, mit Persönlichkeitsstörungen und dgl. Ist das nicht sehr anmaßend, einer anderen Person einreden zu wollen, ihr Identitätsgefühl sei falsch, sie müsse sich für das eine oder das andere entscheiden? Gendergerechte Sprache gibt diesen Personen Raum, ohne sie in Rollen zu zwängen, die nicht zu ihnen passen. Ich stimme dir zu, das Schriftbild ist für einen ungeübten Blick anders, wenn nicht sogar gestört, aber ist das denn wirklich so schlimm, wenn man die Möglichkeit bieten will, dass sich alle Leser*innen zur Identifikation mit deinen Protagonst*innen eingeladen fühlen sollen?

Dh. nicht, dass ich dafür appelliere, fortan nur noch queere Charaktere zu schreiben, aber gerade wenn Verallgemeinerungen verwendet werden, bin ich dafür, dass wirklich alle Menschen angesprochen werden und nicht nur die, die sich mit dem generischen Maskulinum identifizieren.

LG

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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