Es ist: 24-10-2020, 04:58
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Cyberpunk-/Dystopie-Indonesien (Teil XVIII und XIX)
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Cyberpunk-/Dystopie-Indonesien (Teil XVIII und XIX)
Die nächsten beiden Kapitel; noch unbearbeitet. Da es mein Ziel war, die Geschichte einfach mal weiterzuschreiben, ergänze ich ich dennoch bereits, auch wenn es sicher noch Änderungen geben wird.
...


XVIII
 
Schlagartig riss Samayanti die Augen auf. Ihr Nacken schmerzte, ihr Rachen fühlte sich ausgedörrt an, so als habe sie schon seit Stunden nichts mehr getrunken. Der Mann, ihr Entführer, saß auf einem einfachen Plastikhocker in der Ecke des kahlen Raumes, ein Patch auf der nackten Haut seiner muskulösen Schulter. Es war warm und stickig. Samayanti spürte den Schweiß an sich hinablaufen. Schon wieder konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, was genau geschehen war. Sie war vor dem Mann mit der Waffe geflüchtet, dann hatte er sie von hinten gepackt. Doch plötzlich war alles um sie herum in Dunkelheit versunken. Siti! Das Mädchen! Panisch blickte Samayanti sich um, doch sie war alleine mit dem Mann. Dann besann sie sich eines Besseren, atmete tief durch, versuchte zur Ruhe zu kommen. Der erste Moment des Schreckens verflüchtigte sich. Sie war in einer Situation gefangen, in der sie Ruhe bewahren und ihren Verstand einsetzen musste.
„Warst du auf einer Pesantren?“, eröffnete der Mann schließlich das Gespräch, nachdem er eine ganze Weile einfach nur stumm auf seinem Hocker in der Ecke des Raumes gesessen und sie angeschaut hatte. Samayanti mied den direkten Blickkontakt und doch hatte sie widersprüchliche Gefühle in diesem Gesicht erkannt, die der Mann nur nach und nach hinter seine Fassade hatte einkerkern können. Vielleicht gab es in diesem Mann einen Hebel, den sie nutzen konnte. Sie musste mehr über das, was hier geschah, herausfinden. Nur dann konnten Siti und sie vielleicht von hier verschwinden. Bei dem Gedanken daran, wie ähnlich sie ihrem Vater war, lief ihr ein Schaudern über den Rücken. Aber anders als ihr Vater, würde sie ihre Fähigkeiten für etwas Gutes einsetzen.
„Ich werde Ihre Frage nur beantworten, wenn Sie mir sagen, was mit dem Mädchen ist“, erwiderte sie in einem fordernden Ton.
Der  Mann lächelte, so als habe er ihre Reaktion erwartet.
„Dem Mädchen geht es gut. Es ist im Raum nebenan. Wirst du nun meine Frage beantworten?“
Natürlich war das noch lange kein Beweis dafür, dass es Siti wirklich gut ging, aber im Tonfall des Fremden hatte Samayanti eine gewisse Ungeduld ausgemacht und sie wollte die vielleicht einzige Möglichkeit, mehr über ihre Situation herauszufinden, nicht vorüberziehen lassen. Sie musste ihm also wohl vorerst Glauben schenken.
„Ich war auf keiner Pesantren“, antwortete Samayanti ruhig, versuchte ihre Neugier zu unterdrücken, weshalb ihr Entführer diesen seltsamen Gesprächseinstieg gewählt hatte – oder weshalb er sich überhaupt mit ihr unterhielt.
„Ich schon“, fuhr der Mann fort, und es war Samayanti, als würde der Blick seiner Augen weit in die Vergangenheit reisen, als würde er gar nicht mit ihr sprechen, sondern als seien die Worte an sein vergangenes Ich gerichtet, das irgendwo auf dem langen Weg bis hierher verloren gegangen war.
„Sie sind es, die das Übel über diese Gesellschaft gebracht haben. Sie und andere.“
Bitterkeit erfüllte die Stimme des Mannes, durchdrang die Fassade, die er nur mit Mühe aufrechterhielt, wie der Saft der Longan-Frucht, wenn man sie in der Hand hielt und langsam zerdrückte.
„Sicherlich gibt es auch viele gute Pesantren“, warf Samayanti ein, als der Mann nicht weitersprach.
„Eine Schule ist immer nur so gut wie ihr schlechtester Lehrer. Der radikale Islam hat dieses Land im Griff und die Demokratie ist zu schwach, um dagegen etwas zu unternehmen.“
Er hob den Arm, die Finger zur Faust geballt. Samayanti war sich sicher, dass der Mann noch mehr erzählen würde, wenn sie geschickt vorging. Ihm lastete etwas auf der Seele, das spürte sie. Ihr Vater hatte sie gelehrt, diese Dinge in einem Menschen zu erkennen. Sie hatte mit ihrem Vater selten übereingestimmt, aber dass er die Macht besessen hatte, Menschen zu lesen und dieses Wissen dazu zu nutzen, sie zu manipulieren, das hatte auch sie nicht leugnen können. Einmal, wenigstens ein einziges Mal, wollte Samayanti nicht wegschauen, wollte sie etwas bewegen und sich ihrer Verantwortung stellen, denn Siti hatte mit dem, was hier geschah, nichts zu tun. Doch dazu würde sie ihre Kräfte mit diesem widersprüchlichen Mann, der ihr gegenübersaß, messen müssen.
„Der Islam ist Teil unserer Kultur. Genau wie der Hinduismus und Agama Jawa* es sind“, sprach sie. Es war das, was man ihr beigebracht hatte. Aber war das auch wirklich die Überzeugung, die sie teilte? Religion war etwas, über das sie bisher nur selten nachgedacht hatte. Erneut musste sie an Siti denken, und an das Gebet. Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als der Mann ihr antwortete.
„Sie sind auf die Straße gegangen, fordern Minister Sinagas Blut, da er den Propheten beleidigt habe“, sprach er. „Und in einem Dorf haben sie eine Frau gesteinigt, die man des Ehebruchs beschuldigte.“ Seine Stimme klang nun absolut ruhig, fast tonlos.
Samayanti schluckte, und noch immer fühlte sich ihr Hals trocken an wie ein in der prallen Sonne liegender Stein. Sie hatte von dem Vorfall gehört. Wie konnten Menschen nur so etwas tun und glauben, es sei rechtens?
„Sie haben sich blenden lassen“, erwiderte sie ihm, darum bemüht, ihre ermüdende Stimme nicht versagen zu lassen.
Langsam öffnete der Fremde seine Hand und schloss sie dann wieder, so als müsse er sich daran erinnern, dass sie noch da war.
„Sie haben sich blenden lassen, weil sie die Wahl dazu hatten. Der Mensch ist schwach. Schwach und unwissend. Er hört das, was er hören möchte.“
„Mein Vater ist tot, wie Sie sicherlich wissen. Sie können ihn nicht mehr erpressen, wenn es das ist, was Sie mit mir vorhaben“, wechselte sie das Thema und forderte ihn damit erneut heraus.
Der Fremde lächelte, und ihre Blicke trafen sich in der schwülen Stille des Raumes.
„Du bist eine kluge Frau, Samayanti. Natürlich gibt es da noch deinen Onkel.“
„Mein Onkel lässt sich nicht erpressen. Er ist so gefühlskalt wie ein Cicak“, gab sie trotzig zurück.
„Wir werden sehen“, erwiderte der Mann nur abschließend und erhob sich. Sein Körper strotzte vor Kraft und Agilität, aber dennoch gelang es ihm nicht, diese Zerrissenheit, die sich hinter seinen dunklen Augen verbarg, gänzlich vor ihr zu verstecken. Sie war der Hebel, und Samayanti wusste es.
Anders, als sie erwartet hatte, ließ er sie aber noch nicht alleine. Stattdessen kam er näher an sie heran, und plötzlich ergriff sie jene Furcht, die sie bisher hatte zurückhalten und in sich begraben können. Sie spürte ihre Halsschlagader pochen, während sich eine erdrückende Lethargie in ihren Gedanken ausbreitete und die Schärfe ihres Verstandes zerfasern ließ.
Als er direkt vor ihr stand, blickte er auf sie herab. Sie wollte aufstehen, wollte ihm auf Augenhöhe gegenübertreten. Aber sie schaffte es nicht. Ihr Körper blieb starr. Unfähig, sich zu bewegen.
„Und jetzt … jetzt wirst du mir alles ganz genau erzählen. Alles, was sich im Haus deines Vaters zugetragen hat.“          
Sie konnte seinen heißen Atem förmlich spüren, als sei es der Hauch des Todes selbst, der nach ihr griff.
 
 
XIX

Tika war sich nicht sicher, welche Tatsache sie mehr schockierte. Dass Wu sich ihr für die Ermittlungen angeschlossen hatte, nachdem er ihr auch noch das Leben hatte retten müssen, oder dass Diriyanto ihr mitgeteilt hatte, dass weder AIPTU Chang noch sein Kollege, wie es das Protokoll eigentlich verlangte, irgendwelche Aufzeichnungen ihres Sensoriums gemacht hatten, bevor sie erschossen worden waren. Die Zähne zusammenbeißend versuchte Tika, den Gedanken daran, dass sie sehr bald schon die Schreiben an die Familien ihrer verstorbenen Untergebenen würde aufsetzen müssen, aus ihren Überlegungen zu verdrängen. Aus ihrem Herzen würde sie ihn nicht verbannen können. Zwei Menschen waren hier gestorben. Ausgelöscht in einer düsteren, verwahrlosten Gasse, die Gesichter fast bis zur Unkenntlichkeit von automatischen Geschosssalven zerfetzt.
Sie musste sich jetzt darauf konzentrieren, diesen Fall zu lösen, das Puzzle zusammenzusetzen. Nur damit konnte sie den Toten Genugtuung verschaffen und sie ehren.           
Tika beugte sich zu dem Jungen, Kadek, hinab. Noch immer war ihm der Schrecken anzusehen, den das Verschwinden seiner Schwester bei ihm ausgelöst hatte. Mit einem Blick in Richtung des alten Mannes, der schräg gegenüber, im Schatten eines ähnlichen Hauseingangs auf einem einfachen Schemel hockte, sprach sie den Jungen aufmunternd an. 
„Möchtest du mir helfen?“     
Mit großen Augen schaute der Junge sie an und nickte dann eifrig.   
„Was kannst du mir über den Mann dort drüben sagen?“
Kadek musste nicht lange überlegen. Er schien den Mann gut zu kennen. „Sein Name ist Pak Guo, Ibu. Pak Guo ist blind und … na ja, ein bisschen schwer von Begriff.“ 
Kadek konnte sich ein spitzbübisches Lächeln nicht verkneifen, und in all dem heuchlerischen Beiwerk, das diesen Fall begleitete, war das kurze, freche Lächeln des Jungen ein für Tika derart kostbarer und ehrlicher Moment, das sie ihn am liebsten eingefangen und festgehalten hätte. Doch dann war der Moment vorbei, und der Junge sprach schnell weiter.
„Pak Guo ist ein guter Mann, Ibu. Sicher hat Pak Guo nichts mit … nun … mit dieser Sache hier zu tun.“   
Die Miene des Jungen verdunkelte sich wieder und er ließ den Kopf hängen. Das Mädchen an seiner Seite, das bisher geschwiegen hatte, rückte näher an ihn heran und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter.    
„Es wird alles gut werden, Ka. Mach dir keine Sorgen. Ibu Suryono wird Siti wiederfinden.“           
Kadek hob den Blick. Und auch das Mädchen, Sahara, blickte sie nun an. „Ja, das werde ich. Das verspreche ich euch. Und ich brauche eure Hilfe. Vielleicht hat Pak Guo etwas bemerkt, das mir helfen kann.“  
„Aber Pak Guo ist blind …“, sprach das Mädchen, nun doch Verunsicherung in seiner Stimme.          
„Das mag sein. Aber Blinde haben oft ein sehr gutes Gehör. Kannst du das bestätigen, Kadek?“         
Kadek nickte mehrmals.         
„Ja, ja, es stimmt. Manchmal spielen wir mit Pak Guo fangen. Selbst, wenn wir ganz still sind, dann kann er trotzdem verfolgen und weiß, wo wir sind.“     
Sahara machte großen Augen. Endlich kehrte das Lächeln in ihr Gesicht zurück.                 
„Ich danke dir, Kadek. Du hast mir sehr geholfen“, verabschiedete sich Tika von den beiden Kindern. Als sie sich wieder erhob, stand Diriyanto neben ihr.          
„Denken Sie wirklich, das bringt uns weiter?“, fragte er mit seiner sanften Stimme, die aber dennoch eine gewisse Skepsis bezüglich ihrer Ermittlungsmethoden nicht kaschieren konnte.              
„Die Kinder sind bereits befragt worden. Wir sollten auf die Ergebnisse der Spurensicherung warten.“          
„Es gibt einen Zeugen“, erwiderte Tika mit fester Stimme, und Diriyanto musterte sie neugierig dabei.                      
„Einen Zeugen? Wie kommen Sie darauf? Hier lebt sonst niemand. Und das aus gutem Grund.“          
Tika nahm die unterschwellige Ablehnung, die der andere Beamte gegenüber diesem Ort empfand, wahr und fast hätte sie ihm eine bissige Antwort darauf entgegengeworfen. Aber es gab Wichtigeren zutun.          
„Der Mann dort drüben. Sein Name ist Pak Guo. Er lebt nicht weit entfernt. Möglicherweise hat er etwas mitbekommen“, erklärte sie stattdessen mit ruhiger Stimme und blickte dabei in Richtung des Hauseingangs, in dem Pak Guo noch immer absolut regungslos saß.    „Der Mann ist blind“, merkte Diriyanto trocken an, und innerlich erfreute sich Tika daran, wie schnell doch Diriyantos Gentleman-Fassade zu bröckeln begann, wenn man sie nur der richtigen Umgebung aussetzte.           
„Und sein Gehör ist ausgezeichnet, wie mir der Junge bestätigt hat.“
Diriyanto hatte bereits eine Erwiderung auf der Zunge, doch Wu, der in diesem Moment aus dem Haus trat, kam ihm zuvor. Dass Diriyanto ihn bisher nicht hatte vom Tatort vertreiben können, war wieder einmal ein deutliches Zeichen dafür, über wie viel Einfluss die großen Konzerne in Jabotabek verfügten. Dafür sprachen Diriyantos Blicke allerdings Bände. „Eine interessante Idee. Einen Versuch ist es wert“, schloss sich Wu ihrer Einschätzung an. Diriyanto gab sich nicht die Blöße, seinen Unmut durch ein Schnauben oder dergleichen kundzutun. Immerhin war er nicht wie Tika. Und auch das erfreute sie ungemein.    
Zehn Minuten später wusste Tika das, worauf sie gehofft hatte. Pak Guo, obwohl eindeutig in seinen geistigen Kapazitäten äußerst beschränkt, war ein liebenswürdiger Mann, der sich sehr um das Wohl der Kinder sorgte. Er antwortete präzise auf ihre Fragen, ließ sich aber zu keiner Zeit dazu hinreißen, ins Plaudern zu verfallen. Tatsächlich hatte er in dieser Nacht etwas gehört. Sowohl der Sturz der beiden POLRI-Beamten als auch die Bewegungen ihres Gegners waren ihm nicht verborgen geblieben. Ein einzelner Mann sei es gewesen, erklärte er ihr, der das Haus zu später Stunde aufgesucht habe. Tika erkannte sofort, dass Guo Schwierigkeiten damit hatte, die gewechselten Worte wiederzugeben, dafür konnte er ihr umso genauer beschreiben, wie sich der Mann bewegt hatte. Sogar Richtungsangaben und Entfernungen vermochte er wiederzugeben.  
Mit Hilfe dieser Angaben, war es Tika zu schlussfolgern möglich, dass der Angreifer Siti und Samayanti durch das Haus und in den schmalen Innenhof hinein verfolgt hatte. Er hatte sich der gegenüberliegenden offenen Tür mit raschen Schritten genähert, war dann aber wieder ein Stück zurückgegangen. Doch weshalb? Tika schaute sich den Innenhof genau an und lächelte entschlossen, als sie den Grund fand. Es war ein Loch in der Mauer, verdeckt durch die Wäsche, die hier aufgehängt war. „Da sind sie durch.“     
Wu nickte anerkennend. Diriyanto schwieg, ging aber bereits zurück, um das Haus zu umrunden und sich die andere Seite der Mauer anzuschauen.
Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich eine Gasse.     
„Welche Richtung?“, fragte er, anscheinend nun doch gewillt, sich an der Arbeit zu beteiligen.       
„Entgegengesetzt zu der Richtung des Angreifers. Sie wollten ihn glauben lassen, sie seien weiter in die ursprüngliche Richtung geflohen. Deshalb macht es nur Sinn, dass sie nach dem Trick mit der Mauer in der entgegengesetzten Richtung weitergelaufen sind“, analysierte Wu die Lage, und Tika nickte ihm anerkennend zu.          
„Das denke ich auch. Kommen Sie, wir gehen die Gasse in dieser Richtung entlang.“           
Kurze Zeit später trafen sie auf eine Abzweigung, die zum Kanalufer hinab führte. Kahler, aufgerissener Beton. Eine schmale Gasse. Dreck. „Da runter. Zum Kanal.“  
Diriyanto und Wu schlossen sich ihr an. Der Spaziergang am Kanalufer war sicherlich nicht Diriyantos Vorstellung davon, seinen Tag zu verbringen, aber Tika kümmerte sich nicht darum. Sie war jetzt ganz in die Ermittlungen vertieft und musterte die Umgebung aufmerksam und mit allen Sinnen. Es war allerdings Wu, der den Hinweis entdeckte. Er befand sich unter der nächstgelegenen Kanalbrücke, kaum auszumachen unter all den Kunststoff- und Metallteilen, die am Kanalufer verstreut lagen. Wu hob den kleinen Gegenstand, eine violette Haarspange, auf und reichte ihn freundlicherweise direkt an Tika weiter. 
„Sie haben einen guten Blick.“           
„GarudaOptics“, erklärte Wu mit seinem typischen Businesslächeln. Tika hatte bereits vermutet, dass Wu eine ganze Menge Tech und Implantate mit sich herumschleppte. Für einen Konzern war das weitaus eher zu stemmen, als für den Staat.   
„Ibu Suryono, ich denke nicht, dass uns dieses … Ding irgendwie weiterbringt“, mischte sich Diriyanto ein. 
„Das ist ein Hinweis, Pak. Die Spange hat dem Mädchen gehört.“     
Diriyanto, obwohl nach außen hin noch immer recht gelassen, war kurz davor die Beherrschung zu verlieren. Tika konnte es an kleinen Anzeichen in seiner Mimik und vor allem seiner Körperspannung erkennen. Zu gerne hätte sie es erlebt, wie Diriyanto vollends die Fassung verlor. Doch vor Wu würde er sich diese Blöße nicht geben.
„Was bringt Sie zu der, wie ich doch sagen würde, weit hergeholten Annahme?“, fragte er stattdessen.     
„Eine identische habe ich im Haus im Schlafzimmer gesehen. Das Mädchen oder aber Samayanti ist wesentlicher scharfsinniger als wir es uns eingangs vorgestellt haben. Das beweist sowohl der Trick an der Mauer, als auch der Richtungswechsel. Die Spange ist ein Hinweis.“       
„Ein Hinweis wofür?“, sprach Diriyanto langsam, das letzte Wort besonders betonend.       
„Ich weiß nicht“, gab Tika zu und konnte ein Schnauben nicht verhindern, was ihr einen neugierigen Blick Wus einbrachte.                 
„Vielleicht sind am Kanalufer entlang weitere Hinweise“, warf er ein, während er sie anschaute.       
„Sie meinen im Sinne von Brotkrumen?“ Tika schüttelte den Kopf und dachte angestrengt nach, versuchte, sich in die Lage der Opfer zu versetzen. „Das glaube ich nicht. Wir müssen uns hier umsehen. Die Spange ist ein Hinweis darauf, dass wir uns hier umsehen sollen.“     
Und wieder war es Wu, der die Fährte aufnahm. Diesmal war es ein kleiner Pfeil an der Kanalwand, direkt unter der Brücke. Er zeigte nach oben und war ungenau mit Lippenstift gemalt worden. Tika blickte nach oben, musterte die Unterseite der alten Kanalbrücke, einem schlichten Betonklotz, der den Kanal überspannte.    
„Nach oben“, wies sie an und machte sich auf den Weg zu den Treppenstufen, die seitlich nach oben zur Straße führten.
Oben auf der Straße gab es nicht viel. Keine Sensoren des Verkehrsleitsystems, keine Kameras der Verkehrssicherheit, nicht einmal Ampeln. Auf einer Seite war das verrostete Geländer der Brücke durchbrochen. Spuren eines Unfalls, der sicher tödlich geendet hatte. An einem der Brückenenden, direkt vor einer nicht einsehbaren Gasse, die entlang der gegenüberliegenden Kanalseite entlangführte, hing an einer Gebäudeecke ein alter Verkehrsspiegel, der Auffahrunfälle verhindern sollte. Dann bemerkte Tika das kleine Spielzeug, das direkt am Geländer der Brücke lag, beinahe in den Kanal gefallen wäre, als man es dort hingeworfen hatte. Tika lächelte zufrieden. Sie hatte den Hinweis gefunden.      
„Haben Sie etwas gefunden?“, rief Wu von der anderen Straßenseite. Tika hielt das Spielzeug hoch und wartete, bis Wu und Diriyanto bei ihr waren.         
„Was ist das?“, fragte Diriyanto sofort.          
„Ein Spielzeug. Eine kleine Drohne. Ganz simpel. Die Kinder meiner Cousine haben so etwas in der erweiterten Fassung. Es interagiert mit den Kindern, ist ihnen ein Spielgefährte, Lehrer, Beistand“, erklärte sie. Diesmal wirkte selbst Wu skeptisch. Er wollte gerade etwas sagen, als Tika plötzlich zu lachen anfing. Diriyanto blickte sie sichtlich irritiert an. „Chief Inspector Suryono …“, begann er, doch Tika schnitt ihm einfach das Wort ab.        
„Jetzt weiß ich, was die Kleine gemacht hat. Schlau. Sehr schlau.“ Sie hielt das Spielzeug, sodass die beiden es sehen konnte. „Mit dieser Drohne kann man Fotos machen.“    
„Suryono, das ist mir und Herrn Wu bewusst. Aber Sie glauben doch nicht wirklich, dass der Angreifer es nicht gemerkt hätte, wenn das Mädchen ihn hiermit fotografiert hätte. Die Spange und den Lippenstift hat er sicher in der Eile nach dem Kampf gegen die Beamten übersehen können, aber … .“ 
„Nein, Sie verstehen nicht, Diriyanto“, schnitt sie ihm wieder barsch das Wort ab und ließ seine wohlgeformten Gesichtszüge dabei fast entgleisen.       
„Wenn sie das getan hat, was ich denke, dann hat sie den Spiegel fotografiert!“, fuhr sie rasch fort und deutete auf den Verkehrsspiegel an der Ecke des baufälligen Gebäudes. Schnell verknüpfte Tika die Spielzeugdrohne mit ihrem Konek, um etwaige Bilder sofort bearbeiten zu können. Volltreffer! Das Mädchen hatte nicht nur ein Bild gemacht, es musste mehrere Sekunden lang wie panisch immer wieder den Auslösesensor betätigt haben. An der Brüstung stehend, darauf wartend, dass der Angreifer ihr befahl, in den Wagen zu steigen, hatte sie die Spielzeugdrohne vor seinem Blick verborgen und aus dem Handgelenk heraus versucht, den Spiegel zu fotografieren. Da ein gezieltes Foto nicht möglich gewesen war, hatte sie auf Quantität gesetzt. Tatsächlich zeigten die meisten der entweder verwackelten und grundsätzlich an Qualität mangelnden Bilder noch nicht einmal den Spiegel. Doch eines der Bilder war jener Volltreffer, auf den Tika gehofft hatte. Es zeigte das spiegelverkehrte Bild einer Wagenfront. Erleichterung durchfuhr sie wie eine Woge der Zufriedenheit. Und ihr anfänglicher Respekt für das Mädchen machte noch einmal einen Satz nach vorn. Das wird nicht umsonst gewesen sein, Kleine. Ich werde dich finden. Und damit auch Samayanti.       
„Wir leiten sofort eine Suche nach dem Wagen samt Nummernschild im System ein. An irgendeinem Knotenpunkt wird der Wagen eine Abfrage des Leitsystems durchgangen sein“, verkündete sie. Und diesmal war es Wu, der ihr anerkennend zunickte.

...
*Agama Jawa = Bezeichnung für die vor-islamische und vor-hinduistische Religion Javas, die unter anderem animistische Züge aufwies und sich im Laufe der Zeit mit dem Islam, Buddhismus und Hinduismus zu einem Synkretismus entwickelt hat.
*Cicak = Kleine Eidechsen, die überall rumlaufen - draußen und auch drinnen Icon_smile

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