Es ist: 16-06-2019, 14:51
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Alle zu Besuch
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Alle zu Besuch
Doña Marta genoss immer, am Morgen einkaufen zu gehen. Die Luft war dann immer so klar, so rein. Vom Meer wehte eine frische Brise, die das Atmen angenehm und das Laufen leicht machte. Das war in ihrem Altern schon viel wert. Stolze 89 Jahre zählte sie schon. Und sie sorgte immer noch ganz alleine für sich. Das große Haus, etwas außerhalb der Stadt war ihr zwar schon lange eher zu einer Last geworden, zu viele Treppen führten zu einem Haus mit zu vielen Treppen, große, leere Räume, knackende Wände, und einen Anstrich hätte der riesige Kasten auch mal wieder gebrauchen können.

Aber sie liebte den Garten. Es war ihr kleines Paradies und sie verbrachte jede freie Minute im Schatten ihrer geliebten Orangenbäume, zwischen den Dattelpalmen, unter den großen Blättern der Feigen oder unter der alten Metallpergola mit den großen, weißen Rosen. Ja, das war das Paradies auf Erden. Aber es war auch ein ziemlich einsames Paradies. 

Hier lebte niemand außer ihr und ihren drei Katzen Cristina, Isabel und Ramón, die langsam auch in die Jahre kamen und Mäuse lieber beobachteten als fingen. Aber das war das Leben, es musste weitergehen, auch wenn sie ihren geliebten Martín schon jeden Tag schmerzlich vermisste. Ohne ihn war das Bett plötzlich so riesig.
 
Wie sehr hatte sie sein Schnarchen gehasst, es gehasst, dass er mindestens fünfmal in der Nacht in den Nachttopf gemacht hatte, er hatte gewühlt, sie an den Rand des Bettes geschoben. Jetzt war es still im Schlafzimmer. Schrecklich. Als erstes hatte sie die lauteste Uhr des Hauses in das Zimmer gestellt, aber viel besser geschlafen hatten sie noch immer nicht. Erst seitdem sie alle Decken, die sie finden konnte, zu einem riesigen Haufen auftürmte, der ihr nur eine kleine Ecke im Bett frei ließ, da schlief sie wieder gut. Puh. Erst einmal kurz verschnaufen.

Benifallet war eine schöne Stadt, aber sie lag an die Klippen geschmiegt direkt an der Küste und es gab eigentlich überall Treppen oder steile Anstiege. Sie war zwar nun auf dem Weg nach unten, zur großen Markthalle am Hafen, aber das war trotzdem ziemlich anstrengend.

Sie rückte ihr Schultertuch zurecht, kontrollierte ihren strammen Haarknoten und wedelte sich dann mit ihrem schön bemalten Fächer, ein Geschenk ihrer ältesten Tochter Mercedés, ein wenig laue Luft zu. 

„Buenos dias, Doña Marta!“ zwei Damen mittleren Alter überholten sie und nickten ihr freundlich zu. „Buenas dias, señoras! Heiß ist es heute, nicht wahr?“ „Oh ja, ein wirklich heißer Sommer. Geht es zum Markt?“ „Ja, zum Markt. Ich muss frischen Fisch kaufen. Ich bekomme nämlich Gäste!“ die alte Dame strahlte über das ganze Gesicht.

„Ach, das ist ja schön!“ meldete sich die andere, eine pferdegesichtige Dürre mit sehr viel Gesicht und noch mehr Zähnen. Hernanda oder so ähnlich. „Ja, ein volles Haus werde ich haben. Du meine Güte, ich habe schon lange nicht mehr für so viele Menschen gekocht!“ „Oh, wer kommt denn alles?“ „Alle, es kommen wirklich alle. Mercedés mit ihrem Mann Juan und den beiden Kindern, Juana mit Miguel, natürlich Pedro mit Sancha und, das freut mich besonders, Felipe kommt auch!“

Sie strahlte noch immer und auch die Dürre lächelte, die andere, eine kleine Dicke mit einem enormen Busen, der jeden Moment aus dem Kleid zu platzen drohte – Marta fühlte sich von ihr regelrecht bedroht – lächelte dagegen etwas gezwungen und säuerlich. „Ach, wie nett. Jaja, das wird schon ganz schön Arbeit sein, für so viele Leute zu kochen, wir müssen dann aber auch weiter. Einen schönen Tag noch Doña Marta!“ 

Und schon gingen sie weiter, die Dicke tuschelte etwas und das Pferdegesicht blickte nochmal zurück. Ihr Blick wirkte ziemlich seltsam. Ach, diese Frauen hatten wirklich nichts im Kopf, wie die jemals einen Mann gefunden hatten. Andererseits, Pepe García y Vendell, der Mann der Dicken, war ein wirklicher Schwachkopf und der fetteste Kerl, den Marta je gesehen hatte – und als Frau eines erfolgreichen Kaufmannes hatte sie eine ganze Menge Menschen gesehen. Er roch immer nach Schweiß, überdeckt von einem penetranten Parfüm, dass sie immer an ihren Komposthaufen denken lassen musste. Haarige Wurstfinger… das Hemd immer etwas zu weit aufgeknöpft. Es schüttelte sie… gut das ihre Jungs besser geraten waren, ganz der Vater, immer gepflegt, immer höflich. Sie hatte wirklich die besten Jungs auf der Welt.

Und deswegen musste sie jetzt auch weiter. Pedro liebte frischen Tintenfisch, Felipe gebratenen Fisch, die Mädels liebten ihre kalten Gemüsesuppen, ihre Männer schworen dagegen, dass sie die besten Fleischbällchen in Mandelsoße auf der ganzen Welt machte. Also würde sie alles machen, einfach alles. Und dazu Brot, Salat, natürlich Oliven, ein wenig Käse – und sie brauchte Wein. Gut, dass sie noch immer gute Kontakte hatte und man ihr die schweren Einkäufe nach Hause tragen würde.

Langsam wurde es voller auf den Straßen, trotz der frühen Morgenstunde. In Llerída war es fast das ganze Jahr hindurch warm, im Sommer, der hier sechs Monate dauerte, brüllend heiß. Die Menschen hatten gar nicht erst versucht dagegen anzukämpfen. In Llerída lebte man am Morgen, dann verbrachte man den heißen Mittag zu Hause, im Schatten, in einem Park oder auch am Strand, wo man an kleinen Buden allerlei Meeresgetier serviert bekam. Am späten Nachmittag schüttelte man dann die Müdigkeit wieder ab und bis spät in die Nacht tobte das Leben.

Seitdem immer mehr ausländische Besucher kamen gab es immer irgendwo ein Fest, eine Tanzaufführung, ein Feuerwerk. Sie liebte das. Die Stadt war wirklich wunderschön, vielleicht die schönste im Königreich. Jeder sollte sie kennen lernen, mit ihren weißen Häusern, den engen Gassen, den Plazas und Gärten, den Orangenbäumen, den Palästen der Reichen, dem großen Tempel für die Santa Madre, „El Templo de nuestra Señora de la Gracia“ mit seinem enormen Turm und natürlich mit dem weitläufigen Sommerpalast der königlichen Familie. Dazu Markthallen, hunderte von Cafés, Restaurants… und die nettesten Menschen der ganzen Welt.

Sie lachte leise, während sie sich ihren Weg durch das dichter werdende Gedränge der Calle de Larios bahnte. Immer wieder lüpften Männer ihre Hüte und Frauen nickten ihr zu. Man kannte sie. Sie hatte den Fisch bereits einige Tage zuvor vorbestellt, also gab es eigentlich keinen Grund zur Eile… und sie verspürte ein leichtes Hüngerchen. Hüngerchen. 

Das hatte ihr Mann immer gesagt. Sie hatte sich immer darüber lustig gemacht. Er war Zeit seines Lebens ein dürrer Kerl gewesen, groß, schlaksig. Die dickste Stelle seiner Arme waren die Ellenbogen hatte einer der Schwiegersöhne mal im Spaß gesagt. Trotzdem hatte er ständig irgendetwas gekaut, am liebsten Süßes. Wenn sie früher, bevor er krank geworden war, zusammen in die Stadt gegangen waren, dann hatte er immer ein zweites Frühstück gebraucht, egal wie lang oder kurz das erste zurücklag.

Am liebsten hatte er Churros gegessen, ganz traditionell mit der heißen und dickflüssigen Schokolade aus Kiba, danach noch einen Kaffee und eine kleine Zigarre… sie mochte Churros gar nicht so gerne, aber irgendwie war ihr heute danach. Gut, dass es die überall gab.

Sie setzte sich an einen der kleinen Tische eines der zahlreichen Cafés. Das hier kannte sie gut, es war sein liebstes gewesen. Der Kellner kannte sie auch, natürlich. Sie bestellte bei dem Mann, der schon sicherlich seit 40 Jahren hier arbeitet, als kleiner Junge angefangen, jetzt ein Großvater mit Haarkranz und Bauch, Churros, Schokolade und einen Kaffee. Sie wollte heute einfach an ihn denken. Morgen, wenn das Haus voll war, dann würde sie auf ihn anstoßen. Heute feierte sie ihn ganz allein und egoistisch mit fettigen Krapfen, zu viel Zucker und einem ungesund-köstlichen Kaffee, der ihr Herz flattern ließ.

Doña Sofia und ihre unverheiratete Schwester, Cohibida, die trotz ihrer fünfzig Jahre darauf bestand, dass man sie Señorita nannte, tauchten plötzlich auf. „Ach, Doña Marta, welche eine Freude!“ rief die ältere, verheiratete aus. Ihre säuerliche Schwester nickte nur,  ihr Mund kroch in eine seltsame Form… das war… oh bei der heiligen Mutter, das war tatsächlich ihre Version eines Lächelns.

Die beiden Schwestern wurde auch als Señoras Horrorosas bezeichnet, sehr treffend fand sie in diesem Moment. Sofia war wie immer aufgetakelt wie ein Prozessionswagen. Man hörte sie sicherlich schon lange bevor man sie sah. Sie trug ein hautenges, weißes Kleid mit einem penetranten Muster aus Schmetterlingen und Blüten, das zu allem Überfluss nur knapp über ihre Knie reichte und hinten eine Art gebauschte Schleppe hatte. Das Kleid, das Mühe hatte, Sofia in sich zu behalten, schien bei jeder Bewegung um Hilfe zu rufen. Ihr schon deutlich nach unten gesunkener Busen wäre eigentlich fast in ganzer Pracht zu sehen gewesen, so tief war der Ausschnitt. Um Menschen vor plötzlicher Erblindung zu schützen, hatte sie ihr Dekolletee aber mit einem ganzen Gewirr von Ketten behängt, ziemlich viele, große, sehr große, enorme Steine, aber keiner davon war echt, das konnte Marta sogar im Dunkeln sehen. An den Armen klimperten Armreife, die dicken Finger mit den rot bemalten Fingernägeln verschwanden fast und den Ringen und natürlich baumelten lange klimpernde Ohrringe in ihren Ohrläppchen. Dazu war sie geschminkt, als ob sie gleich noch einen Auftritt in der königlichen Oper zu absolvieren gedachte. Die Schminkkante an ihrem Kinn war scharf, wie mit einem Lineal gezogen.

 Marta hatte ein wenig Angst, dass die Maler- und Stuckarbeiten in dem Gesicht beim Sprechen Risse bekommen könnten, instinktiv hielt sie eine Hand über ihren halbgetrunkenen Kaffee. Man wollte ja nicht nachher Fassadenteile von Sofia in seinem Getränk schwimmen haben.

Ihre Schwester war das absolute Gegenteil. Nicht was die Figur anging. Auch aus Cohibida hatten die Götter eigentlich einmal Zwillinge – nein, eher Drillinge – machen wollen, hatten aber dann bei der Hälfte die Lust verloren. Sie war rund. Und auch ihr Gesicht sah aus, als hätte ein Töpfer kurz vor dem Ende aufgegeben. Ungeschminkt, das Haar streng zum Knoten, ein hochgeschlossenes schwarzes Kleid mit einer Knopfleiste und einem kleinen weißen Spitzenkragen. Der sah unter den verschiedenen Kinns der Frau aus wie ein kleines Tier, das von einem Felsen zerquetscht worden war.

„Lassen wir es uns heute gutgehen, was? Das ist ja auch ein seehr schöner Tag, nicht wahr?“ Sie sprach, als erleide sie gerade einen Hirnschlag. Marta lächelte süßlich. Sie hasste es, wenn Leute dachten, sie sei senil oder verrückt. Wenn Leute so mit ihr sprachen, dann sagte das wohl mehr über sie aus als über Marta… naja.

„Ob wir es uns heute gut gehen lassen kann ich nicht sagen, mir geht es jedenfalls heute ganz hervorragend. Ich bekomme morgen Besuch, die ganze Familie kommt. Das ist viel Arbeit in der Küche, da gönne ich mir vorher noch eine kleine Stärkung!“

Cohibida runzelte das, was bei anderen Menschen wohl die Augenbraue war, bei ihr aber eher wie eine kleine dicke Raupe im Gesicht saß. „Aber ich dachte…“ ein Tritt der Schwester gegen das Schienbein brachte sie zum Schweigen.
„Ja dann wollen wir dich auch gar nicht aufhalten. Einen schönen Tag noch meine Teuerste!“ mit einem verklemmten Lächeln. Marte lächelte noch immer. „Günstigste!“ Schon watschelten die beiden weiter, wahrscheinlich zu einem Konditor. Sie sah noch, dass Sofia mit ihrem Fächer noch mal auf Marta deutete und dann eine unmissverständliche Geste machte. Also war sie jetzt in den Augen der Leute hier plemplem? Na gut, sollten sie doch alle denken was sie wollten. Die Menschen, die sie kannten, wussten, dass sie alles anderes als geistesschwach war und Leute wie die beiden fürchterlichen Schwestern konnten doch denken was sie wollten. Pah!

Sie trank den Kaffee aus und rief den Kellner an den Tisch, um zu bezahlen. „Nein, das geht aufs Haus!“ sagte er und sie bestand darauf zu bezahlen, er bestand darauf sie einzuladen. Das Spiel dauerte wie immer ein paar Minuten. Am Ende gab sie ihm immer ein Trinkgeld, das viel höher war als die Rechnung und bedankte sich artig, dass er sie eingeladen hatte, er protestierte, steckte aber grinsend die Münzen ein. Das Spiel dauerte auch schon 40 Jahre, aber ihm wurde es nicht langweilig.

„Was hast du heute denn noch vor?“ fragte er, während sie schon im Begriff war zu gehen. „Ich hole meine Bestellung vom Markt ab, dann muss ich noch ein paar Kleinigkeiten kaufen. Ich koche ein großes Essen für die ganze Familie. Aber jetzt muss ich wirklich los. Sie drückte ihm noch einen Kuss auf die Wange und verschwand dann. Er blickte ihr traurig nach und winkte. Ein Kollege stand plötzlich neben ihm. „Ich dachte…!“ „Ja, ich weiß…traurig, aber was soll man machen.“

Marta war mittlerweile in der wuseligen, großen Markthalle angekommen, ein wunderschönes, brandneues Gebäude. Architekten aus diesem Eírían hatten sie erst vor vier Jahren gebaut, ganz aus Metall. So etwas hatte in der Stadt noch nie jemand gesehen. Das ganze Gebäude bestand aus lächerlich dünnen Pfeilern und Streben aus Eisen, dazwischen bunte Glasfenster. Das war das Modernste vom Modernen, trotzdem war es wunderschön. Natürlich hatten einige geschimpft, als die alte Halle abgerissen worden war. Sie musste zugeben, dass auch sie heimlich ein bisschen gemeckert hatte, zu Hause, am Küchentisch. Aber sie hatte ihre Meinung geändert, als sie das wunderschöne neue Gebäude gesehen hatte.

Die Halle war in drei große Schiffe eingeteilt, sehr hoch, hell, freundlich und luftig. Kein Vergleich zu dem dunklen, stickigen und immer etwas fischig riechenden Ding, das vorher hier gestanden hatte.

Sie kaufte, was sie noch brauchte, frische, rote Tomaten, glänzende grüne Paprika, rote Zwiebeln, duftenden, violetten Knoblauch, feucht schimmernde Petersilie, knuspriges Brot, fast zu schade, es zu trocknen, dachte sie und brach sich ein Stück des duftigen Gebäcks ab und kaute es genüsslich. Die Mandeln sahen ganz herrlich aus, beste Qualität aus Ciutat Vell versicherte ihr der Verkäufer. Die Tüten füllten sich langsam, jetzt aber noch Fleisch und zum Fisch.

Da warteten die Verkäufer schon auf sie. Doña Picada hatte das Hackfleisch schon eingepackt. Sie war eine rosige Frau Mitte 40, stämmig und kräftig, mit wilden schwarzen Locken und einem strahlenden Gesicht. Wenn man diese vor Leben strotzende Frau sah, wusste man, warum Don Asado so einen zufrieden Eindruck machte.

„Das ist aber viel Fleisch, Doña! Fast drei Kilo!“ Sie lachte und erzählte von dem großen Fest. Täuschte sie sich, oder sah die sonst so fröhliche Frau plötzlich traurig aus. „Es ist ja selten genug, dass mal alle zusammen sind, da will man ja nur das Beste auftischen!“ strahlte Marta und Picada nickte verständnisvoll „Jaja, so ist das mit den Kindern, wenn die erstmal aus dem Haus sind…“

Was war denn heute mit den Leuten los… Seltsam. Das Gespräch mit Nacho, dem Fischhändler, verlief ganz ähnlich und langsam wurde sie ein bisschen wütend. Sie würde sich nicht die Laune verderben lassen.

Picada stand in einer kurzen Pause zusammen mit Adoración vom Gemüsestand zusammen vor der Tür. Picada trank einen kleinen Kaffee, ihre Kollegin rauchte eine Zigarette. „War Doña Marta vorhin auch bei dir? Bei mir hat sie drei Kilo Hackfleisch gekauft. Drei Kilo!“ Die andere stieß eine Rauchwolke aus. „Ja, bei mir waren es vier Kilo Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, alles möglich und alles in riesen Mengen. Das ist tragisch, aber was kann man machen. Das ist das Alter. Meiner Mutter ging es ganz ähnlich, sie hat sogar mich am Ende nicht mehr erkannt. Da können wir nichts tun, das ist halt das Leben!“ „Aber traurig ist es schon. Und wenn du mich fragst auch seltsam. Sie wirkt doch ganz normal, gar nicht verwirrt. Schau mal wie perfekt sie immer angezogen und frisiert ist. Das sieht für mich gar nicht nach senil aus!“ „Weißt du, ob sie zuhause nicht mit der Unterwäsche auf dem Kopf herumrennt“… sie warf die Kippe weg und ging wieder herein. Adoración hatte einen Punkt, eine dumme Kuh war sie trotzdem…

Die Torte war wirklich gut, auch noch beim vierten Stück. Sie liebte Trüffelcreme. Aber auch die Leche Frita war gut, vielleicht doch was mit Schokolade zum Abschluss, oder das da, mit der Sahne und den Erdbeeren, ach immer diese Entscheidungen. In ihren Traum von Torten quäkte plötzlich die Stimme ihrer Schwester. „Wieso hast du mich denn bitte da gerade getreten. Das muss doch nicht sein. Die Verrückte. Da wird man doch mal drauf hinweisen dürfen. Ich meine, das war doch totaler Unsinn. Jeder weiß das mit ihrer Familie, jeder. Warum sollte man da so tun als ob…“ Sofia unterbrach sie. „Und du fragst dich wirklich, warum du nie einen Mann gefunden hast? Einmal die Erdbeersahne – und noch eine Schokolade!“

Die Lieferungen waren pünktlich oben in ihrem Haus angekommen. Zwei Lieferjungen verließen, mit einem dicken Trinkgeld ausgestattet, das ganz oben am Berg gelegene Anwesen. Auf der Straße stoppten die beiden Jungs und teilten sich eine Zigarette. „Irgendwie gruselig das Haus, findest du nicht?“ Der andere zuckte nur die Achseln. „Was weiß ich, die Alte mag ja in bisschen Gaga sein, aber die gibt zumindest immer ein großes Trinkgeld. Mir doch egal, ob die sich was einbildet.“ 

„Wer ist dran, die Sachen hochzutragen?“ Die Träger, alles junge Männer zwischen 16 und 20, waren nicht besonders interessiert daran, die schweren Weinkisten bis zu dem Haus von Doña Marta zu schleppen. Am Ende traf es Guillermo, es traf immer Guillermo, den alle nur Feo nannten. Er war dürr, nicht mehr als haarige Haut und Knochen. Dazu war er auch noch viel größer als eine Kollegen und wie viele große Jungs ging er deswegen immer ein bisschen krumm und gebückt. Sein Gesicht bestand vor allem aus Akne, Nase und einem Schnurrbart, während sein lockiges Haar schon ordentlich dünn war – und das obwohl er erst 20 Jahre alt war.

Es war eigentlich schon längst Feierabend und Feo sah wehmütig seinen Kollegen nach, die sich jetzt lachend und schwatzend auf den Weg in irgendeine Bar machten, ein Feierabend Gläschen trinken, ein paar hübsche Touristinnen beobachten… 

Feo hatte bei denen eh keine Chance, er trank auch nicht besonders viel, das hatten zumindest die anderen gesagt, als sie auslosten wer zum Haus würde hochsteigen müssen. Julián und Fernando klopften ihm beim Gehen noch auf die Schulter. „Kopf hoch, Feo. Die alte Schachtel gibt immer ein dickes Trinkgeld, wir waren erst gestern oben!“ Das war wenigstens ein kleiner Trost. Er griff nach der Kippe und ließ sich von Fernando noch die Kiste mit dem Wein auf die Schultern setzen und marschierte los, der erste Lastenstorch der Weltgeschichte.

Mit der Kippe konnte man die Flaschen recht angenehm tragen, aber es war trotz der untergehenden Sonne noch sehr warm, der Weg war lang und steil und man musste vorsichtig gehen, damit die Flaschen nicht zu heftig gegeneinander klapperten. Er passierte eine Menge Leute und ein paar fragten ihn, wohin er denn zu so später Stunde noch unterwegs war. Die meisten Menschen schüttelten nur den Kopf, wenn er erklärte, dass Doña Marta ein Fest für die Familie geben würde. 

Feo war noch neu in der Stadt, kam aus einem kleinen Dorf etwas außerhalb und kannte Marta eigentlich nur als eine zwar etwas pingelige, aber doch immer freundliche und großzügige Kundin, würde sie doch nur nicht oben auf dem Berg wohnen. Warum die Leute bei seinem Bericht von der Familienfeier die ältere Dame als Verrückte oder „Arme Alte“ bezeichneten, leuchtete ihm nun wirklich nicht ein.

So, noch eine Biegung, dann war er da. Das Haus, ein großes, weißes Haus mit zwei Etagen, verglasten Balkonen und einer großen Veranda, auf der Blumenkästen standen, war hell erleuchtet. Alle Fensterläden waren geöffnet, denn hier oben wehte abends stets ein kühler Wind. Er glaubte Stimmen zu hören, Lachen. Je näher er dem Haus kam, desto deutlicher waren einzelne Stimmen zu erkennen. Lachende Frauen, der Barriton eines Mannes, gefolgt von herzhaftem Männerlachen, die typische nörgelnde Stimme einer Mutter, dann kreischende Kinder, wieder Lachen. Das Klappern von Metalllöffeln in Porzellanschalen. Der Duft von frischen Kräutern, Knoblauch, in Olivenöl gebratenen Zwiebeln und Fisch stieg ihm in die Nase und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Na, das klang doch wirklich nach einem Fest. Er klopfte an und wartete einen Augenblick, dann klopfte er nochmal. Irgendwann öffnete eine junge, hübsche Frau die Tür. „Ja?“ er setzte die Kippe vorsichtig ab und deutet auf die Flaschen. „Ich bringe noch den Wein, den man gestern vergessen hat!“ Die Frau lachte. „Ah, wunderbar, wir sitzen hier auch schon fast auf dem Trockenen!“ Da kam dann auch Doña Marta zur Tür, mit geröteten Wangen, eine Schürze über dem schlichten, aber eleganten Kleid, noch immer lachend. „Komm doch herein Junge, du bist ja ganz außer Atem. Ich geb` dir ein Schlückchen Wasser und dann kannst du was essen, es ist genug da. Sei aber so gut, und bring den Wein zum Hintereingang, ja?“ Durch den Spalt der geöffneten Tür sah er rennende Kinder und die ganze Familie versammelt um einen großen Tisch, der sich unter dem Gewicht von Schalen und Schüssel fast durchbog.

Feo ging zur rückwärtigen Seite des Hauses, durch einen wunderschönen Garten mit großen Bäumen und zahlreichen Blumen.  Die Küchentür stand einen Spalt breit offen und der Geruch frischer Speisen war, ja, betörend, das war das Wort. Feo balancierte die Weinkiste durch die halboffene Tür. Er hörte aus dem vorderen Teil des Hauses die Geräusche eines sehr angeregten Familienessen, lautes Lachen, Klappern, mehr Lachen, hin und wieder ein eingeworfenes Wort. Eine junge Frau kam kurz in die Küche, eine wirklich hübsche junge Frau. „Nimm dir doch was von den Oliven und dem Käse, und vom Tintenfisch, nicht schüchtern, bediene dich!“ Da er sich nicht rührte, schaufelte ihm die Hübsche einfach grinsend einen Teller voll. „Setz dich hin, iss was und dann bekommst du noch dein Geld!“ 

Das Essen war fantastisch und Feo schlang es regelrecht in sich 
hinein. Er aß meist nur eine Kleinigkeit, ein Brötchen, ein kleines Stück Fisch, das was er sich eben von seinem schmalen Gehalt leisten konnte. Das hier, das war das Beste, das er je gekostet hatte. Als er aufgegessen hatte, musste er sich ziemlich beherrschen, nicht auch noch den Teller abzulecken. Ein kleiner Junge zupfte an seinem Ärmel, strahlte ihn mit dem klebrigsten Lachen, dass er je gesehen hatte, an und hielt in der Hand gleich mehrere Münzen. „Für du!“ sagte der kleine Mann, er mochte vielleicht drei Jahre alt sein.

Feo nahm das Geld, es war viel zu viel, aber Doña Marta kam nun auch in die Küche. „Der Rest ist für dich, als kleine Entschädigung für die Mühen!“ Er stand auf und wollte gehen, aber Marta hielt ihn noch einen Moment zurück und gab ihm dann einen großen Stoffbeutel. Der war voll mit Essen. „Ihr seht immer so verhungert aus, ihr Jungs. Nimm das ist alles frisch, das könnt ihr euch morgen Mittag teilen!“ Er bedankte sich artig, schüttelte die kleine und sehr klebrige Hand des Kindes, das einen ganz feierlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte und ganz brav „Adios“ sagte.
 
Als Feo am nächsten Morgen die Beute mitbrachte, machten die Kollegen ziemlich große Augen. „Ist das von der Alten?“ fragte einer und Feo erzählte ihnen von der großen Familienfeier und dem guten Essen, dem dicken Trinkgeld, aber er sah an den Gesichtern der anderen, dass sie dachten, er müsste spinnen. „Hey, was soll denn das? Glaubt ihr, ich lüge?? Ich habe die Leute da doch gesehen, ganz deutlich und mit eigenen Augen!“ 

Die Jungs wirkten nicht überzeugt bis einer dann sagte: „Du bist ein Idiot, Feo. Und ein Lügner. Jeder, also wirklich jeder weiß, dass die ganze Familie von Doña Marta schon vor fast zehn Jahren bei dem großen Hafenbrand umgekommen ist, alle, die Söhne mit ihren Frauen, die Töchter mit den Männern, sogar die Enkel, alle. Also spinn nicht rum!“

Feo wusste, dass sie ihn auf den Arm nehmen wollten. „So ein Schwachsinn, die waren doch eindeutig da!“ „Na, wer da auch gewesen ist, die toten Kinder waren es ja wohl kaum – und Geister essen auch keinen Tintenfisch, ich schon!“ und schon machten sie sich über das Essen her. Spinnerin oder nicht, die Alte konnte wirklich ziemlich gut kochen. Feo ließ das keine Ruhe. Er wanderte ein wenig durch die Markthalle und traf dann vor einer der Seitentüren Adoración, eine der wenigen Menschen, die immer nett zu ihm waren. Oft schenkte sie das Obst mit braunen Stellen, kleine Tomaten, eben das, was man sowieso nicht verkaufen konnte.

„Hola Guapo!“ grüßte sie und lächelte ihn an. Er grinste verlegen zurück. Sie war auch die einzige, die ihn nicht Feo nannte, obwohl er wusste, dass dieser Spitzname besser zu ihm passte als „Hübscher“… „Hör mal Adoración. Ich habe gestern Doña Marta noch Wein nach oben gebracht, den hatten die beiden Blödmänner am Vortag vergessen. Naja, also im Haus, da war wirklich eine Party!“ Jetzt schaute auch sie ihn an, als ob er ein Lügner wäre. 

„Adoración, aber wenn ich dir das so sage!!! Ich hab‘ nicht alle genau gesehen, aber zwei jüngere Frauen und ein Kind hab ich ganz genau gesehen! Glaub mir doch!“ Adoración wirkte nicht überzeugt, aber zumindest war etwas von dem Zweifel aus ihrem Blick durch etwas anderes, Neugier? „Zwei Frauen und ein Kind sagst du? Kannst du sie beschreiben?“ Er konnte, und zwar ziemlich genau. Die Frau die ihm die Tür geöffnet hatte, die Frau in der Küche, das klebrige Kind und wie er sie so beschrieb, ihre Größe, die Form ihres Gesichts, ihre Stimmen, da erschien es ihm, als würde Adoración blass werden. 

„Warte hier!“ sagte sie und ging mit schnellen Schritten zu Picada, sie bemerkte gar nicht, dass sie noch die brennende Zigarette in der Hand hatte, was ihr gleich einen strengen Blick von Jorge, dem Marktaufseher einbrachte. Aber dafür hatte sie jetzt keine Zeit. Sie zerrte die überraschte Picada regelrecht vor die Tür. „Du wirst jetzt wiederholen, was du mir gerade erzählt hast und lass nichts aus!“ Er war überrascht, wie forsch die sonst so nette Gemüsefrau war und so erzählte er die ganze Geschichte nochmal, von den Weinflaschen über die Gäste, das klebrige Kind, das Trinkgeld und das übrig gebliebene Essen, das seine Kollegen sicherlich schon bis auf den letzten Krümel wegfuttert hatten. 

Picada wechselte während der Geschichte immer wieder Blicke mit Adoración, erst zweifelnd, dann später fast schockiert. Auch sie wechselte die Gesichtsfarbe. „Aber das kann doch nicht sein!“ presste sie hervor und Adoración nickte nur stumm. „Guillermo, das kann aber doch nicht stimmen, du weißt doch bestimmt auch, dass Doña Marta alle ihre Angehörigen bei dem schrecklichen Brand einer Fähre im Hafen verloren hat. Das ist schon zehn Jahre her. Ihr Mann ist daran völlig zerbrochen, aber er hat versucht es zu überspielen. Ich glaube am Ende ist er aber daran gestorben… Und Doña Marta, wir fanden immer, dass sie das viel zu gut verkraftet hat. Sie war schnell wieder ganz die Alte, ich meine, jeder trauert anders, aber irgendwie war das ganz seltsam und als sie jetzt von dem Fest anfing, da, da dachten wir, sie hat jetzt den Verstand verloren… Sie hat schon irgendwann mal sowas gesagt, mit Familienbesuch, aber, aber… wir… jetzt mach ich mir Vorwürfe. Was, wenn sich da irgendwelche Leute als ihre Familie ausgeben, die nur an ihr Geld wollen, an das Haus. Adoración, du hast doch selbst gesagt, dass dich deine Mutter manchmal nicht mehr erkennt…“ Adoración war immer noch ganz bleich.

 „Aber du hast doch gehört, wie er die Frauen beschrieben hat… und das Kind…das kann doch kein Zufall sein!“ Picada wirkte selbst nicht ganz überzeugt, aber sie klammerte sich an diese Erklärung, alles andere war einfach… sie konnte gar nicht sagen, was es war. „Aber jeder kannte ihre Familie, wenn sich nun da so eine Bande zusammengefunden hat, Leute, die irgendwie so ähnlich aussehen…“ „Das erscheint mir aber nicht sehr wahrscheinlich Picada, Ich meine, wenn sie so verwirrt wäre, dass sie Fremde für ihre Familie hält, warum dann überhaupt noch so ein Aufstand. Wenn ich meiner Mutter sage, der Besen ist ihr Mann, dann glaubt sie das, nein, das ist mir alles zu seltsam. Wisst ihr was, wir gehen nachher hoch, zusammen. Dann können wir sehen, wie es ihr geht und falls an deiner Gangster-Geschichte was dran ist, können wir vielleicht das Schlimmste verhindern!“

Picada konnte nachher gar nicht mehr sagen, warum sie Doktor Estéban Gómez y Jeringa, einen alten, schon pensionierten Arzt, der regelmäßig Filet bei ihr kaufte, von der seltsamen Begebenheit erzählt hatte. Er hatte spontan angeboten, sie zu begleiten. Vielleicht war es nötig, Doña Marta zu untersuchen, oder ihr vielleicht etwas zur Beruhigung der Nerven zu geben. Der Doktor wiederum erzählte es dem Hauptmann der Stadtwache, denn wenn Picada mit ihrer Vermutung recht hatte, eigentlich die einzig logische Erklärung, dann war die Polizei eigentlich zuständig. Und dann erzählte er es seiner Frau. Die versprach es nicht weiterzusagen, also wusste es etwa eine Stunde später die halbe Stadt.

Als sie also am Nachmittag den Berg erklommen, um zum Haus von Doña Marta zu kommen, wurden sie von einem regelrechten Rattenschwanz von Menschen begleitet. Selbst Doña Sofia nebst Schwester schob all ihr Körpergewicht den Hang hinauf – und das noch vor der vierten Torte des Tages, eigentlich eine Zumutung. Auch Pferdegesicht und Riesenbusen waren unter den Schaulustigen. Eine einst so angesehene Frau wie Doña Marta vielleicht mit der Unterhose auf dem Kopf nackt durch das Haus tanzen sehen während sie mit Geistern sprach, das war doch einfach zu gut, um es sich entgehen zu lassen. 

Das Haus stand ganz oben, ganz, ganz oben. Wer nicht musste, der stieg nie bis hierher, also niemand, niemals. Die robuste Frau schleppte für gewöhnlich ihre Einkäufe selbst nach oben und seit mindestens einem Jahr war bis auf die Träger gestern und vorgestern niemand mehr an dem Haus gewesen. Guillermo blieb wie angewurzelt stehen, als sie das Anwesen erreichte. War es gestern schon so dunkel gewesen? Er hatte das Haus viel schöner in Erinnerung, besser gepflegt. Jetzt sah man, dass überall die Farbe abblätterte, ein Fensterladen hing ganz schief und das Fliegengitter vor der Eingangstür war zerrissen. Aber… aber.. der Vorgarten war auch ganz ungepflegt. Große Disteln, wilde Kräuter, totes Laub, es sah aus, als habe man sich schon seit mindestens drei, vier Jahren nicht mehr um den einst  - einst?? Gestern abend!! – noch so schönen Garten gekümmert. Er merkte, dass viele ihn anstarrten. Also war er doch nur ein Lügner, ein Wichtigtuer. Und deswegen der ganze Fußmarsch, deswegen der Verzicht auf Trüffelcreme??? Aber jetzt war man schon mal hier, da konnte man auch mal reingehen… man wollte ja nur sehen, ob es der alten Frau gut, armes Ding, ganz allein hier oben, ja das war der einzige Grund warum man ja überhaupt hier war.

Der Doktor, gefolgt von Guillermo, Picada, Adoración und dem offensichtlich einen Fluchtweg freihaltenden Polizisten am Ende der Gruppe, gingen in das Haus. „Doña Marta?“ Staub lag auf den Möbeln, nicht einfach ein wenig Staub. Die Schicht war so dick, dass sie wie eine flauschige Decke auf den Truhen und Kommoden lag, den Teppich bedeckt und von der Decke rieselte. Guillermo traute seinen Augen nicht. Das Haus roch muffig, alt. Auf dem Boden lag Unrat, Blätter und da, sogar Rattenkot. Der Esstisch, der gestern voller Köstlichkeiten fast zusammengebrochen wäre stand da, unbenutzt, mit einem vor Staub ganz grauen Tuch abgedeckt. Es wirkte, als ob schon seit mindestens zwei Jahren niemand mehr im Haus gewesen wäre. Sie waren noch immer allein im Haus, auch auf mehrfaches Rufen bekamen sie keine Antwort. Guillermo blickte kurz in die Küche, die Tür zum Garten stand auf und der Boden war voller Blätter, Wasser tropfte in eine schon ganz schwarze Spüle, kleine Tiere huschten davon. Durch die geöffnete Tür konnte man einen Blick in den verwüsteten Garten werfen. Guillermo begann jetzt selbst an seinem Verstand zu zweifeln, als ihn ein spitzer Schrei aus dem Obergeschoss wieder in die Realität zurückholte. 

Er rannte die große Treppe nach oben, da waren schon Adoración, Picada und der Doktor, in einem großen Schlafzimmer mit einer wuchtigen Doppeltür. Sie standen um ein Bett herum, die Gemüsefrau mit beiden Händen vor das Gesicht geschlagen, Picada hysterisch schluchzend. Er ging zu dem seltsamen Bild herüber, trat näher an das Bett und erstarrte. Da lag Doña Marta, man sah ihren Kopf und die auf der Brust gefalteten Hände. Sie hatte ihr langes graues Haar gelöst, dass wie eine silbrige Wolke um ihren kleinen Kopf zu schweben schien. Sie war tot. Ganz offensichtlich war sie tot, denn vielmehr als ein Skelett mit Nachthemd und langem Haare war nicht mehr übrig. Der Arzt untersuchte die tote Dame und blickte dann auf. „Das ist eindeutig Doña Marta, da ist dieser Ring hier…“ er deutet auf einen Mumienfinger mit einem großen goldenen Ring, „und dann die beiden goldenen Backenzähne hier… aber, aber die Frau ist schon mindestens zwei Jahre tot…

Während die jetzt geschockte Gemeinde wieder den Berg herabstieg stand Doña Marta im Kreis ihrer Familie auf der schattigen Veranda des Hauses und blickte ihnen nach. Sie würde gleich noch Orangen und Feigen aus dem Garten holen, das passte gut zu dem würzigen Ziegenkäse, von dem sie noch so viel von gestern übrig hatten. Doch bevor sie sich umdrehen konnte, sah sie eine einsame Gestalt den Hügel hinaufkommen. Ein großer Mann, mit langen Beinen und einem eleganten Gang, sein kahler Kopf glänzte in der abendlichen Sonne und ließ seinen kleinen weißen Schnurrbart blitzen. 

Tränen rannen ihr über das Gesicht. Frei vom Alter rannte sie auf ihn zu wie ein junges Mädchen, er lachte auf und spannte seine Arme auf wie Flügel. Sie flog auf ihn zu, er wirbelte sie herum, jetzt gar nicht mehr kahl und mit schwarzem Schnurrbart, dann küssten sie sich und gingen Hand in Hand zu ihrer Familie herüber, die jetzt wieder vereint war in dem schönen Haus ganz, ganz, ganz oben auf den Felsen.


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