Sarah Scheumer (08.10.2025)

Interview mit Sarah Scheumer

Literatopia: Hallo, Sarah! Kürzlich ist bei Piper Dein Fantasyroman „Herz aus Moos und Schatten“ erschienen – was erwartet die Leser*innen in der Hafenstadt Nohedam?

Sarah Scheumer Autorin 2024Sarah Scheumer: In meinem Buch folgen wir der Zwanzigjährigen Nor, die mitten in einer Hafenstadt, verborgen vor den Blicken der Menschen, vom mächtigen alten Gott des Sumpfes großgezogen wurde. Für ihn erledigt sie Aufträge und will zusammen mit ihm und den anderen Naturgottheiten diese Welt und die Menschen darin verlassen – denn die sind für den Tod ihrer Eltern verantwortlich. Als Tochter eines Menschen und einer Gottheit hat sie allerdings Wurzeln in beiden Welten, und sie weiß zudem nicht alles aus ihrer Vergangenheit. Als der Übergang der Gottheiten ins Ewigreich plötzlich bevorsteht, bringt das einiges ins Rollen, was Nor unter anderem zu Henry führt (unpraktischerweise ein Mensch), der im Alten Hafenviertel arbeitet und weiß, dass man Gottheiten wie sie am besten mit Tee anlockt.

Die Hafenstadt ist atmosphärisch, die Gottheiten sind geheimnisvoll und listig, es wird viel Tee getrunken und Nor ist zurecht des Öfteren grantig. Das zugrundeliegende Thema des Buchs ist ihre Beziehung zu ihrem mächtigen Ziehvater und die Überwindung von tief eingebrannter Schuld.

Literatopia: Erzähl uns mehr über die finsteren Naturgötter. Offenbar wandeln diese leibhaftig unter den Menschen? Was macht sie zu Göttern?

Sarah Scheumer: Meine Gottheiten stammen aus der Landschaft, auf die Nohedam gebaut wurde. Jahrhunderte später fristen sie ihr Dasein in der Stadt, haben sich schlechte Eigenschaften eingefangen und treiben recht habgierig Handel mit den Menschen, allerdings immer im Verborgenen. Sie können die Wahrnehmung der Stadtbewohner manipulieren und entweder gar nicht sichtbar sein, oder menschlich wirken. Aber im Hafenviertel, in dem man sich noch alte Geschichten erzählt, sind die Bewohner überzeugt von der Existenz der finsteren Wesen.

Sie sind listig, gefährlich und liebenswert, und am meisten ist mir Oddo ans Herz gewachsen, der aussieht wie eine traurige Gestalt aus Schlamm und Torf und der Nor gerne ärgert, weil er einsam und verloren ist. Nors Ziehvater hingegen, der alte Gott des Sumpfes, hat enorme Macht und hält die Gottheiten in alten Speichergebäuden auf der sogenannten Zollinsel zusammen.

Literatopia: Deine Protagonistin Nor ist eine Halbgöttin. Wie ist ihr Stand unter den Göttern? Warum will sie ihre Welt verlassen? Und warum ist sie überzeugt, dass sie echte Nähe nicht ertragen kann?

Sarah Scheumer: Nor ist mit vier Jahren zu den Gottheiten der Zollinsel gekommen, die zwar Spaß daran gefunden haben, ihr Essen vorzusetzen und sie zu beäugen, aber nicht wirklich geeignet waren, ein Kind großzuziehen. Nor ist mit allen Wassern gewaschen, aber sie hat auch ein sehr zerrissenes Herz und ist vom Gott des Sumpfes abhängig, der ihre wichtigste Bezugsperson ist. Als einziges Wesen, das halb Mensch und halb Gottheit ist, scheint sie nirgendwo wirklich hinzupassen und löst in den Stadtbewohnern Angst aus, wenn sie sich ihnen zeigt. Was es umso wichtiger macht, dass sie die Gottheiten begleiten kann, wenn die die Welt der Menschen verlassen.

herz aus moos und schattenLiteratopia: Henry kann seinen Blick nicht von Nor lassen. Wie lernt er sie kennen? Und wie gelingt es ihm, ihr Vertrauen zu gewinnen?

Sarah Scheumer: Henry ist jemand, der aufmerksam genug hinsieht. Das ist im Alten Hafenviertel nicht selbstverständlich, in dem die etwas verschlossenen Bewohner bei Gestalten, die nicht ganz menschlich wirken, lieber so tun, als hätten sie gar nichts gesehen. Henry ist nicht in dem Viertel aufgewachsen, in dem die Leute noch recht abergläubisch sind, und macht sich wenig Sorgen, dass ihm etwas passieren könnte.

Seine Tante, eine Matriarchin und Restaurantbesitzerin, hat ihn in ihre große Familie aufgenommen, was vielleicht der wichtigste Punkt ist. Denn er spürt, dass Nor mit Themen ringt, die ihm bekannt sind. (Er schenkt ihr außerdem einen Regenschirm, was sie so irritiert, dass sie ihn annimmt. Es sind die kleinen Dinge! (Und er hat schicke Tattoos – noch eine Gemeinsamkeit mit Nor.))

Literatopia: Der Verlag bewirbt „Herz aus Moos und Schatten“ als so „atmosphärisch wie ein Studio Ghibli-Film“ – war das auch Deine Inspiration?

Sarah Scheumer: Als Kind hat der Film „Prinzessin Mononoke“ sehr in mir nachgeklungen, in dem die Protagonistin unter anderem nicht so recht zu den Menschen gehört kann und will. Der Film hat einen festen Platz in meinem Herzen, und abgesehen davon liebe ich die Studio Ghibli Filme für ihre Liebe zu Details, die lebensechten Charaktere und das Fehlen der stumpfen Idee von Gut und Böse. Meine Gottheiten legen viele schrullige Eigenarten an den Tag, und unter anderem nimmt man in ihrer Nähe einen Klang wahr, der sich je nach Gottheit zum Beispiel wie das Gurgeln von Wasser an einer Flussgabelung anhören kann, oder so, als würden dicke Regentropfen auf weichen Moosboden fallen. Mit solchen Details habe ich versucht, dem Buch etwas Ghibli Atmosphäre einzuhauchen.

Literatopia: Letztes Jahr ist bei One Dein Verlagsdebüt „Stealing Stardust“ erschienen – eine Space Opera mit Liebesgeschichte. Würdest Du uns Deine beiden Protagonist*innen kurz vorstellen? Wer sind sie – und wie finden sie zusammen?

Sarah Scheumer: Das ist genau die richtige Frage für dieses Buch – denn zu Beginn landet meine Protagonistin Sola mit ihrem klapprigen kleinen Raumschiff in einem Raumhafen und begeht einen Diebstahl, und um nicht festgenommen zu werden, entführt sie kurzerhand den zuständigen Sicherheitsbeamten und fliegt mit ihm davon.

Sola ist liebevoll, stur und grenzwertig optimistisch, und sieht den Gefahren auf ihrer Abenteuerreise ziemlich sorglos ins Auge. Sie sucht die von den Menschen besiedelten Orte der Galaxie nach einer scheinbaren Kleinigkeit ab, die ihrem Völkchen zuhause die Welt bedeutet. Lucas wird von ihr aus einem Moment seines Lebens entführt, in dem er viel verloren hat und eigentlich dringend alles wieder geradebiegen müsste, obwohl ihn längst die Kraft verlassen hat. Während er bei den abenteuerlichen Zwischenstopps ins Schwitzen gerät (und viel flucht), färbt ganz langsam Solas Grundvertrauen ins Universum und ihre Wärme auf ihn ab, und eventuell ist das genau das, was ihm gefehlt hat.

Es ist das herzerwärmendste Buch, das ich je geschrieben habe, obwohl der Geschichte schwere Themen zugrunde liegen, die Solas Optimismus herausfordern.

Literatopia: Lucas wird von Sola quer durch die Galaxie geschleift. Wie sieht diese in der SF-Vision aus? Wie weit haben sich die Menschen ausgebreitet? Und gibt es auch Außerirdische?

Sarah Scheumer: Im Setting von „Stealing Stardust“ haben die Menschen mit Hilfe von Wurmlöchern mit Sprungtoren einige bewohnbare Planeten und Monde erreicht und besiedelt. Die Erde wird als Ursprung erwähnt, kommt aber nicht in der Handlung vor. Es gibt keine übergeordnete Regierung, sodass jeder Ort, den Sola und Lucas besuchen, ganz einzigartig ist – aber es herrscht trotzdem ein Gefühl von „Galaxiegemeinschaft“, weil die bewohnten Orte recht gut vernetzt sind. Die Raumschiffe verfügen über „Gravi-Systeme“ und andere praktische Erfindungen, hier und da sind die Transportmittel kleinerer Raumhäfen definitiv nicht TÜV-geprüft, und ein großes Frachtschiff kann schon mal einen Sumpfmond ein Stück aus seiner üblichen Umlaufbahn ziehen, auf dem man den Landeplatz fortan nur noch in den Pausen zwischen Flutwellen erreichen kann. Außerirdische werden nicht thematisiert, es gibt aber zum Beispiel ziemlich unansehnliche Enceladuslurche, die jemand eingeschleppt hat.

stealing stardustLiteratopia: Du hast zuvor Deine Romane im Selfpublishing veröffentlicht. Worin lagen damals die Vorteile für Dich?

Sarah Scheumer: Ich habe den großen Vorteil, dass ich Cover und Buchsatz wegen meiner Arbeit als Designerin eigenhändig erstellen kann, womit zwei große Ausgaben im Veröffentlichungsprozess und die damit verbundene Orga wegfallen. Im Nachhinein weiß ich es außerdem sehr zu schätzen, dass man im Selfpublishing viel mehr mit dem eigenen Flow gehen kann. Die Bücher der Starship-Trilogie sind so organisch entstanden und auf den Markt gekommen, dass ich diese Leichtigkeit und diese Art, mich mit meiner Kunst ganz selbstverständlich auszudrücken, heutzutage vermisse.

Allerdings hatte ich es vorher mit Band 1 tatsächlich bei Literaturagenturen versucht, weil eine große Verlagsveröffentlichung schon immer mein Traum war. Dass das mit den Starship-Büchern damals nicht geklappt hat, war ein Dämpfer, aber jetzt bin ich froh, SP-Erfahrung zu haben, denn ich werde je nach Projekt auf jeden Fall auch mal wieder selbst veröffentlichen.

Literatopia: Was fasziniert Dich persönlich an Fantasy und Science Fiction? Und was war quasi Deine Einstiegsdroge?

Sarah Scheumer: Zu meiner Schulzeit liefen Filme und Serien wie „Das fünfte Element“, „Zurück in die Zukunft“, „Buffy“, „Matrix“, „Star Wars“ und „Star Trek“. Ich habe außerdem viel Lara Croft und Co. gespielt, und ich bin absolute Tagträumerin. In der Fantasy war Philip Pullmans „Der goldene Kompass“ meine erste große Buchliebe. Ich glaube nicht, dass mich etwas Konkretes ins Genre gezogen hat, aber ich war schon immer technik- und actionfasziniert und bekomme jedes Mal heftiges Fernweh, wenn ich die Sterne sehe.

Literatopia: Wann hast Du mit dem Schreiben angefangen? Und wann war für Dich klar, dass Du auch veröffentlichen willst?

Sarah Scheumer: Ich habe als Kind angefangen, Geschichten zu schreiben und mit etwa sechzehn auch mal etwas an einen Verlag gesendet, damals noch per Post und mit Ringheftung. Aber dann haben mein Studium und die erste Anstellung zu viel Zeit und Energie in Anspruch genommen. Mit 29 habe ich mich dann selbstständig gemacht und sehr zielgerichtet den Traum vom Autorinnenleben verfolgt.

Literatopia: Du erzählst auf Instagram und Tiktok von der Arbeit an Deinen Romanen. Wie bereitest Du Buchcontent für Social Media auf? Wie weckt man in kurzen Videos Interesse für Bücher mit mehreren hundert Seiten?

Sarah Scheumer: Allein, dass es inzwischen Content geworden ist, stellt mich vor Herausforderungen, deshalb bin ich da gar nicht so sicher. Als ich mit Instagram angefangen habe, war das ein Weg, Alltägliches aus dem Schreibleben mit dem sozialen Umfeld und Gleichgesinnten online zu teilen. Meine Bücher gehörten automatisch zu diesen Dingen, über die ich mich austauschen wollte, als sie fertig waren.

Inzwischen hat Buchmarketing auf Instagram, Tiktok und Co. eine ganz eigene Sprache, Trends und Schnelligkeit bekommen, und statt im Communityaustausch zu sein, gehen wir im lauten und professionalisierten Wettbewerb mit Influencern, Marken und bezahltem Content unter, was einfach am Wandel und Profit der Plattformen liegt.

Ich fasse die gut greifbaren Fakten zu meinen Büchern also zusammen, versuche, mich nicht zu lange im Basteln von hübschen Photoshop-Grafiken zu verlieren, und erinnere mich immer wieder daran, dass die Schlacht ums Buchmarketing ohnehin nicht auf meinem Social-Media-Account geschlagen wird, sondern in der Budgetplanung der Verlage.

Und ich habe mir fest vorgenommen, demnächst einen Newsletter zu starten!

planetenleuchtenLiteratopia: Du designst auch Buchcover – was zeichnet ein gelungenes Covermotiv aus? Bekommst Du konkrete Vorgaben von Autor*innen / Verlagen oder bist Du relativ frei in der Gestaltung?

Sarah Scheumer: Genau, ich gestalte Buchcover für Selfpublisher*innen und liebe es, sie dabei zu begleiten, ihre Bücher auf den Markt zu bringen. Manchmal bin ich völlig frei, bekomme bloß Infos zu Inhalt, Vergleichstiteln und Stimmung und kann loslegen. Manchmal bekomme ich aber auch eine ganz konkrete Skizze oder sogar schon herausgesuchtes Bildmaterial. Am besten werden die Cover, wenn das Manuskript genau weiß, wo es hinwill (sich also klar am Markt und bei der Zielgruppe einordnen lässt) und ich gleichzeitig recht freie Hand bei der Gestaltung habe, damit das Design sich entfalten und zu etwas ganz Besonderes werden kann.

Ein gelungenes Covermotiv hat für mich hohen Wiedererkennungswert, macht etwas bisher Ungesehenes und gibt den Leser*innen trotzdem auf den ersten Blick klare Hinweise zum Genre und zur Art der Geschichte.

Literatopia: Würdest Du uns abschließen verraten, woran Du gerade arbeitest? Worauf können wir uns in naher Zukunft von Dir freuen?

Sarah Scheumer: Ich weiß es noch nicht! (Da schwingt leichte Panik mit, weil das neu für mich ist.) Es wird auch mit den nächsten Büchern in die Sci-Fi und Fantasy gehen. Aber welches der Projekte, die hier an meinem Schreibtisch gerade köcheln, als nächstes durch die Ziellinie läuft, kann ich noch nicht ganz sagen.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Sarah Scheumer: Danke für die wunderbaren Fragen! : )


Autorinnenfoto: Copyright by Sarah Scheumel

Website: https://www.sarahscheumer.de


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.