Unsichtbare Schätze - Kleinverlagsperlen Teil 4
Liebe Leser*innen,
seit den letzten Kleinverlagsperlen ist wieder zu viel Zeit vergangen, wobei Euch vielleicht aufgefallen ist, dass ich inzwischen mehr Kleinverlagsbücher und Bücher von Selfpublisher*innen rezensiere als Bücher von großen Verlagen, die sich oft auf wenige Trendthemen zurückgezogen haben. Die Phantastik-Programme werden immer magerer, während Kleinverlage weiterhin eine beachtliche Vielfalt bieten. Man spürt zudem, wie viel Herzblut in den Büchern steckt. Bei Kleinverlagen finde ich immer wieder spannende Geschichten, die nicht irgendwelchen Trends folgen, sondern eigensinnig und wirklich kreativ sind, anspruchsvoll und progressiv. Sie haben definitv mehr Aufmerksamkeit verdient:
Sven Haupt gehört inzwischen zu meinen Lieblingsautor*innen und jedes neue Buch wird sehnsüchtig erwartet. Eigentlich könnte ich hier alle Bücher vorstellen, doch ich habe mich für "Anahita" entschieden, das mich als Mix aus Space Opera, Steampunk und Military SF und mit seinem mystischen Wasserplaneten besonders begeistert hat. Britannien ist hier ein galaktisches Steampunk-Imperium, das in seinem unersättlichen Rohstoffhunger einen Planeten nach dem anderen unterwirft. Der Wasserplanet ist besonders attraktiv für Britannien, da hier transdimensionale Kreaturen leben, aus denen große Mengen Energie gewonnen werden kann. Doch dieser Planet ist eine paradiesische Hölle, in der Menschen neben einer faszinierenden Megafauna existieren und im Einklang mit einer Göttin leben, die alles Leben durchdringt und dabei namenlos bleibt. Britannien beißt sich die Zähne an dem Matriarchat aus, das sich auf höchst kreative Weise gegen den aggressiven Kolonisator wehrt. Im Zentrum der Handlung stehen zwei ungewöhnliche Protagonist*innen, die sich auf verschiedenen Seiten des Krieges wiederfinden und dennoch für die gleiche Sache kämpfen. Ein großartiger Roman, der ein wenig an "Avatar" erinnert, aber viel besser ist!
"Und hoffentlich zu lernen ..." von Becky Chambers
Cozy Hard-SF - so könnte man "Und hoffentlich zu lernen ..." von Becky Chambers beschreiben und wird dem Werk doch nicht gerecht. Der Roman steckt voller Begeisterung für wissenschaftliches Arbeiten und widmet sich insbesondere der Biologie inklusive außerirdischen Lebewesen, von Einzellern über Pflanzen und Tiere, die auf unterschiedlichen Planeten eines fremden Sonnensystems existieren. Die Erde hat ein Jahrhundert der Kriege und Katastrophen hinter sich, dennoch ist es der Öffentlichkeit gelungen, eine Raumfahrtmission zu finanzieren und umzusetzen. Vier sympathische Protagonist*innen brechen auf, um ferne Planeten zu erforschen. Auf sie warten ganz unterschiedliche Herausforderungen, die sich aus den sehr unterschiedlichen physikalischen Bedingungen der Planeten und dem Leben auf engem Raum ergeben - und Unsicherheit, als der Kontakt zur Erde abbricht. Sie machen dennoch weiter, angetrieben von ihrer Neugier und ihren Entdeckungen.
"Arborealität" von Rebecca Campbell
"Arborealität" ist einer der besten Romane über den Klimawandel, die ich bisher gelesen habe. Ein Mosaikroman mit sechs Geschichten, die lose miteinander verbunden sind und die Eskalation der Klimakrise anhand individueller Schicksale von Menschen aus einer Region in Kanada beschreiben. Rebecca Campbell zeigt eine Welt, die unserer noch sehr ähnelt, in der sich aber vieles bereits verschoben hat und die für die Figuren immer kleiner wird. Katastrophen reihen sich aneinander, eine Universitätsbibliothek zerfällt langsam und Menschen retten so viele Bücher, wie sie können. Ein Mann renaturiert die Gärten seiner Nachbarn, als diese flüchten. Ein anderer baut eine Geige für ein begabtes Kind, über Jahre hinweg, trotz des allgegenwärtigen Zerfalls. Und es entsteht es etwas Neues, die Menschen passen sich an, es ist niemals leicht, doch sie finden Wege - vor allem durch ihren Zusammenhalt. Ein hoffnungsvolles und zugleich realistisches Buch über eine Zukunft, in der sich alles verändert. "Arborealität" ist beim Carcosa Verlag auf Deutsch erschienen (als wirklich hübsches kleines Hardcover!). Ich habe den Roman fürs SF-Jahr 2025 rezensiert - hier verlinkt ist die Rezension von Swantje zur Originalausgabe.
"Psyche mit Zukunft", herausgegeben von Jol Rosenberg
Eine der besten Anthologien, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, vor allem aufgrund der Vielfalt der Beiträge, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit psychischen Erkrankungen und Neurodiversität beschäftigen und dabei unterschiedlichste SF-Genres wie Cyberpunk, Solarpunk, Space Opera und Dystopien bedienen. Allein wegen „Ein Schritt ins Leere“ von Aiki Mira, „Seelenruh“ von Marie Meier und „Hesitation Marks“ von Thorsten Küper würde sich der Kauf lohnen, doch die Anthologie hat noch mehr zu bieten und erzählt von neurotischen KIs, Robotern, die glücklich machen sollen und an Depressionen scheitern, Belastungen in zukünftigen Gesundheitssystemen, Zwangsstörungen, Psychosen, ADHS, PTBS oder auch Hypersensibilität. Die Umsetzung ist überwiegend sensibel und differenziert. Besonders spannend ist, zu lesen, wie sich all dies in futuristischen Umgebungen auswirkt und was technologische Hilfsmittel verbessern oder auch verschlechtern können.
Die "Etomi"-Dilogie ist eines der ungewöhnlichsten SF-Werke, die ich bisher gelesen habe, obwohl es sich eigentlich um eine klassische Dystopie handelt: In ferner Zukunft leben die Menschen in einer Kuppelstadt, sind genetisch optimiert und werden von einer Künstlichen Intelligenz versorgt, die sie als "Große Mutter" wie eine Gottheit betrachten. Die Kuppelstadt ist ein Paradies mit Ablaufdatum: Erreichen Menschen ein Alter von Mitte Vierzig, sollen sie für die Gemeinschaft sterben. Protagonistin Lea tritt die Flucht an und landet in einer Außenwelt, die dreckig und düster ist und alles, was sie bisher glaubte, auf den Kopf stellt. Und sie ist überhaupt nicht auf diese andere Welt vorbereitet und findet dennoch Wege, die mit viel Schmerz und Enttäuschung, aber auch mit Erkenntnissen und Selbstbestimmung verbunden sind. Im zweiten Band sieht man schließlich noch mehr von der Zukunft, nicht so leer ist, wie es zunächst aussah. Jol Rosenberg verbindet typische Dystopie-Elemente mit einem komplexen, sehr spannenden Worldbuilding und Figuren, die scheitern und wachsen.
"7 Sorten Schnee" von Juri Pavlovic
Eigentlich mag ich Elfen nicht besonders, doch in den letzten Jahren konnte mich so mancher Roman doch für die Fantasywesen begeistern. Einer davon ist "7 Sorten Schnee" von Juri Pavlovic, ein recht dickes Buch, das ich innerhalb von drei Tagen verschlungen habe. Ein herzerwärmender Roman mit einem Protagonisten, der fast schon zu gutherzig ist, aber auch unheimlich sympathisch und liebenswert und verantwortungsvoll. Ergänzt wird er durch einen Magier, dessen Schicksal mit dem der Stadt der Winterelfen und den Drachen, die sie bedrohen, verbunden ist. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte (slow burn) und die Seiten fliegen nur so dahin, während man die Stadt und ihre Bewohner*innen besser kennenlernt, die Ungerechtigkeiten erkennt und Geheimnisse ergründet. Ein toller, winterlicher Fantasyroman, der Tiefgang und Leichtigkeit vereint.
"Liminal Creatures" von Iva Moor
Ich liebe Phantastik, die sich mit Musik beschäftigt, und "Liminal Creatures" bietet darüber hinaus noch alle anderen sinnlichen Freuden, verkörpert durch Psychai: niedere Dämonen, die Pakte mit Menschen schließen, von ihnen Energie als Nahrung zu erhalten und sie dafür mit der Erfüllung erotischer Träume, sinnlicher Begierden und künstlicherischer Ambitionen belohnen. Auch Liebe und Zorn werden bedient von Amoren und Furien. Musiker Evan entdeckt zwischen seinen Noten die Limbus-Symphonie und vermag sie komplett zu spielen, was ihn zu einem Joker macht: er verkörpert alle Energien, die die Psychai brauchen. Sie veranstalten einen Wettbewerb mit ihm als Preis und stellen ihm ihre Fähigkeiten zur Verfügung - im Gegenzug soll er entscheiden, wer gewonnen hat und diesen Psychai dann für einen bestimmten Zeitraum zur Verfügung stehen. Evan stehen jedoch seine ganz persönlichen, inneren Dämonen im Weg und während er versucht, alte Fehler mit Hilfe der Psychai auszubügeln, macht er alles nur schlimmer ...
"Klinge & Blutmagie" von Kaja Evert
Enemies to Lovers gehört zu meinen Lieblings-Tropes - wenn die Protagonist*innen wirklich Feinde sind und ihr Hass und ihre Vorurteile nicht innerhalb weniger Seiten überwunden sind. Inquisitor Kjeld und Schwarzmagier Nino brauchen in "Klinge & Blutmagie" einiegs an Zeit, um Vertrauen zu fassen und die Anziehung, die sie beiden spüren, zuzulassen - und auch dann noch bleibt das Misstrauen, das in ihnen über Jahre gewachsen ist und ihnen teils auch anerzogen wurde. Kjeld kämpft in der Inquistion gegen Dämonen und hat gelernt, dass Schwarzmagie das pure Böse ist und alle, die sie anwenden, bestraft werden müssen. Nino hingegen möchte seine verbotene Blutmagie erforschen und nutzen und verabscheut die Inquisition, die Menschen wie ihn vorverurteilt und verfolgt. Um einen mächtigen Dämon zu besiegen, müssen die beiden zusammenarbeiten und ihre Vorurteile überwinden, was alles andere als einfach ist. Ein sehr düsterer Fantasyroman voller Graustufen.
Inzwischen gibt es auch viele Selfpublisher*innen, die großartige Phantastik veröffentlichen und deren Bücher qualitativ längst mit Verlagsbüchern mithalten können und teilweise sogar besser sind (weil so mancher größere Verlag inzwischen am Lektorat/Korrektorat zu sparen scheint). Der nächste Teil von "Unsichtbare Schätze" wird sich daher mit Selfpublishing-Titeln beschäftigen :)
Ich hoffe, es war etwas für Euch dabei, und wünsche viel Freude beim Lesen!
- Judith


"Denial of Service" von Aiki Mira

2025 ist nicht mein Jahr und ich hatte tatsächlich überlegt, den Buchmesse Convent ausfallen zu lassen - letztlich bin ich froh, dass ich doch da war, und es war ein toller Tag voll interessanter und aufbauender Gespräche. Dieses Mal habe ich nur drei Programmpunkte besucht, dazu später mehr. Die meiste Zeit stand ich draußen - das Wetter war wieder einmal perfekt - und habe mich mit unterschiedlichsten Leuten unterhalten. In meinem privaten Umfeld gibt es wenige Menschen, die lesen, und eigentlich niemanden, der so wie ich gerne Science Fiction / Phantastik liest. Austauschen über SFF kann ich mich eigentlich nur im Netz, insofern war es wieder einmal großartig, so viele Menschen zu treffen, die meine Begeisterung für die Phantastik teilen, die Phantastik lesen, schreiben und darüber berichten. Es war schön, von Menschen umgeben zu sein, die wie ich sind, auch wenn wir nicht immer die gleichen Bücher mögen. Aber in meiner "Bubble" sind wir uns doch sehr ähnlich, wie Basics stimmen, auch politisch, und wenn man wie ich im "real life" immer viel Kontra und Unverständnis bekommt, tut es schlicht gut, mit Menschen zu reden, denen man nichts groß erklären muss, die einfach nur wissend nicken und die im Gegensatz zu mir noch mehr Hoffnung mitbringen.
Danach unterhielt ich mich eine Stunde mit Freunden und Bekannten, ehe es weiter ging zum Piper-Verlagspanel, das ebenfalls sehr gut besucht war - so gut, dass manche nicht mehr in den Raum passten. Lektorin Kathrin Dodenhoeft und Autorin und Übersetzerin Judith Vogt stellten aktuelle Verlagstitel vor, parallel zu einer lebhaften Diskussion, die eigentlich im Anschluss stattfinden sollte. Doch die Leser*innen hatten viel Redebedarf und so war das Panel eher eine große Diskussion mit eingeschobenen Buchvorstellungen. Diskutiert wurde unter anderem über die allgegenwärtige Dark Romance / Dark Romantasy, über englische Titel für deutschsprachige Bücher (finde auch ich langsam too much) und Romane, die ursprünglich einmal Fanfictions waren, wobei sich die Leser*innen nicht einig waren, wo Fanfiction anfängt und aufhört. Bei dem großen Redebedarf würde sich eine größere Talkrunde für den BuCon anbieten.
Ein paar Bücher habe ich am Ende auch noch erworben: "Totenlied", den neuen Band der "Kemet"-Reihe von Melanie Vogltanz und Jenny Wood, das sie mir auch gleich signiert haben. "Frozen, Ghosted, Dead" von Sameena Jehanzeb, das ich mir letztes Jahr eigentlich schon holen wollte. Die aktuelle "Queer*Welten"-Ausgabe musste natürlich auch mit, sowie mein Belegexemplar von "Das Science Fiction Jahr 2025". Am Amrûn-Stand habe ich dann natürlich auch noch vorbeigeschaut, ist quasi auch Pflicht, auch wenn ich viele der großartigen Bücher schon habe. Dann habe ich mich noch nett mit Christoph Grimm, dem Herausgeber des Weltenportals, unterhalten und festgestellt, dass man mich auf der neuen Ausgabe von Frank Lauenroths "Black Ice" zitiert hat :D - und zum Abschluss gab es natürlich wieder die Heimfahrt mit "Perry Rhodan"-Chefredakteur Klaus Frick, der den BuCon-Ehrenpreis für sein Lebenswerk abgestaubt hat und dafür eigentlich noch zu jung ist. 


"Die Geißel des Himmels" von Ursula K. Le Guin