
ohne ohren (2025)
Taschenbuch, ca. 600 Seiten, 17,49 EUR
ISBN: 978-3-903296-88-6
Genre: Urban Fantasy / queere Romantasy / Sapphic Romance
Klappentext
Der Limbus ist ein Ort voller Wunder. Dort klammern sich die Psychai – todgeweihte Dämonen – an das Leben, an Begehren, Liebe, Wut, Genuss und Kreativität. Doch der Untergang schwebt stets wie ein Schatten über ihnen – bis eine Melodie der Hoffnung durch den Limbus schwingt.
Musiker Evan steckt in einer Schaffenskrise. Doch als er geheimnisvolle Noten spielt, bieten ihm plötzlich übernatürliche Wesen eine Lösung all seiner Probleme – Cubi, Amore, Grazien, Furien und Musen buhlen um seine Gunst.
Aber die Psychai verfolgen ganz eigene Ziele: Wer den Wettstreit um Evan gewinnt, besiegt das Schicksal – oder verliert alles.
Rezension
Evan lebt seinen Traum, doch als Musiker ist es hart, über die Runden zu kommen. Es funktioniert nur, weil er zusätzlich Musikunterricht anbietet und über eine Onlineplattform mehrere Mäzene mit individuellen Kompositionen für sich begeistert. Auf einem Klassentreffen holt ihn seine Vergangenheit ein: er hat zwei Menschen sehr verletzt und sich damit letztlich auch selbst verletzt. Er hat seine große Liebe Yunus verloren, weil er nicht zu ihm stehen konnte und ihre Beziehung verheimlicht hat. Und er hat seine gute Freundin und die Sängerin seiner Band Flor verloren, weil er eine Beziehung mit ihr vorgespielt hat, was für sie mehr als unangenehm war. Als er die beiden wiedersieht, kommen die alten Gefühle wieder hoch und Evan erkennt, dass sich seine Fehler nicht so leicht bereinigen lassen. Frustriert widmet er sich der Musik und nichts will ihm so richtig gelingen. Da entdeckt er zwischen seinem Notenchaos die Limbus-Symphonie und spielt sie - woraufhin fünf dämonenhafte Gestalten erscheinen, die er zunächst für Cosplayer hält. Doch vor ihm stehen tatsächlich die Anführer der Cubi, Amore, Grazien, Furien und Musen und versprechen ihm die Erfüllung all seiner Träume und Hoffnungen. Sie schlagen ihm einen Wettbewerb vor, in dem ihre Operative ihn sechs Monate lang von ihren Qualitäten überzeugen sollen. Dann soll er entscheiden, wer gewonnen hat, und im Gegenzug seine Dienste anbieten, da er ein sogenannter Joker sei - er kann auf alle Energien, die die Psychai begehren, zugreifen ...
Die Psychai leben im Limbus, einem düsteren Reich zwischen Leben und Tod, wo sie sich verzweifelt an ihre Existenz klammern und diese sichern, indem sie von Menschen Energien ernten: Begehren, Liebe, Wut, Genuss und Kreativität. Die Psychai sind eine niedere Form von Dämonen, die ihre Dienste Menschen anbieten und im Gegenzug Energie mitnehmen, mit denen sie ihre Quellen speisen. Die Cubi, Sukkuben und Incuben, bereiten ihren Menschen unendliche Lust, die Grazien zeigen ihnen die Freuden der Sinne, die Musen inspirieren jede Form von Kunst, die Amore helfen der Liebe auf die Sprünge und die Furien entfesseln aufgestaute Wut. Die Psychai tragen unterschiedliche Hörner auf ihren Häuptern, auf den Köpfen der Furien winden sich Schlangen, die Cubi können ihre Gestalt den Wünschen der Menschen anpassen, Amore verschießen goldene und schwarze Pfeile, wobei letztere sehr gefährlich sind, und ein Musenkuss verhilft zu kreativen Höchstleistungen. Untereinander sind sie Gleichgesinnte und zugleich Konkurrenten, sie alle kämpfen für ihre eigenen Orden und darum, mit Hilfe der geernteten Energie ein wenig mehr Zeit unter den Lebenden verbringen zu dürfen.
Der Schwerpunkt von "Liminal Creatures" liegt auf den Cubi und Musen, zum Einen da Evan als Musiker natürlich am meisten von einer Muse profitiert, aber auch, weil Evans Freundin Flor mit Alizaran, der Anführerin der Cubi, in eine Beziehung lebt. Davon weiß Evan zunächst nichts. Seine Psychai tarnen sich als Menschen, wenn andere Menschen in der Nähe sind und so weiß auch Flor nicht, dass Evan mit Psychai verkehrt. Flor hatte einst einen Vertrag mit Alizaran, die als Incubus wenig bis keine sexuelle Lust verspürt und dies vor den anderen Cubi geheimhält. Diese würden sie davonjagen, wüssten sie davon, und es schielen ohnehin genug auf ihren Posten. Auch Evans Muse Ray und Sukkubus Delilah haben eine komplizierte Beziehung miteinander, teilen des Öfteren das Bett und hegen Gefühle, die sie sich nicht eingestehen wollen. Sie konkurrieren um Evans Gunst und werden für ihn zu Freundinnen, die sich ernsthaft um sein Wohl sorgen. Evan geht es im Verlauf der Handlung zunehmend schlechter, wobei auf gelegentliche Hochs umso härtere Tiefs folgen. Die Handlung um Evan gleich einer emotionalen Achterbahnfahrt, die in einer Spirale in die Tiefe führt. Dabei geht es auch um Themen wie Depression, Sucht und Suizidalität, wofür es vor jedem Kapitel Content Notes gibt. "Liminal Creatures" widmet sich seelischem Schmerz in unterschiedlichen Formen, die Figuren erfahren viel Leid, aber auch Fürsorge und überraschende Hilfe.
Musik spielt eine zentrale Rolle in der Handlung - zum Einen natürlich weil Evan durch und durch Musiker ist, aber auch weil diese ihn mit seinen Herzensmenschen verbindet. Für Evan ist Musik Ausdruck seines leidenschaftlichen Charakters, eine eigene Sprache, in der er sich viel besser ausdrücken kann als mit Worten. Iva Moor hingegen kann sich mit Worten wunderbar ausdrücken und setzt die Musik sprachlich gekonnt um - überhaupt schreibt sie sehr ausdrucksstark und emotional mitreißend. "Liminal Creatures" beinhaltet relativ wenig Action, dafür stehen die unterschiedlichen Beziehungen der Figuren im Vordergrund, wobei hier unterschiedlichste queere Identitäten vertreten sind. Für die Psychai sind all diese Identitäten ganz natürlich, Evan hingegen hadert mit seiner Queerness, was ihn auch die Beziehung mit Yunus gekostet hat. Im Verlauf der Handlung entwickelt sich bei ihm die Bereitschaft zu mehr Offenheit, doch die Wunden der Vergangenheit sind tief und die magischen Lösungen der Psychai von kurzer Dauer und inklusive verheerender Konsequenzen. Die Psychai tragen ebenfalls ihre Wunden mit sich und haben alle auf unterschiedliche Weise mit der Vergangenheit zu kämpfen. Die Furien, Amore und Grazien kommen dabei etwas zu kurz - sie ebenso ins Zentrum der Handlung zu rücken wie die Cubi und Musen hätte den Rahmen der Geschichte gesprengt.
In der zweiten Romanhälfte gibt es einige Überraschungen, manche davon ziemlich böse, andere erfreulich, und lose erscheinende Handlungsfäden verbinden sich zu einem unerwarteten Ende. Evan hat großen Einfluss auf den Limbus und der Wettstreit um ihn stellt dort einiges auf den Kopf. Aber auch Alizarin, Delilah und Ray stoßen Veränderungen an und setzen sich über alte Regeln hinweg. Im Kern der Geschichte geht es um aufrichtige Gefühle, offene Kommunikation, das Überwinden starrer Glaubenssätze, Freundschaft und Liebe in unterschiedlichen Formen. Die phantastischen Elemente machen das alles extremer und visuell beeindruckender - immerhin sind die Psychai auffällige Erscheinungen und ihre Fähigkeiten machen diese Art von Geschichte erst möglich. "Liminal Creatures" ist ein Buch für Leser*innen, die gerne nah bei den Figuren bleiben, sie in- und auswendig kennenlernen und ihre emotionalen Höhen und Tiefen mitfühlen wollen. Um den Überblick zu behalten, gibt es vorangestellt ein Personenverzeichnis, das es in den ersten Kapiteln durchaus braucht. Doch trotz vieler unterschiedlicher Figuren liest sich der Roman angenehm und schnell - und stellenweise spicy. Allein durch die Cubi kommt viel Erotik in die Geschichte, wobei Iva Moor durchaus ins Detail geht, aber die Szenen nicht zu explizit schildert.
Fazit
"Liminal Creatures" ist eine emotionale Achterbahnfahrt, beschleunigt durch die Psychai, die Musiker Evan in einem magischen Wettstreit auf einen Abgrund zu treiben. Im Zentrum der Handlung stehen die vielfältigen Beziehungen der Figuren untereinander: sie alle haben ihre Vergangenheit und tragen Schmerz in sich, sie alle kämpfen mit ihren Dämonen, auch die Psychai, in deren Schattenreich einiges auf den Kopf gestellt wird. Doch Iva Moor schreibt nicht nur über Traumata, sondern auch über Freundschaft, Liebe und unerwartete Fürsorge.
Pro & Contra
+ die Liebe zur Musik ist durchweg spürbar
+ Evan und seine Herzensmenschen
+ die Psychai mit ihren besonderen Fähigkeiten
+ der Limbus als düsteres Reich zwischen Leben und Tod
+ moderne Umsetzung mythologischer Elemente
+ unterschiedliche queere Identitäten und Beziehungen
+ (böse) Überraschungen im Handlungsverlauf
+ ausdrucksstarker Schreibstil, der alle Sinne anspricht
+ ästhetisches, gut zur Story passendes Cover
- Spannung flacht im Mittelteil zu stark ab
- manchmal etwas zu viel Drama in den Beziehungen
Wertung: ![]()
Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5
Interview mit Iva Moor (2022)