Hans Joachim Schädlich wird für sein Gesamtwerk mit dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeihnet, der mit 50.000 Euro dotiert ist. Die Preisverleihung findet am 23. September im Stadttheater Koblenz statt. Die Laudatio hält Ruth Klüger.
A
us der Begründung der Jury: «Hans
Joachim Schädlich sucht die Deformation des Menschen durch repressive
und manipulative Verhältnisse dort auf, wo sie unverfälscht ans Licht
kommt: in beschädigter Sprache. Jeder seiner Prosatexte ist ein Kosmos
kunstvoll falsch gesetzter Töne, Stachel im trägen Fleisch sprachlicher
Übereinkünfte, und durchflackert von Ironien. Die große Kunst dieses
Autors besteht darin, dass seine Texte nichts abbilden und nichts
nachbilden, aber ihr völliges Erfundensein direkt von den Vitalkräften
des Lebens gespeist zu sein scheint. Seit Erscheinen seiner ersten Texte
1977 ist er modern, den wechselnden literarischen Moden allein durch
Selbsttreue und Liebe zur Wahrheit eine Reflexionslänge voraus. Hans
Joachim Schädlich ist der große Erzähler unter den Nichterzählern: ein
Lakoniker ohne die sonst unvermeidliche Mitgift des Sentimentalen, der
aus Sprödheit musikalische Funken schlägt, mit höchster Künstlichkeit zu
fiebernder Teilnahme nötigt, mit Sirenentönen zur Reflexion verlockt.»
Über den Autor
Normal 0 21 Geboren am 08.10.1935 in Reichenbach (Vogtland), studierte Hans Joachim Schädlich Gemanistik in Berlin und Leipzig und promovierte mit einer Arbeit über "Die Phonologie des Ostvogtländischen" (1966). Von 1959 bis 1976 war er an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften tätig, anschließend als freier Übersetzer. In der DDR nicht veröffentlicht und als Unterzeichner der Biermann-Resolution attackiert, konnte Schädlich im Dezember 1977 ausreisen. 1988 Literaturpreis für Kurzprosa, Hamburg, Thomas-Dehler-Preis 1989, 1992 Johannes-Bobrowski-Medaille Berlin und Heinrich-Böll-Preis Köln. 1988 Brüder-Grimm-Gastprofessur an der GHS Kassel. Mitglied der Dt. Akademie für Sprache und Dichtkunst. Der Band "Versuchte Nähe" versammelt 25 Geschichten aus dem «mittleren Land», die zwischen 1969 und 1977 entstanden sind. In diesen Prosaskizzen entschlüsselt Schädlich das Alltagsleben in der DDR - die Rituale der Macht wie den Stil der offiziellen Berichterstattung, den Opportunismus der Kleinbürger wie die Frustrationen der Jugendlichen. Schädlich hat die Entfremdung als Folge von Sachzwängen der modernen Industriegesellschaft in der DDR und dann auch in der Bundesrepublik schmerzlich erfahren. In "Der Sprachabschneider"' lässt er die Sprache als humansten Lebensausdruck selbst zum Gegenstand einer Geschichte für Kinder und Erwachsenen werden. "Tallhover" reflektiert die Geschichte der politischen Polizei in Deutschland von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts und endet mit einer bizarren Pointe: Der Protagonist wirft sich schließlich selbst vor, nicht intensiv genug an der Vervollkommnung polizeilicher Überwachungsmaßnahmen gearbeitet zu haben, und verurteilt sich selbst zum Tode.
(Quelle: Rowohlt)