Holmes & Moriarty (Gareth Rubin)

holmes und moriarty

HarperCollins; (27. Mai 2025)
Taschenbuch: 336 Seiten; 18,00 EUR
ISBN‏: ‎ 978-3365009895

Genre: Kriminalroman


Klappentext

Noch nie zuvor musste Sherlock Holmes so eng mit seinem größten Erzfeind zusammenarbeiten

London, 1889: Sherlock Holmes und Dr. Watson werden von einem jungen Schauspieler engagiert, um einem seltsamen Fall nachzugehen. Zu seinen Aufführungen kommen jeden Tag dieselben Zuschauer – jedoch immer in anderen Verkleidungen. Zur gleichen Zeit läuft Professor Moriarty und Sebastian Moran die Zeit davon: Sie werden für einen mysteriösen Mord verantwortlich gemacht und müssen untertauchen.

Eine unsichtbare Hand zieht das Netz um die beiden verfeindeten Genies Holmes und Moriarty immer enger. Schnell wird klar, dass es hier um weit mehr geht als sie. Werden die beiden über ihre Schatten springen und zusammenarbeiten können, oder ist die Welt dem sicheren Untergang geweiht?

Ein kriminalistisches Abenteuer auf den Spuren Arthur Conan Doyles


Rezension

„Holmes & Moriarty“ von Gareth Rubin hat sofort meine Neugier geweckt. Schon allein das Setting klingt spannend: Holmes, Watson, Moriarty, allesamt Legenden, in einem Fall, der sie zwingt, enger zusammenzuarbeiten, als es ihnen lieb ist. Ein Schauplatz im London des Jahres 1889, ein mysteriöser Mord, ein junger Schauspieler, dessen Publikum täglich in wechselnden Verkleidungen auftaucht, ein perfekter Aufhänger, der sowohl klassisch als auch ungewöhnlich ist. Genau dieser Mix war für mich der Grund, dem Buch eine Chance zu geben, obwohl ich jetzt kein ausgesprochener Sherlock-Holmes-Superfan bin. Die Romane von Arthur Conan Doyle habe ich nie komplett verschlungen, aber sie gehören natürlich zum literarischen Allgemeinwissen, denke ich. Holmes ist eine Figur, die man kennt, selbst wenn man nie bewusst etwas von ihm gelesen hat. Deshalb war ich besonders gespannt, ob Gareth Rubin die Atmosphäre und den besonderen Reiz dieser Welt einfangen kann und ob er vielleicht sogar eine ganz neue Facette hinzufügt.

Und ja, der Einstieg hat mich positiv überrascht. Rubins Schreibstil ist lebendig und erzeugt sofort Kopfkino, dabei schafft er es, das viktorianische London vor meinem inneren Auge lebendig werden zu lassen. Straßenlaternen, Nebel, die Mischung aus Elend und Eleganz, all das bekommt der Autor wirklich stimmungsvoll hin. Auch die Dialoge wirken schön dynamisch, oft pointiert, und Rubin versteht es, die Wortgefechte zwischen Holmes und Moriarty so zu gestalten, dass man merkt: Hier prallen wirklich zwei sehr unterschiedliche Genies aufeinander. Besonders Moriarty bekommt hier deutlich mehr Tiefe, als man es aus vielen klassischen Darstellungen gewohnt ist. Er ist hier nicht nur der eindimensionale Bösewicht, sondern ein Charakter mit eigenen Zweifeln und tatsächlich einer gewissen Verletzlichkeit. Das hat mir gefallen, weil es ihm mehr „menschliche“ Konturen verleiht.

Aber genau hier liegt für mich auch eines der größten Probleme des Romans: Während Moriarty greifbarer wird, bleibt Holmes erstaunlich blass. In den Originalgeschichten von Conan Doyle ist Holmes das Zentrum jeder Szene. Auch wenn Watson als Erzähler fungiert, spürt man immer Holmes’ Präsenz, seine Schärfe, seine manchmal arrogante, aber faszinierende Art, seine unbändige Lust am Rätseln. Rubin hingegen schafft es nicht, diese faszinierende Ausstrahlung aufleben zu lassen. Holmes wirkt hier mehr wie ein guter Nebencharakter als wie der treibende Motor der Geschichte. Es ist fast ironisch: Das Buch trägt seinen Namen im Titel, aber Moriarty ist die Figur, die man nach dem Lesen am meisten im Kopf behält.

Wenn ich den Vergleich zu Doyles Originalen ziehe, dann fällt vor allem auf, wie unterschiedlich der Spannungsaufbau funktioniert. Bei Doyle hat jede Geschichte eine fast mathematische Präzision: Das Rätsel wird mit klaren Hinweisen aufgebaut, es gibt immer einen Moment der völligen Verwirrung und dann das brillante Auseinandernehmen aller Puzzleteile im Finale. Rubin setzt hingegen stärker auf ein filmisches Erzählen, auf Action- und Spannungsmomente, die oft mehr auf Tempo als auf Logik setzen. Das sorgt zwar für einen gewissen Drive, aber es fehlt die Eleganz, die die klassischen Holmes-Fälle so einzigartig macht. Ich hatte beim Lesen öfter das Gefühl, dass Rubin nicht immer genau wusste, wie er die cleveren Wendungen auflösen will, und deshalb manche Stränge eher pragmatisch als wirklich genial zu Ende denkt.

Der Fall selbst, oder besser gesagt, die beiden parallel laufenden Handlungsstränge, sind grundsätzlich interessant. Holmes und Watson ermitteln in einem Theater-Setting, das reichlich Potenzial für raffinierte Täuschungen bietet, während Moriarty und Moran vor einer Mordanklage fliehen müssen, die ihnen jemand in die Schuhe schieben will. Die Idee, dass sich die beiden Erzfeinde durch eine übergeordnete Macht in denselben Strudel von Ereignissen gezogen sehen, ist stark. Doch statt dass sich ihre Wege früh genug kreuzen, um wirklich miteinander zu agieren, dauert es lange, bis diese Zusammenarbeit überhaupt in Gang kommt. Und wenn sie dann endlich passiert, ist sie tatsächlich weniger spannend, als ich gehofft hatte. In den besten Holmes-Adaptionen lebt genau dieses Aufeinandertreffen von gegenseitiger Abneigung, Respekt und dem Wissen, dass der andere im Zweifel genauso klug ist wie man selbst. Hier wirkt das Ganze dann doch eher wie eine Zweckgemeinschaft, die mich aber weder hier noch da richtig abholen konnte.

Was ich Rubin aber zugutehalten muss: Er versteht es, Nebenfiguren und kleine Details einzubauen, die der Welt Glaubwürdigkeit geben. Das Theatermilieu, die Straßen von London, die unheimliche Stimmung, all das hat mich motiviert, dann doch weiterzulesen. Aber je weiter die Geschichte voranschritt, desto mehr merkte ich aber auch, dass mein anfänglicher Enthusiasmus merklich abflachte. Das lag nicht nur daran, dass Holmes zu oft in den Hintergrund rückte, sondern auch daran, dass das Finale nicht das Highlight war, das ich erwartet hatte. Ohne zu spoilern: Es ist solide, aber eben auch etwas vorhersehbar, und es fehlt der „Wow“-Moment, den man bei einem klassischen Holmes-Fall irgendwie erwartet.

Vielleicht liegt das auch daran, dass Gareth Rubin, bei allem Respekt, am Ende nicht das literarische Gespür eines Conan Doyle hat. Das ist wirklich auch nicht böse gemeint und keine Schande, schließlich sprechen wir hier von einem der meist adaptierten Krimiautoren aller Zeiten. Aber wenn man sich an Holmes wagt, dann konkurriert man automatisch mit einer extrem hohen Messlatte. Doyle hat seine Fälle so gebaut, dass sie nicht nur spannend, sondern auch elegant und in sich schlüssig waren. Rubin dagegen liefert ein gut geschriebenes, unterhaltsames Buch ab, das inhaltlich aber nicht die gleiche Raffinesse erreicht.


Fazit

Mein Fazit fällt deshalb gemischt aus: „Holmes & Moriarty“ ist atmosphärisch gut, leicht zu lesen und punktet vor allem mit einer interessanten Zeichnung von Moriarty. Wer schon immer mal die Perspektive dieses Charakters aus einem etwas anderen Blickwinkel erleben wollte, wird hier absolut auf seine Kosten kommen. Für eingefleischte Holmes-Fans, die die Präzision, Schärfe und den intellektuellen Wettkampf der Originale lieben, könnte es dagegen eher enttäuschend sein. Auch Krimifans, die Wert auf raffinierte, wasserdichte Auflösungen legen, werden hier wohl eher mäßig begeistert sein.

Unterm Strich würde ich sagen: nett zu lesen, aber kein Muss. Für mich reicht es zu einer soliden 6 von 10, nicht, weil das Buch schlecht wäre, sondern weil es im direkten Vergleich zu den Originalen einfach nicht mithalten kann. Vieles, was Holmes so besonders macht, bleibt hier auf der Strecke, während Moriarty im Rampenlicht steht. Wer damit leben kann, bekommt einen spannenden, wenn auch nicht makellosen Krimi im viktorianischen Setting. Wer aber die Magie eines Doyle-Falls sucht, sollte vielleicht lieber wieder zu den alten Bänden greifen.


Pro & Contra

+ Atmosphärisch starkes, bildhaftes viktorianisches London
+ Interessante und tiefere Charakterzeichnung von Moriarty
+ Flüssiger Schreibstil, der leicht lesbar ist

- Sherlock Holmes bleibt überraschend blass
- Handlung setzt mehr auf Tempo als auf die raffinierte Logik der Doyle-Vorlagen
- Zusammenarbeit von Holmes & Moriarty liefert weniger Spannung als erwartet

Bewertungsterne3

Handlung: 3/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 4/5