
Tor (März 2026)
Hardcover
368 Seiten, 27,99 €
ISBN: 978-1-250-37260-4
Genre: Sachbuch, Literaturkritik
Klappentext
From two of the most acclaimed writers in the field today, a groundbreaking look at how SF and fantasy writing―and reading!―work.
Jo Walton and Ada Palmer are two of the most innovative and insightful writers to emerge in the SF and fantasy genres in this century. As writers of fiction they’ve each won multiple awards. As commenters on SF and fantasy in print and in visual media, they’ve both sparked new conversations that expanded our imaginations and understanding of how SF and fantasy work, and what more it could be doing.
Now, in Trace Elements, Walton and Palmer have come together to write a book-length and supremely entertaining look at modern science fiction and fantasy, at how our genre is written and how it is read, that will join nonfiction works like Ursula K. Le Guin’s The Language of the Night, Samuel R. Delany’s The Jewel-Hinged Jaw, and Understanding Comics by Scott McCloud on the short shelf of titles essential to all readers of our genre.
Subjects covered include the nature of genre itself, the history of SF publishing, the implicit contract between author and reader, the ways SF and fantasy disguise themselves as one another, what SF&F can learn from outside influences ranging from Shakespeare to Diderot to anime, the role of complicity in reading, the need to expand our “sphere of empathy”, and finally the need for optimism, the importance of rejecting “purity” culture, and the fact that the human story for centuries to come will be composed of hard work.
Rezension
Ada Palmer hat mit “Terra Ignota” eine der interessantesten Science-Fiction-Serien geschrieben, die mir in den letzten Jahren begegnet sind, und ist zusammen mit Jo Walton auch die Verfasserin von zahlreichen Essays und Artikeln, in denen ich mehr als einmal ein paar meiner vagen Gedanken zu Genre-Fragen perfekt ausformuliert und tiefer durchdacht wiedergefunden habe. Für mich war also klar, dass ich "Trace Elements" lesen musste, und das Buch hat mich nicht enttäuscht.
"Trace Elements" beginnt mit Überlegungen zu Fantasy und Science Fiction im Allgemeinen los und was diese als Genre ausmacht. Palmer und Walton unterscheiden hier zwischen “Imprint SF” und “Exterior / External SF”, also Büchern mit Science-Fiction-Elementen, die diese aber nicht auf genretypische Weise verwenden, keine Science-Fiction-Lesegewohnheiten voraussetzen und nicht mit älterer Science-Fiction im Dialog stehen. Science-Fiction und Fantasy, so Walton und Palmer, gehen mit spezifischen Versprechen für Lesende ein her: Das Fantastische und Futuristische ist real, wir interessieren uns für seine Auswirkungen auf die Welt, und das geduldige Zusammenpuzzeln von Weltenbau-Puzzlestücken durch die Lesenden wird schließlich durch ein befriedigendes, in sich stimmiges Gesamtbild belohnt. Ich finde ihre Charakterisierung von Fantasy und Science-Fiction und der Erwartungen, die genre-erfahrene Lesende an diese herantragen, sehr stimmig. Für mich erklären sie auch z.B. ein Stück weit, wieso sich manche Romantasy, obwohl sie vordergründig Zutaten mit epischer Fantasy teilt, beim Lesen oft so anders anfühlt.
Andere Texte zum Thema Genre gehen auf die Beziehung von Fantasy und Science-Fiction und ihr Verhältnis zu den Änderungen in Vorstellungen dessen, was magisch und was plausibel ist, ein - so seien bestimmte übernatürliche Fähigkeiten in Science-Fiction ein Produkt einer Zeit, in der diese noch ernsthaft diskutiert wurden. Für mich ist das eine spannende Parallele zu sich als historisch verstehenden mittelalterlichen Texten, in denen aber Magie und Wunder auftauchen, wie z.B. Olafs Saga Tryggvasonar. Ich musste auch an die These aus “Eine kurze Geschichte der Fantasy” denken, dass Fantasy als Genre auf ein Weltbild angewiesen ist, dass eine klare Grenze zwischen dem realen und dem übernatürlichen/fantastischen zieht, und daher nur in einem bestimmten kulturellen und historischen Kontext entstehen konnte.
Sehr spannend sind die historischen Ausführungen zur Geschichte von Science-Fiction-Verlagen und den Wechselwirkungen von Kreativität, Technologie und ökonomischem Kalkül, die das Genre geformt haben. Andere faszinierende historische Ausführungen betreffen das Romance-Genre und seine Beziehung zu Frauen und ihrer sich wandelnden ökonomischen Situation, und die Geschichte von Manga und Anime. Zu letzterer gibt es spannende Erläuterungen zu Manga und Anime als Produkt des Nachkriegs-Japan und den geschichtlichen und kulturellen Prägungen.
Allgemein schöpfen die Essays beider Autorinnen die Gegenstände ihrer Essays und ihre Beispiele und Analogien aus vielen Jahrhunderten, Genres und Medien - ein Text kann z.B. einen spezifischen Anime, einen Roman aus der Antike, die Literatur des 19. Jahrhunderts und deren jeweiligen historischen Kontext zu einem spannenden Ganzen zusammenführen. Anime und Vergleiche zwischen japanischen und amerikanischen Erzähltraditionen sowie deren Verflechtungen und gegenseitige Inspiration tauchen in vielen Essays auf. Ein Essay widmet sich zum Beispiel dem Vergleich von Roboter- und Geistergeschichten in beiden Kulturen und was diese jeweils über religiöse und philosophische Prägungen und historische Ängste und Traumata verraten.
Persönlich wird es in den Texten, in denen sich Walton und Palmer mit ihren jeweiligen Erfahrungen mit Behinderung und chronischen Schmerzen auseinandersetzen. Walton steuert mehrere Gedichte bei, Palmer schreibt eine ausführliche Chronik ihres Lebens vor und nach ihrer Diagnose, vor und nach dem Zeitpunkt, zu dem sie begann, den Begriff “Behinderung” auf sich zu beziehen. Sie beleuchtet sehr ehrlich die Frustration, die Schmerzen und Einschränkungen, aber auch Strategien, die für sie funktioniert haben, und wie kraftvoll es sein kann, offen damit umzugehen. Hinzu kommen noch Überlegungen zur Darstellung von Behinderung in Literatur und Kultur und historischen Figuren mit Behinderung, die allgegenwärtig waren und z.B. Spuren in Form von zugänglicher Architektur in Rom hinterlassen haben, aber deren Behinderungen in historischen Erzählungen oft ausgelöscht werden.
Interessant sind auch ihre Berichte darüber, wie es ihnen gelang, Bücher zu veröffentlichen, und über ihre Motivation dahinter: Der Wunsch, Teil des langen Dialogs fantastischer Literatur zu sein.
Palmer und Walton glauben auch an die Kraft von Literatur - sowohl als Quelle von Genuss, als auch als Werkzeug, um über die Welt und mögliche Alternativen zum Status Quo nachzudenken und unsere Sphäre der Empathie zu erweitern. So fragen sie z.B., was es für unsere Gesellschaft bedeutet, wenn nahezu alle Literatur ihre Figuren in Protagonist*innen und “NPC”s trennt und Palmer sieht in der Fantastik eine der wichtigsten Quellen für unsere Wahrnehmung und Bewertung von Zensur, weswegen diese als Thema in Literatur bewusster gehandhabt werden sollte. Zum Schluss gibt es ein Essay über das Potenzial von Hopepunk, uns ohne Naivität auf der einen und Resignation auf der anderen Seite eine Zukunft zu zeigen, in der normale, makelbehaftete Menschen Fortschritte auf dem Weg zu einer besseren Welt machen. Manchmal sind die Thesen dazu, was bestimmte Tropes aussagen und wie wirkmächtig sie sind, vielleicht etwas überspitzt, aber sie sind in der Regel plausibel.
Die Essays sind flüssig und elegant geschrieben, sie nehmen sich Zeit, wo es nötig ist, und nutzen konkrete, oft überraschende Beispiele, um ihre Punkte zu erläutern. Palmer und Walton schreiben liebevoll und unglaublich belesen über Fantasy und Science-Fiction und ihr breit gefächertes Wissen über Geschichte und Literatur ist beeindruckend.
In einer Zeit, in der sehr viel Dialog über Genre-Literatur in minutenkurze Videos oder auf Instagram-Kacheln komprimiert stattfindet, sind lange, gut recherchierte und durchdachte Texte, die Kontexte herstellen und sich tief mit ihrem Thema beschäftigen, umso wichtiger für den Dialog über und innerhalb und die Weiterentwicklung des Genres. Ich bin daher sehr froh, dass dieses Buch existiert und wünsche ihm ein großes Publikum. Auch wer sich bereits gut mit Fantastik auskennt, kann sicher einiges Neues aus “Trace Elements” mitnehmen.
Fazit
“Trace Elements - Conversations on the Project of Science Fiction and Fantasy” ist ein fast schon einschüchternd informativer, zum Nachdenken anregender Beitrag zum Gespräch über Fantastik und macht auch einfach Spaß zu lesen.
Pro und Contra
+Gut recherchierte Essays
+Vielfalt von Themen
+Begeisterung für Science-Fiction und Fantasy und deren Potenzial
+Denkanstöße
+Flüssig, spannend, sympathisch und manchmal sehr persönlich geschrieben
Wertung:![]()
Aktualität: 4,5/5
Informationsgehalt: 5/5
Verständlichkeit: 5/5
Preis-Leistung: 3/5