Mit dem Wind tanzen (Emmanuel Lepage)

Mit dem Wind tanzen

Verlag: Splitter; (Juni 2026)
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten; 35 €
ISBN-13: 978-3-96792-333-9

Genre: Reiseerzählung, Sachbuch


Klappentext

„Manche nehme an, eine Reise zu den Kerguelen sei wie eine Flucht aus der Welt, und wundern sich, dass man nie allein ist. Dabei ist es so, dass man durch die Begegnung mit den anderen sich selbst kennenlernt.“

November 2022. Zwölf Jahre nach seiner ersten Reise fährt Emmanuel Lepage erneut auf Einladung von Wissenschaftlern zu den entlegenen Kerguelen-Inseln im Indischen Ozean, um deren Arbeit vor Ort zu dokumentieren. Vor allem aber fährt er mit der Idee dorthin, den Alltag am Ende der Welt kennenzulernen und mitzuerleben, wie das raue Klima die Menschen dort zusammenschweißt, und zu einer neuen Art gemeinsamen Leben führt.


Rezension

„Kerguelen, das Land der liegenden Riesen, die gen Himmel schreien.“  Francois Lepage

Vor mittlerweile 16 Jahren brach Emmanuel Lepage auf Einladung zum Kerguelen-Archipel auf und machte aus seinen Beobachtungen und Erfahrungen einen Reisebericht in Comicform. Damals verbrachte er nur wenig Zeit auf den Inseln und konnte so nicht wirklich am Leben dort teilnehmen. Zwölf Jahre später, 2022, kehrt er an diesen einsamen Ort und „unberührten“ Naturreservat zurück. Dieses Mal hat er sich vorgenommen, nicht nur bloß ein Besucher, ein Beobachter zu sein, sondern er will am Leben der Forscher und Mitarbeiter an diesem einsamen Ort in der Weite des Indischen Ozeans teilnehmen. Also bleibt er dort für einen ganzen Monat, erkundet die Inseln, geht mit den Menschen mit, erlebt ihre Arbeit, verbringt Zeit mit ihnen an einsamen Orten, an denen der Mensch eigentlich nichts verloren hat und findet nicht nur die Schönheit der Natur, sondern auch einen Ort, an dem er sich mehr mit sich selbst beschäftigt, als jemals zuvor. Als der Tag der Abreise kommt, hat er nicht nur viel über die Kerguelen gelernt, sondern auch neue, außergewöhnliche Freunde gefunden und Fragen auf uralte Fragen bekommen.

„Wonach suchst du in deinen Büchern?“
„Ich mache welche, um es herauszufinden..“

Dieses Zitat könnte gut als Überschrift und Zusammenfassung von Emmanuel Lepages Mit dem Wind tanzen dienen. Denn neben der Darstellung der Wissenschaftler und der anderen Menschen auf den Kerguelen und selbstverständlich der atemberaubenden Natur geht es für jeden der Menschen auf den Inseln genau um diese Frage. Sie mag anders formuliert sein, aber im Grunde ist es immer dieselbe. Dies wird beim Lesen von Lepages Erzählung über seine Reise klar.

„Und denken sie daran. Es ist kein Abenteuer, das sie erleben werden, sondern eine Erfahrung.“

Und eine Erfahrung ist das Lesen von Mit dem Wind tanzen auch für den Leser, denn Emmanuel Lepage ist ein wunderbarer Erzähler. Er fokussiert sich nicht auf das technische, auf die genauen Abläufe, sondern auf das zwischenmenschliche, die Gespräche, die Gefühle und Gedanken der Menschen an diesem abgelegenen Ort und verbindet dies mit seinen Bildern der Natur des Archipels. Viel im Sinne von Handlung und einem narrativen Rahmen passiert dadurch nicht, doch unter der Oberfläche steckt dadurch soviel mehr. Hier sieht man Menschen, die sich an einem für Menschen lebensfeindlichen Ort befinden und doch gerade dort zu sich finden. Emmanuel Lepage erzählt hier keine Anekdoten, auch wenn er selbstverständlich von der Arbeit der Forscher berichtet, sondern er erzählt vom Leben, den Schwierigkeiten, die existieren, und zwar nicht nur die, die durch die Umgebung entstehen, sondern auch die zwischenmenschlichen, die auch dadurch entstehen, wenn Frauen an einem solchen Ort in Unterzahl sind, wenn auch nur angedeutet, kurz. Er erzählt vom Menschen und seiner Natur. Was passiert, wenn der ganze Lärm des Alltags der modernen Welt wegfällt und man sich mit sich selbst und anderen beschäftigen muss. Dafür rückt er verschiedene seiner Begleiter und ihre Gedanken immer wieder in den Mittelpunkt. Dieser Ort, so weit weg, reduziert das Leben auf das Wesentliche und so kann es einen neuen Blick auf alles und jeden geben und neue Wege können gegangen werden. Emmanuel Lepage erzählt dies auf eine wunderbare Weise. Sein Mit dem Wind tanzen ist herrlich entspannend, entschleunigend, auf eine wunderbare, positive Weise melancholisch und geradezu meditativ – und vor allem macht es nachdenklich, stößt Dinge in einem an und berührt auf eine besondere Art und Weise, die lange nachklingt. Sofern man sich auf diese Erfahrung beim Lesen einlässt. Und auch, wenn man von diesem Werk berührt wird, so ist klar, dass man nur einen kleinen Einblick bekommt, in das, was die Erfahrung dieses Ortes mit einem macht.

„Ich bin eine Art Familienärztin in einer wunderbaren Umgebung, gesäumt von Bergen, die jede Sekunde ihre Farbe wechseln.“  Florence Chefärztin

Das Kerguelen-Archipel ist ein streng behütetes Naturreservat und auch wenn es längst nicht mehr unberührt ist, da auch hier invasive Arten zu einem Großteil zu finden sind, ist es doch von sehr besonderer Art. Dies wird beim Betrachten von Emmanuel Lepages Bildern eindeutig klar. Sie sind es, die vor allem die Wirkung auf den Leser hervorrufen und Mit dem Wind tanzen zu etwas besonderem machen. Bereits die erste Seite mit dem Bild eines See-Elefanten in der Tiefe zeigt die Schönheit der Natur und setzt zugleich die wunderschöne, entspannende und auch leicht melancholische Stimmung für das Buch. Unmittelbar kann man sich in das Abenteuer/ die Erfahrung, die folgt, hineinfallen lassen. Die Zeichnungen gerade auch vom Meer sind einfach atemberaubend, wie es bei einem Buch von Emmanuel Lepage auch nicht anders zu erwarten war. Man spürt die Gischt und die Kälte förmlich auf seiner Haut. Es ist teilweise so, als wäre man dabei.

„Die Schönheit des Wissens hat keinen Wert in einer neoliberalen Welt.“

Die Forscher sind vor Ort, um die Natur zu erforschen und hier zeigt Emmanuel Lepage erneut, dass er nicht nur das Meer darstellen kann, sondern auch die Flora, die Fauna und den Menschen selbst. Die Forscher werden von ihm ausdrucksstark gezeichnet. Ein Blick und man hat das Gefühl, man würde in sie hineinsehen. Und dieses Gefühl verstärkt sich noch bei den verschiedenen Tieren. Seine Porträts und Darstellungen von See-Elefanten, deren Babys von den Wissenschaftlern Bonbons genannt werden, Pinguinen oder anderen Vögeln sind einfach herzzerreißend schön und unheimlich wirkmächtig. Sie berühren und lassen einen für eine Weile nicht los. Während Fotos meist nur die Oberfläche einfangen können, schafft Lepage mit seinen Zeichnungen etwas ganz anderes. Er vermittelt die Gefühle beim Anblick einer solchen Schönheit, wie sie die Natur hier präsentiert und plötzlich entsteht der Wunsch, auch einmal die Erfahrung dieser Reise machen zu dürfen, die einen so verändern kann, wie sie es im Falle von Emmanuel Lepages Begleiter Alexis, der Kameramann einer Dokumentation über diese Reise für Arte war, getan hat. Mit dem Wind tanzen ist einfach wunderschön und atemberaubend gezeichnet und es ist eindeutig ein Plädoyer dafür, die Gesellschaft zu ändern bzw. zu heilen, damit solche Orte weiter existieren können.

„Wir gleiten wortlos über den Strand.“

Als Bonus gibt es einen kleinen Einblick in Emmanuel Lepages Skizzenbücher, die er während der Reise mit Zeichnungen gefüllt hat. Und diese Zeichnungen fangen den Moment, als sie entstanden, mit all ihren Emotionen ein und verdeutlichen einmal mehr, welche Spuren eine solche Reise in einen hinterlassen kann.

„Das menschliche Abenteuer hat mich sanft erschüttert. Es durchfährt mich jedes Mal wie ein Schatz.“


Fazit

Mit dem Wind tanzen ist ein wunderbares und wunderschönes Buch über eine Reise ans Ende der Welt und zu sich selbst und der Natur. In wunderschönen, emotionalen Bildern zeigt Emmanuel Lepage die Natur des Kerguelen-Archipels und lässt den Leser mit einer großen Sehnsucht nach diesem weit entfernten, und normalerweise unerreichbaren, Ort, zurück. Kurz gesagt: Ein Ausnahmecomic und im besten Sinne typischer Lepage. Einen besseren Comic wird es dieses Jahr nicht geben.


Pro & Contra

+ langsam und emotional erzählt
+ wunderschöne, atemberaubende Zeichnungen
+ gibt interessante Einblicke in die Arbeit der Forscher und ihrer Mitarbeiter
+ der Mensch und seine Erfahrungen stehen zusammen mit der Natur im Mittelpunkt
+ vermittelt den Eindruck der Erfahrung der Reise

Bewertung: sterne5

Aktualität: 5/5
Informationsgehalt: 4,5/5
Zeichnungen: 5/5
Fotografie: 5//5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Literatopia-Links zu weiteren Titeln von Emmanuel Lepage:

Rezension zu Weiß wie der Mond
Rezension zu Die Fahrten des Odysseus
Rezension zu Ar-Men