
tredition (2025)
340 Taschenbuch, Seiten, 14,99 EUR
ISBN: 978-3912037005
Genre: Science Fantasy / Cyberpunk / Urban Fantasy / Space Opera
Klappentext
Zum ersten Mal war ihr Problem nicht, dass sie zu wenig wusste. Das war in den einunddreißig Jahren davor der Fall gewesen. Sie war hier, weil sie zu viel wusste.
Jule wurde mit dem Ruf geboren — der kosmischen Gabe, Materie mit dem Willen zu formen. Doch trotz ihrer langjährigen Ausbildung an der Zitadelle von Arges gelingt es ihr nicht, etwas aus ihrem Talent zu machen. Als Beschwörerin taugt Jule nicht viel, und so stellt sie sich auf eine schnöde Beamtenkarriere und gemütliche Pizzaabende ein. Ein Auftrag der Zitadelle bringt ihre Pläne allerdings durcheinander: Jule wird von intergalaktischen Rebellen entführt und landet mit einem schnippischen Monster im Kerker. Statt sie zu fressen, verbündet es sich mit Jule und macht ihr ein verlockendes Angebot. Bald schon ist Jule die argesische Geheimpolizei auf den Fersen, und die Götter selbst verwickeln sie in ein tödliches Spiel aus Intrigen, Lust und geheimnisvollen Mächten.
Rezension
Nach einer geschieterten Mission sitzt Jule als einzige Überlebende ihrer Einheit im Kerker auf Nibel V. Dort ist sie eingesperrt mit einem Monster, das nicht spricht und sie nur finster anstarrt. Doch eines Tages hört sie die Stimme des Monsters in ihrem Kopf. Der Riese mit den Hörnern und sechs Augen heißt Mika und ist genervt von Jules Unfähigkeit, ihre magische Begabung zu nutzen. Er erkennt in ihr etwas, das sie selbst nicht sehen kann und will sie trainieren. Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht, doch Mika kehrt nicht mit Jule nach Arges, der Hauptstadt des intergalaktischen Reiches, zurück und lässt sie mit vielen offenen Fragen und geheimnisvollen Andeutungen allein. Jule ist wütend, immerhin haben sie und Mika sich gerade erst besser kennen und mögen gelernt, und nun soll sie sich von ihm fernhalten, weil es zu gefährlich sei? Zugleich soll sie sich bemühen, die Prüfung für den Aufstieg in den zweiten Rang zu meistern? Jule ist bereits daran gescheitert, doch für Mika tritt sie erneut an, gezwungenermaßen. Trotz Prüfungsangst. Dabei erhält sie Hilfe von einem weiteren geheimnisvollen Mann: Kestrel, einem Manus eines Avatars, einer Art Gott auf Arges. Kestrel kennt Mika und Jule ist entschlossen, aufzusteigen, um Antworten zu erhalten ...
"Seelengrube" ist der erste Band der Reihe "Der letzte Schlüssel", einem reizvollen Mix aus Cyberpunk, Space Opera und Urban Fantasy. Die Menschheit hat die Erde einst verlassen und ein neues intergalaktisches Reich gegründet. Die sogenannten Avatare halfen dabei, gottgleiche Wesen mit starker Magie, die auch in Jules Zeit die Geschicke der Menschen bestimmen. Für Jule sind sie anfangs mystische Götter, die nicht viel mit ihrem Leben zu tun haben, auch wenn da etwas Dunkles in ihrer Vergangenheit liegt. Sie hat ganz andere Probleme, abgesehen davon, dass sie in einem Kerker landet. Jule verfügt über den sogenannten Ruf, doch ihre Fähigkeiten kann sie nicht richtig nutzen und als Kind aus einer armen Familie wurde sie nie richtig gefödert. Sie hat sich längst damit abgefunden, ein kleines Rad im Getriebe von Arges zu bleiben, als Mika erkennt, dass mehr Magie in ihr steckt, als sie glaubt. Sie fasst neuen Mut, angetrieben vom Wunsch, Antworten zu erhalten und Mika wiederzusehen. Dieser unterstützt sie aus dem Hintergrund, fädelt ein, dass sie früher als geplant zur Prüfung antreten kann und sorgt für zweite und dritte Chancen, damit sie ihr Potential entfalten kann.
Jule lernt Mika als Monster kennen, doch er kann auch eine menschliche Form annehmen. Er ist ein mächtiger Beschwörer, doch zugleich ist er ein Sklave höherer Mächte. Er will Jule unterstützen, doch er will sie nicht in seiner Nähe haben, um sie zu schützen. Stattdessen schickt er Kestrel, ein Mitglied seiner Familie, um Jule zu unterstützen und zwischen den beiden entwickelt sich eine Freundschaft und mehr. Auch Kestrel ist nicht frei und führt ein verhängnisvolles Doppelleben. Trotz seines hohen Ranges als Manus ist auch er ein Spielzeug höherer Mächte in Arges. Mika wohnt eine wütende Ruhe inne, er ist verschlossen und abweisend und lässt Jule nur einen kurzen Blick hinter diese Fassade werfen. Kestrel dagegen ist offener, charmant und zunächst wirkt alles leicht mit ihm, dabei überspielt er seinen Schmerz und seine Verzweiflung. Jule will beide Männer befreien, auch wenn sie keine Ahnung hat, wie sie das anstellen soll. Ihre Feunde - drei ganz unterschiedliche Leute, die Jule schon lange kennen - unterstützen sie, sind jedoch ebenso kleine Rädchen im Getriebe von Arges und können nur fassungslos zusehen, wie Jule immer tiefer in die Machenschaften der Reichen und der Avatare verstrickt wird.
Arges ist eine Cyberpunkstadt mit mehreren Ebenen, inmitten eines gigantischen Ozeans, der fast die ganze Planetenoberfläche bedeckt. In der Unterstadt leben die Armen, wenn man dies Leben nennen kann, darüber die Arbeiterschaft und in den oberen Ertagen die Reichen und Schönen und Göttlichen, die in verschwenderischem Luxus schwelgen, während die Menschen weit unten sich zu Tode schuften. Es wird die Möglichkeit zum Aufstieg geboten, doch in der Realität scheitern die meisten daran, denn die Regeln der Gesellschaft sind zugunsten der Reichen und Mächtigen manipuliert. So steckt in "Seelengrube" viel Kapitalismuskritik, wobei die Figuren selbst Teil des Systems und so in ihre eigenen Kämpfe verstrickt sind, dass sie über einen Systemwechsel (noch?) nicht nachdenken. Begriffe und Namen sind aus dem Latein abgeleitet und so wirkt Arges ein wenig wie die Hauptstadt eines futuristischen römischen Reiches, in dem sich Unmut breit macht, aber der Sturm noch nicht losgebrochen ist. Es gibt zwar Rebellen, doch diese bleiben im ersten Band im Hintergrund und haben mit Jule nichts zu tun.
Das Magiesystem in "Seelengrube" ist eigen und entfaltet sich im Verlauf der Handlung nur stückweise. Der Ruf gilt als eine kosmische Gabe und wer über sie verfügt, wird in der Zitadelle ausgebildet. Der Magie werden acht verschiedene Aspekte zugeordnet, die einzeln genutzt oder auch kombiniert werden können. So ist es beispielsweise möglich, die Schwerkraft zu überwinden, Schutzschilde aus magischer Energie zu erschaffen oder die Körperkraft zu erhöhen. Die Arme der magisch Begabten sind mit Tätowierungen mit ihren Aspekten geschmückt (wozu sich ein paar tolle Zeichnungen im Buch finden, ebenso wie illustrierte Kapitelanfänge). Das System fördert dabei nicht unbedingt die Talentiertesten und sortiert Menschen aus unteren Schichten relativ schnell aus - wozu diese auch selbst beitragen, weil sie ein gänzlich anderes Leben führen als die Menschen aus den oberen Schichten und sich gar nicht vorstellen können, was alles möglich wäre. Entsprechend hat Jule zu früh aufgegeben und so ist sie zunächst überrascht und verunsichert über das, was sie Verlauf der Handlung lernt. Doch sie gewinnt zunehmend an Selbstvertrauen und macht eine beeindruckende Entwicklung durch, die neugierig auf den zweiten Band macht.
Jule kommt auch mit den Schönen und Reichen in Kontakt und taucht ein in eine Welt aus Schimmer und Glanz und Lügen und Intrigen. Die Menschen in den oberen Etagen sind alle gleichförmig schön und äußerlich perfekt und es gibt Mitel und Wege, Jule dieser glitzernden Hölle anzupassen. Dabei gibt es mehrere mächtige Personen, die sich sehr für Jule interessieren, sie für ihre Zwecke einspannen und erpressen. Dies ist der unangenehme Teil des Romans, der zwar zur Cyberpunkstadt passt, sich aber nicht so gut liest wie die Szenen in den unteren Etagen von Arges. Auch spielt Jule zu lange das Spiel mit. Sie bricht zwar Regeln und hat ihre Emotionen nicht im Griff, doch wirkliche Konsequenzen hat dies nicht, da die Mächtigen sich über ihre Impulsivität amüsieren. Für den zweiten Band bleibt zu hoffen, dass Jule ihre eigenen Regeln festlegt und ihren Weg ohne Hilfe aus dem Hintergrund geht. Positiv fallen hingegen die wenigen, dafür umso prickelnderen Sexszenen auf, in denen gegenseitiger Respekt und Consent im Vordergrund stehen.
Fazit
"Seelengrube" ist ein sehr atmosphärischer Mix aus Cyberpunk, Urban Fantasy und Space Opera und bietet ein faszinierendes Magiesystem, in dem die Protagonistin ihre Fähigkeiten erst noch entdecken muss. Sie hat sich eigentlich schon mit ihrem Platz weit unten abgefunden, doch die Begegnung mit einem Monster eröffnet ihr neue Möglichkeiten und lässt sie nach mehr streben. Ein spannender und mitreißender Auftaktband mit einem spektakulären Finale, das Vorfreude auf den zweiten Band schürt.
Pro & Contra
+ cooler Genremix aus Cyberpunk, Urban Fantasy und Space Opera
+ Jule ist supersympathisch und entwickelt sich enorm weiter
+ Mika und Kestrel mit ihren Gegensätzen und Geheimnissen
+ faszinierendes Magiekonzept
+ thematisiert auch alltägliche Probleme und Barrieren, auf die arme Menschen treffen
+ Kapitalismuskritik
+ Spice mit Consent und Respekt
+ schöne Gestaltung mit Illustrationen
- unangenehme Szenen bei den Reichen und Schönen
Wertung: ![]()
Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5
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