Interview mit Lina Thiede
Literatopia: Hallo Lina! In Deiner Dystopie „Manchmal weißt du, was geschehen wird“ scheint die Zeit der Krisen überwunden. Die Welt im 22. Jahrhundert sieht sich als gerecht und friedlich – doch wer zahlt den Preis für diesen „Frieden“?
Lina Thiede: Da muss ich aufpassen, dass ich nicht zu sehr spoilere – aber man kann sagen, dass alle, die nicht auf der Seite stehen, die von den Veränderungen betroffen ist, darunter leiden und infolgedessen in Abhängigkeit geraten. Darum geht es vorrangig im Roman: Abhängigkeit, Selbstaufgabe, Hunger.
Literatopia: Wie funktioniert die Ernährung mittels Nutritor:innen? Und wie leben diese Menschen zweiter Klasse?
Lina Thiede: Nutritor:innen sind Wesen, die für die autonome Ernährung der Menschen entwickelt wurden. Sie können mittels Photosynthese Energie produzieren und diese über eine an- und abkoppelbare Nabelschnur an den Menschen weitergeben. Theoretisch ist das eine von Landwirtschaft und Co unabhängige Nahrungsquelle. Diese Nutris sind den Menschen ansonsten sehr ähnlich. Was viele von ihnen ausmacht, ist ein starker Drang für andere zu sorgen. Der Roman wird aber zeigen, dass das nicht allzu lange anhalten kann, denn die Menschen tun auch hier, was sie oftmals tun: Sie geben der Gier nach Macht nach und die Welt gerät einmal mehr ins Ungleichgewicht.
Literatopia: Würdest Du uns Deine Protagonist*innen kurz vorstellen? Inwiefern sind ihre Schicksale miteinander verflochten?
Lina Thiede: Im Mittelpunkt der Geschichte steht zum einen Jester, ein Nutritor aus Edinburgh, der seine Familie verloren hat und Opfer von Missbrauch wurde. Zum anderen ist da Lucia, eine von Nutri-Ernährung abhängige Nabelschnurschmuck-Designerin aus Mailand, die unter ihrer skrupellosen Ehefrau Radwa leidet und sich nach Zuneigung sehnt. Und zuletzt ist da noch Salman, ein Familienvater und Selbstversorger aus Algerien, der sich neben seinen beiden Töchtern und seinen Schafen auch um seine Depressionen kümmern muss. Alle werden von einer Kette aus dramatischen Ereignissen (die ich hier nicht vorwegnehmen möchte) miteinander in Kontakt gebracht. Und alle müssen sich mit der Frage auseinandersetzen: Wie weit gehen wir, wenn wir hungern? Welche Grenzen würde ich dafür überschreiten?
Literatopia: Der Radiator-Verlag bezeichnet „Manchmal weißt du, was geschehen wird“ unter anderem als Climate Fiction. Wir hat sich in Deiner Zukunftsvision das Klima verändert bis ins 22. Jahrhundert?
Lina Thiede: Der Roman setzt sich mit einer möglichen Lösung der Klimakrise und deren Folgen für Gesellschaft und Individuum auseinander und ist in diesem Sinne eine Climate Fiction. Die Auswirkungen der Krise sind hier vor allem in Form von Extremwetter und damit verbundenen Missernten spürbar, also das, wovor uns die Wissenschaft schon lange warnt. Doch in diesem Zukunftsentwurf schafft es die Menschheit ja tatsächlich die Klimaziele einzuhalten und den Wandel durch die Einführung der Nutris aufzuhalten und scheitert dann an der nächsten Krise.
Literatopia: Auch Dein Roman „Homo Femininus “ ist eine Dystopie – eine ziemlich düstere, alternative Realität, in der 1969 der Aufstand der Frauen zur Gleichberechtigung brutal niedergeschlagen wurde und in der Männer nun gewaltvoll herrschen. Wie sieht der Alltag für Frauen in dieser erschreckenden Welt aus?
Lina Thiede: Hier wiederum sind die Frauen in verschiedene Kategorien eingeteilt: Alle gefallen und dienen den Männern, sind per Gesetz das niedere Geschlecht. Die Frauen müssen täglich Erniedrigung, Missbrauch, Gewalt und Angst ertragen.
Literatopia: Eine Kämpferin, eine Prostituierte und eine Leihmutter – Deine Protagonist*innen entstammen unterschiedlichen „Kasten“. Was verbindet die drei Frauen miteinander?
Lina Thiede: Ein Ereignis und die damit verbundenen Lebensentscheidungen krempeln den Alltag der Protagonistinnen um. Die drei Frauen beginnen einiges zu hinterfragen und sie alle stoßen an die Grenzen ihrer Lebenswelten. Und der Drang, diese Grenzen zu überwinden, verbindet alle drei auf unterschiedliche Weise miteinander und lässt sie – obwohl sie so unterschiedlich sind – zusammenarbeiten.
Literatopia: Du hast „Homo Femininus“ mit 19 Jahren geschrieben. Was hat Dich damals dazu inspiriert, eine für Frauen so finstere Zukunft zu entwerfen?
Lina Thiede: Ehrlich gesagt inspiriert da allein der Blick in die Zeitung oder in die Vergangenheit und ich glaube, jede Frau hat schon einmal die ein oder andere Form von Sexualisierung oder Diskriminierung erleiden müssen. Für meine Fantasie braucht es da nicht viel. Sobald ich einen Gedanken mit der großen Frage „Was wäre wenn?“ schmücke, die mich meistens beim Schreiben begleitet, kann ich wilde Szenarien entwerfen.
Literatopia: Welche Autor*innen würdest Du als Deine literarischen Vorbilder bezeichnen?
Lina Thiede: Zu viele!
Aber allen voran Margaret Atwood! Wie sie Welten und Szenarien und unfassbar geniale (und komplexe) Erzählstrukturen mit einem grandiosen Stil mischt, das fasziniert mich jedes Mal aufs Neue.
Und auch Mariana Leky hat mich maßgeblich beeinflusst. Sie wiederum mischt Humor und Leichtigkeit mit tiefen Familiengeschichten sowie magisch-realistischen Elementen. Ich bewundere diese Gratwanderungen sehr!
Literatopia: Du schreibst auch sogenannte „Oma-Texte“ – fließen darin persönliche Erfahrungen ein? Was zeichnet einen Oma-Text aus?
Lina Thiede: Die Oma-Texte sind autofiktionale Kurzgeschichten, die zu Beginn von meiner Oma und mir gehandelt haben. Aber irgendwann haben die Texte auch Einzug in mein restliches Leben gehalten. Sie beschäftigen sich mit Beziehungen, care-Arbeit und Geld verdienen und (mal wieder) mit dem Frausein – früher und heute. Darin steckt viel von mir, aber vieles ist frei erfunden!
Literatopia: Du bist Mitherausgeberin des Literaturblattes „Handjob“. Was hat der Titel in Bezug auf Literatur zu bedeuten? Und was findet sich alles in dem Magazin?
Lina Thiede: Richtig und wenn wir Zeit haben, erscheint vielleicht dieses Jahr endlich die dritte Ausgabe. Der Titel spielt auf die Literatur als Handwerk an. Unser Slogan lautet übrigens „Literature is a handjob.“ Schreiben ist harte Arbeit, es verlangt viel Übung und ob Bleistift, Kuli oder Tastatur – die Hände braucht es dazu. Im Zine findet sich alles: Prosa, Lyrik, Auszüge aus längeren Werken. Jedoch alles auf einem DIN A2 Blatt. Wir sind eben EIN Literaturblatt.
Literatopia: Zusammen mit Deiner Mitherausgeberin Julia Pfeifer hast Du 2023 auch das Kölner Frauen:zimmer, eine Schreibwerkstatt für FLINTA, organisiert. Was hast Du aus dieser Erfahrung für Dich mitgenommen? Und bräuchte es mehr literarische Angebote speziell für FLINTA?
Lina Thiede: Ach, das war so ein schönes Wochenende! Uns ging es da ums Miteinander, um das Vernetzen von schreibenden FLINTA in und um Köln und literarische Weiterentwicklung und genau das war es auch am Ende. Neben intensiver Textarbeit haben sich dort Freundschaften und Schreibbeziehungen geknüpft (wir sind auch immer noch alle in Kontakt). Mir hat das gezeigt, dass wir auf Augenhöhe besser zusammenarbeiten und dass wir gemeinsam immer mehr erreichen als allein. Die Angebote für FLINTA haben in den letzten Jahren zum Glück zugenommen, weil viele erkannt haben, dass wir einen safe space brauchen, um uns zu vernetzen und gegenseitig zu stärken.
Literatopia: Würdest Du uns abschließend verraten, woran Du gerade arbeitest? Wann wird es mehr von Dir zu lesen geben – und was?
Lina Thiede: Ich arbeite generell immer an den Oma-Texten und wünsche denen, dass sie endlich mal alle gemeinsam (und nicht in verschiedenen Literarturzeitschriften und Anthologien verteilt) veröffentlicht werden. Und weil es mich immer in die Anderen Welten zieht, arbeite ich aktuell an einer Story über eine Schicksalsweberin – ein wildes Misch-Ding (auch was die Gattung angeht) wird das! Aber es wird noch ein wenig dauern, bis es fertig ist.
Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!
Lina Thiede: Danke dir, liebe Judith!
Autorinnenfoto: Copyright by Kayla Meyer
Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.