Hendrik Thomsen (20.07.2025)

Interview mit Hendrik Thomsen

autoren portraet thomsen hendrikLiteratopia: Hallo, Hendrik! Kürzlich ist mit „Absturz“ der erste Band Deiner Cyberpunk-Reihe „Irrlicht“ erschienen. Was erwartet die Leser*innen in den Straßen von Xinjia II?

Hendrik Thomsen: Spannung und Träumerei, Angst und Liebe, Verzweiflung und Kampf, Freundschaft und Betrug, Hoffnung und Tod, Gangs, Hacker, Drohnen, Syndikate, Wissenschaftler, Spione, Hehler, Klone, Implantate, gepanzerte Polizisten, fliegende Autos, wandelnde Bomben und jede Menge Dritte-Welt-Probleme im Schatten einer Hightech-Gesellschaft.

„Irrlicht“ ist das Abenteuer von Trish, die sich eigentlich bloß wegträumen will aus ihrem bedeutungslosen Dasein in den Slums, und von Zac, der verzweifelt darauf hofft, ihr irgendwann ein „normales“ Leben ermöglichen zu können.

In „Absturz“ stolpern sie über einen wertvollen Datenkern, welcher der Schlüssel zu diesem Traum sein könnte. Statt des erhofften Geldes bringt er ihnen aber nichts als Ärger ein. Bereits bevor sie ihren Schwarzmarkt-Hehler erreichen, haben sie rücksichtslose Verfolger an den Hacken. Und dann erfahren sie, das die brisanten Daten auf dem Kern ausgerechnet etwas mit Trish zu tun haben…

Literatopia: Xinjia II klingt nach einer Stadt im zukünftigen China? Befinden wir uns in „Absturz“ in einer möglichen Zukunft unserer Realität oder in einer Alternativwelt? Und wie sieht das Leben der Menschen in Deiner Dystopie aus?

Hendrik Thomsen: Die Geschichte spielt in unserer Zukunft – einer sehr düsteren und in technologischer Hinsicht sicherlich übertriebenen Version davon, in der Kriege, Seuchen und Klimawandel die Welt verändert haben. So liegt die chinesische Hafenmetropole Xinjia II an einem Ort, der zur heutigen Zeit ein paar hundert Kilometer landeinwärts liegt. Die Außenbezirke gehen direkt in den Fringe über, einen schlammigen, verseuchten Küstenstreifen voller Ruinen, der häufig überschwemmt wird. Das Stadtzentrum ist bestimmt von gigantischen Wolkenkratzern, an deren Fundamenten Überbevölkerte Slums wachsen wie Schimmelpilze.

Die Gesellschaft ist gespalten: Wer nicht als braver Arbeiter und Konsument nach den Regeln spielt und sich damit abfindet, spätestens mit vierzig völlig ausgebrannt oder von giftigen Chemikalien und Schlafmangel zugrunde gerichtet worden zu sein, fällt aus dem System heraus und lebt von der Hand in den Mund, ohne Pflichten und ohne Rechte. Nicht wenige haben in der Hinsicht gar keine Wahl. Wer in Armut geboren ist, bleibt meist das ganze, kurze Leben arm.

Natürlich gibt es auch das Gegenteil. Ganz buchstäblich in den höchsten Etagen der Stadt sitzt die technokratische Elite der Gesellschaft, für die die Gesetze des kleinen Mannes nicht gelten und die den Status Quo nur allzu gern aufrechterhalten will.

Literatopia: Deine Protagonistin Trish ist eine sogenannte Orph – was bedeutet das? Warum ist sie als Orph ein Niemand?

Hendrik Thomsen: Trish und ihr Bruder Zac sind als Kinder aus einem Waisenhaus der Bloomchrest-Orphanage Kette geflohen. (Bloomchrest versorgt den Arbeitsmarkt zuverlässig mit äußerst günstigen Arbeitssklavenkräften und hat außerdem als Quelle hochwertiger Spenderorgane einen guten Stand im Medizinsektor.)

Der Willkür der Aufseher und Ärzte in der berüchtigten Anstalt zu entkommen, gelingt nur mithilfe eines Schleusers, dem man dafür natürlich etwas schuldig ist. Trish und Zac mussten für ihren 'Retter' jahrelang in einer Kinderbande auf Diebestour gehen, bis sie sich auch daraus befreien konnten. Obwohl einiges dazugehört, so etwas halbwegs unbeschadet durchzustehen, wird dieser unrühmliche Lebensweg auf der Straße nicht respektiert. Dort befinden sie sich am unteren Ende der Nahrungskette.

Literatopia: Erzähl uns mehr über Trish. Was treibt sie an? Wo liegen ihre Stärken und Schwächen?

Hendrik Thomsen: Trish hat genug davon, in der erbarmungslosen Welt von jedermann herumgeschubst zu werden. Sie lebt in den Tag hinein und nimmt mit, was sie kriegen kann, tanzt Nächte durch im *HAZE*-Club, nimmt Partydrogen, wacht jeden Morgen in einem anderen Bett auf und lässt sich nur selten bei ihrem Bruder blicken, mit dem sie auf dem Schrottplatz in einem alten Wohnmobil wohnt. Man könnte sagen, trotz allem Übel genießt sie das Leben und ist frei auf ihre Art, aber sie flieht auch vor der Realität. Ihre Unabhängigkeit ist gleichzeitig Stärke und Schwäche, denn sie entfremdet sich mehr und mehr von Zac, der sich ununterbrochen Sorgen um sie macht. Eine echte Stärke liegt vielleicht in ihrer speziellen Wahrnehmung, einer angeborenen, beinahe(?) übersinnlichen Form der Synästhesie. Allerdings nutzt sie diese nur, um ihren Erfolg als Taschendiebin zu erhöhen. Sie wehrt sich standhaft dagegen, sich als 'besonders' zu betrachten.

Cover Irrlicht Band 1 Absturz: zu sehen ist ein virtuelles Insekt vor einem dunklen Hintergrund mit ProgrammcodeLiteratopia: „Absturz“ beginnt mit Dreyfus, der gerade einen spektakulären Abgang hinlegt. Welche Rolle spielt er in der Story? Und würdest Du uns die anderen wichtigen Figuren kurz vorstellen?

Hendrik Thomsen: Durch Dreyfus gerät der besagte wertvolle Datenspeicher-Kern ins Spiel, welcher Trish und Zac später in die Hände fällt. Dreyfus hat viel riskiert, um ihn zu stehlen und noch mehr, um ihn seinen Auftraggebern vorzuenthalten. Er ist ein hochbegabter Hacker, ein übler, rücksichtsloser Dreckskerl und er will den Kern unbedingt zurück haben.

Zac ist eigentlich nur auf dem Papier des Bloomchrest Orphanage Trishs Bruder. Dennoch hat er sich mit Haut und Haaren ihrem Schutz verschrieben und dem Ziel, ihnen beiden irgendwann ein sicheres, 'bürgerliches' Leben zu ermöglichen, selbst wenn Trish davon wenig begeistert ist. Er wünschte, sie würde ihre Paranoia gegenüber dem CC-Implantat überwinden, ohne welches er nicht darauf hoffen kann, etwas Grundlegendes an ihren Lebensumständen zu verändern. Er spart, was er kann, um sich den Eingriff eines Tages leisten zu können.

Toby ist eine lokale Untergrund-Größe, an die sich die Geschwister mit ihrem Glücksfund wenden. Er ist aber viel mehr als nur ein Hehler und Informations-Dealer. Sein Nachtclub dient als Deckmantel für alle möglichen illegalen Geschäfte und ein weit verzweigtes Spionagenetzwerk. Toby hat zwielichtige Freunde, mächtige Feinde, und er hat für Zac und Trish vielleicht etwas mehr väterliche Gefühle, als er zugeben will.

Splice ist Tobys hauseigener Hacker und noch um einiges fähiger als Dreyfus. Laut Toby ist er nicht wirklich so widerlich, wie er bei der ersten Begegnung auf Trish wirkt. Er versteht sein Handwerk extrem gut und hilft ihr auch, das Geheimnis des Speicherkerns zu lüften, aber er verfolgt scheinbar auch eine ganz eigene Agenda.

S. Muhamadin und J. Jansen sind das visionäre Gespann an der Spitze des OCEAN Konzerns, welcher mit der Erfindung des CC-Implantats die Welt revolutioniert hat. Ein skrupelloser CEO und ein todkrankes Genie, die eine komplizierte Freundschaft verbindet und deren zentrale Rolle in der Geschichte sich im Verlauf der Serie erst nach und nach enthüllt.

Literatopia: Wie Du in der Leseprobe das Abtauchen ins Netz beschreibst, hat etwas Mystisches. Ist „Irrlicht“ reine SF oder teilweise auch Fantasy?

Hendrik Thomsen: Wenn man ein gutes Konzept von den inneren Abläufen hat, ist es Technologie, wenn man darüber nur stauen kann, ist es Magie - um A. C. Clarke's drittes Gesetz mal etwas zu verwursten.

Ich habe mich gefragt, wie es sich wohl anfühlt, mit der digitalen Welt zu interagieren, wenn sich das Interface von Maus, Tastatur oder Touchscreen ins Innere des Gehirns verlagert. Wenn der eigentliche Programmcode zu etwas Unterbewusstem wird, das der Verstand ohne großes Nachdenken interpretiert. Könnte man den Unterschied zwischen Gedanken, Gefühlen und Computerbefehlen dann überhaupt wahrnehmen?

Auch ist in meiner Erzählwelt die Datensicherheit durch Quantenkryptografie revolutioniert worden: Kein System lässt sich mehr nur aufgrund überlegener Programmierkenntnisse knacken. Ein Hacker braucht stattdessen eine geheimnisvolle Fähigkeit: Das Gespür, Zufallszahlen und Wahrscheinlichkeiten zu erraten, und vielleicht sogar zu manipulieren. Dabei geht es mehr um Traumzustände, Meditation, Quantenverschränkung und das sogenannte 'SYNC' - eine Verbindung zur Welt der Bedeutung hinter den Zahlen.

Das SYNC ist in "Irrlicht" gleichzeitig Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion und quasi-religiöser Verehrung. Es ist also gewissermaßen eine Frage des Blickwinkels, ob es sich noch um Science Fiction oder teilweise schon um Fantasy handelt.

Literatopia: Der Klappentext klingt nach jeder Menge Cyberpunk-Klischees, die bei Genrefans durchaus erwünscht sind. Oftmals gilt „style over substance“ – wie viel Stil und wie viel Substanz hat Dein Roman?

Hendrik Thomsen: Ha, erwischt! Auch wenn ich versuche, ihnen jeweils meinen eigenen Spin zu geben, bediene ich alle möglichen gängigen Cyberpunk Tropes, vor allem und zuerst, weil mir diese coole, dreckige Form von Science Fiction ganz einfach Spaß macht. Trotzdem - "style over substance", dem kann ich nichts abgewinnen. Wenn der ganze Unterhaltungsfaktor darin läge, möglichst viele Klischees abzuhaken, würde es ziemlich schnell langweilig werden. Das Genre mit seinen Konventionen ist ja doch nur die Leinwand, auf der eine hoffentlich spannende Geschichte gezeichnet wird, und die sollte ein Rahmen für interessante Figuren sein, mit glaubwürdigen Emotionen und Beziehungen. Ich will auf jeder dieser Ebenen etwas erleben. Ich mag weder einseitige, stumpfe Action noch pure Charakterstudien oder tollen Weltenbau, in dem aber nicht viel geschieht. Die Balance muss stimmen, damit sich die Erzählwelt lebendig anfühlt und die Erlebnisse der Figuren darin (auch emotional) Bedeutung haben.

Die Art, auf die sich die geschwisterliche Hassliebe zwischen Trish und Zac entwickelt, ist also für die Leser*innen hoffentlich ebenso interessant wie die technologischen Tricks, mit denen Dreyfus die Sicherheitskräfte von Pin-Shan Intertransport ausmanövriert.

Literatopia: Was reizt Dich persönlich an Cyberpunk? Und wie hat sich das Genre seit „Neuromancer“ aus Deiner Sicht verändert?

Hendrik Thomsen: In jüngerer Zeit liegt mein Fokus auf den eher philosophischen Fragen des Cyberpunk. Wie wirkt sich die Verschiebung der Grenzen zwischen dem handelnden Individuum und seinen Werkzeugen aus, wo beginnt die Verschmelzung des Menschen mit der Maschine / des Gehirns mit dem Netzwerk, und was entsteht dadurch? Das sind schon irgendwie beunruhigende und existenzielle Fragen, die von dem postmodernen Nihilismus genährt werden, aus dem Cyberpunk gewissermaßen geboren wurde. Seit den Anfängen in den Achtzigern war ein Hauptthema des Cyberpunk auch der tägliche Überlebenskampf der Underdogs und Normalbürger in einer fortschrittsverliebten Gesellschaft, die von der Gier reicher Eliten angetrieben wird und in der es keinen tieferen Sinn im Leben gibt.

Cyberpunk hat eine gewisse dreckige Ehrlichkeit, zeigt plakativ die negativen Aspekte des Kapitalismus auf, die uns mehr und mehr betreffen. Was früher eine düstere, systemkritische Zukunftsvision war, welche die damals noch halbwegs frischen Tendenzen der Hyper- Kommerzialisierung, des Thatcher & Reagan-schen Neoliberalismus und der globalen Monopolisierung überspitzt dargestellt hat, ist heute im Prinzip ja schon Realität. Die Allgegenwart des Internets, die Säkularisation und Kommodifizierung sämtlicher Aspekte des Lebens, die Entfremdung von der Natur, die Wahrnehmung des eigenen Körpers als Maschine, die gewartet und stetig optimiert werden muss …

Die dem Cyberpunk innewohnende Warnung ist inzwischen so oft ertönt und ignoriert worden, dass sie vielleicht selbst zum Klischee geworden ist. Allerdings gibt es auch eine Diversifizierung und Internationalisierung des Genres.

Ein häufiger Kritikpunkt war ja früher, dass Cyberpunk viele Probleme der Gesellschaft, die er kritisiert, selbst in sich trägt. Die Hauptfiguren waren meist weiße, männliche Einzelgänger und die Welt außerhalb des Amerikanischen 'Westens' wurde kaum oder nur klischeehaft erwähnt. Das scheint sich zu verändern. Es gab zwar schon immer auch japanische Einflüsse und Varianten, aber erst in den letzten Jahren habe ich auch mal brasilianischen, russischen und afrikanischen Cyberpunk gesehen. Es ist schön zu sehen, wenn sich ein totgesagtes Genre doch immer wieder neu erfindet und weiterentwickelt. Die Thematik ist und bleibt ja auch aktuell.

Literatopia: Wie bist Du zum Schreiben gekommen? Und wie lange hast Du an „Irrlicht“ gearbeitet, ehe es reif zur Veröffentlichung war?

Hendrik Thomsen: Ich war schon als Jugendlicher eher der Typ "Kreativer Spinner", der, anstatt fürs Abi zu lernen, lieber an der dadaistischen Fotostory der Schülerzeitung gearbeitet und die Wochenenden lieber mit Dungeons & Dragons verbracht hat statt mit Fußball & Disko.

Auch in Romanform habe ich Science Fiction und Fantasy verschlungen, aber vor allem liebte ich das Rollenspiel. Die Mischung aus kreativem Schreiben, Taktik und Improvisationstheater, das Eintauchen und Abtauchen, das Ausleben von Ideen und Lebensentwürfen, die nicht nur für einen introvertierten Outsider mit eigentümlichen Humor in der Realität unmöglich schienen, war in meiner Jugend extrem wichtig. Ich habe Welten, Figuren und Abenteuer erschaffen, habe viel geschrieben, aber niemandem gezeigt. Wahrscheinlich hätte ich meine Kreativität wahnsinnig gerne irgendwann zum Beruf gemacht, aber ich sollte was "Vernünftiges" lernen. Und dann schob sich auch schon das echte Leben dazwischen. Zwei abgebrochene Studien, Umzüge, Arbeitssuche und Arbeitswechsel, Kinderkram und Erwachsenenkram und irgendwann lief ich im Hamsterrad und kam nur noch auf Netflix mit fremden Welten in Kontakt.

2017 packte mich die Idee, die alte Rollenspielrunde irgendwie wieder aufleben lassen. Die alten Freunde waren leicht zu überzeugen. Aus Distanzgründen lief die Runde erst über Textnachrichten. Natürlich gibt es schon lange Cyberpunk-spiele, mit fertiger Welt und Regeln, aber ich wollte lieber etwas ganz eigenes entwickeln. Und das war ein Dammbruch. Die Ideensammlung wuchs und wuchs und die Geschichte nahm immer mehr Form an, in meinem Kopf wuchs eine ganze Welt - und dann wurden wir alle wieder vom Alltag eingeholt und das Abenteuer musste warten. Und warten. Irgendwann habe ich dann eingesehen, dass sich das Ganze vielleicht besser für ein Buch eignet und habe einfach angefangen, es aufzuschreiben.

Ich hatte zuerst gar keine Pläne für eine Veröffentlichung und auch noch keine wirkliche Ahnung vom Handwerk, also habe ich mir Ratgeber, Foren und Workshops angeguckt, habe gelernt, dass es nicht ganz so einfach ist, aber dass ich auch nicht alles falsch gemacht hatte. Und als mir mein Talent klar wurde, hat mich der Ehrgeiz gepackt. Ich habe alles zweimal komplett neu geschrieben bis es sich rund anfühlte. Dann habe ich es in mehrere Teile gegliedert. Das bisherige Material wird wohl bis Band vier reichen, wo es einen ersten Abschluss gibt.

Man könnte also sagen, die Arbeit an "Irrlicht" hat bisher neun Jahre gedauert, wobei es auch Pausen gab und es zwei mal eine ganz neue Geschichte geworden ist.

Während jetzt die ersten Bände nach und nach herauskommen, schreibe ich an der Fortsetzung, die wahrscheinlich noch zwei mal vier Bände umfassend wird. Diesmal ist der Prozess aber ganz anders, so das es höchstwahrscheinlich nicht wieder neun Jahre dauern wird ;) .

Cover Irrlicht Band 2 Freier Fall: zu sehen ist ein virtuelles Telefon in hellem blau vor dunklem Hintergrund mit ProgrammcodeLiteratopia: Du veröffentlichst Deine Cyberpunk-Serie im Selfpublishing – warum hast Du Dich für diesen Weg entschieden?

Hendrik Thomsen: Nicht ganz freiwillig, ehrlich gesagt. Ich hatte mich erst an diverse Verlage gewandt, aber leider blieb die Suche erfolglos. Das Selfpublishing ist mein Plan B, der heutzutage zum Glück relativ zugänglich ist. Auch wenn es bedeutet, dass ich das Lektorat bezahlen und mich um das Marketing selber kümmern muss, gefällt es mir ganz gut, dass ich alle Freiheiten habe, was Design, Veröffentlichungstermine usw. angeht. Möglicherweise bewerbe ich mich im Laufe der Zeit nochmal, wenn die Serie ein paar veröffentlichte Bände aufzuweisen hat und es eine gewisse Leserschaft gibt.

Literatopia: Deine Romane entstehen zwischen „Mikrocontrollern, esoterischen Programmiersprachen, alternativen Betriebssystemen und 3D-Druckern“ – was sind denn esoterische Programmiersprachen? Und inwiefern ziehst Du aus Deinem Berufsalltag Inspiration für Dein Schreiben?

Hendrik Thomsen: Wenn ich in einer Geschichte über ein technisches Problem stolpere, dass auf völlig unrealistische Weise gelöst wird, reißt mich das immer raus. Ein entsprechender Hintergrund ist da schon sehr hilfreich, einigermaßen glaubwürdiges Techno-Babble zu schreiben. Mein Berufsalltag ist zwar schön technisch, aber leider nicht sehr kreativ. Mit den meisten dieser Dinge beschäftige ich mich noch mehr privat als beruflich. Kleine, manchmal nur dekorative, aber auch funktionale Maschinen zu entwerfen, zu drucken und zu programmieren ist eins meiner Hobbys, alte Computer mit alternativen Betriebssystemen neues Leben einzuhauchen ist ein weiteres und mit esoterischen Programmiersprachen beschäftige ich mich, weil ich sie unglaublich spannend und lustig finde. Kurz gesagt sind das besondere Programmiersprachen, die sich als Kunst, Witz oder Experiment verstehen, oder auch einfach nur als Beweis dafür, dass etwas möglich ist. Sie sind nicht sonderlich zugänglich, sondern im Gegenteil absichtlich unübersichtlich, kompliziert oder irgendwie anderweitig verrückt. Zum Beispiel gibt es welche, deren Befehle nur einzelne Buchstaben sind, welche, die sich wie Shakespeare-Stücke lesen oder wie Kochrezepte, sogar welche, die nicht aus Text bestehen, sondern aussehen wie Bilder von Piet Mondrian. Aber man kann mit jeder davon tatsächlich funktionierende Programme schreiben. Ich empfehle dieses Rabbit-Hole jedem, der kein Problem damit hat, sich stundenlang durch Wikipedia zu klicken.

Das gehört für mich alles in den Dunstkreis des Cyberpunk, da es damit zu tun hat, Technologie für ungewöhnliche oder neue Aufgaben einzusetzen und sich Fähigkeiten anzueignen, die der Normalbürger eher nur Profis zutraut. Ich repariere z.B. auch leidenschaftlich gerne Elektrogräte selbst, da liegt eine große Befriedigung drin. Es geht darum, Kompetenzen zurückzuerobern und sich handlungsfähig zu fühlen. Meine Protagonisten müssen alle Möglichkeiten, die ihre Welt ihnen bietet, ergreifen, ohne auf Erlaubnis zu warten und nutzen, was auch immer ihnen zur Verfügung steht, um zu überleben.

Literatopia: Deine Geschichten enthalten eine „unerschütterliche Hoffnung“ – wie schaffst Du es, Hoffnung in der Dystopie (auch in Anbetracht der multiplen Krisen unserer Wirklichkeit) zu finden?

Hendrik Thomsen: Die Art Hoffnung, die ich damit meine, ist vielleicht nicht im ersten Augenblick ersichtlich, da es für meine Figuren die meiste Zeit über immer nur bergab geht. Eigentlich kommen sie ständig nur vom Regen in die Traufe und echter Trost ist in ihrer Welt ein rares Gut. Aber – sie geben nie vollständig auf. Immer geht es für sie irgendwie weiter, wenn auch anders, als gedacht.

Das klingt vielleicht etwas kitschig und nicht nach besonders viel, aber in dieser nihilistischen Idee der Cyberpunk-Dystopie, in der nichts mehr heilig und alles käuflich ist, in der das Leben keinen Sinn zu haben scheint, machen mir die Menschen Hoffnung, die darunter leiden. Allein schon in diesem Leiden zeigt sich ja, dass ihnen noch nicht alles egal ist, dass sie sich etwas Besseres wünschen. In schweren Zeiten rücken Menschen zusammen, unterstützen einander, finden neue Wege, wenn sich die bisherigen als Sackgasse erwiesen haben. Manchmal finden sich ungeahnte Communities von Menschen mit den gleichen Schwierigkeiten und Sehnsüchten, manchmal zeigt sich, dass man nicht allein in der Unterdrückung ist. Und manchmal muss man auch erst ganz unten angekommen sein, um Illusionen loszulassen, die man sich gemacht hat. Dann wird etwas Neues möglich. Vielleicht war die eigene Ohnmacht auch eine Illusion.

Literatopia: Würdest Du uns abschließend einen kleinen Ausblick auf den zweiten Band von „Irrlicht“ geben, der im Herbst erscheint? Werden wir Trish wiedersehen?

Hendrik Thomsen: Ja, Trish bleibt eine der Hauptfiguren der Serie und ihr Abenteuer hat ja gerade erst angefangen. Vor kurzem habe ich einen ersten Entwurf für den Klappentext von Band 2 geschrieben. Wer keine Spoiler scheut, kann hier einen Blick darauf werfen:

"Xinjia IIs Straßen sind für Trish und Zac zu gefährlich geworden. Im Safehouse von Toby fällt ihnen die Decke auf den Kopf: Ihre Zukunft liegt in den Händen des Hehlers und der letzte Kontakt ist viele Stunden her. Als der Druck unerträglich wird, bricht Zac die Nachrichtensperre. Er forscht nach und erlebt einen Schock: Tobys Laden steht in Flammen." Der Titel von Band 2 wird „Freier Fall“ sein, denn es geht abwärts.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!


Autorenfoto: Copyright by Hendrik Thomsen

Website: https://hendrikthomsen.de


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.