Interview mit Lena Hoogen
Literatopia: Hallo, Lena! Kürzlich ist im Weltenbaum-Verlag Dein queerer Cyberpunk-Roman "netSick - Drowning" erschienen. Was erwartet die Leser*innen in der Stadt der Lichter Canton Capital?
Lena Hoogen: Eine auf den ersten Blick womöglich ungewöhnliche Mischung: Es gibt auf der einen Seite eine actionreiche Handlung, da die Stadt ohne Regeln unseren Protagonisten vor so manche Herausforderung stellt. Auf der anderen Seite entwickelt sich jedoch auch eine Liebesgeschichte mit ihren eigenen speziellen Herausforderungen. Zusammengefasst wurde das unter dem Genre „Cyberpunk Romancethrill“.
Literatopia: „netSick“ spielt im Jahr 2093 – in unserer Welt? Aus welcher Stadt ist Canton Capital entstanden? Und wie wirkt sich die Klimakrise auf das Leben in der Megacity aus?
Lena Hoogen: Es ist eine fiktive Zukunft, die auf unserer Welt basiert, sich aber vom Technologischen von unserer Unterscheidet. Obwohl ich mir schon vorstellen kann, dass wir 2093 in einem ähnlichen Szenario leben könnten, wenn wir nicht aufpassen. Typisch für das Cyberpunk-Genre sind die Körpermodifikationen, mit denen man sich von praktischen Kleinigkeiten, wie verbesserter Sicht bis hin zu einem zweiten Paar Arme alles ermöglichen kann.
Canton Captial basiert auf der Stadt Hangzhou in China, die Bevölkerung ist jedoch zu dem Zeitpunkt aus der ganzen Welt dort versammelt. Dort leben etwa 42 Millionen Menschen. Durch die Jahrzehnte lange Ausbeutung und Vernachlässigung des Planeten gibt es nur noch wenige Megacitys und die Natur ist nutzloses Brachland. So ballt sich alles auf einem recht kleinen Raum, und die Hochhäuser ragen so weit in die Höhe, dass zwischen ihnen schon wieder neue Etagen der Stadt entstehen.
Literatopia: Dein Protagonist Rho tut alles dafür, um die Medikamente für seine Schwester Clover bezahlen zu können. Gibt es auch etwas, das er nicht tun würde? Was ist er für Mensch?
Lena Hoogen: Er erhält zwar Aufträge eines gefährlichen Gang-Bosses, würde aber niemals einer beitreten. Tatsächlich versucht Rho sich auch von Schusswaffen fernzuhalten, obwohl Schießereien auf den Straßen der Stadt keine Seltenheit sind. Dann rennt er lieber mit seinen modifizierten Beinen davon. Er ist Einzelgänger und will so unabhängig wie möglich bleiben. Rho ist ein Macher und weniger ein Denker. Seine vorlaute Klappe hat ihm schon so manche Schwierigkeit beschert – und wird es auch weiterhin. Da Clover alles ist, was von seiner Familie geblieben ist, bedeutet sie ihm mehr als sein eigenes Leben. Das harte Leben in CC hat seine Spuren an Rho hinterlassen.
Literatopia: Was ist das für ein Spiel, in dem Clover gefangen ist?
Lena Hoogen: Es ist ein bisschen wie alle Spiele in einem vereint. Es ist ein interaktiver Spielplatz, den man mitgestalten kann. Und das alles in einem selbstgestalteten VR-Avatar, den man über die Handschuhe steuert. Manche nutzen es nur als Ort, um Freunde von der anderen Seite der Welt zu treffen. Andere gehen auf Abenteuer in Fantasywelten. Es gibt Online-Rennen von verschiedensten Gefährten. Man kann die Welt von früher bis hin zu Tieren in der Simulation erkunden. Und Dank Sona Dayholt erlebt man dies alles in 4-VR, die auch die Sinne anspricht. Es ist jedoch nur eine Simulation dieser Empfindungen, die über die Elektroden am Kopfriemen auf das Hirn übertragen wird.
Literatopia: Wer ist Orion? Wie lernt Rho ihn kennen? Und was fasziniert ihn an Orion?
Lena Hoogen: Orion ist der einzige Sohn von Sona Dayholt. Er ist sehr behütet aufgewachsen, denn die Menschheit weiß kaum etwas über seine Kindheit. Die Frage nach seinem Vater hat Sona nie beantwortet. Er studiert derzeit Businessmanagement, um in Sonas Imperium einzusteigen.
Er erpresst Rho, nachdem dieser für einen Auftrag in Sonas Wohnung eingebrochen ist. Orion bittet Rho einen verschwundenen Freund für ihn zu suchen. Und bei ihrem ersten Aufeinandertreffen merkt Rho schnell, dass die Fassade, die Orion in der Öffentlichkeit trägt, nur Show ist. Am meisten fasziniert Rho Orions Gelassenheit – was er vermutlich seinem wohlhabenden Status zuschreibt. Aber Orion verbirgt noch ein weiteres Geheimnis …
Literatopia: Was reizt Dich an queeren Liebesgeschichten? Und wie passt Romance zu Cyberpunk?
Lena Hoogen: Sie fühlen sich für mich einfach richtiger an. In meiner ursprünglichen Idee vor fünf Jahren war Orions Figur zu Anfang sogar weiblich. Aber das hat sich irgendwie nicht richtig angefühlt. Außerdem gibt es schon genügend heteronormative Geschichten in unseren Regalen. Es wird Zeit die Welt ein bisschen bunter zu machen.
Zu Cyberpunk scheint es auf den ersten Blick zwar konträr, aber im Grunde hat das Genrebegründende Werk „Neuromancer“ von William Gibson das Thema bereits im Titel. Es geht auch um das Suchen der Liebe in einer Welt, die teils gänzlich im Cyberspace stattfindet.
Literatopia: Was fasziniert Dich persönlich an Science Fiction? Welche Werke haben Dich dafür begeistert?
Lena Hoogen: Ich war immer sehr technikinteressiert und ich lerne sie recht intuitiv. Und mich fasziniert der Gedanke, wohin das, was wir mit unseren eigenen Händen erschaffen können, sich in einigen Jahren – Jahrzehnten, Jahrhunderten – entwickeln wird. Die Symbiose oder der Kampf von Mensch und Maschine.
Was mich nachhaltig für das Genre faszinieren konnte, waren die Illuminae-Akten von Jay Kristoff und Amie Kaufman. Und ich lese sonst kein Space Opera. Ansonsten war tatsächlich ein Computerspiel eine große Inspiration: „Oberserver“ vom polnischen Entwickler Blooberteam, in dem man durch ein heruntergekommenes Wohnhaus in einem Cyberpunk-Setting wandert.
Literatopia: Du hast das Schreiben lange aus Deinem Leben verbannt, konntest aber nie ganz damit aufhören - warum nicht? Was treibt Dich immer wieder dazu, Geschichten zu schreiben?
Lena Hoogen: Vor allem die Charaktere, die mir so lang ins Ohr flüstern, bis ich sie endlich aufschreibe. Und ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Es gab einen Wendepunkt in meinem Leben – ironischerweise genau zu Corona – und mit dem habe ich mir endlich eingestanden, was ich wirklich will. Und nicht, was die anderen vielleicht darüber denken. Davor habe ich heimlich geschrieben. Wenn niemand in der Nähe war. Nur ein paar Freundinnen haben es gelesen. Ich hatte immer das Gefühl, dass Menschen es kleinreden würden.
Seitdem gebe ich den Geschichten den Platz in meinem Leben, den sie verdienen. Und wie es scheint, wollen sie auch nicht weniger werden. Auch wenn das Genre immer wieder wechselt.
Literatopia: Deine ersten Romane hast Du im Selfpublishing veröffentlicht. Wie war die Erfahrung für Dich? Was war positiv - und was vielleicht negativ?
Lena Hoogen: Die Entscheidung ist mir definitiv nicht leichtgefallen, da ich ein ziemlicher Angsthase bin, aber da „Whispering Walls“ ein genauso seltsamer Genremix wie „netSick“ ist, war mir von vornherein klar, dass es so gut wie unmöglich ist, einen Verlag dafür zu finden. Und ich habe dadurch so vieles gelernt und meine Leidenschaft für den Buchsatz entdeckt. Es ist Fluch und Segen zugleich, wenn man alles selbst entscheiden muss, das kann ich bestätigen. Das einzig Negative sind leider die dazugehörigen Aufgaben wie Marketing und Social Media, was neben dem Brotjob und dem Schreiben viel Kraft kostet.
Literatopia: Wann ist für Dich die beste Zeit zum Schreiben? Setzt Du Dich schon früh morgens an den Schreibtisch oder tippst Du lieber die Nächte durch?
Lena Hoogen: Ich komme abends nach Hause und nach dem Essen versinke ich dann in meinem aktuellen Schreibprojekt. Ich bin also keine schnelle Schreiberin – meistens sind es nur ein paar hundert Worte – aber eine konsistente. Und die Wochenenden gehören dann auch dem Projekt. Oder ich verbringe sie auch gern gemeinsam mit meinen Freundinnen im Café.
Literatopia: Woraus ziehst Du Inspiration für Deine Geschichten? Hörst Du beispielsweise Musik beim Schreiben?
Lena Hoogen: Ja, Musik ist bei mir sehr wichtig. Vor allem bei „netSick“ trägt die Musik mich sofort auf die Straßen von CC. Die Playlists von meinen Büchern findet man bei Spotify. Meistens hat mein Projekt erst ein Notizbuch, dann eine Pinnwand, also eine Art Moodboard, dann die Playlist. Und dann kann es losgehen. Aber Inspiration ziehe ich aus allem Möglichen. Manchmal ein Bild, ein Song oder auch nur ein Zitat. Oder ein Gefühl, dass ich hatte, als ich ein bestimmtes Buch gelesen habe.
Literatopia: Würdest Du uns abschließend einen kleinen Ausblick auf zukünftige Veröffentlichungen geben? Wie wird es mit Rho und Orion weitergehen? Und arbeitest Du vielleicht schon an etwas Neuem?
Lena Hoogen: Mit Rho und Orion geht es am 10. Juli 2026 weiter. Dann erscheint der Abschlussband der Dilogie – der noch einmal um einiges fesselnder wird. Es sind schließlich noch so viele unbeantwortete Fragen am Ende des ersten Bandes. Und es wird sogar zwei POV geben. Dann kommt Orion auch endlich zu Wort.
Dann wird tatsächlich dieses Jahr noch ein weiteres Buch von mir im Valmis Verlag erscheinen, der dieses Jahr neu gegründet wurde. Der Titel ist zwar noch geheim, aber ich kann schon verraten, dass es sich mit Träumen und Ablträumen befasst und ein Einzelband ist.
Daneben habe ich noch ein weiteres Projekt, über das ist hoffentlich bald mehr erzählen darf, aber leider noch nichts Offizielles. Und so viele Ideen und so wenig Zeit. Das ewige Problem.
Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!
Lena Hoogen: Sehr sehr gern.
Autorinnenfoto: Copyright by Lena Hoogen
Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.